Christliche Glaubensinhalte werden auch von Menschen, die sich noch als evangelisch-christlich verstehen, immer weniger ernst genommen. Das Weltbild der Bibel gilt vielen als überholt. Die historische Kritik biblischer Texte versperrt den Weg einer naiven Rezeption. Auf allen Ebenen kirchlicher Verkündigung findet Eckart Emrich statt eines historisch aufgeklärten Umgangs mit den biblischen Texten eine große Beliebigkeit. Deshalb stellt sich für den Autor die Frage, ob nicht die Gestalt und originale Botschaft Jesu, von allem „übernatürlichen Lametta“ befreit, zur anstehenden Neuorientierung des christlichen Glaubens beitragen können.

 

A. Traditionelle evangelische Religiosität

Traditionelle evangelische Religiosität glaubt an den dreieinigen Gott gemäß dem Apostolischen Glaubensbekenntnis. Sie kennt einiges aus der biblischen Geschichte des AT, aus Psalmen und Prophetenbüchern, und natürlich die 10 Gebote; aus dem NT die wichtigsten Jesusnarrative, einiges aus Apostelgeschichte und Paulusbriefen, seinen Missionsreisen und seinen Briefen, und vielleicht noch etwas von der Offenbarung des Johannes.

Zum Jahreszyklus gehören die Geschichten der Advents- und Weihnachtszeit, die Passions- und Ostergeschichte, das Himmelfahrts- und Pfingstnarrativ, und im Oktober das Erntedankfest. Und zu den „letzten Dingen“ gehört der Glaube an Himmel und Hölle – und zuvor ein Jüngstes Gericht.

 

B. Schwindende Glaubensüberzeugung

Die aufgezählten Glaubensinhalte werden jedoch auch von Menschen, die sich noch evangelisch-christlich verstehen, immer weniger ernst genommen. Das Weltbild der Bibel, das die Erde als eine Scheibe sah, überwölbt vom Himmelsgewölbe als dem Sitz Gottes, und unterirdisch mit dem Reich des Todes bzw. des Bösen und der Hölle, ist überholt, spätestens seit Kopernikus. Dafür gewinnt die Astrophysik immer schnellere Erkenntnisse über das Universum, seine unvorstellbare Ausdehnung, seine Entstehungsgeschichte seit dem sog. Urknall vor ca. 13 Mrd. Jahren, und seine fortdauernde Dynamik.

 

C. Umwälzende Neuorientierung des Menschseins auf der Erde

Die Kosmonauten haben die Erde aus der Perspektive des Weltraums beschrieben als ein unglaublich schönes, aber auch zartes und bedrohtes Wunderwerk. Der alte „Schöpfungsauftrag“ aus 1. Mos. 1,28 (macht euch die Erde untertan herrscht über sie) hat dazu beigetragen, die Menschheit in die gegenwärtige, vielfältige und existenzbedrohende Krise zu führen: sie betrifft das Klima, die Ernährung, Rüstung und Kriege samt atomarer Bedrohung, die Bevölkerungsvermehrung, Bildungskrise, Soziales, Chemie, Landwirtschaft u.v.a.m. Christliche Theologie muss eingestehen, dass ihr allzu langes Festhalten am biblischen Weltbild und am Leitbild eines weißen, wohlhabenden Lebens wesentlich zu den heutigen Krisen beigetragen hat, auch durch Kolonialisierung und Ausbeutung technisch weniger entwickelter Völker und Erdteile, durch einen Lebensstil, der viel zu viele Ressourcen der Erde verbraucht, und durch eine Ideologie von Konkurrenz und Beherrschung anderer, deren erschreckendes Spiegelbild wir im Überhandnehmen einer Kontinente übergreifender Kriminalität erkennen.

Hinsichtlich des AT haben Ergebnisse der Archäologie die Geschichtlichkeit des Narrativs von den Wanderungen des Volkes Israel und seiner schließlichen Landnahme in Kanaan stark in Frage gestellt.1 Die Erkenntnis, dass diese Texte erst im babylonischen Exil abschließend redigiert wurden, legt den Schluss nahe, dass damit nationale Besitzansprüche für die Zukunft gesichert werden sollten (und entsprechend werden sie auch im heutigen Israel von Politik und Gerichten interpretiert).

Bezüglich des NT müht sich seit der europäischen Aufklärung eine über 200jährige Geschichte historisch-kritischer Forschung darum, das Wirken Jesu von der nachträglichen, legendarischen Übermalung durch Wundergeschichten zu befreien, und ebenfalls seine posthume Vergottung kritisch zu prüfen.2 Ein zäher Widerstand dagegen hat auch Kirchenleitungen wie ntl. Wissenschaft dahingehend beeinflusst, nur halbherzig das Programm einer „Entmythologisierung des Neuen Testaments“ von Rudolf Bultmann weiter zu verfolgen. Daher verwundert es nicht, dass sich in der heutigen Bezugnahme auf die Bibel auf allen Ebenen der kirchlichen Hierarchie statt eines historisch aufgeklärten Umgangs mit Texten eine Beliebigkeit findet, die von Fundamentalismus bis zu Anleihen an New Age-Propheten reicht und damit dem religiösen Aushöhlungsprozess noch Vorschub leistet.

Es fällt aber auf, dass die Person Jesu so gut wie nicht kritisiert wird. Selten jedoch wird das biblische Weltbild klar als überholt erklärt, und die mirakulösen Wundererzählungen auch zu Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten bleiben unangetastet! All dies hat schon Heinrich Heine 1844 kurz und treffend als das „Eiapopeia vom Himmel“ persifliert.3 Deshalb muss die Frage erlaubt sein, ob nicht die Gestalt Jesu, von allem übernatürlichen „Lametta“ befreit, zur Orientierung in der anstehenden „umwälzenden Neuorientierung“ beitragen kann.

 

D. Die Kernbotschaft Jesu im heutigen Licht betrachtet

Seit 1892 ist bekannt und anerkannt, was damals Professor Johannes Weiß in Göttingen programmatisch im Titel eines Buches formulierte: „Die Predigt Jesu vom Reiche Gottes“. Weiß hat damit nicht nur den zentralen Inhalt der Verkündigung Jesu benannt, sondern auch ein Kriterium, mit dessen Hilfe ursprüngliche Jesusworte erkannt werden können. Grob gesagt: wo bei Mt., Mk. und Lk.4 Jesus vom „Reich Gottes“ spricht, ist bereits eine Wahrscheinlichkeit gegeben, dass hier ein originaler Ausspruch von ihm zu Grunde liegt.

Bevor auf einzelne Worte eingegangen wird, sei die naheliegende Frage aufgegriffen, ob und wie denn ein erzreligiös klingender Begriff Reich Gottes dem heutigen säkularisierten Denken noch irgendetwas zu sagen haben könnte. Der Begriff stammt aus alter biblischer Tradition: Im AT wird Gott – als höchste vorstellbare Macht – unter anderem mit dem Titel „König“ verehrt. Und zu einem „König“ gehört stets ein Machtbereich. Dieser kann geografisch definiert sein im Sinne von Landesgrenzen, oder auch im Sinne von Handlungsoptionen.

In dem Wort Gott schwingt nicht nur Konkurrenzlosigkeit in Bezug auf Macht mit, sondern auch in Bezug auf Güte, auf Gerechtigkeit und andere positive Superlative. Darum transportiert der Doppelbegriff Reich Gottes die Gesamtheit hilfreicher Aspekte der Gottheit für die Menschen. So verwundert es nicht, dass mit dem Begriff, als er im späten Judentum vor der Zeit Jesu wieder öfter zu hören war, sich stets die Vorstellung eines absolut und endgültig guten Zustands der Welt verband. In diesem Sinn hofften religiöse Eiferer wie die Essener oder die Bruderschaft der Pharisäer auf die neue Welt, in der alles Negative überholt sei. Und da dies im Blick auf die bekannte, in vieler Hinsicht absolut nicht vollkommene Welt unvorstellbar war, verband sich mit dem Begriff Reich Gottes damals die Hoffnung auf einen ganz neuen Anfang, den allein Gott stiften könnte, einen „neuen Äon“, in dem alles Böse überwunden sei – für immer! Dieser letzte, unüberbietbare Zustand wurde griechisch als das „Eschaton“ bezeichnet – somit wird die Zeitströmung einer intensiven Erwartung, in die Jesus hineinwuchs, auch Eschatologie genannt. Der Täufer Johannes verkündete die Nähe dieses Reiches Gottes und taufte die Menschen zum Zeichen der Vergebung und Versiegelung für die demnächst hereinbrechende Neue Welt.

Jesus aber löst sich von dieser Vorstellung des Täufers (dessen Jünger er gewesen war): Er verkündet das Reich Gottes als schon präsent, schon gegenwärtig! Dabei löst er das „Reich Gottes“ zugleich aus dem kindlich-paradiesischen Vorstellungsrahmen heraus; denn ihm erschließt sich die vorfindliche Welt als ein großer, wunderbarer und göttlicher Gesamtzusammenhang, in dem vor allem menschliche Ichsucht, Bosheit und Gewalt für Unrecht und Unheil verantwortlich sind. Seine Lehre, seine Gleichnisse und Weisungen wie auch seine Begegnungen verkörpern somit die Weisheit und die heilende Kraft, die Gott der Schöpfung eingestiftet hat, und sind darauf gerichtet, den Menschen die „geistlichen Augen“ zu öffnen, damit sie diesen heiligen Gesamtzusammenhang selbständig wahrzunehmen und auf ihn zu vertrauen lernen! Dies wird bestätigt durch viele Beispiele von Jesusworten, die diese Gegenwart etwa in Vorgängen der Natur, aber auch in Formen menschlichen Verhaltens aufleuchten lassen.

 

E. Veränderungen für die Glaubensstruktur

M.E. wird dadurch für heutige Menschen der Zugang zu „GOTT“ wieder unmittelbarer möglich. Ich schreibe das Wort gern mit Großbuchstaben, um anzudeuten, dass die mit diesen Buchstaben signalisierte Realität unser menschliches Begreifen unendlich übersteigt. Mit unserem heutigen Verständnis von der Unendlichkeit des Universums muss ja auch unser „Begriff“ von GOTT unendlich größer werden als zu Zeiten des biblischen Weltbildes! Dabei bedeutet die heutige Hypothese der Entstehung des Universums aus dem „Urknall“ weder eine Bestätigung der „Existenz“ GOTTes, noch ihre Widerlegung. So werden religiöse Menschen auch unter dieser Hypothese am Glauben an GOTT festhalten können, auch angesichts der heute erkannten Dimensionen der Welt; denn wenn „Gott“ wirklich GOTT ist, dann muss die „Existenz GOTTes“ in jedem Fall grundlegender sein als alles, was wir als Materie oder Energie oder „Geist“ je benennen können.

Das heißt aber auch, dass die Frage, ob Menschen an GOTT glauben oder nicht, sie nicht mehr entzweien muss, sondern dass sie in den konkreten Problemen, mit denen die Realität sie konfrontiert, ohne weiteres vertrauensvoll zusammenarbeiten können. Das Gebot der Feindesliebe (Mt. 5,44f) entzieht jedem Überlegenheitsdünkel gläubiger Menschen den Boden, und auf dieselbe Konsequenz läuft auch die Warnung hinaus, über andere Menschen zu richten (Mt. 7,1ff); denn auf Sonne und Regen als Grundbedingungen des Lebens sind alle gleichermaßen angewiesen!

Angemerkt sei auch, dass das christliche Missionsverständnis einschließlich seines „klassischen Einsetzungstextes“ (Mt. 28,16-20) keinen jesuanischen Ursprung besitzt, sondern als „krönender Abschluss“ seines Evangeliums eine legendäre Schöpfung des Evangelisten Matthäus ist. Zweifellos war zu seiner Zeit (ca. 80 n.Chr.) die Taufe als Initiationsritus bereits fest etabliert, was aber nicht auf Jesus, sondern vermutlich auf Paulus zurückgeht, der diesen Ritus auch deshalb nutzte, weil im Bewusstsein eines getauften Erwachsenen wie auch derer, die der Taufe beiwohnten, dieser Vollzug die Zusammengehörigkeit in der neuen Gemeinschaft festigte. Erst aus heutiger Sicht wird erkennbar, dass damit (wie auch durch die Praxis des „Herrenmahls“) eine Grenze zwischen „denen drinnen und denen draußen“ gezogen wurde, die dem offenen Verständnis Jesu vom Reiches Gottes möglicherweise gar nicht entsprach.

An dieser Stelle sei auf ein allzu einfaches Verständnis von Reich Gottes hingewiesen, nämlich schlichtweg als das gesamte Universum. Wie schon oben (Teil D., letzter Abschnitt) bemerkt, würde dies auch alles von Menschen verursachte Unrecht und Unheil mit einschließen. Doch Jesus benutzt den Begriff in einem vom Heilswillen GOTTes qualifizierten Sinn, in dem keineswegs Gut und Böse gleichgesetzt werden. Reich GOTTes ist da, wo der gute Schöpfungswille GOTTes geschieht. Und damit gibt uns Jesus eine neue „Stütze“ für unser Verstehen: Reich Gottes ist, wo Weisheit und heilende Kraft wirken.

 

F. Einundzwanzig Jesustexte und ihre Bedeutung

Die ntl. Wissenschaft hat seit den 1970er Jahren aus unterschiedlichen Gründen vor den Bemühungen, aus den Evangelien diejenigen Texte herauszufiltern, die mit großer Wahrscheinlichkeit auf Jesus selbst zurückgehen, kapituliert – und damit m.E. darauf verzichtet, die essentielle Jesusbotschaft nach Umfang und Inhalt genauer zu bestimmen. Einer, der dies dennoch versucht hat, ist der 1952 geborene Pfarrer Dr. Claus Petersen in Nürnberg. Er hat aus den Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas mittels anerkannter Regeln historisch-kritischer Exegese5 einen Bestand von Jesustexten identifiziert, die deutlich zur Kernthematik Jesu gehören, und sie gleichzeitig von erkennbaren nachösterlichen Erweiterungen, oft auch Verfälschungen befreit. Seit 2005 hat er diese Texte in drei Büchern vorgestellt und unter verschiedenen Fragestellungen ausgelegt.6 Ich schließe mich seinen Darlegungen an, dass diese 21 Texte „aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich auf Jesus von Nazareth zurückgehen“.7 Einen m.E. sehr wichtigen Gedankengang Jesu allerdings würde ich den 21 Texten gerne noch hinzufügen, nämlich die Bindung der Vergebung durch Gott an die Vergebungsbereitschaft des Menschen.8 Petersen hat mit seinen Büchern mindestens eine beachtenswerte Arbeitshypothese bezüglich der Kernbotschaft Jesu vorgelegt, die sich sehr deutlich vom lange verkündigten lieben Jesus unterscheidet.

 

G. Kann eine jesuanische Religiosität in der heutigen globalen Krise helfen?

Menschen, denen das hier vorgeschlagene Umdenken einleuchtet, brauchen das Gespräch – zu zweit oder, besser noch, in Gruppen zu mehreren, um an aktuellen Problemen die Relevanz des Reich-Gottes-Verständnisses zu erkennen. Wertvoll dürfte sein, wenn solche Gruppen auch gemischt wären, so dass unterschiedliche Lebensalter, Ausbildungen und Lebensstile zusammen kämen. Auch wenn dies Papier von einer „traditionellen evangelischen Religiosität“ ausgeht, könnte die Beteiligung anderer kirchlicher Richtungen oder auch nichtchristlicher Einstellungen sehr belebend sein – vorausgesetzt, dass eine sprachlich genügende Verständigung möglich ist.

Über das Gespräch hinausführende Schritte könnten darin bestehen, durch Meditation, Gebet, Lieder oder auch künstlerische Äußerungsformen die Kommunikation zu erweitern, insbesondere in der Erwartung, dass unter und durch solchen Austausch eine sich verdichtende Erfahrung der realen Gegenwart des Reiches Gottes eintreten kann. Hinweise von Teilnehmenden, denen sich solche Erfahrungen eröffnen, sollten daher keinesfalls verschwiegen, sondern vertrauensvoll geteilt werden.

Schließlich liegt in der Perspektive des Gesagten auch die Möglichkeit zu öffentlichen Aktionen bzw. zur Beteiligung an solchen. Sofern es dabei zu kontroversen Diskussionen kommt, wären diese ein wertvolles Erfahrungsfeld dafür, sich nicht zu heftigen emotionalen Ausbrüchen hinreißen zu lassen, sondern die jesuanischen Impulse (z.B. 8., 13., 16.) soweit wie möglich zum Tragen zu bringen. Denn selbstverständlich schließt jesuanische Spiritualität jede Gewaltanwendung aus, auch verbal. Nicht auszuschließen ist hingegen, dass auch tief von der Gegenwart des Reiches Gottes überzeugte Menschen selbst Opfer von psychischer oder physischer Gewalt werden können, wie es Jesus selbst widerfuhr. Doch war sein Kreuzestod bekanntlich auch nicht das Ende seiner Mission.

 

H. Fazit und Zuspitzung

Die gegenwärtige globale Krise richtet an alle einflussreichen Instanzen aller Staaten und deren Gesellschaften die Forderung, dass es kein „Weiter wie bisher“ mehr geben darf, sondern dass Aktivitäten auf allen Ebenen daraufhin zu untersuchen sind, in welcher Weise sie in die genannten Krisen verflochten sind – und wie sie umgehend so verändert werden können, dass sie zu substantieller Minderung der Risiken beitragen.

Zentral unter diesen Krisen ist m.E. die Reichtumskrise; denn bei allen Menschen, die über deutlich mehr Vermögen verfügen, als sie für ihr eigenes Leben benötigen, ist zu beobachten, dass sie ihre freien Finanzmittel in aller Regel dazu einsetzen, ihr Vermögen weiter zu mehren. Dies resultiert in einer maßlosen Aufblähung der Finanzmärkte in einer Größenordung des Dreifachen (!) der weltweiten Wirtschaftsmärkte. So betrachtet sind die weltweiten Armuts- und Migrationsprobleme eine Folge der Anhäufung von Reichtümern. Ist es nicht frappierend, wie die Verkündigung Jesu vor 2000 Jahren bereits exakt auf dieses Zentralproblem hingewiesen hat (s. die Texte 1., 2. und 12.)?

Dies ist nur ein Beispiel für die Aktualität der Jesusbotschaft. Doch die oben (Teil C.) angesprochene Beliebigkeit kirchlicher Verkündigung verhindert bislang, dass die durch Jesus gegebenen Impulse wirksam zum Tragen kommen. Zwar haben alle den Kanon der Bibel als Grundlage, aber der Kanon im Kanon, also die leitende Orientierung der Auslegung ist so chaotisch unterschiedlich,9 dass auch beste Energien, aufs große Ganze der Kirche gesehen, fast wirkungslos verpuffen. Für alle Kirchen bedeutet dies m.E., dass sie in Verkündigung und Lehre (wie auch in ihrer Selbstdarstellung und den Vergütungen ihrer Mitarbeitenden) radikale und nachhaltige Umkehr schuldig sind. Die Selbstmarginalisierung der Kirchen hätte wohl nie das heutige Ausmaß erreicht, wenn ihr öffentliches Zeugnis diese bereits von Propheten wie Jesaja und Amos, aber vor allem eben von Jesus krass herausgestellten Zusammenhänge nicht konsequent bagatellisiert hätte. (Man weiß ja, wie das Bildwort vom Kamel und dem Nadelöhr von Anfang an entschärft, statt als plakative Übertreibung ernst genommen wurde. Gleiches gilt z.B. für Jesu Verdikt gegen Gewaltanwendung, Text 16., und andere Impulse.) Es lohnt, einmal im Internet nachzuforschen unter dem Stichwort „Katakombenpakt“ während des 2. Vatikanums! Immerhin 500 Konzilsväter beteiligten sich damals daran – (Konzilsmütter gibt es leider bis heute noch nicht). Vielleicht auch deshalb wird die sog. „vorrangige Option für die Armen“ vielleicht bei den Quäkern praktiziert, ist aber bei den Großkirchen weltweit nur nachrangig zu finden.

Kurz gesagt: Claus Petersen hat mit den 21 Texten sicherlich das entscheidende Vermächtnis Jesu freigelegt. Dessen Umsetzung – oder Missachtung! – dürfte für die Kirchen, für die Weltreligionen und die gesamte Menschheit von schicksalhafter Bedeutung sein. Wer weiterhin mythologische Elemente der Religionen (inklusive der nachjesuanischen „Rechtfertigung durch das Blut Jesu“) für wichtiger hält als die klaren Weisungen Jesu, sollte sich dies gut überlegen. Die Zeichen der Zeit sprechen m.E. eine deutliche Sprache. 

 

21 originale Jesusworte …

 1. Selig sind die Armen, [die nicht mehr besitzen, als sie wirklich brauchen], denn ihrer ist das Reich Gottes. (Mt. 5,3/Lk. 6,20b)

 2. Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt. (Mk. 10,25)

 3. … solcher [der Kinder] ist das Reich Gottes. Amen, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, der kommt nicht hinein. (Mk. 10,14b)

 4. Ein Mensch veranstaltete ein großes Festmahl, lud viele dazu ein und schickte, als das Fest beginnen sollte, seinen Diener aus, um den Eingeladenen zu sagen: „Kommt, denn es ist schon bereit!“ … Der Diener kehrte zurück und berichtete seinem Herrn davon. Da wurde der Hausherr zornig und sagte zu seinem Diener: „Geh schnell hinaus auf die Plätze und Straßen der Stadt und führ die Armen herein!“ (Lk. 14,16-21a/Mt. 22,1-9)

 5. Niemand näht einen Flicken von neuem Stoff auf ein altes Gewand. Sonst reißt das Füllstück von ihm ab, und der Riss wird schlimmer. Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche. Sonst zerreißt der Wein die Schläuche, und der Wein geht verloren mitsamt den Schläuchen. (Mk. 2,21-22; ohne verstärkenden Zusatz)

 6. Wer Hochzeit feiert, kann doch nicht fasten! (Mk. 2,19a)

 7. Mit dem Reich Gottes ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker verborgen war. Ein Mensch fand ihn und verbarg ihn wieder. – Und in seiner Freude geht er hin, verkauft alles, was er besitzt, und kauft jenen Acker. (Mt. 13,44)

 8. Seine Hand an den Pflug legen und zurückblicken, das passt nicht zum Reich Gottes. (Lk. 9,62)

 9. Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht worden, und nicht der Mensch um des Sabbats willen. (Mk. 2,27)

10. Das Gesetz und die Propheten: Bis Johannes. Von da an bricht sich das Reich Gottes Bahn, und jeder drängt sich mit Gewalt hinein. (Mt. 11,12f/Lk. 16,16)

11. Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte; man wird auch nicht sagen: siehe, hier! oder: dort! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. (Lk. 17,20b-21)

12. Mit dem Reich Gottes verhält es sich so: Ein Gutsbesitzer ging gleich am frühen Morgen hinaus, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Nachdem er mit den Arbeitern um einen Tageslohn von einem Denar übereingekommen war, schickte er sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder hinaus … Er aber antwortete einem von ihnen: „Mein Freund, ich tue dir kein Unrecht. Bist du nicht um einen Denar mit mir übereingekommen? So nimm das Deine und geh. Ich will diesem Letzten dasselbe geben wie dir.“ (Mt. 20,1-3 … 14; ohne die Zusätze 15f)

13. Wer unter euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer unter euch Erster sein will, der soll der Knecht aller sein. (Mk. 10,43b-44)

14. Wenn ich mit dem Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann hat euch doch das Reich Gottes erreicht. (Mt. 12,28/Lk. 11,20)

15. Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen. (Lk. 10,18)

16. Dem, der dich auf die Wange schlägt, halte auch die andere hin! (Mt. 5,39b/Lk. 6,29a)

17. Mit dem Reich Gottes verhält es sich so, wie wenn ein Mensch Samen auf die Erde gestreut hat, … (Mk. 4,26-28)

18. Womit könnte man das Reich Gottes vergleichen, oder in welchem Gleichnis könnte man es darstellen? – Es ist wie ein Senfkorn, … (Mk. 4,30-32)

19. Mit dem Reich Gottes ist es wie mit einem Sauerteig, den eine Frau nahm und in drei Sat Weizenmehl mengte, bis er das Ganze durchsäuert hatte. (Mt.13,33/Lk. 13,21)

20. Siehe, ein Sämann ging aus, zu säen. Beim Säen geschah Folgendes: … Alles übrige aber fällt auf guten Boden; und es bringt Frucht, nachdem es aufgegangen und gewachsen ist, und trägt dreißigfach! (Mk. 4,3…-8; ohne nachträgliche Erweiterungen)

21. Lass die Toten ihre Toten begraben – du aber mach das Reich Gottes bekannt! (Mt. 8,22/Lk. 9,60; ohne späteren Zusatz)

(nach Claus Petersen)

 

und ihre aktuelle Bedeutung

1.+2. Im Kontrast zwischen Arm und Reich: klare Option zugunsten der Armen.

3. Die Stimme der Kinder/der Schwächsten ist wegweisend.

4. Jetzt gilt es, der Einladung zu folgen.

5.+6. Die Entscheidung fürs Neue nicht hemmen lassen durch Altes.

7.+8. Der Spur der entdeckten Freude weiter folgen.

9. Wichtiger als alte Traditionen ist das, was Menschen hilft.

10.+11. Der entscheidende Epochenwechsel hat bereits stattgefunden.

12. Statt Hoch- und Niedriglohn: Auskömmliches Leben für alle.

13. Der Weg zum herrschaftsfreien Leben ist freiwilliges Dienen.

14. Auch Dämonen verlieren einmal ihre Macht.

15.+16. Das Entscheidende ist schon geschehen – doch dein gewaltloses Widerstehen kann mithelfen, dass das Böse immer weniger Teilsiege feiern kann.

17. Das Saatkorn säen, ja – und dennoch das Wachsen als Wunder begreifen…

18. … vom Kleinsten bis zum Größten.

19. Die Frau, den Teig knetend, kooperiert mit dem Wunder.

20. Nicht auf Verluste starren, sondern die wachsende Liebe wirksam werden lassen.

21. Hat das Reich Gottes dein Herz angerührt – mach es weiter bekannt.

 

Anmerkungen

1 Israel Finkelstein/Neil A. Silberman, Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel, DTV 2006.

2 Dieser Prozess einer fortgesetzten Vergöttlichung Jesu lässt sich im NT in ihrer Abfolge genau ablesen: Paulus, der früheste schriftliche Zeuge, lässt in der Einleitung zum Römerbrief (ca. im Jahr 60) in Kap. 1,3f Jesus noch Mensch sein, „aus dem Geschlecht Davids“, aber nach seinem Tod „eingesetzt zum Sohn Gottes … in der Auferstehung“. Markus, ca. im Jahr 70, verlegt die göttliche Adoption weiter nach vorn, geschehen bereits durch die Himmelsstimme bei der Taufe des erwachsenen Jesus 1,11), noch vor seinem öffentlichen Wirken. Matthäus und Lukas (ca. 80-90) kolportieren in ihren erfundenen Geburtslegenden (in total unterschiedlichen Erzählungen!), dass Jesus dank übernatürlicher Zeugung bereits im Mutterleib Gottes Sohn war (Mt. 1,20; Lk. 1,31). Und für Johannes (um 100) war er dies schon, bevor die Welt erschaffen wurde (Joh. 1,1.14-17).

3 In dem Gedicht „Deutschland ein Wintermärchen“, 1. Kapitel.

4 Hinsichtlich der „Jesusworte bzw. -reden“ im Johannesevangelium herrscht wissenschaftlich weithin Konsens, dass diese größtenteils nicht auf Jesus zurückgehen, sondern Zeugnisse des Glaubens des Evangelisten sind, die er „seinem Jesus“ in den Mund legt, womit sie für die Fragestellung hier entfallen.

5 Hier ist vor allem das sog. Unvergleichlichkeitskriterium (oder doppelte Differenzkriterium) zu nennen, wonach solche Jesusworte in den Evangelien, die sich einerseits von den Lehren des zeitgenössischen Judentums abheben und sich andererseits auch nicht aus der Situation der frühchristlichen Gemeinden erklären lassen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf den historischen Jesus zurückgehen (Petersen 2005, 16). Für verschiedene Lesarten eines Jesuswortes gelten die Regeln: die kürzere Lesart ist die wahrscheinlichere bzw. die schwierigere Lesart ist die wahrscheinlichere (Petersen 2016, 68).

6 Es handelt sich um diese Titel: 2005: Die Botschaft Jesu vom Reich Gottes. Aufruf zum Neubeginn, Kreuz Verlag Stuttgart; 2016: WeltReligion. Von der paulinisch-lutherischen Kreuzestheologie zur Botschaft Jesu von der Gegenwart des Reiches Gottes. Von den Strukturen der Gewalt zu einer Kultur des Friedens. Verlag tredition, Hamburg; 2020: 21 Entdeckungen. Was Jesus wirklich lehrte. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh.

7 Petersen 2020, Schutzumschlag Rückseite.

8 Er ist belegt in der 5. Vaterunser-Bitte „und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, sowie im Gleichnis vom „Schalksknecht“ (Mt. 18,31-34).

9 So z.B. in der röm.-kath. Kirche die Rücksicht auf frühere Lehrentscheidungen, in den lutherischen Kirchen das Kriterium der Rechtfertigung allein aus dem Glauben an den Sühnetod Christi.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Eckart Emrich, Jahrgang 1944, ­Studium in Heidelberg, Göttingen und Utrecht, ein Jahr ökum. Stipendiat in Richmond, Virginia/USA, Pfarrer in Speyer-Nord, Krankenhausseelsorger in Zweibrücken-Pfalz, dann Gemeindepfarrer in Zweibrücken-Ixheim; im Ruhestand ­engagiert in ehrenamtlicher Flüchtlingsarbeit.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2022

2 Kommentare zu diesem Artikel
29.04.2022 Ein Kommentar von Thomas Scheiner That's A New One Endlich - der Stein der Weisen. Der helige Gral. Der gordische Knoten der "gängige[n] Beliebigkeit in der Verkündigung" ist endlich durchhauen. Endlich: die viva vox Jesu!! Warum nur hat das seither niemand versucht? Moment: das haben ja schon viele. Seit mehreren hundert Jahren. Hab ich zumindest in der Kirchen- und Dogmengeschichte gelernt. Und auch (Achtung Spoileralarm): Dieser Weg hat noch nie etwas gebracht. Warum? Weil es keinen Konsens gibt, was alles nun wirklich original Jesus ist. Die Worte Jesu sind ins Kerygma und in den Kanon aufgegangen und davon kaum akkurat zu trennen. Und selbst WENN das gelingen sollte, müssten sich (evangelische) ChristInnen erst einmal auf eine gemeinsame Auslegung dieser Aussagen einigen. Und - und das ist wohl die wichtigste Frage: Meint jemand ernsthaft, dass kirchliche Verkündigung dadurch mehr Relevanz im Konzert der Meinungen und Weltanschauungen finden wird? Ich nicht. Schöne Grüße T. Scheiner
04.06.2022 Ein Kommentar von Ralf Philipp Stern Ich kann dieser "Freilegung" sehr viel abgewinnen. Ich habe Dinge erlebt und meine Lebenserfahrungen- und Handlungen in diese Art des Lebensvollzuges eingebetet und dabei genau solche Erfahrungen erlebt die Sie beschreiben. Dies ist viel verständlicher und passt zum Wille Jesus des dreifachen - nicht zweifachen wie oft Kirche selbst schreibt - Liebesgebotes. Das ist entscheidend den nur wer sich gesund selbst liebt kann gesund andere lieben. und vieles mehr was den theologischen schlauen Auslegungen fehlt. Besonders die Inhalte des Herzens. Wobei das der Kern des Glaubens ist und viel weniger die wissenschaftlichen Streitigkeiten wie bei weltlichen Wissenschaften. ....
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