Die bevorstehende Mangelsituation an Theologen*innen-Nachwuchs hat die Kirchenleitungen in Alarmbereitschaft versetzt. Geht doch in den nächsten Jahren die sog. „Baby-Boomer“-Generation in Pension. Dieses Problem gehen die Personalreferenten mit Planspielen an und machen diverse Angebote zur Weiterbeschäftigung. Ernst Fellechner schaut sich in diesem Zusammenhang an, wie die Bibel das Alter sieht, welche Situation und Lebensplanentwürfe die Jungruheständler vor Augen haben und ob mit der freiwilligen Weiterbeschäftigung der Mangel gelöst werden kann.

 

Biblische Aspekte zum Alter

Eine kurze Skizze: Wenn wir uns im AT umsehen, wird schnell deutlich, dass das Alter positiv gesehen wird und die Alten als Vorbild gelten. Mit dem Alter kommen Weisheit, Rat, Urteilskraft, Erfahrung und Gottesfurcht (Jes. Sir. 25,5ff; Ps. 92,15; Hiob 12,12). Darüber hat der alte Mensch Stille und Ruhe gelernt, erfährt dadurch Frieden und weiß sich zu bescheiden (Ps. 131,1f). Daher sollen die Alten geehrt werden (3. Mos. 19,32). Diese positiven Eigenschaften sind Gottes Geschenk (Jes. 46,4) und eine Folge des Glaubensgehorsams. Am wichtigsten aber ist, dass den Alten eine Verheißung gilt: Sie sollen Träume und Visionen haben (Joel 3,1), sie werden mit unermüdlicher Geduld gesegnet (Jes. 40,30f), ja sie sind der Ewigkeit näher (vgl. Pred. Sal. 3,11). Nicht zuletzt ist an die großen Patriarchengestalten wie Abraham, Isaak, Jakob, Noah und Mose zu erinnern. – Daher ist in Israel stets der Rat der Alten gefragt. In manchem mag dieses Bild vom Alter wohl zu stark idealisiert und einer patriarchalischen Gesellschaftsideologie geschuldet sein. Aber im Altertum ist die „Bevorzugung“ der Senioren keinesfalls singulär. Weithin gibt es eine sog. „Gerontokratie“. Der Jugend- und Adoniskult kommt erst in späteren Zeiten auf!

Im NT fällt eine differenzierte Verwendung von „alt“ oder „Alter“ auf. So werden Mose und die Propheten oft summarisch „die Alten“ genannt. In der Bergpredigt werden die berühmten jesuanischen Antithesen jeweils so eingeleitet: „Zu den Alten wurde gesagt, ich aber sage euch …“ (Mt. 5 u.ö.). Paulus stellt den alten (d.i. den noch nicht getauften) Menschen dem in Christus erneuerten gegenüber (Röm. 6,6 u.ö.). Andererseits heißen die Leiter der urchristlichen Gemeinden „Presbyter“, also Älteste. In der Kindheitsgeschichte Jesu tauchen merkwürdig oft hochbetagte Menschen auf: Zacharias und Elisabeth, Hannah und Simeon. Auch der Ziehvater Jesu, Joseph, wird wohl fortgeschrittenen Alters gewesen sein. Fazit: Trotz des in Christus neu heraufgezogenen Äons wird das Alter weiter hoch geschätzt. Andererseits mahnt Tit. 2,2: „Die älteren Männer sollen nüchtern sein, achtbar, besonnen, stark im Glauben, in der Liebe, in der Ausdauer.“

 

Lebenspraktische Gedanken zur Ruhestandsplanung

Einige Überlegungen zur Planung des Übergangs in den Ruhestand: Als Pfarrer*innen sind wir ausgebildete Profis für Hilfen zur Bewältigung der diversen „rites des passage“ im Leben (Taufe, Konfirmation, Trauung, Einführung und Verabschiedung von Gemeindegliedern oder Angestellten in/aus Ämtern in der Gemeinde, Beerdigung u.a.) und für die seelsorgerliche Begleitung der Betroffenen oder deren Angehörigen. Aber hier handeln wir immer an anderen! Wie sieht es mit der Pensionierung/Versetzung in den Ruhestand aus? Hier sind wir selbst die Betroffenen. Können wir uns selbst in dieser Übergangssituation genügend steuern? Wer und was hilft uns bei deren Bewältigung? Oder spüren wir heimlich, wie hilflos wir an uns selbst sind – wiewohl gute, professionelle Helfer für andere?

Immerhin lauern mehre Fallen vor, bei und nach der Ruhestandsversetzung. Beim Antrag auf Ruhestandsversetzung und Beratung und Berechnung der Pensionsbezüge werden wir meist gut durch Mitarbeiter der Kirchenverwaltung begleitet.

Fünf Fallen

Die folgenden Fallen stellen wir uns selbst oder geraten unversehens hinein:

1) Die Schnelligkeit, mit der der Pensionierungstermin heranrückt, wird zu lange ignoriert. Die Planung für „das Danach“ beginnen manche zu spät, oder ein Zeitbudget für diese Planungen wird nicht realistisch angesetzt. Grund dafür ist oft, dass wir uns angewöhnt haben, eigene Bedürfnisse und Wünsche hinter denen der Gemeinde zurückzustellen.

2) Wenn die „work-life-balance“ immer zugunsten der Arbeit ausschlug, scheint das „Weitermachen wie bisher“ so lange es geht für viele der einzige innere Antrieb.

3) Es rächt sich, wenn wir eine wichtige psychosoziale Veränderung nicht beachten, die die Ruhestandsversetzung mit jedem/r Pfarrer*in macht: Im aktiven Dienst trug die (Pfarr-)Rolle die Person. Ohne diese Rolle werden wir von einem zum anderen Tag gewissermaßen zum „Nobody“ – zumal, wenn wir aus dem letzten Dienstort weggezogen sind. Der „Theatervorhang fiel“.

4) Viele verweigern den nach ungeschriebenem Gesetz empfohlenen Ortswechsel nach der Pensionierung. Das mag für manche gute Gründe haben, wird aber für viele sowohl für sich selbst als auch für die Nachfolger zum (meist ungeklärten) Problem.

5) Manche Kollegen*innen erleben gegen Ende ihres aktiven Dienstes Verbitterung und reagieren mit Totalrückzug (wegen Erfahrungen des Scheiterns, Mobbing, Desinteresse der Öffentlichkeit, mangelnder Solidarität von Kolleg*innen oder Vorgesetzten – oder schwerer Erkrankung).

Fünf Chancen

Den genannten fünf Fallen stehen fünf Chancen gegenüber, die der Ruhestand gewährt:

1) Die Jung-Pensionär*innen erleben die neu gewonnenen Freiheiten für sich selbst, für Partner, Kinder, Enkel, Freunde und Hobbies oftmals geradezu euphorisch.

2) Auch das jetzt mögliche Eintauchen in die „Anonymität des Christseins“, ohne primär über die Rolle definiert zu werden, ist für viele eine neue beglückende Erfahrung.

3) Das Nachholen von Versäumtem und das stressfreie Ordnen von Gesammeltem sowie Entsorgen von Ballast macht Lust statt Frust.

4) Ein Ortswechsel, der Aufbau eines neuen Freundeskreises und die Wiederaufnahme alter (verschütteter) Beziehungen schenken neue überraschende Entdeckungen und Perspektiven.

5) Für die meisten Jung-Pensionäre dürfte die folgende Erfahrung am schönsten sein: „Ich tue nur noch, was ich will; nicht mehr das, was ich muss.“ Das Gefühl des „Gesteuertwerdens von Außen“ ist entfallen!

 

Hinweise für einen gelingenden Übergang

Damit der Übergang in den Ruhestand und sein Beginn gut gelingt, hier einige Hinweise:

a) Ca. 10 Jahre vor der geplanten Ruhestandsversetzung sollten grundsätzliche Erwägungen angestellt werden. Finanzplanung für die Wahl des neuen Wohnortes und Umfeldes, Abschluss von größeren Gemeindeprojekten, evtl. wichtige (mögliche) Weichenstellungen bei Mitarbeitern (z. B. Einarbeiten einer neuen Gemeindesekretärin) und „Abwerfen von Ballast“ gehören dazu.

b) Ca. 2 Jahre vor dem Tag X: Der Kirchenvorstand sollte fit gemacht werden für die Zeit der Vakanz (evtl. bei einer KV-Tagung). Dazu gehören die intensive Instruktion über die rechtlichen Entscheidungswege bei der Vakanz und der Pfarrstellenbesetzung, damit der KV als souveräner Partner dem Dekan und Propst begegnen kann. Notwendigkeiten von präziser Terminplanung und Fristenwahrung inkl. vollständiger Liste der Ansprechpartner gehören selbstverständlich dazu.

c) Es sollte nicht vergessen werden, die eigene veränderte Rolle vor und nach dem Ruhestand zu klären und zu bedenken, was das mit dem/r Partner*in macht.

d) Ca. 1 Jahr vor der Ruhestandsversetzung sollte der Abschiedsgottesdienst und die Feierlichkeiten drumherum geplant bzw. angestoßen werden.

e) Es hilft und befreit, wenn ich ab und zu darüber nachdenke, welche neuen (und anderen) Betätigungsfelder ich mir im Ruhestand wünsche oder anstreben könnte.

f) Wenn ich alte und vergessene Sozialkontakte wieder belebe, sind hoffentlich auch Kolleg*innen dabei, die ihre Ruhestandsversetzung bereits hinter sich haben. Deren Erzählungen und Erfahrungen können sehr hilfreich sein!

g) Zeit zum „Bilanzieren“ sollte in der letzten Berufsphase eingeplant werden – und zwar sowohl für sich allein, als auch mit dem jeweiligen Partner und bei einer der mittlerweile in vielen Landeskirchen angebotenen Tagungen (Thema „Übergang/Vorbereitung auf den Ruhestand“). Für mich gehören zum Bilanzieren alle Felder wie geistliches Leben, Privatleben, Familie, Gesundheit, Gemeinde, Beruf, Finanzen usw. dazu.

h) Persönlich war mir besonders wichtig, was ich bei einigen Kollegen abschauen konnte: Ich habe mir nach der Ruhestandsversetzung ein ganzes Sabbatjahr gegönnt – ohne Vertretungen, Übernahme neuer Verpflichtungen o.ä. Das hat mir eine gute Distanz zum Vergangenen verschafft, meine neue Situation geklärt und richtig Lust auf das Kommende gemacht. Insofern kann ich ein solches selbstgewähltes Sabbatjahr nach der Pensionierung nur sehr empfehlen!

Natürlich ist das kein Fahrplan, der sicher ans Ziel führt und perfektes Gelingen garantiert. Wir stehen in des Herren Hand. Aber wie sagte Luther doch so treffend: „Wir sollen so beten, als ob alles Tun nichts nützte; und wir sollen das Notwendige tun, als ob alles Beten nichts nützte.“

 

Psychologisch-lebensgeschichtliche Aspekte

Noch zu Ende des ausgehenden 20. Jh.1 wird beklagt, dass die spätere Lebensphase (etwa die Lebensjahre zwischen 60 und 75) zu wenig erforscht wurde. Es wird zunehmend festgestellt, dass 65-70jährige noch nicht alt sind2, obwohl sie bereits seit Bismarcks Zeiten mit 65 Jahren zwangspensioniert wurden, also aus dem aktiven Arbeitsleben ausscheiden mussten. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes hat sich der Bevölkerungsanteil der 67jährigen und Älteren von 11,1% im Jahre 1970 auf 19,1% im Jahr 2018 erhöht und wird im Jahr 2050 auf über 26% geschätzt. Gleichzeitig ist die Durchschnittslebenserwartung in Deutschland erheblich gestiegen: Sie liegt bei Männern bei 78,5 Jahren und bei Frauen 83,3 Jahren.3

Trotzdem wird diese Lebensphase als „späte Lebenskrise“4 beschrieben. Sie ist der tiefste Einschnitt seit dem Schuleintritt, enden doch der tägliche eingespielte Arbeitsrhythmus und die durch den Beruf gestiftete Rolle und Identität. Extreme Einstellungen (wie „jetzt ist das wirkliche Leben vorüber“ oder „nun kommen die goldenen Jahre“) können zu Isolation und Resignation oder zu Hyperaktivität führen. So zeigen viele Biographien entweder einen „Abstieg“ oder ein „spätes Aufblühen“5. Freilich sind erhebliche Unterschiede sowohl bei Frauen und Männern zu beobachten als auch in verschiedenen Berufsgruppen (Arbeiter und Angestellte einerseits, akademische Beamtenberufe, Selbständige und Künstler andererseits) sowie bedingt durch den individuellen Gesundheitszustand.6 Die beiden letztgenannten Gruppen kennen praktisch keinen Zeitpunkt, zu dem sie in Ruhestand gehen müssen. Hoch-qualifizierte Beamte betätigen sich im Ruhestand oft als Berater o.ä. Nach einer neueren Studie überwiegt allgemein die Zufriedenheit mit dem Übergang in den Ruhestand. 23% der Befragten haben einen „Ruhestandsplan“ für ehrenamtliche Engagements.7

Als Heilmittel oder Bewältigungshilfen für diese Lebensphase empfehlen Analytiker, Therapeuten und Psychologen durchweg Seelenarbeit, Bilanzierung, metanoia (C.G. Jung). Dazu gehört, dass die Auseinandersetzung mit lebenslang fortgesetzten Irrtümern oder Selbsttäuschungen jetzt notwendig ist.8 Nur eine Korrektur führt zu innerem Frieden.9 Metanoia meint eine tiefe Einstellungsveränderung: Loslassen des Vergangenen, Akzeptieren der neuen Situation und Zulassen schmerzlicher und langsamer Wandlungen von Körper, Geist (Einstellungen) und Seele10. Das erhebe zu einer höheren Bewusstseinsebene11 und letztlich zu einer ganzheitlichen Weisheit.

 

Wandlungen im Alter

Bereits 1970 hat Simone de Beauvoir zusammengestellt, was mit dem Alter an Fähigkeiten und Eigenschaften zu- bzw. abnimmt.12 Diese Liste zeigt deutlich, dass mit Abnahme vieler quantitativer Fähigkeiten (wie z.B. Arbeitstempo, Multitasking) und Eigenschaften im Alter (wie z.B. Seh- und Hörvermögen, Gedächtnis, Phantasie) bestimmte qualitative (wie z.B. Methodik, Pünktlichkeit, Konzentration, Disziplin, Geduld) dagegen zunehmen, freilich in individuell unterschiedlicher Art. Obige ältere Sichtweise wird durch die bereits genannte Studie von 2017 weitgehend bestätigt. Dort wurden älteren Menschen unter dem Stichwort „Altersbilder“ mit hohen Nennungen folgende positive Eigenschaften zugeschrieben: zuverlässig, kompetent, loyal, auch kooperativ und zielstrebig. Deutlich seltener nennen die befragten Personen für ältere Menschen die Eigenschaften: produktiv, kreativ, flexibel, lernbereit und risikofreudig.13 Das verdient insofern gesteigerte Beachtung, als sich durch den gegenwärtig grassierenden Jugendwahn und die dadurch bedingten Frühpensionierungsangebote die meisten Arbeitgeber erheblicher Qualitätspotentiale ihrer Mitarbeiter*innen selbst berauben! Abgesehen von den ungeheuren Sozialfolgekosten, die zukünftigen Generationen aufgebürdet werden.14

Aus biographischer, wirtschaftlicher und psychologischer Sicht ist also die zwangsweise Frühpensionierung weitgehend in Frage zu stellen. Umgekehrt leuchtet die Notwendigkeit ein, die Menschen generell besser auf den Ruhestand vorzubereiten (durch Vorbereitungsseminare, Gesundheitsprophylaxe, einen „Ruhestand peu à peu“ und Entwicklung von Übergangsritualen zum Ruhestand). Ist es nicht merkwürdig, dass unsere Gesellschaft zwar viele „rites des passage“ zu nahezu allen Initiationen und Übergängen kennt (wie Taufe, Einschulung, Konfirmation, Schul-/Ausbildungsabschluss/Abitur, Amtseinführung/Ordination, Beerdigung), aber keine Übergangsriten für die Pensionierung?15

Zu bedenken ist schließlich, ob nicht die Ruheständler*­innen zunehmend als „Mentoren“16 oder „Senior­coaches“ ihr Wissen und ihre Erfahrung in der Berufs- oder Laufbahnberatung17 einbringen sollten, statt verstärkt als „Vertretungsfeuerwehr“ verpflichtet zu ­werden. Damit die Reaktivierung von Ruheständlern gut gelingt, hat J. Pecher18 folgende Voraussetzungen zusammengefasst:

1) Betriebliches Altersmanagement
2) Betriebliche Gesundheitsförderung
3) Steigerung von Teilzeitarbeitsmöglichkeiten (z.B. Jobsharing, Telearbeit, Gleitzeit)
4) Wissensmanagement (Fortbildungsmöglichkeiten)
5) Altersgemischte Teamarbeit
6) Mentoring.

 

Ordination und Pensionierung

War im vorigen Abschnitt davon die Rede, welche Umstellungen und Schwierigkeiten ganz allgemein für alle Menschen dieser Übergangsphase gelten, so soll jetzt auf die Pfarrer*innen fokussiert werden.

In praktisch allen Landeskirchen ist die akademische Ausbildung mit 1. und 2. Examen und eine praktische Ausbildung (Vikariat) als Voraussetzung für eine Ordination zu Dienstbeginn geregelt. Die Rechtsgrundlagen für die Ruhestandsversetzung sind in den §§ 87-95 des PfDG EKD genannt, wobei die meisten Landeskirchen noch eigene Präzisierungen oder Änderungen hinzugefügt haben. Üblicherweise wird die Entpflichtung der Pfarrer*innen aus dem aktiven Dienst in den Ruhestand in einem Gottesdienst von einem/r vorgesetzten Geistlichen vorgenommen. Leider entfallen solche würdigenden Gottesdienste oft nach Fällen von „Ungedeihlichkeit“ (früher so genannt) oder „nachhaltiger Störung“ (heute) oder längerer Wartestandsversetzung. Das führt naturgemäß zu tiefsten Verletzungen, haben doch die betroffenen Kolleg*innen über viele Jahre einen ordentlichen, oft sogar guten Dienst getan, bis es oftmals in der letzten Stelle zu Divergenzen mit Vorgesetzten, Kirchenvorstand und/oder Teilen der Gemeinde kam.19 Freilich müsste geklärt werden, wo in solchen Fällen ein Abschiedsgottesdienst stattfinden könnte, und ob die Betroffenen überhaupt einen „formellen“ Abschied wünschen.

Die Formulierung, die bei der Entpflichtung gesprochen wird, differiert in den meisten Landeskirchen mehr oder weniger. Sie läuft auf folgenden Kern hinaus: Mit der Ruhestandsversetzung entfällt die Pflicht, aktiv die beauftragten Dienste zu leisten (inklusive der Residenz- und Präsenzpflicht). Alle mit der Ordination erworbenen Rechte (im Besonderen die Wortverkündigung und das Spenden der Sakramente) bleiben dagegen erhalten. Nach dem Entwurf der VELKD-Agende20 lautet die Entpflichtungsformel bei der Verabschiedung von Pfarrer*­innen in den Ruhestand: „Mit dem Eintritt in den Ruhestand beginnt für dich eine neue Lebensphase. Auf Grund deiner Ordination bleibst du berufen, zu predigen, zu taufen und die Feier des heiligen Abendmahls zu leiten. Du bist aber nun frei von den dienstlichen Pflichten in dieser Gemeinde / Einrichtung / deinem bisherigen Amt.“ Die Ruheständler sind weiterhin an die seelsorgerliche Schweigepflicht gebunden.

 

Wie verhalten sich die Kolleg*innen nach der Pensionierung?

Meinen Beobachtungen und privaten Recherchen nach ziehen sich etwa 10 bis max. 20% aller Emeriti (z.T. dauerhaft) vollkommen von der Kirche zurück. Die Gründe sind entweder die bereits oben genannten, eine extreme Krankheitssituation oder eine totale Erschöpfung. Das sollte zu denken geben! Etwa 30% der Ruheständler*innen bleiben als eher passive, aber wohlwollende oder auch sehr kritische Evangelische der Kirche gewogen. Mehr als 50% engagieren sich in ihren Kirchengemeinden oder -bezirken aktiv bei ehrenamtlichen Vertretungsdiensten, in Gruppen, Chören und Kreisen, bei der Betreuung von Flüchtlingen oder in kirchlichen Werken u.ä.21 Einige nehmen noch einmal ein Studium in Angriff, publizieren oder organisieren die ehrenamtliche Ruheständlerarbeit vor Ort. Viel Kraft wird wohl von allen Emeriti in Familie, Enkeldienst und Lektüre oder Reisen investiert.

Mir scheint es einer Überlegung wert, wie die o.g. ca. 30% der eher passiven Ruheständler*innen aktiviert, motiviert und für den Kollegen*innenkreis interessiert werden können. Könnte nicht eine verstärkte Ruheständlerarbeit einen kleinen Teil der „Totalrückzügler“ seelisch auffangen und zur Versöhnung mit ihren Verletzungen beitragen? Für die Mehrheit der eh schon weiterhin ehrenamtlich aktiven Emeriti sollte eine regionale Ruheständlerarbeit der regelmäßigen gegenseitigen Information, Fortbildung, Unterstützung und Beratung dienen. Es ist des intensiven Nachdenkens sowohl auf Ebene der Landeskirchen als auch auf der der Pfarrvereine wert, wie die Ruheständler*innen stärker gewürdigt, vernetzt und letztlich deren Erfahrungspotential anerkennend genutzt werden kann. Die Voraussetzung dafür ist aber, das Problem wahrzunehmen, präventiv ein gutes Gesundheitsmanagement und Vorbereitungen auf den Ruhestand institutionell und professionell zu verankern und unterstützend eine ehrenamtlich (auch gerade mithilfe der Pfarrvereine) aufzubauende und von landeskirchlicher Seite aus beratene Ruheständlerarbeit zu initiieren und zu fördern. Diese Überlegungen waren der Ausgangspunkt für die Umfrage zur bestehenden Ruheständlerarbeit in den evangelischen Landeskirchen und Pfarrvereinen, deren Ergebnisse in der Novemberausgabe des DPfBl 2020 vorgestellt wurden. Abschließend sollen einige Folgerungen gezogen und Empfehlungen gegeben werden.

 

Pfarrdienst über die Pensionierung hinaus

Was die Reaktivierung von Menschen im Rentenalter für Erwerbstätigkeit in der Wirtschaft – v.a. wegen des bevorstehenden Arbeitskräftemangels aufgrund der Überalterung der Gesellschaft angeht, gibt es diverse Untersuchungen. Das zeigt die lange Literaturliste der Bachelor-Arbeit von J. Pecher aus dem Jahr 201322.

Eine Gesamtstudie über die Reaktivierung von Theologen*innen im Ruhestand ist m.W. inexistent. Es gab dafür bislang offenbar keine Notwendigkeit! – Laut Statistikdaten der EKD, die J. Rudnicka 201923 zusammengestellt hat, ist die Anzahl der Theologen*innen im aktiven Dienst der evangelischen Kirche von 23.087 im Jahr 2002 auf 20.673 im Jahr 2014 zurückgegangen. Die Verkleinerung der Mitgliederzahlen, Strukturreformen und Sparmaßnahmen, eventuell auch Mangel an Nachwuchs mögen die Gründe dafür sein. Die z.Zt. aktuellsten Zahlen (Stichtag: 31.12.2014) von Theolog*innen im aktiven Dienst im Verhältnis zu den Pensionär*innen24 sehen folgendermaßen aus: Die Anzahl sämtlicher Pfarrer*innen in allen Gliedkirchen und gliedkirchlichen Zusammenschlüssen der EKD beträgt zum Stichtag 33.456. Im aktiven Dienst befinden sich 20.485 (inkl. 2.010 – also knapp 10% – zum Stichtag beurlaubter, freigestellter, abgeordneter oder im Wartestand befindlicher Pfarrer*innen). Die Anzahl der Ruheständler*innen wird Ende 2014 mit 12.980 angegeben. Damit kommt auf 1,58 Aktive bereits 1 Ruheständler*in. 2011 waren es noch 2,63 : 1. Die kontinuierliche Abnahme der Aktiven innerhalb von 3 Jahren ist offensichtlich; sie dürfte sich seither weiter negativ entwickelt haben. Die Anzahl der Pfarrwitwen/er konnte leider nicht in Erfahrung gebracht werden.

In den letzten Jahren gab es in den meisten Landeskirchen auch eine relativ hohe Zahl von Frühpensionierungen, v.a. als das noch ohne Abschläge in der Pension möglich war. Das scheint sich mancherorts jetzt zu „rächen“! Darum wird zunehmend in den Landeskirchen durch verschiedene Maßnahmen gegengesteuert:

a) Möglichkeit der individuellen Verlängerung der Dienstzeit über 65 Jahre hinaus;
b) Möglichkeit der Reaktivierung aus dem Ruhestand heraus für einen begrenzten Zeitraum und eine bestimmte genau beschriebene Aufgabe (zumeist mit einer ruhegehaltsunschädlichen Aufwandsentschädigung);
c) Werbung für Quereinsteiger;
d) Berufsbegleitendes Theologiestudium etc.25

 

Schluss: In Würde altern

OKR Jens Böhm und Prof. Dr. Peter Scherle haben in einem viel beachteten Vortrag vor über 500 hessen-nassauischen Pfarrer*innen „Berufen – gesegnet – gesendet. Ordination und Pfarrdienst – ein Vorschlag für die Diskussion über die Rahmenbedingungen in der EKHN“26 nachdrücklich darauf hingewiesen, dass die Rahmenbedingungen für den Pfarrdienst positiv zu verändern sind. An Maßnahmen der Personalförderung sind v.a. genannt: Schaffung von Kooperationsräumen, Pfarrkollegien mit „Professionenmix“, Teamarbeit mit Schwerpunktsetzung, Entlastung von Verwaltungsaufgaben, Erprobung der Grenzen der Residenz- und Präsenzpflicht27. Bei aller berechtigten Zustimmung ist unter der Überschrift „Pfarrdienst vor und im Ruhestand28 für diejenigen, die bis 70 weitermachen sollen, lediglich allgemein Unterstützung mit Pastoralkollegs und Fortbildung zugesagt. Keine Informationen sind dagegen zu lesen, wie der Dienst der Ruheständler konkret aussehen soll (Teilzeit, Gleitzeit, mehr Urlaub, Bezahlung, Dienstvorgesetzter etc.).

Wesentlich konkreter äußern sich dagegen Redlef Neubert-Stegemann aus der Nordkirche und Bettina Kolwe-Schweda aus Hamburg in dem Aufsatz „‚… eure Alten sollen Träume haben …‘ (Joel 3,1) Ein pastoralpsychologischer Beitrag zur Pensionierung von Pastor*innen“29 zum Thema „Dienst über die Pensionierung hinaus“. Die Autoren fragen zunächst einmal, wie die Erfahrungen, Interessen und Kompetenzen vonseiten der Ruheständler*innen einerseits und die Erwartungen, Notwendigkeiten und Bedingungen vonseiten der Kirchenleitungen passgenau zusammengeführt werden können. Daher machen sie den ausgezeichneten Vorschlag einer „pastoralen Stellenvermittlung“30. Dort sollen die Beschreibungen von an Weiterarbeit interessierten Ruheständlern, was sie können und wollen einerseits – und die Beschreibungen der kirchlichen Arbeitgeber, für welche Tätigkeiten, Projekte und Vertretungen sie Ruheständler suchen, andererseits – zusammenlaufen. Durch ausführliche Personalgespräche und -beratungen sollen die entsprechenden Arbeitsbedingungen (womöglich kirchenübergreifend) geklärt werden. Individuelle und flexible Fallbehandlung, die tunlichst schon vor dem Ruhestand besprochen werden sollte31, macht dann ein positives „langsames Ausschleichen“ aus dem Berufsleben möglich. – Solcher Umgang mit den Pfarrsenioren*innen könnte ein gesellschaftliches Modell werden, wie man „in Würde“ altern kann. So „avanciert der Ruheständler vom Versorgungsfall zur Personalressource“32!

 

Anmerkungen

1 z.B. S. de Beauvoir, Das Alter, Reinbek 1977 (Erstveröffentlichung Paris 1970); J.R. Prétat, Dem Alter entgegenreifen, Zürich 1996 (Erstveröffentlichung Toronto 1989); G. Sheehy, Die neuen Lebensphasen, München 1996 (Erstveröffentlichung New York 1995).

2 z.B. T. Brocher, Stufen des Lebens, Stuttgart 1989, 171 (Erstveröffentlichung 1977).

3 Lt. statistica.com (Sterbetafel 2018).

4 T. Brocher, a.a.O., 167-180.

5 J.R. Prétat, a.a.O., 23.

6 I. Sackreuther/A. Mergenthaler u.a., (Un-)ruhestände in Deutschland, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Wiesbaden 2017, 31f.

7 Ebd., 37 u. 10.

8 T. Brocher, a.a.O., 177.

9 Ebd., 178.

10 J.R. Prétat. a.a.O., 73.

11 Ebd., 9f.

12 S. de Beauvoir, a.a.O., 196.

13 I. Sackreuther u.a., a.a.O., 29.

14 Zum Generationenkonflikt siehe auch: R. Gronemeyer, Die Entfernung vom Wolfsrudel, Frankfurt 1991 (Erstveröffentlichung 1989).

15 Siehe J.R. Prétat, a.a.O., 24. Das Gesagte gilt weitgehend für die Wirtschaft. Zu den Kirchen siehe unten.

16 G. Sheehy, a.a.O., 421.

17 T. Brocher, a.a.O., 173.

18 J. Pecher, a.a.O., v.a. 33-41. Siehe auch ihr Fazit: 77-80. Das o.g. gelingt offenbar in der Wirtschaft, lässt sich aber nur bedingt bzw. in starker Anpassung auf die Aufgaben von Theologen anwenden. Es ist durchaus bedenkenswert, wenn die Kirchenleitungen derart systematische „Programme“ entwickeln oder verbessern würden.

19 Die Gesamtanzahl der Wartestandsfälle in den Gliedkirchen war o.g. EKD-Statistik nicht zu entnehmen. Warum?

20 IV/1 von 2009, 137.

21 Der Anteil von ehrenamtlichen Betätigungen von Pfarr-Ruheständler*innen liegt meiner Beobachtung nach mehr als doppelt so hoch wie in allen nichttheologischen Berufen. Dort wird er in der Studie von I. Sackreuther u.a. im J. 2016 mit nur 23% angegeben.

22 Wege zur Reaktivierung von Ruheständlern für Erwerbstätigkeiten, Hochschule Aalen, 81-98.

23 Abgerufen im Internet unter statistica.com am 22.04.20.

24 Lt. EKD-Statistiken „Kirchengemeinden, Theologiestudierende, Ausbildung zum Pfarrdienst, Pfarrstellen, Theologinnen und Theologen in den Gliedkirchen der EKD im Jahr 2014“ vom Juni 2020, 7.

25 Die von der EKD in einem Gesetzentwurf offenbar geplante generelle Heraufsetzung der Altersgrenze auf 75 Jahre hat der Pfarrverband abgelehnt, deren Flexibilisierung und Transparenz v.a. in Bezug auf kirchenübergreifende Regelungen dagegen begrüßt (DPfBl 11/2019, 605).

26 In zwei Teilen veröffentlicht in: DPfBl 2/2020, 73-78 und 3/2020, 165-170.

27 DPfBl 3/2020, 167-170.

28 A.a.O., 167 (Hervorhebung von uns).

29 In: DPfBl 2/2020, 93-98.

30 A.a.O., 94.

31 A.a.O., 96f.

32 A.a.O., 93 (Einführung des Schriftleiters).

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Dr. Ernst Ludwig Fellechner, Jahrgang 1946, über 30 Jahre lang an der Saalkirche in Ingelheim/Rhein als Gemeindepfarrer tätig, seither im Ruhestand in Mainz, Rundfunkautor, Vertreter der Ruheständlerinnen und Ruheständler im Vorstand des Pfarrvereins der EKHN.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2022

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