Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?“ – Unter diesem Titel beschreibt der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen die Lebensperspektiven künftiger Generationen angesichts der zu erwartenden Voraussetzung, dass die Klimakatastrophe nicht mehr verhindert werden kann. Karl-Heinz Drescher-Pfeiffer setzt sich mit Franzens Überlegungen auseinander und stellt ihnen ein christliches Konzept von Hoffnung zur Seite, wie es Jürgen Moltmann entwickelt hat.

 

Das Jahr 2021 wird von Klimaforschern mittlerweile als Wendepunkt gesehen. Knapp 50 Grad im Juni in Kanada, die Flutkatastrophe in Deutschland, weltweit zerstörerische Busch- und Waldbrände: ‚Die Menschheit verlässt gerade den klimatischen Wohlfühlbereich‘, sagte der Klimaforscher Mojib Latif am Mittwoch zur Eröffnung des 11. Extremwetterkongresses in Hamburg. ‚Jetzt wird es wirklich ernst.‘“1

Auch durch die bisher nicht vorstellbare Zunahme von Extremwetterereignissen mehren sich Zweifel, ob das Pariser Klimaziel2 erreicht werden kann. Der Deutsche Wetterdienst meldete beim Hamburger Kongress, dass die deutsche Durchschnittstemperatur seit 1881, dem Beginn der deutschen Aufzeichnungen, bis 2020 um 1,6° C gestiegen ist.3 Nach der Glasgower COP 26 rechnen Experten mit einer Erhöhung der Temperatur der Erdatmosphäre bis 2100 um bis zu 2,4° C4.

Deshalb fordern immer mehr Menschen zuzugeben, dass die Klimakatastrophe nicht zu verhindern ist. Der US-Schriftsteller Jonathan Franzen schrieb dazu: „Wenn unser Planet uns am Herzen liegt, und mit ihm die Menschen und Tiere, die darauf leben, können wir zwei Haltungen dazu einnehmen. Entweder wir hoffen weiter, dass sich die Katastrophe verhindern lässt, und werden angesichts der Trägheit der Welt nur immer frustrierter und wütender. Oder wir akzeptieren, dass das Unheil eintreten wird, und denken neu darüber nach, was es heißt, Hoffnung zu haben.“5

Im Folgenden wird exemplarisch seine Position dargelegt und diskutiert. Im zweiten Schritt werden die Folgen für das Verständnis der Hoffnung bedacht.

 

Die Klimakatastrophe akzeptieren

Für Franzen6 ist die Klimakatastrophe nicht zu verhindern, weil die fürs Abwenden nötigen Anstrengungen nicht leistbar sind und zu viel Zeit ungenutzt blieb. „Wer an dem Glauben festhält, dass sich die Katastrophe noch abwenden lässt, verpflichtet sich damit zum Handeln, und das angesichts einer Aufgabe, die so gewaltig ist, dass sie für immer und ewig die oberste Priorität aller Menschen sein müsste.“7

Dazu müsste überall in allen wichtigen umweltverschmutzenden Ländern der Welt ein Großteil der Energie- und Transport-Infrastruktur stillgelegt und die Wirtschaft vollständig umgerüstet werden. Eine überwältigende Anzahl von Menschen müsste hohe Steuern und erhebliche Einschränkungen ihres gewohnten Lebensstils hinnehmen, die Realität des Klimawandels und die extremen Maßnahmen zu seiner Bekämpfung akzeptieren, Nationalismus, Klassen- und Rassenressentiments ablegen und Opfer für ferne bedrohte Nationen und ferne zukünftige Generationen bringen.

Zudem besteht die Klimakatastrophe aus zu vielen gleichzeitigen Krisen: dem Scheitern einer Weltordnungspolitik, dem Versagen, CO2-Emissionen richtig zu bepreisen, dem Streit zwischen armen und reichen Nationen, dem gigantischen Dilemma kollektiven Handelns, dem ethischen Rätsel, die Schäden zu bewerten, die zukünftigen Generationen entstehen.

Appelle und Aufrufe zu engagiertem Handeln sind nur solange sinnvoll, wie reale Möglichkeiten der Veränderung bestehen, wie etwa in den 1980er Jahren, als die Umwelt- und Klimaprobleme erforscht waren. Seitdem brachte die menschliche Lebensweise mehr CO2-Emissionen in die Atmosphäre als in den gesamten 200 Jahren vorher.

 

Gründe, die Klimakatastrophe anzuerkennen

Das Leugnen der Klimakatastrophe ist für Franzen psychologisch gesehen verständlich, denn die Menschen können nicht vorausschauend denken. Obwohl jeder Mensch weiß, dass er relativ bald sterben wird, lebt er in der Gegenwart und nicht in der Zukunft. Deshalb reagieren Menschen oft erst, wenn sie selber von Katastrophen oder Schäden betroffen sind wie bei Naturkatastrophen oder als Suchtkranke. Im Blick auf die Klimakrise denken viele: vielleicht kommt sie nicht so bald und nicht für jeden, vielleicht nicht für mich. Der Planet wirkt nach wie vor intakt, die Jahreszeiten wechseln sich ab und sein drohender Kollaps ist noch unvorstellbarer als der eigene Tod. Zudem sind materielle Güter wichtig für die Bewältigung des Alltags und die menschliche Psyche. Ein freiwilliger begeisterter Verzicht auf Flugreisen oder Großbildfernseher erscheint irreal.

Wenn alle Menschen verzichten, würden sicher mehr als jetzt mitmachen. Aber die Versuchung ist groß, sich herumzumogeln. Herummogeln bedeutet, sich und anderen etwas vorzumachen. Das meint für Franzen, den Klimawandel zu bekämpfen, aber den Artenschutz, eine sterilisierende Agrarpolitik, die Zerstörung der Fischgründe oder eine Forstmisswirtschaft zu tolerieren. Ebenso zu denken, mit dem Wählen der Grünen, der Fahrt zur Arbeit mit dem Fahrrad oder dem Vermeiden von Flugreisen das Einzige getan zu haben, was zu tun sich lohnt. Ebenso wie das aktive Handeln als überflüssig anzusehen, weil man sich doch zum Handeln bekannt hat.8

Die EU mogelt herum, wenn sie trotz des Vorrangs des Klimaschutzes im Rahmen der Taxonomie Atomenergie und Erdgas als ökologisch nachhaltig definiert. Die Bundesregierung mogelt herum, wenn trotz des im Koalitionsvertrag behaupteten Vorrangs des Klimaschutzes neue Autobahnen wie bisher geplant oder wenn angesichts der Verteuerung der Energie die Pendlerpauschale erhöht, die Energiesteuer auf Benzin, Diesel, Erdgas und Flüssiggas für drei Monate gesenkt und längere Laufzeiten für Kohlekraftwerke beschlossen werden. Als Bürger*innen mogeln wir herum, wenn wir uns für den Klimaschutz aussprechen, aber auf solche neuen Regeln vom Staat warten, die möglichst von selbst und ohne uns weh zu tun den Klimaschutz herbeiführen. Wir mogeln als Kirche herum, wenn wir sonntags die Bewahrung der Schöpfung predigen und werktags nicht unsere Immobilien energetisch sanieren und auf erneuerbare Energien umstellen.

In allen Fällen wird nur so getan, als wäre der Klimaschutz das Wichtigste, aber er ist erst nachrangig dran, wenn das vorrangige, wirklich wichtige Ziel realisiert wird. Solches Verhalten kann man auch als Selbstbetrug, Doppelmoral oder bewusste Irreführung der anderen ansehen. Ein Lob der Doppelmoral politischer Akteure, wie es Dirk Kurbjuweit im SPIEGEL anstimmt9, könnte solchen Menschen auch noch ein gutes Gewissen verschaffen und sie beruhigt übersehen lassen, dass sie sich und damit das ganze politische System gerade dadurch unglaubwürdig machen.

Erhard Eppler beschrieb Glaubwürdigkeit im Blick auf Politiker „als ein Mindestmaß an Übereinstimmung zwischen proklamierten Grundwerten, politischem Reden, politischem Handeln und persönlichem Lebensstil.“10 Jesus sagt am Ende der Bergpredigt: „An ihren Früchten“ – nicht an ihren wohlfeilen Worten – „werdet ihr sie erkennen … Es werden nicht alle, die zu mir sagen: ‚Herr, Herr‘, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.“ (Mt. 7,16.21)

 

Vorgeschlagene Maßnahmen und Hoffnung

Für einen menschenwürdigen und besonnenen Umgang mit der Klimakatastrophe schlägt Franzen den Abschied von unerfüllbaren Zielen und die Hinwendung zum real Möglichen vor, um die Erderwärmung moderat abzuschwächen und die Klimakatastrophe hinauszuzögern. Dazu zählen Maßnahmen zur Reduzierung der CO2-Emissionen, da unsere endlichen Ressourcen schonend verwendet werden sollten, und einfache Naturschutzmaßnahmen wie das Aufforsten von Wäldern und das Erhalten von Grasland und Wiesenflächen. Ebenso sollte man sich vorbereiten auf die Zunahme von Flüchtlingen, Überschwemmungen und Bränden.

Der Aufbau gerechter und ziviler Gesellschaften, der Abbau sozialer Ungleichheit, das Abschalten von Hassmails, die Gleichberechtigung der Rassen und Geschlechter, die Stärkung der freien Presse sollen natürliche und gesellschaftliche Systeme stärken und resistenter gegenüber der Klimakatastrophe machen. Franzen geht es sowohl um die Rettung des Planeten als auch um das, was uns speziell am Herzen liegt, insbesondere dass es heute (sic!) gut ist. Seine Hoffnung ist gekennzeichnet von Ehrlichkeit und Liebe. Ehrlichkeit, weil Hoffnung eine Investition wie jede andere ist, also am besten mit klarem Blick getätigt wird. Und Liebe, weil es ohne sie letztlich nichts gibt, worauf es sich zu ­hoffen lohnt.

 

Menschliches Handeln und göttliche Gnade

Ehrlichkeit ist ein Zeichen von Redlichkeit, die den Menschen zumutbar ist. Dazu gehört das Aufrütteln durch Konfrontation, was Greta Thunberg mit ihrer Rede vor der UN-Vollversammlung mit ihrem Ausruf „I want you to panic!“ wollte. Robert Habeck sagte im Sommer bei Sandra Maischberger, seine einzige Hoffnung sei, die Erderwärmung so zu verlangsamen, „dass wir uns als Menschen anpassen können.“11 Inzwischen hat sich mit der Kollapsologie eine neue Forschungsrichtung etabliert, die ernsthaft von einer Unbewohnbarkeit der Erde ausgeht.

Die Konzentration auf das real Machbare kann vor überzogenen Erwartungen und einer Überforderung durch einen sich selbst eingeredeten Erfolgszwang bewahren. Selbst wenn am 1.1.2050 die 1,5 Grad nicht erreicht sind, wird die Welt deshalb nicht untergehen. Das kann dazu führen, das real Mögliche auch zu tun. Wir haben nur beschränkte Kapazitäten und Fähigkeiten und können nicht „die Welt retten“.

Ignatius von Loyola hat das Zusammenwirken von Gottes und menschlichem Handeln dialektisch so zusammengefasst: „Vertraue so auf Gott, als ob der Erfolg der Dinge ganz von dir, nicht von Gott abhinge; wende dennoch dabei alle Mühe so an, als ob du nichts, Gott allein alles tun werde.“12 D.h. der handelnde Mensch solle so auf Gott vertrauen, dass das Vertrauen im eigenen Handeln durchschlagend wirksam werde; und so handeln, dass er von jeglichem Erfolgszwang frei sei.

Für Rosenberger bedeutet das bezogen auf den Umweltschutz, dass maximales Engagement Gottvertrauen ausdrückt. Wer sich dagegen resigniert zurückzieht und meint, der Mensch könne sowieso nichts mehr machen, der traut Gottes Wirken im Menschen nichts zu. Damit entspricht ein verbissenes und krampfhaftes Engagement nicht dem christlichen Glauben. Vielmehr zeigt sich die innere Freiheit, wenn sie sich nicht vom Erfolg des eigenen Tuns abhängig macht. Erst die klare Trennung von menschlichem Handeln und göttlicher Gnade schenkt dem Menschen die Freiheit, sich wirklich mit Haut und Haaren zu engagieren. Maximales Engagement für den Klimaschutz wäre folglich auch dann die einzig richtige Handlungsoption, wenn abzusehen wäre, dass das angestrebte 1,5 Grad-Ziel verfehlt werde.

 

Trägt das weiter?

Andererseits dürfte die Ansage, es stehe 30 Jahre vorher fest, dass das Pariser Klimaziel garantiert nicht erreicht werden kann, viele desillusionieren und demotivieren. Was soll ich mich dann noch anstrengen? Ganz so schlimm wird es wohl doch nicht. Ich genieße lieber meinen „alten“ klimaschädlichen Lebensstil.

Für Franzen soll der realistisch mögliche Erfolg den Klimaschutz begründen. Das ist ein extrinsisches Motiv. Verantwortliches Handeln braucht nicht nur nüchterne und rationale Analysen, sondern auch spirituelle Ressourcen, die zum Handeln motivieren und einen langen Atem ermöglichen. Papst Franziskus betont, wie wichtig intrinsische, „mystische“ Motive sind. „Es geht darum, nicht so sehr über Ideen, sondern vor allem über die Beweggründe zu sprechen, die sich aus der Spiritualität ergeben, um eine Leidenschaft für den Umweltschutz zu fördern. Denn es wird nicht möglich sein, sich für große Dinge zu engagieren allein mit Lehren, ohne eine Mystik, die uns beseelt, ohne innere Beweggründe, die das persönliche und gemeinschaftliche Handeln anspornen, motivieren, ermutigen und ihm Sinn verleihen.“13

Franzen spricht die Motivationsebene an, wenn die zu ergreifenden Maßnahmen heute gut sein sollen, ohne dabei konkreter zu werden. Auch die vielen zur Klimakatastrophe führenden Krisen werden nicht weiter thematisiert. Ihre aufeinander bezogene Antwort könnte im Sinne eines neuen Verständnisses von Gemeinwohl eine inhaltliche Lösung vorstellbar machen, die in einer nachkapitalistischen Postwachstumsgesellschaft immaterielle Werte wie Gesundheit, Respekt, Freiheit, das Wohlergehen aller jetzigen und zukünftigen Lebewesen einschließlich der Menschen ins Zentrum rückt.

Leider leben viele Menschen nicht vorausschauend in die Zukunft bzw. blenden unangenehme Ereignisse oder Einsichten lieber aus. Wenn es alle wären, gälte es auch für Franzen. Dietrich Bonhoeffer stellte das Denken an die Zukunft in den Mittelpunkt seiner Verantwortungsethik. „Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation weiterleben soll.“ „Arbeit für eine bessere Zukunft“ bedeutet, um sie zu kämpfen und sie nie dem Gegner zu lassen (8, 25.36).14 Sein Denken bestimmen das Tun, die grundsätzliche Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, und die „Treue zur Erde“ (11,444). Er wollte „Verantwortung für das Weiterleben, für den neuen Aufbau, für die kommenden Geschlechter“ übernehmen. „Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“ (8, 36)

Anpassungen an die Klimaerwärmung finden statt, Aufforstungen brauchen aber Jahrzehnte, bis sie wirksam werden. Andererseits werden trotz des Wissens um die Schädlichkeit von CO2-Emissionen und um Alternativen diese weiterhin in die Atmosphäre geblasen – was muss noch geschehen, dass dies aufhört? Jedes Zehntel Grad über 1,5 Grad erhöht Anzahl und Intensität von Extremwetterereignissen, Beeinträchtigungen für alle Geschöpfe, Zerstörungen und Kosten für die Beseitigung von Schäden. Franzen beschreibt leider nicht genauer, wie hoch eine für ihn erträgliche Erhöhung der Temperatur der Erderwärmung ist. Wie er angesichts der ihm bekannten Gefahr der Kipppunkte vom Einpendeln der Temperatur auf höherem Niveau ausgehen kann, ist nicht nachvollziehbar. Wie Menschen im Ahrtal mit solchen katastrophalen Überschwemmungen oder Menschen in Kiribati mit dem Versinken ihrer Heimat in den Fluten des Pazifiks leben lernen, verschweigt Franzen leider. Weggehen ist die einzige, aber nicht wirklich positive Möglichkeit. Die Hoffnung, die er sich angesichts des Unheils der Klimakatastrophe vorstellt, bleibt leider auch ziemlich nebulös. Das ließe sich auch als Herummogeln verstehen, dass die härteren Maßnahmen später kommen und Franzen davon verschont bleibt.

 

Gott in der Schöpfung

Jürgen Moltmann will mit seiner ökologische Schöpfungslehre15 Hoffnung für alle Lebewesen begründen. Er nimmt die ökologische Krise als durch die Menschen verursachte Krise des ganzen Lebenssystems der modernen industriellen Welt und das erforderliche ökologische Denken auf und entwickelt ausgehend von seiner Trinitätstheologie eine pneumatologische Schöpfungslehre.

Für ihn ist die Schöpfung kein einmaliger abgeschlossener Vorgang am Anfang. Vielmehr schafft Gott als Schöpfer, Erhalter und Vollender die Welt aus freien Stücken in einem dreiteiligen, die ganze Existenzdauer der Schöpfung umfassenden Vorgang zu seiner Herrlichkeit aus nichts. Im offenen Prozess der Zeit entwickelt Gott seine noch nicht abgeschlossene Schöpfung weiter16 und vollendet sie in der Endzeit im Reich der Herrlichkeit. Gott als Liebhaber des Lebens „wohnt durch seinen Geist seiner Schöpfung im Ganzen und jedem einzelnen Geschöpf ein und hält sie kraft seines Geistes zusammen und am Leben“.17 In dieser Schöpfungsgemeinschaft kommunizieren alle Geschöpfe auf ihre je eigene Weise miteinander und mit Gott.

Im Sinne einer nicht-hierarchischen, dezentralisierten, genossenschaftlichen Theologie18 versteht er Gott nicht mehr auf monotheistische Weise als das eine, absolute Subjekt, sondern auf trinitarische Weise als die Einheit des Vaters, des Sohnes und des Geistes. Für ihn hat Gott zur von ihm geschaffenen Welt kein einseitiges Herrschaftsverhältnis, sondern ein vielschichtiges, mehrstelliges Gemeinschaftsverhältnis. Wichtig ist, Gottes Präsenz in der Welt und die Präsenz der Welt in Gott zu erkennen, und das Beziehungsnetz zwischen Gott und seiner Welt mit schaffen, bewahren, erhalten, vollenden; einwohnen, mitleiden, teilnehmen, begleiten, erdulden in Gottes Handeln, aber auch im Handeln der Menschen untereinander und den anderen Geschöpfen gegenüber.

Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern Ebenbild des Gottes, der ihn als abhängiges Wesen schuf, das wie die Tiere nur die Früchte des Feldes genießen soll19. Darum kann er auch nur eine Friedensherrschaft ohne das Recht über Leben und Tod ausüben. Ein absolutes dominium terrae als Begründung für die Ausbeutung als „alles überwölbende Idee menschlicher Zivilisation“20 belegt diese Bibelstelle nicht.

Die Krone der Schöpfung ist der Sabbat. Auf ihn und damit auf ihre Erlösung hin ist die Schöpfung von Anfang an ausgerichtet. Er schließt die Schöpfung am Anfang ab und zeigt, dass Gott nicht nur schafft, sondern auch ruht, feiert und sich seiner Schöpfung erfreut. „Die den Sabbat feiernden Menschen nehmen die Welt als Gottes Schöpfung wahr, denn in der Sabbatstille lassen sie, ohne in die Welt einzugreifen, die Welt Gottes Schöpfung sein.“21 Der Sabbat segnet, heiligt und offenbart die Welt als Gottes Schöpfung. Die Feier des Sabbats in der Zeit erinnert an die Schöpfung am Anfang und weist auf die endzeitliche Vollendung der Welt hin und gibt der Theologie der Schöpfung einen sabbatlichen Charakter.

Für das Volk Israel offenbarte Gott als Bundesgott sich selbst als Herr und Schöpfer der ganzen Welt und erwies sich als der eine und einzige Gott. Damit treten das ganze Universum, alle Menschen und Völker in das rettende Licht des Heils, das Israel erfuhr und das es erhofft. „Schöpfung im Anfang“ und „Schöpfung der Endzeit“ bilden den universalen Horizont der besonderen geschichtlichen Gotteserfahrung Israels.

 

Die Zukunft der Schöpfung

In der gegenwärtigen Weltzeit zwischen der Vertreibung aus dem Paradies und Gottes endzeitlichem Reich der Herrlichkeit ist die Welt nicht reine „Schöpfung“ Gottes, sondern „Natur“, die als umfassende Leidensgemeinschaft ständig der Vernichtung unterliegt und ängstlich und gespannt für eine alternative Zukunft offen ist.

Paulus beschreibt seine Erkenntnis vom „ängstlichen Harren“ und der „Sehnsucht“ der Kreatur, „die der Nichtigkeit unterworfen ist, ohne ihren Willen, sondern um dessen willen, der sie unterworfen hat auf Hoffnung hin. (Röm 8,19-21)“22 Er ordnet die „Natur“ in die Geschichte von Heil und Unheil ein, um sie als Schöpfung Gottes zu verstehen.

Moltmanns Schöpfungslehre ist dezidiert christliche Schöpfungslehre im ursprünglichen Sinn des Messianischen, wie es durch Jesu Verkündigung und Geschichte geprägt ist. Er sieht die Schöpfung zusammen mit ihrer Zukunft, für die sie geschaffen wurde und in der sie in einem neuen Himmel und einer neuen Erde ohne Ende (Offb. 21) als Heimat und Wohnung der Herrlichkeit Gottes vollendet wird. Dort wird vollends ersichtlich, was seit der Schöpfung im Anfang angelegt und oft nur verborgen da war.

Dann stellt sich endlich auch die wahre Gemeinschaft der Geschöpfe untereinander ein: eine Gemeinschaft, die von den messianischen Traditionen des Judentums und des Christentums als die „Sympathie aller Dinge“ bezeichnet wurde: Das Band der Liebe, der Teilnahme, der Mitteilung und der vielfältigen Wechselbeziehungen bestimmt das Leben der einen, im kosmischen Geist vereinigten Schöpfung.

Durch die Einwohnung des Geistes in der Seele und dem Körper der Menschen wird ihre Selbstentfremdung überwunden. Der Einwohnung Gottes in seiner Schöpfung entspricht die Wohnlichkeit im Dasein für den Menschen, die „nur durch jenes entspannte Verhältnis von Mensch und Natur gewonnen werden (kann), das mit Versöhnung, Frieden und einer überlebensfähigen Symbiose bezeichnet wird“23 und das die Erlösung der Gemeinschaft von Mensch und Natur von den Mächten des Negativen und des Todes umfasst.

 

Hoffnung in der ökologischen Krise

Moltmann analysiert am Anfang seiner ökologischen Schöpfungslehre die ökologische Krise als wesentlich von Menschen verursacht und begründet in seiner Machtergreifung über die Natur und in der Maßlosigkeit seines Willens zur Macht24. Sie ist tödlich für alle Lebewesen und wird in einer umfassenden Katastrophe enden, wenn die menschlichen Gesellschaften ihre fundamentalen Orientierungen nicht radikal ändern und zu einer alternativen Lebenspraxis mit anderen Lebe­wesen und der Natur gelangen.

Als Alternative sieht Moltmann eine überlebensfähige Welt in einer gewaltfreien, friedlichen, solidarischen, ökologischen Weltgemeinschaft, indem Subjektivismus und mechanistische Weltbeherrschung überwunden werden. Das menschliche Streben nach Übermacht über die Natur förderten vor allem die europäischen und nordamerikanischen Kirchen mit einem entsprechenden, aber textfremden Verständnis des dominium terrae. Moltmann will den christlichen Schöpfungsglauben so formulieren, dass er nicht länger selbst ein Faktor der ökologischen Krise und der Zerstörung der Natur ist, sondern ein Ferment des zu suchenden Friedens mit der Natur wird. Dabei geht er davon aus, dass Gott seine Schöpfung erhält, um sie in seiner Herrlichkeit zu vollenden.

Eine Hoffnung kann nur bis in die Herrlichkeit des Reiches Gottes tragen, wenn sie auch in der Gegenwart ermutigt. Darum glauben „wir Christinnen und Christen … an einen Gott, der wie eine liebevolle Mutter und ein liebevoller Vater zu allen Menschen ist. Er will, dass wir wie Schwestern und Brüder miteinander umgehen und seine Schöpfung in ihrer Vollständigkeit und Schönheit bewahren.“25 Dann dürfen wir darauf vertrauen, dass mit dem Verfehlen des 1,5-Grad-Ziels nicht das Ende der Welt oder der menschlichen Zivilisation gekommen sein muss.

 

Hoffnung statt Erfolgspragmatismus oder Optimismus

Markus Vogt schreibt: „Theologisch bedeutsam werden Krisen dann, wenn sie falsche Hoffnungen und Zukunftsentwürfe zerstören und die Menschen zwingen, in neuer Weise nach den Geboten des Lebens zu fragen, ihre Grenzen zu erkennen und ihre Hoffnung auf Gott zu richten … Gerade im Nachhaltigkeitsdiskurs ist eine Ebene von Ängsten und Hoffnungen angesprochen, die nicht adäquat durch ökosoziale und ökonomische Managementprogramme beantwortet werden kann, sondern nur durch den Verweis auf eine Dimension, die das menschliche ‚Machen‘ und Verfügenkönnen überschreitet.“26 Aufgabe von Kirche und Theologie sei dabei, in Wertschätzung für das erstaunliche Engagement der Umweltbewegung den Horizont von Hoffnungen und Sinnvorstellungen, die über das menschlich, gesellschaftlich und technisch Machbare hinausgehen, auf das Unverfügbare hin offen zu halten.

Die Ebene von Ängsten und Hoffnungen, die nicht adäquat durch ökosoziale und ökonomische Managementprogramme beantwortet werden kann, wird bei Franzen ebenso wenig wie die Motivation zum Klimaschutz wirklich angesprochen.

Hoffnung ist für Václav Havel „nicht dasselbe wie die Freude darüber, dass sich die Dinge gut entwickeln. Sie ist auch nicht die Bereitschaft, in Unternehmen zu investieren, deren Erfolg in naher Zukunft absehbar ist. Hoffnung ist vielmehr die Fähigkeit, für das Gelingen einer Sache zu arbeiten. Hoffnung ist auch nicht dasselbe wie Optimismus. Sie ist nicht die Überzeugung, dass etwas klappen wird, sondern die Gewissheit, dass etwas seinen guten Sinn hat – egal, wie es am Ende ausgehen wird. Diese Hoffnung alleine ist es, die uns die Kraft gibt zu leben und immer wieder Neues zu wagen, selbst unter Bedingungen, die uns vollkommen hoffnungslos erscheinen. Das Leben ist viel zu kostbar, als dass wir es entwerten dürften, indem wir es leer und hohl, ohne Sinn, ohne Liebe und letztlich ohne Hoffnung verstreichen zu lassen.“27

Hoffnung richtet sich also nicht auf die Zukunft, sondern auf die Gegenwart, nicht auf das Morgen, sondern auf das Heute, nicht auf das Später, sondern auf das Jetzt. Jetzt spüren Hoffende, was die Stunde geschlagen hat; jetzt tun sie, was sie tun können; jetzt gehen sie einen kleinen, scheinbar unbedeutenden Schritt, anstatt auf die Gelegenheit zum großen Sprung zu warten, die in Ewigkeit nicht kommen wird.

Wer seine Verantwortung für die Schöpfung wahr- und ernstnimmt, engagiert sich nicht deswegen, weil er den Erfolg seiner Bemühungen voraussetzt. Das wäre naiv und ginge ohne jeden tieferen Glauben. Wer seine Verantwortung für die Schöpfung ernstnimmt, engagiert sich trotz der realistischen Möglichkeit, dass die Zerstörung weitergeht. Denn nur dadurch kann man vor sich selber gerade stehen und durch das Tun des Seinigen Sinn empfangen.

 

Anmerkungen

1 Die Menschheit verlässt den Wohlfühlbereich, Tagesspiegel 23.09.2021, Nr. 24 665.

2 Im gesamten Artikel meint das Pariser Klimaziel die 2015 geschlossene und inzwischen auch von Deutschland ratifizierte Vereinbarung, dass die Erhöhung der Durchschnittstemperatur der Erdatmosphäre bis 2050 auf unter 2° C, möglichst 1,5° C im Vergleich zur vorindustriellen Zeit, d.h. ca. 1750, begrenzt werden soll. Dabei handelt es sich um die globale Durchschnittstemperatur.

3 Ebd.

4 Vgl. In der Zwischenzeit, Tagesspiegel 15.11.2021, Nr. 24 718.

5 Jonathan Franzen, Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?, Hamburg 2. Aufl. 2020, 22.

6 Vgl. zum Folgenden Franzen, a.a.O. 24ff. Die Darstellung seiner Position bezieht sich auf dieses schmale Bändchen. Neben einer ausführlichen Einleitung enthält es das Essay „Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen“ sowie unter dem Titel „Das Spiel ist aus. Der Petro-Konsumismus hat gewonnen“ ein Gespräch über unlösbare Probleme und falsche Hoffnungen mit Wieland Freund, in der Originalfassung abgedruckt am 26.7.2019 in der Literarischen Welt.

7 Franzen, a.a.O., 33.

8 So Frank Schätzing, Was, wenn wir einfach die Welt retten?, Köln 2. Aufl. 2021, 144.

9 Dirk Kurbjuweit, Lob der Doppelmoral. Der SPIEGEL Heft 44/2021 vom 23.10.2021, 54.55.

10 Erhard Eppler, Das Schwerste ist Glaubwürdigkeit, Hamburg 1978, 169.

11 Vgl. Nach der Ruhe vor dem Sturm, Tagesspiegel 21.08.2021, Nr. 24 632.

12 Vgl. zum Folgenden Michael Rosenberger, Der Weg der „ökologischen Umkehr“. Schöpfungsethik und Schöpfungsspiritualität im Anthropozän. In: Brigitte Bertelmann u. Klaus Heidel (Hg.), Leben im Anthropozän, München 2018, 259-270.

13 Papst Franziskus, 2015, Laudato Si. Über die Sorge für das gemeinsame Haus, Stuttgart, Nr. 216.

14 Vgl. zu Bonhoeffers Verantwortungsethik Günter Banzhaf, Denken und Handeln im Blick auf die kommende Generation, DPfBl 2021, 214-220; Dietrich Bonhoeffer, 1986-1999, Werke, hrsg. v. Eberhard Bethge u.a., München. Quellenangaben in Klammern zitieren im Folgenden Bandnummern und Seitenzahl dieser Werkausgabe.

15 Jürgen Moltmann, Gott in der Schöpfung, Gütersloh 1993 (4. Aufl., Erstauflage 1985).

16 Vgl. Moltmann, Gott in der Schöpfung, 204.

17 Ebd., 12.

18 Vgl. zum Folgenden ebd., 16.

19 Erst in Gen. 9,3f erlaubt Gott Noah, auch Tiere zu essen.

20 Alexander Mitscherlich, Thesen zur Stadt der Zukunft, Frankfurt/M. 1971, 139.

21 Moltmann, Gott in der Schöpfung, 20.

22 Moltmann, Gott in der Schöpfung, 53. Röm. 8,19-21 ist eine für Moltmanns ökologische Schöpfungslehre sehr wichtige Stelle. Sie lautet in der Fassung der Lutherbibel 2017, in der alle Bibelstellen zitiert werden: „19 Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. 20 Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung; 21 denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.“

23 Moltmann, Gott in der Schöpfung, 12.

24 Vgl. Moltmann, ebd., 26ff.

25 Geliehen ist der Stern, 11, auf www.ekd.de, abgerufen 15.10.2021.

26 Markus Vogt, Prinzip Nachhaltigkeit, München 3. Aufl. 2013, 75.

27 Michael Rosenberger, Der Weg, 268.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Dr. Karl-Heinz Drescher-Pfeiffer, Jahrgang 1950, Studium in Berlin und Tübingen, württ. Gemeindepfarrer, u.a. 17 Jahre im ­Stuttgarter sozialen Brennpunkt Hallschlag, 2000 Promotion am DWI Heidelberg über die ­gemeinwesenorientierte diakonische Arbeit der Steiggemeinde/Hallschlag.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2022

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