Nach dem Lockdown erwacht das Gemeindeleben in Präsenz wieder neu. Doch wird es sein wie früher? Wer bringt welche Geschichte mit und welche Bedürfnisse erwachsen daraus? Die eine ist zuhause vereinsamt, der andere muss nach Homeoffice und Homeschooling endlich mal für sich sein. In dem einen Kreis fehlen liebe Menschen, im nächsten beherrscht die Sehnsucht nach Leben das Geschehen. Joachim Zwingelberg fasst Recherchen über Kirchenleitungsfragen in einer Geschichte zusammen.

 

The Lost Place

Darf ich vorstellen: die Stadt Ecclesia mit freien Menschen, die zusammengerufen sind, sichtbar auf einem Berg zu siedeln (Mt. 5,14). Aber dann kam das vorübergehende Aus. Gottesdienste mit Einschränkungen waren erlaubt. Digitale Kontakte waren erlaubt. Es gab mehr zu tun als zu normalen Zeiten. Kreativität war mehr gefragt denn je. Trotzdem liegt die Stadt ein bisschen verfallen und verlassen vor uns.

Und hier soll ab morgen wieder „Gold“ geschürft werden? Hier sollen wieder Gemeinschaft, Leben und Arbeit stattfinden? Einer der Bürgermeister sagte mir: „Wir werden Klinken putzen müssen“, um die Stadt wiederzubeleben. Eine andere Bürgermeisterin erzählte, dass der Stadtrat während der Pandemie gewählt wurde und sich das Parlament bisher nur digital getroffen habe. Überhaupt sind die Strukturen für diese Situation eigentlich gar nicht gemacht. Und doch geht die Stadt zurück ans Netz.

 

Ehrenamt und Pfarramt im Leitungsgremium

Bei einer Umfrage unter den Bewohnern, wer für den Wiederbelebungsprozess der Stadt verantwortlich sei, sind die Antworten vielfältig: „Letztendlich der Bürgermeister oder die Bürgermeisterin.“ „Na, am Ende muss jeder seinen Teil dazu beitragen.“ „Da muss sich der Stadtrat schleunigst etwas überlegen.“

Befragt man die Stadträte, kommt ein klares bis verhaltenes: „Wir“. Auch hier hört man zuweilen: „Letztendlich die Bürgermeister*innen“, und ab und zu hört man: „Bürgermeister*innen kommen und gehen, aber die Stadt muss trotzdem laufen. Und fragt man zuletzt in den „Regierungszimmern“ nach, ob der Stadtrat Arbeit schafft oder welche abnimmt, so beginnen die Antworten darauf oft mit einem vorsichtigen „Im Optimalfall …“.

 

Der (unrealistische) Traum von der Utopie

Apropos Optimalfall: Liegt dieser nicht völlig unterschiedlich in der Betrachtung des Träumenden und dessen Position?

„Wenn doch nur alles schnell wieder so wäre wie früher.“

„Hoffentlich ändert sich jetzt mal grundlegend etwas.“

„Ich will meinen Beitrag leisten.“

„Wir haben doch Leute gewählt, die für uns die Arbeit machen.“

„Ich bin gewählt, um mich damit auseinanderzusetzen.“

„Wir haben Hauptamtliche, die haben die Zeit, das umzusetzen, was wir brauchen.“

„Ich möchte den Menschen dieser Stadt in meiner Funktion dienen.“

„Die Menschen dieser Stadt sollen das machen, was ich mit meiner Erfahrung schon weiß.“

„Ich kann hier nicht alles alleine machen. Das ist gar nicht meine Aufgabe.“

Scheitert hier die Utopie einer gesunden, wiederbelebten Stadt, die weithin sichtbar auf dem Berg leuchtet? Auf den ersten Blick: Ja. Diese Aussagen widersprechen sich einfach zu stark. Es ist eine Demokratie. – Das bedeutet Kompromisse, und Kompromisse sind niemals eine Utopie.

Aber was ist mit dem zweiten Blick? Sind nicht all diese Aussagen richtig und haben ihre Berechtigung? Ist es nicht schon eine herrliche Utopie, wenn jede*r die Bedürfnisse der bzw. des anderen wahrnimmt und stehen lässt? Ist es nicht wert, diesen Traum zum Leben zu erwecken? In welchem Zustand wäre dann wohl unsere Stadt in Zukunft?

 

Inception“: Der gemeinsame Traum vom Ursprung

Seit dem Film „Inception“ aus dem Jahr 2010 hat das Träumen eine weitere Dimension bekommen. Vereinfacht gesagt geht es in dem Film um die Beeinflussung des Bewusstseins durch gemeinsames Träumen. Oder: Was passiert in der Wirklichkeit, wenn alle gemeinsam einen Traum entwickeln?

Die Szenerie ist unsere verlassene Goldgräberstadt. Gold, das verborgen in Minen und Flüssen liegt, ist also der Ursprung der Stadt. Der Traum, dieses Gold für sich und die Menschen zu schürfen, sind die Triebfeder und der Motor der Gemeinschaft. Aber der eine kommt mit einer Goldgräberpfanne, die andere mit einer Spitzhacke. Einer kommt mit Geld und bezahlt Arbeiter, die nächste kommt mit leeren Taschen, um ihr Glück zu machen. Und nun wird es spannend, denn einer bringt eine Schere mit und alle fragen sich: „Wie um alles in der Welt soll dieses Werkzeug helfen?“ Dann aber wird der Friseursalon eröffnet und die Stadt wird lebenswerter. Würde niemand kommen und einen Supermarkt eröffnen, hätte bald kein Arbeiter mehr Interesse daran, Gold zu schürfen. Würde es keine Schule geben, wäre die Stadt für Familien äußerst unattraktiv.

So ist die Stadt ganz natürlich gewachsen. All diese Gebäude und Geschichten waren und sind wertvoll für die Stadt – alles ist eingespielt. Richtig: Mit Träumen hat das nichts zu tun. Aber ist das nicht genauso schön wie schade? Wäre es nicht an der Zeit, da mal genauer hinzusehen? Wer wohnt eigentlich heute in der Stadt? Was ist dieses „Gold“ eigentlich? Gibt es noch genügend Friseur*innen? Fehlt uns vielleicht ein neues Umspannwerk, um den Stromverbrauch für die vielen digitalen Möglichkeiten zu sichern? Haben wir eine funktionierende Müllabfuhr? Brauchen wir neue Wege und Straßenbeleuchtungen? Kommen die Menschen wirklich zurück und wenn ja: Welche Gebäude müssen instand gesetzt werden und von wem?

All diese Fragen und viele mehr stehen auf der Tagesordnung eines Stadtrates.

 

Die Verantwortung und Nöte der Leitungsgremien

Die Bürgermeisterin eröffnet die Stadtratsitzung:

„Herzlich willkommen zu unserer ersten Präsenzsitzung nach der Pandemie. Alle sind froh, dass es wieder losgeht. Aber es gibt eine Menge Herausforderungen. Einige wichtige Gebäude der Stadt sind einsturzgefährdet und wir müssen überlegen, ob sich der Erhalt rentiert. Andere müssen ausgebaut werden. Vieles wird in einer eigenen Dynamik funktionieren, sobald die Bewohner zurück sind. Einige von ihnen werden wir neu werben müssen, um die Abläufe und Wohlfühlatmosphäre der Stadt zu sichern.

Unsere Aufgabe ist es, alles im Blick zu haben und die Neubesiedelung zu begleiten, Strategien zu entwickeln und die Grundlagen und reibungsfreie Infrastruktur zu gewährleisten.“

Wortmeldung:

„Wir hatten ja bis jetzt ein Organigramm, das festlegt, wer hier wofür zuständig ist und wir haben Ausschüsse. Es kann also eigentlich alles so bleiben wie es war. Die drei neuen Stadträte können sich ja überlegen, wer welchen der freigewordenen Posten im Organigramm übernimmt. Ich denke, wir sollten zusehen, dass wir schnell die wichtigen Abstimmungen und Beschlüsse hinter uns bringen, damit sich jeder um seinen Teil kümmern kann …“

Fail.

Wortmeldung:

„Ich muss leider bekanntgeben, dass aufgrund der veränderten Situation in meinem privaten Umfeld es mir nicht mehr möglich sein wird, den bisherigen Einsatz weiter zu erbringen. Ehrlich gesagt weiß ich gerade nicht, wo mir der Kopf steht. Ich würde gerne in einigen Bereichen etwas kürzer treten.“

Fail.

Wortmeldung:

„Ehrlich gesagt sind das alles Aufgaben, die unsere Bürgermeisterin zu verantworten hat. Immerhin ist die ausgebildet und hat die Zeit dafür. Meine Aufgabe ist doch eher eine Kontrollfunktion. Immerhin habe ich auch noch einen Job zu erledigen.“

Fail.

Wortmeldung:

„Jetzt ist es endlich an der Zeit, einmal alles auf den Prüfstand zu stellen und alles anders zu machen. Die Goldmine ist fast erschöpft. Vielleicht können wir ein Badeparadies eröffnen und das Holz aus dem Stadtwald verkaufen.“

Fail.

Wortmeldung:

„Ja, alles neu denken ist gut. Aber an der Mine darf nicht gerüttelt werden, sie ist immerhin der Ursprung und das Ziel unserer schönen Stadt. Aber wir brauchen zeitgemäße Werkzeuge. Ich denke, unsere Bürgermeisterin sollte Zusatzausbildungen zum Führen schwerer Maschinen machen, damit wir diese auch bedienen können.“

Fail.

Weitere Wortmeldungen stehen im Raum und es sieht nicht so aus, als würden in der nächsten Stunde irgendwelche Beschlüsse gefasst werden. Der Bürgermeisterin läuft derweilen eine Schweißperle, die an der Stirn gestartet ist, bereits den Hals hinunter. Dann ergreift sie das Wort:

„Anhand der Anzahl der Themen und Wortmeldungen merkt man sofort die Notwendigkeiten, die Bereitschaft und die Bedürfnisse, aber auch die Nöte, die wir in unserer Stadt und somit auch in unserem Parlament haben. Wir müssen davon ausgehen, dass unser Stadtrat repräsentativ für die gesamte Stadt steht. Wenn wir es schaffen, dieses hohe Haus zu einen, dann sollte uns das bei der viel größeren Aufgabe doch viel leichter fallen. Mein Vorschlag wäre es, dass wir zunächst die Fakten und Emotionen hier sortieren, dann Aufgaben und Ressourcen ermitteln und priorisieren und schlussendlich die tatsächlichen Möglichkeiten ermitteln. Gut eingesetztes Expertenwissen, Vertrauen und gute Kommunikation sollten die Grundlagen unserer Zusammenarbeit sein.“

Nachdenkliches Schweigen macht sich breit.

 

Die Aufgabe einer Führungskraft

Einer der älteren Stadträte bricht das Schweigen schließlich: „Vielen Dank, Frau Bürgermeisterin, für diese klaren Worte. Ich bewundere Sie dafür, dass Sie nicht versuchen, alles an sich zu ziehen, sondern hier die Rolle der Möglichmacherin einnehmen. Tatsächlich glaube ich, dass sie recht haben, wenn wir es schaffen, für unsere Stadt einen Rahmen zu schaffen, nach dem Vorbild, das Sie uns gerade vorgestellt haben. Dann kann unsere Stadt in neuem Licht erstrahlen. Aber es wird eine Teamaufgabe. Wir alle sollten zur bestmöglichen Version unserer Selbst werden und unsere Talente und Fähigkeiten im Rahmen der vorhandenen Kraftreserven entfalten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.“

 

Die Möglichkeiten der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen

Die neu gewählte junge Stadträtin hält es fast nicht mehr aus und fällt ihrem älteren Kollegen ins Wort: „Wenn uns am Ende klar ist, was wir brauchen und ­können und wo wir hin wollen, dann kann auch jeder im Prinzip einfach loslaufen. Niemand muss auf alle anderen warten und wir können noch andere Bewohner motivieren, uns bei der Restauration zu helfen. Da muss nur klar sein, dass niemand das Tempo des anderen gehen muss. Jeder arbeitet in seinem Tempo am Erreichen des Ziels. Jeder weiß, was das Ziel ist und wie schnell wer laufen kann.“

Dann geht’s los. Jetzt steigen auch andere Stadträte in die Überlegungen mit ein: „Wir sollten es ausprobieren. Wenn wir uns hier völlig vertrauen, dann kann das funktionieren. Aber dann müssen wir uns auch wirklich kennenlernen. Jeder hat ja noch unterschiedlichste Rollen außerhalb vom Stadtrat.“ – Sie überlegt einige Sekunden – „Die dürfen ja nicht hinten runterfallen. Wenn das gewährleistet ist und sich das auch mal verschieben darf, dann können wir viel flexibler agieren.“

 

Die Führungskraft als Backup

Wieder ergreift die Bürgermeisterin das Wort: „Das klingt so, als hätte unsere Stadt eine blühende Zukunft vor sich, wenn wir das schaffen. Ich selbst würde mir gerne so viele Freiräume schaffen, dass ich im Notfall überall als Joker einspringen kann, um euch den ­Rücken freizuhalten.“

Und weiter sagt sie: „Ich habe neulich etwas über Comebacks gelesen. Zunächst ist da die große Euphorie. Es geht wieder los. Das ist so gut. Und dann kommt die Nostalgie. Früher war es so toll. Weißt du noch … Aber ehe man sich versieht, stellt man fest, dass die Zeiten sich verändert haben und es gibt eine gewisse Ernüchterung, dass die Strukturen nicht mehr zu den Bedürfnissen passen. Erst dann kommt die Neugierde, sich auf etwas ganz Neues einzulassen und das Alte hinter sich zu lassen. Wir müssen davon ausgehen, dass wir und auch alle anderen Bewohner der Stadt gerade in Phase eins oder zwei stecken. Nach der langen Zeit, in der die Stadt geschlossen war, sehnt sich doch jeder nach Normalität. Das fühlen wir doch selbst. Aber wir als Stadtrat müssen auch einplanen, dass sich Erfahrungen, Erkenntnisse und Gefühle aus über einem Jahr Ausnahmezustand nicht rückgängig machen lassen.“

 

Weiter statt Comeback

Einer der Stadträte, der bisher geschwiegen hatte, fängt an, laut zu überlegen: „Wenn die Ernüchterung am Horizont lauert, dann müssen wir darauf vorbereitet sein und die Kraft der Euphorie nutzen, um die Neugierde zu beflügeln. Vielleicht wäre es wirklich sinnvoll, einmal alles aufzuschreiben, was Einfluss auf das Gelingen des Projektes und unsere Zusammenarbeit hat. Wünsche, Expertisen, Potenziale und Möglichkeiten, aber auch die Schwachstellen ehrlich beleuchten, damit wir dort nicht stolpern. Es gibt kein Zurück, aber wir haben die perfekten Voraussetzungen für ein ‚Weiter‘. Nicht ein ‚Weiter so‘, sondern viel weiter.“

 

Das Ziel vor Augen

„Okay, dann lasst uns das Pferd doch mal von hinten aufzäumen. Die Frage ist also nicht, was als Nächstes gemacht werden muss, sondern erstmal, wo das Ganze hinführen soll. Das offensichtlichste Ziel ist natürlich das Betreiben der Goldmine. Aber das alleine wäre wohl etwas zu einfach gedacht.“

„Richtig, die Infrastruktur muss stimmen. Wir brauchen Werkzeuge, Lager, Transportwege.“

„Und wir brauchen die Arbeiter. Damit die kommen, muss auch die Infrastruktur für das allgemeine Wohlfühlen stimmen. Wohnungen, Sicherheit, Verkehrswege, Stromversorgung, Kindergärten, Schule etc.“

„Ja, aber darüber hinaus brauchen wir zum Wohlfühlen auch das Vergnügen. Wenn es keinen Spaß in unserer Stadt gibt, dann will auch niemand Gold schürfen.“

„Also Gold, Infrastruktur und Wohlfühlen. Das sind unsere Ziele.“

 

Neugierige Bestandsaufnahme

„Welche Gebäude haben wir? Gibt es Menschen, die dort in Zukunft arbeiten werden? Und inwiefern helfen uns die Gebäude, eines oder mehrere unserer Ziele zu erreichen?“

„Wir sollten uns auch fragen, ob vielleicht etwas fehlt oder ein Bereich überdurchschnittlich versorgt wird. Wir wissen ja, dass nach der Nostalgie die Ernüchterung kommt. Deshalb lasst uns jetzt schon mal neugierig auf das Danach sein.“

„Lasst uns das aber erstmal wirklich nur neugierig anschauen und nicht zu viel diskutieren, sonst sitzen wir im nächsten Lockdown noch an der Liste.“

Gesagt, getan. Die nächste halbe Stunde verbringt der Stadtrat damit, jeden Stein der Stadt einmal von allen Seiten zu betrachten.

 

Inventur der Ressourcen oder das Kabinett der Möglichkeiten

Erfreute strahlende Gesichter blicken einander an. Gemeinsames träumen ist berauschend. Energie wird freigesetzt. Kreativität sprudelt. Dennoch kann man die eine oder andere Sorgenfalte erblicken: Wenn ich da jetzt zu viel sage, dann kann das an mir hängen bleiben. Der Zeitpunkt ist gekommen, die Aufgaben zu verteilen. Aber niemand will jetzt den Traum zerstören.

Könnte man Gedanken lesen, was würde man da zu hören bekommen? Vielleicht sowas: „Ich würde gerne nur den Ministerposten für die Quartierwache übernehmen. Aber das würde ich dann auch richtig machen.“ „Ich will einfach der Minenminister sein. Einkaufszentren interessieren mich nicht.“

„Eigentlich traue ich mir keines der Ministerämter zu … Ich will doch nur helfen und mitdenken.“

Und dann spricht einer seine Gedanken aus: „Ich würde mir wünschen, dass die Frau Müller die Bildungsministerin wird.“ Er blickt sie direkt an: „In meinen Augen sind Sie ein Segen für dieses Team. Ihnen liegt so viel daran, dass junge Menschen vorankommen. Sie haben einen Blick für Lehrkräfte und sie können um Hilfe bitten. Dieser sensible Bereich wäre bei Ihnen so gut aufgehoben, dass ich mich in aller Freiheit um andere Bereiche kümmern könnte.“

Frau Müller errötet leicht, als sie zu den lieben Worten das Nicken der anderen Stadträte sieht. „Ich werde über Ihre Worte nachdenken“, sagt sie gerührt, und weiter: „Danke“.

Für einen kurzen Moment genießen alle diesen schönen Moment. Dann werden weitere wohlwollende und nette Worte miteinander ausgetauscht. Potenziale werden einander zugeschrieben. Die Expertisen, die jeder einzelne mitbringt, werden wertschätzend mit den Aufgaben verglichen. Wo es mehr Expertise als Aufgaben gibt, werden die entstehenden Möglichkeiten ausgelotet. Wo es mehr Aufgaben als entsprechende Experten gibt, macht sich jeder eine Notiz. „Wir brauchen Hilfe, Fortbildung oder einfach Gelassenheit für einen blinden Fleck.“ Dann sagt der alte Stadtrat, der seit seinem ersten Statement ganz zu Beginn der Sitzung mit offenem Erstaunen den neuen Geist des Parlamentes bewundert hat: „Wie schön, wenn man weiß, wo seine blinden Flecken sind, und wie schön, wenn man weiß, dass man an anderen Stellen abgeschöpftes Potenzial hat.“

Aus der Runde hört man ein einstimmiges Amen.

 

Was im Kleinen funktioniert, das funktioniert auch im Großen

Die Zeit ist vorangeschritten. Keines der Häuser wurde an diesem Abend restauriert oder abgerissen. Dennoch haben alle das Gefühl, den wichtigsten Teil bereits geschafft zu haben. Wenn es möglich ist, in diesem Kreis so offen zu sein, was soll dann noch Unlösbares kommen? Das fühlt sich nun wirklich nicht einfach nur nach einem Comeback an. Es ist ein bisschen, als würde jetzt schon feststehen, dass die Stadt nicht einfach in altem Glanz erstrahlt, sondern bei der Gelegenheit die alten Lampen durch helle, warmweiße LEDs ersetzt werden. Jeder weiß, dass die andere das in ihrem Bereich so machen wird, und jede weiß, dass der andere in seinen Möglichkeiten, hoch motiviert, alles geben wird. Die Neugierde hat so ein enormes Ansteckungspotenzial, dass Klinken putzen vermutlich nicht nötig sein wird.

 

Erwachen und die neue Morgenroutine

Als die Bürgermeisterin ihren Stadträt*innen gedankenverloren hinterherschaut, realisiert sie auf einmal, dass sie gar nicht im Besprechungszimmer sitzt. Sie schaut sich um. Es ist ihr Büro. Auf dem Schreibtisch steht der Laptop mit einem geöffneten Dokument. Die Überschrift ist schon geschrieben:

„Sitzungseinladung“

Sie legt, noch völlig in ihrem Traum versunken, die ­Finger auf die Tastatur.

„Tagesordnungspunkt I:“

Dann schreibt sie ihre neuen Gedanken auf …


 

Über die Autorin / den Autor:

Joachim Zwingelberg, Teamcoach und Erzähler, früher Betriebsleiter des Kirschkamperhof in Krefeld, Konzeption und Entwicklung der dortigen Konfirmandencamps und Teamleitung aus Pfarrer*innen und Ehrenamtlichen, Storytelling-Experte und systemischer Coach, Befragung von Pfarrer*innen und Unternehmer*innen für ein Teamcoaching-Konzept für die Zeit nach Corona und Sammlung von deren Geschichten, woraus ein Programm für Teams und Führungskräfte entstand: www.storycollecting.de.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2021

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