Die Krise des Gottesdienstes ist ganz wesentlich eine Krise der gottesdienstlichen Musik. Vieles hat sich in den vergangenen 60 Jahren in der Musikkultur verändert; zu vieles als dass man darüber einfach hinweggehen und die althergebrachten Traditionen weiter pflegen könnte, meint Frieder Dehlinger. Doch in der Krise, die durch das coronabedingte Singverbot noch einmal verstärkt wurde, liegt auch die Chance für einen Neustart.

 

Die Krise des Gottesdienstes ist ganz wesentlich eine Krise der gottesdienstlichen Musik. Sicher: der Raum ist wichtig, die handelnden Personen sind wichtig, auch Sprache und Inhalt, Beteiligung und die erlebte Gemeinschaft. Dies alles fließt zusammen in der im Gottesdienst erlebten Atmosphäre: einer emotionalen Qualität, die ganz wesentlich durch Musik ausgedrückt und geprägt wird.1 Waren Musik und Gemeindegesang lange eine Stärke der evangelischen Gottesdienste, werden sie heute zunehmend zum Problem.

Außerhalb extremer Krisen lässt Gottesdienst sich nur sehr langsam verändern. – Allerdings war die Unterbrechung der Gottesdienste zwischen dem 15. März und dem 10. Mai 2020 und ist die weiter bestehende Einschränkung des Singens im Gottesdienst eine tiefe Sinnkrise unserer gottesdienstlichen Gemeinden und Chöre. Mit dem gemeinsamen Atmen beim Singen ist seit der Corona-Pandemie die Verunsicherung verbunden, es könnte die Gesundheit gefährden. Da Singen die Grundäußerung gemeindlicher Aktivität im evangelischen Gottesdienst ist, ist mit der über Monate anhaltenden Irritation bezüglich des gemeinsamen Singens das ganze Konzept evangelischen Gottesdienstes betroffen.

 

I. Entwicklungen

Für die heutige Situation des Singens in Gottesdienst und Gemeinde sind – bei allen Unterschieden vor Ort – drei Entwicklungen prägend: 1. Evangelische Religion wird nur noch in einem kleinen Teil der Familien tradiert. Die Schule – vor 100 Jahren noch der Träger der Kirchenliedvermittlung – hilft hier kaum. Bibelwissen, religiöse Übung und Liederrepertoire entstehen heute, wo ein Mensch sich von sich aus auf den Weg macht oder sich mitnehmen lässt. 2. Die Teilnahme am Sonntagsgottesdienst ist ganz und gar freiwillig und gesellschaftlich-kulturell die Ausnahme. 3. Das eigene Singen ist aus dem Alltag verschwunden. Lieder und Musik werden über das Internet auf einem global organisierten Markt in höchster professioneller Qualität stilistisch breit differenziert leicht zugänglich angeboten. Persönlicher Soundtrack und individuelle Playlists sind nicht nur in der Jugendkultur, sondern in allen Generationen Ausdruck der eigenen Identität. Die Bereitschaft, andere, fremde oder nicht hochwertig dargebotene Musik zu hören oder gar mitzusingen, ist gering.

Die Kirchenmusik erlebt in immer kleineren Gottesdiensten zunehmend schwierigere Bedingungen für den Gemeindegesang. Es gibt außerhalb der Kerngemeinde kaum Lieder, die bei vielen als bekannt vorausgesetzt werden können. In vielen Chören werden die Sängerinnen und Sänger älter und weniger; wo früher z.B. ein nebenberuflicher Organist eine Gottesdienststelle abdeckte, braucht es heute ein sich von Sonntag zu Sonntag abwechselndes Team. – Die Corona-Unterbrechung hat die Gottesdienstgemeinden zusätzlich geschwächt. Bisher gelingt es den Kirchen in der Breite kaum, sich der Krise des Gottesdienstes und des Singens produktiv zu stellen. Doch ein „Weiter wie bisher“ wird zunehmend schwerer.

 

II. Orgelmusik

Dass die Orgel seit dem 17. Jh. fast das einzige Instrument im evangelischen Gottesdienst ist, hatte und hat praktische Gründe: eine Musikerin allein kann an der Orgel den ganzen Kirchenraum mit Musik füllen. Es braucht keinen Chor und keine Kapelle: eine Person genügt. Die Technik macht es möglich – und wenn auch die Investition in die Musikmaschine hoch ist, gleicht sich dies durch Einsparung beim Personal mehr als aus.

Die Orgel hat große Stärken: sie ermöglicht in ihren Registern und Klangfarben eine emotionale Ausdruckspalette; sie hat über die Klangerzeugung durch schwingende Luft eine Nähe zum Vokalen; sie bietet viele Möglichkeiten zur Improvisation. Und doch dominiert die Orgel die evangelischen Kirchenmusik seit 400 Jahren nicht wegen dieser Stärken, sondern weil sie im allsonntäglichen gottesdienstlichen Gebrauch bisher unüberbietbar praktisch und kostengünstig ist.

Das Kirchenlied vom Barock an bis zu den 1960er Jahren war auf Begleitung des Gemeindegesangs durch die Orgel im großen Kirchenraum hin gearbeitet: eine klare Melodie über einer soliden Basslinie, langsames, maximal mittleres Singtempo, kaum Rhythmus. Das klassische evangelische Strophenlied funktioniert(e) gut in der Orgelfülle des homophonen Kantionalsatzes, in die jeder und jede seine oder ihre Stimme einmischen konnte, ohne herausgehört zu werden und ohne sich selbst hören zu müssen: Stimmen und Orgel verschmelzen, wenn es gut geht, zum vollen und dann auch erhebenden Gemeindegesang.

 

III. Neues Liedgut

Die von Jazz, Pop und weltweiter Ökumene geprägten neuen Kirchenlieder seit etwa 1960 stellen andere Anforderungen: die Melodien sind (meist) einfacher, die Tonumfänge kleiner. Anstelle des textreichen Strophenlieds tritt das Kehrverslied mit zwei, drei Strophen, dazu immer öfter Intro, Bridge und Coda. Viele neue Lieder sind vom Rhythmus geprägt. Pop- und Jazzlieder sind nicht gänzlich fixiert, sondern rhythmisch und melodisch freier: sie zeigen sich in Bestform, wo sie improvisierend begleitet und „performed“ werden. Das neue Lied baut auf die heutigen technischen Möglichkeiten, Instrumente und Stimmen in einen großen Raum ­hinein zu verstärken.

Und die neuen Lieder sind sehr zahlreich: Song select, die größte christliche Liederdatenbank, bietet über 100.000 Lieder für Gottesdienst und Gemeinde an. Hatte eine Gemeinde noch zu EKG-Zeiten einen Liederschatz von grob geschätzt 50 bis 100 gut eingesungenen Melodien – viele davon mit mehreren Liedtexten –, sind heute viel mehr Melodien im Angebot. Doch selbst gute Kirchgänger nehmen heute seltener sonntags am Gottesdienst teil. Sie treffen auf den immer größeren Pool an Liedern – und begegnen immer öfter Liedern nur einmal. Darum sind nur noch wenige Melodien vielen gut vertraut.

An neuen Liedern fehlt es uns aufs Ganze nicht; es fehlt an Menschen, die sie vermitteln und einsingen. Die Pflege eines Liedkanons für das gemeinsame Singen, für schöne Wiederbegegnungen und vertiefte Liederfahrungen wird als ein Aspekt langfristiger Planung der Verantwortlichen für den Gottesdienst immer wichtiger. Kurz gesagt: das neue Lied stellt an Pfarrer*in und Kirchenmusiker*in neue und höhere Anforderungen, die konzeptionell-systemisch und im Team bearbeitet werden müssen.

 

IV. Veränderte Performance

Das neue Lied ermöglicht Gemeinschaftserfahrung im Singen, wo (1.) der Groove steht – und der Gemeinde rhythmischen Halt gibt, wo (2.) die Melodie im Idealfall vokal vorgetragen wird und der singenden Gemeinde melodische Orientierung gibt, und wo (3.) die Harmonik Klangfülle schafft und Raum gibt für Emotion. Groove, Melodie und Harmonik – das ist im Normalfall mehr, als der oder die (meist nebenberufliche) Kirchenmusiker*in allein zu schaffen vermag. Es braucht in der Regel mindestens zwei Personen: ein Klavier/E-Piano für Groove und Harmonik und eine Singstimme für die ­Melodie.

Schaue und höre ich genau und bei den Besten hin, merke ich überrascht: die Musik vieler neuen Lieder ist – verglichen mit den gut 200 Jahren seit dem Tod J.S. Bachs – im neuen Lied komplexer! Vor allem die Bedeutung des Rhythmus stellt an den Kirchenraum und den Ort, von dem aus Musik den Gemeindegesang begleitet, eigene akustische Anforderungen. Das neue Lied regt zu vielen Singformen an: Strophe solistisch/Kehrvers alle; Wechsel zwischen zwei Gruppen, etwa Frauen und Männern oder Wechsel zwischen (Kinder-)Chor und Gemeinde; eine Solostimme oder eine Instrumentalimprovisation über der Gemeindemelodie.

Damit das der Gemeinde Spaß macht, braucht es eine einfache und klar orientierende Singleitung. Die Gemeindemusiker des neuen Liedes musizieren darum nicht auf der Empore, sondern in der Mitte der Gemeinde. Weil das meist unbekannt-neue Gottesdienstlied der Anleitung bedarf, sind haupt- und nebenberufliche Kirchenmusiker*innen im Gottesdienst nicht mehr ausschließlich als Organist*innen, sondern stärker wieder als Kantoren und Kantorinnen gefragt, die singend das Singen der Gemeinde leiten. Auch Chöre oder kleine Singgruppen können die Gemeinde im Singen sehr gut stützen und ermutigen, wo sie im Wechsel mit der Gemeinde und das heißt auch: im sichtbaren Gegenüber zur Gemeinde singen. Denn: wer neu zum Mitsingen inspirieren will, muss vor(ne)singen!

 

V. Notwendige Innovationen

Das Potential der neuen Lieder im EG und in den verschiedenen landeskirchlichen Ergänzungsbänden zum EG kann wesentlich zu mehr Freude beim Singen und einer neuen Singkultur helfen. Wo wir es nutzen möchten, gilt es, eine an mehreren Stellen ansetzende Umstellung zu fördern. Manches kann rasch gehen, doch wenn wir Konzepte wollen, die jeden Sonntag funktionieren, brauchen wir eine klare Perspektive und sehr langen Atem.

Kirchenraum

Kirchenräume werden – wann und wo möglich – so (um-)gestaltet, dass Gottesdienste auch im kleinen Kreis gemeinschaftlich erlebt und gefeiert werden können.2

Instrumente

Zusätzlich zur Orgel wird ein für den Kirchenraum geeignetes Klavier oder E-Piano angeschafft und nahe am Altarraum platziert. Die Lautsprecheranlage im Kirchenraum wird so ertüchtigt, dass sie nicht nur Sprache, sondern auch Musik in ohrenfreundlicher Qualität zu verstärken mag.

Chor/Singgruppe

Das coronabedingte Singverbot macht spürbar, wie sehr unser evangelischer Gottesdienst auf die Beteiligung der Gemeinde durch Singen hin angelegt ist. Deutet sich hier eine Perspektive für unsere Chöre an: weniger im Vortrag von Chorsätzen und -stücken und mehr im abwechslungsreichen, anregenden und begleitenden ­Singen vor und mit der Gemeinde? An manchen Orten, wo Chöre aufgeben mussten, werden die freigewordenen Mittel eingesetzt, um die Leitung einer Singgruppe und von Musikteam-Projekten für den Gottesdienst zu finanzieren.

Kantorenamt

Der Schwerpunkt verschiebt sich wieder von der bloßen Begleitung zur (An-)Leitung des Singens aus der Mitte und im Gegenüber zur Gemeinde. Das Kantorenamt – haupt- und nebenamtlich – wird wieder als liturgisches Amt gestärkt.

Rollen

Pfarrer*in und Kantor*in leiten in verschiedenen Rollen gemeinsam den Gottesdienst. Sie entwickeln Routinen für lang- und mittelfristige Planung und für ihre in Teilen gemeinsame Vorbereitung der Gottesdienste. Sie klären Ziele und Werte, geben und nehmen Feedback und bilden sich gemeinsam fort.

Ausbildung

Die kirchliche Ausbildung von im Jazz-/Pop-Bereich versierten haupt- und nebenamtlichen Musiker*innen wird weitergeführt und verstärkt. Für (freie) Musiker*innen sollen gute Rahmenbedingungen und geeignete kirchenmusikalische Weiterbildungsmodule geschaffen werden, damit sie sich im Gottesdienst sinnvoll einbringen können.

Ressourcen

Gute, stimmige Musik im Gottesdienst braucht viel Einsatz. Eine Band, wie in Freikirchen üblich, die jeden Sonntag gottesdienstlich gut spielt, verlangt drei- bis viermal so viel Aufwand wie die Begleitung durch eine C-Organistin. Das ginge nur, wenn wir Gottesdienste aus der Fläche in Mittelzentren verlagern.

Bei Trauungen und Beerdigungen sind immer wieder Sänger*innen zu erleben, die zum vorab eingespielten Playback ihrer Begleitung live singen. Wenn wir weiter in der Fläche mit teils sehr kleinen örtlichen Gottesdienstgemeinden viele Gottesdienste mit passendem Musikrepertoire feiern wollen, muss auch diese Option weiterentwickelt werden.

Ein Kantor/eine Singleiterin zusätzlich zum Musiker an Klavier, E-Piano oder Orgel ist eher umsetzbar als die ganze Band. Hier sammelten viele Gemeinden während des coronabedingten Singverbots Erfahrungen.

Gottesdienst-Konzeption

Die größte Frage3: Trägt unser dezentrales Modell noch? Sollten wir nicht – wann, wenn nicht jetzt – Kräfte bündeln, musikalisch, kommunikativ und pastoral, um Gottesdienste mit so viel Knowhow, so viel angewandter Theologie, Musikalität, Liebe und Sorgfalt anbieten zu können, dass mehr Menschen sie wieder als zeitgemäßen Ausdruck ihres Glaubens mitfeiern möchten?

 

Anmerkungen

1 Zu den Motivationen für den Kirchgang vgl. Kirchengangstudie 2019, Liturgische Konferenz der EKD: https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/liturgische-konferenz-studie-gottesdienst-47871.htm.

2 Vgl. Thomas Hirsch-Hüffell: Die Zukunft des Gottesdienstes beginnt jetzt. Göttingen 2021, hier 92ff.

3 Vgl. Thomas Hirsch-Hüffell, a.a.O., 280ff.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Frieder Dehlinger, Jahrgang 1963, Pfarrer im Amt für Kirchenmusik der Evang. Landeskirche in Württemberg und württ. Beauftragter für die Arbeit an einem neuen Gesangbuch.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 10/2021

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