Soziologische Theorien sind zu Leitmodellen gesellschaftlicher Analyse geworden. Das betrifft auch Religion und Kirche. Dabei blenden sie aber das Wahrheitsmoment, das für die Religion typisch und unverzichtbar ist, systematisch aus. Dies führt in der Regel dazu, dass die Religion auf eine bestimmte Funktionserfüllung reduziert wird. Ivo Bäder-Butschle und Detlef Lienau zeigen das an ausgewählten Theoriebeispielen und fordern einen weitergehenden Betrachtungsansatz.

 

1. Was macht Soziologie mit Religion?

Soziologie macht der Theologie als kirchenorientierende Leitwissenschaft ernsthaft Konkurrenz. Angesichts der sich schnell wandelnden Gesellschaft und erkennbarer Anpassungsprobleme der Kirche steigt der Beratungsbedarf durch Soziologie. Lange konnte dabei auf ein Dreigestirn religionssoziologischer Richtungen Bezug genommen werden: Säkularisierungs-, Individualisierungs- und Markttheorie, wobei insbesondere die Säkularisierungstheorie – zuletzt angefochten durch das empirisch kaum zu stützende Schlagwort von der Wiederkehr der Religion – als Platzhirsch das Feld beherrscht. Insbesondere Hans Joas und Detlef Pollack führen eine differenzierende ­Diskussion über ihre Tragfähigkeit. Neben diesen beiden Religionssoziologen sind zwei allgemeinsoziologische Entwürfe in den letzten Jahren mit gegensätzlichen Interpretationen der Spätmoderne auf breites Interesse ge­stoßen: Hartmut Rosas Resonanztheorie und Andreas Reckwitz’ Singularisierungstheorie.

Zeit also, diese soziologischen Perspektiven in den Blick zu nehmen. Hier soll es uns um den spezifischen Aspekt der Funktionalisierung von Religion gehen.1 Soziologie fokussiert auf die von Religion für die Gesellschaft erbrachte Funktion, die häufig in der Kontingenzbewältigung gesehen wird. Dass Religion dann mit funktionalen Äquivalenten zusammengenommen wird, führt dazu, dass die Spezifika des Religiösen nicht in den Blick kommen. So wird die Frage nach der Wahrheit religiöser Auffassungen nicht nur als soziologisch nicht entscheidbar, sondern als irrelevant ausgeblendet. Dieses weltanschauliche Desinteresse ist aber bereits im Blick auf die weltanschaulichen Prämissen der soziologischen Entwürfe inkonsistent. Insbesondere führt es zu einer verengten Wahrnehmung, die auch soziologisch relevante Spezifika von Religion übersieht. Es täte der Soziologie gut, die Grenzen des Eigenen zu reflektieren. Und es lohnt sich für Kirche, die Relevanz ihres Wahrheitsanspruchs selbstbewusst wahrzunehmen.

 

2. Soziologische Perspektiven auf Gesellschaft und Religion

Vergegenwärtigen wir uns kurz die vier erwähnten soziologischen Entwürfe:

2.1 Resonanzgeschehen statt Ressourcenvermehrung

Hartmut Rosa ist kirchlich vom Kirchentag bis zur Akademietagung breit wahrgenommen worden. Sein 2005 erschienenes Werk „Beschleunigung“ schilderte die Gefahren einer sich technisch, sozial und individuell beschleunigenden Gesellschaft. Elf Jahre später veröffentlichte er mit „Resonanz“ eine auf die negative Diagnose antwortende Therapie: „Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung“ (Rosa: Resonanz, 13).2 Die einseitige Ausrichtung auf Ressourcenvermehrung gehe auf Kosten der Frage, wozu die Ressourcen verwendet werden sollen, also zulasten der Frage nach dem guten Leben. Das gute Leben macht sich nicht an Ressourcen, sondern an Resonanz fest. Leben wird dort als erfüllt und sinnvoll erfahren, wo Menschen Resonanzbeziehungen erleben: Wo sie etwas in ihre Welt einbringen können und die Welt darauf eingeht, oder wo umgekehrt die Welt etwas vom Einzelnen will und der Einzelne darauf eine eigene Antwort geben kann. Bloß erkennendes Erschließen, technisches Bearbeiten oder ökonomisches Nutzen lassen die Welt verstummen. Aber auch einseitige Hingabe ergibt keine resonante Wechselbeziehung. Erst im Zusammenspiel von intentionalem Handeln und pathischem Berührtwerden ereignet sich Resonanz als freies Antwortgeschehen zwischen Welt und Mensch.

Religion ist eine mögliche Resonanzachse. „Gott ist … die Vorstellung einer antwortenden Welt.“ (Rosa: Resonanz, 435) Zwar gibt es auch resonanzhinderliche Formen von Religion – Fundamentalismus und harmonierende Spiritualität –, aber Rosa hat ein Interesse an Religion, die einen antwortenden Bezug zum Ganzen der Welt unterstützt. Rosas Entwurf bietet für Kirche einen sinnvollen Platz in der Gesellschaft, der zudem auf der Seite der Lösung liegt. Sie sollte sich konzentrieren auf ihr religiöses Kerngeschäft, resonanzermöglichende Räume anzubieten.

2.2 Die Logik des Besonderen

Ein zweiter aktueller allgemeinsoziologischer Entwurf ist Andreas Reckwitz’ „Singularisierung“.3 Danach wird die in der Moderne gültige Logik des Allgemeinen in der Spätmoderne abgelöst durch die Logik des Besonderen, in der Menschen sich in einem kuratierten Lebensstil durch Besonderes gegenüber anderen auszeichnen. Diese Auszeichnung als besonders geschieht in Valorisierungen, Zuschreibungen von Wert, die willkürlich und affektiv sind, ohne einer rationalen Logik zu folgen. Die Gesellschaft bricht auseinander in die Gewinner des neuen Bürgertums und Verlierer, die die Mechanismen der Singularisierung nicht beherrschen. Volkskirche ist für Reckwitz überholt, da sie der Logik des Allgemeinen folgt. Sein Interesse finden zwei Formen des Religiösen, die an der Logik der Singularisierung teilhaben: auf der einen Seite die individualisierte Patchwork-Religiosität sowie auf der anderen Seite starke „Neogemeinschaften“ (Freikirchen und Sekten), die sich durch bestimmte Gruppenmerkmale valorisieren. Die Situation ist für die Großkirchen schwierig: Sollen sie an ihrem Modell des Allgemeinen festhalten, die Singularisierung der Mitglieder religiös fördern oder sich zu einer Sammlung von Neogemeinschaften umbauen?

2.3 Sakralisierungen

Länger in der Diskussion und im engeren Sinn religionssoziologisch sind die beiden folgenden Entwürfe. Hans Joas hat mit großem geistesgeschichtlichem Horizont ein eigenes Modell entwickelt, das Religion als eine Form sozialer Idealbildung versteht.4 Idealbildung – von Joas auch als Sakralisierung bezeichnet – gehört wiederum unausweichlich zum Menschsein dazu. Sakralisierungen stehen in einem Zirkel von Erfahrung und Deutung, wobei individuelle und soziale Momente ineinandergreifen. Werden sie zu Idealen verstetigt, werden sie handlungsleitend und so ethisch sozial wirksam. Weil Religion als Möglichkeit sozialer Idealbildung an einer anthropologischen Konstante teilhat, solle nicht vorschnell eine zwangsläufige Säkularisierung postuliert, sondern unterschiedlichste Entwicklungen von Religion für möglich gehalten werden.

Innerhalb dieses universalen Faktums der Sakralisierung erkennt Joas auch Aspekte, die für die gegenwärtige Situation typisch sind, in der Religion nur noch eine Option der Sakralisierung neben anderen ist. In dieser Situation der Kontingenz kommt es zu fluider Zugehörigkeit und zunehmender Notwendigkeit von Dialog und Übersetzung. Für Kirche kommt es darauf an, Erfahrungen der Selbsttranszendenz zu ermöglichen und die Ausbildung von Idealen zu fördern.

2.4 Religion als eigener gesellschaftlicher Funktionsbereich

Detlef Pollack betrachtet modernisierungstheoretisch Religion als eigenständigen gesellschaftlichen Funktionsbereich neben Wirtschaft, Recht etc.5 Es genüge aber nicht, Religion allein über ihre Funktion – etwa Kontingenzbewältigung – zu bestimmen. Pollack erweitert einen funktionalen Religionsbegriff um substanzielle Aspekte, was ihm ein Spezifikum von Religion gegenüber anderen gesellschaftlichen Systemen erschließt: Religion ist ein um ein eigenes Thema aufgebauter Funktionsbereich und zugleich funktional unbestimmt. Sie kann und muss mit ihrem Thema Kontingenzbearbeitung an andere Funktionsbereiche wie Bildung und Ökonomie andocken. Dies erklärt die besonderen Herausforderungen, denen Religion in einer zusehends ausdifferenzierenden Gesellschaft gegenübersteht: Es ist kaum noch möglich, als Klammer um die auseinanderstrebenden Funktionsbereiche zu wirken – selbst ein Andocken an die sich immer weiter mit ihren eigenen Logiken verselbständigenden Bereiche wird schwieriger. Auf breiter empirischer Basis entwickelt Pollack einen multiparadigmatischen Ansatz säkularisierender Faktoren. Die Wirksamkeit kirchlicher Reformbemühungen sieht Pollack durch die Abhängigkeit von externen Faktoren als eher gering an. Wichtig sei ein gutes Ausbalancieren von funktionaler Diffusion und Spezifikation, wobei die Reproduktion des Religiösen durch intensivierte religiöse Sozialisation entscheidend sei. Auf den sozialmoralischen Nutzen solle nicht direkt gezielt, dieser vielmehr als implizite Folge von Religion erwartet werden.

 

3. Wie funktional ist Religion?

Was zeigt sich in der Beobachtung der Beobachtung? Was tritt zutage, wenn Theologie auf den soziologischen Blick auf Religion blickt? Soziologie fragt nach sozialen Zusammenhängen. Das führt in den vier Entwürfen zu einer Fokussierung auf die sozial funktionalen Elemente, also auf die Wirkungen von Religion: wofür ist Religion in sozialer Hinsicht gut?

Bei Rosa ist Religion dafür gut, eine Möglichkeit resonanter Weltbeziehung zu eröffnen. Für Joas sind Religionen funktional für die Entstehung von Werten. Pollack sieht die Funktion von Religion in der Kontingenzbewältigung. Für Reckwitz kommt Religion in Frage als Option kultureller Valorisierungsprozesse. In allen vier Entwürfen ist Religion für etwas gut. Die soziologische Logik dahinter ist plausibel: Nur das, was einer Sozialwelt nicht als „ganz Anderes“ gegenübersteht, kann einen Platz in ihr haben. Unsere These ist, dass ein solcher Ansatz die Tendenz hat, funktionale Leistungen von Religion auf Kosten dysfunktionaler Elemente zu privilegieren. Das zeigt sich in allen vier Entwürfen:

Wenn Rosa Religion als Resonanzachse gegenüber der Welt als Ganzer interpretiert, dann werden damit bestimmte nicht-resonante Züge gerade der nachachsenzeitlichen Religionen nicht konzeptualisiert. Ihre Vorstellung der Transzendenz profaniert einen Gutteil der Welt, die dadurch nicht mehr unmittelbar resonanzfähig ist. Die monotheistischen Religionen unterscheiden zwischen transzendentem Schöpfer und Schöpfung, wodurch der Kosmos nicht mehr unmittelbar als Resonanzraum funktioniert. Solche Religion verlagert die Resonanz auf den transzendenten Grund dieser Wirklichkeit. Die Welt ist nur in einem abgeleiteten und abgeschwächten Sinn „antwortend“. Wenn aber von Rosa Religion als durchgängig Resonanz-funktional verstanden wird, wird dieses Spezifikum des Ausschlusses bestimmter Resonanzen sachfremd übergangen.

Joas fasst den Prozess der Idealbildung differenziert als Zusammenspiel von erlebter Situation, präreflexiver Erfahrung, individueller Deutung und kulturellen Deutungsmustern, die jeden Artikulationsprozess mitbestimmen. Religionen sind Artikulationsversuche der Macht des Heiligen, wirken in ihrer institutionellen Form selbst auf die Ideale zurück und ermöglichen in ihren Ritualen selbst solche Erfahrungen. Damit ist Religion von dem fundamentalen anthropologischen und sozialen Bedürfnis nach Sakralisierung und Idealen her gedacht. Kritisch ist hier zu fragen: Ist Religion tatsächlich in erster Linie auf moralische Idealbildung/Sakralisierung zielende Artikulation von Heiligkeitserfahrung? Bei Joas heißt Idealbildung ja, dass Sakralisierungsprozesse ethisiert werden. Empirisch ließe sich einwenden: Der Buddha lehrt nicht Moral, sondern Erlösung. Luther trennt Moral als „Werkgerechtigkeit“ strikt von Glauben. Auch wurde Religionen immer wieder moralzersetzende Wirkung zugeschrieben. Offensichtlich übernimmt in diesen Fällen Religion nicht primär die Funktion einer Idealbildung. Das Faktum der Idealbildung spielt zweifelsfrei eine Rolle für Religionen, deckt aber wesentliche Elemente nicht ab.

Pollack bestimmt die Funktion von Religion als Kontingenzbewältigung. Allerdings bewältigt Religion nicht nur Kontingenz, sie erzeugt und verschärft diese auch. Wenn eine Religion den erwachten Buddha in den Mittelpunkt stellt, der alle sichtbare Wirklichkeit als Schein durchschaut hat, oder den Gekreuzigten, der als Gerechter stirbt, dann werden damit Kontingenzerfahrungen erzeugt und Wahrnehmungen von Kontingenz intensiviert. Dysfunktionale Momente sind nicht per se Fehlentwicklungen von Religion, sondern können gerade ihrer Eigenlogik entspringen.

Sicherlich ist Religion auch „für etwas gut“, aber wenn Funktionalität soziologisch zum Kernmerkmal von Religion wird, dann wird das ihrer Eigenlogik nicht gerecht. Religionen sind zwar auch Teil der Sozialwelt, und möglicherweise sind die sozialen Einbindungen und damit auch die funktionalen Logiken wesentlich höher, als das aus der Selbstwahrnehmung von Religionen zugestanden wird, aber Religionen folgen auch einer Eigenlogik und sind mehr als Epiphänomene des Sozialen.

 

4. Funktionale Äquivalenz und Religionsbegriff

Die jeweils von Religion erfüllte Funktion kann auch von funktionalen Äquivalenten übernommen werden. Kontingenzbewältigung kann statt durch Glauben auch durch die Pflege von Freundschaften oder durch Zerstreuung geschehen. Auch Natur, Kunst oder Geschichte ermöglichen vertikale Resonanzen (Rosa), die zudem ohne metaphysisches Glaubenssystem auskommen. Reckwitz versteht Religion als – mehr oder weniger funktionale – Weise singularisierender Valorisierung, die genauso durch Hobbys oder Kleidung erbracht werden kann. Joas verlegt den Begriff der Heiligkeit eine Ebene höher als Religion, so dass das Faktum der Idealbildung keine religiöse Deutung erzwingt. Es gebe keine religiösen Erfahrungen, vielmehr tritt Religion erst sekundär als Deutungsrepertoire hinzu oder schafft Räume möglicher Erfahrung. Religion fördert mithin eine Fähigkeit und Haltung, die Erfahrungen und damit Sakralisierungen wahrscheinlicher und tiefer macht – mehr aber auch nicht.

Der Stärke des funktionalen Religionsbegriffs, Religion anschlussfähig zu halten und soziogisch andocken zu können, entspricht seine Schwäche definitorischer Unschärfe, Religion – etwa über eine in relevanter Weise bestimmte Art der Funktionserfüllung – unterscheiden zu können. Er kann Religion nicht von anderen Phänomenen abgrenzen, die offensichtlich ähnliche Funktionen erbringen. Wenn Religion Kontingenzbewältigung ist – ist dann jede Form der Kontingenzbewältigung auch Religion (Pollack)?6 Wenn Religion Valorisierung betreibt, ist sie darin ohne Spezifikum (Reckwitz)? Wenn Religion eine vertikale Resonanzachse ist, worin unterscheidet sie sich dann von anderen vertikalen Resonanzachsen wie Geschichte, Kunst oder Natur (Rosa)? Wenn Religion Prozesse der Idealbildung umfasst, worin unterscheiden sich dann religiöse und nichtreligiöse Prozesse der Idealbildung (Joas)?

 

5. Wahrheitsfragen sind relevant

Ein Spezifikum von Religion könnte ihr Umgang mit Wahrheitsfragen sein. Diese kommen aber in den soziologischen Entwürfen nicht in den Blick. Ob religiöse Auffassungen wahr sind, erscheint nicht nur soziologisch unentscheidbar, sondern als überhaupt irrelevant. Nun ist klar, dass Soziologie keine weltanschaulichen Urteile fällen kann. Aber theologisch fragen wir, ob es nicht Sinn macht, die Möglichkeit solcher Urteile offen zu halten und sie nicht a priori als bedeutungslos einzustufen.

Wenn Rosa – auf Schleiermacher zurückgreifend – festhält: „Gott ist … die Vorstellung einer antwortenden Welt.“ (Rosa: Resonanz, 435), dann ist Gott nicht Ermöglicher und Bürge dieser Resonanzfähigkeit, sondern nur Bezeichnung des religiösen Bewusstseins. Ob Gott existiert, ob dem transzendenten Bezugspunkt von Religion Realität zukommt, ist egal. Dies wird als nicht zu beantwortende Weltbildfrage ausgegliedert. Entscheidend ist für Rosa die subjektive Idee einer Resonanzbeziehung des Gläubigen, nicht deren reale Triftigkeit.

Dass Gott als eigenständige und der Welt gegenüberstehende Größe als Moment des religiösen Bewusstseins zu einem Teil der Welt gemacht wird, bedeutet zunächst einmal einen Verlust an „Reibungsfläche“, an der sich Resonanz potentiell entzünden kann. Wir sehen nicht, wie mit Rosa zu denken wäre, dass Gott sich anders offenbart, als die Welt ist. Gottes Unverfügbarkeit, seine Unabhängigkeit von Funktionserwartungen ist ohne eine von der Welt unterschiedene Identität Gottes nicht zu wahren. Die Widerständigkeit, die von Gott ausgehen könnte, wird in zweierlei Weise minimiert: zum einen, indem Gott in der Welt aufgeht, statt ihr gegenüberzustehen, zum anderen, indem Gott zu einer bloßen Vorstellung wird.7

Die Ausklammerung der Wahrheitsfrage ist nicht nur resonanztheoretisch heikel, sie widerspricht auch dem Selbstverständnis zumindest der (nach-)achsenzeitlichen Religionen, in denen Wahrheitsdiskurse zunehmendes Gewicht gewinnen. Von den Propheten bis zu Philo, bei Mohammed oder Buddha wird deutlich, dass Debatten über die Triftigkeit des Glaubens zum Selbstverständnis von Religion gehören.

Auch in der Wahrnehmung religiöser Praxis geht durch Ausblenden weltanschaulicher Züge viel verloren. Das soll wieder am Beispiel von Rosa und seiner Analyse des Betens dargestellt werden. Für ihn zielt das Gebet auf das Hervorrufen von Resonanz, also einer spezifischen Form der Weltbeziehung – in der religiösen Innenperspektive hingegen ist es Kommunikation mit Gott. Die Resonanzerwartung des Beters besteht gegenüber Gott, aber nicht unbedingt gegenüber der „Form der Weltbeziehung“ an sich. Religiöse Praxis ist nicht primär funktional, sie will nicht per se etwas erreichen (sei es Resonanz, Moral oder Valorisierung), vielmehr reagiert sie auf Ergriffensein, lebt von Referenzialität. Kurz gesagt: Christliche religiöse Praxis setzt einen existierenden Gott als reales Gegenüber voraus. Auch wenn diesbezüglich nur mit Gründen mittlerer Reichweite argumentiert und immer nur vorläufig entschieden werden kann, ist diese weltanschauliche Seite von Religion als wesentlicher Aspekt ernst zu nehmen.

 

6. Gerhard Wegner als Anti-Funktionalist

Um den Gewinn eines nicht einseitig funktionalen, sondern auch substanzielle und Wahrheitsfragen umfassenden Religionsverständnisses aufzuzeigen, soll auf Gerhard Wegner zurückgegriffen werden.8 Wegner ist für uns interessant, weil er kirchensoziologische Empirie einer explizit theologischen Interpretation unterzieht. Dabei gewinnen die bisher eher theoretischen Überlegungen für die Ausrichtung von Kirche eine erstaunliche Praxisrelevanz. Konsequenzen ergeben sich im Hinblick auf drei Punkte: Organisation und Wirksamkeitsorientierung, Nachfrageorientierung und Gemeinden als Räume religiöser Eigenlogik.

6.1 Organisation und Wirksamkeitsorientierung

Wegner fragt, wie sich das – etwa für „Kirche der Freiheit“ leitende und auch sonst durch die Not schwindender Relevanz laut gewordene – Organisationsparadigma mit seiner Ausrichtung an Wirksamkeit zum Spezifikum der Kirche und ihrem Verkündigungsauftrag verhält. Dass sich Kirche einem vorgängigen Wirken Gottes verdankt und Gottes Unverfügbarkeit einer Orientierung an Wirksamkeit Grenzen setzt, dass es bereits durch die Reflektion auf Ziele und Wirkungen zu einer Selbstsäkularisierung von Kirche kommen kann, ist eine eigene Diskussion wert. Hier möchten wir nur auf den Zusammenhang dieser Wirkungsorientierung mit der soziologischen Funktionalisierung von Religion hinweisen.

Gegenüber den verbreiteten Paradigmen von Organisation, Zielen und Wirkungen erachtet Wegner die vielgescholtene Institutionalität von Religion (auch) als entlastend. Die fehlende Rückkopplung der gestifteten Institution schafft einen Freiraum, der Kreativität fördern kann, weil Misserfolge nicht sanktioniert werden. Intrinsische Motivationen der von Gott ergriffenen Menschen und ein Wirksamwerden Gottes erhalten Freiräume – wie auch ungewollte, aber nicht zu vermeidende Selbstbezüglichkeit. Weil Kirche wie Subjekte erst und gerade als Ergriffene wirksam sind, geht es darum, Passivität und Empfangen zu ermöglichen, um zu bezeugen statt zu bewirken. Kirche kommt nicht um die Herausforderung herum, dieses Erwachsen aus einem Wirken Gottes auszuhandeln mit den gesellschaftlichen wie individuellen (Funktions-)Erwartungen. Als Teil von Gesellschaft muss sie auf diese Bezug nehmen, kann sich aber als religiöse Größe nicht einfach an Gesellschaft anschmiegen, sondern muss sich zugleich als Kosmos kreativen Eigensinns etablieren.

6.2 Angebots- statt Nachfrageorientierung

Wenn erst aus dem Erscheinen Gottes Nachfrage nach Religion erwächst, dann ist von Nachfrage- auf Angebotsorientierung umzustellen. Nicht individuelle oder gesellschaftliche Bedürfnisbefriedigung hilft weiter, sondern auf die produktive Kraft des Glaubens zu setzen, wie auch Unternehmen nicht einfach Bedürfnisse befriedigen, sondern durch etwas Neues überraschen. Religiös gesprochen: Statt die Menschen mit ihren Vorlieben zu versorgen, werden sie in das Licht der Erlösung gestellt und so zu Menschen verändert, die religiös nachfragend sind. Während eine Funktionalisierung von Religion als Kontingenzbewältigung vom Leben gestellte Fragen bearbeitet, müsse Kirche die Fragen oft erst generieren – zumal (etwa durch sozialstaatliche Absicherung) Kontingenzen schwinden oder im Sinn einer Indifferenz keine Fraglichkeit mehr empfunden wird. Statt auf Nachfrageorientierung als adäquate Reaktion auf einen funktionalen Religionsbegriff ist auf Angebotsorientierung zu setzen, da diese dem religiösen Selbstverständnis entspricht. Das ist auch darum sinnvoll, weil Funktionalität immer auch Äquivalente kennt, die sich oft als konkurrenzfähiger erweisen.

Selbstbewusste (und darin erfolgreiche) Gemeinden, agieren angebotsbestimmt und erzeugen so ein attraktives Kraftfeld – gerade indem sie auf religiöse Sozialisation setzen und so Nachfrage auf Dauer stellen.9 Dieser kommunitaristischen Strategie geht es um Einbindung in Gemeinden, in denen sich gemeinschaftliche Religiosität reproduziert. Die liberale Nachfrageorientierung am individualisierten Konsumenten scheitert hingegen am Reproduktionsproblem, da so Religion keine Sozialgestalt gewinnt, die Nachfrage reproduzieren könnte. Diese Fokussierung auf den Raum religiöser Eigenlogik bleibt aber kein Rückzug aus der Welt, sondern generiert mittelbar Motivation zur Weltgestaltung.

6.3 Gemeinden als Räume religiöser Eigenlogik

Wegner attestiert Gemeinden, oft selbstgenügsam, „eigen-resonant“ auf sich selbst bezogen zu sein – das ist zugleich ihre Stärke und ihre Schwäche. Die Bewertung des eigenen Tuns wird aus dem erlebten Miteinander gewonnen, nicht aus äußeren Maßstäben wie Wirksamkeit. Aber gerade solche selbstgenügsamen Sozialformen bilden den Nährboden für religiöse Kommunikation. Sie stellen (anders als Organisationen) die für religiöse Kommunikation notwendigen Atmosphären bereit. Wegner greift dafür auf Joas’ Modell der Wertbindung durch Ergriffenheit – und nicht durch rationale Entscheidung nach Mittel-Zweck-Kalkülen – zurück. Gemeinschaften ermöglichen Prozesse, in denen erst im Vollzug der Sinn des Vollzugs deutlich wird, und in denen die Menschen sich erst zu denen bilden, für die der Vollzug bedeutsam wird: „Man wird hineingezogen, lernt sich in diesen Welten zu bewegen und entdeckt erst sehr viel später die Bedeutung all dessen.“10 Religion macht aus, dass es nicht um die Erfüllung mitgebrachter Interessen geht, sondern sich den Beteiligten eine Wertquelle jenseits der eigenen Interessen erschließt – und genau das kann sich in diesen selbstbezüglichen, sich nicht nachfrageorientiert anbiedernden Gemeinden ereignen.11

Religion reproduziert sich in diesen Gemeinden mithin innerhalb eines selbstbezüglichen eigenplausiblen Feldes, das von gesellschaftlichen Plausibilitäten und Erwartungen relativ abgekoppelt ist. Gegen eine liberale Strategie der Integration in Gesellschaft müssen dafür selbstzweckliche Kraftfelder religiösen Eigensinns geschaffen werden. Da die Mitglieder keine Vorstellungen von einem möglichen Nutzen kirchlicher Angebote haben, sei eine Angebotsorientierung richtig. Diese müsse aber für die Menschen anknüpfungsfähig sein. Es geht mithin nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein kluges Kombinieren beider Aspekte.

Gemeinden existieren zwischen den beiden Polen gemeinschaftlicher Selbstbezüglichkeit und organisationsförmiger Zielorientierung. Reine Selbstbezüglichkeit ist problematisch, aber eine Ablösung der Selbstbezüglichkeit durch organisierendes Handeln ebenfalls. Wie kann es gelingen, dass gemeinschaftlicher Humus und zielgerichtetes organisationsförmiges Handeln so verknüpft werden, dass ein ausstrahlendes religiöses Kraftfeld entsteht? Wie lassen sich Momente von Institution, Organisation und Gemeinschaft klug zu einem Hybrid kombinieren? Es geht darum, die in der Sache notwendige selbstbezügliche Gemeinschaftsorientierung und die aufgrund der Konkurrenzsituation, in der Gemeinden stehen, notwendige Organisationsorientierung zugleich zum Zug kommen zu lassen.
 

7. Wahrnehmungslücken schließen

Theologie und Soziologie können von der gegenseitigen Wahrnehmung profitieren. Soziologie zieht aus der theologischen Perspektive einen Gewinn, indem die Eigenlogik von Religion deutlich wird, die sich einer einseitigen Funktionalisierung widersetzt. Auch wenn ein Eingreifen Gottes für die Soziologie nicht bearbeitbar ist, kann sie ihre Theorien für das mögliche Wirken von Transzendenz offenhalten. Sie kann kreative Aufbrüche des Religiösen als möglich integrieren. Auch kann sie eigenartige Sozialformen von Kirche (etwa Kirche als Hybrid organisatorischer, institutioneller und gemeinschaftlicher Aspekte) besser nachvollziehen.

Umgekehrt schützt ein soziologischer Blick Kirche vor einer zu starken Entkopplung von gesellschaftlichen Entwicklungen und hilft ihr, ihre Strategien zu kontextualisieren. So wäre etwa mit Reckwitz zu fragen, wie gemeindliche Orte religiöser Sozialisation unter Bedingungen zunehmender Singularisierung möglich sind. (Wie) kann unter diesen Bedingungen eine Parochie gelingen? Mit Joas ist zu fragen, wie sich Bedingungen kontingenter und fluider werdender religiöser Identitäten auf religiöse Sozialisation auswirken. Wie kann sich eine Gemeinde angesichts gesellschaftlicher Dynamisierung auch in ihren dazu in Spannung stehenden Momenten erhalten? Gerade der Aspekt der Funktionalität birgt für die gegenseitige Bereicherung von Soziologie und Religion großes Potenzial.

 

Anmerkungen

1 Wie die vier soziologischen Entwürfe die Situation von Religion und Kirche in unserer Gesellschaft beschreiben und welche Handlungsorientierungen sich für Kirche ergeben, haben wir an anderer Stelle diskutiert: Ivo Bäder-Butschle/Detlef Lienau: Funktionalisierte Religion. Soziologische Perspektiven auf Religion und Kirche, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2021.

Als besonders relevant erweisen sich drei Themenfelder: 1. Gemeinde versus Individuum: Vielgestaltigkeit von Kirche zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft, 2. Kern versus Weite: Konzentration auf das Wesentliche oder vielfältige Kirche und Öffnung zur Gesellschaft?, 3. Determinierter Schwund versus Reformoptimismus: religiöse Eigenlogik oder gesellschaftliches Epiphänomen?

2 Rosa, Hartmut: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Suhrkamp, Berlin 2016.

3 Reckwitz, Andreas: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Suhrkamp, Berlin 2017.

4 Joas, Hans: Die Entstehung der Werte, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1997.

5 Pollack, Detlef: Religion und gesellschaftliche Differenzierung. Studien zum religiösen Wandel in Europa und den USA III, Mohr Siebeck, Tübingen 2016.

6 Dieses Problem sieht Pollack selbst und löst es, indem er Religion zusätzlich durch ein substanzielles Kriterium näher bestimmt, nämlich durch den „re-entry von Transzendenz“.

7 Zugleich baut Rosas Modell der Resonanz – wie hier nicht weiter ausgeführt werden kann – auf weltbildlichen Prämissen auf. Weltbildliche Fragen lassen sich nicht einfach mit Rekurs auf naturalistische oder phänomenologische Annahmen umschiffen.

Pollack scheint uns die Relevanz weltanschaulicher Fragen angemessener zu konzeptualisieren. Religion ist funktional gesehen Kontingenzbewältigung. Substanziell geht es aber um den re-entry von Transzendenz, also um die kommunikative Wiedereinführung dessen, was jenseits unserer normalen kommunikativen Möglichkeiten liegt. Ob dieser re-entry gelingt oder überhaupt möglich ist, ist offen. Darin sehen wir einen Platzhalter für mögliche weltanschauliche Ansprüche, über deren Triftigkeit aber soziologisch kein Urteil gefällt wird.

8 Wegner, Gerhard: Wirksame Kirche. Sozio-theologische Studien, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2019.

9 Rebenstorf, Hilke/Ahrens, Petra-Angela/Wegner, Gerhard: Potenziale vor Ort – Erstes Kirchengemeindebarometer, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2015.

10 Wegner, Gerhard: Religiöse Kommunikation und Kirchenbindung. Ende des liberalen Paradigmas? Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2014, 40.

11 Auf die Risiken solcher eigenplausibler, selbstreferentieller und von gesellschaftlichen Erwartungen stark abgekoppelter Systeme hat Wegner jüngst mit großer Resonanz hingewiesen: Freilaufende Pfarrerinnen? Zur Entwicklung der evangelischen Kirchen in Deutschland; in: Badisches Pfarrvereinsblatt 5/2020, 173-192. Dort moniert er eine zu starke Eigenresonanz der Institution Kirche und fordert eine stärkere Mitgliederorientierung. Zwar sei der Kirche wesentlich eine Auftragsorientierung eingeschrieben (auch in der reformatorischen Bestimmung von Kirche seien Wort und Sakrament, aber nicht die Mitglieder genannt), doch die fast vollständige Abkopplung kirchlicher Steuerung von den Mitgliedern gehe zu weit.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. Ivo Bäder-Butschle, Pfarrer der Kirchengemeinde Lörrach-Rötteln, Promotion mit "Interpretation der moralischen Welt: Michael Walzers Philosophie der moralischen Praxis als Impuls für die theologische Ethik", 2006; zuletzt: "Brüchige Fundamente: Eine Revision der Rechtfertigungslehre", 2017.

 

Pfarrer Dr. Detlef Lienau, Leiter der Evang. Erwachsenenbildung Freiburg, Promotion mit "Religion auf Reisen. Eine empirische Studie zur religiösen Erfahrung von Pilgern", 2015; zuletzt: "Das Weite suchen. Pilgern - mit Gott auf dem Weg sein", 2018.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2022

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