Für Simone Ziermann bietet die Arbeit von Umweltteams in den Ortsgemeinden Chancen für die Kirchen- und Gemeindeentwicklung. Das liegt u.a. daran, dass in der Umweltarbeit die verschiedenen Dimensionen von Kirche organisch ineinandergreifen. Das Modell der „Kirche als Hybrid“ von Uta Pohl-Patalong und Eberhard Hauschildt ist dabei hilfreich, um diese Dimensionen und ihr Wechselspiel wahrzunehmen und zu gestalten.

 

These und Ausgangspunkt

Landauf landab engagieren sich zahlreiche Menschen in den Umweltteams ihrer Ortsgemeinden. Ihre Arbeit bietet vielerlei Chancen für die Kirchen- und Gemeindeentwicklung, denn am Beispiel der Umweltarbeit lässt sich exemplarisch1 durchbuchstabieren, wie die Kirche gewinnbringend als „Hybrid“ verstanden und gestaltet werden kann. Das Ergebnis ist im Idealfall eine positive Entwicklung im qualitativen Sinn, und zwar sowohl für die betreffende Gruppe wie auch für die Gemeinde als Ganzes: neue Impulse für das Miteinander, geistlich-theologische Vertiefung etc. – quantitatives Wachstum kann damit einhergehen, muss aber nicht.

Diesen Überlegungen möchte ich im Folgenden nachgehen. Ich stelle dabei zunächst das Modell „Kirche als Hybrid“ kurz vor, beschreibe anschließend, wie sich die Umweltteams im Horizont von „Gruppe“, „Organisation“ und „Institution“ verorten lassen und fasse zusammen, welche konkreten Chancen ich jeweils für die Kirchen- und Gemeindeentwicklung sehe.

Anlass und Ausgangspunkt der Darstellung ist eine explorative Studie zur kirchlichen Umweltarbeit in den Ortsgemeinden, die ich mit Studierenden an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau durchgeführt habe. Dabei wurden qualitative Leitfadeninterviews mit Umweltengagierten durchgeführt, paraphrasiert und ausgewertet.2 Diesen Paraphrasen sind die folgenden Interviewpassagen entnommen und darauf sind die Belegstellen in den Fußnoten bezogen.

 

Die Kirche als Hybrid

Der Gedanke, Kirche als Hybrid zu verstehen, ist vielleicht der wichtigste kirchentheoretische Impuls der letzten Jahre. Uta Pohl-Patalong und Eberhard Hauschildt gehen davon aus, dass Kirche drei Dimensionen hat: die Ebene der Organisation, der Institution und der Gruppe/der charismatischen Bewegung.

„Ur-Impuls“ der Kirche ist die Bewegung: Menschen sehen sich ganz bewusst in der Nachfolge Jesu und wissen sich von Gott beauftragt. Sie wollen aus dem Glauben heraus aktiv die Welt mitgestalten und am Reich Gottes mitbauen.3 Die Dimension der Bewegung manifestiert sich vor allem in den verschiedenen kirchlichen Gruppen.

Erfolgreiche Gruppen entwickeln nach und nach Strukturen einer Institution.4 Als Institution hat die Kirche die Aufgabe und den Selbstanspruch, integrale Funktion für die Gesellschaft als Ganzes zu übernehmen.5 Die Dimension der Institution verbindet sich traditionell mit dem Begriff der „Volkskirche“ – so unterschiedlich man diesen gegenwärtig auch verstehen und bewerten mag.6 „Institution“ in diesem Sinn ist also keineswegs mit „Landeskirche“ o.ä. identisch. Auch in den Ortsgemeinden ist Kirche als Institution präsent, z.B. weil sie Kirche für viele sein will, den religiösen Sektor vor Ort „abdeckt“ u.ä.

Bei all dem ist Kirche auch Organisation: Im Raum der Kirche hat man es mit bestimmten Prozessen und Strukturen zu tun, die möglichst reibungslos und professionell gestaltet sein wollen, damit sprichwörtlich der „Laden läuft“.7

Diese drei Dimensionen stehen teilweise in Spannung zueinander8 und dennoch sind da, wo „Kirche“ ist, immer alle drei Logiken präsent und notwendig.9 Der Versuch, sich ganz auf eine Dimension zu konzentrieren, führt zu Schieflagen10, und so führt kein Weg daran vorbei, das Wechselspiel der Dimensionen immer wieder auszutarieren.11

Wie bei einem Hybrid-Auto kommt es also darauf an, im richtigen Moment in den richtigen Antrieb zu schalten.12 Je besser der dynamische Wechsel funktioniert, desto besser kommt man voran: „Elektroantriebsmotor für die kleinen Strecken, Verbrennungsmotor für die großen. Was zunächst so seltsam wirkt – sich in einem Auto zwei unterschiedliche Antriebssysteme nebeneinander zu leisten –, erweist sich in der Praxis als sinnvoll.“13

 

Kirchliche Umweltteams als Gruppe und als Bewegung

Die Umweltteams vor Ort sind in dem Modell von Pohl-Patalong/Hauschildt ein typisches Beispiel für eine kirchliche Gruppe, genauer gesagt eine „Bewegung“, die in der Sozialform der Gruppe auftritt.14 Bei den verschiedenen Typen, die Hauschildt und Pohl-Patalong innerhalb der „Gruppen“ unterscheiden,15 sind sie typische „alternative kirchliche Gruppe[n]“16, die sich dadurch auszeichnen, dass Menschen sich durch den Glauben zum konkreten, zivilgesellschaftlichen Handeln motivieren lassen.17 Der „Antrieb“ für die Bewegung und der Ruf in die Nachfolge ist in diesem Fall der Auftrag zur „Bewahrung der Schöpfung“.18 So formuliert ein Interviewpartner, der viele Jahre in der Umweltarbeit engagiert war:

Pm3/4: Das heißt, wenn wir die Bewahrung der Schöpfung predigen, dann reicht es eben nicht, nur darüber zu reden, sondern wir müssen authentisch sein. Das, was wir predigen, muss in unserem Leben verankert sein und wir müssen danach handeln. Das ist für mich eine Motivation gewesen.19

Mit dieser Grundorientierung stehen die Umweltteams zugleich für eine „Öffnung der Kirche nach außen“.20 Immer wieder wird in den Gesprächen betont, dass man sich als Akteur im Sozialraum versteht, und dementsprechend rege sind die Kooperationen mit Verbänden, Schulen und politischen Akteuren.21 Mit der Öffentlichkeitsarbeit, die von vielen Umweltteams ganz gezielt angegangen wird,22 können sie vor diesem Hintergrund „überproportional viel Aufmerksamkeit im öffentlichen Diskurs erlangen.“23 Wie intensiv das Etikett „Kirche“ dabei als Identitätsmarker genutzt werden soll, darüber finden sich in den (Experten-)Gesprächen unterschiedliche Auffassungen – auch das ist typisch für Gruppen dieser Art.24 Klar ist aber, dass die Mitarbeit in den Umweltteams eine niederschwellige Angelegenheit ist und sein soll, die keine besondere Kirchenbindung voraussetzt.25

Auf den ersten Blick scheint die Einordnung der Umweltteams als kirchliche Gruppe, die sich einem bestimmten zivilgesellschaftlichen Anliegen widmet, also prototypisch zu sein. Spätestens auf den zweiten Blick teilen die Umweltteams aber auch Anliegen von anderen Gruppentypen. Auffällig ist vor allem die große Affinität zu geistlichen Formaten aller Art: Gebetsnächte, Andachten, Freilichtgottesdienste, klassisch oder eventartig26 – hier scheinen den Möglichkeiten kaum Grenzen gesetzt zu sein. Damit ergibt sich eine große (potentielle) Schnittmenge zu Gruppen mit „direktem Religionsbezug“27, wie z.B. Gottesdienstvorbereitungsteams, aber auch Chöre und Gebetskreise.

Mehrere Interviewpassagen zeigen außerdem, dass Umweltteams auch zum dritten Typ von „Gruppe“ Berührungspunkte haben, nämlich zur „geselligen Gemeinschaft“.28 Gemeinsame Aktionen und Erlebnisse rund um den Umwelt- und Klimaschutz stiften unkompliziert Gemeinschaft und wirken mitunter „ungemein teambildend“.29

 

â–ºErtrag

Umweltteams sind ein typisches Beispiel für zivilgesellschaftliches Engagement im Raum der Kirche. Sie können ein wichtiger Faktor sein, um die Ortsgemeinden im Sozialraum zu vernetzen und sichtbar zu machen, dabei eröffnen sie einen niederschwelligen Zugang zu Kirche und Gemeinde. Hier liegt sicher am ehesten Potential für Gemeindeentwicklung im quantitativen Sinn.

Die Umweltteams verbinden aber christlich motiviertes gesellschaftliches Engagement mit einem klaren Bezug auf die liturgisch-geistlichen Formen der Kirche und dabei scheint die Geselligkeit nicht zu kurz zu kommen. Als kirchliche Gruppe funktionieren sie gewissermaßen in sich „hybrid“. Und gerade in dieser Offenheit für verschiedene Gruppentypen scheint mir eine Chance zu liegen.

Z.B. bestärkt die Schnittmenge zu anderen Gruppentypen die Freiheit, Umweltarbeit situativ zu gestalten und sich weniger an mutmaßlichen Idealbildern als an den Ressourcen vor Ort zu orientieren,30 die sich im Lauf der Zeit auch ändern können. So wird in einem Interview explizit die Vermutung geäußert, dass irgendwann vielleicht auch die Ideen ausgehen können,31 und gerade bei „alten Hasen“ klingt an, dass sich im Lauf der Jahre auch so manche Ernüchterung einstellen kann.32

Vielleicht kann es in solchen Situationen hilfreich sein, ganz gezielt verschiedene Gruppentypen zu bespielen: Wenn die konzentrierte Arbeit an der besseren CO2-Bilanz stockt oder sich nicht die erhofften Kooperationspartner in der Region finden – vielleicht ist vor Ort „Geselligkeit“ das Stichwort, mit dem sich Menschen locken lassen und vielleicht finden sich innerhalb der Kirchengemeinde „Gleichgesinnte“, wo man es auf den ersten Blick nicht vermuten würde: ein gemeinsames Treffen von Gebetskreis und Umweltteam oder ein gemeinsamer Gottesdienst mit dem Kirchenchor: Schwerpunkt „Geh aus mein Herz“ o.ä. So kann sich ergeben, was Hauschildt/Pohl-Patalong für einen besonders wichtigen Faktor der Gemeindeentwicklung halten, nämlich „Möglichkeiten der gruppenübergreifenden Begegnung33 – mit „Gewinn“ für alle Beteiligten.

 

Umweltarbeit und die Dimension von Organisation

Sofern Kirche sich als Organisation verstehen lässt, ist sie „eine Sozialform, die sich zur Bewältigung ihrer Aufgaben arbeitsteilig bestimmter Mittel und Entscheidungsstrukturen bedient.“34 „Um ein Ziel auf Dauer zu gewährleisten, wird bewusst eine Struktur geschaffen und festgelegt und es werden daran ausgerichtet die Aktivitäten der Organisationsmitglieder und die verfügbaren Mittel koordiniert.“35 Kirche ist eben nicht nur fromm-geistliche Bewegung, sondern braucht auch ­effektives Management und messbare (Erfolgs-)Kriterien.36

Ein wichtiger Faktor ist bei all dem eine sorgfältige Ist-Analyse: Welche Ressourcen sind vor Ort vorhanden? Wohin fließt die meiste Zeit und Energie? Welche Auf­gaben stehen in der Gemeinde an?37

Umweltmanagement als Ist-Analyse

In diesem Sinn funktioniert Umweltarbeit in den Ortsgemeinden in einem hohen Maß organisationsförmig. Das gilt vor allem, wenn das Umwelt-Zertifikat „Grüner Gockel“ oder „Grüner Hahn“ angestrebt wird, das in mehreren Landeskirchen nach einem entsprechenden Prozess verliehen wird.38 Das systematische Umweltmanagement, das auf eine entsprechende Zertifizierung abzielt, ist mit einem klaren Kriterienkatalog und entsprechender Dokumentationsverpflichtung verbunden, stellt also eine institutionalisierte und strukturierte Sonderform des Umweltengagements dar.39

Beides – Umweltengagement im Allgemeinen und „Grüner Gockel“ im Speziellen – ist nicht identisch, scheint aber eine hohe Affinität zueinander zu haben und wird in den Interviews häufig in einem Atemzug genannt.40 Selbst dort, wo das Siegel an sich kritisch gesehen oder relativiert wird (z.B. wegen des hohen Dokumentationsaufwandes),41 klingt an, dass es sich um ein sinnvolles Medium handelt, um das Thema Nachhaltigkeit in der Gemeinde zu etablieren.42 Das große Plus des „Grünen Gockels“ wird dabei darin gesehen, dass das Umweltengagement dadurch strukturiert, systematisiert und verstetigt wird:

Pm2/13: […] Für mich ist das Umweltmanagement so ein bisschen der Königsweg. Die Umweltarbeit ruft viele schöne, gute Projekte ins Leben. Aber was passiert, wenn das Projekt ausläuft und der, welcher das Projekt initiiert hat, weg ist? Das Umweltmanagement versucht hier Nachhaltigkeit reinzubringen. Es schafft, die kontinuierliche Verbesserung sowie Struktur und Organisation in die Umweltarbeit zu bringen und in den gesamten gemeindlichen Entscheidungsprozess.

Ein wichtiger Faktor ist dabei die intensive und umfassende Dokumentation, für die das „Grüne Datenkonto“ zur Verfügung steht.43 Diese Dokumentationen sind zwar mühsam und können sogar abschrecken44, haben aber auch den positiven Effekt, dass man die Gemeinde als Ganzes in den Blick bekommt. Dieser Aspekt spielt für mehrere Interviewpartner*innen eine wichtige Rolle45 und wird von einer Umweltbeauftragten wiederholt aufgegriffen:

Pw6/7: [… Das Potential besteht darin,] erstmal den Ist-Zustand festzuschreiben: Was läuft denn schon in der Gemeinde, wo können wir ansetzen, wo können wir die Leute bündeln, das verspreche ich mir von der Einführung vom Grünen Gockel. Man muss dazusagen, wir haben eine verhältnismäßig große Kirchengemeinde, […]. Und da passieren schon verschiedenste Dinge an den einzelnen Orten, die werden aber eben nicht zusammengeführt – was passiert denn hier, können wir das nicht dort auch machen etc. – da braucht es noch mehr Struktur.46

In den Expertengesprächen wird sogar die These geäußert, dass ein gut geführtes Datenkonto den Wechsel auf der Pfarrstelle erleichtert: Ein Klick und schon hat man die gesamte Struktur der Gemeinde und alle wichtigen Daten vor Augen.

â–ºErtrag

Die Überschneidungen zwischen Umweltarbeit und Kirche als Organisation waren für mich der größte Aha-Effekt im Rahmen der Studie. Das institutionalisierte Umweltmanagement nimmt die Gemeinde als Ganzes in den Blick, und zwar stetig und systematisch, stellt also eine umfassende Ist-Analyse dar. Insbesondere mit dem „Grünen Datenkonto“ steht ein probates Mittel zur Verfügung, um die Gemeinde zu analysieren und als Organisation zu gestalten. Diese Bestandsaufnahme erfolgt – und das scheint mir ein wesentlicher Faktor zu sein – im Grunde „weltanschaulich neutral“ durch die Erhebung von „harten Fakten“. Inwiefern diese Daten gezielt unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit ausgewertet werden oder nicht, ist für die Dokumentation an sich sekundär.

Um aus diesen Überlegungen (kirchenpolitische) Konsequenzen ziehen zu können, bräuchte man natürlich genauere Daten. Sollte sich aber der Eindruck erhärten, dass sich das Umweltmanagement und namentlich das „Grüne Datenkonto“ auch jenseits von Fragen der Nachhaltigkeit als sinnvolles Instrument nutzen lässt, um Gemeinde als Organisation weiterzuentwickeln, tut die Kirche gut daran, im Bereich der Verwaltung Ressourcen bereitzustellen, die Gemeinden dabei unterstützen, dieses Konto zu bespielen und gezielt einzusetzen.

 

Umweltarbeit und die Dimension der Institution

Während Gruppe und Organisation sich im Fall der Umweltarbeit also gegenseitig bereichern können, bilden Gruppe und Institution natürliche Gegensätze: Die Institution muss und will ein Forum für alle sein und deshalb Raum für ganz verschiedene Positionen und Haltungen eröffnen.47 Die Bewegung dagegen hat ein klares Anliegen, das sie u.U. mit gehörigem Nachdruck vertritt. Plakativ formuliert, verstehen sich Gruppen als „Avantgarde der Gesellschaft“48 und als diejenigen, die das lebendige, glaubwürdige Christsein hochhalten.49

Auch dieser typische Zug der kirchlichen Gruppe lässt sich – in unterschiedlichen Schattierungen – in den Interviews nachzeichnen: Die „Bewahrung der Schöpfung“ ist für die meisten Engagierten eben nicht nur eine beliebige Option, sondern biblischer Auftrag und folglich eine Frage der Glaubwürdigkeit von Kirche.50

Umweltarbeit als Konfliktfall

So kommt es, dass die Gruppe im Rahmen der Institution durchaus auch zum Konfliktfall werden kann51. Das Engagement für Umwelt- und Klimaschutz stößt in den Ortsgemeinden durchaus nicht nur auf offene Ohren und begeisterte Zustimmung. Eine Umweltbeauftragte erzählt von einer Erfahrung, die exemplarisch zeigt, dass Umweltarbeit auch polarisieren kann:

Pm4/13: […] Und letztes Jahr, als es dieses Volksbegehren [„Rettet die Bienen“] gegeben hat, haben wir zu diesem Thema etwas im Gemeindebrief veröffentlicht. Wir haben nicht dazu aufgefordert zu unterschreiben, sondern wollten lediglich informieren. Daraufhin haben wir starke Beschwerden von einem Landwirt bekommen, der bei uns in der Gemeinde ist.52

Diskussionsprozesse eröffnen

Andererseits liegt in solchen möglichen Konfliktfeldern auch eine Chance, das gilt insbesondere in Situationen, in denen die Umweltteams als sog. „partikulare Wir-Gruppen“53 auftreten: Sie bringen engagiert das eigene Anliegen ein – lassen aber andere Interessen neben sich gelten. Vor allem ein Umweltbeauftragter betont immer wieder: Die Ergebnisse können unterschiedlich ausfallen, entscheidend ist, dass Diskussionen in Gang kommen:

Pm2/14: […] Wenn ich jedoch die Chance nutze und dieses Managementsystem, diesen Prozess, führe und gemeindliche Entscheidungswege und Strukturen nutze, dann finden Diskussionsprozesse in der Gemeinde statt, die vorher so nicht praktiziert wurden. […] Nun beginnt ein ganz wichtiger und wertvoller Prozess in der Gemeinde. Unabhängig wie dieser dann ausgeht, heißt das nicht, dass jede Gemeinde, die den Gockel einführt, dann jede Entscheidung zu 100 Prozent ökologisch trifft. Es ist immer ein Abwägen. Aber die Gewichtung des Abwägens kann durch diesen Prozess verstärkt werden.

Weil hier „Diskursen über die differierenden Ziele und Interessen […] bewusst nicht ausgewichen“54 wird, sind Diskussionsprozesse dieser Art für den öffentlichen Diskurs unentbehrlich – und zugleich ein wichtiges gemeinsames Anliegen von Bewegung und Institution.

Konstruktiv ist die Dynamik zwischen Institution und Gruppe aber nicht nur in den glücklichen Fällen, in denen eine diskursive Verständigung gelingt, sondern auch im gemeindlichen Alltag und im kirchlichen Tagesgeschäft. Die Reibungsfläche zwischen den Dimensionen kann und darf dabei durchaus spürbar werden.

Das Wächteramt der Bewegung

Z.B. ist die Bewegung kritische Instanz, damit sich die Kirche als Institution (und Organisation) weder in medienwirksamer „Verpackung“ noch in Beliebigkeit verliert: „Gerade die Gruppen zeigen, wie die Kirche lebendig sein kann, die Lebensführung prägt und ein auch nach außen hin wahrnehmbares Profil christlichen Glaubens annimmt.“55 Die Umweltengagierten haken z.B. nach, wenn auf öffentlichkeitswirksame Verlautbarungen keine Taten folgen und wenn Synoden Klimakonzepte verabschieden, ohne zu klären, mit welchen personellen und finanziellen Ressourcen dieses Konzept umgesetzt werden soll:

Pw6/15: Das wurde auch bei unserem Landestreffen angesprochen, dass die finanzielle Unterstützung nicht zu dem passt, was im Klimaschutzkonzept als Maßnahmen ausgearbeitet worden ist. […] Da gibt es schon noch einiges an Diskrepanzen. Aber wenn sich die Landeskirche das Thema Klimaschutz auf die Fahnen geschrieben hat, dann muss eigentlich klar sein, dass auch von der Förderungsseite Umdenken da sein muss. Wir werden sehen.56 Aber nicht nur die Institution braucht die Bewegung als Korrektiv, auch die Gruppe ist auf die Institution angewiesen.

Die Institution als Stütze der Bewegung

Immerhin ist ein wichtiges Kennzeichen von Institution, dass sie entlastet, und zwar die Gesellschaft wie auch den Einzelnen.57 In den Interviews finden sich Passagen, die zeigen, dass diese Entlastungsfunktion auch für die Umweltteams wichtig ist. Dabei spielen interessanterweise die Pfarrer*innen – von Amts wegen Repräsentant*innen der Institution – eine wichtige Rolle. Ein Pfarrer, der ein sehr engagiertes Umweltteam begleitet, versteht es explizit als seine Aufgabe, auch mal „auf die Bremse zu treten“: Es muss nicht immer alles, nicht alles sofort und erst recht nicht alles von den gleichen Personen geleistet werden:

Pm1/7: Und dann muss man auch sehen, es gibt für die Ehrenamtlichen ja auch noch ein anderes Leben und da gibt’s auch mal Grenzen und dann ist auch wichtig zu sagen: Es muss nicht immer an denselben Leuten hängen […] und dann auch zu sagen, jetzt macht mal in Ruhe, es muss nicht alles sofort sein.

Kirche als Institution steht „für die Freiheit auch von der Gruppe“58 und eben diese Dimension von Institution mahnt der betreffende Pfarrer immer wieder an.

Ein anderes Beispiel zeigt: Pfarrer und Pfarrerin können in der Gemeinde als (Amts-)Person integrierend wirken und dadurch einer möglichen Polarisierung vorbeugen. Ein Pfarrer, der sich selbst wohlgemerkt sehr in dem betreffenden Umweltteam engagiert hat, überlegt dazu:

Pm3/13: Also ich denke schon, dass es uns unter dem Strich gelungen ist, ein überwiegend positives Bild zu schaffen. Ich meine, das hängt vermutlich damit zusammen, dass meine Frau [ebenfalls Pfarrerin] und ich im Laufe der Zeit schon in der Gemeinde als Pfarrer/in anerkannt waren und daher kein wirkliches Gegeneinander entstanden ist. Vielmehr waren die Leute uns gegenüber wohlwollend.

â–ºErtrag

Das Wechselspiel von Bewegung und Institution bewusst wahrzunehmen, hat m.E. den Ertrag darin, dass konkret vor Augen tritt, was man aneinander hat: Vieles von dem, woraus die Umweltteams schöpfen, ist nur möglich, weil die Kirche Institution ist und tragfähige Pfeiler für die eigene Arbeit bereitstellt. Und gleichzeitig ist klar: Ohne die Impulse der Bewegung wäre die Institution Kirche nicht glaubwürdig – und folglich keine Institution mehr. Vielleicht lässt sich mancher Konflikt leichter aushalten, wenn man sich bewusst macht, dass er – vor diesem Hintergrund – kein lästiger Störfall, sondern für die Dynamik in einer lebendigen (hybriden) Kirche unentbehrlich ist.

 

Anmerkungen

1 Ich vermute, dass sich nicht wenige Aspekte auch auf andere Gruppen übertragen lassen – inwiefern das der Fall ist, mag im Folgenden aber jeder selbst abwägen. Eine gute Grundlage, um an dieser Frage – z.B. auch im Kirchenvorstand – weiterzudenken, ist m.E. die Kurzdarstellung von Pohl-Patalong und Hauschildt, Kirche verstehen, Gütersloh 2016.

2 Für ausführliche Informationen zur Anlage der Studie und dem methodischen Vorgehen vgl. Simone Ziermann, Potentiale und Perspektiven für das kirchliche Umwelt- und Klimaengagement. Eine studentische Pilotstudie, in: augustana Journal 5 (2019), 12-14. Und: Simone Ziermann, Eine studentische Studie zur kirchlichen Umweltarbeit oder: Schöpfungstheologie im Umweltschutz entdecken, online verfügbar unter: Religionspädagogische Beiträge. Journal for Religion in Education 44(2021) 2, 107-116, http://dx.doi.org/10.20377/rpb-140.
Hier nur einige Grunddaten: Ein wichtiger Leitfaden war: Christa Tribula, Interview, in: Manfred L. Pirner und Martin Rothgangel (Hg.), Empirisch forschen in der Religionspädagogik. Ein Studienbuch für Studierende und Lehrkräfte (Religionspädagogik innovativ Bd. 21), Stuttgart 2018, 71-93. Insgesamt wurden sechs Personen interviewt; es handelt sich um drei Hauptamtliche und drei Ehrenamtliche. Angefragt wurden Menschen, die in dem Umweltteam ihrer Kirchengemeinde tätig sind oder langjährig waren. Großstadt, Kleinstadt, Landgemeinde und Gemeinde im Ballungsraum wurden gleichermaßen abgedeckt, der Bezugsrahmen ist bei all dem die Evang.-Luth. Kirche in Bayern. Neben den Interviews wurden Gespräche mit Expert*innen durchgeführt, die der kirchlichen Umweltarbeit institutionell bzw. von Amts wegen besonders verbunden sind und so eine überregionale Perspektive einbringen (zum Format „Expertengespräch“ vgl. Jörg Strübing, Qualitative Sozialforschung. Eine komprimierte Einführung, Oldenbourg 22018, 106-107). An der ersten, seminarinternen Auswertung waren namentlich die Theologiestudentinnen Sonja Leiser und Natascha Schostek beteiligt.

3 Zur Dimension der Gruppe vgl. Uta Pohl-Patalong und Eberhard Hauschildt, Kirche verstehen, 65-74.

4 Vgl. Hauschildt und Pohl-Patalong, Kirche (Lehrbuch Praktische Theologie Bd. 4), Gütersloh 2013, 157.

5 Zur Dimension der Institution vgl. Pohl-Patalong und Hauschildt, Kirche verstehen, 74-85.

6 Vgl. Hauschildt und Pohl-Patalong, Kirche, 163-171.

7 Zur Dimension der Organisation vgl. Pohl-Patalong und Hauschildt, Kirche verstehen, 85-98.

8 Vgl. Hauschildt und Pohl-Patalong, Kirche, 217.

9 Vgl. ebd., 217.

10 Vgl. ebd., 216.

11 Vgl. ebd., 218.

12 Vgl. ebd., 217.

13 Pohl-Patalong und Hauschildt, Kirche verstehen, 160.

14 Vgl. ebd., 144.

15 Vgl. ebd., 145-146.

16 Hauschildt und Pohl-Patalong, Kirche, 149.

17 Vgl. ebd., 146.

18 Wohlgemerkt: Ob der Zusammenhang „biblischer Auftrag zur ‚Bewahrung der Schöpfung‘ = Aufforderung zum Umweltschutz“ theologisch tragfähig ist, steht hier zunächst einmal nicht zur Debatte. Das, was die Gruppen konstituiert, ist das entsprechende Selbstverständnis der beteiligten Personen.

19 Ähnlich bei Pm2/1.

20 Ebd., 146.

21 Vgl. Pm1/4, Pm3/12, Pw6/10, Pm2/9.

22 Vgl. z.B. Pm1/7, Pw1/7a, Pm1/8a, Pw6/23.

23 Ebd., 149. Pm3/6: Einmal gab es ein ganz großes Projekt, von dem sogar der bayrische Rundfunk berichtet hat und das Fernsehen vor Ort war, was dann schon eine bestimmte Medienwirksamkeit gehabt hat. Vgl. ähnlich auch Pm4/10.

24 Vgl. ebd., 146.

25 Vgl. z.B. Pw1/3a.

26 Pm2/9; Pm2/5; Pw1/1; Pm4/4; Pm2/5; Pm3/6; Pm2/9.

27 Ebd., 145.

28 Vgl. ebd., 146.

29 Pw1/7. Vgl. auch Pm3/7, Pm4/7.

30 Pm2/17: […] Und das tun, worauf man Lust hat. Das muss nicht der Heizungskeller sein, das kann genauso die Außenanlage oder die Fledermäuse im Kirchturm sein. Der Spaß muss im Ehrenamt an erster Stelle stehen.

31 Vgl. z.B. Pw1/9.

32 Vgl. z.B. Pm3/16.

33 Ebd., 157 [Hervorhebung im Original].

34 Ebd., 181.

35 Ebd., 181.

36 Vgl. ebd., 199-200.

37 Vgl. ebd., 198-199, prominent auch bei Herbert Lindner, Kirche am Ort. Ein Entwicklungsprogramm für Ortsgemeinden, Stuttgart 2000, 244-247.

38 https://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%BCner_Gockel, https://umwelt-evangelisch.de/gruener-gockel, https://www.umwelt.elk-wue.de/arbeitsfelder/umweltmanagement-der-gruene-gockel/.

39 In den Interviews wurde zunächst offen nach „Umweltengagement“ gefragt und das Auswahlkriterium für die Interviewten war nicht die Teilnahme der Gemeinde am Umweltmanagement, sondern die Beteiligung der Befragten am Umweltteam ihrer Ortsgemeinde.

40 Vgl. z.B. Pw1/3 und Pw6/3.

41 Vgl. z.B. Pm3/11.

42 Vgl. z.B. Pm4/15.

43 https://www.gruenes-datenkonto.de/.

44 Vgl. Pm3/11 und Pw1/9a.

45 Vgl. z.B. auch Pw1/9a.

46 Ähnlich auch im weiteren Verlauf des Interviews, vgl. Pw6/8.

47 Vgl. Hauschildt und Pohl-Patalong, Kirche, 167-168.

48 Ebd., 150.

49 Mitunter verstehen sich die Gruppenmitglieder als „diejenigen, die das richtige Bewusstsein und das richtige Verhalten zeigen, während die etablierte Volkskirche zur Masse derer gehört, die das Falsche sagen und tun.“ ebd., 150.

50 Vgl. z.B. Pm2/1 und Pm2/18.

51 Vgl. ebd., 151.

52 Mögliche Konfliktfälle werden auch in anderen Interviewpassagen beschrieben, vgl. v.a. Pw6/23 und Pm2/8.

53 Ebd., 147-148 und 152-154.

54 Ebd., 157 [Hervorhebung im Original].

55 Ebd., 151.

56 Ähnlich auch bei Pm2/11.

57 Vgl. ebd., 159.

58 Ebd., 168.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrerin Dr. Simone Ziermann, Pfarrerin der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, Promotion zum Thema Landpfarramt, Arbeit an einer Habilitation über den Zusammenhang von zwischenmenschlicher Kommunikation und christlichem Glauben, von 2018-2021 wiss. Assistentin im Fach Praktische Theologie an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2022

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.