Am 21. Oktober hat die badische Landessynode die „Synodale Erklärung zur Begegnung von Christen und Muslimen“ angenommen. Ein Mitglied der Vorbereitungsgruppe, der sich an Schrift und Bekenntnis orientiert, kommentierte zufrieden die vorausgegangenen Beratungen einer sehr unterschiedlich besetzten Arbeitsgruppe mit den Worten: „Es geht doch!“ Gernot Spelsberg antwortet darauf: „Nein, es geht nicht!“

 

Auftrag der badischen Landessynode war es, eine kurzgefasste, die unterschiedlichen Positionen möglichst integrierende Neufassung des stark in die Kritik geratenen „Gesprächspapiers“ des Oberkirchenrates zum christlich-islamischen Dialog zu erstellen. Der zentrale Satz darin lautete: „Wir glauben an denselben Gott“. Er „grundierte“ das ganze Papier.

Es war zu hoffen, dass das von der Synode in Auftrag gegebene Folgepapier nicht lediglich die zutage getretenen Profile glattschleift, sondern der Synode die Möglichkeit gäbe, darüber nun auch qualifiziert zu entscheiden. Es lagen zur Beratung sehr positive und sehr kritische Stellungnahmen aus Gemeinden und Bezirken und aus der Fachwissenschaft vor. Entsprechend waren auch die Präferenzen in der paritätisch besetzten Arbeitsgruppe vertreten.

Dass es bei derart weit auseinanderliegenden Positionen dennoch möglich war, aufeinander einzugehen und beieinander zu bleiben, ist verständlicherweise mit Erleichterung auf allen Seiten wahrgenommen worden. Insofern verstehe ich den Ausruf: „Es geht doch!“ Dennoch muss ich dem entgegensetzen: „Nein, es geht nicht!“

 

I  Glauben Christen und Muslime an denselben Gott? – Keine offene Frage

Nach offenbar heftigen Beratungen zur Frage, ob wir mit den Muslimen an denselben Gott glauben, hat man sich auf den Kompromiss geeinigt, das sei eine offene Frage. Das wird in einem knappen Satz, den man fast überlesen kann, geradezu beiläufig mitgeteilt (S. 2 der Synod. Erklärung). Aber an dieser Frage entscheidet sich alles. Und tatsächlich hatten alle strittigen Impulse des „Gesprächspapiers“ hier ihre Wurzel und wären ohne die Behauptung, wir glaubten an denselben Gott, gar nicht denkbar gewesen.

Verständlich, dass um den Erhalt dieses Grundsatzes gekämpft wurde, stünde doch mit seinem Wegfall alles auf dem Spiel, was das Gesprächspapier gewollt hatte. Seine Beibehaltung aber hätte starken Protest im Namen von „Schrift und Bekenntnis“ ausgelöst. Der Kompromiss war der Ausweg aus diesem Dilemma.

Bei der allseitigen Zufriedenheit über die erreichte Harmonie übersehen die Vertreter von „Schrift und Bekenntnis“ freilich, dass das Gesprächspapier des Oberkirchenrates leider nicht von diesem selbst zurückgenommen wurde und auch diese „Synodale Erklärung“ keinerlei Distanzierung enthält. So bleibt es jedem unbenommen, mit dem Gesprächspapier und seinen Prämissen in unserer Landeskirche munter weiterzuarbeiten, etwa als Grundlage für religionspädagogische Entwürfe, interreligiöse Gottesdienste usw. Kein Synodalbeschluss stünde solchen Bestrebungen, etwa des Oberkirchenrates, entgegen. Und es ist zu erwarten, dass die Vertreter des Gesprächspapiers ihre Agenda weiterverfolgen werden, nach dem Vorbild anderer Landeskirchen.

Der nächste Schritt, der sich nahelegt, wäre ein Verbot der Mission unter Muslimen, denn die wäre eine Störung des friedlichen Miteinanders, und überhaupt: „wir glauben doch an denselben Gott“. Und wenn das stimmt, sind dann nicht Taufen ehemaliger Muslime ein Affront gegen den christlich-islamischen Dialog, so wie ihn das Gesprächspapier versteht? Ich phantasiere nicht. Manches zeichnet sich bereits ab.

Nein, wer in der Diskussion Schrift und Bekenntnis vertreten hat, kann nicht zufrieden sein damit, dass die Frage, ob wir an denselben Gott glauben, offengelassen wurde. Damit steht in Wahrheit auch die Tür zur weiteren Nutzung des Gesprächspapiers und seiner irreführenden Meinungen weit offen. Im Hinblick darauf, dass das Papier im Sommer 2019 nur „zur Seite gelegt“ wurde, aber seine Gedanken nun jederzeit reaktiviert und auch EKD-weit aufgenommen werden können, gebe ich einige grundsätzliche theologische Einwände zu bedenken.

 

II  Ein ursprünglich koranisches Motiv

Dass wir an denselben Gott glauben, ist ein ursprünglich koranischer Gedanke. Mohammad sagt den „Schriftbesitzern“, also Juden und Christen: „Unser Gott und euer Gott ist Einer“ (vgl. Sure 2,163; 37,4; 112). „Und wir sind ihm ergeben (wörtlich: Muslime).“ Das ist keine neutrale, auf Harmonisierung gerichtete Dialog-Aussage, sondern die Aufforderung, sich dem Einen zu ergeben, und das heißt, Muslim zu werden. Denn nur die Muslime bewahren die ursprüngliche Gottesoffenbarung, wie sie Abraham, der Ur-Muslim, empfangen und verkündet hat. Die beiden anderen monotheistischen Religionen haben viel hinzugefügt und weggelassen. Insofern wird schnell klar, wohin die interreligiöse Reise zu gehen hat: zu den „muslimischen“ Wurzeln.

Wenn man sich als auf Frieden bedachter christlicher Theologe darauf einlässt, überlässt man den christlichen (wie den jüdischen) Glauben einer totalen Reduktion: Alles, was nicht „abrahamisch“, d.h. islamisch ist, gehört nicht zur ursprünglichen Gottesverehrung. Also wird bestritten: die Gottessohnschaft Jesu, sein Kreuzestod, sein stellvertretendes Leiden, seine Auferstehung vom Tod, die durch ihn erwirkte Vergebung und Erlösung, seine Einheit mit dem Vater im Heiligen Geist, also fast das ganze Glaubensbekenntnis, bis auf den 1. Artikel – und in ihm wird „Vater“ gestrichen. Mit der Übernahme der koranischen Überzeugung vom Glauben an denselben Gott begibt man sich folglich per reductionem auf einen Abweg vom christlichen Bekenntnis.

 

III  Ein „Dokument der Unterwerfung“

Die zusätzliche (alternativlose) Empfehlung einer reziproken (wechselseitigen) Inklusivität hat diese Tendenz massiv verstärkt, bedeutet sie doch die Aufforderung zur Selbstrelativierung des eigenen Glaubensbekenntnisses – und „fremde Wahrheiten“ zu integrieren. So wurde das Gesprächspapier zu einem „Dokument der Unterwerfung“, wie es der moslemische (!) Islamwissenschaftler Dr. Ourghi es bezeichnet hat.

Es ist wie beim Zuknöpfen einer Jacke, wenn schon der erste Knopf ins falsche Loch gerät. Die anderen werden folgen. Und es ist zu fragen, wo denn das christliche Zeugnis „eingebracht“ werden kann in dieser Fülle von Abwehr. Beginnen wir den Dialog mit „GOTT“ (wie es das Gesprächspapier und dessen theologische Logik nahelegen), so ist unser Bekenntnis: In Jesus erfüllen sich alte, auch Abraham gegebene Prophetien. Deshalb blicken wir nicht nur auf den „Vater des Glaubens“ zurück, sondern blicken mit ihm – durch die Offenbarungsgeschichte des Volkes Israel hindurch – auf die unüberbietbare neue Offenbarung, die allen Völkern gilt (auch den arabischen, auch den muslimischen!): „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“ So erkennen wir GOTT.

Hier eröffnet sich ein gar nicht intellektueller, sondern sehr existentieller Zugang zum christlichen Glauben – gerade auch für Muslime, die sich nach Gewissheit der Vergebung sehnen. Und deshalb werden wir ihnen – auch in einem schwierigen Dialog – so begegnen, dass sie verstehen: „Wir sind Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2. Kor. 5,19.20)

 

IV  Die falsche Matrix

Die Übernahme aber der koranischen Überzeugung von dem Einen Gott in den drei monotheistischen Religionen führt von Anfang an tendenziell weg vom christlichen Glauben. Dem entspricht, dass das Gesprächspapier beginnt mit der Zitierung der „Fathia“: „Im Namen Allahs…“ und dazu ausführt: „An ihr wird sich in hohem Maße der Wegverlauf im Gespräch unter Christen und Muslimen entscheiden.“ Und nach der dann folgenden Zitierung der „Shahada“, dem muslimischen Bekenntnis „Es ist kein Gott (Allah) außer Gott (Allah), Mohammad ist Gottes (Allahs) Gesandter“ wird erklärt: „Von diesen Grundlagen her ist ein weites Spektrum der Dialogfelder eröffnet.“ So wird ganz klar: Auch die „Matrix“, die Vorlage für den Dialogweg, wurde im Koran gesucht und gefunden.

Die Trias aus koranischem „Grund-Satz“, islamischer „Matrix“ und „reziproker Inklusivität“ geht eindeutig zu Lasten des christlichen Bekenntnisses. Das Ganze ist für sehr viele Christen in unserem Land und darüber hinaus in der Weltökumene ein Affront, der eher zur Abkehr als zum Mitgehen führt.

Und für unsere Täuflinge aus dem Islam wäre es eine ganz schlimme Zumutung. Ihnen würde nahegelegt, Gott und Allah, die sie in tiefen, lebensverändernden Erfahrungen unter Lebensgefahr zu unterscheiden gelernt haben, in eins zu sehen. Damit wären sie wieder mit dem konfrontiert, der für „Abgefallene“ wie sie, den Tod befohlen hat. – Nach schlimmen Mobbing-Erlebnissen durch Muslime in den Heimen wäre das eine weitere Erfahrung, dass ihnen der Islam „nach Deutschland gefolgt“ ist!

Eine von Schrift und Bekenntnis abirrende Weggemeinschaft mit Muslimen, bei der wir darüber hinaus noch ermuntert werden, unser eigenes Bekenntnis, wenn nötig, zu relativieren und fremde, auch gegensätzliche „Wahrheiten“ zu übernehmen, kann den Gemeinden mitsamt ihren Konvertiten von der Kirchenleitung nicht zugemutet werden. Die „Synodale Erklärung“ hätte in eigener geistlicher Verantwortung eine Abweisung formulieren müssen.

Die neue Synode kann hier ihr Wächteramt wahrnehmen, indem aus ihr heraus den vorhersehbaren Bestrebungen widerstanden wird, welche die oben genannte „Trias“ weiterhin implementieren wollen: in religionspädagogischen Entwürfen, dialogischen Projekten, Gottesdiensten, Events usw. Die neue Synode sollte nun aber auch die unbestreitbar wichtige Aufgabe des interreligiösen Gespräches und des praktischen Miteinanders aus den Ressourcen unseres Glaubens neu aufgreifen und gestalten.

Gernot Spelsberg

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Gernot Spelsberg, Beauftragter der Johannesgemeinde Ettlingen für Taufunterricht (2012-2019) und Betreuung von Konvertiten aus dem Islam.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2021

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