Verlass mich nicht, Gott, im Alter, wenn ich grau werde“ (Ps. 71,18). Die Angst vor Gottverlassenheit im Alter ist in Psalm 71 mit der Angst verbunden, dass man von Menschen enttäuscht wird, die „über (einen) reden“ und einem „feind sind“ (Ps. 71,10.13). Diese Respektlosigkeit gegenüber alten Menschen gilt nach biblischem Zeugnis als Frevel. Elisabeth Hurth nimmt dies zum Maßstab, um den Zustand einer Gesellschaft daran abzulesen, wie sie mit denen umgeht, die altern und „schwach werden“.

 

Altern als Krankheit

Die verheerende Corona-Pandemie offenbart als Krise der Gesellschaft die schwindende Solidarität der Jungen mit den Alten. Mehr noch: Wenn Politiker wie Boris Palmer beklagen, dass wegen der Pandemie die ganze Gesellschaft eingespannt werde, um Menschen zu „retten“, die „in einem halben Jahr sowieso tot wären“, wird der Zynismus sowie die Erbarmungslosigkeit einer neoliberal geprägten Gesellschaft deutlich, die dem Ideal des Jungseins und der Leistungsfähigkeit huldigt.1

Je älter Menschen werden, desto länger wollen sie jung, fit und gesund bleiben. Folgt man David A. Sinclair, einem Pionier der epigenetischen Medizin, dann können wir nicht nur eine Verjüngung der Altersphase erreichen, sondern auch das Altern an sich abschaffen. Der biologische Prozess des Alterns ist nicht unumkehrbar und überdies kein Prozess, dem jedes menschliche ­Leben zwangsläufig unterworfen ist.2

In der Schönheits- und Anti-Aging-Industrie gelten Zeichen des Alterns als Makel, die auszumerzen sind. Nach Sinclair ist Altern mehr als ein Mangel oder Makel. Sinclairs Studie Das Ende des Alterns steht und fällt mit der These, dass Altern als körperlicher Verfall und massive Einschränkung der Lebensqualität alle Kriterien aufweist, die für Krankheit charakteristisch sind.

Das neue Paradigma des Alterns als Krankheit birgt therapiemäßig bislang ungeahnte Möglichkeiten, auf die hierzulande zuletzt der Stammzellenforscher Dominik Duscher und die Journalistin Nina Ruge in ihrem Bestseller Altern wird heilbar hingewiesen haben.3 Wenn, wie Sinclair und seine Anhänger annehmen, Altern tatsächlich eine Krankheit ist, dann ist sie als Krankheit auch behandelbar. Sinclair wartet an dieser Stelle mit einem Versprechen auf, das alle bisherigen Errungenschaften der Altersforschung in den Schatten stellt. „Wir können“, so Sinclair, „die Symptome des Alterns vollständig beseitigen.“4 Das endgültige Ende des Alterns ist nahe.

 

Verfügbarmachung des Lebens

Dieses anvisierte Ende des Alterns verrät viel über Menschen, die das Altern und die Gegebenheiten der Zeitlichkeit und Endlichkeit nicht mehr hinnehmen. Das Ende des Alterns sagt aber auch etwas aus über die Allmachtsphantasien einer Medizin, die Krankheiten nicht nur heilen, sondern letztlich eliminieren will.

Dem entspricht die Verfügbarmachung des Lebens, das „ewig“ währen soll. Die neuen verheißungsvollen Möglichkeiten der Medizin, die Sinclair aufzeigt, scheinen so das einzulösen, was die christliche Ewigkeitshoffnung bestimmt. Mit der Befreiung von Alterungsprozessen stemmt sich die Medizin der Sterblichkeit des Menschen entgegen. Eine allgewaltige Medizin eignet sich damit nicht nur die Ewigkeitsperspektive des Glaubens an. Sie macht auch das Verwiesensein auf eine höhere personale Wirklichkeit überflüssig. Wer nicht mehr altert und im Hier und Jetzt unendlich lang leben kann, ist auf den Trost der Religion offenkundig nicht mehr angewiesen.

 

Medikalisierung des Alterns

Das Epigenom, bestimmt von „Merkmalen die erblich sind, aber nicht auf genetischem Weg weitergegeben werden“, spielt nach Sinclair bei Alterungsprozessen eine entscheidende Rolle.5 Epigenetische Schäden können jedoch beseitigt werden. Eine „Umprogrammierung“, die, so Sinclair, verhindert, „dass Zellen überhaupt erst ihre Identität verlieren“, ist die „Lösung für das Problem des Alterns“.6

Das Verständnis des Alterns als therapierbare Krankheit und damit als lösbares Problem mag, wie Sinclair einräumt, denjenigen ungewöhnlich erscheinen, für die das Altern einfach zum Leben gehört. Sinclairs Verheißungen dagegen beruhen auf einer Medikalisierung des Alterns, das entsprechend „nichts Erstrebenswertes“ darstellt.7 „Fehlgeleitete, schlecht funktionierende Zellen“ haben nach Sinclair einen „Informationsverlust“ zur Folge, der das Altern befördert und ausschließt, dass wir gesund und glücklich leben können.8 Der zelluläre Informationsverlust führt so in eine trostlose Welt – eine „Welt von Herzkrankheiten, Krebs, Schmerzen, Gebrechlichkeit und sicherem Tod“. Mit anderen Worten: Das Altern „führt uns zum Abgrund“.9

Aber Altern an sich ist keine Krankheit. Es ist per se auch nichts Düsteres, Schreckliches. Altern ist vielmehr etwas Natürliches, je Eigenes für den Menschen, das seine Einmaligkeit begründet. Sinclairs pessimistisches Bild des Alterns ignoriert zudem, dass Schwäche und Verletzlichkeit sowie die Anfälligkeit für Krankheiten und Leiden in jeder Lebensphase des Menschen vorkommen.

Viele Altersbiographien belegen, dass man auch in den letzten Lebensjahren sehr glücklich sein kann. Menschen, die trotz altersbedingter Krankheiten zufrieden sind und sich auf die verbleibenden Jahre freuen, sind in Sinclairs Welt nicht vorgesehen, ist sie doch geprägt von den bedrückenden Erfahrungen des Autors – dem qualvollen Tod der Mutter und dem elendigen Dahinsiechen der Großmutter.

Sinclair sieht nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrungen im Altern primär degenerative Prozesse. Daher gilt es, mit allen Mitteln gegen das Altern zu kämpfen, weil es uns, so Sinclair, ein Leben beschert, das sich nicht „lohnt“.10 Menschliches Leben erhält jedoch seinen Wert nicht von der Frage her, ob es sich lohnt. Der Wert des menschlichen Lebens bemisst sich weder an seinem Nutzen in der Gesellschaft noch an seinem Alter.

 

Die Würde des Alterns

Wer das Altern abwertet, weil es sich nicht lohnt, wertet damit auch den alten Menschen ab. Dazu fügt sich die heute vor allem von Politik und Wirtschaft vorgebrachte Klage über die Überalterung der Gesellschaft. Diese Klage suggeriert, dass alte Menschen nichts mehr zum Wachstum der Wirtschaft und Gesellschaft beitragen und vielmehr zur finanziellen Belastung für Rentensysteme und nachfolgende Generationen werden. Alte Menschen unterliegen nunmehr den gnadenlosen neoliberalen Gesetzen von Lohn und Ertrag, von Leistung und Erfolg. Diese neoliberalen Gesetze greifen dort, wo man wie Sinclair das Altern als einen Prozess versteht, der äußerlich als Verfall abläuft. Der tiefere Sinn des Alterns, den man trotz aller Versehrtheit und Einschränkungen erfahren kann, kommt dabei nicht mehr in den Blick.

Hermann Hesse verbindet das Altern nicht nur mit Verlust. „Das Altwerden“, so Hesse, „ist ja nicht bloß ein Abbauen und Hinwelken, es hat, wie jede Lebensstufe, seine eigenen Werte, seinen eigenen Zauber.“11 Er erschließt sich dem, der das Altern trotz seiner Schattenseiten bejahen kann, weil er sich von Gott als bleibend angenommenes und geliebtes Geschöpf erfährt.

Dieser Gott fragt nicht nach Erfolg und Leistung. Ob krank oder gesund, jung oder alt – jeder Mensch besitzt vor Gott eine einzigartige Würde, die das Leben kostbar macht. Von hier aus verweist der erste Timotheusbrief auf die Ehrwürdigkeit des alten Menschen und fordert jeden Einzelnen zu einem angemessenen Verhalten auf. Alte Menschen sind zu schützen und zu achten. „Einen Älteren fahre nicht an, sondern ermahne ihn wie einen Vater, die älteren Frauen wie Mütter, mit allem Anstand“ (1. Tim. 5,1-2).

Sinclairs Botschaft vom Ende des Alterns verheißt dem Menschen ein aktives, gesundes und glückliches Leben und damit eine Vermeidung der Trostlosigkeit des Alterns. Wenn aber Altern an sich etwas zu Vermeidendes ist, dann kann auch das Leben eines alten Menschen nichts Besonderes sein und wird nicht wertgeschätzt – mit Folgen. Alte Menschen werden isoliert, ausgegrenzt. Sie gehören nicht mehr dazu. Schlimmer noch: Viele begegnen alten Menschen nicht mit Respekt, sondern verspotten sie wegen ihrer körperlichen und geistigen Schwächen. Wenn das Jung- und Gesundsein zum Maß aller Dinge erklärt wird, geht jedes menschliche Maß verloren.

Altern als Krankheit ist für Sinclair eine Kränkung, die wir nicht akzeptieren sollten. Die Verluste, die das Altern mit sich bringt – das Schwinden der eigenen Kräfte und Fähigkeiten und die damit verbundenen Einschränkungen – all das muss jedoch nicht an sich als Kränkung erfahren werden. Es kann auch eine Chance zu einer neuen Einsicht in die Grenzen des menschlichen Lebens sein. Es ist die Einsicht, „dass Verletzlichkeit und Endlichkeit des Lebens nicht etwas sind, das das Ende von etwas anzeigt, sondern woher sein Wesen beginnt“.12 Wer zu dieser Einsicht gelangt und so das Altern zu meistern vermag, ist letztlich gesünder als derjenige, der permanent gegen das Altern ankämpft.

 

Früchte“ des Alterns

In Sinclairs Medikalisierung der Alterungsprozesse dominiert eine negative Anthropologie, die Misere des Altwerdens, der der Mensch ausgesetzt ist. Im Gegensatz dazu betont das biblische Buch der Sprüche: „Der Jünglinge Ehre ist ihre Stärke, und graues Haar ist der Alten Schmuck“ (Spr. 20,29). Die Zier der Alten, das graue Haar, verweist auf die Ehrerbietung, die dem alten Menschen zukommt und die Erfahrung, dass mit dem Altern nicht, wie Sinclair behauptet, alles schlechter und schlimmer werden muss. Vielmehr kann Altern auch bereichernd sein. Man kann im Alter reifen, dazulernen und „fruchtbar sein“ (Ps. 92,15).

Zu den „Früchten“ des Alterns gehört nach biblischem Zeugnis, dass Alte den Jungen zu Vorbildern werden. Alte Männer können „ehrbar“ und „gesund im Glauben, in der Liebe, in der Geduld“ sein. Alte Frauen sind „fähig, Gutes zu lehren“ und vermögen, „junge Frauen zur Besonnenheit anzuhalten“ (Tit. 2,2-4).

Das Lied des Mose betont, dass alte Menschen vor allem in Glaubensfragen eine große Verantwortung haben und über ein besonderes Wissen verfügen. Mose fordert das Volk zum Handeln gemäß Gottes Wort auf und verweist dabei auf die Bedeutung der Alten: „Frage“ sie, sie „werden dir’s sagen“ (5. Mos. 32,7).

Dass das Altern vom Glauben her nicht einfach ein krankhafter Abbau- und Verlustprozess ist, macht das Lukasevangelium an zwei Hochbetagten deutlich: Simeon und Hanna. Der greise Simeon „wartet auf den Trost ­Israels“ (Lk. 2,25). Die Witwe Hanna „dient Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht“ (Lk. 2,37). Sie ist offen für das, was Gott an seinem Volk tun will. Das Hochbetagtsein steht so sinnbildlich für die beharrliche Hoffnung, dass Gottes Verheißungen sich erfüllen werden.

 

Dunkle Seiten des Alterns

Altern ist nach Sinclair die „Mutter aller Krankheiten“, die „Krankheit, an der wir alle leiden“.13 Diese Aussage krankt einmal mehr an Sinclairs verdüsterter Deutung des Alterns. Zutreffend ist, dass Leben und Leiden in jeder Lebensphase zusammengehören. Dieser Zusammenhang schließt auch die unabweisbare Tatsache mit ein, dass gerade die Menschen, die an schweren Alterskrankheiten leiden, diese oft als unerträgliche Belastung erfahren. Altern ist nicht immer schön und „nichts für Feiglinge“.14

Man sollte das Altern also nicht verklären. Den zahlreichen Mutmach-Büchern zum Altern wie Herbert Eichholz’ Oft kommt die Blüte erst im Alter oder Ratgebern wie Reinhard Abelns Du bist im besten Alter, die hervorheben, dass Altern ein Reifungsprozess und eine Vollendung des Lebens darstellt, stehen desillusionierende Zeugnisse von den Nöten alter Menschen gegenüber.15 Sie zeigen, dass viele alte Menschen mit der zunehmenden Gebrechlichkeit und Hinfälligkeit nicht zurechtkommen und unter einem abschiedlichen Leben leiden, in dem es immer einsamer wird. „Wenn alt werden nichts für Feiglinge ist“, so das ernüchternde Fazit der Autorin Susanne Schneider, „bin ich einer. Ein großer.“16

Älter zu werden bedeutet neben den bekannten Beschwernissen vor allem auch, dass man zunehmend hilfsbedürftig wird und sich wegen Demenzerkrankungen nicht mehr selbst vorstehen kann. In Zeiten, in denen man Freiheit und Selbständigkeit hochhält, sieht man sich im Alter der Erfahrung gegenüber, dass man ganz auf andere Menschen angewiesen ist. Diese Hilfsbedürftigkeit ist jedoch nicht, wie Sinclair annimmt, Ausdruck der trostlosen Hilflosigkeit alter Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, etwas zu leisten. Eine mögliche Antwort auf das Angewiesensein auf andere ist eine besondere Gegenleistung: die Dankbarkeit – Dankbarkeit für Zuwendung und Fürsorge. Was im Alter bleibt und trägt, ist so auch die Gewissheit, dass Menschen sich kümmern und dass man nicht wegen seiner Schwäche im Stich gelassen wird. Gerade diese schönen, wertvollen Erfahrungen zeigen, dass das Leben im Alter, so verletzlich es auch ist, sich dennoch lohnt.

Von hier aus eine Verherrlichung des Alterns zu betreiben, ist jedoch angesichts der zum Teil traumatischen Erfahrungen, die viele alte Menschen in der letzten Lebensphase durchstehen müssen, nicht angebracht. Die „Geschichte des Alters ist“, so betont die Historikerin Pat Thane, „eine sehr viel positivere, als uns allzu oft glauben gemacht wird“.17 Sie ist aber auch ambivalenter als angenommen.

 

Keine Glorifizierung des Alters

Folgt man dem biblischen Altersbild, dann wird deutlich: Autorität und Schwäche, Weisheit und Starrsinn, Glaubensstärke und Glaubenszweifel – all das macht den alten Menschen aus, dessen Leben man nicht einseitig glorifizieren sollte. In den biblischen Darstellungen des Alterns werden entsprechend die dunklen Seiten nicht beschönigt. Der in seinem Glauben erschütterte Hiob, der daran zweifelt, ob „Gott dem Menschen vergilt, wie er verdient hat“, fragt: „Warum bleiben die Frevler am Leben, werden alt und nehmen zu an Kraft?“ (Hiob 34,11; 21,7). Der „hochbetagte“ König David, einst mächtig und stark, muss erfahren, dass er „nicht (mehr) warm werden kann“ (1. Kön. 1,1). Als Isaak alt wird, werden seine Augen „zu schwach zum Sehen“, eine Schwäche, die sein Sohn Jakob ausnutzt (1. Mos. 27,1).

Zu diesen dunklen Seiten des Alterns fügt sich die biblische Aussage, dass „die Menge der Jahre“ eines alten Menschen nicht notwendig seine „Weisheit beweist“ (Hiob 32,7). Im Gegenteil, der junge Elihu beharrt darauf, dass „die Alten nicht verstehen, was das Rechte ist“ (Hiob 32,9). Das physische Alter ist keine Garantie für Reife und Einsicht. Ein „Knabe, der arm, aber weise ist“, ist so „besser als ein König, der alt, aber töricht ist“ (Koh. 4,13).

Die Bibel idealisiert weder das Jungsein noch das Altsein. Entscheidend ist das Sein vor Gott. Die Jungen und die Alten sind reich vor Gott, weil er an ihnen „große Dinge tut“ (Ps. 71,19). Wer niedergedrückt ist von „Angst und Not“, von Alter und Schwäche, den „macht Gott sehr groß“ (Ps. 71,20.21). Zur Größe des Menschen gehört am Ende, dass er Gott das Geschenk des Lebens wieder zurückgibt.

 

Albtraum“ Tod

Sinclair kann mit dem Leben, wie es dem Menschen von Gott geschenkt worden ist, nicht viel anfangen und wartet mit etwas vermeintlich Größerem auf – einem Leben „frei von Krankheiten oder Behinderungen“.18 Die Frage nach dem Warum des Leids wird dabei zur Frage, wie man das Leid aus der Welt schaffen kann. Den Leiderfahrungen des alternden Menschen steht nunmehr ein leidbekämpfender medizinischer Fortschrittsglaube gegenüber. Das alterslose und leidfreie Leben ist angestrebtes Ziel eines Machbarkeitsideals, das als Allheilmittel für die (unbefriedigende) Erfahrung gilt, dass das Leben begrenzt ist.

„Menschen“, so Sinclair, erkennen, dass Altern kein „unvermeidlicher Teil des Lebens (ist)“.19 Wir müssen uns nach Sinclair nicht in das Schicksalhafte, Unvermeidliche fügen. Wenn es wirklich zutrifft, dass man das „Epigenom bis in alle Ewigkeit immer wieder zurücksetzen (kann)“, wird auch der „Albtraum“ Tod beendet.20 Die Hoffnung auf ein von der Vergänglichkeit ausgenommenes Leben wird so zur exklusiven, durch die Medizin herstellbaren Wirklichkeit des Menschen, der sich mit seinem Verfallsdatum nicht mehr abfindet.

Dabei ereignet sich ein grundlegender Wandel des einst christlich geprägten Verständnisses von Sterben und Tod. Sterben und Tod sind für Sinclair absolut „niederschmetternd“. Sie sind etwas dem Menschen ganz Äußerliches, Deprimierendes. „Die meisten Menschen“, so Sinclair, „fürchten“, durch den Tod „ihr Menschsein zu verlieren“.21 Der Tod beendet alle Beziehungen und löscht alles, was war, aus. Im christlichen Verständnis des Todes wird dagegen die Beziehung des Menschen zu Gott nicht abgebrochen. Gott löst die Beziehung zu seinem Geschöpf am Ende nicht auf, er liebt es über dessen Tod hinaus.

 

Neubestimmung des Menschenbildes

Dort, wo man nicht mehr akzeptiert, dass unser Leben „Sein zum Tode“ (Martin Heidegger) ist, und man vielmehr wie Sinclair glaubt, dass man den Tod zurückdrängen kann, kommt es auch zu einer Neubestimmung des Menschenbildes. Es bricht, so Sinclair, eine Zeit an, „in der wir neu definieren werden, was es bedeutet, ein Mensch zu sein“.22 Der Mensch sagt sich von seiner Zeitlichkeit los. Ihm arbeitet eine revolutionäre Medizin zu, die sich in Richtung göttlicher Schöpfung entwickelt – hin zur Unabhängigkeit von den Grenzen eines vergänglichen Lebens.

Die christliche Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod wird ersetzt durch ein medizinisches Heilsversprechen – ein Leben ohne den Tod. Wenn die Medizin Altern als Todesursache eliminieren kann, rückt diese Befreiung des Menschen von seiner Sterblichkeit in greifbare Nähe. Damit wird jetzt in der Welt das möglich, was man im Glauben von einem Jenseits erhofft, in dem der Mensch mit Christus „vollendet“ wird (Hebr. 10,14).

Sinclair spricht nicht von Vollendung, sondern von der Perfektionierung eines Lebens, das nicht länger den Gesetzen des Alterns und des Verfalls unterliegt. An die Stelle der christlichen Eschatologie tritt dabei eine Pseudo-Eschatologie, in der eine neue Welt ohne Leid und Tod nicht von Gott heraufgeführt wird, sondern von einer menschengemachten Medizin, die die unbegrenzte Verlängerung eines gesunden, erfolgreichen Lebens verheißt. Diese Pseudo-Eschatologie setzt auf die Autonomie des Menschen und suggeriert, dass die Welt auch ohne Gott funktioniert.

Wenn der Himmel wegfällt, erhält eine Zukunft, in der der Mensch nicht mehr altert, eine Entlastungsfunktion, die die angstbesetzte Erfahrung der Vergänglichkeit bändigt. Die Heilung vom Altern stillt die tiefe Sehnsucht des Menschen, ein Leben hinter sich zu lassen, das von Krankheit und Endlichkeit gezeichnet ist. Diese Sehnsucht, einst exklusiver Zuständigkeitsbereich der christlichen Religion, wird zur Angelegenheit der Medizin, von der man letztgültige Antworten erwartet.

Die Errungenschaften dieser Medizin implizieren etwas, was vormals gottzugehörig war: ein allmächtiges Handeln, das nunmehr dem Menschen zukommt. Damit „beginnt“, so Sinclair, „nicht nur eine Revolution, sondern auch eine Evolution“.23 Sie eröffnet uns die Möglichkeit, etwas zu erreichen, was über unser Dasein hinausweist. Wenn wir die „entsetzlichen“ letzten Jahre unseres Lebens einfach ausschalten können, dann, so mutmaßt Sinclair, können wir „nicht nur uns selbst, sondern auch die Welt retten“.24

 

Globales Samaritertum“

Das Ende des Alterns ist dabei Voraussetzung für ein biblisch geprägtes Zukunftsszenario. Unsere Zukunft ist nach Sinclair die eines „globalen Samaritertums“. Wir werden zu besseren Menschen und können auch unsere Welt auf eine Weise besser machen, dass alle „größeres Glück und größeren Wohlstand“ erlangen.25 Diese Weltverbesserungsideologie kommt im Gewand einer pragmatischen, nutzenorientierten Religion daher, die nicht ein Leben nach dem Tod zum Inhalt hat, sondern himmlische Zustände auf Erden.

Aber himmlische Zustände auf Erden können vom Menschen nicht selbst hergestellt werden. Sinclairs globales Samaritertum verkennt, was den Menschen ausmacht. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist letztlich Jesus Christus „uns der Nächste“, den unser „dunkler Abgrund nicht schreckt“.26 Sinclairs Weltverbesserungsideologie konfrontiert diesen Abgrund nicht. Er stellt einen Menschen in den Mittelpunkt, der ohne Gott lebt und sich nicht als erlösungsbedürftig erfährt.

Den „perfekten“, alterslosen Menschen gibt es nicht. Gerade das Dunkle, Unerlöste im Menschen verhindert, dass das von Sinclair gepriesene globale Samaritertum Wirklichkeit werden kann. Nach dem Zeugnis der Bibel kommen wir durch die Liebe Gottes zur Liebe des Nächsten – sei er jung oder alt. Ein Volk aber, das sich von Gott losgesagt hat, „ehrt“ vor allem alte Menschen nicht und „übt an ihnen keine Barmherzigkeit“ (Klg. 5,12; 4,16).

Ausgangspunkt für das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist eine theologische Diskussion, in der es um das ewige Leben geht. Ein Gesetzeslehrer „versucht“ Jesus mit den Worten: „Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ (Lk. 10,25). Jesus stellt dem Gesetzeslehrer das Beispiel des Samariters vor Augen, der sein Tun nicht an Verdiensten für das ewige Leben ausrichtet, sondern fragt, wie er anderen zum Nächsten werden kann. Diese Frage wird im Gleichnis mit dem biblischen Doppelgebot der Gottesliebe und der Nächstenliebe verbunden. Wir sind verwiesen auf einen Gott, der sich uns zum Nächsten macht und uns so dazu befähigt, Nächste werden zu können.

Nächstenliebe wird von der Gnade Gottes getragen, der uns zur Erlösung und zum ewigen Leben bestimmt hat. Dieses ewige Leben ist kein unendlicher Zeitraum, der sich aus einer fortwährenden Alterslosigkeit ergibt. Ewiges Leben bedeutet vielmehr, dass wir am Gnadengeschenk Gottes unbegrenzt teilhaben. „Wer mein Wort hört“, so der johanneische Christus, „und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben“ (Joh. 5,24).

 

Anmerkungen

1 Boris Palmer, Über Corona-Patienten, 28.4.2020, zit. in: Thomas Holl, Der einsame Corona-Tod, in: FAZ 8.2.2021, 1.

2 Vgl. David A. Sinclair, Das Ende des Alterns. Die revolutionäre Medizin von morgen. Unter Mitarbeit von Matthew D. LaPlante. 4. Aufl. Köln 2020, 19, 22.

3  Nina Ruge/Dominik Duscher, Altern wird heilbar. Jung bleiben mit der Kraft der drei Zellkompetenzen. 4. Aufl. München 2020.

4  Sinclair, Das Ende des Alterns, 131.

5  Ebd., 51.

6 Ebd., 223.

7  Ebd., 24.

8  Ebd., 101.

9 Ebd., 101, 111.

10  Ebd., 18.

11  Hermann Hesse, Mit der Reife wird man immer jünger. Betrachtungen und Gedichte über das Alter. Frankfurt/M. 1990, 54.

12 Thomas Rentsch, Vorwort, in: Thomas Rentsch/Morris Vollmann (Hg.), Gutes Leben im Alter. Die philosophischen Grundlagen. Stuttgart 2017, 8-9.

13 Sinclair, Das Ende des Alterns, 357.

14 Joachim Fuchsberger, Altwerden ist nichts für Feiglinge. 21. Aufl. Gütersloh 2013, 150.

15 Herbert Eichholz, Oft kommt die Blüte erst im Alter. Bietigheim 2000; Reinhard Abeln, Du bist im besten Alter. Leipzig 2019.

16 Susanne Schneider, Erkenntnisse zur Altersdiskriminierung, in: Frank Hofmann (Hg.), Alles in allem. Für eine erfüllte zweite Lebenshälfte. Hamburg 2019, 106.

17 Pat Thane, Der alte Mensch im Wandel der Zeit, in: Dies. (Hg.), Das Alter. Eine Kulturgeschichte. Berlin 2019, 28.

18 Sinclair, Das Ende des Alterns, 23.

19 Ebd., 356.

20 Ebd., 295, 15.

21 Ebd., 17, 373.

22 Ebd., 26.

23 Ebd.

24  Ebd., 18.

25 Ebd., 352, 405.

26 Helmut Thielicke, Die Gleichnisse Jesu – das Bilderbuch Gottes. Gütersloh 2008, 240, 241.

 

Über die Autorin / den Autor:

Dr. phil. Elisabeth Hurth, Jahrgang 1961, Medienwissenschaftlerin, Publizistin und Dozentin in Wiesbaden.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2021

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.