Marie Veit (1921-2004) stammte aus einem Professorenhaushalt, in dem die Kirche Teil einer ebenso selbstverständlichen wie patriarchalen Bürgerlichkeit ist. Sie wurde eine Theologin, die sich dem „Abenteuer bürgerlichen Bewusstseins“ stellte, Sozialistin wurde und evangelische Theologin blieb. Gottfried Orth würdigt sie zum 100. Geburtstag.

Es kommt nicht darauf an, auf welcher Seite der Barrikade ein Mensch geboren und erzogen wurde, sondern auf welche er als Handelnder übergeht.“1

 

I  „Die Rolle war heilig, das eigene Wollen aber unbezwinglich“

Mit drei jüngeren Geschwistern wächst Marie Veit in Köln auf; sie sieht sich selbst als „ein christliches deutsches Mädchen“ und formuliert in einem Glaubensbekenntnis, dass sie als „Mädchen zum Dienen und Dulden geschaffen“ ist. Später stellt sie fest, dass die deutschnationalen Ideale des Elternhauses, „auch in Bezug auf Frau und Mann ganz gut zu den Nazis passten“.2 Dass die Familie zur evangelischen Kirche gehört und den Gottesdienst besucht, ist Teil bürgerlicher Normalität und unhinterfragt.

Kindheit und Jugend erlebt sie als „sehr schwer; sehr angst- und schuldbesetzt war es, sich zwischen der zugemuteten Rolle und dem eigenen inneren Wollen zurechtzufinden. Die Rolle war heilig, das eigene Wollen aber unbezwinglich. War das vielleicht die Macht der Sünde, von der man in der Kirche hörte? Aber es war doch nichts Schlechtes, was ich wollte? In diesen Zwiespalt hatten mich Familie und Kirche gemeinsam gebracht. Aber die Kirche tat noch etwas anderes für mich und das werde ich ihr bis an mein Lebensende danken. Sie gab mir nämlich das Neue Testament in die Hand. … In ihm entdeckte ich so viel Verheißungen, so viel nach vorn weisende Worte, dass ich, unklar noch und mehr gefühlsmäßig, Mut zum eigenen Leben zu fassen begann. … Die Zukunft hält noch etwas für mich bereit. … Ich glaube bis heute, dass mich dieser Zukunftstrost davor bewahrt hat, seelisch krank zu werden. Er machte mich übrigens so mutig, dieser Trost, dass meine Mutter mir die Bibel zeitweise wegschloss: das Kind wurde zu selbstsicher.“3

Aus der Selbstverständlichkeit bürgerlicher Kirchenzugehörigkeit erwächst die Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche, in der die Familie – der Vater ist ein sog. „Vierteljude“ und wird 1937 aus dem Universitätsdienst entlassen – Gemeinschaft erlebt. Im Sommer 1939 besucht sie Bethel: Sie erlebt ein körperlich und geistig schwerstbehindertes Mädchen und beschreibt diese Erfahrung in einem Text, der mit den Worten schließt: „Ich bin davongegangen in dem Gefühl, etwas Kostbares geschenkt bekommen zu haben – und dass ich lange brauchen würde, um es ganz zu erfassen: Der Wert eines Menschen liegt nicht in dem, was er leisten kann. Das Geheimnis unseres Daseins ist unser Angewiesensein auf Liebe und unser Lieben-Können. Die kranken Kinder waren nicht zu täuschen. Mitten in der Zeit des ‚lebensunwerten Lebens‘ lehrten sie und ihre Schwester mich, was Menschsein heißt.“4

Die Bedeutung von Bibel und Kirche und das Wissen um den Wert eines Menschen, der nicht in seiner Leistung begründet ist, sondern darin, dass er Liebe empfangen und schenken kann, sind für Marie Veit ihr Leben prägende Erinnerungen und (!) Perspektiven.

 

II  Die Frage nach der Wahrheit

Marie Veit studiert Theologie bei Rudolf Bultmann in Marburg, bei Gerhard von Rad und Hanna Jursch in Jena, die ihre besondere Liebe zu diesem theologischen Fach weckt; von Rad hat ihr Jursch, die erste in Deutschland habilitierte Theologin, mit den Worten „da können Sie was lernen“ sehr empfohlen.

Einer für ihre kirchliche, religionspädagogische und theologische Arbeit zentralen Fragestellung begegnet sie während ihres Studiums: Auf der einen Seite hat ihr die wissenschaftliche Arbeit an biblischen Texten diese neu erschlossen – gerade auch in ihrer Adressaten-, Situations- und Zeitgebundenheit. Für Marie Veit eine Befreiung. Auf der anderen Seite erlebt sie in unterschiedlichen Situationen die tiefe Frömmigkeit von Menschen und deren sie stärkende und ihr Leben tragende Bibellese. Unmöglich erscheint ihr, eine der beiden Seiten aufzugeben oder für unbedeutender zu halten als die andere, haben sie doch beide ihre eigene Wahrheit. Doch wie sie aufeinander beziehen? Es werden die Schülerinnen und Schüler und „die Praxis des eigenen Unterrichtens“ sein, mit denen und in der Marie Veit, „schrittweise eine Lösung für sich findet“5.

Nach den beiden theologischen Examina 1944 und 1946 als Volltheologin mit mancherlei Hindernissen und ebenfalls 1946 ihrer Promotion im Fach „Neues Testament“ bei Rudolf Bultmann unterrichtet Marie Veit von 1947 bis 1972 an einem Mädchengymnasium, dem späteren Hildegard-von-Bingen-Gymnasium in Köln.

Sie ist begeisterte Religionslehrerin: Es geht um die Frage nach der Wahrheit, die immer wieder zu hinterfragen und zu prüfen ist, um das, was im Leben trägt und zählt. Dafür richtet sie „Fragestunden“ ein: die Schülerinnen schreiben ihre Fragen auf Zettel und diese waren sodann Thema der Stunden. Dorothee Sölle, mit der Marie Veit eine lebenslange Freundschaft verbindet, erinnert sich: „Ich hatte eine Religionslehrerin, die einen phantastischen, begeisternden Religionsunterricht gab: Marie Veit. In meinem Tagebuch aus jenen Jahren steht der mich heute erheiternde Satz: ‚Die neue Religionslehrerin ist umwerfend gut, leider Christ!‘ Das zeigt meine achtzehnjährige Arroganz, meine Vorstellung, Christen seien eben dumm, zurückgeblieben, feige und unklar. Bis ich mir zugab, dass das, was mich da faszinierte, viel stärker war als meine Weisheit, dauerte es noch einige Zeit. Auf dem Weg nach Athen merkte ich plötzlich, dass ich eigentlich nach Jerusalem wollte. Von Anfang an. … Heute denke ich, sie hat meinen Zorn respektiert und meine Arroganz belächelt, sie hat unsere Intelligenz herausgefordert, weil sie Menschen einfach zutraute, dass sie der Erkenntnis und des Gewissens fähig sind.“6

Es sind viele von Veits Schülerinnen, die sich nach ihrer Schulzeit gut an ihre Religionslehrerin in Köln-Klettenberg erinnerten, wo diese neben dem Religionsunterricht jeden zweiten Donnerstag Schulgottesdienst im Tersteegenhaus der Evang. Kirchengemeinde Klettenberg gehalten hat: „Sie war ein Schwarm von uns jungen Mädchen, sie war sanft, konnte gut zuhören und bot uns sogar an, persönliche Probleme bei ihr zu Hause zu besprechen. Das war in der damaligen Zeit etwas ganz Besonderes.“7

 

III  Von der Schülerin Dorothee Sölle gelernt

Geht es in den ersten fünfzehn Jahren ihrer schulischen Tätigkeit zentral um die Wahrheitsfrage, so nimmt das Interesse daran seitens der Schülerinnen ab Mitte der 1960er Jahren ab. Für Marie Veit bedeutet dies eine große Verunsicherung und hilfreich erlebte sie da – eine ihrer früheren Schülerinnen: Dorothee Sölle. Über sie kommt sie zu soziologischer und sozialpsychologischer und nochmals Jahre später zu gesellschaftlich-ökonomischer und polit-ökonomischer Literatur. Die Namen, die jetzt wichtig werden, sind: David Riesman, Erich Fromm, Herbert Marcuse, Erik H. Erikson und dann natürlich Karl Marx und „Das Kapital“.

Marie Veit entdeckt, wie die ökonomische Struktur einer Gesellschaft sich in die Menschen einschleicht und ihren Charakter verändert. Waren sie und ihre Generation geprägt von einem innengelenkten Charakter, d.h. von ethischen und moralischen Werten und religiösen Vorstellungen, die einmal angeeignet lebenslange Gültigkeit beanspruchen konnten, so bemerkt sie nun, wie sich die Charakterstruktur ihrer Schülerinnen verändert: die kapitalistische Ökonomie bemächtigte sich des Charakters der Menschen, sie werden außengelenkt, es geht darum, sich als Ware anzubieten und Waren zu konsumieren, „in-sein“ ist gut, „out-sein“ eine Katastrophe. Dem innengelenkten Charakter der Lehrerin steht der außengelenkte, marktorientierte Charakter der Schülerinnen gegenüber.

Ausgesprochen bemerkenswert bei diesen Wahrnehmungen und dem daraus resultierenden Lernprozess Marie Veits finde ich, dass sie in der Auseinandersetzung mit diesen Differenzen feststellt, dass Eigenständigkeit und Autonomie beide noch vor sich hatten: die innengelenkte Lehrerin wie ihre außengelenkten Schülerinnen. Sie selbst erlebt das Lernen dieser Jahre als „Bekehrung zur Wirklichkeit“: „Jetzt erst schlug Bonhoeffer in meinem Denken wirklich durch. … Seine Frage danach, wer Christus für uns heute wirklich sei, erwies sich als zentral. Es galt, die Menschen, auch meine Schülerinnen, so zu nehmen, wie sie gegenwärtig waren, … um zu entdecken, was der Glaube für sie bedeuten könnte, in ihrer heutigen Situation.“8

Marie Veit entwickelt ihr theologisches Denken aus der Sympathie zu den kleinen und großen Menschen, die ihr im Leben in der Nähe und aus der Ferne begegnen. So geht sie realen Veränderungen im Leben ihrer Schülerinnen und der Gestalt, die diese ihrem Leben geben, nach, um darin positive Anzeichen und Anknüpfungspunkte zu entdecken für ihren Unterricht, der durchaus – und dazu steht sie zeitlebens – apologetischen Charakter hat.

 

IV  „Befreiung der Bibel und Befreiung der Theologie“

In diese Zeit der sozialwissenschaftlichen Entdeckungen Marie Veits fällt auch ihre Mitarbeit in der ökumenischen Arbeitsgruppe zum Politischen Nachtgebet in Köln. Ihre beiden bedeutsamsten Erkenntnisse sind m.E.: Die Wahrnehmung, dass es „den Menschen“, den sie in Bultmanns existenzialer Interpretation kennengelernt hatte, nicht gibt, sondern dass die Menschen ganz unterschiedlich und jeweils besonders sind, je nach ihrer Stellung im gesellschaftlichen Machtgefüge und den damit verbundenen Interessen; daraus resultiert die zweite Erkenntnis: zu der historisch-kritischen Arbeit an den biblischen Texten muss die ideologie- und theologiekritische Arbeit treten. Beides zusammen erlebt Marie Veit als Chance und Aufgabe der „Befreiung der Bibel“ und der „Befreiung der Theologie“.

Jetzt, 1972, begegnen auch erstmals in einem Beitrag zur Auslegung der Bergpredigt Begriffe Marie Veits, die für ihre weitere politische und publizistische wie berufliche Tätigkeit zentral sind: die „Option für die Massen“ und als Kategorien einer Beschreibung von Gesellschaft die Bezeichnungen „von oben“ und „von unten“: Spätestens nun sieht sich Marie Veit als demokratische Sozialistin. 1973 ist sie Mitbegründerin der deutschen und holländischen Sektion der „Christen für den Sozialismus“. Die Befreiung der Bibel geschieht in der Praxis befreiender Geschichte.

In der Zeit ihrer Unterrichtspraxis erlebt Marie Veit unterschiedliche religionspädagogische Konzeptionen. Generell begrüßt sie den problemorientierten Unterricht als eine Öffnung zu gegenwärtigen Fragestellungen, sieht freilich auch das zentrale Problem: Es droht, das hintangestellt zu werden, was in keinem anderen Unterricht begegnet und was doch der zentrale Inhalt evangelischen Religionsunterrichtes ist: die Bibel. Ihr Ziel ist hier schon, „die zentralen Erkenntnisse des Glaubens, zu denen wegen ihrer Überfremdung Millionen keinen Zugang haben, gerade nicht aufzugeben, sondern ganz neu zu gewinnen“9.

Über ihre kirchlichen Aktivitäten in den Kölner Jahren berichtet Marie Veit: „Kirchlich arbeitete ich in Presbyterium, Kreissynode und Kreissynodalvorstand mit, erlebte dort z.B. die Auseinandersetzungen um den Sonderfonds des Antirassismusprogramms, aber auch die Auswirkungen des Zweiten Vatikanischen Konzils mit. Es war eine besonders arbeitsreiche Zeit. Die gleichzeitige Tätigkeit in einer Basisinitiative (Politisches Nachtgebet) und in der kirchlichen Institution ließ mich Chancen und Probleme beider Arten kirchlichen Handelns deutlich erkennen.“10

 

V  „Schülerorientierter Bibelunterricht“

1972 wechselt Marie Veit an die Justus Liebig-Universität in Gießen auf eine Professur für Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen die „Befreiung der Bibel“ – hier entwickelt Marie Veit Vorschläge für einen problemorientierten Bibelunterricht – und die „Befreiung der Theologie“ – hier geht es ihr insbesondere um ein angemessenes, biblisch fundiertes Gottesverständnis.

Erstmals taucht 1978 der Begriff eines problemorientierten Bibelunterrichtes auf. „Pate“ ihrer religionspädagogischen Konzeption, die Veit später auch „schülerorientierten Bibelunterricht“ nennt, waren ihre Erfahrungen beim Politischen Nachtgebet. Hier wurden ausgehend von Informationen zu einem politischen und/oder gesellschaftlichen Problem biblische Texte und Themen ganz neu relevant, um dann aus dem Zusammenspiel von Analyse und Information einerseits und biblischen Texten andererseits Gebets-, Gesprächs- und Aktionsmöglichkeiten zu entwickeln. In einem solchen Religionsunterricht findet die existenziale Interpretation biblischer Texte und deren historische Kritik ihre konsequente Fortsetzung in einer ideologiekritisch orientierten politischen Hermeneutik.

Drei besondere Aufgabenstellungen weist sie einem solchen Unterricht zu: 1. Die Wiedergewinnung der Wahrheitsfrage zunächst für die Lehrer*innen selbst und dann für die Schüler*innen. 2. Der Kampf um die Personalität des Menschen und gegen einen resignativen Misanthropismus. 3. Die Befreiung der Bibel durch eine Wiedereinführung des Christentums in der Christenheit (Kierkegaard).

Mit diesen drei Aufgabenstellungen sollen mit den Schüler*innen Antworten auf drei Fragen erarbeitet werden: „Wie können wir Kindern und Jugendlichen in der Massenschule, in der Hektik der Leistungsorientierung, in Konsumzwang und Trendbeherrschtsein dazu verhelfen, dass jedes von ihnen sich selbst als Person wichtig – ernst genommen, angesprochen – erfährt? Wie können wir dazu beitragen, dass aus den Tiefen ihres Wesens der Wunsch und die Fähigkeit, selbst zu sein, selbst zu denken und dann auch Interesse für andere als Person aufzubringen, aufsteigen und sich entfalten können? Wie können wir in jungen Menschen Zutrauen zum eigenen Urteilsvermögen entwickeln und damit auch die Fähigkeit, nach Wahrheit zu fragen, statt sich manipulieren zu lassen? Es ist deutlich: Wenn dies nicht gelingt, droht auch die Gefahr eines neuen Faschismus.“11 Damit ist nicht zuletzt der notwendig politische Charakter eines solchen Bibelunterrichtes benannt.

 

VI  Gott lässt sich stören

Ihr zweites zentrales Thema ist die Frage nach Gott und eine angemessene Sprache von Gott. Mit Bonhoeffer ist Marie Veit überzeugt davon, dass Gott „nachtheistisch“ zu denken ist und dass Anfänge dessen und Hinweise darauf sich in den biblischen Traditionen – jenseits ihrer auch theistischen Weltanschauungselemente – zuhauf finden, denn Gott begegnet in biblischen Texten als einer, der sich stören lässt, der um den Menschen wirbt, der sich ändert, wenn Menschen sich an ihn wenden, und der – ohnmächtig ist. „Dietrich Bonhoeffers berühmter, aber in der Theologie noch kaum bedachter und aufgenommener Satz, dass nur der ohnmächtige Gott helfen könne, besagt ja nicht etwa, dass Gott kraftlos sei; sondern er besagt, dass dem Menschen nur auf diese Weise geholfen werden kann, dass er Anrede und Verheißung vernimmt und sich selbst auf den Weg begibt.“12 Und auf diesem Weg ist dann jeweils zu fragen, was Christus heute für uns bedeutet.

Seit den 1970er Jahren nimmt Marie Veit wahr, dass die Theologie Bonhoeffers neu entdeckt wird, etwa auch in der Äußerung eines französischen Arbeiterpriesters: „Gott ist nicht der Jäger, er ist das Wild.“ Und Veit interpretiert: „In jedem Menschen, der gefoltert, ausgebeutet, ermordet, unterdrückt, um seine Freiheit gebracht wird, leidet Gott. Quer durch die Welt, nicht nur in Chile, spalten sich die Kirchen an genau dieser Frage.“ Unversehens ist sie mit ihrer Argumentation heraus aus einer theoretischen Debatte um eine Gottesvorstellung und hinein in konkrete politische Entscheidungen gelangt und genau darum geht es, folgen wir Marie Veit, dem biblisch bezeugten Gott.

Konkret heißt dies für sie: „Es kommt also in erster Linie darauf an, eine Bewegung einzustudieren, das Aus-der-Hand-geben von Herrschaft, das immer angstfreier werdende Lernen von denen, die ‚unten‘ sind. … Werden Menschen beherrscht, vernachlässigt, übersehen, dann kann man an Gott (!) nicht glauben“, denn im Zentrum dieses Glaubens und christlichen Gottesverstehens steht die Theologie des Kreuzes. „Orientierung am Kreuz, das heißt heute: handeln und zwar gemeinsam handeln. Der Widerstand der Christen gegen eine unmenschliche Welt muss merkbar werden, ‚Licht der Welt‘, das nicht unter dem Scheffel steht. Christliche Gruppen, die diesen Widerstand gemeinsam und unnachgiebig leben, sind entstanden und entstehen überall in der ‚christlichen‘ Welt. Die Frage, wodurch sie sich von anderen Engagierten, nicht-christlichen Sozialisten beispielsweise, unterscheiden, ist als theoretische Frage ohne jeden Sinn, denn das unterscheidend Christliche ist ja nicht die Theorie. Es ist die Präsenz Gottes auf der Seite der Leidenden. Bevor sie sagbar wird, muss sie gelebt worden sein.“13 Denn, davon ist Marie Veit überzeugt: „Theologie entsteht, wo das einzige verteidigt wird, was der Verteidigung wert ist: das Recht aller Menschen auf Leben und Freiheit von Angst.“14

 

VII  Sünde – ein anderes Wort für Resignation

Um diese theo-politische Aufgabe wahrzunehmen, müssen die Kinder Gottes erwachsene Menschen werden15 – ein weiteres zentrales Thema der Theologie Marie Veits ist eine positive Anthropologie, mit deren Entwurf sie sich gegen die „Misanthropie“ der theologischen Tradition, insbesondere der lutherischen Kirchen und Theologien wendet. Auch hier geht es ihr um eine Wiederentdeckung dessen, was die Bibel den Menschen zutraut, wenn sie diese beispielsweise als Mitarbeiter*innen Gottes oder „nur wenig niedriger als Gott geschaffen“ (vgl. z.B. Ps. 8) beschreibt.

Verbunden damit ist eine Klärung des biblischen Sündenbegriffes, mit dem eben nicht gemeint ist, dass der Mensch schlecht ist. Marie Veit wehrt sich vehement gegen das Klischee des „sündigen Menschen, der nichts tun kann“. Vielmehr beschreibt sie Sünde, biblisch verstanden, als den Versuch des Menschen, sein Leben beziehungslos zu gestalten; Sünde meint, so Veit in Übereinstimmung mit Bonhoeffer, der gerade darin exemplarisch die „Sünde des Bourgeois“ sah, einen Mangel an Glauben, d.h. einen Mangel an Mut, das zu tun, was wir tun können; so ist Sünde letztendlich ein anderes Wort für Resignation, für Aufgabe unseres Vertrauens Gott und den Menschen gegenüber.16

Zu dem kritisierten Klischee des sündigen Menschen, der hier auf Erden nichts Vernünftiges tun kann, gehört als weitere ideologische bzw. weltanschauliche Vorstellung der Begriff des Jenseits, in dem dann der Ausgleich für die auf Erden erlittene „Schmach“ in Form des ewigen Lebens als der eigentlichen Hoffnung der Christ*innen gesehen wird. Marie Veit verwendet einige Mühe auf die Entlarvung und Ideologiekritik des angeblich biblischen Glaubens als Jenseitsreligion, denn „das Wort ‚Jenseits‘ kommt in der Bibel nicht vor.“17 Vielmehr schafft Gott die Erde als Ort des guten Lebens für die Menschen. Wenn vom „ewigen Leben“, insbesondere bei Joh., die Rede ist, ersetzt es dort zeitweise den Terminus „Reich Gottes“. „Es scheint, als ob das ‚Reich Gottes‘ den Akzent mehr auf das neue Leben für alle, das ‚ewige Leben‘ mehr auf die Verwandlung des einzelnen setzte. … Ewig heißt nicht ‚zeitlos‘, sondern ‚zum neuen Äon gehörig‘.“18 „Ewiges Leben“ meint das Leben in Fülle im Augenblick19, an dessen Ende man „alt und lebenssatt“ sterben kann.20 „Keiner der beiden Begriffe – Reich Gottes oder ewiges Leben – hat etwas zu tun mit dem ganz unbiblischen Begriff des ‚Jenseits‘, der sich in unserer Frömmigkeitstradition eingenistet hat. Der biblische Glaube ist keine Jenseitsreligion! … In der Bibel liegt der Akzent auf der wirklichen Menschenwelt und ihrer Zukunft.“21

 

VIII  Die „Menschwerdung der Gesellschaft“

Die Zukunft der wirklichen Menschenwelt innerhalb der ganzen Schöpfung war Marie Veits Thema in ihren beruflichen wie gesellschaftlichen und politischen Tätigkeiten. Es geht ihr um „die Menschwerdung der Gesellschaft“ (H. Böll). Dazu gehören auch in den Jahren nach ihrer Emeritierung 1989 eine reiche Vortrags- und Predigttätigkeit und immer wieder Lehrer*innenfortbildungen, insbesondere auch in den damals neuen Bundesländern, wo sie einerseits für den im bundesrepublikanischen Grundgesetz festgeschriebenen Religionsunterricht warb und andererseits eindringlich die Menschen darum bat, an den auch positiven Erinnerungen ihres Leben in der Deutschen Demokratischen Republik, wozu auch die Christenlehre in den Gemeinden zählt, festzuhalten und diese, wo immer möglich, in den Diskurs um die Gestaltung des Lebens im „vereinten“ Deutschland einzubringen bzw. einen solchen Diskurs überhaupt erst einzufordern.

Individuelle, persönliche Zuwendung zu Menschen in Not und der kirchliche, gesellschaftliche und politische Einsatz für „Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung“ gehören für Marie Veit zeitlebens untrennbar zusammen. Sie sucht zu leben, was sie lehrt, schreibt und predigt.

2002 zieht Marie Veit nach Köln in das Clarenbachstift, in ihre erste Kölner Heimatgemeinde. 2003 ehrt Bundespräsident Johannes Rau sie mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse „als herausragende Religionspädagogin, die sich vor allem dadurch auszeichnete, dass sie es verstand, ihr differenziertes theologisches Reflexionsvermögen mit einem nachhaltigen pädagogischen und politischen Engagement zu verbinden.“22 Marie Veit stirbt am 14. Februar 2004 in Köln; bestattet wird sie am 8. März 2004 auf dem Kölner Melatenfriedhof.23 Sie lebte und sie komponierte sogar eine Melodie dazu, was Thiago de Melo dichtete: „Noch ist es dunkel, aber ich singe, weil der Tag bald kommt“24.

 

Anmerkungen

1 M. Veit, Wer ist das „Subjekt“ der Theologie? In: Junge Kirche 39. Jg. 1978, 306-308, Zitat: 308.

2 Die Zitate und ihre Nachweise finden sich in E. Grell, Marie Veit (*1921) – Ein Fenster zur Zukunft öffnen. In: A. Pithan (Hrsg.), Religionspädagoginnen des 20. Jahrhunderts. Göttingen 1997, 300-318, Zitat: 300f.

3 M. Veit, Auf dem Weg der Befreiung. In: R. Lachmann/H.F. Rupp (Hrsg.), Lebensweg und religiöse Erziehung. Religionspädagogik als Autobiographie Bd. 1. Weinheim 1989, 335-355, Zitat: 338f.

4 M. Veit, Angewiesen auf Liebe. In: J.R. Didszuweit/R. Meier (Hrsg.), Niemand ist allein. Begegnungen. Gütersloh 1987, 195-197.

5 M. Veit, Auf dem Weg der Befreiung. A.a.O., 342.

6 Dorothee Sölle. Gegenwind. Erinnerungen. In: D. Sölle, Gesammelte Werke Bd. 12. Hrsg. v. U. Baltz-Otto und F. Steffensky. Freiburg 2010, 35f.

7 https://www.kirche-koeln.de/marie-veit-eine-der-wichtigsten-lehrerinnen-nicht-nur-von-�dorothee-soelle-ist-tot/ vom 4. März 2004.

8 M. Veit, Auf dem Weg der Befreiung. A.a.O., 350.

9 M. Veit, Zur Situation des evangelischen Religionsunterrichts in der Bundesrepublik Deutschland. In: Arnoldshainer Protokolle (1978), Nr. 5, o.S.

10 M. Veit, Auf dem Weg der Befreiung. A.a.O., 353f.

11 M. Veit, Der Religionsunterricht und die Frage nach der Wahrheit. Abschiedsvorlesung 1990. In: M. Veit, Vom Charme Gottes reden. A.a.O., 69-79, Zitat: 76.

12 M. Veit, Welche Theologie lebt „unten“? Jetzt in: M. Veit, Theologie muss von unten kommen. Wuppertal 1991, 13-19, Zitat: 17.

13 M. Veit, Die Gottesfrage in einer nachtheistischen Zeit. In: Schönberger Hefte 6 (1976), H. 1, 3-8.

14 M. Veit, Wer ist das Subjekt der Theologie? A.a.O.

15 „Der Psychoanalytiker Erikson sagt, die weißen Industriegesellschaften litten vor allem daran, dass es in ihnen so wenig Erwachsene gebe! Das steht im Einklang mit dem Neuen Testament, das uns anhält zu wachsen und zum vollkommenen erwachsenen Menschen in Christus zu werden. Damit ist nicht gesagt, seelisches Wachsen im Sinne der Psychologie sei dasselbe wie Wachstum im Glauben. Aber wer seelisches Wachstum verweigert, es sich ausreden lässt, der zerstört das Instrument, auf dem der Glaube musizieren könnte.“ Vgl. M. Veit, Theologie der Befreiung – Befreiung der Theologie. Was können wir theologisch tun? In: Neue Wege o. Jg. 1981. H. 7/8, 198-207.

16 Zu Chancen einer positiven Anthropologie vgl. auch Marie Veits Gandhi-Rezeption, beispielsweise: M. Veit, Wo 1000 Blumen blühen. In: Junge Kirche 61. Jg. 2000, 676-680.

17 M. Veit, Religiöser Sozialismus und die Bibel heute. Unveröffentlicht, 8.

18 A.a.O., 9.

19 Vgl. Joh. 5,24, 1. Joh. 3,14; vgl. auch Kol. 1,12f.

20 Vgl. beispielsweise 1. Mos. 25 und Hiob 42.

21 M. Veit, Religiöser Sozialismus und die Bibel heute. A.a.O., 7.

22 https://www.kirche-koeln.de/marie-veit-eine-der-wichtigsten-lehrerinnen-nicht-nur-von-dorothee-soelle-ist-tot/

23 Zum Vorstehenden vgl. G. Orth, Genossin Gottes und der Menschen. Marie Veit – Bibelwissenschaftlerin, Religionspädagogin, Sozialistin. Bd. 1: Eine Werk-Biographie. Mit einem Geleitwort von Fulbert Steffensky. Bd. 2: Texte 1972-2000. Münster 2021.

24 Vgl. dazu eine Formulierung von Georges Casalis aus seinem Aufsatz „Zwiegespräch mit meinem Tod“: „Allein derjenige kann ein wirklicher Revolutionär sein, der nichts für sich erwartet und in der dunkelsten Nacht zu sterben vermag, weil er weiß, der Tag kommt.“ (D. Sölle (Hrsg.), Parteilichkeit und Evangelium. Grundzüge der Theologie von Georges Casalis. Fribourg/Luzern 1991, 102) Ich denke, der Satz von Georges Casalis gilt auch für eine Revolutionärin.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Gottfried Orth, nach Pfarramt und Evang. Erwachsenenbildung seit 1998 an der TU Braunschweig Prof. für Evang. Theologie und Religionspädagogik, Mitglied im Team des ORCA-Instituts für Konfliktmanagement und Training; aktuelle Veröffentlichung: "Gottes und der Menschen Genossin - Marie Veit - Bibelwissenschaftlerin, Religionspädagogin, Sozialistin", Münster 2021 (rezensiert in diesem Heft).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 8/2021

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