Um den Frontsänger der Band „Ton Steine Scherben“ Rio Reiser wurde nach seinem Tod ein Mythos betrieben, der regelrecht religiöse Züge aufweist. Doch der suchende, von der Kirche weit entfernte, aber täglich die Bibel lesende Rock-Poet war vielleicht dem christlichen Glauben näher als viele andere. Ulrich Tietze erinnert an Rio Reiser und seine Band in der Hoffnung, er könne eine neue Inspiration für uns in der Kirche werden.

 

Während meine Ablehnung des kirchlichen
Christentums noch wuchs, änderte sich meine
Einstellung zum biblischen Jesus fundamental.
Ich erinnere mich einiger Augenblicke in einsamen
Nachtstunden, in denen mir vor Erschütterung über
seine Erscheinung die Tränen in die Augen traten.“
1

Von der „Unsterblichkeit“ seiner Band „Ton Steine Scherben“ ist gelegentlich die Rede, und Rio selbst, Sänger und Frontmann, Textautor und Komponist dieser Gruppe, wurde fast heiliggesprochen. Hin und wieder tauchen kritische Töne über ihn auf, und dafür darf man dankbar sein. Denn einer seiner Liebhaber, Misha Schöneberg, sagte im Gespräch: „Ich wünsche ihm Vergebung und seiner Seele Ruhe. Doch genau dieser Kult, der um ihn betrieben wird, verhindert das, auch im religiösen Sinne.“2

Es ist in der Tat so: nicht nur die „Scherben“ sind Kult – bei aller Problematik dieses Begriffs, der abgenutzt ist, manchmal aber sehr genau trifft –, sondern vor allem lässt sich das von Rio Reiser sagen. Wenn Claudia Roth, ehemalige Managerin der Band, in doch eher vordergründigen Fernsehsendungen über die 1970er Jahre den Sänger geradezu in den Himmel hebt, so tut sie zunächst nichts Außergewöhnliches. Aber sie verdreht dabei die Tatsachen, denn das Zusammenleben mit Rio Reiser, gerade in der Fresenhagener Zeit, war alles andere als einfach. Schöneberg dazu: „Wenn Rio auf der Bühne ‚Du bist nicht unter mir, du bist nicht über mir, du bist neben mir‘ sang, dann verkürzte sich das in Fresenhagen auf: ‚Du bist nicht unter mir? Du bist nicht!‘“3

Gehen wir einmal zurück in die Zeit, als die „Scherben“ den Soundtrack zu verschiedenen Protestbewegungen in Berlin lieferten. Es war eine Zeit, als immer wieder Gruppen versuchten, politische Inhalte mit Rockmusik zu verbinden, und manche der Namen sind noch immer oder schon wieder bekannt: „Floh de Cologne“, „Lokomotive Kreuzberg“, „Ihre Kinder“ – und eben „Ton Steine Scherben“. Sie alle hatten eine Bedeutung noch da, wo sie in der Erfolglosigkeit versanken; denn Vertreter des Deutschrock wie Udo Lindenberg wären ohne diese Vorgänger schlicht nicht denkbar. Er hat „von meinem Acker geerntet und von meinem Wein getrunken“, sagte Rio Reiser einmal.4 Und er fand – wie später noch dokumentiert werden soll – harte Worte über den Hamburger Sänger, nicht zuletzt mit Blick auf dessen Texte. Zugleich kann nicht übersehen werden: Rockmusik in deutscher Sprache, weit entfernt vom Schlager (aber in ihren Inhalten doch nur selten die Tiefe und vor allem die Poesie der Liedermacher erreichend), ist in unserem Land ohne ihre Vertreter wie Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen und Wolfgang Niedecken nicht denkbar.

Beeinflusst waren sie alle vermutlich mehr, als heute bekannt ist, von der Berliner Band „Ton Steine Scherben“, deren Lied „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, noch heute gelegentlich bei Stadtrundfahrten in Berlin ertönt. Ob diejenigen, die dann hören, sich in die Situation der Entstehung dieses Liedes und all der anderen „Scherben“-Lieder hineinversetzen können?

 

Politrock in Deutschland: die 1970er Jahre

Es begann mit der Gruppe „Ihre Kinder“, die vor allen anderen versuchte, sozialkritische und auch konkret politische Inhalte mit den Hörgewohnheiten junger Menschen zu verbinden. Dabei hat diese Band mehr als einige ihrer Nachfolger literarischen Anspruch gehabt. Aber Breitenwirkung erzielte sie nur in wenigen Bereichen, und heute ist davon kaum noch etwas übrig. Dies ist insofern bedauerlich, als sie literarischen Anspruch mit Agitation verbanden; in einer Form, die heute kaum noch denkbar wäre. Keine Frage: die Um- und Zustände haben sich verändert, die Welt ist eine andere geworden. Aber was u.a. von den „Kindern“ textlich dargeboten wurde, ist nicht prinzipiell überholt: Lieder wie „Hexenhammer“, „Toter Soldat“ und sehr viele mehr haben inhaltlich und von der Sprache her unverändert Gültigkeit. Einige Jahre nach Gründung der Band hieß es in der Presse, Sonny Hennig, Textautor der „Kinder“, böte die „vielleicht anspruchsvollsten Texte, die es zur Zeit in Deutschland gibt.“5 Mehrfache Umbesetzungen, neue und oft nicht weiterführende Konzepte und eben ausgesprochen kritische Inhalte mit wenig Akzeptanz bei Sendern führten 1985 zur endgültigen Auflösung der Band. Krisenzeiten gab es zwischendurch in solchem Umfang, dass der letzte Schritt nur konsequent war. Die Bedeutung der Gruppe jedoch blieb und hinterlässt bis heute Spuren.

Eine gewisse Wirkung, über die Zeit ihres Bestehens hinaus, erzielten auf einer anderen Ebene die Politrocker vom „Floh de Cologne“ (genannt: „die Flöhe“), deren grundlegende Kapitalismuskritik nicht selten kalauernd daherkam – ursprünglich waren sie tatsächlich ein Kabarett –, manchmal primitiv, manchmal auch sehr pointiert. Bezogen auf Kirche etwa lässt sich die Berechtigung ihrer Sicht nicht erst in unserer Zeit kaum bestreiten, wenn es da heißt: „Macht meistens Prunksitzungen für die Armen. Geistliche, die das stört, sind Radikale.“6 Und eines ihrer Lieder war nicht nur in der damaligen Zeit bekannt, sondern wurde bis zum Tod (und darüber hinaus) des spöttisch Besungenen zur stehenden Redensart – der Refrain lautete: „Die Milch wird sauer, das Bier wird schal, im Fernsehn spricht der Löwenthal. Den Nazis werden die Augen feucht, der Horror durch die Stube kreucht.“7 In unserer Zeit, in der Juden hierzulande gefährdet sind – primär von rechts –, mag es eine makabre Pointe sein, dass Löwenthal Jude war und zugleich jeder rechten Ideologie die Türen öffnete.

Die massive Gefährdung aller kleinen Geschäfte und Unternehmen und zugleich das Gedeihen der Multis, während bislang die arbeitende Bevölkerung eher mit Beifall abgespeist wird, statt deutliche Lohnerhöhungen zu erhalten, lässt die Floh-Definition noch einmal aktuell werden: „Der Unternehmer heißt Unternehmer, weil er etwas unternimmt. Der Arbeiter heißt Arbeiter, weil er arbeitet. Würden die Arbeiter was unternehmen, müssten die Unternehmer arbeiten.“8 Und berechtigt blieb auch ihre bittere Bemerkung über den Kriegsverbrecher Friedrich Flick im Rahmen ihrer „Geyer-Symphonie in Rock-dur“ mit Dokumentation der Reden bei der Beerdigung dieses Trägers des Bundesverdienstkreuzes angesichts seiner Verantwortung für Folter an und Ermordung von Sklavenarbeitern: „Ein Blutfleck auf der Weste? Kein Problem – nehmen Sie einfach Bundesverdienstkreuz. Bundesverdienstkreuz, erhältlich bei jeder Bundesregierung.“9

 

Ton Steine Scherben“: Bedeutung über Politik hinaus

Anders als die „Flöhe“, „Lokomotive Kreuzberg“ und die österreichische Band „Die Schmetterlinge“ (sie waren übrigens sowohl bezogen auf die musikalische Vielfalt ihrer Lieder wie auf die literarische Qualität ihrer Texte mit Abstand die niveauvollste Gruppe)10 blieben die „Scherben“ nicht beim Polit-Rock stehen. Frühzeitig schon bezogen sie auch Liebeslieder, reine Betrachtungen der Welt ohne (partei-)politische Fragen und Antworten in ihre LPs ein. Und manchmal finden sich auch außerhalb der Songtexte geradezu philosophische Gedanken in ihrem Umfeld, so etwa die Geschichte von der Zeit: „Es war einmal ein Mann, der wollte die Zeit aufhalten. So ging er hinaus in die Hügel vor der Stadt und rief: ‚Zeit steh still!‘ Da kam ein Reiter des Wegs und sprach zu dem Mann: ‚Wenn dies dein Wunsch ist, so sei er mir Befehl!‘ und stach dem Mann seinen Degen in die Brust. Zu dem Toten sprach er: ‚Es gibt nur eine Zeit: Deine Zeit. Und das Wesen der Zeit ist die Wandlung, und wer die Veränderung nicht will, der will auch nicht das Leben.“11

„Ton Steine Scherben“: das war ein Lebensstil, ein alternativer Entwurf zur Gesellschaft, wie sie sich darstellte. Aber auch hier hat Schöneberg Entscheidendes gesagt: „Ein wunderbarer Traum, den es irgendwann einmal zu verwirklichen gilt. Jetzt bleibt uns nur, zu analysieren, warum er so erbärmlich gescheitert ist.“12

Vielleicht trug zu diesem Scheitern auch bei, dass die Gruppe – sowohl in ihrer Berliner Zeit als WG mitten in der aufwühlenden Polit-Szene als auch später in Fresenhagen – permanent unter Polizeibeobachtung stand und es dadurch oft schwer war, ein vertrauensvolles Miteinander zu entwickeln. (Der Dogmatismus linker Gruppen, die zwar Auftritte der „Scherben“ wollten, aber möglichst zum Nulltarif, jedenfalls die Bedürfnisse der Musiker vollständig ignorierten, ist unbenommen.) In Berlin wurden die „Scherben“ fast jeden Morgen von der Polizei geweckt, und zwar mit vorgehaltenen Waffen. Rio Reiser dazu später: „Da brauchst du nicht mehr agitiert zu werden, das passierte schon durch diese Besuche regelmäßig.“

Auch auf dem Hof in Friesland stand die Gruppe unter permanenter Polizeibeobachtung, weil man – unbegründet – Sympathie für die RAF unterstellte. Es gehörte zur Geschichte unseres Landes: real Terror verbreitende Rechtsextremisten wurden geschont oder als nicht vorhanden eingestuft, jedenfalls als ungefährlich – wer aber im Verdacht stand, Sympathien für die linke Terroristenszene zu haben, wurde wahrhaftig gnadenlos verfolgt, auch wenn die Sympathien gar nicht vorhanden waren. Bei der Beerdigung Rio Reisers gab es übrigens eine Kondolenzkarte des Verfassungsschutzes mit dem Inhalt: „Die immer dabei waren.“

Vielleicht gäbe es heute keine so massiven Probleme mit Rechtsextremisten, hätte man die von ihnen ausgehende Gefahr schon frühzeitig erkannt und eher sie als gewaltlose Linke verfolgt. Es sei daran erinnert: nicht nur (aber vor allem) die Springerpresse unterstellte, alle Rechten seien von der DDR eingeschleust worden. „Ton Steine Scherben“ hat bis zur Auflösung unter den Repressalien gelitten, die nie aufhörten.

 

Alternative zum Kapitalismus?

„Ton Steine Scherben“: eine sich als alternativ verstehende Wohn- und Lebensgemeinschaft unter Bedingungen, die keine Chance ließen? Es gab im 19. Jh. einen vielleicht vergleichbaren Versuch in den USA, gegründet von Etienne Cabet, einem französischen Publizisten und Revolutionär. Sein Projekt trug den Namen „Ikarien“ und verband auf seltsame Weise sozialistische Utopien und christliche Inhalte. Cabet formulierte sogar ein „kommunistisches Glaubensbekenntnis“, das tatsächlich umfangreich an das Christentum angelehnt war. Auszüge daraus: „Ich glaube nicht, dass das Universum ein Werk des Zufalls ist, sondern ich glaube an einen Urgrund aller Dinge, den ich Natur nenne.“13 Nennt man diesen Urgrund nicht „Natur“, sondern „Gott“, so könnten viele heutige Christen sich dem mühelos anschließen, wohl auch mit Blick auf die Formulierung: „Ich glaube, dass nach dem Willen der Natur der Mensch auf der Erde glücklich sein soll.“14 Und weiterhin gilt der Glaubenssatz, „dass der Mensch seinem Wesen nach vernünftig, vervollkommungsfähig und gesellig ist.“15

Das Cabet-Credo mündet in die Konsequenz, „dass eine Nation oder ein Volk in der Gemeinschaft nur eine einzige Familie von Brüdern bilden muss, eine Gesellschaft, deren Glieder unter sich gleich sind an Rechten und Pflichten, an Arbeit und Genuss.“16 Im ikarischen Modell wurden übrigens nicht wenige biblische Zitate verwendet: aus der Bergpredigt wie etwa aus dem 2. Thess. mit seiner rigiden Forderung: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.“ Dies fand sich als Schild im Speisesaal der Gemeinschaft!

Ikarien scheiterte auch durch die Machtansprüche des Gründers. Die „Scherben“-Gemeinschaft scheiterte am chronischen Geldmangel und am autoritären Führungsanspruch Rio Reisers, der keinen Widerspruch duldete. Manches daran erinnert an christliche Entwürfe, die ebenfalls ihrem Anspruch auf ein liebevolles und menschliches Miteinander nicht gerecht wurden. Kann eine Gemeinschaft bestehen und überleben, wenn das gesamte Umfeld das Gegenteil praktiziert, nämlich den – zunehmend gnadenlosen – Kapitalismus?

Diese Frage stellt sich an die Visionäre des 19. Jh. in den USA wie an den Traum von „Ton Steine Scherben“. Interne Widersprüche ohne jede Bereitschaft zum Dialog untereinander auf Augenhöhe führten zum Scheitern. Aber in unserer Zeit muss nach Alternativen zum Bestehenden vielleicht mehr denn je gesucht werden. In meiner Schlussbetrachtung zum Phänomen „Rio Reiser“ soll noch einmal die Frage nach Kirche und neuen Wegen gestellt werden.

 

Rio Reiser: der Mythos auf der Bühne

Er blieb als Autor nicht unumstritten. Neben zahlreichen Lobeshymnen gab es auch sehr kritische Stimmen; so äußerte sich Gerhard Henschel in „konkret“ im Jahre 1999: Rio Reiser sei als Texter „leider nur selten über das Niveau eines bemühten Konfirmationsschülers hinausgelangt.“17 Auf der anderen Seite gab es uneingeschränktes Lob: Rio habe „demonstriert, dass er auch ein Telefonbuch heruntersingen und dabei noch den Eindruck von Poesie vermitteln konnte.“18 Aber die „Scherben“ sangen eben keine Telefonbücher herunter, sondern beschrieben Gefühle und Einsichten: „Ich komm aus der Wüste aus Stahl und aus Glas, ich komm aus der Wüste aus Angst und aus Hass, wo die Menschen verdursten auf der Suche nach Liebe.“19

Als die „Scherben“ sich – durch Fehlplanung, durch uneingeschränkte Forderung nach extrem niedrigen Eintrittspreisen durch ihre Veranstalter und auch durch die Phantasie, doch den Luxus von „Rockstars unterwegs“ ausschöpfen zu dürfen – extrem verschuldet hatten, verdienten andere Rockmusiker mit deutschen Texten bereits sehr viel Geld. Rio Reiser in einem Interview mit Steve Peinemann über Udo Lindenberg: er habe „unheimlich gute Musiker, und das ist sein Glück. Aber die Texte … finde ich schlampig, und ich ärgere mich, dass der Mann so viel Geld verdient. Nicht weil ich ihm das Geld missgönne, sondern weil ich neidisch bin auf diese Produktionsmöglichkeiten.“20 Dass er allerdings niemals mit Lindenberg würde tauschen wollen, sagte er auch. Die Arbeit auf der Bühne war für ihn auch unter schwierigen Bedingungen zentraler Lebensinhalt, war die Wirklichkeit, „die einzige, die er akzeptierte.“21 So hat es, sicher mit Recht, sein ehemaliger Lebensgefährte Misha Schöneberg im Gespräch formuliert. In dieser Wirklichkeitsverengung liegt auch eine Tragik.

Wir werden spielen, singen, schreiben,
weil Sehnsucht uns nicht stillstehn lässt.

Halt dich an deiner Liebe fest“…
Und deine Lieder werden bleiben.
22

 

Rio Reiser: der Gottsucher und „Unser Vater im All“

Er hat regelmäßig in der Bibel gelesen, und es berührt bis heute nicht wenige Menschen seltsam, dass am Tag vor seinem Tod – möglicherweise von Rio Reiser in der Nacht gelesen – ein Text aus den Apokryphen in seiner Bibel ihn zum Schluss begleitete. So berichtet aufgrund von Zeugenaussagen aus der Familie des toten Sängers und Autoren, Präses Alfred Buß in der Beerdigungspredigt: „An seinem Todestag steckte das Lesezeichen an diesem Vers im Buch Jesus Sirach 2: Die Wurzel der Pläne ist das Herz. Vier Reiser wachsen daraus hervor: Gutes und Böses, Leben und Tod. Doch die Zunge hat Gewalt über sie alle.“ Ist so etwas Zufall oder Fügung? Hat es etwas zu bedeuten?

Die Fragen bleiben ohne Antwort. Aber Rio Reisers Leben, in dem nie voreilige Antworten gesucht wurden und die Fragen immer ihr Recht behielten, passt zu diesem Bibelwort.

Um diesen Sänger wird, nach seinem Tod noch viel mehr als zuvor, ein Mythos betrieben, der schlimme religiöse Züge aufweist. Seine kreative Arbeit, wie gut oder weniger gut im Einzelfall auch immer, war nie eine Selbstbeweihräucherung. Rio Reiser konnte zeitweise auch über sich selbst lachen. Sein schwieriger Charakter im Miteinander auf dem Hof in Fresenhagen ist unbestritten.

Es gibt nicht wenige Lieder von Rio Reiser bzw. den „Scherben“, die so etwas wie religiösen Charakter haben. „Halt dich an deiner Liebe fest“ (zum Verständnis: es ist nicht die Liebe von einem anderen Menschen gemeint, sondern diejenige, die wir tief in uns haben und die, so der Text, eben auch in schwierigsten Situationen nicht ausgelöscht wird) – vielleicht eine der besten Zeilen, die jemals eine deutsche Band erfunden hat. Auch ein Osterlied gab es:

Und die Tränen von gestern wird die Sonne trocknen,
und die Spuren der Verzweiflung wird der Wind verwehn.
Und die durstigen Lippen wird der Regen trösten,
und all die Verlorengeglaubten werden von den Toten auferstehn.“
23

Bei der Einbeziehung dieses Liedes in eine Osterpredigt gab es anschließend eine bemerkenswerte Resonanz. Und es gab sie sowohl in Gemeinden als auch nach einer Predigt im Gefängnis.

Das Lied „Halt dich an deiner Liebe fest“, erster Vers, steht auf der letzten Seite der Tagebücher von Rio Reiser. Da heißt es: „Und all die Lügen geben dir den Rest – Halt dich an deiner Liebe fest.“ Lügen – von Politik, Wirtschaft, eher zu- als abnehmender Hetze von rechts – gibt es reichlich. Dann die Liebe zu bewahren – ist das nicht auch christliche Botschaft? Und auch hier wird es eminent theologisch: derjenige, der nie aufhörte, sich mit Bibel und Gott zu beschäftigen, schrieb eine neue und eigene Fassung des bekanntesten Gebetes der Christenheit. Sie lautet (übrigens ausnahmslos in Großbuchstaben aufgeschrieben):

„Unser Vater im All – Dein Reich wird kommen – Dein Wille soll geschehen – auf unserem Planeten und überall – gib uns heute, was wir brauchen – und rechne unsere Schuld nicht an – wie wir auch unseren Schuldnern nichts anrechnen – und versuch uns nicht, sondern nimm das Böse von uns. So soll es sein.“24

Eine Erfahrung mit diesem Gebet: Ich las es in einer Andacht im Altenheim zum Thema „Vater unser“ – die alten Menschen waren weithin begeistert von dieser Textfassung, mehrere wollten sie anschließend haben.

Früh schon war Rio Reiser an religiösen Fragen interessiert. Er fragte schon als Jugendlicher sehr kritisch nach, angesichts des jeden Morgen stattfindenden Schulgebets einerseits und andererseits der Existenz von Bomben, Raketen und alten Nazis. „War das eine christliche Welt?“25 Der Religionslehrer, „ein alter CSU-Hase“26, freute sich über Rückfragen, denn „sonst meldete sich ja niemand in seiner Stunde.“ Aber konfirmieren ließ sich Rio Reiser nicht, dafür war ihm die erlebte Kirche nicht glaubwürdig genug. Die Quäker dagegen überzeugten ihn mit ihrer konsequenten Ablehnung von Sklaverei, Krieg und der Notwendigkeit einer Autorität, die die Bibel auslegt. Und seine Zweifel an der ihm begegnenden Rede von Gott ließ er sich auch nicht nehmen, in Anlehnung an Bertrand Russel: „Wenn es einen Gott gibt, wird der nicht so teuflisch eitel sein, sich darüber aufzuregen, dass ich nicht an ihn glaube.“27 Dadurch, dass Rio Reiser die Konfirmation verweigerte, hatte er „einen Sachschaden von tausend Mark“28 – eine Interpretation, die mich an viele Erfahrungen mit Jugendlichen erinnert, die beim besten Willen keine andere Motivation im Unterricht erkennen ließen als die zu erwartenden Geschenke.

 

Rio Reiser: bedeutungsvoll für die Kirche heute?

Niemand übersieht es noch, niemand bestreitet es ernsthaft: Kirche blutet aus. Die Gründe mögen vielfältig sein, und einfache Antworten verbieten sich. (Das müssen, wenn das Gespräch mit ihnen nicht von vornherein sinnlos sein soll, die Fundamentalisten noch lernen: nicht die Bibelkritik hat Menschen weit von uns fortgetrieben, sondern die weitgehende Unverständlichkeit dieses Buches in unserer Zeit.29)

Im Januar stürmten Trump-Fans das Capitol. Es gab Tote und Verwundete. Unter diesen Rechtsbrechern waren auch solche, die Plakate mit der Aufschrift „Jesus saves“ trugen. Als Kirche müssen wir es neu lernen, uns von manchen Christen (ich verkneife mir mit Mühe die Anführungszeichen) mit aller Schärfe zu distanzieren, auch hierzulande. Vielleicht kann die Auseinandersetzung mit einem ernsthaft Suchenden wie Rio Reiser noch einmal Türen öffnen; ebenso wie manche Einsichten der historisch-kritischen Bibelarbeit.

Während ich dies schreibe, ist Corona zunehmend ein Problem und wird es, zumindest in den Folgen, noch sein, wenn alle geimpft sein sollten und nicht mehr laufend Nachrichten von Sterbefällen die Medien bestimmen. Eine Verarmung unzähliger Menschen ist längst abzusehen, während Großkonzerne von der Krise profitieren. Insofern ist die Botschaft von „Ton Steine Scherben“, der Kapitalismus müsse überwunden werden, aktueller als damals. Mit den Worten von Ernst Käsemann: „Es kommt letztlich darauf an, dass wir menschlich werden.“30 Den Kapitalismus mit einem menschlichen Antlitz (der immer, wenn er bedroht war, zum Faschismus griff und jede Barbarei mitmachte) haben wir längst verloren und werden ihn niemals zurückgewinnen, und die bittere Diagnose Käsemanns, „die Christen seien nun sogar Vorkämpfer der die weiße Gesellschaft beherrschenden kapitalistischen Marktwirtschaft geworden“31, wird auf unabsehbare Zeit gelten, aber zu einer fortschreitenden Entfremdung der Verarmten von einer Kirche führen, die sich primär um sich selbst dreht. Wenn wir die Kathedralen betrachten und bewundern, aber die Slums übersehen, werden wir schuldig.

Von der Gefängnisseelsorge geprägt, habe ich manche Bücher wieder oder neu entdeckt, überwiegend vor vielen Jahren schon. Da hat einiges meine Theologie mehr beeinflusst, als ich mir jemals habe vorstellen können. Viele kritische Äußerungen wurden für mich immer wichtiger; eine von Hermann Hesse etwa: „Ich habe nie ohne Religion gelebt, und könnte keinen Tag ohne sie leben, aber ich bin mein Leben lang ohne Kirche ausgekommen.“32 Es mag uns schmerzen, wenn ein suchender und zugleich gläubiger Mensch dies sagt. Aber wir haben nicht das Recht, es ihm auszureden. Und nach all dem theologischen Geifern gegen Erfahrung als Kriterium (im Gefolge Barths wie Bultmanns) scheint es mir dringend geboten, ein Buddha-Wort zu beachten: „Wenn deine Erfahrung meiner Lehre widerspricht, dann folge deiner Erfahrung und nicht meiner Lehre.“33 Es ist ein Wort, von dem Jörg Zink schrieb, die Kirche habe es erst noch zu entdecken.

Der suchende, von der Kirche weit entfernte und doch täglich die Bibel lesende Rio Reiser war vielleicht dem christlichen Glauben näher als viele andere. Und vielleicht könnte er in mehrfacher Hinsicht eine der neuen Inspirationen für uns in der Kirche werden, ohne dass wir ihn überschätzen und glorifizieren. Bei aller Problematik seiner Person: Rio Reiser schrieb weithin Liebeslieder und kann von daher auch in die Gestaltung unserer Gottesdienste einbezogen werden. Denn eine Kirche, die nicht die Liebe in den Mittelpunkt stellt, hat keinen Grund, sich auf Jesus aus Nazareth zu berufen.

 

Konsequenzen für die Kirche?

Christentum leben könnte heute bedeuten: sich von der – doch uneingeschränkten und jeden anderen Zugang verwerfenden – Rechthaberei des Paulus zu entfernen, der das Sünder-Sein des Menschen so sehr betonte (bis hin zu seiner m.E. fatalen Deutung des Todes als „der Sünde Sold“ statt der Einsicht, dass der Tod immer und überall das natürliche Ende des Lebens ist), der nur seinen Zugang zu Jesus gelten ließ, obwohl er ihn nicht kennengelernt hatte, der von der einladenden Botschaft Jesu weit entfernt war und sich in der Erwartung der unmittelbaren Wiederkunft Jesu schlicht und ergreifend irrte. Wo Jesus im Mittelpunkt steht mit seiner Menschenfreundlichkeit und seinem Hereinnehmen der Außenseiter damals wie heute, da könnten die wertvollen Inhalte des Judentums neu entdeckt werden. Mit den Worten des als Ketzer verworfenen Gerd Lüdemann, dass vielleicht die Möglichkeit entdeckt werden sollte, „eine menschenfreundliche Religion zu entwickeln, unter Wahrung des wertvollen Erbes der jüdischen Mutterreligion.“34

Ob das noch möglich ist, kann ich nicht einschätzen. Erstrebenswert finde ich es in jedem Falle. Und vielleicht könnten so auch manche der heutigen Zweifler ins Gespräch und irgendwann auch in die Gestaltung einer anderen, einer an den Menschen und ihren Sehnsüchten orientierten Kirche einbezogen werden.

 

Anmerkungen

1 Karlheinz Deschner (Hrsg.), Jesusbilder in theologischer Sicht, München 1966, 7.

2 Kai Sichtermann/Jens Johler/Christian Stahl, Keine Macht für Niemand. Die Geschichte der „Ton Steine Scherben“, Berlin 2000, 265 (das gesamte Gespräch mit Schöneberg umfasst die S. 257-265).

3 A.a.O., 263.

4 A.a.O., 237.

5 Günter Ehnert/Detlef Kinsler, Rock in Deutschland. Lexikon deutscher Rockgruppen und Interpreten, Hamburg 1984, 169.

6 Gerd Wollschon Floh de Cologne, Sudel-Lexikon. Satirisches Wörterbuch für gelernte Deutsche. 250 Hieb- und Stichwörter mit vielen praktischen Zeichnungen, Köln 1977, 81.

7 Titel „Der Löwenthaler“, enthalten auf der Live-Doppel-LP „Lucky Streik“.

8 Gert Wollschon, a.a.O., 163.

9 A.a.O., 37. Der entsprechende Passus in der „Symphonie“ weist auf eines der unfassbaren Verbrechen hin: „In seinem Stahlwerk Gröditz wurden wenige Tage vor Kriegsende 187 Sklavenarbeiter erschossen. Sie waren krank.“

10 In ihrem Hauptwerk „Proletenpassion“ kommt auch die Reformation vor. Da findet sich ein Lied über Thomas Müntzer, und ein Dialog zwischen ihm und Luther zeigt, wie sehr der bekannte Reformator an vorhandenen Machtstrukturen festhielt, etwa beim Thema „Leibeigenschaft“, die er uneingeschränkt bejahte.

11 Sichtermann/Johler/Stahl, a.a.O., 299.

12 A.a.O., 265.

13 Zit. n. Heinrich Lux, Etienne Cabet und der ikarische Kommunismus. Mit einer historischen Einleitung, Stuttgart 1894 (Nachdruck 1974 in der Reihe „Internationale Bibliothek“, Bd. 18), Berlin/Bonn/Bad Godesberg, 274.

14 Ebd.

15 A.a.O., 275.

16 A.a.O., 276.

17 Hollow Skai, Das alles und noch viel mehr. Rio Reiser – Die inoffizielle Biografie des Königs von Deutschland, München 2006, 220.

18 Albrecht Koch, Angriff aufs Schlaraffenland. 20 Jahre deutschsprachige Popmusik, Frankfurt/Berlin 1987, 59.

19 Lied „Durch die Wüste“ (einer der unvermeidlichen Karl-May-Titel der Gruppe), veröffentlicht 1975, zit. n. Ehnert/Kinsler, a.a.O., 385. In diesem Lied ist dann auch die Rede vom Land, „wo man die Mörder belohnt und die Heiligen henkt.“

20 Steve B. Peinemann, Die Wut, die du im Bauch hast. Politische Rockmusik – Interviews, Erfahrungen, Reinbek bei Hamburg 1980, 224.

21 Sichtermann/Johler/Stahl, a.a.O., 265.

22 Dies ist der letzte Vers meines Gedichtes „An Rio Reisers Grab“, vertont vom Kollegen Christian Gohde, damals Pastor in Dahlenburg.

23 Ich zitiere diesen Refrain des Liedes „Land in Sicht“ aus dem Gedächtnis, weil mir keine Textfassung vorliegt.

24 Gert Möbius, Halt dich an deiner Liebe fest. Rio Reiser, Berlin 2017, 233 (die letzte Seite des Tagebuchs mit den beiden Texten ist auf der Folgeseite dort abgedruckt).

25 Rio Reiser, König von Deutschland. Von Ton Steine Scherben in die Hitparaden. Erinnerungen erzählt von ihm selbst und Hannes Eyber, Köln 1994, 40.

26 Ebd.

27 A.a.O., 48f.

28 A.a.O., 49.

29 Ein Erlebnis: ich fahre von einem Einsatz im Krankenhaus zurück zur anderen Klinik, in der ich tätig war. In der U-Bahn sitzen mir junge Menschen gegenüber. Ein Mädchen: „Ich habe mal versucht, die Bibel zu lesen. Aber ich habe so gut wie nichts darin verstanden. So landete ich wieder bei Fantasy-Literatur.“ Ich war sehr in Versuchung, ihr zu antworten, wie sie es noch einmal probieren könnte. Aber die Situation schien mir ungeeignet.

30 Ernst Käsemann, In der Nachfolge des gekreuzigten Nazareners. Aufsätze und Vorträge aus dem Nachlass, Tübingen 2005, 66.

31 A.a.O., 52. Es sei an Käsemanns Tochter Elisabeth erinnert, die sich entschied, mit den Armen und für sie zu leben und deshalb vom argentinischen Militär gefoltert und ermordet wurde.

32 Hermann Hesse, Mein Glaube, Frankfurt/Main 1981, 62

33 Jörg Zink, Gotteswahrnehmung. Wege religiöser Erfahrung, Gütersloh 2009, 80

34 Gerd Lüdemann, Paulus, der Gründer des Christentums, Lüneburg 2001, 244

 

Über die Autorin / den Autor:

Pastor Ulrich Tietze, 2002-2013 Gefängnispfarrer an der JVA Hannover, seit 2013 Krankenhausseelsorger; Veröffentlichungen: "Nur die Bösen? Seelsorge im Strafvollzug" (Hrsg.) (2011), "Stille - Weite - Wüste" (2013), Liederdichter von über 200 veröffentlichten Kirchenliedern, Autor eines Theaterstücks über den Tod ("Der ungebetene Gast"), zuletzt: Herausgabe eines Liederbuches für Trauernde.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 8/2021

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