Bemerkungen zur Textgestalt des „Taufbefehls“ nach der Bibelrevision von 2017

Die Lutherbibel in der Fassung von 1984 sollte im Blick auf das große Reformationsjubiläum 2017 zunächst einer Durchsicht, dann aber doch einer umfassenden Revision unterzogen werden. Der neue Revisionstext sollte „wissenschaftlich präzise“ und zugleich „sprachlich treffend“ ausfallen. Signifikante Übersetzungsfehler sollten korrigiert werden. Die EKD als Herausgeberin beschloss 2010, die Lutherbibel im Lichte neuer Forschungserkenntnisse in Theologie und anderen Disziplinen abermals zu überprüfen. Die Besonderheit dieser Revision sollte darin bestehen, dass die jeweilige zeitgemäße Anpassung bei früheren Revisionsentscheidungen weg von Luther (1892, 1912, 1975) wieder rückgängig gemacht werden sollte: Zurück zu Luther! Dadurch sollte die Sprachkraft, Poesie und Diktion der Lutherübersetzung bewahrt werden und erkennbar bleiben. Das Ziel war deshalb eine behutsame (Wieder-)Annäherung an die ursprüngliche Fassung der Lutherübersetzungen, die ja auch schon zu Luthers Zeiten, also auch schon vor 1545) immer wieder Veränderungen erfahren haben. Im Grunde handelt es sich bei dieser Revision weitgehend um eine Re-Revision.

 

Größtmögliche Nähe zur Sprache Martin Luthers

Am 11. Juli 2021 (für den 6. Sonntag nach Trinitatis) ist unter der Überschrift „Leben aus der Taufe“ in der dritten Perikopenreihe der sog. „Taufbefehl Jesu“ als Predigttext vorgeschlagen: Mt. 28,16-20. Was ist zum Übersetzungstext im Licht und im Spiegel der Revisionsgrundsätze für die Fassung von 2017 zu bedenken und zu bemerken?

Zunächst ist festzustellen: Der Wortlaut und die Gestalt des Textes haben eine größtmögliche Nähe zur Sprache Martin Luthers. Es gibt wohl kaum einen Bibeltext von so zentraler Bedeutung, der zugleich in seinem Bedeutungsgehalt wie in seiner Textgestalt unverrückbar im kollektiven Gedächtnis der Gemeinde seit Luther verankert ist wie eben „Matthäi am Letzten“: „Mir ist gegeben alle Gewalt …“. Der Luthertext hat sich nahezu unverändert über die Jahrhunderte hinweg eingeprägt und erhalten. So gesehen gibt es also weder eine Annäherungsmöglichkeit noch einen Annäherungsbedarf an die ursprüngliche Lutherversion. Das Gewicht dieser Tradition wiegt schwer.

Aber es gibt auch eine Reihe anderer Gesichtspunkte, die nicht minder bedeutend und gewichtig sind. So gut wie alle nach- und nichtlutherischen, „modernen“ Übersetzungen sprechen an dieser Stelle wenn nicht von „Gewalt“, dann von „Macht“: „Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden.“ Die Macht-Terminologie entspricht in der Tat weit besser dem griechischen Urtext, auch dem heutigen Sprachgebrauch – als Beispiel für viele nenne ich den NTD-Kommentar von Eduard Schweizer (1973).

εξουσία meint in der überwiegenden Mehrheit der Belegstellen nun eben nicht „Gewalt“ im heute üblichen Sinn und vorherrschenden Sprachgebrauch, sondern meint „Macht“ und „Vollmacht“ und ist mit dieser Übersetzung weit näher an der griechischen Bedeutung als das Wort „Gewalt“. Der Wortgebrauch „Gewalt“ schwankt in der deutschen Sprache zwischen den Ableitungen „gewaltig“ und „gewaltsam“ hin und her. Eindeutiger ist hier zweifelsohne das Wortfeld „Macht“, „Machtbereich“ und „Vollmacht“. Die Tatsache, dass es im Deutschen den demokratisch orientierten und auf die Machtkontrolle zielenden Fachbegriff der „Gewaltenteilung“ gibt, bietet keine Hilfe in der Spur des Wortes „Gewalt“, wie es im biblischen Textwort verwendet wird und gemeint ist.

 

Auf den Sprachgebrauch sehen

Die Übersetzungsaufgabe ist nie fertig, nie am Ende. Dabei ist immer auch auf die Redeweise der Leute zu achten und den Menschen „aufs Maul zu schauen“. Luthers Rat lautet deshalb: man soll „auf die Sprache sehen, was da für eine Weise, Brauch und Gewohnheit ist zu reden“ (Vom Abendmahl Christi, Bekenntnis (1528), Clemen III, 462).

Mit Luther (und ggf. im Ergebnis gegen die heutige Verwendung seines Wortes „Gewalt“) ist zu entscheiden, welcher Begriff dem Urtext und dem heute und in absehbarer Zukunft vorherrschenden Bedeutungsgehalt, dem Geist des Evangeliums, dem matthäischen Gesamtzusammenhang und dem Kontext der Bergpredigt am ehesten entspricht: „Gewalt“ oder „Macht“?

Das Verharren auf der Tradition der lutherischen Übersetzung wird weder Luther gerecht, noch den Revisionsgrundsätzen und den selbstgewählten Revisionszielen. Denn das Wort „Gewalt“ ist in unserem Zusammenhang, so meine These, weder „wissenschaftlich präzise“ noch „sprachlich treffend“. Wenn der auferstandene Christus Macht erhält im Himmel und auf Erden, dann wird diese Macht sichtbar und spürbar auch darin, dass er bei uns ist alle Tage bis an der Welt Ende.

 

Eine Chance verpasst

Die mit der Revision beauftragten ca. 70 Theologinnen und Theologen haben an dieser Stelle die Chance vertan, dem Evangelientext eine Gestalt zu geben, die dem griechischen Urtext, der wissenschaftlichen Erkenntnis und dem heutigen und zukunftsweisenden Wortgebrauch am besten dient. Die verpasste Chance besteht darin, dass nun das Wort „Gewalt“ im Gebrauch der Gemeinde, in Gottesdienst und Katechese (RU/KU) und in der Taufagende weiterhin und auch künftig gebraucht werden soll und diese Diktion über Generationen (!) hinweg kirchenamtlich unverrückbar und festgeschrieben bleibt.

Das Bibelwort gehört, immer noch, zur „eisernen Ration“ biblischen Wissens und, weithin und weiterhin, zum Memorierstoff biblischer Katechese. Wegen dieser Breiten- und Langzeitwirkung ist bei der Übersetzung, bei dem Gebrauch und bei der Interpretation dieser Textstelle besondere Sorgfalt geboten. Wenn man die Wortentscheidung der Revisionskommission ernst nimmt, dann stellen sich auch Fragen, z.B.: Wie soll man das nun weiterhin kirchenamtlich vorgeschriebene Wort „Gewalt“ mit der „Botschaft der Bergpredigt“ zusammenbringen? Wie wird man glaubwürdig noch von der gepredigten und gelebten „Gewaltlosigkeit“ Jesu sprechen können, die Orientierung und Leitlinie ist für die Haltung und das Verhalten der Christen im Alltag, in Gesellschaft und Politik?

Im pfarramtlichen, auch im öffentlichen Gebrauch, so meine Empfehlung, werden wir beharrlich die Wortentscheidung „Macht“ bevorzugen. Wer möchte, kann das Wort „befohlen“ auch noch ersetzen mit dem Wort „geboten“; darin sind Anklänge enthalten an die „Gebote“, die Jesus geboten hat, und an das „Angebot“, das er seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern verspricht. Das biblische Verheißungswort ist ein Machtwort ohne Gewalttätigkeit. Es hat folgenden Wortlaut:

Christus spricht: Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Hartmut Fritz

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2021

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