Die Erinnerung ist eine Qualität menschlichen Daseins. Auch die Bibel, insbesondere das Alte Testament trägt viel bei zu einer Kultur des Erinnerns und Gedenkens. Doch die Erinnerung ist auch ein ambivalentes Phänomen. Hans Martin Dober trägt biblische, kulturgeschichtliche und philosophische Aspekte zusammen.*

 

1. Die Bibel antwortet auf die Ambivalenzen menschlicher Erinnerung

Die Erinnerung ist ein ambivalentes Phänomen. Immer ist die Gegenwart im Spiel, wenn es um die Vergangenheit geht. Es kann sein, dass mir ein Name nicht mehr einfällt, mit dem ich eine bestimmte Situation, eine Begebenheit verbinde. Oder dass ich selbst ein ganz anderes Bild vor Augen habe als jemand anderes, der damals auch dabei war. Es kann sein, dass ich mich auf die Suche nach der verlorenen Zeit machen muss, um es mit Marcel Proust zu sagen. Erinnern ist dann eine „Arbeit“, so Freud. Denn es kann auch sein, dass ich mich an etwas nicht mehr erinnern kann, weil ich es eigentlich hatte vergessen wollen. Das ist dann die „Erinnerungslücke“, die sich bei heiklen, unangenehmen Fragen auftut. Umgekehrt ist es möglich, dass ich nicht vergessen kann, was ich eigentlich gar nicht mehr erinnern will, weil dies Vergangene die Gegenwart immer noch belastet.

Unsere menschliche Erinnerung hat unscharfe Ränder wie ein schlecht eingestelltes Kamerabild, und nicht selten entsteht diese Unschärfe aufgrund der Interessen gegenwärtigen Lebens. Nicht selten stellt sich dann „die vermeintliche Erinnerung“ als eine „Rückprojektion von Phantasien“ heraus.1 Es gibt eine Vorzeit des eigenen Bewusstseins, der es sich nicht anders nähern kann als eben auf diesem problematischen Weg. Deshalb braucht es die Eltern als „Hüter der memoria“ (142). Sie lassen sich fragen, was sie von der Geburt und dem Säuglingsalter erinnern. Hans Blumenberg hat darauf hingewiesen, dass dies der Sachverhalt ist, dessen sich auch der Evangelist Lukas bedient, als er zu Beginn seiner Geschichte des Lebens Jesu die Frage stellt: „Seit wann war dieser?“ (142) Diese Arbeit der Erinnerung führt durch Zeugenbefragungen hindurch. So findet auch die Glaubwürdigkeit Marias, Lukas folgend, Bestätigung, behielt sie doch „alle diese Worte und hielt sie in ihrem Herzen beieinander“ (143). Es braucht Träger der Erinnerung, als welche anlässlich des letzten Abendmahls auch die Jünger eingesetzt wurden, denen im Modus der Aufforderung gesagt ist: Das tut zu meinem Gedächtnis (Lk. 22,19).2

Erinnern und Gedenken als menschliche Verantwortung

Das Modell der Zeugen- und Trägerschaft ist schon im AT ausgearbeitet – ebenso wie die Aufforderung zur Erinnerung. So heißt es in den Zehn Geboten: gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest (Ex. 20,8), oder: gedenke des ganzen Weges, den dich der Herr, dein Gott, geleitet hat diese vierzig Jahre in der Wüste (Dtn. 8,2), oder: gedenke der vorigen Zeiten und hab acht auf die Jahre von Geschlecht zu Geschlecht. Frage deinen Vater, der wird dir’s verkünden, deine Ältesten, die werden dir’s ­sagen (Dtn. 32,7).

Das Erinnern und Gedenken wird als eine menschliche Verantwortung eingefordert, eine Aufgabe, die nicht vernachlässigt werden darf, wenn der Mensch denn ganz Mensch werden – und bleiben – soll. Menschlich ist das Erinnern aber auch schon in der allgemeinen anthropologischen Hinsicht, dass „Pietät gegenüber den Toten, ihrem Nachlass, ihrer Lebensform … das früheste Stück Kultur [ist], das wir kennen können“.3

Doch auch Gott gedenkt des Menschen (vgl. Gen. 8,1 oder Ps. 8,5). Erinnern und Gedenken sind Haltungen, Dispositionen, die verloren gehen können, wenn man sich nicht immer wieder dazu auffordern lässt – und das gilt für den Menschen wie für Gott, als stünde auch er in der Gefahr des Vergessens. So bittet der Psalmbeter: Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind (Ps. 25,6), und affirmativ Ps. 98,3. Im Wechselverhältnis des Gebets heißt es dann auch von den Menschen: Sie gedachten nicht an seine Güte (Ps. 106,7) oder beim Propheten Jesaja in der Form einer Selbstverpflichtung: ich will der Gnade des Herrn gedenken (Jes. 63,7). Erinnern und Gedenken sind abhängig von der Treue dessen, der den andern nicht vergisst. In der Korrelation des Menschen mit Gott gilt das wechselseitig. So antwortet die Bibel auf die Ambivalenzen des Erinnerns.

 

2. Das kulturelle Gedächtnis als Bindungsgedächtnis

In einem zweiten Schritt möchte ich den Begriff eines kulturellen Gedächtnisses erläutern, wie der Ägyptologe Jan Assmann ihn herausgearbeitet hat. Die einschlägigsten Belege dafür, dass die „Religionsgeschichte“ ein „Erinnerungsdrama“ ist,4 findet er im AT. Rückbindung, Erinnern, bewahrendes Gedenken ist ihm zufolge ein „Ur-Akt der Religion“ (227).5 Spezifischer noch ist der Exodus des Volkes Israel aus der Sklaverei Ägyptens eine exemplarische „Erinnerungsfigur“ (200-202), gemeinsam mit der Sinaioffenbarung das „zentrale Ursprungsbild Israels“, an dem es das Bewusstsein seiner selbst immer wieder erneuert hat.

Im Lande [erinnerte] man sich an Bindungen“, deren Ursprung „außerhalb des Landes“ liegt (213): auf dem Weg von Ägypten durch den Sinai. Es ist die Erfahrung einer Befreiung und einer Bewährung der Freiheit in der Verantwortung Gott gegenüber: vor dem Gott, der das Leiden der Sklaven nicht länger hatte mit ansehen können, die Bedeutung seines Namens, dass er da sein werde, als der er da sein werde (Ex. 3,14) aber an die Gebote band, die Mose auf zwei Steine meißelte. Als unhintergehbare und unumstößliche Regeln eines guten Lebens in der Gemeinschaft mit den anderen wird die Menschenpflicht hier so gefasst, dass sie in der Güte Gottes ihren Grund hat. Der Sinn der Gebote wird an die Erinnerung gebunden, mit der der Dekalog beginnt (Ex. 20,2; Dtn. 5,6).

Das Deuteronomium, das zweite, wiederholte Gesetz, machte es nun möglich, auch im babylonischen Exil Jerusalems nicht zu vergessen (Ps. 137,5). So konnte die Tora, um mit Heinrich Heine zu sprechen, auch für viel spätere Zeiten noch zu einem „portativen Vaterland“ werden (214). Die Bedingung dafür lag aber in der schriftlichen Fixierung der vorher mündlichen Erinnerung, wie sie früh schon – kommunikativ – von Mund zu Ohr weitergegeben worden war. In Schrift kondensiert, an bestimmten Festtagen wie Pesach, Schawuot und Sukkot in einfacher Form den Familien mitgeteilt (wie in der Pesach-Haggada), auswendig gelernt, in ritualisierten Formen wiederholt und bewahrt ist so eine neue Form des Gedächtnisses entstanden, die Assmann das kulturelle nennt. Ausgehend vom Deuteronomium, und vor allem anhand von Dtn. 6,4-9, dem Sch’ma Israel, lassen sich „sieben verschiedene Verfahren kulturell geformter Erinnerung“ unterscheiden.6

Sieben Verfahren kulturell geformter Erinnerung

(1.) geht es um „Auswendiglernen als Bewusstmachung [und] Beherzigung – Einschreibung ins eigene Herz“,7 (2.) um „Erziehung …, Weitergabe an die folgenden Generationen durch Kommunikation, Zirkulation – immer davon reden, allerorten und allerwege“, (3.) um „Sichtbarmachung durch Körpermarkierung, durch Denkzeichen auf der Stirn [die Teffilin] … [eine] Inschrift auf den Türpfosten“, die Mesusot (31). Die anderen Verfahren lassen sich aus weiteren Stellen des Deuteronomiums nachweisen: (4.) geht es um „Speicherung und Veröffentlichung“: das Gesetz soll auf gekalkte Steine geschrieben … und damit allgemein zugänglich gemacht werden … (Dtn 27,2-8)“, (5.) sollen „Feste der kollektiven Erinnerung“ dem Volk ein Gedächtnis einschreiben: die Methode ist hier die Wiederholung durch ritualisierte Vorgänge, an die die Narration gebunden wird, (6.) ist erneute „mündliche Überlieferung [erforderlich], d.h. Poesie als Kodifikation der Geschichtserinnerung“ (nach Dtn. 31,19-21), (7.) zugleich aber eine „Kanonisierung des Vertragstextes ([der] Tora) als Grundlage ‚buchstäblicher‘ Einhaltung. Kanonisierung bedeutet einen Eingriff in die Tradition, der die in ständigem Fluss befindliche Fülle der Überlieferungen einer strengen Auswahl unterwirft, das Ausgewählte kernhaft verfestigt und sakralisiert, d.h. zu letztinstanzlicher Hochverbindlichkeit steigert und den Traditionsstrom ein für alle mal stillstellt.“ (32) Durch diese sieben Methoden wird ein „Bindungsgedächtnis“ gestiftet, durch das eine „Wir-Identität“ fundiert werden kann, „die den einzelnen einbindet in die Lern- und Erinnerungsgemeinschaft des Volkes.“ (33)

Schriftliche und mündliche Mitteilung

Das Deuteronomium hat „die Transformation kommunikativer – gelebter und in Zeitzeugen verkörperter – Erinnerung in kulturelle – institutionell geformte und gestützte – Erinnerung“ geleistet.8 Zugleich hat es aber auch der mündlichen Mitteilung, dem Gespräch – und sei es in Form des Unterrichts – eine bleibende Funktion und Bedeutung gesichert: als ein immer wieder neu verflüssigendes Moment auf der Grundlage kanonischer Verfestigung. Wenn man so will, ist also im Deuteronomium schon die Entwicklung angelegt, die im späteren Judentum z.Zt. Jesu neben der schriftlich fixierten Tora (dem „Gesetz und den Propheten“) eine bunte Vielfalt mündlicher Auslegungen möglich machte. Man wird Jesu Lehre, deren jüdische Herkunft besonders authentisch im Matthäusevangelium bewahrt ist, als eine Gestalt der mündlichen Tora verstehen dürfen, der im NT ein Gedächtnis gestiftet ist.

Jahrhunderte später kommt es noch einmal zu dem von Assmann kulturtheoretisch beschriebenen Vorgang: zur „Wiederholung“ (Mischna) des Gesetzes durch schriftliche Fixierung (nun der mündlichen Tora in den Traktaten des Talmud). Um der Weitergabe an die nächsten Generationen willen bedarf es wiederum der mündlichen Kommunikation im „Lernen“ des Talmud, das die Argumentation der Rabbinen immer wieder neu diskutiert. Es ist – in formaler Hinsicht jedenfalls – ein Vorgang, der der inneren Spannung der protestantisch verstandenen Predigtaufgabe entspricht: Sonntag für Sonntag im Ausgang vom Schriftwort ein eigenes, freies und konkretes Wort zu finden (um es mit Gerhard Ebeling zu sagen).

 

3. Vom Bindungs- zum Bildungsgedächtnis

Wenn ich Assmann recht verstanden habe, ist die Polarität von Verfestigung und Verflüssigung der tradierten Gehalte, paulinisch gesprochen die zwischen Buchstabe und Geist, die Spur, die zur Unterscheidung des „Bindungsgedächtnisses“, hervorgebracht durch mnemotechnische Verfahren, vom „Bildungsgedächtnis“ führt: erst unter dem Gesichtspunkt der Bildung „tun sich … die weiten ‚Erinnerungsräume‘ des im eigentlichen Sinne ‚kulturellen‘ Gedächtnisses auf.“9 Was ist gemeint?

Das „Bindungsgedächtnis“ ist kaum ohne Zwänge in der Erziehung zu haben. Mit Nietzsche zu sprechen wird es „gemacht“ und „angezüchtet“ (114). Es zwingt, das Gestern zu erinnern und zu verantworten. Es entsteht durch „gewalttätige Disziplinierung“ (vgl. 15ff), wie es der Moralpädagogik des 19. Jh. entsprach (die Nietzsche am eigenen Leib erlitten haben musste). Im gesellschaftlichen Kontext wird zudem die Vergangenheit „im Rahmen des Bindungsgedächtnisses … immer ‚instrumentalisiert‘“ (38). Es ist, m.a.W. ein „Funktionsgedächtnis“, das religiösen, gesellschaftlichen und politischen Interessen unterworfen ist. Von diesen „Zwängen des Bindungsgedächtnisses“ (34) kann das kulturelle befreien, so Assmann, wenn man es auf das „Speichergedächtnis“ (38) bezieht, in dem viel mehr Spuren der Erinnerung bewahrt sind als das jeweils aktuelle Bindungsgedächtnis es bewusst machen kann.

Doch nur wenn es eine Kommunikation mit anderen über die Vergangenheit gibt (sei es in mündlichen Gesprächen zwischen den Generationen, im Geschichtsunterricht, in der historischen Wissenschaft) kann das Speichergedächtnis eine lebendige Quelle der Erinnerung bleiben; ohne Kommunikation würden die Akten und Dokumente in den Archiven verstauben. Das Speichergedächtnis ist zudem angewiesen auf „soziale Ordnungsparameter“ wie Feste, Rituale und Lernzeiten (worauf das Deuteronomium schon bestanden hatte). Diese Ordnungsparameter stellen sicher, dass die bloß individuelle Erinnerung mit dem Gedächtnis anderer in Entsprechung gehalten werden kann.

Kunstwerke als Gedächtnisspeicher

Aby Warburg, der Kunsthistoriker und Begründer einer umfänglichen kulturwissenschaftlichen Bibliothek, hat darauf hingewiesen, dass in diesen „Rahmen“ von Ordnungsparametern auch „kulturelle Objektivationen“ wie Bilder gehören, Kunstwerke als Gedächtnisspeicher ebenso wie andere symbolische Formen und Texte.10 Diese Formen des „kulturellen Kollektivgedächtnisses“ haben für Warburg eine befreiende Funktion. Denn sie distanzieren den Menschen vom „Druck einer Wirklichkeit“, die Angst machen kann und manchmal ausweglos erscheint.11 Sie haben eine entsprechende Funktion wie die Exodusgeschichte der Bibel, die über Jahrtausende dem Zwang einer übermächtigen Wirklichkeit widerstand.12

Warburg war aufmerksam auch auf Kleineres und Unbedeutenderes, vielleicht Vergessenes, das aber plötzlich als Moment des kulturellen Gedächtnisses wiederentdeckt werden kann. Denn es wohnt einem solchen Bild, dieser Geschichte, dieser symbolischen Form ein Potential inne, um verschlossene Horizonte zu öffnen. Das kulturelle Gedächtnis umfasst beides: das, was aktuell zum Gegenstand eines „Bindungsgedächtnisses“ wird, und das, was in Archiven, Museen, Büchern, kanonischen und apokryphen Schriften, auch in Bildern und Filmen – noch ohne aktuelle Aufmerksamkeit – nur darauf wartet, neu entdeckt zu werden.

In dem Maße aber, in dem die Pflege eines kulturellen Gedächtnisses ihre Selbstverständlichkeit verliert (wie unter moderngesellschaftlichen Verhältnissen), zeigt sich ihre Angewiesenheit auf Institutionen (wie die Kirche oder den Staat), die in den Schulen für Lehrpläne, und in den Städten für Museen und Gedenkstätten sorgen. Gelingen können solche Bemühungen aber nur, wenn das „natürliche Gedächtnis … [als der primäre] Ort der Bilder“13 für diese Angebote und Programme aufnahmefähig ist: das natürliche Gedächtnis von in der Gegenwart lebenden Personen. Sie sind Träger einer individuellen Erinnerung, auf die auch die kulturelle angewiesen bleibt. Die individuelle Erinnerung – auch dann, wenn sie durch Medien, Museen, Gedenkveranstaltungen geprägt ist – kann sich entweder gegen aufgedrängte kollektive Formen behaupten oder in die Bresche springen, wenn sich „Kulturen als Sozialorganismen (mit inneren Bildern) auflösen“ (ebd.). Nicht nur die Gedanken, auch das Bildgedächtnis ist frei, gebunden ist es aber an ihre in Körpern lebende Träger. Die Fähigkeit, ihre Bilder mitzunehmen, haben schon immer die Emigranten besessen.

 

4. Die Bedeutung des individuellen Gedächtnisses fürs kollektive

Walter Benjamin hat während seines Pariser Exils von 1933-1940 eine Theorie des Erinnerns ausgearbeitet, die der individuellen Verkörperung des Gedächtnisses eine unverzichtbare Bedeutung wahrt, gerade in der Bezogenheit auf die Medien kollektiver Erfahrung. Mit seinem Buch Berliner Kindheit um Neunzehnhundert hat er exemplarisch gezeigt, wie im Exil das „Heimweh“ Bilder seiner Herkunft in ihm hervorrief,14 die er in kunstvoll gestalteten Aphorismen festhielt; er nannte sie „Denkbilder“. Die erzwungene Ferne zu der Stadt, die sein Lebensmittelpunkt war, wurde ihm zum „Jetzt der Erkennbarkeit“ seiner Kindheitserinnerungen mit Sinnstufen der Bedeutung, auf denen er sie erst jetzt – im Nachhinein – deuten konnte. Und er erkannte sich selbst wieder in der Gestalt des „bucklichten Männleins“ aus Georg Scherers „Deutschem Kinderbuch“, dem er in einem Denkbild ein Denkmal gesetzt hatte.15

Individuelle Erinnerungen tragen eine Signatur der Aktualität, die sie an die Situation binden, in der sie sich unwillkürlich einstellen. Benjamin hatte durch seine Proust-Lektüre gelernt, wie wichtig der Unterschied einer willkürlichen Erinnerung – im Sinne des Suchens im Archiv oder der Gedächtnispräsenz des Auswendig-Gelernten – von einer unwillkürlichen ist, die sich etwa beim Genuss einer Madeleine (körperlich, durch deren Geschmack) situativ und für die eigene Person bedeutsam einstellen kann. Entsprechend ist es für Benjamin von zentraler Bedeutung, dass die Vergangenheit – unüberschaubar in ihrer Bilder- und Datenmenge – in einzelnen, für die Gegenwart wichtigen Bildern und Aspekten aufblitzen kann.

Die Erinnerung als Geheimnis der Erlösung

Die menschliche Erinnerung funktioniert eben nicht so, dass man eine Suchmaschine über eine Datenbank laufen lässt. Und das Bewusstsein ist etwas anderes als ein Algorithmus, den man programmieren könnte. Unwillkürlich sind die Traumbilder in der Nacht wie die Bilder der Tagträume.16 Bilder sind das, die vorbeihuschen und festgehalten werden müssen, Traumbildern im Augenblick des Erwachens vergleichbar, die bald vergessen sind, wenn sie nicht aufgeschrieben werden. In diesen Aspekten des Erinnerns klingt Freuds Traum-Theorie an, und zugleich schwingt der Gedanke an ein Ich mit, das Licht in das Dunkel der Nacht zu bringen imstande wäre, das Freud das Unbewusste genannt hat. Es schwingt der Gedanke an ein Ich mit, das sich gewissermaßen zum Steuermann der Seelenvermögen des Erkennens, des Wollens und des Gefühls machen könnte, das biographische Ich, das seine Lebensgeschichte schreibt und zu den Erfahrungen steht, die sie ausmacht, zu den Überzeugungen auch, die an bestimmbaren Wendepunkten die Funktion der Orientierung übernommen haben.

Für Benjamin ist entscheidend, dass den aktuellen Erinnerungsbildern eine „schwache messianische Kraft“ mitgegeben ist.17 Sie besteht zum einen darin, dass sie einen bislang uneingelösten Anspruch vergangener Generationen an die jeweils heutige tragen, deren Hoffnungen, die einzulösen der in seiner Gegenwart Erkennende eine Chance hat. Zum andern aber öffnet sich in einer solchen Korrelation der Zeiten im Jetzt ihrer Erkennbarkeit eine Möglichkeit der Erlösung – mit Benjamin im Bild gesprochen: die Zukunft als eine Tür, durch die jederzeit der Messias treten kann.18 Den Anspruch vergangener Generationen aber muss der Einzelne sich zu Herzen nehmen (um mit dem Sch’ma Israel zu sprechen), damit er ihn nicht überhört. M.a.W. ist die Vergangenheit erst „in der Konstellation des Jetzt“ zu erlösen.19 So erschließt sich ein Sinn des Satzes, der dem Baal Schem Tov zugeschrieben wird, dass die Erinnerung das Geheimnis der Erlösung sei.

Die Rückbindung des kollektiven ans individuelle Gedächtnis in solchem Erinnern scheint mir eine wichtige Ergänzung zur Analyse Assmanns zu sein – und relevante Aspekte der oben zitierten Bibelstellen zu beleuchten. So wird der Leser der Weihnachtsgeschichte des Lukas aufgerufen, seinerseits – wie Maria – diese Worte in seinem Herzen zu bewegen. So werden die, die Abendmahl feiern, angeregt, des Lebens, Leidens und Sterbens Jesu zu gedenken, als ginge es um ihr eigenes Leben. Und bis heute wird – mit Blick auf das Verständnis der Bibel und der christlichen Religion – gelten können, was Adorno in den 1960er Jahren schon schrieb: „Nichts an theologischem Gehalt wird unverwandelt fortbestehen; ein jeglicher wird der Probe sich stellen müssen, ins Säkulare, Profane einzuwandern.“20 An diesem Anspruch hatte sich schon der in Benjamin lebendige theologische Gedanke orientiert.

 

5. „Oh Boy“

Zum Ende möchte ich die Tragfähigkeit der mit Benjamin erinnerten Motive am Beispiel dieses neueren Films (2012) erproben. Wie ein Flaneur im Sinne Benjamins lässt sich der Protagonist – ein Student, der seine Studienleistungen ausgesetzt hat, um „nachzudenken“, wie er sagt – auf die Gegenwart in der Großstadt Berlin ein. Er ist offen für das Begegnende und beobachtet. Dabei hält er Distanz zu all dem, was ihm mehr oder weniger zufällig und flüchtig begegnet, aber auch schnell wieder vorübergeht:21 zu seiner Freundin am Morgen, die ihm den Kaffee anbietet, den er den ganzen Tag über nicht bekommen wird; zum Psychologen auf dem Amt für öffentliche Ordnung, der ihm den Führerschein nach einer positiven Alkoholprobe entzieht, zu einem Nachbarn, der ihm seine Leidensgeschichte erzählt, zur ehemaligen Mitschülerin, deren früheres Leiden daran, gemobbt worden zu sein, auch noch ihr heutiges Verhalten mitbestimmt.

Immer wieder hält der Protagonist inne. Es ist, als müsste er das flüchtig Begegnende festhalten wie das Bild aus einem Tagtraum. Das geschieht in der lebensgeschichtlichen Passage zwischen der finanziellen Abhängigkeit vom Vater und einer noch nicht greifbaren selbständigen Existenz. Sie wird verwoben mit Augenblicken, in denen Bilder einer kollektiven Vergangenheit aufblitzen. Wie ein inszenierter Traum erscheint die Rolle, die der Darsteller eines Nazi-Offiziers in einem Studio ihm vorspielt. Zu historischem Bewusstsein über die Gegenwart des Vergangenen wird der Protagonist des Films aber erst durch das nächtliche Gespräch mit einem alten Mann an der Bar geführt, der ihm von einer Kindheitserinnerung an die Reichspogromnacht 1938 erzählt. Während dieser Nacht waren – gerade an der Stelle, an der jetzt diese Bar untergebracht ist – viele Scheiben von jüdischen Geschäften durch rauschhafte Lust an der Zerstörung zu Bruch gegangen. Und dieser Alte hatte damals mit kindlich-naivem Gemüt nur gefragt, wie er mit seinem Fahrrad am nächsten Tag heil durch all die Scherben kommen soll.

In die Frage nach dem Vollzug menschlichen Erinnerns und die Herausforderungen einer Kultur des Erinnerns bringt dieser Film den Aspekt der Haltung dessen ein, dem im Flanieren, in Distanz und der Bereitschaft zum Innehalten unwillkürlich Bilder der Vergangenheit begegnen, die festzuhalten und in eine spannungsvolle Konstellation zwischen Gestern und Heute einzustellen sind. Zudem fragt er nach den Medien der Erinnerung, auf die wir angewiesen sind, seit Gespräche im Generationenverhältnis immer seltener geworden sind: im Film erliegt der Erzähler beim Verlassen der Bar einem Herzinfarkt. Wenn die Zeugen nicht mehr befragt werden können, sind wir angewiesen auf Schrift (Buch oder Inschrift), Erinnerungszeichen, Darstellungen auf der Bühne und im Film. Auf den angemessenen Gebrauch dieser Medien kommt es an.

 

Anmerkungen

* Diesen Vortrag hat der Autor am 16.6.2021 im Rahmen der Evang. Erwachsenenbildung in Sigmaringen gehalten.

1 H. Blumenberg, Matthäuspassion, Frankfurt/M. 1988, 138.

2 Vgl. auch Mt. 26,13.

3 H. Blumenberg, Beschreibung des Menschen, Frankfurt/M. 2014, 188f.

4 J. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1999, 226.

5 Darauf deutet schon die Etymologie des Wortes religio hin, das ja von religere ebenso abgeleitet werden kann: d.h. von „sorgfältig beachten“, wie auch von religari: d.h. von „sich zurückbinden“.

6 J. Assmann, Religion und kulturelles Gedächtnis, München 2004 (2. Aufl.), 30ff.

7 Assmann, Religion, 30.

8 Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, 222.

9 J. Assmann, Religion und kulturelles Gedächtnis, 33.

10 Vgl. H. Eiland/M.W. Jennings, Walter Benjamin. Eine Biographie, Berlin 2020, 392. E.H. Gombrich, Aby Warburg. Eine intellektuelle Biographie, Frankfurt/M. 1981.

11 Eiland/Jennings, Benjamin, 116.

12 Vgl. dazu: H. Blumenberg, Arbeit am Mythos, Frankfurt/M. 42014, 13.

13 H. Belting, Von inneren und äußeren Bildern. Traditionen im Exil: Wenn die Orte des Hier und Jetzt verschwinden, wird unsere Erinnerung wachsen, in: FAZ Nr. 4 [6. Januar 2021], S. 12.

14 Eiland/Jennings, Benjamin, 788, zit. einen Brief an Ferdinand Lion.

15 Benjamin, Berliner Kindheit um Neunzehnhundert, Frankfurt/M. 1950, 163.

16 Vgl. für eine treffliche Beschreibung auch: H. Mankell, Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein, München 2017, 72f.

17 Benjamin, Gesammelte Schriften Bd. I/2, Frankfurt/M. 1991, 694.

18 Benjamin, Gesammelte Schriften Bd. I/2, 704.

19 Eiland/Jennings, Benjamin, 387.

20 J. Habermas, Auch eine Geschichte der Philosophie II. Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen, Berlin 42020, 806, zit. Adorno, Vernunft und Offenbarung.

21 Eben das aber ist die Charakteristik der Erfahrung der Moderne, die Benjamin von Baudelaire übernommen hat: sie sei le fugitif, le transitoire, le contingent. Sie stellt vor die Herausforderung, des Begegnenden innezuwerden und es festzuhalten.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Hans Martin Dober, Pfarrer der württ. Landeskirche, Dissertation über Franz Rosenzweig (Die Zeit ernst nehmen. Studien zu Franz Rosenzweigs "Der Stern der Erlösung" [Würzburg 1990]), Mitglied der Internationalen Rosenzweig-Gesellschaft.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2021

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