Vor 75 Jahren wurde mit dem Pastoralkolleg der bayerischen Landeskirche die erste Fortbildungseinrichtung für Pfarrer in Deutschland begründet. Teilweise in Kooperation mehrerer Landeskirchen gehören heute, einschließlich des Theol. Studienseminars der VELKD in Pullach, zehn solcher Einrichtungen zur Konferenz der deutschsprachigen Pastoralkollegien. Frank Zelinsky nimmt das Jubiläum zum Anlass, die Chance dieser Arbeit in der gegenwärtigen Situation der Kirche auszuloten. Folkert Fendler nimmt weiterführend die aktuelle Profilpalette der Pastoralkollegien in den Blick und skizziert Grundpfeiler einer soliden pfarrberuflichen Fortbildung.1

 

Vor 75 Jahren, am 12. Februar 1946, wurde mit dem Pastoralkolleg der bayerischen Landeskirche die erste Fortbildungseinrichtung für Pfarrer in Deutschland kirchenrechtlich begründet. Ein erster Kurs für kriegsheimgekehrte Pfarrer wurde bereits vom 1.-19. Oktober 1945 durchgeführt: Die wollten damals eigentlich nur nach Hause. Vermeintlich wichtigere Aufgaben drängten sich auf. Heiz- und Baumaterial musste beschafft, die Lebensmittelversorgung gesichert werden. Häuser, die zerstört waren, mussten aufgebaut und Gemeinden, die zerstreut waren, gesammelt ­werden.

Die äußeren Verwüstungen sollten rasch beseitigt werden. Für die inneren Verwüstungen und Verunsicherungen war weniger Aufmerksamkeit und Zeit. Georg Merz, während der Kriegsjahre Dekan in Würzburg, erhielt deshalb den Auftrag von Landesbischof Meiser, Kurse für kriegsheimkehrende Pfarrer durchzuführen. Merz plante sie in der Überzeugung, dass jedes äußere Engagement mit einem inneren Weg beginnt.

Einen geschützten Raum sollten die Kurse bieten, in dem ausgesprochen werden konnte, was diese Männer erlebt hatten, in dem das Vertrauen auf Gott erneuert werden konnte, bevor sie, zurück in ihren Gemeinden, Andere zu diesem Vertrauen einluden. Und in dem nach einer neuen Vergewisserung gesucht werden konnte für das, wofür sie einmal angetreten waren, als sie Pfarrer wurden.

 

Kurse als geistliche Gemeinschaft

Georg Merz, als junger Pfarrer theologisch und freundschaftlich verbunden mit Karl Barth und Mitherausgeber der Zeitschrift „Zwischen den Zeiten“, später geprägt durch die tiefe Freundschaft mit Friedrich von Bodel­schwingh, hatte einen klaren Blick dafür, was das Herz dieser Kurse sein sollte: „Man wird gut daran tun, zwei Stunden des Tages auf eine gemeinsame Betrachtung des Schriftwortes zu verwenden und die doppelte Zeit frei zu lassen für die Vorbereitung auf den jeweiligen Schriftabschnitt und die persönliche Verarbeitung dessen, was im gemeinsamen Forschen gefunden wurde“2 – so skizziert er im Juni 1945 die geplanten Pfarrerkurse. Gleichzeitig hat er schon in diesen ersten konzeptionellen Grundlegungen die Kurse als geistliche Gemeinschaft verstanden: „Es muss in einem solchen Pfarrerkurs durch die Art der Gemeinschaft etwas von dem sichtbar werden, was man geistliche Lebenshaltung nennt … Sie darf also nicht akademisch sein, sie darf erst recht nicht als eine ‚konsistoriale Maßnahme‘ erscheinen, wir müssen vielmehr bereit sein, an diesem Stück gemeinsamen Lebens die Forderung einer echten societas fratrum … zu erfüllen.“3

Das Vertrauen auf die Schrift und das Vertrauen auf die Kraft der Gemeinschaft: diese Inspiration wurde in den Folgejahren von den meisten Gliedkirchen der EKD aufgenommen. Teilweise in Kooperation mehrerer Landeskirchen gehören aktuell, einschließlich des Theol. Studienseminars der VELKD in Pullach, zehn solcher Einrichtungen und die entsprechenden pastoralen Fortbildungsverantwortlichen in Österreich und der Schweiz zur Konferenz der deutschsprachigen Pastoralkollegs. Unsere Kulturen, Formate und Konzeptionen haben sich in den verschiedenen Landeskirchen unterschiedlich weiterentwickelt. In all unserer Buntheit sind wir aber der gemeinsamen Überzeugung, dass pastorale Fortbildung von wesentlicher Bedeutung ist in den Umbrüchen und Veränderungen in unseren Kirchen. 

 

Institutionelle Selbsterhaltungsreflexe genügen nicht

Wir bewegen uns in komplexen Problemfeldern. Eine vermeintliche Normalität, in die zurückzukehren man hoffen könnte, gab es schon vor der Pandemie nicht mehr. Die Bedingungen allerdings haben sich mit der Pandemie noch einmal verschärft. Der gesellschaftliche Relevanzverlust, die drastisch zurückgehenden finanziellen Mittel, der Mitgliederschwund, die bevorstehenden Ruhestandseintritte der geburtenstarken Jahrgänge, der geringe Nachwuchs junger Pfarrerinnen und Pfarrer – all das sind systemische Stressfaktoren, die ein ohnehin verbreitetes Erleben von Überforderung, Verunsicherung und Frustration bei Mitarbeitenden verstärken.

Was brauchen Mitarbeitende, um auch in Zeiten großer und häufig schmerzlicher Veränderungen gut, gerne und wohlbehalten ihren Dienst zu tun? Und was brauchen sie, um selber immer wieder zu dem Vertrauen auf Gott zurückzufinden, zu dem sie andere Menschen doch einladen wollen?

Institutionen und ihre Verantwortlichen reagieren mit institutioneller Logik: Strukturen werden angepasst, Organisationsformen überprüft, Einsparmöglichkeiten gesucht. Dass die teilweise schmerzlichen Entscheidungen, die damit verbunden sind und getroffen werden müssen, letztlich ökonomisch bedingt sind, gehört zur Wahrheit der anstehenden Umbrüche. Dass sie in unserer bayerischen Landeskirche aber im Kontext eines inhaltlichen Klärungsprozesses stehen, lässt den Blick weit über institutionelle Selbsterhaltungsreflexe hinausgehen.

„Profil und Konzentration“ ist eine Verständigung darüber, dass alle Organisationsfragen, Arbeitsformen und Ressourceneinsätze abgeleitet und begründet werden sollen aus dem Auftrag, Menschen mit ihren heutigen Lebensfragen einfache Zugänge zur Liebe Gottes zu ermöglichen. Die äußere Gestalt der Kirche soll in all ihren Erscheinungsformen und auf allen Ebenen diesem Auftrag entsprechen und dienlich sein. Damit hat sich eine Landeskirche als Institution ein kritisches Korrektiv auferlegt, das jede Form von anders begründeter Selbsterhaltungsdynamik verbietet.

Diese Verständigung ist in hohem Maße anspruchsvoll und versteht sich alles andere als von selbst. Der Verdacht, dass mit solchen Beschreibungen Kürzungen von Stellen, Stellenanteilen und Mitteln schön geredet werden sollen, begegnet immer wieder. Die Versuchung schön zu reden ebenso. Was also brauchen Mitarbeitende und was braucht eine Kirche, um in solchen Zeiten von Umbrüchen über ein reflexhaftes Agieren mit vertrauten Mustern hinauszugehen und neue Wege in eine veränderte Zukunft zu erkunden und zu wagen?

 

Respekt vor der Menschlichkeit

Die Kurse des Pastoralkollegs sind seit seinen Anfängen zuerst Ausdruck des Respektes vor der Menschlichkeit: Ruhe für Menschen, die erschöpft sind, Freundlichkeit und Fürsorge für die, die sich um Andere kümmern. Aufatmen. Heraustreten aus den Hamsterrädern, wenigstens für ein paar Tage. Offenheit erleben ohne Angst, stattdessen gegenseitige Unterstützung und Ermutigung. Auch in den Fragen, die ungeklärt sind, in den Erfahrungen, die wehtun, in den Zweifeln, die bleiben, und in den Widerständen, die erfahren werden. Gemeinschaft erleben jenseits von Aufgabenverteilung und Terminabsprachen. Als Einzelne und miteinander einfach Glaubende sein, Hoffende und Zweifelnde. Als Pfarrerinnen und Pfarrer reden wir so viel von Gott, wir lesen in der Bibel und beten – aber wir tun das meistens in unserer Rolle als Pfarrerinnen und Pfarrer. Wir möchten in unseren Kursen Raum und Zeit geben für den Menschen hinter seiner und ihrer Rolle.

Mit dem landeskirchlichen Prozess „Profil und Konzentration“ erinnern wir in der bayerischen Landeskirche an unseren Auftrag als Kirche. Im Pastoralkolleg bieten wir Raum und Zeit für die Innenperspektive dieser Verständigung. Bevor wir danach fragen, was wir tun sollen und können; um anderen „einfache Zugänge zur Liebe Gottes“ zu ermöglichen, fragen wir danach, welche Zugänge wir selber haben und brauchen. Und wie wir sie neu beleben können, wenn sie verschüttet wurden von Enttäuschung oder einfach nur Gewöhnung.

Gemeinsam möchten wir wiederentdecken, dass die Logik des Evangeliums eine andere ist als die unserer bewährten Institutionen, eingeübten Reflexe und tiefsitzenden Überzeugungen. Sie ist eine immer neue Zumutung, eine Provokation, die alles andere als harmlos ist und nicht gut taugt zu Selbstbestätigung. Sie führt uns Kinder vor und Vögel und Blumen, Huren, Betrüger und Andersglaubende, um unsere Selbstbilder zu erschüttern und zu verändern. Sie erinnert an einen Gott, der unterwegs ist und offenbar nicht gerne möbliert wohnt. Und der eine besondere Liebe zu denen hat, die am Rand stehen und sich unter ihnen, wie es aussieht, wohler fühlt als in der Mitte der (auch frommen) Gesellschaft. Der Menschen herausruft aus ihrem vertrauten Leben zu einem radikalen Vertrauen.

Wie tauglich sind wir als angestellte oder verbeamtete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Pensionsanspruch eigentlich noch, um diesen Ruf zu hören? Und wie können wir zumindest die Beunruhigung hören und die Zumutung, die das Evangelium bedeutet, ohne es gleich wieder einzupassen in unsere Welt, in der wir uns eingerichtet haben?

 

Ort der Beunruhigung

Das Pastoralkolleg will ein Ort sein für Mitarbeitende, um zur Ruhe zu kommen. Aber wie in seinen Anfängen will es auch ein Ort sein der Beunruhigung, des Fragens und der Klärungen: Wozu sind wir einmal angetreten, als wir Pfarrerinnen und Pfarrer wurden? Was ist daraus geworden? Und wie können wir neu aufbrechen mit einem Gott, mit dem wir im besten Sinne nicht fertig werden sollen? Als Pastoralkolleg wollen wir auch so etwas wie Sand im Getriebe sein und einer allzu raschen Operationalisierung unseres Auftrages entgegenstehen. Einfache Zugänge zur Liebe Gottes für Menschen ermöglichen. Das eröffnet vor allen Ideen erst einmal Fragen, auf die vermeintlich schnelle und selbstverständliche Antworten nicht ausreichen. Die Zeit beanspruchen. Und manchmal auch neue Räume und ungewöhnliche Begegnungen. Um dann auch neue, kühne Ideen zu entwickeln und zu Experimenten zu ermutigen.

In der alten Kirche bildeten sich die Klöster als solche Ruheorte einerseits und gleichzeitig als lebendige Beunruhigung einer Kirche, sich nicht selbst zu genügen. In den 1960er Jahren galt das bayerische Pastoralkolleg als „eine Art von Kloster für Pfarrer“. Die lebendige Beunruhigung erleben wir als bayerisches Pastoralkolleg sehr aktuell. Pandemiebedingt haben wir in unserem Jubiläumsjahr das „Haus der Stille“ in Neuendettelsau verloren, das uns fast 60 Jahre lang ein Zuhause war. Die Frage nach einem möglichen zukünftigen Standort stellen wir auch als Frage, ob wir überhaupt ein festes Haus brauchen – oder ob die neue Beweglichkeit unserer gegenwärtigen Situation nicht viel angemessener ist. Wir teilen diese Frage mit vielen Kirchengemeinden angesichts der Immobiliensituation und erleben sie nicht nur als Verlust. Was eröffnet sich an neuer Praxis, wenn alte, lange vertraute Rahmenbedingungen sich ändern?

Und für wen sind wir zukünftig da? Bisher waren Pfarrerinnen und Pfarrer unsere Zielgruppe. Wenn in Zukunft aber pastorale Verantwortung in den Gemeinden und Regionen zunehmend berufsgruppenübergreifend wahrgenommen wird, muss dann das Pastoralkolleg nicht zwangsläufig ein Ort für alle Mitarbeitenden in solcher Verantwortung sein? Und schließlich: Was bedeutet dieses Miteinander für das Selbstverständnis von Pfarrerinnen und Pfarrern? Wie können sie sich in solchem Miteinander ihrer neu „gewiss werden“ und „zu sich kommen“?

Im 75. Jahr seines Bestehens werden wir uns als bayerisches Pastoralkolleg neu bewusst, wie bedeutsam die Inspirationen seiner Gründung sind. Und dass wir sie neu buchstabieren müssen in veränderten Zeiten.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Frank Zelinsky, seit 2016 Rektor des Pastoralkollegs der Evang.-Luth. Kirche in Bayern in Neuendettelsau.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2021

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