Der Wirtschaftseinbruch im Zuge der Corona-Krise hat Folgen auch für die kirchlichen Haushalte. Zwar fallen die Einbrüche wohl nicht so drastisch aus wie zunächst befürchtet, doch bereits vor Corona verwies die vielbeachtete „Freiburger Studie“ auf ein mittelfristig starkes Schrumpfen der Finanzmittel. Dieser Trend gibt Julius Trugenberger Anlass, sich grundsätzlich Gedanken zu machen über die Beziehung der Pfarrerschaft zum Geld.

 

Wer über die Beziehung der Pfarrerschaft zum Geld schreibt, der muss keinen großen Berg von Literatur bewältigen, denn diese Beziehung wurde in der Pastoraltheologie näher kaum in den Blick genommen. Manfred Josuttis ist einer der wenigen Autoren, der sich vor Jahren zum Thema geäußert hat. Allerdings wartet auch er mit einem Negativbescheid auf. In seiner bekannten Pastoraltheologie lesen wir: „Der Pfarrer ist anders. Er hat Geld. Aber er redet nicht gern darüber. Er gehört zu den wenigen Berufsgruppen in unserer Gesellschaft, bei denen die regelmäßige Anhebung ihrer Bezüge gewissermaßen automatisch erfolgt. Jedenfalls brauchen seine Standesvertreter darüber nicht zu verhandeln oder die Gehaltserhöhungen gar durch Streikandrohung zu erkämpfen.“1

Josuttis diagnostiziert ein pastorales Schweigen hinsichtlich des Themas Geld. Dies sei höchst bemerkenswert, handle es sich dabei doch um „das Schweigen eines Berufsstandes […], der ansonsten zu allen Problemen zwischen Himmel und Erde etwas meint sagen zu können und meistens auch etwas zu sagen weiß“2. Was sind die Gründe für das Schweigen? Warum ist es problematisch? Und worin liegt der Gewinn, wenn das Schweigen durchbrochen wird?

 

Gründe des pastoralen Schweigens über Geld

Über Geld, vor allem das eigene, spricht man nicht. Diese Maxime gilt, wenn man Josuttis Glauben schenkt, unter Pfarrerinnen und Pfarrern3 in viel stärkerem Maße als bei Vertretern anderer Berufsgruppen. Josuttis verweist in erster Linie auf den beamtenähnlichen Status, der mit dem Pfarrberuf in Deutschland seit dem Ende des 19. Jh. gegeben ist. Wer von festgelegten Alimentationen lebt, kaum variable Gehaltsanteile hat und nicht täglich seinen Marktwert neu aushandeln muss, für den ist Geld eher eine Hintergrunderfüllung, aber nicht das tagesbestimmende Thema. Doch mit dem alleinigen Verweis auf den Pfarrer als Religionsbeamten ist es nicht getan. Berücksichtigt werden müssen weitere Aspekte, die für die Geschichte des Protestantismus in der Moderne konstitutiv sind.

Im 19. Jh. vollzieht sich eine Einnistung der Kirche in die Lebenswelten und Milieus, die nicht vollumfassend von der kapitalistischen Modernisierung erfasst werden. In der Industrialisierung verliere die Kirche die Arbeiterschaft, so lautet die gängige Erzählung. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die ganze lautet: „Oben und unten bröckelt es“ (Thomas Nipperdey).4 So verliert der Pfarrstand im 19. Jh. nicht nur an Ansehen unter der Lohnarbeiterschaft. Vielfach bricht auch die kommunikative Brücke zum aufstrebenden Wirtschaftsbürgertum ab, derjenigen Klasse, die wesentlich mit dem Geld-Verdienen befasst und mit der weltumwälzenden Macht von großen Geldsummen bestens vertraut ist.

Vielfach bleiben bereits im 19. Jh. im Umfeld des Pfarrers, in der Kerngemeinde, die zurück, deren Leben weder durch die Jagd nach (dem großen) Geld noch durch den marktwirtschaftlichen Behauptungskampf, sondern eher durch subsistenzwirtschaftliche Maßstäbe geprägt ist – das städtische und ländliche Kleinbürgertum.5

Wir sind es heutzutage gewohnt, auf die Lage der Kirche mittels Milieustudien zu blicken, anders lassen sich die gegenwärtigen Gesellschaftsdynamiken kaum einfangen. Zugleich darf man genuin sozioökonomische Parameter nicht vernachlässigen. Auch heute scheint zu gelten, was in den 1950er Jahren in einer Dissertation, verfasst bei dem bedeutenden Nachkriegssoziologen Helmut Schelsky, festgestellt wurde: Unter den „Kirchentreuen“ befinden sich überdurchschnittlich viele Menschen aus klein- und mittelbürgerlichen Verhältnissen – und überproportional viele Beamte.6 Zugleich sind unterrepräsentiert diejenigen, die über sehr wenig, und diejenigen, die über sehr viel Geld verfügen.

 

Schließen sich Geldsorgen und das Interesse für kirchlich-religiöse Themen aus?

Über Geld denkt man in der Regel in zwei Lagen intensiver nach: wenn man kaum Geld hat oder wenn man sehr viel Geld hat und von der Frage umgetrieben wird, wie man es so anlegt, dass daraus noch mehr Geld resultiert. Wenn es so sein sollte, dass zum Kern der meisten Kirchengemeinden gerade diejenigen Personen nicht gehören, die durch eine dieser beiden Geldsorgen getrieben werden, kann es dann verwundern, wenn sich im pastoralen Berufsleben nur schwer eine Sensibilität einstellt für die große Bedeutung, die dem Medium Geld in der Moderne zukommt? Der Kreis schließt sich, wenn wir bedenken: Der Pfarrberuf ist (nicht erst seit den 1970er Jahren) einer der sozial inklusiveren Akademikerberufe, deshalb befinden sich hier viele Bildungsaufsteiger aus dem Mittel- und Kleinbürgertum; die Attraktivität dieses Berufs auf Menschen mit wirtschaftsbürgerlichem Hintergrund ist aber sehr viel geringer zu veranschlagen.7

 

Schweigen als Ausdruck einer Scham

Die vorangehenden kulturgeschichtlichen und soziologischen Überlegungen müssten eigentlich noch vertieft werden, was hier nicht geleistet werden kann. Ohnehin aber können sie für sich genommen nicht gänzlich erklären, warum die Beziehung Pfarrerschaft – Geld so häufig durch pastorales Schweigen geprägt ist. Was für ein Schweigen ist es? Josuttis zufolge ist es ein Schweigen aus „Schuldbewußtsein“8. Allzu gerne geriert sich der Pfarrer als Prophet, als jemand, der dazu berufen ist, das Wort Gottes zu verkündigen und die Verhältnisse seiner Zeit an den Maßstäben des Reiches Gottes zu messen. Zum prophetischen Gestus des Pfarrers passt es allerdings nicht, dass auch er wie selbstverständlich Geld für sein Tun entgegennimmt. „Als Gehaltsempfänger gerät er, der Prophet sein möchte, in eine Reihe mit dem Priester.“9 Dieser lebte bereits am Tempel in Jerusalem von ihm im Vorfeld fest zugesicherten Alimentationen. Von den Propheten wird dergleichen deutlich seltener berichtet.10

Offenbar steht die offensive (prophetische) Rede von Gott in Spannung zur stillschweigenden Entgegennahme von Geld. Zumindest muss jede Person im Pfarrdienst und auch jede Person in der Gemeinde, der die Abhängigkeit des pastoralen Gottes-Dienstes vom Geld anderer auffällt, sich fragen, ob es für den Pfarrer neben Gott noch eine zweite große Macht gibt, der er sich ebenfalls beugt. Wenn selbst im Raum der Religion die typisch modernen Gesetze des Geldes gelten – Leistung gibt es nur gegen Bezahlung –, hat man dann nicht von der Macht des Geldes ähnlich universal und ähnlich groß zu denken wie von der Macht der selbstlosen Liebe Gottes, die der Pfarrer bezeugen will? Das „intensive Schweigen“11 des Pfarrers über (sein) Geld wird von Josuttis sehr plausibel interpretiert als eine schambesetzte Verhaltensweise, als Ausweichreaktion vor schwierigen Fragen, die sowohl das pastorale Bild als auch den Glauben an Gott unangenehm beschweren können. Dass man sich das pastorale Schweigen über Geld nicht nur soziologisch, sondern auch pastoralpsychologisch erklären kann, macht es indes nicht weniger problematisch.

 

Die problematischen Folgen pastoralen Schweigens über Geld

Wenn Personen im Pfarrdienst nur selten und ungern über (ihr eigenes) Geld sprechen, dann klärt sich kaum die Frage nach der Macht Gottes in einer Welt, die offenkundig von Geld regiert wird. Natürlich ist kaum etwas schwieriger, als in dieser Frage zu einer Klärung zu gelangen. Im Nachdenken über den christlichen Gott ist das Allmachtsprädikat traditionell höchstumstritten. Auch ist fraglich, ob es in der modernen Gesellschaft überhaupt eine einheitliche Perspektive auf letzte Fragen geben kann. Doch selbst wenn dem nicht so sein sollte, wenn also auch Ökonomie und Theologie prinzipiell nicht darin übereinkommen können, was für sie letzte, wahre Wirklichkeit ist – selbst dann stellt es ein Defizit dar, wenn sich die berufenen Vertreter der Kirche über die Fragen: „Geld oder Gott“ und „(wie) geht beides zusammen?“ ausschweigen.

In einer Zeit, in der Zeitungen und Nachrichten täglich die Bedeutung internationaler wie auch lokaler Geldströme vor Augen führen, leidet der Eindruck der hermeneutischen Kapazität der Amtsträger, wenn sie von der Kanzel kaum Einordnungsversuche bezüglich der pulsierenden Wirkungen des Geldes unternehmen. Einordnung könnte in diesem Zusammenhang ja auch schlicht eine standortgebundene Relativierung bedeuten – also ein In-Beziehung-Setzen des Geldes und der mit Geld zusammenhängenden Bewegungen zu Gott, von dem Christen in allgemeiner religiöser Offenheit sagen: „In ihm leben, weben und sind wir“ (Apg. 17,28).

Und es ist ja auch nicht so, dass die Macht des Geldes in der Moderne unbeschränkt wäre. Nach wie vor lassen sich gewisse Dinge nicht mit Geld kaufen: innige Liebe, innerer Arbeitseifer, Hingabe, Wahrheit etc. Viele lässt Geld eher kalt (siehe oben), und in manchen Situationen enthüllt sich Geld als aufgeblasenes Konstrukt, hinter dem nicht viele reale Werte stecken. Die Wirtschaftsgeschichte nicht nur der Moderne ist voller Beispiele dafür, wie unvorstellbar große Geldwerte (mögen sie in Form von Bargeld, Buchgeld oder Wertpapieren vorliegen) sich im Nu ins Nichts auflösen, wenn es zu Inflationen oder dem Platzen von Spekulationsblasen kommt.

 

Geld an der Stelle Gottes

Die immanenten Probleme des globalen Geldsystems der Gegenwart verlangen geradezu danach, dass das Sich-Verlassen auf Geld theologisch intensiv diskutiert wird. Hierfür bietet die evangelische Tradition reiches Material. Unübertroffen ist Martin Luthers Auslegung des Ersten Gebots im Großen Katechismus mit dem Hinweis auf die zentrale Rolle des Vertrauens in der Gottesbeziehung: „Was heißt ein Gott haben oder was ist Gott? Antwort: ein Gott heißet das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten. Also daß ein Gott haben nichts anders ist, denn ihm von Herzen trauen und gläuben; wie ich oft gesagt habe, dass alleine das Trauen und Gläuben des Herzens machet beide Gott und Abegott. Ist der Glaube und Vertrauen recht, so ist auch Dein Gott recht, und wiederümb, wo das Vertrauen falsch und unrecht ist, da ist auch der rechte Gott nicht.“12

Es zeichnet Luther als Theologen aus, dass er scharf zwischen Gott und „Abegott“ zu unterscheiden weiß. Als Kenner des menschlichen Wesens kann er zugleich prägnant erklären, warum Geld vielfach für Menschen die Stelle Gottes besetzt. Eine ordentliche Summe Geld verleiht ein tiefes Gefühl der Sicherheit gegenüber der Unbill, die das Leben mit sich bringt – eine Erfahrung, die sich so oft bestätigt, dass sie sich wie eine zweite Natur um den Menschen legt: „Wer Geld und Gut hat, der weiß sich sicher, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Paradies, und wiederümb, wer keins hat, der zweifelt und verzagt, als wisse er von keinem Gott. Denn man wird ihr gar wenig finden, die guts Muts seien, nicht trauren noch klagen, wenn sie den Mammon nicht haben; es klebt und hängt der Natur an bis in die Gruben.“13

 

Psychologische Überschneidungen

Was Luther hier beschreibt, führt zur Frage nach der psychologischen Isomorphie von Geldbesitz und Glaube. Dieses Thema wird an der Wende vom 19. zum 20. Jh. aufgegriffen durch den Soziologen und Philosophen Georg Simmel (1858-1918). Er schreibt zu den psychologischen Überschneidungen zwischen Geldbesitz und gläubigem Gott-Haben: „Das tertium comparationis ist das Gefühl von Ruhe und Sicherheit, das gerade der Besitz von Geld im Gegensatz zu allem sonstigen Besitz gewährt und das psychologisch demjenigen entspricht, welches der Fromme in seinem Gott findet; in beiden Fällen ist es die Erhebung über das Einzelne, die wir in dem ersehnten Objekt finden“, gepaart mit dem „Zutrauen in die Allmacht des höchsten Prinzips, uns dieses Einzelne und Niedrigere in jedem Augenblick gewähren, sich sozusagen wieder in dieses umsetzen zu können.“14

Es gibt gottähnliche Wirkungen des Geldes auf die Seele der Menschen und deswegen auch eine tiefe Seligkeit des Geldbesitzes, wie sie sich ungezählt ein(ge)stellt (hat). Nur wer das bedenkt, wird den Sinn des Glaubens an Gott in der Moderne auf einem angemessenen Niveau erörtern. Was verheißt das Gott-Haben in einer Zeit, in der das Geld-Haben so viel Freiheit, Sicherheit, Schutz verspricht? Diese Frage konfrontiert mit den Herausforderungen der Entmythologisierung und der existenzialen Interpretation. Alte Weisheiten wie die, dass der Glaube Berge versetze (Mt. 17,20), wollen kritisch durchdacht werden in einer Welt, in der hinter dem Versetzen von Bergen und ähnlichen Unternehmungen eigentlich große Kapitalgesellschaften stehen. Ein(e) Theologe/in, der/die nicht oder ungern über Geld spricht, zieht unter Umständen den Verdacht auf sich, sie/er verkenne, dass man sich viele psychologische wie auch weltliche Erscheinungen durch Geldbewegungen sehr präzise erklären kann.

 

Aspekte der Pfarrbesoldung

Und dann ist da ja noch die etwas anders gelagerte Frage nach der Pfarrbesoldung. Fraglich ist, ob man sie nach ihrer gegenwärtigen Struktur und Höhe in mittlerer und ferner Zukunft noch mit dem Selbstbewusstsein wird begründen können, mit dem Paulus einst den Korinthern schrieb: „Wenn wir unter euch Gaben des Geistes säen, ist es dann zuviel verlangt, wenn wir irdische Gaben von euch ernten?“ (1. Kor. 9,11) Unter den verschiedenen Perspektiven auf die Kirchenmitgliedschaft dominiert heute die ökonomische. Die meisten Kirchenmitglieder denken über ihre Zugehörigkeit zur Kirche weder in theologischen Kategorien nach – die Taufe hat sie der Kirche als einer überzeitlichen Heilsgemeinschaft zugehörig gemacht – noch unter kirchenrechtlichen Gesichtspunkten – die Kirchenmitgliedschaft begründet Rechte und (!) Pflichten in der Kirche. Vorherrschend ist eine (individualistisch zugespitzte) geldliche Sichtweise: Kirchenmitgliedschaft kostet (mich) monatlich eine gewisse Summe, die man (ich) auch für anderes verwenden könnte. Das eigene Geld finanziert religiöse Dienste, die man selbst in der Regel nur sporadisch in Anspruch nimmt. Wer trotzdem in der Kirche bleibt, will wissen und zunehmend sogar aktiv Einfluss darauf nehmen, was mit seinem Geld geschieht.

In der späten Zeit der Volkskirche nährt notorisches Schweigen über Geld unter Umständen den Verdacht, die Amtsträger*innen wollten schlafende Hunde nicht wecken. Ja nicht den Punkt ansprechen, um dessen willen die meisten Menschen der Institution die Gefolgschaft aufkündigen! Doch es ist fraglich, ob sich die Menschen durch Schweigen ruhighalten lassen. Josuttis sah das bereits in den 1990er Jahren sehr kritisch. Auf Dauer könnten die monetären Aspekte in der Relation zwischen Pfarrern*innen und Gemeinde kaum verschwiegen werden, so orakelte er gerade mit Blick auf das Kasualchristentum: „Es bleibt der Kontakt zu Gemeindegliedern, die eine Kasualhandlung anmelden, […] bisher noch von der unangenehmen Frage nach den Kosten verschont. Damit fehlt aber ein entscheidendes Stück sozialer Realität. Gemeinde und Pfarrer*in können so tun, als ob ihre Beziehung ohne finanzielle Fundierung abläuft und vor allem im Austausch von Streicheleinheiten besteht.“15

Aktuell weiß niemand, wie lange dies so noch gutgehen wird. Besser, man klärt als Amtsträger*in das eigene Verhältnis zum Geld, denkt wieder mehr über das eigene Gehalt nach und über die Kosten, die es für andere bedeutet, und ist offen, über beides zu sprechen – schließlich gibt es ja durchaus gute Argumente für die gegenwärtige Vergütungsstruktur.16

 

Die Dialektik christlicher Existenz

Der eigentliche Gewinn, der sich mit pastoraler Rede über Geld verbindet, liegt freilich nicht in der Verteidigung des eigenen Salärs. Vielmehr ist Geld ein Thema, anhand dessen sich die Dialektik christlicher Existenz vorzüglich veranschaulichen lässt. Der Glaube geht nicht davon aus, dass das letzte Ziel des Lebens in der Anhäufung von Geld und Reichtümern bestehe. Das eigene Herz an Geld als den Schlüssel zum Weltlichen zu hängen, als gäbe es sonst nichts, ist nicht christlich. Doch trotz allen eschatologischen Bewusstseins sind auch Christenmenschen dazu berufen, sich in dieser Welt einzurichten und sich diese anzueignen. Unter modernen Bedingungen geht dies nur mit Geld und nicht ohne. Über das Medium Geld tauschen Christen ihre Gaben gegen die Gaben anderer. Schon Jesus fordert dazu auf, sich unter Umständen „Freunde mit dem ungerechten Mammon“ (Lk. 16,9) zu machen.

Der Umgang mit Geld ist und bleibt für Christen eine spannungsreiche Angelegenheit. Die Leihwirtschaft und der moderne Kapitalismus verschärfen die Spannungen. Wer einen größeren Kredit aufnimmt, der beleiht in der Regel die eigene Zukunft auf Basis gegenwärtiger Kalkulationen – und kann nur hoffen, dass Gott nicht kommt wie ein Dieb in der Nacht und die eigenen Tilgungspläne durchkreuzt. Pfarrerin und Pfarrer sind in der Theologie als Unterscheidungskunst eingeübt, weshalb sie die unterschiedlichen Phänomene, die sich in der heutigen Zeit mit Geld verbinden, einordnen und relativieren können – auf die Gotteswirklichkeit hin. Ein wichtiger Nebeneffekt dieser Bemühungen könnte in dem bestehen, was Josuttis zu Recht als ein schwerwiegendes Desiderat in Pfarrerschaft und Kirche beschrieben hat: „daß aus der unbewußten Gebrochenheit im Umgang mit dem Geld eine bewußte wird.“17

 

Anmerkungen

1 Manfred Josuttis: Der Pfarrer ist anders. Aspekte einer zeitgenössischen Pastoraltheologie, München 1982, 147.

2 Ebd.

3 Im Folgenden ist in Anlehnung an Josuttis’ Sprachgebrauch häufig von „dem“ Pfarrer die Rede. Selbstverständlich sind aber alle Personen im Pfarrberuf ungeachtet ihres Geschlechts gemeint.

4 Thomas Nipperdey: Religion im Umbruch. Deutschland 1870-1918, München 1988, 122.

5 Lucian Hölscher: Geschichte der protestantischen Frömmigkeit in Deutschland, München 2005, 192f, sieht bereits zu Beginn der Industrialisierung gravierende Verschiebungen im kirchlichen Leben: Um 1800 hat „der Klerus in den unteren bürgerlichen und den unterbürgerlichen Schichten [noch] nicht diejenige Klientel entdeckt, die sein Überleben in der modernen Gesellschaft sichern sollte. Doch dies änderte sich nach 1820 schnell. […] Die soziale Basis der Kirche verschob sich binnen weniger Jahrzehnte vom […] wirtschaftlich und politisch führenden Bürgertum […] zum städtischen und ländlichen Kleinbürgertum, den ‚kleinen Leuten‘. […] Diese Entwicklung war nachhaltig und bestimmt bis heute die soziale Erscheinungsform der protestantischen Kirchen.“

6 Reinhard Köster: Die Kirchentreuen. Erfahrungen und Ergebnisse einer soziologischen Untersuchung in einer großstädtischen evangelischen Kirchengemeinde, Stuttgart 1959.

7 Vgl. Sigrid Bormann Heischkeil: Die soziale Herkunft der Pfarrer und ihrer Ehefrauen, in: Martin Greiffenhagen (Hg.): Das evangelische Pfarrhaus. Eine Kultur- und Sozialgeschichte, Stuttgart 1984, 149-174, bes. 156f.

8 Josuttis, 165.

9 Ebd.

10 Josuttis, 163f, weist darauf hin, dass bereits das AT in sich die Spannung austrägt zwischen verbeamteten Priestern und finanziell autarken Propheten. Josuttis überspielt allerdings, dass gerade in der Frühzeit Israels die Aufgaben von Propheten und Priestern auch ineinander lagen.

11 Josuttis, 152.

12 Martin Luther: Der große Katechismus deutsch, in: BSLK, 560.

13 Luther, 561.

14 Georg Simmel: Zur Psychologie des Geldes (1889), in: Simmel-Gesamtausgabe, Bd. 2, Frankfurt/M. 1989, 49-65, hier: 65.

15 Manfred Josuttis: „Unsere Volkskirche und die Gemeinde der Heiligen“. Erinnerungen an die Zukunft der Kirche, Gütersloh 1997, 145.

16 Erinnert sei an die theologischen Freiheitsgewinne, die mit der Zurückdrängung der Stolgebühren und des Pfründewesens einhergingen. Wer nicht direkt von der eigenen Gemeinde oder dem Patronatsherrn bezahlt wird, der kann ohne falsche Scheu und Angst eine eigene Theologie vertreten.

17 Josuttis, Der Pfarrer ist anders, 168.

 

Über die Autorin / den Autor:

Vikar Julius Christian Trugenberger, Jahrgang 1988, ist seit 2019 Vikar der Evang. Landeskirche Württemberg in Ravensburg, 2009-2015 Studium der Evang. Theologie in Tübingen, Zürich, Göttingen und Wien, 2015-2019 Promotionsstudium, Juni 2020 Verteidigung der Arbeit "Neuhegelianisches Kulturluthertum. Friedrich Brunstäd (1883-1944)".

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2022

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