Wir nehmen unser Leben erst wirklich wahr im Lichte des Evangeliums, der Hoffnungsbotschaft.“ (16) Dieses Zitat aus der Predigt im Einführungsgottesdienst am 30.6.1991 in Gemünden über Lk. 5,1-11 (Nr. 1) zeigt den Ansatz, der die hier gesammelten Predigten Friedhelm Maurers in Landgemeinden im Hunsrück so besonders macht. Es sind kurze, prägnante Predigten, ohne langatmige Ausführungen, klar und in den Aussagen bestimmend und behältlich. Aber es ist auch immer etwas Neues enthalten, etwas, worüber man nachdenken muss, was Leser und Zuhörer mitnehmen können. Der Grund: Der Prediger lässt sich – auch wenn er mit einer aktuellen Situation anfängt – die Themen und die Sichtweisen von der biblischen Botschaft vorgeben und spricht in ihrem Horizont das alltägliche Leben wie aber auch – und das wird in den Jahren immer drängender – die kirchliche und politische Situation an. Es geht darum, von der Botschaft her das Leben und die Welt zu erschließen, und nicht umgekehrt, wie es in zahllosen Predigten, gerade auch im Fernsehen, häufig geschieht. „Die Bibel ist ein einziges Trostbuch. Und sie will beim Wort genommen werden … und von da aus neue Erfahrungen machen, darauf kommt es an.“ (58)

 

Das „schwarze Loch“ des Todes

Wer die Bibel so beim Wort nehmen, kann ihre andere Seite nicht verschweigen, muss auch von der Sünde sprechen, der Gottverlorenheit, wie auch von all dem Finsteren, das uns umgibt, bis hin zu dem alles in sich hinein verschlingenden „schwarzen Loch“ des Todes. Aber gerade und nur so bekommen die großen Worte des Evangeliums ihren Glanz zurück. „Das immer wieder neu zu entdeckende Evangelium als frohe Botschaft zu verkündigen … Nüchtern die Wirklichkeit der Welt wahrnehmen und beschreiben – und zugleich doch voller Hoffnung auf Gott schauen und die Welt mit uns Menschen wahrnehmen in Glaube und Liebe. So verstehe ich meinen Verkündigungsauftrag.“ (154)

Der Verfasser dieses Predigtbandes war bis zu seiner Zur-Ruhesetzung in diesem Jahr seit 1991 Gemeindepfarrer in zwei Landgemeinden im Hunsrück mit noch weiteren Predigtstellen in der Umgebung. Aber nicht nur die Stimme des Gemeindepfarrers ist in diesen 31 ausgewählten Predigten zu hören. Seit 1992 war Friedhelm Maurer auch Umweltbeauftragter des Kirchenkreises Simmern-Trarbach und dann ab 1999 Vorsitzender des Evang. Pfarrvereins im Rheinland. Was ihn dieses Amt gekostet hat, womit es ihn konfrontierte, sei hier nur summarisch angedeutet: die Begleitung vieler Pfarrgeschwister durch all die Verzweiflungen, wenn sie durch die Unrechtsparagraphen des Pfarrdienstgesetzes wegen „ungedeihlichen Wirkens“1 schuldlos und gegen alle landeskirchliche Fürsorge in Wartestand und nachfolgenden Ruhestand versetzt wurden, selbstverständlich mit erheblichen Gehaltseinbußen, oder wenn engagierte Gemeindepfarrer und Gemeindepfarrerinnen nach Jahren erfolgreicher Gemeindearbeit durch ein fragliches „Assessmentverfahren“ aus ihrem kirchlichen Dienst entlassen wurden. Aber auch die vielen Struktur- und Reformprozesse seien hier genannt, die die Kirche nicht in ihre dem Evangelium gemäße Gestalt zurückgeführt haben, sondern nur die Behördenkirche stärkten, die Verwaltung weiter wachsen und wuchern ließen, während die kleinen Ortsgemeinden in großen kirchlichen Verwaltungsgebilden untergingen, Pfarrstellen über alles Maß rück- und abgebaut wurden, die Seelsorge schrumpfte, und dies alles als Ergebnis von Beratungen kostspieliger Unternehmensberatungen, ohne theologisches Korrektiv, ohne biblische Besinnung umgesetzt. Als Vorsitzender des Evang. Pfarrvereins im Rheinland hat Maurer dies alles an der Basis und zugleich an vielen Orten mit erlitten, aber er hat auch als wacher Zeitgenosse die bedrohlichen globalen Entwicklungen mit wachem Blick und viel Sachverstand verfolgt.

 

Wir Menschen können die Erde nicht retten

Gerade die Predigten der letzten Jahre lassen spüren, wie bedrängt der Prediger durch die Entwicklungen in Kirche und Welt selber war und ist. Man lese als Beispiele die Predigt über 1. Kor. 1,18-25 mit ihren Ausführungen über die „Weisheit dieser Welt“ (Nr. 22); die Auslegung der Perikope über die Jüngerberufungen nach Joh. 1,35-42, die so ganz im Gegensatz stehen zu der rheinischen Berufungspraxis vergangener Jahre mit ihrer Unzahl von fragwürdigen und irrigen Auswahl- und Bewerbungsverfahren (Nr. 23); die Himmelfahrtspredigt über 1. Kön. 8, in der die Analyse des gegenwärtigen Zustandes unserer Erde in dem Satz gipfelt: „Jesus fährt zum Himmel – und die Menschheit scheint zur Hölle zu fahren“ (Nr. 28, 205). Auch die letzte, die 31. Predigt über 2. Kor. 5,14-21 sei hier genannt, die für den Karfreitag im Jahr 2020 geschrieben ist, aber wegen der Corona-Auflagen nicht mehr gehalten werden konnte (Nr. 31). Um die aufgehäuften Schulden in moralischer, finanzieller, politischer Hinsicht geht es hier und zugleich um die viel tiefere Schuld, die Sünde als unser Getrennt-Sein von Gott und ihre Folgen, die das Leben unter dieser Schuldenlast nahezu erstickt.

Kommt das Evangelium gegen so erdrückende Tatbestände und Einsichten noch an? Kann der Prediger auch hier an seinem Ansatz festhalten? Ja, denn als Grundtenor ist das Evangelium von der Heilung der Welt in Jesus Christus in allen Predigten zu hören: Wir Menschen können die Erde nicht retten. Unsere Verschuldungen reichen noch viel tiefer. Aber die Welt und die Menschheit in ihr ist gerettet durch das Kreuz und die Auferstehung Jesu Christi. Daher sollen und brauchen wir nicht in Panik zu verfallen. Es geht um Vergebung, um Neuanfang in einem neuen Geist, um die Ausrichtung unseres Lebens auf Gottes Zukunft hin und von da aus auch um ein „Besser-Machen“ – in aller Demut und Bescheidenheit. „‚Die Liebe Gottes drängt uns‘ (Vers 14), in der alten Welt Neues zu verwirklichen“ (Nr. 31, 246). – Was es dazu braucht? Die Predigt am Altjahrsabend 2019 über Hebr. 13,9 gibt die Antwort: „Das feste Herz“, oder anders gesagt: „Herzensstärke“.

Fazit: Die hier besprochene Predigtsammlung kann Predigern und Predigerinnen sowie Predigthörern Mut machen. Diejenigen, die das Amt der Verkündigung haben, dürfen wissen, dass sie nicht angeblich langweilige Texte künstlich dramatisieren, mit großem Aufwand veranschaulichen oder durch spannende Geschichten, die vorgeschaltet werden, zugänglich machen müssen. Es lohnt sich, das Wort der Schrift ernst zu nehmen, in dieses Wort selber hineinzuhören, die Wirklichkeit der Welt und unseres Lebens im Licht der Wahrheit Gottes zu bedenken. Denn dieses Wort eröffnet neue Perspektiven. Es hilft, wirklich Neues sich und anderen zu sagen. Es lässt uns schärfer, als wir es uns gewöhnlich eingestehen, auch in unsere Ausweglosigkeiten hineinsehen und schenkt doch oder gerade so durch das Dunkel von Tod und Sünde hindurch Trost und Lebensmut. Aber auch Predigthörende können bei der Lektüre dieser Predigten aufatmen. Die Kirche des Wortes, die dem Wort vertraut und von ihm leben möchte, hat noch eine Zukunft. Der evangelische Wortgottesdienst ist noch nicht an sein Ende gekommen. Auch in unserem Land und in unserer Zeit kann die Predigt des Evangeliums neue Orientierung, Selbsterkenntnis und Hoffnung schenken.

Für diese Ermutigungen sei dem Prediger und Herausgeber des vorliegenden Predigtbandes gedankt.

 

Literatur

Friedhelm Maurer: Herzensstärke. Predigten aus drei Jahrzehnten, cmz-Verlag Rheinbach 2020 (ISBN 978-3-87062-337-I), 247 S., 14,95 €

 

Anmerkung

1 Man spricht heute eleganter von einer „nachhaltigen Störung in der Wahrnehmung des Dienstes“ und gesteht selber zu, dass die „Gründe für die nachhaltige Störung … nicht im Verhalten oder in der Person des Pfarrers oder der Pfarrerin liegen (müssen)“. Trotzdem werden sie auch dann bestraft. So das Pfarrdienstgesetz der EKD §80 (1), das inzwischen in die Pfarrdienstgesetze aller Landeskirchen übernommen wurde. Denn diesem Paragraphen folgend, muss bei einer „nachhaltigen Störung“ eben auch nichts aufgeklärt oder aufgearbeitet werden.


 

Gisela Kittel

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2021

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