Ein „Weiter wie bisher“ wäre angesichts der dramatischen Folgen der weltweiten Klimaveränderungen schon die Katastrophe selbst. Wie sich diese beginnende ökologische Katastrophe aktuell auswirkt, wie Wege, mit ihr umzugehen und sie abzumildern, aussehen könnten und welchen Beitrag dabei eine christliche Transformationsethik spielen kann, stellt Ruth Gütter dar.

 

Dass es ‚so weiter‘ geht, ist die Katastrophe“ – dieser Satz, von Walter Benjamin Ende der 1930er Jahre auf die damalige Katastrophe des unerbittlich sich ausbreitendenden Nationalsozialismus bezogen1 – lässt sich durchaus auch auf die immer stärker erfahrbare aktuelle ökologische Krise beziehen. Auch hier gilt: ein „weiter so“ führt nicht nur in die ­Katastrophe, sondern verstärkt die bereits begonnene Katastrophe.

 

1. Auswirkungen der beginnenden ökologischen Katastrophe

Zahlreiche Vertreter*innen wissenschaftlicher Think Tanks wie z.B. des Club of Rome2 sowie des wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen (WBGU)3 warnen seit vielen Jahren vor den Auswirkungen der vielfachen Überschreitungen der ökologischen Grenzen des Planeten durch den Menschen im Zeitalter des Anthropozäns. Diese Überschreitungen führen dazu, dass nicht nur – um die bekanntesten Phänomene zu nennen – der Klimawandel in Folge der Erderwärmung zunimmt und die Meeresspiegel ansteigen, sondern auch dass das Artensterben dramatisch zunimmt ebenso wie die Stickstoffbelastung des Bodens, die Übersäuerung der Ozeane sowie die Luftverschmutzung mit allen Folgen für das Leben und Überleben der Menschen.

Zunächst haben die Auswirkungen dieser Phänomene die Menschen in den ärmeren Weltregionen zu spüren bekommen, die am wenigsten dazu beigetragen haben. In vielen afrikanischen Ländern blieb der Regen aus, die Versteppung des Bodens und die Ausbreitung der Wüsten nahmen zu. Dadurch haben auch Armut und Hunger in diesen Regionen noch mehr zugenommen. Menschen fliehen aus diesen Gründen in immer größeren Zahlen im eigenen Land oder in die Nachbarländer. Diese „stillen“ Katastrophen sind aber lange Zeit nicht richtig wahrgenommen worden. Erst seit der Klimawandel durch Überschwemmungen und Waldbrände auch die Menschen in Europa und Amerika trifft, wird das Ausmaß der ökologischen Krise von immer Menschen tatsächlich begriffen. Die Wissenschaftler*innen der genannten Think Tanks warnen eindrücklich, dass die Auswirkungen des Klimawandels noch viel gefährlicher und unbeherrschbarer werden können, wenn es nicht gelingt, die Beschlüsse der Pariser Klimakonferenz auf eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf max. 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen.

Auch die Zahl von Epidemien – ausgelöst durch Zoonosen, d.h. die Übertragungen von gefährlichen Viren von Wildtieren auf den Menschen – hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen (z.B. Aids, Zeka, Ebola, SARS). Aber erst die aktuelle globale Corona-Pandemie hat ein Bewusstsein dafür geweckt, dass auch diese Entwicklungen mit der ökologischen Krise zusammenhängen. Inzwischen ist von vielen Wissenschaftler*innen bestätigt, dass die Zunahme solcher gefährlichen Zoonosen eine Folge der Einschränkung und Zerstörung des Lebensraumes der Wildtiere durch den Menschen und somit auch eine Folge der ökologischen Krise ist.4 Viele warnen, dass diese Pandemie nicht die letzte und die bedrohlichste sein könnte, wenn nicht auch hier bei den Ursachen dringend umgesteuert wird.

Ob technische Lösungen und wissenschaftlicher Fortschritt uns vor künftigen Katastrophen bewahren können, wird auch in den Wissenschaften kontrovers diskutiert. Im Kern fehlt es nicht an technischen Instrumenten, sondern am politischen Willen sowie an der Entschlossenheit jedes einzelnen, an der notwendigen sozial-ökologischen Transformation mitzuwirken – so eine zentrale These der aktuellen Studie des Club of Rome „Wir sind dran“, die dieser 2016 herausgab und die den bezeichnenden Untertitel trägt „Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen“.

 

2. Wachstumsparadigma, Naturver­gessenheit und Verlust des Unverfügbaren als mentale Ursachen für die beginnende ökologische Katastrophe

Wachstumsparadigma

Die beginnende ökologische Katastrophe ist vor allem – auch darin sind sich die meisten Vertreter*innen der genannten Think Tanks einig – Folge eines Wachstumsparadigmas und eines einseitigen Fortschrittsdenkens, das über viele Jahrzehnte der Motor der Entwicklung in vielen Ländern war und größtenteils immer noch ist. Es soll hier keineswegs bestritten werden, dass der Fortschritt im Zuge der industriellen Revolution sowie das Wachstum vergangener Jahrhunderte auch viele zivilisatorische Errungenschaften für den Einzelnen und für das Gemeinwohl mit sich gebracht hat. Zu Recht weist der Club of Rome in seiner Studie jedoch darauf hin, dass dieses Wachstum in einer Welt mit einer halben Milliarde Menschen am Beginn der industriellen Revolution etwas anderes bedeutet als in einer Welt mit demnächst 8 Milliarden Menschen. Nicht nur die Tatsache, dass mit einer exponentiell anwachsenden Weltbevölkerung sich die Verbrauche ebenso exponentiell entwickelt haben, auch der Verweis auf den viel größeren ökologischen Fußabdruck der Menschen heute sind hier zu nennen. Was vor 250 Jahren oder sogar noch vor 50 Jahren eine gute oder vertretbare Strategie war, erweist sich heute als ein Ansatz, der die Katastrophe nur noch mehr vorantreibt. Wir können also die heutigen Probleme nicht länger mit Konzepten vergangener Zeiten lösen, sondern kommen in einer „vollen“ Welt mit sehr hohen Verbrauchen nicht umhin, vieles ganz anders und neu zu denken – so eine der zentralen Thesen der Buchautorin und ehemaligen Geschäftsführerin des WBGU Maja Göpel in ihrem 2020 erschienenen Bestseller „Unsere Welt neu denken“.5

Harmut Rosa beschreibt das Wachstumsparadigma der Moderne als Prinzip der „unablässigen Reichweitenvergrößerung“.6 „Eine Gesellschaft ist modern, wenn sie sich nur dynamisch zu stabilisieren vermag, d.h. wenn sie zur Aufrechterhaltung ihres … Status quo des stetigen (ökonomischen) Wachstums, der (technischen) Beschleunigung und der (kulturellen) Innovierung bedarf.“ Dieses Prinzip der unablässigen Reichweitenvergrößerung zwingt dazu, immer mehr von der Welt verfügbar und Rohstoffe nutzbar zu machen. Es ist ein fataler Zwang, weil er genau das zerstört, was nicht nur zur eigenen Reichweitenvergrößerung, sondern auch zum schlichten Überleben nötig ist. Es ist nicht die Gier nach immer mehr, sondern die Angst vor dem Weniger, was den Menschen heute antreibe. Er lebe sein Leben wie ein Hochlaufen auf einer herabfahrenden Rolltreppe ohne Ausstiegsmöglichkeit, eine Fahrt, bei der er nicht anhalten und sagen könne, es ist genug, weil es dann unweigerlich nach unten geht.7

 

Naturvergessenheit

Ein weiteres zentrales Problem der Neuzeit ist die mentale Abspaltung des Menschen von der Natur und seine Wahrnehmung der Natur als ein Objekt, das den eigenen Interessen zu dienen hat. Dieser von Verwertungsinteressen geprägte Blick blendet wichtige Erfahrungen und Erkenntnisse aus, z.B. die, dass die Natur ein vielfältiges und dynamisches Beziehungsgeflecht ist und der Mensch nicht etwa ihr Gegenüber, sondern ein Teil der Natur ist, auf die er angewiesen bleibt und die ihn auch gefährden kann. Die Natur wurde für den homo oeconomicus zur „Um-Welt“, die dem Menschen zu dienen hat. Die Welt wird nach Hartmut Rosa zum „Aggressionspunkt“, zu etwas, was beherrscht und benutzt werden will.8 Aber genau dadurch geht die Erfahrung von Lebendigkeit verloren, die durch die Begegnung mit dem Unverfügbaren verbunden ist.9 Dabei macht gerade die Balance von Verfügbarem und Unverfügbarem das Leben spannend und lebendig. Wird alles verfügbar gemacht, wird die Welt stumm, kalt und abweisend. Das Leben verliert an Zauber und Sinn.

Es ist also entscheidend wichtig, die tieferen Ursachen der ökologischen Krise der Gegenwart genau wahrzunehmen, denn nur so lassen sich auch die Wege finden, ihr zu begegnen, mit ihr umzugehen und noch größere Katastrophen zu vermeiden. „Die weltweiten Krisen in Umwelt und Gesellschaft sind kein Zufall. Sie offenbaren, wie wir mit uns und dem Planeten umgehen, auf dem wir leben. Wenn wir diese Krise meistern wollen, müssen wir uns die Regeln bewusst machen, nach denen wir unser Wirtschaftssystem aufgebaut haben. Erst wenn wir sie erkennen, können wir sie auch ver­än­dern ….“10

 

3. „Die Welt neu denken“ – Kultureller Wandel als Weg aus der Katastrophe

Anders als Ende der 1930er Jahre, als bei den meisten Menschen keine Einsicht vorhanden war, dass ein „Weiter so“ in die noch größere Katastrophe führt, mangelt es heute nicht an dieser Erkenntnis. Vielmehr ist die Gegenwart davon gekennzeichnet, dass nicht nur viele Vertreter*innen aus der Wissenschaft, sondern inzwischen auch breite Teile der Gesellschaft – allen voran die junge Generation – erkannt haben, dass sich etwas grundlegend ändern muss. Wissenschaft und Zivilgesellschaft, darunter auch die Kirchen, rufen seit einigen Jahren zu einem umfassenden sozial-ökologischen Wandel auf und mahnen dabei eindringlich: „Weiter so geht nicht“.11 Die Erkenntnis, dass ein „Weiter so“ nicht nur unser Wohlstandsmodell gefährdet, sondern auch die Rechte künftiger Generationen einschränkt, findet sich zunehmend auch in Politik und Wirtschaft. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes von Mai 2021 hat die Rechte kommender Generationen unmissverständlich bekräftigt und dafür Nachbesserungen im Klimaschutzgesetz verlangt. Auch mögliche politische wie wirtschaftliche Strategien und Instrumente für einen umfassenden sozial-ökologischen Wandel sind bekannt und kaum noch umstritten: massive Reduktion der CO2-Emissionen in den reichen Ländern, Dekarbonisierung aller Lebensbereiche vor allem der Energiegewinnung, Energiewende hin zu den erneuerbaren Energien, Agrarwende hin zur ökologischen Landwirtschaft, ein Stopp des Artensterbens, ein Stopp der Abholzung der Regenwälder, Kreislaufwirtschaft, Ernährungswende, Mobilitätswende – und das alles miteinander vernetzt und aufeinander bezogen. Es gibt auch in diesen komplexen Prozessen kaum noch Erkenntnisprobleme, sondern „nur“ noch Umsetzungsprobleme – diese jedoch in beträchtlichem Ausmaß – in der Politik, in der Wirtschaft, in der Zivilgesellschaft und auch in den Kirchen.

 

Umsetzungsprobleme

Fragt man nach den Ursachen dieser Umsetzungsprobleme, wird deutlich, dass es für einen umfassenden sozial-ökologischen Wandel mehr braucht als nur kluge politische und ökonomische Konzepte und Strategien, die sich ja durchaus z.B. in dem Koalitionspapier der neuen Bundesregierung finden. Transformationswissenschaftler verweisen zu Recht darauf, dass neben allen Transformationsfeldern die kulturelle Transformation die entscheidende und zugleich auch die schwierigste ist.12 Denn es geht darum, tief geprägte Einstellungen, Gewohnheiten, Privilegien und verfestigte Verhaltensmuster zu hinterfragen, sich von ihnen ggf. zu verabschieden und an ihrer Stelle neue zu entwickeln. Das geht nicht ohne Konflikte. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass es in der Geschichte gerade die Krisenzeiten und teils unvorhersehbare Disruptionen waren, die einen notwendigen Wandel eingeläutet haben.13 Erst sie führen zu der Bereitschaft, tatsächlich etwas zu verändern. Die aktuelle Corona-Krise, die von vielen als die größte Krise nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet wird, zeigt, dass die meisten Menschen sich als anpassungsfähig und lernfähig erwiesen haben und auch deutlich einschränkende Maßnahmen der Politik akzeptiert haben, die bislang als undurchsetzbar galten.

Schauen wir auf das bislang vorherrschende Narrativ, dass nur ein „Mehr, Besser, Schneller“ verhindern kann, dass es uns schlechter geht, braucht es ein anderes, ein neues und verheißungsvolleres Narrativ, das uns hilft, aus dieser fatalen mentalen Rolltreppe auszusteigen. Es braucht eine „große Erzählung“ davon, wie das Leben in Zukunft aussehen kann, welches allen ein gutes Leben ermöglicht, ohne dafür weiterhin auf Kosten anderer und der Mitschöpfung zu leben. Es gilt tatsächlich, „die Welt neu [zu ]denken“.

 

4. Die Welt neu gestalten – Aspekte einer christlichen Transformationsethik

In vielen Beiträgen aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, vor allem der Transformationswissenschaft, finden sich für diesen Weg, „die Welt neu zu denken“, hilfreiche Leitbilder und Narrative. Leitbilder und Narrative, die sich an vielen Stellen mit den Überzeugungen und großen Erzählungen der christlichen Tradition berühren und als Eckpunkte einer Transformationsethik14 verstanden werden können. Eine solche christliche Transformationsethik fordert und skizziert Markus Vogt in seinem Essay von 2018.

Eine christliche Transformationsethik – so Vogt – fragt nach den Bedingungen des Wandels und formuliert Leitbilder und Grundhaltungen, mit denen der notwendige Wandel gelingen kann. Sie fragt auch danach, wer für was verantwortlich ist und welche Handlungsspielräume es noch gibt und wo wir uns z.T. nur noch an irreversible Entwicklungen anpassen können. Sie ist geleitet von einem „christlichen Realismus“,15 der weder die Abgründe menschlicher Schuld, die Unverfügbarkeit von biologischen Prozessen und die Irreversibilität von Krisenphänomenen leugnet noch das Vertrauen auf Gottes Gegenwart und seine Macht, mit der er Neues schaffen kann, fahren lässt.

 

Geglücktes Leben statt Wachstum

Schon seit einigen Jahren ruft die evangelische Kirche angesichts des zerstörerischen Wachstumsparadigmas zu einer „Ethik des Genug“ auf, die dafür eintritt, dass alle Menschen ein gutes menschenwürdiges Leben führen können.16 Eine Ethik des Genug ist keine freudlose Verzichtsethik. Sie bedeutet im Kern zweierlei: dass die Armen endlich genug haben und die Reichen es genug sein lassen können. Lange Zeit war es für viele in Politik wie auch in der Gesellschaft ein Tabu, über ein Weniger, über Suffizienz, zu sprechen. Den christlichen Kirchen kommt die Aufgabe zu, hier voranzugehen und dieses Tabu zu brechen und über den Gewinn eines Lebens jenseits des Wachstumszwangs zu sprechen. Inzwischen mehren sich die Stimmen auch aus anderen Perspektiven, die daraufhin weisen, dass genau dieses Weniger nicht automatisch zu einem Zusammenbruch von Wirtschaft und Gesellschaft führen muss, sondern sich – bewusst gestaltet – sogar als ein Gewinn erweisen kann.17

Der christliche Glaube befreit zur Selbstbegrenzung, denn er lebt aus den Verheißungen Gottes und fragt nach dem, was das Leben wirklich lebenswert macht. Säkular gesprochen geht es um mehr Lebensqualität und mehr Gemeinwohl. Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen längst, dass immer mehr Besitz nicht glücklicher macht, sondern, im Gegenteil, persönliche Sorgen und Unsicherheiten vergrößert und Solidarität und Mitgefühl vermindert.18 Das Evangelium Jesu formuliert es so: „Der Mensch lebt nicht vom Brot ­allein“ (Mt. 4,4).

 

Verbundenheit statt Trennung

Vertreter*innen der Ökotheologie – allen voran Jürgen Moltmann – fordern seit vielen Jahren, dass der Mensch sich wieder als Teil der Schöpfung und nicht als ihr Gegenüber oder gar als Herrscher über die Schöpfung verstehen muss, wie es Jahrhunderte lang der Fall war mit allen fatalen Folgen.19 Er müsse neu erkennen, wie sehr er von der Mitschöpfung abhängig ist. Das führe zu einer Haltung der Dankbarkeit und zu einer heilsamen Demut gegenüber Gott, den Mitmenschen und der Mitschöpfung.

Die Erfahrung der Verbundenheit mit der Mitschöpfung kann auch zu einer Quelle des Glücks werden.20 Hartmut Rosa beschreibt sie als Resonanz, als ein In-Beziehung-Treten mit Menschen und mit der Natur, durch das ich selbst verändert und verwandelt werde.21 Auch säkulare Stimmen fordern diese Haltung des Respekts und der Verbundenheit mit der Mitschöpfung schon seit langem und ganz besonders auch als Lehre in der Corona-Pandemie: „Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebewesen.“22

Umso mehr verwundert es, dass einzelne Vertreter der akademischen Theologie gerade in der Corona-Pandemie mit großer Vehemenz gegen „die romantisierende Ökotheologie“23 zu Felde ziehen und ihr eine „Vergötterung des Lebens“ vorwerfen, die die Gewalt in der nichtmenschlichen Schöpfung leugne. Die Rede von der „Mitgeschöpflichkeit“ und der „Schöpfungsgemeinschaft“ sei ein wenig hilfreicher „religiöser Schöpfungskitsch“, der verkenne, dass auch die Schöpfung „sich in einer abgründigen Freiheit entfaltet, die sich auch in lebenszerstörerischen Mutationen der Viren manifestiert“.24 Nicht nur, dass hier eher eine Karikatur der ökologischen Schöpfungstheologie gezeichnet wird, der Verweis auf die „abgründige Freiheit der Schöpfung“ zeigt, dass die Zusammenhänge zwischen der ökologischen Krise und der Corona-Krise und ihrer anthropogenen Ursachen für die theologische Reflexion weitgehend ausgeblendet und – was noch schwerer wiegt – die Verantwortung des Menschen für die ökologische Krise in gefährlicher Weise verharmlost wird.

 

Solidarität statt Konkurrenz

Das Menschenbild, dass der Mensch von Natur aus ein egoistisches Wesen sei und folglich mit anderen konkurrieren müsse, ist zwar immer noch vorherrschend, wird aber von immer mehr Stimmen aus unterschiedlichen Hintergründen in Frage gestellt.25 Die Ökonomin und Transformationswissenschaftlerin Maja Göpel hält dem entgegen: „Dieses Menschenbild ist falsch und muss dringend einem Update unterzogen werden. Ein System, das Egoismus belohnt, erzieht zum Egoismus. Wir brauchen eine Neubetrachtung der Werte, die Menschen in ihrer kooperativen Lebendigkeit stützen.“26 Aus philosophischer und theologischer Sicht wird man nicht leugnen können, dass der Mensch auch egoistisch und rücksichtslos sein kann, aber das ist nur die eine Wahrheit. Die andere Wahrheit ist: er ist auch lernfähig, er ist auch fähig zum Mitgefühl und zu Solidarität. Das einseitig negative christliche Menschenbild als eines Sünders von Geburt an ist über viele Jahrhunderte durch die Interpretation der paulinischen Theologie durch Augustin geprägt. Damit wurden andere Teile der biblischen Tradition wie z.B. die der atl. Weisheit, die den Menschen als lernfähig und gemeinschaftsfähig ansieht, ausgeblendet. Auch die Evangelisten trauen dem Menschen viel zu: „Seid barmherzig, wie auch euer himmlischer Vater barmherzig ist“ (Lk. 6,36).

Selbst wenn man an dem Bild des Menschen als Sünder festhält, heißt das nicht, dass dies das Einzige ist, was es aus theologischer Sicht über den Menschen zu sagen gibt. Das Kommen Gottes in die Welt in Jesus Christus bedeutet vielmehr, dass der Menschen aus Sünde und Schuld befreit und zur Nächstenliebe und zur Barmherzigkeit befähigt werden kann. Nächstenliebe und Barmherzigkeit sind die zentralen ethischen Leitbegriffe der Botschaft Jesu, die für Christ*innen auch für das Leben in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft handlungsleitend bleiben. Solidarität mit den Schwachen ist das „(Erfolgsgeheimnis) der christlichen Ethik als Transformationsethik, die darin stets ihr kritisches Potential gegenüber den jeweiligen gesellschaftlichen Ordnungen bewahrt und neu aktiviert hat“.27

 

Unverfügbarkeit statt Beherrschung

Die Corona-Pandemie und noch mehr die ökologische Krise offenbart auf ganz neue Weise, wie ohnmächtig der Mensch gegenüber vielen Entwicklungen ist. Das Selbstbild des Menschen in der Moderne, alles durch seine Intelligenz steuern und durch Technik und Innovationen lösen zu können, hat sich als eine Illusion erwiesen. Letztlich geht es um das Eingeständnis, dass vieles im Leben unverfügbar bleibt und der Mensch auch der Mitschöpfung gegenüber oft ohnmächtig ist. In den aktuellen Krisen erkennen wir neu, dass das biblische Menschenbild sehr realistisch ist. Es spricht zum einen von der Größe und der besonderen Verantwortung des Menschen (Gen. 1,27, Ps. 8,6), aber auch davon, dass der Mensch zutiefst angewiesen ist auf die Güte Gottes, auf das Leben der Mitschöpfung und die Hilfe anderer Menschen. Genau dieses – seine Verantwortung und sein Angewiesensein – macht ihn erst zum wahren Menschen.

In dieser Spannung zwischen Verantwortung und Angewiesenheit zeigt sich das, was Harmut Rosa mit dem Unverfügbaren beschreibt, das uns in der Moderne verloren gegangen ist. Darunter verstehe ich nicht nur das Unverfügbare im Miteinander der Menschen und im Verhältnis zur Mitschöpfung, sondern auch das Unverfügbare im theologisch-spirituellen Sinne. Denn Gott selbst ist der schlechthin Unverfügbare, der sich nicht fassen lässt, dessen Wirken oft nicht zu verstehen ist und der sich doch aus Liebe zu seiner Schöpfung und in seinem Sohn Jesus Christus gleichsam freiwillig „verfügbar“ gemacht hat. Dieses Angewiesensein auf den unverfügbaren und zugleich liebenden Gott und die Verantwortung ihm gegenüber anzunehmen, demütiger zu werden, das eigene Leben und das Leben der ganzen Schöpfung vertrauensvoll in seine Hände zu legen und ihn gleichzeitig um Weisheit und Tatkraft zum verantwortlichen Handeln zu bitten, könnten sich als die Haltungen erweisen, mit denen wir als Christ*innen in der Krise bestehen und den Wandel gestalten können.

 

5. Der christliche Glaube und die christliche Hoffnung als Quelle von Resilienz und transformativem Leben

Der Begriff der Resilienz gewinnt in der Diskussion zur Bewältigung der ökologischen Krise immer mehr an Bedeutung. Da schon jetzt absehbar ist, dass viele krisenhafte Prozesse und ökologische Grenzüberschreitungen unumkehrbar sind, wird es notwendig sein, sich an die gegenwärtigen oder zukünftigen schwierigeren Lebensbedingungen anzupassen und sie zu ertragen. Da der christliche Glaube schon immer darauf ausgerichtet war, zum positiven Umgang mit Krisen, Umbrüchen und Abgründen des Lebens beizutragen, hat der Begriff der Resilienz eine zutiefst christliche Dimension.28 Das bedeutet gerade nicht, dass es hier um ein Versprechen geht, dass alles gut wird, sondern dass wir in den Kreuzeserfahrungen des Lebens nicht allein sind, sondern die Kraft bekommen, sie zu tragen und an ihnen zu wachsen. Das Vertrauen in Gottes Gegenwart und die Liebe und Solidarität zum Nächsten und der Mitschöpfung sind wichtige Haltungen einer solchen christlich verstandenen Resilienz. Hinzu kommt die Hoffnung als eine weitere Ressource des christlichen Glaubens zum Umgang mit Krisen und Katastrophen. Kein billiger Jenseitstrost ist hier gemeint, sondern die christliche Hoffnung auf die Neuschöpfung der Erde. Diese Neuschöpfung der Erde hat mit dem Kommen Gottes in die Welt schon begonnen und sie steht noch aus. Das Vertrauen auf diesen Gott behält die christliche Hoffnung auch im Moment der Krise und des Scheiterns. „Diese [Hoffnung] weiß um die Gefährdungen des Menschlichen und vertraut zugleich auf die Möglichkeiten neuer Anfänge, die Gott, der auch am Kreuz noch Gott geblieben ist und so über Scheitern, Leid und Katastrophen hinausweist, zu schenken vermag.“29

Eine solche Hoffnung kann helfen, die eigene Identität nicht an Vergangenes festzumachen, sondern mutig Neues zu denken und transformativ zu leben. „Man kann diese Zukunftshoffnung, die sich nicht mit den verkleinerten Maßstäben unserer Gewohnheiten und Bedürfnisse zufriedengibt, als transformativ kennzeichnen. Sie ist eine Kraft der Verwandlung der Welt, und zwar nicht nur ein wenig, sondern radikal und in der Tiefenstruktur“.30 Eine solche Hoffnung ist eine zentrale Dimension einer christlichen Transformationsethik.

 

Anmerkungen

1 Walter Benjamin, Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus; Zentralpark, 1937, in: Ges. Schriften. 1. Bd., hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt/M., 1991, 683.

2 Ernst Ulrich von Weizsäcker/Anders Wijkman, Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Der Club of Rome, Der große Bericht, Gütersloh 2018.

3 Der WBGU fordert seit 2011 eine „große Transformation“ und nimmt damit die Forderung von Polany auf. https://www.wbgu.de/de/publikationen/publikation/welt-im-wandel-gesellschaftsvertrag-fuer-eine-grosse-transformation Seit 2011 sind diesem Hauptgutachten weitere Gutachten zu wichtigen Aspekten der großen Transformation gefolgt. Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie hat zur Umsetzung einer solchen Großen Transformation ein Buch veröffentlicht: Uwe Schneidewind, Die Große Transformation. Eine Einführung in die Kunst des gesellschaftlichen Wandels, 2018.

4 Andrew Cunningham, Professor für Wildtier Epidemiologie der Zoologische Gesellschaft London: https://science.orf.at/stories/3200448?fbclid=IwAR0MTFpGZBZiTUBSQ6JAHARjqm6Dp-MA9l1i-pHLfoEM1WyPN3xHFBiOJDI
https://www.focus.de/gesundheit/news/coronavirus-und-zoonosen-die-zerstoerung-des-planeten-befeuert-epidemien-und-ist-teil-der-corona-krise_id_11853530.html.

5 Maja Göpel, Die Welt neu denken. Eine Einladung, 2020, 15.

6 Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit, 7. Aufl. 2020, 14.

7 A.a.O., 16.

8 Rosa, Unverfügbarkeit, 10.

9 A.a.O., 8.

10 Göpel, Die Welt neu denken, 22.

11 Geliehen ist der Stern auf dem wir leben. Die Agenda 2030 als Herausforderung für die Kirchen, EKD-Text 130, 72.

12 Schneidewind, Transformation, 40; Vogt, Wandel,79.

13 Matthias Horx, Die Zukunft nach Corona. Wie eine Krise die Gesellschaft, unser Denken und Handeln verändert, 2020, 21-22; Vogt, Wandel, 53.

14 Dieser Begriff ist von Markus Vogt übernommen (Vogt, Wandel, 67).

15 EKD-Text 130, 10.

16 A.a.O., 11.

17 Interview mit Harald Welzer, Zeitzeichen 1/2022.

18 Göpel, Die Welt neu denken, 132.

19 Jürgen Moltmann, Gott in der Schöpfung. Ökologische Schöpfungslehre, 1985, 194f; Jürgen Moltmann, Hoffen und Denken. Beiträge zur Zukunft der Theologie, 2016, 16f.

20 Vogt, Wandel, 64.

21 Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, 2020, 453ff.

22 Slavoj Zizek, 13.3.2020 https://www.nzz.ch/feuilleton/coronavirus-der-mensch-wird-nie-mehr-derselbe-gewesen-sein-ld.1546253?reduced=true.

23 Günter Thomas, Jenseits von Eden und Blühwiesenromantik, 2021, www.zeitzeichen.net/code/9441.

24 Günther Thomas, Theologie im Schatten der Coronakrise, 18.3.2020.

25 Rutger Bregman, Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit, 2020.

26 Göpel, Die Welt neu denken, 72.

27 Vogt, Wandel, 96.

28 Vogt, Wandel, 58.

29 Vogt, Wandel, 62.

30 A.a.O., 69.

 

Über die Autorin / den Autor:

OKR Dr. Ruth Gütter, 1986-1996 Gemeindepfarramt in der EKKW, 1996-2006 Beauftragte für Kirchlichen Entwicklungsdienst der EKKW, 2007-2012 Referentin für Afrika und Entwicklungspolitik der EKD, 2013-2017 Dezernentin für Ökumene und Diakonie der EKKW, seither Referentin für Nachhaltigkeit im Kirchenamt der EKD.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2022

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