Bereits zum vierten Mal waren Ende Juni Personalverantwortliche aus den Landeskirchen zu einem Studientag des Forums Pfarramt und Gesundheit1 eingeladen. Die Corona-Pandemie verschärft aktuell die Dringlichkeit des Themas Arbeits- und Gesundheitsschutz im Pfarrdienst. Neben den in allen Landeskirchen laufenden Umstrukturierungen, Veränderungen, Fusionen und Kürzungen sorgt der durch die Pandemie bedingte Digitalisierungsschub in den Kirchen für eine weitere Erhöhung des Drucks auf Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch auf die Kirchenleitungen. Ziel der Veranstaltung war es daher, mit dem Studientag eine Art „Consilium“ zu schaffen, in dessen Rahmen neben einer gründichen Anamnese auch erste „Therapie-Ansätze“ ausgetauscht und diskutiert werden sollten, die geeignet sind, dem Veränderungsdruck möglichst mit geringen Auswirkungen auf die Gesundheit der Pfarrerinnen und Pfarrer zu begegnen.

 

Massiver digitaler Entwicklungsschub

Folgerichtig eröffnete Prof. Dr. Georg Lämmlin, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, den Reigen der Impulsvorträge mit eine Art „Akut-Anamnese“, indem er Ergebnisse der internationalen Studie „Chuches online in Times of Corona“ (CONTOC) vorstellte.2 Diese empirische Studie untersucht die Folgen der Pandemie für die pastorale Praxis in den Arbeitsfeldern Verkündigung, Bildung, Diakonie und Seelsorge und wurde kurz nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 durchgeführt. Vor allem im Bereich der digitalen Verkündigung, so zeigt es die Studie, führte Corona zu einem massiven digitalen Entwicklungsschub, während sich die Befragten schwer damit taten, auch digitale Angebote in der Seelsorge zu entwickeln. Entsprechend ergab die Befragung nur geringe Veränderungen hinsichtlich der pastoralen Rolle im Bereich der Verkündigung. Für das in vielen Studien zum Pfarrberuf immer wieder bestätigte pastorale Selbstverständnis als Seelsorger*in3 hatten die Kontaktbeschränkungen während des Lockdown nicht unerhebliche Anfragen an das eigene Selbstverständnis und Verunsicherungen zur Folge. Insgesamt belegen die Ergebnisse der Studie die Ambivalenz zwischen kreativem Aufbruch in neue, digitale Welten und der Verunsicherung über den wahrgenommenen Bedeutungsverlust und die Relevanz der Kirche.

Leider waren Fragen der Gesundheit der Befragten nur indirekt im Fokus dieser Studie, so dass Lämmlin lediglich einige durch die Befragung erhobenen Maßnahmen einer „Akut-Therapie“ referieren konnte. In der Studie wurde deutlich, wie wichtig die Zusammenarbeit mit Berufskolleginnen und -kollegen bzw. anderen Mitarbeitenden sowie Ehrenamtlichen zur Bewältigung der durch die Pandemie gestellten Herausforderungen ist. Außerdem wird eine gute und transparente Information durch die Kirchenleitung und durch die mittlere Leitungs­ebene als hilfreich empfunden.4

 

Unzureichend transparente Kommunikation

Mit ihrem Vortrag „Veränderungsprozesse in Organisationen – eine Herausforderung für die Gesundheitsprävention“ weitete die Marburger Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie, Dr. Kathleen Otto, den Blick der Anamnese und analysierte Veränderungs­prozesse in Unternehmen und deren Folgen für die Gesund­heit der Beschäftigten. In ihrer allgemeinen Situations­analyse umriss Otto die Arbeitswelt mit dem ­Kürzel „VUCA“ (volatility/Unbeständigkeit, uncertainty/Ungewissheit, complexity/Komplexität und ambiguity/Doppeldeutigkeit) und beschrieb diese Situation vor dem Hintergrund simultan laufender Restrukturierungen, die eine klassische Wahrnehmung von Einzelschritten der Reformen kaum noch zulasse. In ihrer Darstellung der Perspektiven der „Change-Agents“ und der „Change-Recipients“ beleuchtete sie die unterschiedlichen Rollen und Erwartungen sowie die daraus resultierenden Konflikte, die sich aus der unzureichend transparenten Kommunikation zwischen beiden Gruppen ergeben. Ottos Beschreibungen der Einzelschritte lassen sich dabei gut auf die kirchlichen Reformen übertragen. Der Unterschied zwischen erwünschter und erwarteter Kommunikation der einzelnen Stakeholder in einem Reformprozess wurde dabei besonders deutlich.

Die Folgen dieser unzureichend gelingenden Kommunikation seien nach Otto schließlich gesundheitsrelevant für die Arbeitnehmerseite aber auch für das mittlere Management: Sie reichten von innerer Kündigung über Vertrauensverlust bis hin zu psychischen und physischen Krankheitsbildern, die sich an den Statistiken der Krankheitstage und des Präsentismus (Arbeiten trotz Erkrankung) empirisch belegen ließen. Mit dem Modell des psychologischen Arbeitsvertrags bot Otto die erforderliche Systematik für ihre Anamnese der krankmachenden Strukturen in Veränderungsprozessen. Die Rolle der mittleren Leitungsebene beschrieb sie als Sandwichposition, die für die Übermittlung von Informationen und die Transparenz der Kommunikation nur unzureichend vorbereitet ist, da die klassischen Maßnahmen der Führungskräfteentwicklung nur unzureichend geeignet seien.5 Als „Therapievorschlag“ zur Vermeidung krankmachender Veränderungsprozesse schlug Otto eine frühzeitige und transparente Kommunikation der anstehenden Veränderungen vor, die jedoch eingebettet sein müsse in eine Kultur der Fairness, die von Vertrauen, Offenheit und der Möglichkeit zur Partizipation geprägt ist.

 

Sündenbockmechanismus

Das dritte Impulsreferat von Pastor Andreas Wackernagel, Leiter der Institutionsberatung der Nordkirche, nahm schließlich den eigentlichen „Patienten“ in den Blick: die Kirche und vor allem deren Pfarrerinnen und Pfarrer. Seine „Anamnese“ stützte Wackernagel auf die Studie „Pastorin und Pastor im Norden“ aus dem Jahr 20116. Er bezog deren Ergebnisse auf wichtige Veränderungen des Dienstes und der verschiedenen Fusionen und Transformationen der Nordkirche, die er als Fusionskirche in einer Spannung zwischen sehr veraschiedenen Polaritäten beschrieb. Seine Schilderung der Rollenkonflikte und der Veränderungen im Pfarramt bezog er auf die vom Trendforscher Horx beschriebenen Megatrends in der heutigen Gesellschaft.

Die Anamnese der gesellschaftlichen und kirchlichen „Anamnese“ Wackernagels mündete in eine Diagnose für die Veränderungen im Pfarramt und deren gesundheitliche Folgen. Abgeleitet aus der Folge von Fusionen und Reformen der Nordkirche diagnostizierte er ein Syndrom des „Transformationsfatique“, das er an verschiedenen Symptomen festmachte. Bereits die Studie „Pastorin und Pastor im Norden“ belege ein hohes Maß an Dys-Stress, den Wackernagel anhand verschiedener Befragungsergebnisse belegte. Die zahlreichen von ihm identifizierten Stressfaktoren träfen dabei auf eine nur mangelhaft ausgebildete Work-Life-Integration bei Pfarrerinnen und Pfarrern, deren Folgen in der Zunahme von Burnout im Pfarrdienst lägen. Zu den Stressfaktoren gesellten sich aktuell Ängste um die Zukunft der Kirche, „Narben aus der Berufsbiografie“ („Theologenschwemme“) und bei den Jüngeren Ängste vor dem Schritt in den Pfarrberuf. Als Folge dieses Aufeinandertreffens verschiedener Stressfaktoren und Symptomatiken diagnostizierte Wackernagel „Obstipation“, also eine Art Verstopfung, die coronabedingt durch keine psychische Hygiene durch die sonst üblichen Entlastungsmechanismen (gemeinsam Feiern, stabilisierende Gemeinschaftserlebnisse und andere kathartische Effekte) entlastet würde und in immer größerem Druck und „Sündenstau“ münde, der einen Sündenbockmechanismen zur Folge haben könne.

Als „Therapie“ schlug Wackernagel fünf Impulse vor, die den Druck reduzieren oder wegnehmen sollen. Dazu gehörten die organisatorische Entlastung im Pfarramt durch eine Konzentration auf Kernaufgaben, Zusammenarbeit und Vernetzung, die psychisch-emotionale Entlastung durch geeignete Kompetenzerweiterung zur Vermeidung von Unsicherheit, die Entwicklung der Salutogenese als zentralem Trend in der Kirche und die Stärkung der Resilienz der Pfarrerinnen und Pfarrer, eine Veränderung der Kultur und des „Mindset“, um die Chancen und sprituellen Herausforderungen der aktuellen Situation zu erkennen, sowie eine wirksame Nachwuchsgewinnung.

 

Anmerkungen

1 Im Netzwerk Pfarramt und Gesundheit arbeiten Vertreter*innen der Evang. Fachstelle für Arbeits- und Gesundheitsschutz, der Akademie des Versicherers im Raum der Kirchen, des Verbandes evang. Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland und aus einzelnen Landeskirchen zusammen, um das Thema Arbeits- und Gesundheitsschutz für den Pfarrberuf voranzubringen.

2 S. hierzu: https://contoc.org/de/ergebnisse-contoc-de/.

3 Zum Beispiel: Magaard, Gothard/Nethöfel, Wolfgang (Hg.), Pastorin und Pastor im Norden, Berlin 2011.

4 Hierzu auch Ergebnisse aus der EKKW: Rohnke, Andreas/Hofmann, Beate, Kirche auf dem Weg in das digitale Zeitalter, in: Hess. Pfarrblatt 1/2021.

5 Für den kirchlichen Bereich stellte sich dem Verfasser dieses Berichts die Frage, inwieweit Dekan*­innen, Pröpst*innen und Superintendent*innen über das erforderliche Handwerkszeug verfügen, die anstehenden Veränderungen angemessen und transparent zu kommunizieren.

6 Magaard/Nethöfel, Pastorin und Pastor im Norden.

 

Andreas Rohnke

 


 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Andreas Rohnke, Jahrgang 1962, Pfarrer und Master of Arts in Management of Social Organisations, Referent im Personaldezernat der EKKW, Autor der Gesundheitsstudie der Pfarrvertretung.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 10/2021

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