Das kurze Leben des österreichischen Komponisten Franz Schubert weist ein überaus reichhaltiges Werk auf. Geistliche Musik scheint darin eine Facette unter anderen gewesen zu sein, die zudem zu den selbstverständlichen kulturellen Pflichten der Zeit Schuberts gehörte. Gottfried Simpfendörfer fragt in einer kleinen Artikelreihe, welche Beziehung der Mensch Franz Schubert zu Religion und Glaube hatte.

 

Schuberts Beziehungen zu Geistlichen

Schuberts Beziehungen zu Geistlichen waren vielschichtig: Der Briefwechsel mit seinem Bruder Ignaz vom Herbst 1818 wurde schon gestreift. Ignaz beneidet Franz um seine Freiheit von der geistlichen Schulaufsicht und dem Religionsunterricht. „Siehst Du, von allen diesen Dingen bist Du nun frei, bist erlöset, Du siehst und hörst von all diesen Unwesen und besonders von unseren Bonzen nichts mehr von welchen letzteren man Dir gewiß nicht erst den trostreichen Vers des Hrn. Bürger zurufen muß:

Beneide nicht das Bonzenheer
Um seine dicken Köpfe,
Die meisten sind ja hohl und leer
Wie ihre Kirchturmknöpfe“.1

Schubert antwortet, diese Aussagen machten dem Bruder Ehre, fügt aber eigene jüngste Erfahrungen aus Zélez hinzu: „Doch hast Du keinen Begriff von den hiesigen Pfaffen, bigottisch wie ein altes Mistvieh, dumm wie ein Erzesel, u. roh wie ein Büffel, hört man hier Predigten, wo der so sehr venerierte Pater Nepomucene nichts dagegen ist. Man wirft hier auf der Kanzel mit Ludern Kanailen etc. herum, daß es eine Freude ist, man bringt einen Todtenschädel auf die Kanzel, u. sagt: Da seht her, ihr pukerschäkigten Gfriser, so werdet ihr einmahl aussehen. Oder: Ja, da geht der Bursch mit’n Mensch ins Wirtshaus, tanzt die ganze Nacht, dann legen sie sich besoffen nieder, u. stehen ihrer drey auf usw.“2

Diese Verachtung ist nur eine Seite. Zur selben Zeit plant Schubert eine Reise nach Pest, wie er in einem Brief mitteilt. „Außerordentlich angenehm wär‘ es mir, wenn ich dann den Herrn Administrator Taigele anträfe“3, einen Vetter seiner Stiefmutter, der Priester war.

 

Kirchliche Musikliebhaber und Förderer

Der Prior des Konvikts, ein Theologe, verstand zwar nichts von Musik, war aber ein Musikliebhaber und förderte nachdrücklich ihre Ausübung in dieser Schule4. Schubert profitierte davon für seine Entwicklung, und er dankte durch die Widmung seiner 2. Sinfonie. Ferner pflegte Schubert Kontakt mit Geistlichen, die seine Musik verstehen, ja vertonte deren Texte. Seine Gesänge op. 12 widmet er dem Bischof von St. Pölten, Johann Nepomuk Dankesreither, der ihm mit einem persönlichen Schreiber dafür dankt5. Bei Matthäus von Collin kam er um 1820 mit dem späteren Patriarchen von Venedig Johann Ladislaus von Pyrker zusammen. Davon berichtet Spaun in seinen „Aufzeichnungen über meinen Verkehr mit Franz Schubert“6. Ihm widmete er seine Lieder op. 4. Pyrker bedankte sich dafür7, ja zeigte sich auch finanziell erkenntlich, wovon Schubert berichtet8. Im Herbst 1825 trafen sie sich in Bad Gastein .Den Moment der Begegnung „pries Schubert als einer der erhebendsten in seinem Leben“, berichtet A. Schindler in seinen Aufzeichnungen9, und Bruder Ferdinand berichtet: „Den Aufenthalt in diesem Wildbade zählte Schubert unter die schönsten seiner Lebenstage, die ihm der Umgang mit dem Patriarchen Pyrker und wackerer, würdiger Männer bereitet hatte“10 Im gleichen Jahr vertonte er zwei Gedichte Pyrkers, die er ihm auch widmete (D 852, 853).

Gelegentlich machte Schubert länger in Klöstern Station, so in Kremsmünster zusammen mit Vogl, der wie viele Freunde Schuberts dort die Schule besucht hatte. Bei diesen Aufenthalten wurde natürlich eifrig musiziert, wovon Pater Beda Plank in seinem Tagebuch erzählt11. Schubert erzählt von Besuchen in St. Florian12, wo er auch eigene Kompositionen für Klavier zu vier Händen spielte. Spaun berichtet13 von musikalischen Auftritten Schuberts und Vogls dort. Joh. Leopold Ebner erwähnt noch Lambach14.

Nachdem Schubert im Konvikt mit den Piaristen Verbindung hatte, wäre es interessant zu erfahren, in welchem Umfang er auch Kontakt zu dem Redemptoristen Klemens Maria Hofbauer hatte, der seit 1808 in Wien tätig war. Immerhin sind, allerdings erst nach seinem Tod, zwei seiner Freude, nachdem sie nach kurzer Ehe jeweils ihre Frauen verloren hatten, in diesen Orden eingetreten und Priester geworden. Der eine von ihnen, Franz von Bruchmann, hatte einige Gedichte geschrieben, die Schubert vertonte15. Er hatte während seiner kurzer Erlanger Studienzeit August von Platen kennengelernt, ihn mit Schuberts Liedern bekannt gemacht, umgekehrt Schubert mit dessen Gedichten. Außerdem fanden in seiner Wohnung Schubertiaden statt16.

 

Gottesdienstbesuche

Über Gottesdienstbesuche ist wenig bekannt. Dies ist kaum Gegenstand des Erwähnens. Es ist davon auszugehen, dass Schubert in seiner Heimatgemeinde schon durch seine Mitwirkung bei der Kirchenmusik Gottesdienste besuchte. Über seine Zeit im Konvikt berichtet Spaun: „was anderen Last war, nämlich der Dienst in der Kirche, war dem jungen Schubert Genuß. Die trefflich ausgeführten Kirchenmusiken … machten auf ihn den tiefsten Eindruck, und gerade jene Kirchen-Komposistionen, welche sich mehr durch inneren Wert und durch religiöses Begeistern als durch äußere Ausstattung auszeichneten, entzückten das kindliche Gemüt, das schon die Natur auf die rechte Bahn geleitet hatte.“17

Angesichts von Schuberts Erzählungen über die Predigten des Pfarrers in Zélez legt sich der Gedanke nahe, er habe diese Gottesdienste selbst besucht. Angeführt wurde schon der Vermerk in Fritz von Hartmanns Tagebuch vom 6. Januar 1827: „Um 8 Uhr hörte ich mit Franz die Messe in der Universitätskirche“18. Hier fällt die Bemerkung „hörte“ auf, was auf eine musikalische Ausgestaltung der Messe schließen lässt. Offen bleibt auch, ob die beiden nur hörten oder auch an der Kommunion teilnahmen. Angesichts seines Lebensendes verzichtete Schubert auf die Eucharistie. Am 3. November 1828 hörte er, wie schon erwähnt, in der Hernalser Pfarrkirche das Requiem seines Bruders Ferdinand19.

 

Schuberts Messen

Zu welchem konkreten Anlass – z.B. Gottesdienst – Schubert seine beiden späten Messen in As-Dur und Es-Dur geschrieben hat, ist nicht bekannt. Sie stellen keine Auftragskompositionen dar20. Ihre Entstehung verdanken sie vielmehr einem inneren Entschluss des Komponisten. Ferner lässt sich kein Gedanke an konkrete Aufführungsmöglichkeiten beobachten, auch wenn Schubert sich nach Fertigstellung durchaus um Aufführungen bemühte. In seinem Schreiben an den Mainzer Musikverlag Schott vom 21. Februar 182821 bekennt er, dass er die As-Dur-Messe – und das wird entsprechend für die später entstandene Es-Dur Messe gelten – neben drei Opern und der Großen C-Dur-Sinfonie zum Höchsten seiner Kunst rechnet. „Schubert will sich … sowohl in seiner Kunst ausweisen als auch ein Bekenntnis ablegen“22. Und für dieses Bekenntnis greift er auf den tradierten Messetext zurück, den er von Kindheit an kennt, den er auch schon oft genug vertonte. Daraus spricht doch wohl eine innere Bindung, eine persönliche Prägung, die durch keine Lebenserfahrungen grundsätzlich erschüttert wurde. Freilich, wie er dann mit diesem Text umgeht, sprachlich wie musikalisch, darin spricht er sich selbst aus, darin legt er sein persönliches Bekenntnis ab, das an die Seite seiner schriftlichen Äußerungen zu stellen ist.

Was könnte der konkrete Anlass für diese Messkompositionen gewesen sein? Im Sommer 1818 weilte er in Zélez. Aus dieser Zeit stammt der schon erwähnte Bericht an seine Familie, worin er auch über die dortigen Pfarrer erzählt und sich über sie lustig macht. Will er diesem nun, nach einem Jahr, etwas eigenes Positives entgegensetzen? In der As-Dur-Messe lehnt er sich im ersten Teil „Credo“ an das Wiener Modell der Credo-Messe an23 und stellt die Aussage „Credo“ jeder Zeile voran – als sollte es ein persönliches Bekenntnis sein. Ferner ist zu beachten, dass Salieri am 21. September 1819 Schubert ein Zeugnis erstellte: „Daß Hr. Franz Schubert die Tonsetzkunst vollständig erlernet, und bereits sowohl für die Kirche als für das Theater sehr gute Kompositionen geliefert hat; und daher, sowohl in Rücksicht seiner gründlichen Kenntnisse als in Rücksicht seines moralisch guten Charakters, für jede Kapell-Meisterstelle vollkommen geeignet ist, wird hiermit zu seinem Lobe bestätiget.“24

So legt sich die Vermutung nahe, Schubert wolle mit einer neuen kirchenmusikalischen Komposition sich für eine Kapellmeisterstelle empfehlen – eine ähnliche Vermutung äußert Dürr25, und dazu passt Schuberts Überlegung, diese Messe dem Kaiserpaar zu widmen26, was sich jedoch nicht realisieren ließ27. Dies mag für die As-Dur-Messe gelten. Offen bleibt dagegen die Frage nach dem Anlass der Komposition der späteren Es-Dur-Messe.

 

Abweichungen vom tradierten Text der Messe

Typisch für seine Messkompositionen ist, dass er den Text nie unverändert vertont. Van Hoorickx meint, dass „Schubert … sich nach seinem Gedächtnis den Text der Messe … angefertigt hat, worauf er dann später zurückgreift“28. Das ist jedoch eine reine Vermutung, die nicht überzeugt. Es bleibt nämlich die Frage offen, welchen Sinn die Textabweichungen haben. Auch wenn es sich um einen Zufall oder um eine Gedächtnislücke handelte, hieße dies auch: die entsprechenden Aussagen waren ihm weniger wichtig. Demgegenüber ist zu bedenken, dass es sich an einigen Punkten gerade nicht um Nebensächlichkeiten handelt, sondern vor allem um zwei gewichtige Aussagen, die er immer, mit Konsequenz auslässt bzw. in auffallender Weise abändert.

Die eine betrifft die Ekklesiologie. Seit 1814 streicht er im Dritten Glaubensartikel die Zeile „et in unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam“29. Seine Erfahrungen mit Kirche als Institution, vor allem als Schulaufsichtsbehörde, seine Erlebnisse mit einigen Pfarrern haben ihn offensichtlich dazu bewogen. Für Schubert gehört der Glaube an die Kirche nicht zu seinem Glauben, den er durchaus als christlich versteht. So ist es nur folgerichtig, wenn er später den Auftrag, „Gesänge zur Feier des heiligen Opfers der Messe“ zu schreiben, übernimmt, wofür er freilich vergütet wird, auch wenn diese Dichtung für Jahre „nicht zum öffentlichen Kirchengebrauche“ zugelassen ist30.

Schuberts Frömmigkeit ist unabhängig von der Teilnahme am Gottesdienst und vom Sakramentsempfang. Es legt sich nahe, in diesem Sinn die schon erwähnte Einladung von Walcher31 zu verstehen: Schuberts Glaube ist nicht an die Tradition, wie sie sich in der Gregorianik äußert, gebunden. Gleiches gilt für die geistlichen Kompositionen, sofern ihre Texte Um- und Nachdichtungen biblischer Texte sind, ferner wenn sie Besetzungen aufweisen (z.B. gemischten Chor), wie sie damals bei der Kirchenmusik nicht gebräuchlich waren. Von daher war es für ihn kein Problem, auch für den Synagogengottesdienst den 92. Psalm zu vertonen32.

Der andere massive Textgriff befindet sich gegen Ende des Credo. Schubert formuliert dort: „confiteor unum baptisma in remissionem peccatorum mortuorum“. Diese Textfassung übersetzt van Hoorickx folgendermaßen: „Ich bekenne die eine Taufe zur Vergebung der Sünden der Toten“. Ferner vermutet er, Schubert habe diese Version „irrtümlich aus dem Gedächtnis geschrieben, mit dem Unterbewusstsein, dass aber die Taufe auf die Todsünden und schweren Sünden erfolge“33. Diese Erklärung überzeugt nicht, zumal in diesem Fall, wie van Hoorickx einräumt, ein Text ohne rechten Sinn herauskommt.

Es bieten sich verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten an, je nachdem, wie die beiden Genitive aufeinander bezogen werden und ob „peccatorum“ von „peccatum“ oder von „peccator“ abgeleitet wird:
1. der toten Sünden
2. der toten Sünder
3. der Sünden der Toten
4. der Sünder der Toten
5. der versündigten Toten
6. der Toten der Sünden
7. der Toten der Sünder.

All diese Übersetzungen ergeben keinen Sinn. Folglich ist vielmehr die Frage zu stellen, wie Schubert zu dieser Formulierung überhaupt kam, und da bietet sich nur folgende Antwort an: Er strich aus dem Text „confiteor unum baptisma in remissionem peccatorum et expecto resurrectionem mortuorum“ die Worte „et expecto ressurrectionem“, ohne Rücksicht darauf, welchen Sinn der Texttorso ergibt. Offensichtlich kann er mit dieser Zukunftserwartung der christlichen Botschaft überhaupt nichts anfangen und entfernt sie einfach aus dem Text. Somit erreicht er das ihm wohl Wesentliche: er muss keine Aussage vertonen, hinter der er nicht mit seiner persönlichen Überzeugung steht. Insofern ist es schon berechtigt, Schuberts Glauben „inorthodox“ zu nennen34.

(wird fortgesetzt)

 

Anmerkungen

1 Ed. Deutsch, Otto Erich: Schubert. Die Dokumente seines Lebens, Wiesbaden/Leipzig/Paris 1980 (abgekürzt Dok.), 71.

2 Dok., 75.

3 Dok., 64.

4 Ed. Deutsch, Otto Erich: Schubert. Die Erinnerungen seiner Freunde, Wiesbaden/Leipzig/Paris 1983 (abgekürzt Erinn.), 155.

5 Dok., 8.

6 Dok., 175.

7 Dok., 128.

8 Dok., 138.

9 Erinn., 366.

10 Erinn., 47.

11 Dok., 85, 287, 317; ferner: 299.

12 Dok., 299.

13 Erinn., 159.

14 Erinn., 56.

15 D 737, 738, 746, 785.

16 An dieser Stelle sollen, der Vollständigkeit halber, Schuberts Berührungen mit dem Protestantismus erwähnt werden. Am 28. November 1822 notiert er auf dem Stammbuchblatt für einen Freund zwei Zeilen, die er Martin Luther zuschreibt, neben einem Gedicht von Goethe (Dok., 172). Somit war ihm der Reformator etwas vertraut. Ferner stammt die Schauspielerin Sophie Müller, deren Tagebuch viel von Schubert berichtet, in deren Elternhaus Schubert oft verkehrte, ja sogar zum Essen dort war (Dok., 277) und die zahlreiche Lieder von ihm vorgetragen hat, aus einer protestantischen Familie (Dok., 382). Zuletzt war sein Freund Franz Lachner seit 1823 Organist an der protestantischen Kirche in Wien (Dok., 219).

17 Erinn., 24.

18 Dok., 397.

19 Dok., 315.

20 Näheres dazu: Dürr, Walther: Dona nobis pacem. Gedanken zu Schuberts späten Messen, in: Ed. Rehm, Wolfgang: Bachiana et alia musicologica. Festschrift Alfred Dürr zum 65. Geburtstag, Kassel/Basel/London/New York 1983, 62-73, 63ff.

21 Dok., 495.

22 Dürr, 65.

23 Dürr, 68.

24 Dok., 86.

25 Dok., 64.

26 Dok., 173.

27 Dürr, 64.

28 Hoorickx, Reinhard van: Textveränderungen in Schuberts Messen, in: Ed. Brusatti, Otto: Schubert-Kongreß Wien 1978, Graz 1979, 249-255, 250.

29 Dürr, 62.

30 Dok., 460.

31 Dok., 403.

32 Dok., 527. „Die Komposition Schuberts ist als Psalmkomposition im christlichen oder vielmehr katholischen Kirchenstil ganz schön empfunden und angelegt; aber dadurch, daß sie sich nicht den Gepflogenheiten der Synagoge anschmiegen will, musste sie ihr fremd bleiben“. Sie ist „zu wenig liturgisch und zu viel konzertant angelegt“. (Birnbaum, Eduart: Franz Schubert als Synagogen-Komponist, in: Ed. Metzger, Heinz-Klaus/Riehn, Rainer: Musiker-Konzepte. Sonderband Franz Schubert, München 1979, 56-68, 59.

33 A.a.O., 250.

34 Brown, Maurice J.E.: Schubert, Wiesbaden 1969, 248.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Dr. Gottfried Simpfendörfer, Jahrgang 1943, Studium der Evang. Theologie in Tübingen, Göttingen und Wien, Studium der Evang. Kirchenmusik in Stuttgart, 1972-1986 Pfarrer in Stuttgart, 1986-2003 Pfarrer am Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim, 1988 Promotion in Heidelberg mit einer Arbeit über das Kantatenwerk J.S. Bachs.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2021

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