Freiheit ist zu so etwas wie der ultima ratio in allen Fragen der gesellschaftlichen und individuellen Lebensgestaltung geworden. Dabei wird jedoch rasch übersehen, dass Freiheit im individuellen wie sozialen Kontext etwas jeweils Unterschiedliches meint und beides nicht zusammenpasst. Im Gegenteil: die subjektivistische Atomisierung des Freiheitsgedankens bedroht eine freie Gesellschaft. Martin Schulz zeigt dies beispielhaft an aktuellen Diskursen um die Freiheit der Religion, der Kunst und der Wissenschaft auf.

 

Freiheit der Religion

Beobachtungen

Blasphemie, glaubte man, sei in Europa überwunden. Die Beleidigung Gottes sei ebenso überwunden wie die Störung des öffentlichen Friedens durch eine Beschimpfung des Inhalts eines religiösen Bekenntnisses oder einer Religionsgemeinschaft. Einige europäische Staaten haben den Blasphemie-Paragrafen abgeschafft. Deutschland konnte sich nicht entschließen, den sog. Blasphemie-Paragrafen 166 Strafgesetzbuch zu streichen. Die Wirkung der Mohammed-Karikaturen weckte 2004 die Aufmerksamkeit für den Sachverhalt Blasphemie. 2020 wurde Samuel Paty ermordet. Diese Mordtat schockierte. Mord war unvorstellbar gewesen. Geistiger Streit muss sein, aber physisches Töten – das lag jenseits der Vorstellungskraft. Die Überzeugung vieler Muslime „Der Prophet wird beleidigt und damit sind wir persönlich beleidigt“ reichte bis in deutsche Klassenzimmer hinein.1

Man streitet, wenn zweierlei Auffassungen des Freiheitsgebrauchs aufeinanderstoßen und nicht miteinander vereinbar sind. Auf der einen Seite steht die Freiheit der Kunst. Auf der anderen Seite steht das Beleidigt- und Gekränktsein durch diesen Freiheitsausdruck. Reicht Beleidigtsein aus, um Gerichte zu bemühen oder den Tod anzudrohen oder zu töten? Beleidigtsein hat sich zu einer Seinsweise entwickelt. Die AFD ist beleidigt, weil zu viele Fremde im Land sind. Gut Verdienende sind beleidigt, weil sie Steuern zahlen müssen. Schüler sind wegen schlechter Noten beleidigt. Autofahrende fühlen sich beleidigt, weil der Spritpreis hoch ist.

Folgerungen

1. Die Situation wird ausweglos: Die eine Seite zeigt, dass sie lediglich von der rechtlich legitimen Freiheit Gebrauch macht. Die andere Seite sagt: Wir sind beleidigt. Das ist ein Faktum. Im vorhergehenden Jahrtausend hätte man gefragt: Wo liegt die Grenze? Wo stößt der Freiheitsgebrauch der einen an die Freiheit der anderen? Heute ist das anders: Fakten stehen gegen Fakten. Nichts Drittes vermittelt zwischen den Fakten. Es gibt nichts Übergeordnetes, worauf Streitende sich gemeinsam berufen können. Letztlich bleiben nur staatliche Gerichte, die Streitfälle entscheiden. Gerichte stellen in ihrem Urteil „Wahrheit“ fest und regeln den gegenseitigen Freiheitsgebrauch.

2. Es geht um Wahrheitsansprüche, die subjektiv als Verletzungen erlebt werden. Man kann ein „Plädoyer für eine Theologie religiöser Beliebigkeit“2 halten und die Wahrheitsansprüche reduzieren. Ziel einer solchen Theorie ist es, die Willkür oder den Wahlcharakter sowohl hinter einer Theologie als auch einer Frömmigkeit transparent zu machen. Die praxis pietatis liebt, was ihr beliebt. Beliebigkeit soll Streit zwischen Freiheitsgebrauch und Frömmigkeit zu entschärfen. Das ist die schwache Lesart. Die starke Lesart versteht die Beliebigkeit als individuellen Freiheitsakt.

3. In der Formulierung der Beliebigkeit ist vorausgesetzt, dass Frömmigkeit und Religion zu einer privaten, höchstpersönlichen Lebensform geworden sind. Diese Individualisierung lebt von der freien Wahl, die jenseits der Freiheit der Wissenschaft, der Freiheit der Wirtschaft und der Freiheit der Politik liegt. Diese Bereiche sind von Sachzwängen, die naturgesetzlich begründet sind oder sich den Schein von naturhaften Zwängen geben, und Zwangsgemeinschaften geprägt. Aber Theologie und Frömmigkeit haben ein Freiheitspotential, wie kaum ein anderer gesellschaftlicher Bereich ihn hat. Hier ist die Freiheit als Freiheit möglich. Das Individuum kann sich frei ausprägen und gestalten. Der Sachzwangcharakter der Politik, Wissenschaft, Wirtschaft ist in der Religion aufgehoben. Menschen werden empfindlicher in Bezug auf die Konflikte, die die persönliche Wahrheit und die ureigene Freiheit angehen und diese einschränken.

4. Dieses individualisierte Freiheitsgefühl bezieht sich nicht nur auf ursprüngliche Religion, sondern auch auf pseudoreligiöse Formen.

 

Freiheit der Kunst

Beobachtungen

Danger Dan veröffentlichte 2021 das Lied „Das ist alles durch die Kunstfreiheit gedeckt“3. Der Clip beginnt mit einigen Gewehrpatronen in der Hand. Ein Magazin wird in ein Sturmgewehr eingesetzt und die Waffe durchgeladen. Ein Bühnenvorhang öffnet sich und Danger Dan trägt sein Lied am Flügel vor. Jürgen Elsässer, Götz Kubitschek und Alexander Gauland droht Danger Dan im Konjunktiv Gewalt an. Ken Jebsen verklagte Danger Dans Band wegen Beschimpfung und verlor den Prozess. Auch das verarbeitet Danger Dan im Text künstlerisch. Der Clip zeigt ihn am Klavier spielend, dazwischen sind Bilder von Tomaten, Torten und Eiern eingeblendet. Dann steht er mit dem Sturmgewehr auf und geht über die Bühne. Er singt, dass er ein Experiment machen und seine Meinung sagen will. Jürgen Elsässer sei Antisemit. Die Waffe hält er in der Hand, singend, „Faschisten hören nie auf, Faschisten zu sein“. Staat, Verfassungsschutz und Polizei müsse man misstrauen. Oury Jalloh sei 2005 in Dessau in einer Gewahrsamszelle der Polizei verbrannt. Täter wurden damals nicht ermittelt. Das letzte Mittel sei, so Danger Dan, die Militanz. Dabei hebt er das Sturmgewehr. Dann sieht man Danger Dans Gesicht – das nicht vorhandene Publikum bewirft ihn mit Tomaten, Eiern und Torten. Schließlich verneigt sich Danger Dan und verlässt die Theaterbühne. Das Kunstwerk wird ironisch gebrochen. Alles Theater!

Das Kunstwerk ist eine Kampfansage gegen rechte Vertreter wie Elsässer, Kubitschek und Gauland. Es provoziert an der Grenze des Wohlwollens, des guten Geschmacks, der Gewalt und fordert eine Reaktion, die aufgrund der Kunstfreiheit ins Leere laufen muss. Natürlich hat Danger Dan seinen Rechtsanwalt den Liedtext vor der Veröffentlichung prüfen lassen, ob er in einer gerichtlichen Auseinandersetzung Bestand hätte – und das hat der Text nach Angaben seines Anwalts.4 Die Kunstfreiheit deckt Text und Clip.

Folgerungen

1. Die Kunst wie die Religion sind individualistisch geprägt. Die Kunstfreiheit befreit von jederlei Sachzwang – politisch, rechtlich, wissenschaftlich, wirtschaftlich. Diese Idee der freien Freiheit ist in der Kunst möglich, und Danger Dan nutzt sie.

2. Der Clip ist eine ästhetische Konstruktion, die rechtlich abgesichert ist.

3. Das Ganze kann man auch ohne Sturmgewehr und Eierwurf ästhetisch genießen. Auf Youtube gibt es einen Clip aus einer ZDF-Sendung. Igor Levit und Danger Dan musizieren zusammen den Titel. Ästhetisch lässt sich diese Welt ertragen.5

4. Welches Kunstwerk ist das gelungenere, resonanzfähigere Kunstwerk? Ist es der Clip mit Patronen, Sturmgewehr und der ironischen Brechung oder ist es die rein musikalische Darstellung?

 

Freiheit der Wissenschaft

Beobachtungen

Wir sind eine Wissensgesellschaft geworden.6 Wissen reguliert die Welt und macht Sachverhalte nachvollziehbar und Probleme rational entscheidbar. In der Corona-Zeit demonstrierten die Corona-Leugner oder Wissenschaftsleugner oder Konsensleugner7, insbesondere vor dem Reichstag in Berlin. Wissenschaft wurde kritisiert, aber das gehört zu ihrem Geschäft. Diese Kritik reichte jedoch tiefer. Wissenschaft wurde mit anderer Wissenschaft, die aus den Tiefen des verborgenen, verdrängten, okkulten Wissens schöpfte, kritisiert.8 Verschwörungsmythen und altes Wissen, das die Wissenschaften verworfen haben, kamen an das Tageslicht. Dazu wurde der Einzelfall gegen das Allgemeine oder die Tendenzaussage der Wissenschaften gestellt. Die primäre Erfahrung wurde gegen abstrakte Daten gesetzt. Ein metaphysischer Rahmen wurde gegen den materiellen Rahmen der Wissenschaften bekannt. Für Beobachter zerfaserte das Gespräch, Fakten zerbröselten, jede Behauptung wurde möglich.

Die neue Identitätskultur kritisiert ebenfalls die klassischen Wissenschaften. Wissenschaftliche Rationalität steht in Frage: Das Ziel und die methodischen Verfahren der Wissenschaften werden nicht mehr allgemein geteilt. Das Ziel der Objektivität und das methodisch kontrollierte Verfahren werden als begrenze kulturelle Praktik kritisiert.9

Folgerungen

1. Die Wissenschaften mit ihren rationalen Methoden konkurrieren im öffentlichen Gespräch mit wissenschaftsfremden Überzeugungen. Wissenschaft überzeugt nicht mehr von sich aus, weil sie Wissenschaft ist.

2. Ein öffentlicher Streit lebt von der Überzeugung der Streitenden, dass Wissen wahr oder falsch oder besser oder schlechter sein kann. Diese Überzeugung bestätigt zwar das Weltbild der Wissenschaften. Denn sie vertreten die Überzeugung, dass das bessere Wissen der Feind des schlechteren Wissen oder Unwissens sei.

3. Hinter den Argumenten und Gründen der Vertreter der Wissenschaft und der Konsensleugner stehen verschiedene Weltbilder. Der rationale Austausch von Argumenten wird durch die Weltbilder unterlaufen. Die Weltbilder sind nicht nur nicht miteinander kompatibel, sie haben keinen Beziehungsgrund mehr. Wahr und falsch ist für jedes Weltbild anders besetzt.

4. Die Konsensleugner, die weltanschaulich andere Räume als die Wissenschaft aufmachen, haben ein feines Gespür für den Zwangscharakter und die Proklamation von Alternativlosigkeit, die von der Politikberatung der Wissenschaft ausgeht. Der Satz „Das ist alternativlos“ ist ein Signal oder Marker, der das Freiheitsgefühl kränkt, aufweckt und die Rebellion gegen Zwang auslöst.

Dieter Nuhr wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum 100jährigen Jubiläum um einen Beitrag gebeten. Er wurde erst auf der Website, dann auf Twitter veröffentlicht. Der 36 Sekunden lange Beitrag lautet: „Wissen bedeutet nicht, dass man sich zu hundert Prozent sicher ist – sondern, dass man über genügend Fakten verfügt, um eine begründete Meinung zu haben. Weil viele Menschen beleidigt sind, wenn Wissenschaftler ihre Meinung ändern: Nein, nein, das ist normal! Wissenschaft ist gerade, dass sich die Meinung ändert, wenn sich die Faktenlage ändert. Wissenschaft ist nämlich keine Heilslehre, keine Religion, die absolute Wahrheiten verkündet. Und wer ständig ruft: Folgt der Wissenschaft!, der hat das offensichtlich nicht begriffen. Wissenschaft weiß nicht alles, ist aber die einzige vernünftige Wissensbasis, die wir haben. Deshalb ist sie so wichtig.“ Nach 73 Kommentaren auf Twitter wurde der Beitrag vom Netz genommen – die DFG hielt diese Reaktionen nicht aus.

5. Der Beitrag lässt sich entweder als falsche Kategorialisierung der Wissenschaft lesen oder als ein Schritt zur Demokratisierung der Wissenschaft. Wissenschaft wird dann das, was jeder Mensch hat, darf und kann. Wissenschaft wird demokratisch. 2021 machte sich Rainald Grebe in seinem Lied „Wissenschaft ist eine Meinung, die muss jeder sagen dürfen“10 das Thema Wissenschaft als Meinung zu eigen. Er muss den Beitrag von Dieter Nuhr im Sinn gehabt haben, als er den Titel produzierte. Der Clip zum Lied spielt in Berlin. Mit dem Brandenburger Tor und dem Reichstag nimmt Grebe Bezug auf Orte der freien Meinungsäußerung. Fortuna Ehrenfeld, die Grebe unterstützen, treten in Pyjamas auf. Baron von Münchhausen wird mit dem Hasen mit acht Beinen zitiert. Rainald Grebe trägt den Aluhut, der ab und zu auf den Boden fällt. Absurde Feststellungen werden gesungen. Grebe und Fortuna Ehrenfeld performen Absurdität. Wissenschaft wird auf Meinungsfreiheit reduziert. Wissenschaft ist Meinungsäußerung, und jeder darf das, weil er das Recht dazu hat. Wissenschaft ist ad absurdum geführt. Grebe singt u.a.: „Ich bin verwirrt, ich habe Couscous im Gehäuse.“

6. Einerseits lässt sich mit diesem Verständnis von Wissenschaft nichts mehr entscheiden. Der Austausch von Meinungen gibt keine Kriterien oder Maßstab zur Entscheidung von Problemen oder Überlebensproblemen der Menschheit. Andererseits hat die Wissenschaft keinen Zwangscharakter mehr.

7. Eine wissenschaftstheoretische Reflexion: Paul Feyerabend formulierte: Anything goes! Wissenschaft war für Feyerabend ideologische und soziale Praxis. Rationale Methoden und Standards sollen zwar unabhängige Ergebnisse produzieren. Aber diese soziale Praxis ist nach Feyerabend abhängig von außerwissenschaftlichen Faktoren wie Menschen, Geld, … Feyerabend wird zum Mitbegründer der Multioptionsgesellschaft. Steiner oder Theosophie oder Einstein oder Hopi-Indianer stehen nebeneinander, und jeder sucht sich aus, was er brauchen kann und was ihm hilft. Was ein Mensch wählt, ist egal. Dass er eine möglichst unendliche Zahl von Wahlmöglichkeiten hat, ist das, worauf es ankommt. Ob Esoterik, Anthroposophie, Satanismus, flache Erde, Od-Kraft – jeder Mensch hat die unendliche Wahl, und alles ist richtig.

8. Thomas S. Kuhn erhob aus der Geschichte der Wissenschaft, dass zwischen einem alten und einem neuen Paradigma eine Phase der Krise lag. In einer solchen Krise gibt es keine Musterlösungen mehr, wissenschaftliche Rätsel können daher nicht gelöst werden. Der Übergang von einem Paradigma zu einem neuen Paradigma ist in der Schwebe, die scientific community weiß nicht, wohin die Reise geht. Die Übergangsphase zwischen zwei verschiedenen Paradigmen könnte man als neuen Arbeitsraum der Wissenschaften verstehen, in dem sie sich selbst verflüssigt. Der Konsens, durch den ein neues Paradigma entsteht, hat Zwangscharakter. Dieser Zwangscharakter wird im Zwischenraum von altem und neuem Paradigma zum Spielraum verschiedener wissenschaftlich möglicher Deutungen aufgehoben.

9. Die scientific community sucht nach einem neuen Paradigma. Man kann die Suche nach einem Paradigma als eine Konstruktion der wissenschaftlichen Akteure verstehen. Theorien werden reine Gedankenkonstruktionen, die sprachlich formen, was wirklich ist. Wie es den naturalistischen Fehlschluss gibt, so gibt es auch den konstruktivistischen Fehlschluss. Menschen entwerfen Behauptungen und Theorien. Ihr Wissen löst sich von der materiellen Basis ab. Losgelöst vom Sinnlichen, Materiellen, Haptischen wird alles Konstruktion: Wissenschaft, Gott, Gesellschaft, Geschlecht, Moral, Ich, der Tisch vor mir … Menschen werden zu göttlichen Schöpfern ihrer Welt, sie werden zu Kreationisten.11

10. Wie lässt sich die vorgetragene Entwicklung weiterdenken? Die Welt könnte auch ganz anders sein als sie ist und wir sie uns im Moment vorstellen. Ob das ein narzisstischer Wunsch ist? Oder ist es die mentale Flucht aus einer Wirklichkeit, die die Menschen nur als Zwang erleben?12 Oder ist die Matrix schon Realität? Wie sang Rainald Grebe: „Ich bin verwirrt, ich habe Couscous im Gehäuse.“

 

Ein vorläufiges Fazit

1. Die Streitfelder Corona, Impfen, Klima verschärfen die gesellschaftliche Auseinandersetzung um die Bedeutung der Wissenschaft. Wer in Kategorien wie Beziehung oder Identität denkt, fragt unwillkürlich: Was ist den Streitenden gemeinsam? Hinter den Streitenden steht (noch) die Überzeugung, dass es ein besseres Wissen im Gegensatz zum falschen Wissen oder Unwissen gibt. Die Idee der Wahrheit, auch wenn sie eine Fiktion ist, beflügelt und intensiviert Streit. Die Unterscheidung von wahr und falsch ist für die Wissenschaft entscheidend. Insofern könnte man sagen, dass sie Wissenschaften und ihre Praxis in den gesellschaftlichen Konflikten letztlich bestätigen wird. Der Streit lohnt sich, die Wahrheit ist wie ein Feuer, das Überzeugungen und Gesellschaft voranbringt.

2. Aber die verbindliche Unterscheidung von wahr und falsch wird durch verschiedene Weltbilder unterlaufen. Weltbilder – Wissenschaft, okkultes Wissen, Religion, jede Regenbogenfarbe – liefern den jeweiligen Rahmen für wahr und falsch. Die Geschichte war und ist die Geschichte von Konfessionskämpfen.

3. Die Wissensfrömmigkeit hat Risse und Sprünge. Der Glaube an die Wissenschaft als Allgemeines ist irritiert und erleidet Abbrüche.13 Die Überzeugung und das Vertrauen, dass die Wissenschaft Problemlösungen entwickelt, sind gestört.

4. Zugleich entwickeln sich Individualisierung und subjektiver Freiheitsgebrauch in eine Richtung, die man Vereinzelung oder Atomisierung nennen möchte. Jeder Zwang – Wissenschaft, Religion, Politik, Wirtschaft – soll zugunsten des subjektiven Freiheitsgebrauchs aufgehoben sein. Kunst und Religion sind stilbildend für andere Lebensbereiche geworden. Zwang oder Verbindlichkeit oder etwas, worauf man sich inhaltlich berufen kann, schwinden. Absolut souverän und in allem entscheidungsoffen – das ist das erstrebte und dann gelebte Selbstgefühl.

5. Was ist noch gemeinsam? Jeder darf eine Meinung haben, jeder hat eine Meinung und Überzeugung. Es ist nur eine Form, die gilt. Denn Meinungen sind beliebig. Sie können so sein, wie sie sind, weil sie Meinungen sind. Aber diese Form der Meinung hat einen unendlichen Wert.

6. Wissen wird eine Konstruktion, die von Gnaden der konstruierenden Menschen abhängig ist. Konstruierende Menschen sind die Schöpfer, die ihre Welt erschaffen. Die weitergehende Ablösung von materiellen Prozessen lässt sich als konstruktivistischer Fehlschluss bezeichnen. Militanz, der Mord an Samuel Paty, das Gefühl der Beleidigung – das sind materielle Reste, die weggedacht werden oder in die Beliebigkeit hinein verlegt werden.

Der Couscous im Gehäuse – Konstruktion oder ein materieller Rest?

 

Martin Schulz

 

Anmerkungen

1 In der Folge diskutierte man, ob man diese Karikaturen im Schulunterricht einsetzen sollte: Die ZEIT 3.12.2020 Nr. 50.

2 Helge Martens. Wider den Wahrheitswahn. Plädoyer für eine Theorie religiöser Beliebigkeit. DPfBl 6/2021, 342-347.

3 https://www.youtube.com/watch?v=r3R_UEcfyEA&t=59s.

4 „Da kann ich ja direkt BWL studieren“, Die ZEIT, 6.5.2021 Nr. 19.

5 https://www.youtube.com/watch?v=mFML30AQuT8&t=187s.

6 Siehe Alexander Bogner. Die Epistemisierung des Politischen. Reclam Verlag Stuttgart 2021. Die folgenden Überlegungen nehmen seine Gedanken auf, werten sie teilweise anders und führen sie fort.

7 Die Bezeichnung „Konsensleugner“ passt gut, weil ein wissenschaftlicher Konsens bestritten wird.

8 Siehe den Film „Der Streit von Wissenschaft, okkultem Wissen und Religion um die Wahrheit“, 2021 (https://www.youtube.com/watch?v=sAF9ZUVFXxE).

9 Verteidiger der klassischen Wissenschaften: Gyburg Uhlmann. Gemeinsamkeit von Geistern und von Weisen. FAZ 4.8.2021 Nr. 178; Ingolf Dalferth. Großprojekt Gegendiskriminierung. Kritische Anmerkungen zur Entwicklung der Universitäten in den USA in Sachen Identitätspolitik. Zeitzeichen 2/2021, 8-12.

10 https://www.youtube.com/watch?v=I3bgic7yUqM&t=1s.

11 Siehe Chr. Türcke. Der Fluch der bösen Wörter. FAZ 17.6.2021 Nr. 137.

12 Platons Höhlengleichnis ist mit Gedanken zu greifen.

13 Uhlmann (a.a.O.) plädiert für eine Vernunft, die jenseits der historischen Bedingungen liegt. Diese letztlich unhistorische Vernunft ermöglicht das rationale Gespräch sowohl zwischen gegenwärtigen Menschen als auch mit Personen der Vergangenheit.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2021

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.