Bisweilen entsteht der Eindruck, die jüdisch-christliche Wertegemeinschaft werde durch muslimische Eindringlinge bedroht. Die drei abrahamitischen Religionen werden dann in zwei gute und in eine schlechte, die Muslime, eingeteilt. Wenn Christen angesichts eines gewaltbereiten Islam, der ihnen in den Medien präsentiert wird, die Vorzüge und die Toleranz der eigenen Religion rühmen, vergessen sie aber möglicherweise, dass auch das Christentum archaische Erbschaften hat, dass es sich Jahrhunderte lang gegen die Aufklärung gesträubt hat und es auch heute noch in seinen fundamentalistischen Ausformungen tut. Hans-Jürgen Benedict meint, wir können mit unseren Ängsten besser umgehen, wenn wir sehen, dass auch das Christentum an den scheinbar archaischen Bräuchen der Schwesterreligionen Judentum und Islam Anteil hat.

 

Religion entsteht aus dem Schrecken

„Und Gott sprach zu Abraham: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast und geh in das Land Morija und opfere ihn dort zu einem Brandopfer auf einem Berge, den ich dir zeigen werde … Und Abraham band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz, reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.“ (Gen. 22,1-2.9-10) Eine schreckliche Szene! Die Menschwerdung des Menschen ist eine Folge des Umgangs mit dem Schrecken. Des Schreckens, der vor allem darin besteht, dass er seinesgleichen opferte. Kultur ist, so Christoph Türcke in seiner Studie „Die Philosophie des Traums“ in Aufnahme der Freudschen Kategorien Verdichtung, Verschiebung und Wiederholung, eine Umkehrung des Schreckens. Träume von Kriegsteilnehmern des Ersten Weltkriegs, die, wie Freud beobachtete, in zwanghafter Wiederholung immer wieder traumatische Kriegserlebnisse halluzinieren, sind Ausdruck des Wunsches nach Erlösung von dem Schrecken.

Die wiederholte Bejahung des Schreckens geschieht um seiner Verneinung willen, angefangen bei den Steinzeit-Menschen. Die drei monotheistischen Religionen sind im Vorderen Orient zwischen 1200 v. Chr. und 600 n. Chr. entstanden und von den religiösen Triebkräften der damaligen Zeit bestimmt. Es war eine Zeit, in der die Bedrohung durch den Schrecken der Natur (Erdbeben, Vulkane), der Kreatur (wilde Tiere) und der Menschen selber (Blutrache und Krieg) die Menschheit fundamental bedrohte. Wissenschaftliche Einsichten zum Verstehen des Schreckens standen gar nicht oder nur begrenzt zu Verfügung. Mythen wie die Schöpfungserzählungen waren Versuche, Ordnung in das Chaos und den Schrecken zu bringen. Aber in der direkten Konfrontation mit dem Katastrophischen, das sich immer wieder zeigte, waren Opfer zur Abwendung des Schreckens das zumeist hilflose Mittel, mit diesem Schrecken umzugehen. Man hoffte, durch die Opferung des Nächsten, des Liebsten (Erstgeborenen) die Schreckensmächte zu bannen und gnädig zu stimmen (sinnlos, was die Wirkung betraf, aber begrenzt sinnvoll zu seiner Eingrenzung).

Viele der uns befremdlichen Riten wie etwa die Opferrituale im heiligen Bezirk, die Beschneidung, die Initiation, die Gottesmahlzeit, entstammen dieser Zeit. Diese Rituale sind, so seltsam das klingen mag, Formen der Zivilisierung und der Kultur. Die Religion verhieß Rettung und schuf Rituale, Kultur, Zivilisation. Indem man Worte, Musik, Tanz für das Geschehen erfand, konnte man mit dem Schrecken besser umgehen. Aus dem Schrei des Entsetzens wird Sprache, aus dem Geräusch Musik, aus der Schreckensgeste Tanz. „Erst durch die Gutheißung des Schreckens ist Sinn die Welt gekommen.“ (Türcke, 186)

„Vor dem mir’s graut, zu dem mich’s drängt“, sagt Rudolf Otto in seinem vor 100 Jahren erschienenen Buch Das Heilige. Das Heilige ist der benannte Schrecken. Der Schrecken wird so besänftigt, unsere Nervenbahnen gewöhnen sich an ihn und mit der Zeit werden die blutigen Formen der Schreckensbewältigung weniger, das Menschenopfer wird durch Tieropfer abgelöst, das Tieropfer durch Gebete und Gelübde. Der Schreckensrest ist aber nicht völlig zu eliminieren bzw. zu zivilisieren. Auch unsere zivilen kirchlichen Übergangsriten Taufe und Konfirmation sowie das Abendmahl lassen noch diesen Schreckenshintergrund erkennen.

 

Archaische Wurzeln der Taufe

Bei der Beschneidung als Bundeszeichen für Israel und als Ritual der Muslime bleibt die blutige Verletzung erhalten durch das Stück Vorhaut, das fehlt, und löst (wegen der damit assoziierten Kastration) immer noch Schrecken aus. Die frühen Christen, ursprünglich eine jüdisch-messianische Gruppe, ersetzten die Beschneidung durch das Taufritual, spiritualisierten es auf diese Weise und öffneten so Nichtjuden den Zugang zum Glauben. „In Jesus Christus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“ (Gal. 5,6)

Das Wasser erinnert neben seinem Reinigungsaspekt noch an die Bedrohung des Verlorenseins, zumal bei der Ganztaufe, die früher üblich war (und es heute noch bei den Baptisten ist). Seit langem wird nur noch mit einer Handvoll Wasser getauft, das heute zudem angewärmt ist – Taufe soft. Dass die Taufe hingegen bedrohlich sein kann, daran erinnert ein sarkastisches Gedicht von Durs Grünbein: „Wie kreuzgefährlich Rituale sind, auch unter Christen, zeigt eine Hiobsbotschaft aus Südafrika. In einem Fluß in Swaziland, bei einer Taufe ertrank ein junger Schwarzer. Noch bevor der Spruch des Priesters ganz zu Ende war, trug ihn der Fluß davon, stromabwärts über scharfe Felsen (…) Halb schon Christ und halb noch Heide, ging er zwischen beiden Ufern verloren in den trüben Wellen, bis er röchelnd das Sakrament des Krokodils empfing.“ (Den teuren Toten. 33 Epitaphe, Frankfurt/M 1994, 25)

Auch bei der Taufe gibt es archaische Reste, die je nach theologischer Einstellung des taufenden Geistlichen beibehalten oder fallengelassen werden. „Nimm hin das Zeichen des Kreuzes, dass du absagest dem Satan und all seinen Werken“, hieß es noch bis vor kurzem in der Taufliturgie. Heute heißt es im EG nur noch: Der Täufling wird mit dem Zeichen des Kreuzes gesegnet (803.1). Diese Formel ist kirchlich distanzierten Tauffamilien heute nicht mehr verständlich, und auch ich habe meine Schwierigkeiten damit. Aber ich weiß, dass das Kreuz als bannendes rettendes Symbol auf das Rettungswerk Jesu verweist und der Täufling so dem Bannkreis des Bösen entrissen werden sollte.

Inzwischen nimmt die Zahl derjenigen zu, die sagen, die Kinder sollen sich später selber für ihre Taufe entscheiden. Sie wollen nicht über die Köpfe ihrer Kinder hinweg entscheiden, zumal die Taufe ein Leben lang gilt und auch nicht durch Austritt aus der Kirche oder durch Übertritt in eine andere Konfession verloren geht. Eine seelische Verletzung durch die Taufe anzunehmen, was bei einigen Kritikern auch schon der Fall war (waterboarding), ist doch weit hergeholt. Immerhin gab es vor 40 Jahren Disziplinarverfahren gegen Pfarrer, die ihre kleinen Kinder nicht taufen lassen wollten, weil sie mit dem reformierten Theologieprofessor Karl Barth die Kindertaufe ablehnten.

 

Das Archaische am Abendmahl

Auch das Abendmahl hat eine archaische Erbschaft. Nach Freud erinnert es an die Totemmahlzeit früher Kulte. Wenn Jesus sagt: „Nehmet hin und esset, das ist mein Leib … mein Blut …“, so sei das die christliche Version des von Ethnologen angenommenen Brauchs, dass der gemeinsam getötete Urvater von den Söhnen in einer heiligen Mahlzeit gegessen wurde. Nur dass hier der Sohn sein eigenes Leben opferte und die Brüderschar von der Erbsünde des Vatermordes erlöste. „Die Sohnesreligion löst die Vaterreligion ab. Zum Zeichen dieser Ersetzung wird die alte Totemmahlzeit als Kommunion wieder belebt, in welcher nun die Brüderschaft … Fleisch und Blut des Sohnes, nicht mehr des Vaters genießt, sich durch diesen Genuß heiligt und mit ihm identifiziert.“ (Sigmund Freud, Totem und Tabu, Frankfurt 1971, 171f)

Im Abendmahl ersetzen Brot und Wein symbolisch den Körper des Getöteten. Jesus, der vor seinem Tod dieses Mahl eingesetzt hat, wird im Essen und Trinken erinnert und gegenwärtig („Solches tut zu meinem Gedächtnis“) Jesus deutet mit diesen Sätzen seinen Tod als stellvertretende Selbsthingabe und Sühnetod für die ganze Völkerwelt. Er gibt seinen Jüngern damit Anteil an der universalen Sühnkraft seines stellvertretenden Leidens, das ist eine Spiritualisierung des realen Essens Gottes.

Von einem Gemeinschaftsmahl der frühen Christen entwickelte sich das Abendmahl zu einer sakramental-kultischen Feier, die nur durch den Priester vollzogen werden konnte. In der Transsubstantiationslehre von 1215 bewirkt die Rezitation der Einsetzungsworte durch den geweihten Priester die Verwandlung der Substanzen von Brot und Wein in die Substanzen von Leib und Blut Christi. Den konsekrierten Elementen gebührt wie Christus die Anbetung. Die Angst, etwas von dem kostbaren Blut zu verschütten, führte in der katholischen Kirche zum Ausschluss der Laien vom Kelch, bis heute. Der tägliche unblutige Nachvollzug des Kreuzesopfers durch den Priester bleibt aber in einer aufgeklärt-rationalen Welt ein archaischer Rest.

In den protestantischen Kirchen ist an die Stelle der katholischen Auffassung die Lehre von der Realpräsenz getreten, d.h. der Glaube an die wirkliche Gegenwart Jesu Christi im Abendmahl. Eine gewisse Beklommenheit bei der Teilnahme an der heiligen Handlung ist bei den Kommunikanten bis heute vorhanden; sie wird sogleich durch die die Einsetzungsworte einleitende Verratsformel noch verstärkt. Insofern ist die Einführung des Friedensgrußes nach dem Agnus Dei so beliebt geworden: sie ruft keine magischen Assoziationen oder Ängste mehr hervor, sondern Vertrauen.

 

Streit um die Beschneidung

Am 7. Mai 2012 fällte das Kölner Landgericht in Zweiter Instanz ein Urteil, welches die Beschneidung als Körperverletzung einstufte, die durch eine religiöse Motivation der Eltern nicht gerechtfertigt werde und nicht im Wohl des Kindes sei.

Wie kam es zu diesem Urteil? Da ist zum einen die Geschichte von der von Komplikationen begleiteten Beschneidung des vierjährigen Ali al Akbar in Köln im November 2010, die dazu führte, dass die Mutter wegen der Nachblutungen durchdrehte, in eine Klinik eingeliefert wurde, vom Balkon sprang und dadurch Polizei und Staatsanwaltschaft auf den Fall aufmerksam machte. Ein Verfahren wird eingeleitet. Einen Befürworter findet es in dem Passauer Strafrechtler und CDU-Politiker Holm Putzke, der in mehreren Artikeln die Meinung vertreten hatte, dass medizinisch nicht notwendige Jungenbeschneidung, darunter auch die aus religiösen Gründen, den Straftatbestand der Körperverletzung erfülle. Letztlich wiege das Recht des Kindes auf einen unversehrten Körper schwerer als das Recht auf Zugehörigkeit zur Religion der Eltern. Eine Beschneidung, der die medizinische Begründung fehlt, ist Körperverletzung, urteilt dann das Kölner Gericht, spricht den Arzt aber frei. Der Skandal ist da.

Juden, Muslime, aber auch Christen kritisieren das Urteil. Kinderärzte begrüßen es. Die Wellen schlagen hoch. Charlotte Knobloch, Vizepräsidentin des jüdischen Weltkongresses und ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, fragt zugespitzt: „Wollt ihr uns Juden noch?“ Antisemitische und antiislamische Vorurteile werden geäußert. Der Oberrabbiner Israels sagt, es wundere ihn, dass gerade die Deutschen, die vor 70 Jahren keinerlei Mitleid mit jüdischen Kindern hatten, jetzt auf einmal in der Beschneidungsfrage für das Kindeswohl jüdischer Kinder eintreten.

Bundeskanzlerin Merkel äußert die Besorgnis, dass sich Deutschland mit diesem Urteil in den Augen der Weltöffentlichkeit lächerlich mache und isoliere. Der aus den Ferien wegen der Schuldenkrise Europas zusammengerufene Deutsche Bundestag verabschiedet eine Resolution, in der er sich für die Beibehaltung der Beschneidung aus religiösen Gründen ausspricht. Die Regierung soll dafür sorgen, dass die Beschneidung aus religiösen Gründen erlaubt bleibt. Der deutsche Ethikrat empfiehlt Beschneidungen, allerdings nur mit Betäubung. Ein Gesetzentwurf wird vorgelegt, der die Frage der Anästhesie nicht deutlich regelt und der, um ein religiöses Sonderrecht zu vermeiden, den Eltern erlaubt, ihre kleinen Jungen aus jeglichem Motiv beschneiden zu lassen. Der Hamburger Strafrechtler Merkel bezeichnet den Entwurf daher als „kläglich“. Der Erlanger Theologe Peter Dabrock hingegen argumentiert, dass das Kindeswohl und eine aus religiösen Gründen vorgenommene Beschneidung an nicht einwilligungsfähigen Jungen nicht unvereinbar seien. Eine Beschneidung zu verhindern, wäre zudem „ein schwerer Eingriff in die positive Religionsfreiheit jüdischer und muslimischer Menschen.“

 

Verletzung des Kindeswohls?

Es ist schon merkwürdig, dass die Beschneidung, u.a. aus gesundheitlichen Gründen weltweit an einem Drittel aller Männer vollzogen, auf einmal in Deutschland eine solche Kontroverse auslöst. Sicher ist ihr Hintergrund auch archaisch. Es geht für das antike Volk Israel bei der Beschneidung um Unterscheidung als Bedingung des Überlebens. Zuerst wurde die Beschneidung strikt im babylonischen Exil geübt, also als Identifikationsmerkmal in heidnischer Umwelt und dann rückwirkend in die Väter- und Mosesgeschichte eingetragen. Die Beschneidung als Bundeszeichen, das wird in Gen. 17 geschildert – Abram und Sara bekommen neue Namen und der Brauch der Beschneidung an den männlichen Kindern wird eingeführt, acht Tage nach der Geburt. Auch Abraham, Isaak und Ismael müssen sich beschneiden lassen. Kann sein, dass die Beschneidung eine Ersetzung der Kastration oder des Erstgeborenenopfers bedeutet.

Für Juden ist jedenfalls die Beschneidung ein striktes, durch die heiligen Schriften sanktioniertes Gebot, das man nicht nach Belieben modifizieren kann nach dem Motto: Sollen sich doch die Juden ein weniger blutiges Ritual der Glaubenszugehörigkeit ausdenken. Auch Jesus ist beschnitten worden, desgleichen seine Jünger und Apostel. Auf einem Gemälde Giovanni Bellinis wird gezeigt, wie der kleine Jesus tapfer den Schmerz erleidet, während die Erwachsenen den Blick abwenden. Durch die Jahrhunderte haben Juden wegen des Beschneidungsgebots Verfolgungen über sich ergehen lassen. Es ist ein so selbstverständliches, an den neugeborenen Jungen vollzogenes Ritual, dass seine kleinen Komplikationen ertragen werden.

Etwas anders ist es bei den Muslimen: Erstens steht die Beschneidung nicht im Koran, viele Gelehrte halten auch das Gebet des Unbeschnittenen für gültig, aber im Volk gilt sie als Kennzeichen des männlichen Moslem und ist ein wichtiges Familienfest. Zweitens, weil die Jungen älter sind (zwischen 4 und 10) und durchaus wissen können, was mit ihnen geschieht und sicherlich auch Angst haben vor dem, was an ihnen vollzogen wird.

Mit dem Pochen auf das strafbewehrte Kindeswohl diesen Brauch jetzt schlicht zu verbieten, geht nicht an. Mit dem Hinweis auf universale Menschenrechte können partikulare religiöse Bräuche nicht einfach außer Kraft gesetzt werden. Jeder hat das Recht, das von den Müttern und Vätern Überlieferte zu glauben und danach zu handeln, sofern es nicht menschenfeindlich ist. Aber Juristen wie Putzke ist dieser Gedanke nicht beizubringen. Sie denken rechtspositivistisch. Beschneidung ist Körperverletzung, dahinter müssen alle Argumente der freien Religionsausübung, einschließlich des Rechts des Kindes, zur Religion seiner Eltern zu gehören, zurückstehen.

Ein anderes Argument für die Beschneidung beruft sich auf die Religionsfreiheit des Kindes. Es kann sie nicht selbst ausüben, sie wird von den Eltern treuhänderisch verwaltet unter dem Aspekt, für ihr Kind das Beste zu tun. Der liberale Staat mischt sich nicht ein, es sei denn eine eindeutige Misshandlung bzw. ein Missbrauch des Erziehungsrechts ist gegeben. So hat das Jugendamt Kinder aus Familien, in denen die Prügelstrafe als biblisch geboten ausgeübt wird wie bei der Gemeinschaft „Die zwölf Stämme Israels“ in Süddeutschland, herausgenommen.

Das Recht auf Zugehörigkeit zu einem religiösen Milieu, das die dafür üblichen Rituale praktiziert, kann also nicht als grundgesetzwidrig eingestuft werden. Die Grundrechtsmündigkeit des Kindes in Sachen Beschneidung aber greift dann, wenn ein achtjähriger muslismischer Junge sich vor dem Beschneidungsritual fürchtet, das hauptsächlich wegen des zu Besuch weilenden Großvaters aus Anatolien ausgeübt werden soll, so jüngst in einem TV-Film. Im Komplott mit den Eltern und einem liberalen Onkel wird dem konservativen Opa das Ritual vorgespielt, die Vorhaut bleibt unverletzt. Zufrieden reist der Opa in die Heimat zurück, der Junge bekommt trotzdem seine Geschenke.

 

Schreckensreste der Opferfeste – die Schächtung

Einmal im Jahr feiern Muslime in aller Welt, also auch bei uns, das Opferfest. Der Brauch dieses Fests, das am 10. des Wallfahrtsmonats, Hadsch, gefeiert wird, geht zurück auf die Opferung Ismaels durch Ibrahim (Abraham), im Koran in Sure 37 erzählt. Als Gott Ibrahams Gehorsam sah und ihm Einhalt gebot, opferte er aus Dankbarkeit einen Widder. Und deswegen ist es die Pflicht der Muslime in aller Welt, zur Feier des Festes ein Tier zu opfern, sofern es ihnen finanziell möglich ist, Freunden und Verwandten davon zu geben sowie den Armen und Bedürftigen. Diese Tiere müssen rituell geschächtet sein, weil man das Fleisch nicht zusammen mit dem Blut essen darf (Gen. 9,3f; Dtn. 12,21ff). Hier haben wir einen archaischen Brauch, der auf die Ablösung des Menschenopfers durch das Tieropfer zurückgeht. Selbst im Christentum ist er noch erkennbar, insofern zu Ostern besonders im orthodoxen Bereich ein Lamm geschlachtet und im Kreis der Familie verzehrt wird – in Erinnerung an Christus, das für uns bildlich geopferte Lamm Gottes, das unsere Sünde trägt (s. EG 190).

Das Schächten erfolgt ohne vorgängige Betäubung des Tieres, da diese es verunreinigt. Tötung ohne Betäubung aber ist in Deutschland nicht erlaubt .Und daher ist das Schächten in Deutschland verboten (die Nazis hatten es als eine ihrer ersten Maßnahmen 1933 abgeschafft), die Einfuhr von geschächtetem Fleisch aus dem Ausland ist hingegen gestattet. Aus religiösen Gründen können jedoch Ausnahmegenehmigungen vom Schächtverbot erteilt werden. Juden erhielten diese Genehmigungen, Muslime hingegen nicht. Sie schächten in der Regel nach einem Gebet mit einer kurzen elektrischen Betäubung des Tiers.

Nach Aufnahme des Tierschutzes als Staatsziel in Art. 20a GG hat das Bundesverwaltungsgericht in einem Urteil vom November 2006 nicht ausgeschlossen, dass einem muslimischen Metzger eine Ausnahmegenehmigung zum betäubungslosen Schlachten (Schächten) erteilt werden kann, um seine Kunden entsprechend ihren Glaubensüberzeugungen mit Fleisch zu versorgen (ähnlich BVfG Urteil 15.1.2002 wg Art.4 GG). Und in einem Verwaltungsgerichtsurteil vom Juli 2011 wurde einem muslimischen Metzger in Bayern erlaubt, Lämmer zu schächten.

Ca. 1 Mio. Lämmer werden anlässlich des Opferfests allein in Deutschland geschlachtet. Die wenigsten Muslime verlangten nach Auskunft der Fleischer-Innung geschächtetes Fleisch. Tierfreunde und -schützer streiten darüber, ob das Schächten den Tieren mehr Schmerzen zufügt. Angesichts des großen Fleischkonsums, der riesigen Fleischindustrie hierzulande mit ihrer Massentierhaltung und der quälerischen Tiertransporte ist die Frage des Schächtens ohnehin eher marginal, aber sie bewegt die Gemüter, weil es um einen fremden Brauch geht.

 

Trotz Säkularisierung – religiöse Vielfalt als Fortschritt

Religionsbräuche sind notwendig partikular, sie legen Zeugnis ab von der Vielfalt der Religionen und der unterschiedlichen Verehrung des einen Göttlichen. Die im Gefolge der Religionskriege entstandenen religiös einheitlichen Territorien gehören der Vergangenheit an – soll man sagen: Gott sei Dank? Denn eine Einheitsreligion ließ sich immer nur mit Zwang durchsetzen und zog viel Leid nach sich, man denke nur an die Vertreibungen der Andersgläubigen. Die Flüchtlingsströme aus dem Osten nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Bundesländer dann zwar konfessionell durchmischt. Aber die religiöse Landschaft in der Bundesrepublik, mit den beiden großen Kirchen, die 85% der Bevölkerung umfassten, blieb noch in den 1950er, 60er und 70er Jahren relativ einheitlich. Es gab eine funktionierende kirchliche Parallelgesellschaft in der Bonner Republik – vom Kindergarten über das Jugendfreizeitheim, die Gemeindeschwester, den Jugenddiakon, das Krankenhaus, die Mütterkreise und Frauenhilfe bis hin zum Altenheim: kirchliche Parallelwelt im nachtotalitären Biedermeier.

Vor allem die Migrationsbewegung, die in Europa in den 1960er Jahren einsetzte, hat dieses noch relativ einheitliche Bild zusammen mit Säkularisierung und Kirchenaustrittsbewegung einschneidend verändert. Die alte, eng gefügte kirchliche Lebenswelt ist in den Städten schon längst zerfallen, und auch in Kleinstädten und auf dem Land löst sie sich zunehmend auf. Die Republik ist auch sichtbar multireligiös und kulturell geworden. Das hat vor allem mit dem Zuzug von über 3 Mio. muslimischer Menschen zu tun, aber auch mit der Einwanderung von Katholiken verschiedenster Nationalität, dem Zuzug der Russlanddeutschen und, besonders hoffnungsvoll zu betrachten, der osteuropäischen Juden, den Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem Vorderen Orient, schließlich der Migrationsbewegung aus Afrika.

Hinzu kommt zweitens, dass diejenigen, die bisher als „Deutsche“ identifiziert wurden, immer seltener noch eine deutliche Mehrheit darstellen. Diese Entwicklung verbirgt sich – für den urbanen Raum, was sich aber verallgemeinern lässt – hinter dem zunächst paradox erscheinenden Begriff der majority minority cities. In „Mehrheitlich Minderheiten-Städten“, Amsterdam ist so eine Stadt, gibt es (absolut gesehen) keine ethnisch definierbare Mehrheit mehr. Und: An die Stelle der früheren Mehrheitsbevölkerung tritt keine neue Mehrheit.

In Deutschland stehen vor allem süddeutsche Städte bereits an dieser Schwelle: Frankfurt/Main und Stuttgart, aber auch Städte wie Augsburg und Nürnberg haben einen Anteil der Bevölkerung „mit Migrationshintergrund“ (ein Begriff, der im Übrigen die letztlich fehlgeleitete, weil unveränderliche ethnische Definition von „deutsch“ verkörpert) von gut über 40% – Tendenz auch hier steigend.

Diese demografische Veränderung wächst von unten auf – je jünger, desto vielfältiger. Sie ist auch nicht in erster Linie das Ergebnis jüngerer Entwicklungen wie z.B. dem Zuzug von Geflüchteten, sondern der „Sedimentierung“ von Migrationen, die z.T. schon Jahrzehnte zurückliegen. In einer superdiversen Gesellschaft verlieren übrigens auch geläufige Vorstellungen von Integration ihre Bedeutung. Es wird mehr und mehr unklar, entgegen der identitären Forderungen der AfD, wer sich wo und wie zu integrieren hat.

 

Veränderung einer religiösen Landschaft

Das hat Folgen für das religiöse Erscheinungsbild in Deutschland. Erstaunlich was sich da in den letzten 50 Jahren vor unseren Augen an Wandel vollzogen hat. Eine erste wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Veränderungsprozesses lieferte 1994 das Hamburger Religionsatlas genannte Lexikon der Hamburger Religionsgemeinschaften, initiiert von W. Grünberg. Über 100 organisierte religiöse Gemeinschaften wurden befragt und konnten sich selbst darstellen. Es war also keine Apologetik bzw. negative Bewertung der anderen Religionen aus Sicht des christlichen Glaubens. Die Erhebung war von Respekt geprägt, was in den Kirchen einige verärgerte.

Angesichts der Präsenz des Islam wird leicht übersehen, dass die Zuwanderung auch zu einer weiteren Differenzierung innerhalb der Christenheit beitrug. Denn es kamen nicht nur Kopten, Armenier, Serben, Koreaner oder Indonesier, sondern serbische und rumänische Orthodoxe, ukrainische Katholiken, armenische und koptische altorientalische Kirchenmitglieder, syrische und äthiopische Orthodoxe, schwarze Baptisten und Methodisten, reformierte Indonesier, koreanische Presbyterianer. Es gibt ca. 50 Neugründungen schwarzer Kirchen in Hamburg; also: das Phänomen kleiner indigener Kirchen in Afrika, die noch schneller wachsen als die Pfingstkirchen, zeigt sich auch bei uns. Ein wahrhaft ökumenisches Pfingstwunder findet jeden Sonntagmorgen in Hamburg statt, wenn sich all diese verschiedenen Denominationen zum Gottesdienst versammeln und in vielerlei Zungen das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser sprechen – ein postmodernes „Brausen vom Himmel“ „und sie fingen an, in andren Sprachen zu predigen, wie der Geist es ihnen eingab“. Man darf eben nicht nur auf die oft dürftig besuchten Gottesdienst der Lutheraner schauen (knapp unter 40% der Hamburger sind hier noch Mitglied), sondern muss diese konfessionelle Vielfalt in den Blick nehmen.

Die Religionssoziologie stellt fest, dass der scheinbar unumkehrbare Prozess der Säkularisierung, den man besonders in Städten wie Hamburg beobachtete, in dieser Hinsicht gestoppt ist. Insgesamt hat sich die Zahl der religiös orientierten Menschen in den letzten 20 Jahren nicht verringert. Schien zunächst die „Rückkehr der Götter“ mit esoterischen Kleinstgruppen, spirituelle Zentren und sog. Jugendsekten gekoppelt zu sein, so zeigt sich heute, dass nicht die neureligiösen Gruppierungen wachsen, sondern die Denominationen und Fraktionen der klassischen Weltreligionen, die weitaus den größten Teil der religiös orientierten Menschen bei sich versammeln.

Es gibt aber bei einheimischen Lutheranern und auch bei Katholiken kaum wachsende Gemeinden. Die Bedeutung der beiden großen Konfessionen verdankt sich stark ihrem Engagement auf sozialem und politischem Gebiet. Eine Studie der Ruhr Universität Bochum aus dem Jahr 2008 beschreibt die Religiöse Vielfalt in Nordrhein-Westfalen. Ihr Herausgeber Volker Krech merkt an: „Es gibt Anzeichen für die Vermutung, dass die Religion dann an Bedeutung in der Selbst- und Fremdwahrnehmung gewinnt, wenn vor dem Migrationshintergrund entstehende Problemlagen nicht anders zu lösen sind. Dann besinnt man sich auf die Herkunftstraditionen, zu der offenbar insbesondere die Religion gehört, und schließt sich einer entsprechenden religiösen Organisation an.“

Dieses Phänomen war auch im 19. und 20. Jh. in den USA zu beobachten. Max Weber sah in den religiösen Denominationen der Einwanderer den Prototyp der voluntary associations und damit der Fundamentaldemokratisierung. Also, Religion als Lebensbewältigungshilfe in der Immigration, als ein „Stück Holz zum Festhalten“ (Kant) in der Fremde, die langsam auch über Religion zur Heimat wird, die aber damit die indigene Mehrheitsreligion mit fremden religiösen Bräuchen konfrontiert. Dies als Lebenshilfe zu lesen wäre die Bewährungsprobe für die Toleranz der einheimischen Christen.


 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. theol. Hans-Jürgen Benedict, Jahrgang 1941, 1980-1991 Pfarrer in Hamburg, 1991-2006 Prof. für Diakonische Theologie an der Evang. Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie Hamburg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 8/2021

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