Wie viele biographische Details braucht eine Predigt zur Beerdigung, um das Leben eines oder einer Verstorbenen angemessen zu würdigen? Dagmar Knecht behauptet: gar keine. Es braucht aber die volle und aufmerksame Präsenz der Predigerin bzw. des Seelsorgers, sowohl bei der liturgischen Feier zur Beisetzung als auch vorab im Gespräch mit den Angehörigen. Solche Präsenz bedeutet vor allem Offenheit für die Gefühle und Aussagen der Anwesenden, auch für deren Assoziationen und Erinnerungen – ohne dass die Predigerin, der Prediger diese im Detail kennen muss.

 

Im Seelsorgegespräch anlässlich einer Beisetzung braucht es seitens der Seelsorgerin bzw. des Predigers eine grundsätzliche Bereitschaft alles, was erzählt, vermutet oder auch verschwiegen wurde, in einer wahrnehmenden Haltung zu sehen – nicht in einer wertenden. Und es braucht die Hoffnung darauf, dass Gott alles, was war, zum Guten wenden wird und das Gute eines Lebens in die Ewigkeit führen wird. Meine These ist: Wer diese Haltung einnimmt, kann sich im Trauergespräch von allen Anforderungen, etwas über das Leben des oder der Verstorbenen wissen zu müssen, befreien und eine sehr persönliche Predigt halten, die Abschied nehmen, Loslassen und Trost ermöglicht. Bei einer ausgesprochen ökonomischen Vorbereitung von etwa einer Stunde Vorbereitung zusätzlich zum Gespräch, egal, wie lange das gedauert hat, und unabhängig davon, wie die Atmosphäre im Gespräch war.

 

1.  Würdigung des Lebens

Ein gelebtes Leben hat seinen Wert und seine Würde. Das soll, das muss in einer Beerdigungsansprache deutlich werden. Wer lebt, wer – wie auch immer – gelebt hat, hat seine/ihre Würde von Gottes Schöpfungswillen her bekommen. Die Würde eines Lebens ist nicht abhängig von den einzelnen Erfolgen oder Traumata eines Lebens, sie ist von Gott gegeben; gleichwohl zeigt sie sich in ganz konkreten, vielen einzelnen Ereignissen. In den großen Daten wie Konfirmation, Heirat, Beruf, Geburt der Kinder, Ehrungen und Krankheiten. Mehr noch zeigt sich sie sich in den ganz kleinen, individuellen Eindrücken: dem Duft in der Küche – nach Plätzchen oder Schweinebraten; dem Lächeln im hohen Alter, wenn lieber Besuch da ist; dem Tonfall, den jemand anschlägt, wenn ihm etwas nicht passt. Das alles soll bei einer Beerdigung vorkommen.

Wir leben im Zeitalter des Individuums; es kommt darauf an, genau diesen Menschen zu begraben – genau sie oder ihn, mit ihrer/seiner Persönlichkeit, genau so soll sie in die Ewigkeit eingehen, nicht etwa als zwar mit einem Namen versehenes, aber gesichtsloses Wesen.

 

2. Zum individuellen Leben gehören konkrete Ereignisse und Daten

Dass zum individuellen Leben konkrete Ereignisse und Daten gehören, stimmt ohne Zweifel. Es beginnt mit dem akkuraten Datum der Geburt, der Tageszeit, des Ortes und es macht einen Unterschied, ob jemand in Oberschlesien Abitur gemacht hat oder in Oberbayern Gemahlin eines lokal Prominenten war, oder weiß Gott was. Die persönlichen Daten gehören zu einem Leben: das Elternhaus und evtl. Geschwister, die berufliche Laufbahn, Kinder oder Kinderlosigkeit, Ehrenamt, Scheitern in Beziehungen (Scheidung; Kinder, die keinen Kontakt mehr haben; abgebrochene Freundschaften), das Erreichen – oder nicht – von Lebenszielen, Erinnerungen, Schwäche, Bedürftigkeit, Alter, Sterben. Das macht das Leben aus.

Es kommt aber vor – und gar nicht so selten – dass ich über den oder die Verstorbenen nicht viel erfahre. Ich lebe und arbeite in München. Bei einigen meiner Beerdigungen gibt es keine Angehörigen, die mir erzählen könnten. Vielleicht einen Betreuer, der über die letzten fünf oder zehn Jahre Auskunft geben kann. Davor? Oder es gibt Angehörige, aber die hatten schon lange keinen Kontakt mehr. Warum – das sagen sie mir nicht. Ich bin diskret, stochere nicht in alten Wunden, warte, was mir erzählt wird. Immer wieder mal: nichts. Oder es gibt Angehörige, die viel erzählen – über sich selbst, die Familie, die Umstände … Eine Stunde Gespräch oder zwei. Und ich weiß noch immer kaum etwas über den Verstorbenen.

Manchmal verstehe ich auch die Gefühle der Angehörigen nicht. Ich bin schon ein emphatischer Mensch – wie wohl die meisten von uns. Aber manchmal „funkt“ es einfach nicht. Ich gehe aus einem Trauergespräch raus und habe „kein Gefühl“ für die Situation. Das kommt vor. Und natürlich beerdige ich trotzdem. Professionell, seelsorglich, spirituell, würdigend.

 

3. Jeder Mensch steht in alledem in Gottes Hand – im Leben und im Sterben

Manche – aus meiner Erfahrung wenige – erleben das so. Die meisten haben ein eher indifferentes Verhältnis zu Gott und zur Kirche. Die weitaus meisten Menschen, die ich bisher bestattet habe, habe ich nie zuvor gesehen, schon gar nicht in der Kirche. (Ich war bisher Pfarrerin im überparochialen Dienst, in der extremen Diaspora und in der Großstadt; die Situation, dass ich all meine Gemeindeglieder kennen könnte, hab‘ ich nie kennengelernt.) Die, die ich vorher schon kannte und die Angehörigen der Verstorbenen haben sehr, sehr unterschiedliche Sichtweisen auf und Erfahrungen mit Gott. Manche erklären mir, was Gott will (selten), andere fragen mich danach (deutlich häufiger – ich weiß es aber auch nicht).

Allen gemeinsam ist: ich kann ihr Leben nicht beurteilen. Und das soll ich doch auch gar nicht. Jesus hat immer wieder davor gewarnt, andere zu beurteilen – ich will das also auch in einer Beerdigung nicht tun. Zugegeben: auch mir kommen immer wieder Biographien unter, zu denen ich schon eine glasklare Position habe. Und dann … dann gerät sie doch wieder ins Wanken.

Eine Mutter hat mir zu Beerdigung ihres Sohnes gesagt: „Mein Sohn war ein Monster. Aber was soll ich machen? Er ist doch mein Sohn.“ Diese Frau und ihr Sohn beschäftigen mich bis heute. Und sie sind mir eine Art Richtschnur. Der Sohn war ein verurteilter Straftäter – Vergewaltigung, vielleicht auch Tötungsdelikte, ich weiß es nicht. Und er war getauft. Hat er am Ende an Gott geglaubt? Auf Vergebung gehofft, darum gebeten? Das weiß ich nicht. Macht es einen Unterschied, ob ich es weiß? Er steht in Gottes Hand.

Ein anderes Mal habe ich eine Frau beerdigt, über die mir der Witwer nichts anderes sagen konnte, als dass sie eben immer da war. Ihm den Rücken freigehalten hat usw. Sie hat in ihrem Leben „nichts erreicht“. Sie war halt da, „ganz normal“. Mehr habe ich nicht erfahren – obwohl natürlich sehr viel mehr wichtig war in ihrem Leben, ganz sicher.

Wieviel Gewicht bekommt mein Wissen über die Biographie in der Beerdigungsansprache? Das wäre doch sehr ungerecht, wenn ich über den einen lang und urteilend und über die andere nur ganz kurz sprechen würde.

 

4. Predigen mit Chiffren, mit „Platzhaltern“

Einige Problemsituationen für evangelische Beerdigungen sind angeklungen. Was ist die Lösung? Wie predigen, wenn ich nichts weiß – oder keine Zeit habe, eine Predigt zu finden, die alle biographischen Daten, die mir genannt wurden, in ein Muster bringt? Und dann gibt es ja immer noch andere, die zur Beerdigung kommen werden, die ich aber nicht vorher nach ihren Erfahrungen und Verbindungen fragen kann.

Ich arbeite mit Chiffren. Mit „Platzhaltern“ könnte man sagen. Bestimmte Szenen passen immer – oder fast immer. Die kann ich, je nachdem, was ich im Vorgespräch erfahren habe, aussuchen. Ich erinnere an eine Situation, die ich selber gar nicht kennen muss. Aber die Anwesenden im Beerdigungsgottesdienst kennen sie – jedenfalls ein Teil von ihnen. Ich gebe Formulierungen vor, die Zuhörenden füllen sie mit ihren eigenen Bildern. Dabei achte ich darauf, dass es auch „Chiffren“ gibt, die andere Personen einbeziehen, als die, die ich kennen gelernt habe – Nachbarn z.B. oder „lose“ Freunde oder Familienangehörige, die keinen Kontakt mehr hatten.

Wo immer es geht, nehme ich dabei Formulierungen auf, die die Angehörigen selber benutzt haben. Ich interpretiere nicht, urteile nicht; ich lasse so – hoffentlich – Erinnerungen wach werden. Die, die sich erinnern, bearbeiten damit das, was war und üben loslassen. Natürlich gelingt das am Tag der Beerdigung noch nicht vollständig. Aber ein Anfang ist gemacht. Und wenn ich diesen Anfang mit der Vorstellung von einem Gott in Verbindung bringen kann, der Frieden schafft, der Versöhnung und Heilung bewirkt und mit einer Liebe, die alles zum Guten wendet, bis in die Ewigkeit – wenn mir das gelingt, dann ist ein Abschied in Hoffnung und Trost begonnen. Und in Wertschätzung der Biographie, mit allen Ambivalenzen.

 

5. Beispiele für Chiffren

Mit den Situationen, die ich anspreche, will ich – wie gesagt – Erinnerungen wachrufen. Erinnerungen an die ganz konkrete Person, an das, was jeder und jede Einzelne mit ihr/ihm verbindet – ohne dass ich auch nur annähernd das ganze Spektrum kennen könnte, das hier eröffnet wird. Es sind ja fast immer Menschen aus verschiedenen Kontexten des nun beendeten Lebens anwesend: Familie, Kolleg*innen, Nachbarschaft, Vereine, Kirche, usw.

An einigen Stellen der Erinnerung bietet sich mit Sicherheit eine Verbindung zu dem Predigttext an, der für die Beisetzung ausgesucht ist. Das kann ggf. ausgeführt werden. Dabei male ich mit Worten aus, was ich weiß und lasse alles andere quasi als „Wort-Schablonen“ stehen.

Erinnerungshilfen in der Predigt können z.B. sein:

– Sie erinnern sich an die letzten Tage in ihrem/seinem Leben:

• Wie Sie seine/ihre Hand gehalten haben,

• an ihren/seinen Blick.

– Oder Sie denken an die Jahre davor:

• an Ihre Besuche mit Kuchen oder mit Suppe,

• an Telefonate,

• an Gespräche im Treppenhaus,

• beim Einkaufen,

• oder einfach nur so.

– Vielleicht denken Sie heute auch an:

• das letzte Weihnachtsfest, das Sie zusammen ­gefeiert haben.

– Oder an:

• Urlaubsreisen nach …,

• den Garten in …,

• wie das war, als Ihre Eltern, das Haus gebaut haben.

– Bestimmt erinnern Sie sich an besondere Feste:

• den letzten runden Geburtstag,

• die Konfirmationen der Enkelkinder (Namen ­nennen),

• die Taufe der Kinder,

• die Hochzeit,

• oder wie Sie als Kinder zusammen gespielt haben – in …

– Es gab:

• schöne Momente, die sie mit NN geteilt haben,

• und es gab sicher auch schwierige;

• beide legen wir jetzt in Gottes Hand.

Möge Gott alle Trauer verwandeln, alles Leid heilen

und alles Gute bewahren bis in die Ewigkeit. Amen.

 

6. Resümee

Dass eine Beerdigungsansprache ein gelebtes Leben auch nur annähernd abbilden kann, halte ich für unmöglich. Wenn ich heute (im Alter von 56 Jahren) darüber nachdenke, was in meinem Leben bisher wichtig ist, scheitere ich jetzt schon an den Details. Ich kann nicht einmal für mein eigenes Leben aufzählen, was alles wichtig war – und niemand möchte das alles hören.

Wichtig erscheint mir, bei einer Bestattungsfeier, allen Anwesenden die eigene Erinnerung und das eigene Abschied-Nehmen zu ermöglichen. Dabei geht es um ganz individuelle Bilder und Emotionen – ein tabellarischer Lebenslauf kann hier Anregungen geben, ist aber nicht der einzige Weg dazu.

„Platzhalter“, also Formulierungen, die von verschiedenen Hörer*innen unterschiedlich ausgefüllt werden, scheinen mir die ideale Lösung zu sein. Jede und jeder, die zum Gottesdienst kommen, rufen eigene Erinnerungen wach, würdigen und wertschätzen das gelebte Leben und beginnen, Abschied zu nehmen.

Ich, als Predigerin und Seelsorgerin, rufe Emotionen wach, bewerte nicht, fördere aber die Verarbeitung in Trauerprozessen und vertraue Leben und Wirken eines Menschen Gottes umfassender Macht an. Genau darin sehe ich meine Aufgabe – und Berufung – als Pfarrerin. Details aus der Biographie eines gelebten Lebens muss ich dabei weder ausplaudern noch überhaupt wissen. Mich interessiert in allem die Befindlichkeit der betroffenen Personen sehr viel mehr als die Details eines Lebenslaufs. Ich vermute mal, so geht es allen.

Also investiere ich nicht mehr Stunden meiner Arbeitszeit in die Vorbereitung einer durchformulierten, detailreichen Beerdigungspredigt. Stattdessen bin ich im Kasualgespräch sehr aufmerksam für meine eigenen Gefühle und die der Angehörigen und während der Bestattungsfeier für die Atmosphäre im Raum. Meine Predigtvorlage ist nur eine Skizze wie oben genannt. Während der Bestattungsfeier kann sich manches verändern, sich mir anders darstellen, als ich dachte. Kein Problem – alles hat seinen Raum. Das, was ich sage, gestalte ich ggf. noch offener und weiter und nehme gerne Aussagen auf, die ich kurz vor der Feier von Angehörigen oder Bekannten gehört habe. Um dabei den „Faden nicht zu verlieren“, notiere ich mir in meinem Ablauf das Bibelwort, das Grundlage für die Predigt ist und vermerke die Bezüge dazu, die mir vorab schon deutlich sind. Manches ergibt sich dann während der Predigt noch.

 

Literatur etc.

Dagmar Knecht: Mit jedem Leben endet eine Weltgeschichte; darin: Textbausteine für besondere Bestattungsformen

www.gedenkenswert.de: Möglichkeit, Kerzen für Tote zu entzünden, Texte (Segen u.a.) zuzuweisen und Texte über das Lebenswerte – jetzt und forever – zu lesen und zu posten

http://www.gottesdienstinstitut.org/suche.htm;jsessionid=FC06F0306ABBAACFEEA0C2E48674A79D

https://segen.bayern-evangelisch.de/

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrerin Dagmar Knecht, Jahrgang 1965, seit 1996 Pfarrerin der bayrischen Landeskirche, nach dem Probedienst im Amt für Gemeindedienst Erfahrungen in Gemeinden der extremen Diaspora und in der Großstadt.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2021

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