An Weihnachten vergangenes Jahr startete die „James-Webb-Teleskop“-Mission der NASA und ESA, die völlig neue Einsichten in die Anfänge des Universums gewähren soll. Schon immer berührten die letzten kosmologischen Fragen auch philosophisches und religiöses Terrain, und manche Astrophysiker werden von theologischen Gedanken bewegt. Christian Wendebourg stellt einen von ihnen vor: Heino Falcke.

 

„Gottes neue Sinnfluencer“ – so überschrieb eine große deutsche Tageszeitung einen Feuilletonbeitrag anlässlich des Weihnachtsfestkreises 2020. „Gott hat es bei uns nicht leicht: Wer tritt heute noch als offener, liberaler und moderner Mensch für den Glauben ein?“ Wir stellen fünf Menschen vor, die mit ihrem Verständnis von Religion neue Wege beschreiten – und Türen öffnen wollen.“1

Als deren eindrücklichster Vertreter entpuppte sich der Fünfte und Letzte im Bunde, ein – mir persönlich bis dahin völlig unbekannter 54jähriger Astrophysiker namens Heino Falcke. Seit einem Jahr steht er im Licht der weltweiten Öffentlichkeit. Erstaunlicherweise ist er zugleich auch Geistlicher und Prädikant der Evang. Kirche im Rheinland.

 

Eine Weltsensation

Licht im Dunkel. Schwarze Löcher, das Universum und wir.“ Unter diesem Titel hatte Falcke im Oktober 2020 die Geschichte des Ereignisses veröffentlicht, das ihn im April 2019 schlagartig weltweit bekannt gemacht hatte.2 Der Buchumschlag wirbt: „Die Geschichte eines epochalen Bildes … Es ist eine Weltsensation: Am 10. April 2019 präsentiert Heino Falcke das erste Bild eines Schwarzen Loches – ein Wendepunkt in der Geschichte der Astronomie, den das ‚Science Magazin‘ den Wissenschaftsdurchbruch des Jahres nannte.“3 Falcke selbst beschreibt sein Werk als eine spannende „Einladung auf eine persönliche Reise mit mir durch dieses – durch unser – Universum.4 Fesselnd erzählt wurde es sofort ein Bestseller.5

In vier Etappen läuft die Reise ab. Die erste führt ein in „die Geschichte der Astronomie“, die nächste in „das Wissen der modernen Astronomie“, die dritte in „das Abenteuer der Entstehung des ersten Fotos eines Schwarzen Loches“. Ihren unverwechselbaren Reiz gewinnt Falckes Reise aber erst durch ihren Abschluss, seine Rückkehr zur Erde unter dem bezeichnenden Titel „Jenseits der Grenzen.6 Bewusst geistlich ausgerichtet, versucht er, sich selbst und seinen Gästen theologische Rechenschaft über „ein paar der letzten großen Fragen der Wissenschaft“ zu geben.

 

Schwarze Löcher

Schwarze Löcher sind „unglaublich viel Materie auf unglaublich kleinem Raum, so dass nichts entkommen kann – kein Licht, kein Mensch, kein Wort kann sich dieser Schwerkraft entziehen. Das schwarze Loch ist eine fundamentale Grenze …7 „… Schwarze Löcher sind Weltraumfriedhöfe. Sie entstehen aus verglühenden, ausgebrannten und erlöschenden Sternen. Das All füttert sie aber auch mit gigantischen Gasnebeln, Planeten und Sternen. Sie krümmen durch ihre schiere Masse den leeren Raum in extremer Weise und scheinen selbst den Lauf der Zeit anhalten zu können.8 „Allein in der Milchstraße sind es wahrscheinlich Hunderte von Millionen.“9

Das erste Foto des Schwarzen Loches „hat uns an die Grenze unseres Wissens geführt … Am Rand von Schwarzen Löchern endet unsere Möglichkeit zu messen und zu forschen, und es ist eine große Frage, ob wir diese Grenze jemals überschreiten können.10

Mit diesem Bild ist für Falcke ein wichtiger weltanschaulicher Nachweis erbracht. Auch die für Allmachtsphantasien anfällige Naturwissenschaft kann, darf und muss sich selbst die unübersteigbare Grenze ihrer Erkenntnisfähigkeit eingestehen. Mehr noch: Sie kommt nicht umhin, diese zu überschreiten auf Fragen und Antworten hin jenseits ihres Bereichs, also des sprichwörtlichen „Jenseits“, welche den Rahmen von Raum und Zeit sprengen. Die Existenz Schwarzer Löcher bestätigt also die beiden anderen, schon bisher weltweit geltenden Ansichten der – meisten – Astrophysiker in Hinsicht auf die Begrenzung des Weltraum in zwei Richtungen: in der Vergangenheit durch den Urknall, in der Zukunft durch die „Entropie“ („Wärmetod des Alls“). Mit dem Beweis der Schwarzen Löcher zeigt sich eine neue, dritte Grenze, und zwar für die Gegenwart, und damit zugleich eine weitere, dritte Brücke zur Religion.

Der Begriff der „Grenze“ ist für Falcke zentral. Seine Rückreise zur Erde, betitelt „Jenseits der Grenzen“, und damit sein ganzes Buch münden daher in eine ausführliche Reflexion dieses Begriffs auf der Basis biblischer und kirchlicher Grundtexte.11 Falcke ist weder kritikresistenter Fundamentalist noch mystischer Esoteriker. Auch für Skeptiker argumentiert er einladend und horizonterweiternd: „Diese Reise ist für mich kein Eroberungszug des Wissens, sondern sie kommt eher einer Pilgerfahrt gleich, in der unser Geist sich weitet. Am Ende führt diese Reise wieder zurück zu uns selbst und unseren ungelösten Fragen. Es wird deshalb Zeit, dass wir aus übermütigen Welteroberern wieder zu demütig Suchenden werden.12

 

Erst die Grenzen der Allmacht ermöglichen Freiheit

Falckes erklärte Absicht ist es, die Grenze der scheinbaren „Allmacht“ der heutigen Technik nicht nur aufzuzeigen, sondern sie als Erkenntnis- und Lebensschranke ausdrücklich positiv umzuwerten. Denn erst die Entdeckung der raumzeitlichen Begrenztheit des Weltraums ermögliche die „objektive“ Endlichkeit unseres irdischen Lebens und damit unser „subjektives“ Bewusstsein davon. Dieses nötige uns aber zugleich zur Frage nach dem, was jenseits dieser Grenze ist: zu deren „Überschreiten“ in Richtung „Jenseitsphysik13 bzw. „Meta­physik“.14 Erst damit würden Freiheit von Raum und Zeit, Glaube an einen „transzendenten“, freien, personalen Gott, Hoffnung und Liebe möglich. Die Struktur dieser „Glaubenstugenden“ sei die des offenen Gespräches. Ihr Inhalt könne und dürfe nie zur Satzwahrheit gerinnen, sondern ihr Wesen sei der bleibende, lebendige Austausch.

 

Die Astrophysik verweist auf die Gottesfrage

Die herausragende Bedeutung der Grenze des Anfangs ist für Falcke Anlass zum Übergang zur Gottesfrage, also von Naturwissenschaft zu Theologie. Er setzt hier ein mit einer kosmologischen Deutung des ersten Satzes des Johannesevangeliums: „‚Im Anfang war das Wort …‘ Am Anfang jeder Naturwissenschaft stehen die Regeln, nach denen die Welt funktioniert und aus denen sich eine ‚Sprache‘ herausbildet. Woher aber kommt dieses Wort, das am Anfang war? Woher kommen die ­Regeln? Woher kommt das, woraus mithilfe der Regeln ­etwas wird?

‚… und das Wort war Gott‘ lautet der zweite, entscheidende Versteil. Die Frage nach der ersten Ursache … (wird) im christlich-jüdisch-islamischen Kulturkreis … mit ‚Gott‘ beantwortet. Wer oder was ist Gott? … diese Frage (berührt) eine Dimension … welche die Physik und ihre Grenzen weit übersteigt.15

Eine agnostische oder gar atheistische Haltung dieser Frage gegenüber sei zwar individuell-persönlich zu respektieren. Von der Sache her aber „(sollte) man (erg. diese Frage, C.W.) grundsätzlich nicht ausklammern … Wer es wagt, über die Grenzen der Physik hinaus zu fragen, kommt an Gott nicht vorbei. Gerade weil die Natur uns fundamentale Grenzen der Erkenntnis setzt, stoßen wir immer wieder an sie und rütteln mit unseren Fragen an der Tür zum Himmel … Ich denke, eine gänzlich gottlose Physik ist nicht möglich …

Wer behauptet, Gott sei überflüssig, weil die moderne Physik bereits alle Fragen beantwortet hat, wie Stephen Hawking es tat, macht es sich zu einfach. Im Gegenteil sage ich: Gott ist heute nötiger denn je … Wir wissen heute viel mehr als jemals zuvor, aber wir wissen auch viel mehr von dem, was wir nicht wissen können ...16

 

Gott ist mehr als nur ein Uhrmacher

Gott ist für Falcke zunächst einmal „die unpersönliche Summe aller Naturgesetze und Anfangsbedingungen …“17, die „Verlässlichkeit und Regelmäßigkeit“18 des Universums, vor allem in Gestalt des „Gesetz(es) von Ursache und Wirkung …“19. Das deistisch-mechanistische Bild Gottes als des „Meisteruhrmachers20, der im Anfang das Räderwerk des Universums konstruiert und in Gang gesetzt hat, legt sich hier nahe. Dies sei freilich eine „sehr reduzierte Gottesversion.21

Bis zu diesem Punkt argumentiert Falcke naturwissenschaftlich. Seine persönliche Einstellung aber ist eine dezidiert christliche. Um diese argumentativ nachvollziehbar zu machen, verlässt er die Ebene seiner astrophysikalischen Argumentationskette. Mit seinem Glaubenszeugnis zum persönlichen Gott wechselt er auf diejenige individuell-persönlicher Erfahrungen.

Für mich persönlich ist Gott mehr als ein Uhrmacher. In meiner Religion zeugt die Bibel von einem reichen Schatz an Namen, Begegnungen und Geschichten von und mit Gott. Dies alles beschreibt erlebte Wirklichkeit, aber nicht in der Sprache der Mathematik, sondern in der Sprache der Erfahrung, der Poesie, der Träume, der Weitsicht und der Weisheit. Die Frage, ob ich geliebt werde oder was ich wert bin, erschließt mir die Sprache der Mathematik nicht … Dieses Suchen nach Gott bleibt daher hochaktuell. Denn wie ich den Anfang denke, bestimmt auch, wie ich das Heute und Morgen sehe … Ist Gott aber für mich nicht nur etwas, sondern auch Person, dann erwarte ich, dass Gott mein Gegenüber ist, von dem ich heute und morgen noch Neues erwarten kann und darf … Im christlichen Glauben drückt sich die Persönlichkeit Gottes sowohl in der Hingabe des Menschensohnes Jesus Christus als auch in der Gemeinschaft der Gläubigen und in der Größe der Schöpfung aus.22

 

Kein unvernünftiger Gedanke

Freilich, und daran liegt Falcke alles, ist auch diese private Erfahrung, gefasst in sein Bekenntnis zum trinitarischen Gott, kein Sprung aus der Welt der Wissenschaft und deren Logik hinaus. Sondern innerhalb ihrer wechselt Falcke „nur“ die Sprachebene. Denn auch alle religiösen Glaubenserfahrungen sind ja letztlich Ergebnisse des Urknalls, zusammengesetzt aus Elementarteilchen des „Quantenschaums.“23 Dazu gehört dann für ihn auch alle menschliche Personalität und Sozialität, ja sogar der Gedanke der Personalität Gottes!

Der einzige Unterschied zu den Naturwissenschaften liege in der Gestalt ihrer abstrakten mathematischen Formelsprache. Persönliche Erfahrungen dagegen können jeweils erst im zeitlichen Nachhinein in konkrete Bilder gefasst werden. Denn sie scheinen ja „nur“ „zufällige“ Erlebnisse zu sein, nicht kausal ableitbare, „notwendige“ Sachereignisse. Derartige Erwägungen auf dem Boden der Naturwissenschaften seien für positivistische Physiker zwar ein Stein des Anstoßes, machten sie aber nicht weniger wissenschaftstauglich – im Gegenteil.24

Protonen erscheinen offensichtlich als persönlichkeitsfähig, da sie einen Menschen bilden können. Scheinbar gelingt es der Physik, aus einem Urknall, etwas Materie und ein paar Naturgesetzen Menschen mit Bewusstsein, abstraktem Denken, Gefühlen, Humor und einem Sinn von Bestimmung und Verantwortung hervorzubringen. Die Möglichkeit, dass Leben, Individuum und Persönlichkeit entstehen können, muss also schon in den Gesetzen des Urknalls angelegt – aber nicht unbedingt vorherbestimmt – gewesen sein. Ganz offensichtlich war diese Möglichkeit aber nicht ausgeschlossen, denn wir sind ja da! Frei nach Descartes‘ fundamentaler Einsicht: ‚Ich denke, also bin ich‘ könnte man auch sagen: ‚Ich denke, also ist es möglich‘: Wenn Materie denkt und fühlt, warum soll dann nicht auch ein Schöpfergott, die erste Ursache, eine Persönlichkeit mit Geist, Sinn und Verstand haben können?

Für Physiker, die einen Kosmos voller Leben, Möglichkeiten und Multiversen denken können, scheint mir ein persönlicher Gott gerade kein unvernünftiger Gedanke – jedenfalls viel vernünftiger, als die Welt als programmierter Computersimulation zu begreifen, wie manche meiner Kollegen es heimlich tun. Nur weil Menschen seit Jahrtausenden von Jahren an einen persönlichen Gott glauben, ist dieser Glaube nicht von vornherein abwegig.

Allerdings liegt die Persönlichkeit Gottes jenseits physikalischer Detektoren. Wenn uns die Wissenschaft des Weltalls gezeigt hat, wie klein wir sind, dann sagt Gott uns, wie wertvoll wir sind. Wertschätzung ist keine physikalisch messbare Größe …“25

 

Gesprächsfähigkeit bewahren

Auf die Bewahrung personaler Freiheit in Gestalt von nicht unvernünftiger Gesprächsfähigkeit mit dem und über den personalen Gott läuft daher dieses Schlusskapitel „Allmacht und Grenzen“ und damit Falckes ganze Reise hinaus. Freiheit als lebendiger Austausch besteht gerade darin, dass beide, Naturwissenschaft und Religion, ihre jeweiligen Grenzen anerkennen und wechselseitig respektieren.

Die Physik erschließt mir neue Wunder, sie nimmt mir aber nicht den Glauben, sondern erweitert und vertieft ihn nur. Schaue ich auf den Menschen Jesus Christus, entdecke ich die menschliche Seite von Schöpfung und Schöpfer … So finde ich für mich einen Gott, der Anfang und Ende umfasst, dem ich auch nichts mehr beweisen muss und beweisen kann und bei dem ich jetzt schon zuhause bin“.26

Aber auch der Glaube muss sich seiner Grenzen bewusst bleiben: „… so ist auch der Zweifel ein wichtiges Element meines Glaubens. Das Experimentierfeld des Glaubens ist das Leben, und daher müssen sich mein Leben und mein Glaube immer auch der Kritik stellen … Gerade die Unsicherheiten in dieser Welt erlauben uns immer wieder, neu zu entscheiden und neu zu fragen … Das ist auch eine Form von Freiheit, vielleicht sogar deren Grundlage … Daher sind die Grenzen des Wissens zugleich Segen und Herausforderung. Es ist die Natur des Horizonts, dass man ihn niemals überschreiten, aber ihn immer erweitern kann. Horizonte erweitert man, indem man weitergeht: denkend, fragen, zweifelnd, hoffend, liebend, glaubend.27

In dieser Grundhaltung weiß sich Falcke im Einklang mit einer anderen deutschen Koryphäe der Astrophysik von internationalem Ruf: Harald Lesch. In den Medien fast omnipräsent, versteht Lesch sich bezeichnenderweise ebenfalls als überzeugter evangelischer Kirchenchrist. Zustimmend zitiert Falcke deshalb zum Abschluss dessen persönliche Grundüberzeugung aus dem 1. Korintherbrief des Apostels Paulus Kap. 13,13: „‚Nun aber bleiben Glaube, Liebe, Hoffnung, die Liebe aber ist die größte unter ihnen.‘28

 

Gott – das kosmische Wunder lebendigen Schöpfergeistes29

Falckes „Licht im Dunkeln“ hält, was es verspricht, und dies sowohl in astrophysikalischer wie in theologischer Hinsicht. Es ist ein so außergewöhnliches wie mutiges Plädoyer nicht nur der Vereinbarkeit von moderner Naturwissenschaft und persönlichem Gottesglauben, sondern mehr noch sogar ihrer wechselseitigen Angewiesenheit aufeinander.

Bei aller uneingeschränkten Bewunderung sei zum Abschluss dennoch eine theologische Rückfrage erlaubt: „Wenn heute die Erde im Sonnensystem … wenn heute unsere ganze Milchstraße aus dem All verschwände, so würde dies dem All nichts ausmachen, und trotzdem würde dem All etwas sehr Wertvolles fehlen, nämlich unser Glaube, unsere Hoffnung, unsere Liebe – und unsere Fragen, mit denen wir immer wieder neu Licht ins Dunkel bringen.30 Mit diesem für mich unerwartet verhaltenen Resümee beschließt Falcke seine kosmische Entdeckungsreise. Gerade an diesem Endpunkt vermisse ich persönlich die Thematisierung Gottes als einzigartiger, „ewiger“, vom All und moralischen Höchstwerten unabhängiger, absoluter Referenz. Nur indirekt angedeutet, bleibt diese für mich hier unscharf. Gott ist zwar auch für Falcke eindeutig kein „Etwas“, sondern „Person“.31 Aber wird diese in seiner Schlussformel ungewollt nicht doch wieder in „etwas sehr Wertvolles“, in eine Art optimaler – nichtsdestoweniger vergänglicher – kosmischer Energie zurückgenommen? Ohne ausdrücklichen Rückbezug auf Gott aber stünde nicht nur diese, sondern das All überhaupt auf dem Spiel!

Unter „Gott“ verstehe ich persönlich zunächst einmal rein formal den Ausdruck der Wahrheit des überschießenden Ganzen, ohne das nichts Einzelnes als wahr definiert werden kann. Inhaltlich ist Gott für mich das kosmisch unerklärbare Wunder des schöpferischen, Leben schaffenden Geistes im an sich nachtschwarzen, tödlich-kalten, chaotischen Universum. Unbegreiflicherweise lässt dieser Geist nicht nur tote Materie an ihm selbst teilhaben, sondern schafft damit sogar Menschen. Allein in Gestalt derartiger „Personen“ wird Materie überhaupt befähigt, Schöpfergeist und Weltraum zu unterscheiden und sich selbst darin als lebendig wahrzunehmen. Nur mitten in dieser Zwischenstellung kann sie sich ihres transzendenten Kerns, Grundes und Zieles bewusst werden. Diese Ausrichtung verleiht ihr eine einzigartige Stellung im und gegenüber dem All: Selbstständigkeit, d.h., kreative Freiheit. Ganzheitlich drängt diese auf dessen stetige Kultivierung vom Chaos zum „Kosmos“. Als deren kosmisch unüberbietbare Ausprägung erscheinen die drei „theologischen Tugenden“ Glaube, Liebe und Hoffnung. Alle faszinierenden Naturwissenschaften samt ihren staunenswerten Ergebnissen lassen sich auf diesem Hintergrund als hochdifferenzierte – so effektive wie freilich auch zwiespältige – Methoden rationaler Sicherung der physischen Seite ihres immer schon vorausgesetzten Selbst verstehen.

Gebündelt in einem Satz: Bleibend Teil des kosmischen Zwielichtes, können wir Menschen nur mit Gottes Hilfe Licht und Finsternis unterscheiden – und die entsprechenden Konsequenzen daraus ziehen. Diese grundlegende Einsicht gelingenden Lebens hat der legendäre UN-Generalsekretär, Friedensnobelpreisträger und lutherische Mystiker Dag Hammarskjöld einmal in folgendes, eindrücklich poetisches Bild gefasst: „Gott stirbt nicht an dem Tag, an dem wir nicht länger an eine persönliche Gottheit glauben. Aber wir sterben an dem Tag, an dem das Leben für uns nicht länger vom Glanz des Wunders durchstrahlt wird, von Lichtquellen jenseits unserer Vernunft.32

 

Anmerkungen

1 Auf der Suche nach Sinn und Erlösung. Das sind Gottes neue Sinnfluencer, FAZ 26.11.2020.

2 Falcke, Heino, mit Römer, Jörg, Licht im Dunkeln. Schwarze Löcher, das Universum und wir, Stuttgart 4. Aufl. 2020.

3 Rückseite des Buchumschlags.

4 Falcke, Heino, a.a.O., 12. Alle folgenden Seitenangaben, soweit nicht besonders vermerkt, stammen aus dieser Quelle.

5 Als erste populäre Einführung in Falckes spezifischen Zugang zu dieser Materie eignen sich weiter auch zwei Kurzvideos im Netz: „Astronom Heino Falcke im Interview“ (YouTube-Video des Magazins „PRO“ vom 19.1.2018, 10:41 Min., Link: https://youtu.be/KOPdMRsDcIM) und „Heino Falcke bei Markus Lanz“ (You Tube-Video vom 11.11.2020, 15:20 Min., Link: https://youtu.be/snUgfaFEMJ8).

6 6; 267.

7 „Das schwarze Loch ist etwas Höllisches.“ Interview mit dem Astrophysiker Heino Falcke, SZ-Magazin 22.10.2020.

8 9.

9 SZ Magazin, ebd.

10 10.

11 299. Die Zentralstellung des Begriffes der Grenze leuchtet unmittelbar ein. Denn rein logisch ermöglichen überhaupt erst „Abgrenzungen“ begriffliche „Definitionen“. Damit befindet Falcke sich in bester Gesellschaft. Der bedeutende Religionsphilosoph Paul Tillich kann hierin den Schlüssel zu seinem Lebenswerk sehen: „Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis.“ Siehe Tillich, Paul, Auf der Grenze. Aus dem Lebenswerk Paul Tillichs, Stuttgart 4. Aufl. 1962, 13.

12 327.

13 273ff.

14 274.

15 316f.

16 316ff.

17  322.

18 323.

19 322.

20 321.

21 321.

22 322f.

23 310.

24 Vgl. 323.

25 323f.

26 325.

27 326.

28 327.

29 Vgl. zum Ganzen Wenz, Gunther, Schöpfung. Protologische Fallstudien. Studium Systematischer Theologie, Bd. 7, Göttingen 2013, insbes. 309ff.

30 327. Falcke scheint hier indirekt an jene breite Strömung evangelischer Kosmologie im 19. und 20. Jh. anzuknüpfen, die sich dem Neukantianismus anschließt. Vgl. dazu Kants berühmten Abschluss seiner „Kritik der praktischen Vernunft“: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Der erstere Anblick einer zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam meine Wichtigkeit als eines tierischen Geschöpfs, das die Materie, daraus es ward, dem Planeten (einem bloßen Punkt im Weltall) wieder zurückgeben muss, nachdem es denn eine kurze Zeit (man weiß nicht wie) mit Lebenskraft versehen gewesen. Der zweite dagegen erhebt meinen Wert, als einer Intelligenz, unendlich durch meine Persönlichkeit, in welcher das moralische Gesetz mir ein von der Tierheit und selbst von der ganzen Sinnenwelt unabhängiges Leben offenbart …“ (Kant, Immanuel, Kritik der praktischen Vernunft, Kap. 34, Beschluss. In: Immanuel Kants Werke, hg. Ernst Cassirer, Berlin 1912ff, Bd. V, 95). Mein eigenes Votum schließt sich dagegen evangelischer Kosmologie in Hegelscher Tradition an, vermittelt über Wenz und dessen Lehrer Pannenberg. Vgl. dazu auch: Hermanni, Friedrich, Metaphysik. Versuche über letzte Fragen, Tübingen 2011.

31 Vgl. 325.

32 Hammarskjöld, Dag, Zeichen am Weg. Das spirituelle Tagebuch des UN-Generalsekretärs, München 1965, 37.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Christian Wendebourg, Jahrgang 1953, Pfarrer der Evang.-luth. Kirche in Bayern, zwischenzeitlich drei Jahre in der theologischen Ausbildung in der DR Kongo, z.Zt. Religionslehrer am Berufsschulzentrum Miesbach/Obb., Promotion über die mystischen Wiedergeburtsreligionen Südasiens im Spiegel der Religionstheologie Carl Heinz Ratschows, redaktionelle Mitarbeit in der Zeitschrift "Confessio Augustana - das lutherische Magazin für Religion, Gesellschaft und Kultur", deren letzter Osterausgabe dieser Beitrag in leicht überarbeiteter Form entnommen ist.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2022

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