Im ersten Lockdown der Corona-Krise im Jahr 2020 war Ostern zum ersten Mal ganz und gar digital: Osternächte wurden über Youtube und Zoom gefeiert. Es gab Twitter-Gottesdienste und viele andere Formate. Doch wie ist es um die digitale Kompetenz von Mitarbeitenden in der Kirche bestellt, und wie kann sie verbessert werden?

 

Ein Produkt der Corona-Krise ist die erneute Wahrnehmung des digitalen Raums auch in der Kirche. Selbst die kirchlichen Mitarbeitenden, die auf eigene Online-Angebote aus welchen Gründen auch immer verzichtet haben, nahmen zumindest an Gremiensitzungen in Form von Videokonferenzen teil. Der „digitale Schub“1 ist die unwidersprochene Realität des Lockdowns. Eine Krise, die hoffentlich wieder zu Ende geht, wäre allein kein ausreichender Grund für eine langfristige Ausrichtung. Bei der digitalen Welt ist dies anders. Die Digitalisierung bleibt eine gesellschaftliche Realität, auch wenn wir die Osternacht wieder eng gedrängt im Chorraum feiern können.

Deswegen ist es kein Wunder, dass in den „12 Leitsätzen zur Zukunft einer aufgeschlossenen Kirche“2, die die EKD-Synode im November 2020 beschlossen hat, Digitalisierung einen prominenten Platz einnimmt. Der 6. Leitsatz lautet: „Wir wollen Kirche im digitalen Raum sein.“ Die Erläuterung gibt Hinweise, welche Überlegungen Kirche im digitalen Raum leiten soll. Ein Element dabei: „Mitarbeitende sollen in die Lage versetzt werden, in der Logik digitalen Handelns zuhause zu sein.“ Wie diese „Beheimatung“ aber vonstattengehen soll, darüber geben die 12 Leitsätze kaum Auskunft. Von Ausbildung ist nebenbei die Rede. Klare Anforderungen an Fort- und Weiterbildung fehlen ebenso, wie ein Anschluss an die breite Diskussion zu digitalen Kompetenzen.

Darin unterscheiden sich die „Leitsätze“ von der aktuellen wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion um „Digital Leadership“, also die Fähigkeit eines Unternehmens im digitalen Wandel zu bestehen. So schreibt Tobias Kollmann in einem aktuellen Lehrbuch „Investitionen in digitale Weiterbildung [sind] unabdingbar, um insbesondere die ältere Mitarbeitergeneration in den Transformationsprozess zu integrieren.“3

 

Kein Fall für Spezialisten

Die kirchliche Unterstützung für digitale Ideen konzentrierte sich bisher vor allem auf Verwaltungsvorgänge, Ausstattung und einige Leuchtturmprojekte. Digitalität – so entsteht der Eindruck – ist etwas für Spezialist*innen. Wenn aber das Evangelium in der digitalen Lebenswelt genauso präsent sein soll wie der Kirchturm im Dorf, dann braucht es die Kreativität der kirchlich Mitarbeitenden in ihrer Vielfalt. Von Pfarrerin und Kindergartenleiterin, Kirchenmusiker und Jungscharleiter, Kirchenbandleader und Besuchsdienstmitarbeiterin. Um aber kreativ sein zu können im digitalen Raum, brauchen die Mitarbeitenden digitale Kompetenz. Sie müssen – angemessen reflektiert – wissen, wie sie digital aktiv sein können.

Digitale Kompetenz ist dabei ein Begriff der en vogue, aber keineswegs eindeutig ist. Der Ruf nach digitaler Kompetenz für alle ist allenthalben zu hören – zumindest außerhalb der Kirche. 2016 hat die Kultusministerkonferenz dazu die Strategie „Bildung in der digitalen Welt“4 veröffentlicht. Sie stützt sich auf den Europäischen Referenzrahmen für Digitale Kompetenzen (oder DigComp)5. Diese erwartet, dass alle europäischen Bürgerinnen und Bürger in folgenden Aspekten mit digitalen Werkzeugen umgehen können:

— Informations- und Datenkompetenz
— Gestalten und Erzeugen digitaler Inhalte
— Kommunikation und Kollaboration
— Sicherheit und Wohlbefinden
— Problemlösungskompetenz

Aber wie steht es um diese Kompetenzen bei der deutschen Bevölkerung und bei kirchlichen Mitarbeitenden? Seit 2013 veröffentlicht die „Initiative 21“, eine Organisation von Bundesregierung und großen Unternehmen der Digitalwirtschaft, einen „Digitalindex“6. Ein wichtiges Teilziel ist, die Digitalkompetenz der deutschen Bevölkerung zu erheben. Zunehmend orientiert sie sich dabei am genannten Europäischen Referenzrahmen.

Für die Studie wird jährlich eine repräsentative Stichprobe erhoben. Die Befragten geben an, inwiefern sie die jeweilige Kompetenz besitzen oder nicht. Ein paar Beispiele illustrieren, wie eng begrenzt die Digitalkompetenz in weiten Teilen ist. So können zwar nach Selbstaussage im Rahmen der Informations- und Datenkompetenz 76% der deutschen Wohnbevölkerung eine Internetrecherche durchführen, aber nur 56% geben an, unseriöse Nachrichten als solche identifizieren zu können. Noch krasser sind die Unterschiede im Kompetenzbereich Kommunikation und Kollaboration. So können zwar 80% mit dem Smartphone ein Foto machen und dieses versenden, noch 36% eine Videokonferenz einrichten, aber lediglich 19% geben an, ihre digitale Identität in sozialen Medien steuern zu können.

 

Mangel an grundlegenden digitalen Kompetenzen

Es gibt keine vergleichbare Studie für kirchliche Mitarbeitende. Insgesamt kann man davon ausgehen, dass die Werte der so verstandenen digitalen Kompetenz bei kirchlich Mitarbeitenden etwas höher liegen, da sie oft höhere Bildungsabschlüsse haben als der Durchschnitt der Bevölkerung. Trotzdem ist es wahrscheinlich, dass es einem größeren Teil der kirchlichen Mitarbeitenden an grundlegenden digitalen Kompetenzen mangelt.

Aber auch wenn es anders wäre – diese allgemeinen Digitalkompetenzen reichen nicht aus, um das Evangelium in der Breite der digitalen Lebenswelten zu kommunizieren. Gerade hauptamtliche kirchliche Mitarbeitende müssen ihre grundlegenden beruflichen Kompetenzen auch in der digitalen Welt zum Wirken bringen können. Wahrscheinlich ist dafür ein ganz bestimmter Mix an digitalen Kompetenzen notwendig – welche das genau sind, darüber gibt es keine Einigkeit.

In einer kleinen, nicht repräsentativen Studie haben die Arbeitsgemeinschaft der Evang. Jugend in Deutschland und das Studienzentrum für evang. Jugendarbeit in Josefstal Mitarbeitende in der evangelischen Jugendarbeit befragt, welche digitalen Kompetenzen sie für besonders wichtig halten7. 361 haben die Umfrage beantwortet – etwa zwei Drittel beruflich Mitarbeitende und ein Drittel Ehrenamtliche. Sie waren gebeten, 24 digitale Kompetenzaussagen danach zu bewerten, ob es sich um

— eine Grundkompetenz handelt, also alle Mitarbeitenden sie besitzen sollen,
— eine Aufbaukompetenz, die sich einige Mitarbeitende in der evangelischen Jugendarbeit aneignen sollten
— oder die Kompetenz für die kirchliche Arbeit mit jungen Menschen gar nicht relevant sei.

 

Digitale Kernkompetenzen

Acht Kompetenzaussagen haben bei den Befragten besondere Zustimmung erfahren. Zwei Drittel der Befragten oder mehr ordneten sie als Grundkompetenz ein. Zusammenfassend lassen diese sich folgendermaßen beschreiben:

— Verständnis von Lebenswelten junger Menschen (gerade in Sozialen Medien oder im Gaming-Bereich);
— Klarheit über rechtliche Rahmenbedingungen (Jugend- und Datenschutz, usw.);
— Gremienleitung und Moderation von digitalen Partizipationsprozessen;
— digitale Gruppenleitung mit Spaß und Inhalt;
— ethische Reflexion der Digitalität.

Diese Grundkompetenzen erfahren eine sehr große Zustimmung. Andere Kompetenzen halten viele eher für Spezialwissen. Dazu gehört das Aufnehmen und Schneiden von Videos oder das Gestalten von Podcasts. Wie immer man eine Kompetenz im Einzelnen auch einordnet: die Liste von relevanten Kompetenzen bleibt lange und herausfordernd. Denn für irrelevant hält die 24 vorgeschlagenen Kompetenzen kaum jemand der Befragten.

Diese Liste klärt nicht abschließend die notwendigen digitalen Kompetenzen für kirchliche Mitarbeitende. Denn natürlich gibt es Unterschiede in den Einsatzbereichen und Unterschiede, wie tief eine Kompetenz tatsächlich beherrscht werden muss.

In vielen pädagogischen Arbeitsbereichen gibt es bereits eine eingehende Diskussion zu den relevanten Kompetenzbereichen. So hat die Europäische Kommission einen Kompetenzrahmen für Lehrer*innen erarbeitet8, und es gibt eine Reihe von Kompetenzmodellen für Hochschullehrende9. Die Virtuelle Pädagogische Hochschule, ein österreichisches Zentrum für die Lehrerbildung, schlägt acht Kompetenzbereiche für Lehrer*innen vor10.

 

Ein Kompetenzrahmen für kirchliche Mitarbeitende

Angeregt durch den Kompetenzrahmen der Virtuellen Pädagogischen Hochschule Österreich (und mit einigen direkten Zitaten) lässt sich auch ein erster Kompetenzrahmen für kirchliche Mitarbeitende formulieren. Sicher braucht es unterschiedliche Ausprägungen für Jugendmitarbeitende, Pfarrer*innen oder Kirchenmusiker*innen. Ziel ist dabei immer, die Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Welt zu ermöglichen. So ergeben sich zehn grundlegende Kompetenzen:

1. Informatorische Grundbildung im Sinne des Europäischen Referenzrahmens;

2. Leben im Zeichen der Digitalität mit digitaler Ethik und einem theologischen Verständnis von relevanten digitalen Lebenswelten;

3. Gestalten, Verändern und Veröffentlichen von digitalen Artefakten (z.B. Webseite, Social Media-Posts, Online-Videos, Podcasts) für die eigene Zielgruppe mit theologischen und religionspädagogischen Inhalten;

4. Planen, Durchführen und Evaluieren von liturgischen und religionspädagogischen Veranstaltungen mit Unterstützung von digitalen Medien oder ganz im Internet. Dazu gehört auch die partizipative Durchführung mit Kolleg*innen und Ehrenamtlichen;

5. Nutzung von digitalen Medien, Software und digitalem Content zur theologischen und pädagogischen Vorbereitung und Recherche; Klarheit über Datenschutz und Urheberrecht;

6. Förderung von kritischer Medienkompetenz bei Gemeindemitgliedern und Mitarbeitenden;

7. Seelsorge und Beratung auch mit digitalen Kommunikationsmedien;

8. Verantwortungsbewusste und effiziente Verwaltungsprozesse, Kommunikation und Kollaboration mit Kolleg*innen;

9. Gestaltung und Leitung von Partizipationsprozessen mit digitalen Mitteln oder ganz im virtuellen Raum,

10. Lebenslanges Lernen, Fortbildung mit bzw. zu digitalen Medien.

Kirchliche Mitarbeitende mit diesen Kompetenzen können tatsächlich „Kirche im digitalen Raum“ sein. Sie sind dann in der Lage, digitale Möglichkeiten kreativ und verantwortlich zu nutzen, um Menschen in ihren digitalen Lebenswelten als Botschafter*innen des Evangeliums zu begegnen. Es scheint aber fraglich, ob bereits jetzt eine Mehrheit diese Kompetenzen abrufen kann. Deswegen sind die Kirchen gefordert, ihre Kompetenzerwartungen an Mitarbeitende zu klären und entsprechende Aus- und Fortbildungsangebote zu machen.

 

Roger Schmidt

 

Anmerkungen

1 Daniel Hörsch: Digitale Verkündigungsformate während der Corona-Krise. Eine Ad-hoc-Studie im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland, hg. von: midi /Ev. Werk für Diakonie und Entwicklung e.V., Berlin 2020, 21. Online: https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/midi_Ad-hoc-Studie_Digitale_Verkuendigungsformate_waehrend_der_Corona-Krise.pdf (alle Links wurden am 6.3.2021 abgerufen).

2 https://www.ekd.de/zwoelf-leitsaetze-zur-zukunft-einer-aufgeschlossenen-kirche60102.htm

3 Tobias Kollmann. Digital Leadership, 30, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2020.

4 „Bildung in der digitalen Welt“. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 8.12.2016 in der Fassung vom 7.12.2017. Online: https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2018/Strategie_Bildung_in_der_digitalen_Welt_idF._vom_07.12.2017.pdf.

5 Digital Competence Framework 2.0, Online: https://ec.europa.eu/jrc/en/digcomp/digital-competence-framework.

6 Initiative D21 e.V.: „D21 Digital-Index 2020/2021. Jährliches Lagebild zur Digitalen Gesellschaft“. Berlin 2021. Online: https://initiatived21.de/app/uploads/2021/02/d21-digital-index-2020_2021.pdf.

7 Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Jugend in Deutschland e.V./Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit in Josefstal e.V.; „Digitale Kompetenzen in Evangelischer Jugendarbeit“, Februar 2021. Online: https://josefstal.de/digitale-kompetenz-jugendarbeit/.

8 Digital Competence Framework for Educators (DigCompEdu). Online: https://ec.europa.eu/jrc/en/digcompedu.

9 Z.B. Michael Eichhorn: „Digitale Kompetenzen von Hochschullehrenden erfassen und fördern“ In: Marlene Miglbauer, Lene Kieberl & Stefan Schmid (Hg.): „Hochschule digital.innovativ | #digiPH Tagungsband zur 1. Online-Tagung“ Graz 2018, 35-52. Online: https://www.virtuelle-ph.at/digiph/archiv-online-tagung-digiph/.

10 Digi.kompP – Digitale Kompetenzen für Pädagoginnen und Pädagogen. Stand 2019. Von einem großen Team des Onlinecampus Virtuelle PH im Auftrag des BMBWF entwickelt. Online: https://www.virtuelle-ph.at/wp-content/uploads/2020/02/Grafik-und-Deskriptoren_Langfassung_Version-2019.pdf.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2022

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