In den biblischen Schriften ist Hunger kein Randphänomen, aber er wird oft überlesen. Die Armen in der Bibel und die Armen heute verbindet das Verlangen nach Brot, Gerechtigkeit und Leben. Luzia Sutter Rehmann möchte dafür den Blick schärfen: Wir müssen den roten Faden des Hungers im Auge behalten – während des Zeitungslesens und während des Bibellesens.

 

Hunger – kein Randphänomen

In den biblischen Schriften ist Hunger kein Randphänomen, aber er wird oft überlesen. Das hat mit uns als wohlgenährten Lesenden zu tun, deren Augenmerk nicht auf die materielle Not gerichtet ist. Wenn wir uns mit den Evangelien befassen wollen, müssen wir aber unseren Blick weiten. Sozialgeschichte fragt nach den konkreten Lebensbedingungen der Menschen.1 Diese in den Blick zu nehmen, verändert die Lektüre der Bibel.

Die Armut zur Zeit des Römischen Reiches war sehr groß. Auf dem Land wie in den Städten gehörten große Teile der Bevölkerung (Schätzungen sprechen von 96-99%) des Römischen Reiches zur Unterschicht. Eine eigentliche Mittelschicht gab es nicht. Steven Friesen begründet diesen Umstand damit, dass das römische Wirtschaftssystem durch eine Landwirtschaft geprägt war, die in der Hand einer kleinen Elite war.2 Dieses Wirtschaftssystem begünstigte die Vorherrschaft einiger weniger und führte zur Verarmung der Mehrheit. Die Zahlen sind eigentlich ungeheuerlich: 70% der Bevölkerung brachten sich schlecht und recht durch, das heißt, sie lebten am Existenzminimum oder darunter. Weitere 20% lebten am Existenzminimum (und nicht darunter). Eigentlich kann ich mir kaum vorstellen, wie ein solches Leben ist. Nur gerade 10% der Bevölkerung einer durchschnittlichen Stadt des römischen Reiches hatten genug zu essen.

Wir müssen also nicht nach einer außerordentlichen Hungersnot suchen, um von Hunger sprechen zu können. Mangelernährung war für die Armen ein Dauerzustand. Hungerkrisen im Winter und im Frühjahr, bevor die Erde wieder Frucht trug, waren normal. Hungrig ins Bett gehen zu müssen, war keine Seltenheit. Arme Schichten haben längst Hunger, wenn die Reichen noch im Überfluss leben. Die Armen trifft der Hunger immer zuerst. Ja, zu ihrem Leben scheint er geradezu zu gehören, wie Johannes Chrysostomos schrieb:

Könnte es aber noch ungerechtere Menschen (als die Besitzer von Grund und Boden, die von der Erde ihren Reichtum ziehen) geben? Wenn man nämlich untersucht, wie sie mit den armen und elenden Landleuten verfahren, kommt man zu der Überzeugung, dass sie unmenschlicher sind als Barbaren. Den Leuten, die ihr Leben lang hungern und sich quälen müssen, legen sie fortwährend unerschwingliche Abgaben auf, bürden auf ihre Schultern mühsame Dienstleistungen und gebrauchen sie wie Esel und Maultiere, ja wie Steine, gestatten ihnen auch nicht die mindeste Erholung, und gleichviel, ob die Erde Erträgnis abwirft oder nicht, man saugt sie aus und kennt keine Nachsicht ihnen gegenüber. Gibt es etwas Erbarmenswerteres als diese Leute, wenn sie sich den ganzen Winter über abgeplagt haben, von Kälte, Regenwetter und Nachtwachen aufgerieben sind und nun mit leeren Händen dastehen, ja obendrein noch in Schulden stecken, wenn sie dann, mehr als vor Hunger und Misserfolg vor den Quälereien der Verwalter zittern und beben, vor den Vorladungen, dem Einsperren, der Rechenschaft, dem Eintreiben der Pacht, vor den unerbittlichen Forderungen? Wer ist imstande, alle die Geschäfte herzuzählen, die man mit ihnen macht, all den Vorteil, den man aus ihnen zieht? Von ihren Arbeiten, von ihrem Schweiße füllt man Speicher und Keller, ohne sie auch nur ein Weniges mit heim nehmen zu lassen; man heimst vielmehr die ganze Ernte in die ­eigenen Truhen und wirft jenen ein Spottgeld als Lohn ­dafür hin.“3

Die Armen in der Bibel und heute verbindet das Verlangen nach Brot, Gerechtigkeit und Leben. Wir müssen den roten Faden des Hungers im Auge behalten. Während des Zeitungslesens und während des Bibellesens.

„‚Ein hungriger Mann ist ein wütender Mann, sagt man in Haiti. Nicht nur wütende Männer, auch wütende Frauen hatte der Hunger im Mai 2008 zunächst auf die Straße, dann auf die Barrikaden getrieben. Wenn der Reis doppelt so teuer ist, heißt das für die 80 Prozent der armen Haitianer nicht etwa, dass sie jetzt doppelt soviel bezahlen. Sie essen nur noch halb so viel.4

Damit möchte ich skizzieren, wie ich die biblischen Texte lese. Ich gehe vom Hunger aus, von der Armut, die von den Menschen als Unrecht erlebt wurde, ein Unrecht, das ihren Kindern Gewalt antat, das Gemeinschaft zerstört und die Zukunft gefährdet.

 

Hungeraufstand

Meistens sind es die Reichen, die Inschriften und Texte hinterlassen. Darum ist es außerordentlich, dass in der Bibel Stimmen von Armen überliefert sind. Ein eindrückliches Zeugnis liefert das Nehemia-Buch. In Neh. 5,2-5 hören wir von einem Hungeraufstand, das Volk protestiert im Zusammenhang von Schuldsklaverei und Hunger – und das im 5. Jh. v. Chr.:

Einige sagten: „Unsere Söhne und unsere Töchter, wir alle sind viele und wir wollen Getreide nehmen und essen und wir wollen leben!“ Andere sagten: „Unsere Felder, unsere Weinberge und unsere Häuser verpfänden wir, damit wir Getreide gegen den Hunger bekommen können.“ Wieder andere sagten: „Für die Steuer des Königs haben wir unsere Felder und Weinberge mit Geld beliehen! … Sieh doch: Wir müssen unsere Söhne und unsere Töchter zur Sklaverei erniedrigen. Einige unserer Töchter sind sogar erniedrigt worden, und wir haben nichts dagegen in der Hand! Unsere Felder und Weinberge gehören anderen.“ (Neh. 5,2-5)

Der Protest dreht sich um Hunger und Schuldsklaverei. Im Zentrum steht: „Wir wollen leben.“ Die Protestierenden argumentieren mit ihren Kindern, Söhnen und Töchtern. Darum stehen sie auf und wagen den Aufstand. Ihr zweites Argument ist: „Wir alle sind viele!“ Der Hunger betrifft also nicht nur einige, sondern sehr viele, ja alle. Hier geschieht Solidarisierung. Der Hunger betrifft „uns alle“. Auch wenn gleich danach unterschiedliche Gruppen zu hören sind. Die ersten sind die lautesten, die den Hungeraufstand anführen. Getreide nehmen und essen, fertig, Schluss! Die zweite Gruppe hat eine weitere Erklärung: Sie haben alles, was sie haben, verpfänden lassen, also versilbert. Sie mussten dies tun, um Getreide kaufen zu können. Doch wenn die Preise in die Höhe schnellen, ist das Geld weg, bevor der Bauch voll ist. Somit haben sie nun kein Land mehr und doch noch immer Hunger. Die Dritten haben ihr Land beliehen, damit sie Steuern zahlen konnten. Diese Gruppe hat also noch Landeigentum. Doch sie klagen: Die Zinslast ist so hoch, dass sie – obwohl sie theoretisch noch Landeigentümer sind – genau so wenig wert sind wie ihre armen Geschwister, die kein Land mehr besitzen (also Gruppe eins und zwei). Die Zinslast macht aus ihnen Sklaven.

Hier kommt die Schuldsklaverei in den Blick, die im alten Israel bis zur römischen Oberherrschaft System hatte. Die Steuerlast der kleinen Grundbesitzer führte dazu, dass viele Haushalte sich verschulden mussten. War die Familie nicht mehr in der Lage, gemeinsam die Steuerlast zu tragen, dann waren sie gezwungen, Darlehen aufzunehmen. Die Zinssätze dafür konnten bis zu 60% betragen. Um ein Darlehen zu erhalten, mussten Sicherheiten bestimmt werden. Als Sicherheitspfand wurden Familienmitglieder (Kinder, Geschwister, Ehefrauen) bestimmt, die, bei nicht bezahltem Zins, dem Gläubiger als Sklaven und Sklavinnen überlassen werden mussten. Schuldsklaverei war zur Zeit des Nehemia-Buches, aber auch zur Zeit der Evangelien weit verbreitet.

„Erlöse uns von unserer Schuld“ – so beten wir im „Unser Vater“. Genau genommen heißt es: „erlass uns unsere Schulden“ (Plural!). Im Kontext der Schuldsklaverei rufen die Menschen Gott an, ihnen die Kraft und die Mittel zu geben, ihnen die Sklaverei zu ersparen und ihren Kindern eine Zukunft zu eröffnen.

Der Hungeraufstand aus Neh. hilft, das „Unser Vater“ zu verstehen. Der Schrei nach Brot und Schuldenerlass ist das Herz des NT. Bei uns wird das „Unser Vater“ meist mit gesenktem Kopf gemurmelt. So wird das Gebet eine Mahnung zur Bescheidenheit. Der Schrei nach Gerechtigkeit wird auf diese Weise nicht weiter getragen. Im Gebet lebt aber das Wissen, dass es Unrecht ist, kein tägliches Brot zu haben. Dieses Unrecht wird Gott geklagt und gleichzeitig wird die Wut der Hungrigen kanalisiert, ausgerichtet auf etwas Gemeinsames.

 

Hungerschweigen

Nun kennen wir Bibellesenden heute den Hunger kaum. Wir wissen nicht, wie er sich auswirkt, wie er lastet, wen er wie trifft. Wenn Hunger in einer Bibelstelle vorkommt, heißt das für uns in der Regel nicht viel. Ein paar Verse später haben wir seine Erwähnung bereits vergessen. Zudem sind wir gewohnt, Hunger zu spiritualisieren. „Hungern und dürsten nach Gerechtigkeit“ (Mt. 5,6) sollte aber nicht metaphorisch verstanden werden. Denn Gerechtigkeit ohne Brot macht nicht satt, Brot ohne Gerechtigkeit stillt den Hunger nicht.

Ich möchte zeigen, wie das Suchen nach dem Hunger die Lektüre verändert. Wir benötigen dafür auch sozialgeschichtliche Informationen über die damaligen wirtschaftlichen, politischen, klimatischen Verhältnisse. Doch dazu kommt noch eine Klärung der Sichtweise: Wie lesen wir eigentlich? Dies ist die Frage nach der Hermeneutik. Die Tendenz, den Hunger nur dort zu thematisieren, wo er schwarz auf weiß greifbar ist, ihn am liebsten nur metaphorisch zu verstehen, seine Auswirkungen zu übersehen, seine Wucht und Dringlichkeit zu ignorieren, wird vielen biblischen Texten nicht gerecht. Vom Hunger auszugehen, ihn ernst zu nehmen, ihn nicht zu ignorieren verändert nicht nur unsere Sichtweise, sondern ermöglicht einen neuen Zugang zu den alten Texten. Dafür brauchen wir eine Hermeneutik des Hungers.5 Sie geht vom Hunger aus und dem Schatten, den er vorauswirft und hinter sich herzieht, mit dem er Menschen zum Verstummen bringt.

Hunger wirft seinen Schatten über Familien, Dörfer, Regionen. Diesen Schatten gilt es zu sehen. Die Bibel nennt diesen Hungerschatten Todesschatten, der eine ganze Region in Finsternis hüllen kann (Ps. 107,9-10). Auch wenn die Texte es vermeiden, direkt vom Mangel zu sprechen, so sind die Auswirkungen des Hungers als Angst, Wut, Aufregung zu sehen. Dieser Schatten macht den Text plastischer, die Sorge der Menschen und ihre Überlebensstrategien werden erahnbar. Hunger hat eine Schlüsselstellung in der Textur inne, wenn wir ihn erkennen, öffnen sich die Texte vor unseren Augen.

Nun ist es nicht leicht, den Hunger zu erkennen. Denn, wer den Hunger kennt, spricht nicht von ihm. Hunger verdirbt alles. Von ihm zu erzählen, geht fast nicht. Er raubt die Sprache, verschluckt Erinnerungen, frisst Worte. Der Roman „Atemschaukel“ von Herta Müller6 erzählt von einem russischen Hungerlager, in dem Rumän*innen zur Zwangsarbeit verpflichtet und sehr schlecht ernährt worden waren. Die Situation in einem Hungerlager ist nicht mit derjenigen in Palästina im ersten Jahrhundert zu vergleichen. Dennoch können wir von der Schriftstellerin vieles lernen, was uns auch bei der Bibellektüre helfen kann. Denn sie weiß, wie schlecht sich über Hunger reden lässt, wenn man Hunger hat:

Was kann man schon sagen über den chronischen Hunger. Kann man sagen, es gibt einen Hunger, der dich krankhungrig macht. Der immer noch hungriger dazukommt, zu dem Hunger, den man schon hat. Der immer neue Hunger, der unersättlich wächst und in den ewig alten, mühsam gezähmten Hunger hineinspringt. Wie läuft man auf der Welt herum, wenn man nichts mehr über sich zu sagen weiß, als dass man Hunger hat. Wenn man an nichts anderes mehr denken kann.“ (Ebd., 24-25)

Nur darf man über den Hunger nicht reden, wenn man Hunger hat.“ (Ebd., 90)

So ist es also elementar, das Hungerschweigen in den Texten zu hören. Wir müssen die Texte auf Hunger hin verdächtigen: Es ist nicht der Hunger, der uns beweisen muss, dass er da ist – wir müssen ihn lesen lernen, als Voraussetzung für Geschichten annehmen, ohne dass er sich offiziell im Text ankündigt. Das bedeutet nicht, dass man Hunger unbegründet unterstellt. Es braucht dafür Anhaltspunkte im Text und sozialgeschichtliche Informationen über die Entstehungszeit des Textes. Doch Menschen, die den Hunger nicht kennen, müssen ihn vermuten lernen. Einen wichtiger Faktor in diesem Leseprozess stellt die Wut der Hungrigen dar. Denn sie drängt zur Äußerung, zur Sprache, sie können wir als Indikator wahrnehmen. Unrast, Empörung, Wut können als Reaktion auf den Hunger gelesen werden.

 

Schlechte Zeiten – Mk. 6,30-34

Ich skizziere hier ein Beispiel, um zu zeigen, wie wir sorgfältig mit dem Text umgehen müssen, damit sich der Hunger der Menschen nicht schon bei der Übersetzung verflüchtigt. Unmittelbar vor dem Bericht von der wunderbaren Speisung von 5000 heißt es:

31 Und er sprach zu ihnen: Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig. Denn es waren viele, die kamen und gingen, und sie hatten nicht Zeit genug zum Essen. 32 Und sie fuhren in einem Boot an eine einsame Stätte für sich allein. 33 Und man sah sie wegfahren, und viele merkten es und liefen aus allen Städten zu Fuß dorthin zusammen und kamen ihnen zuvor. 34 Und Jesus stieg aus und sah die große Menge; und sie jammerten ihn, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. (Mk. 6,30-34 – Luther 1984)

Die meisten Übersetzungen geben den Text so wieder, dass die Leute (wobei nicht klar ist, ob es die Apostel sind oder die vielen Menschen) keine Zeit oder nicht genug Zeit gehabt hätten zum Essen. Der griechische Wortlaut von V. 31 lautet: oude phagein eukairoun. Auf Deutsch heißen diese drei Worte: „Die Zeiten waren nicht gut, um zu essen“ oder: „Es waren schlechte Zeiten, um zu essen“.

Das Wort kairos heißt nicht einfach „Zeit“, sondern bezeichnet eine Krise, eine Notzeit.7 Hatten die Apostel eine Krise, weil sie nicht rechtzeitig essen konnten? Oder konnten sie nicht essen, weil eine Krise herrschte? Wörtlich besagt das griechische Verb eukairoun: die Zeiten sind gut. Mit der Verneinung oude aber sind die Zeiten nicht gut, d.h. schlecht. Viele Menschen laufen hier also richtungslos hin und her, weil die Zeiten bezüglich des Essens schlecht waren.

Dazu passt der unmittelbare Kontext. Denn dieser knappe Satz schließt an die Ermordung des Johannes im Palast des Herodes an (Mk. 6,16-29). Johannes wurde hingerichtet, sein Kopf wurde auf einem Bankett der Mächtigen serviert, was eine ungeheuerliche Verspottung darstellt. Gleichzeitig eilen draußen viele unruhig hin und her, weil sie Hunger haben. Die Ermordung eines Propheten, der sein Volk anführte, seine Verspottung und der Hunger der Bevölkerung bilden zusammen die schlechten Zeiten. Das Volk weiß nicht, womit es seine Kinder ernähren soll, während die Oberen und Reichen beim königlichen Bankett speisen. Politische Ungerechtigkeit gepaart mit Hunger haben die Menschen zu allen Zeiten auf die Straße gebracht. In 6,30-34 reagierten die Menschen auf den Tod des geliebten Propheten Johannes mit Panik und Wut. Sie eilten kopflos von überallher zusammen, es herrschte ein Kommen und Gehen. Neue Aufstände bahnten sich an.

Es lohnt sich, sogar noch genauer hinzusehen. Denn in diesem Hin- und Herziehen der Vielen können wir Menschen erkennen, die durch die kargen Felder ziehen und nach essbaren Kräutern, Gras und Wurzeln suchen. So erzählt das Buch Hiob von Hungrigen, die erschöpft durchs Feld ziehen und alles abnagen, was wächst (Hi. 30,2-4, vgl. auch 2. Kön. 4,38-39). Ganz eindrücklich beschreibt Jesaja die Scharen von Hungrigen, die im Land herumgehen und zürnen: … sondern sie werden im Lande umhergehen, hart geschlagen und hungrig. Und wenn sie Hunger leiden, werden sie zürnen und fluchen ihrem König und ihrem Gott, und sie werden über sich blicken und unter sich die Erde ansehen und nichts finden als Trübsal und Finsternis; denn sie sind im Dunkel der Angst und gehen irre im Finstern. (Jes. 8,21) Damit wird deutlich, dass Hunger eine blinde Wut gegen König und Gott, gegen die Regierung und all diejenigen, die die Betroffenen im Stich lassen, erzeugt.

Wenn die Übersetzenden den Schatten des Hungers und die Empörung der Hungernden nicht wahrnehmen, dann wird aus oude eukairoun: „sie hatten keine Zeit zum Essen.“ Sie erkennen keinen Zusammenhang zwischen der Ermordung des Propheten und seiner Verspottung während eines Banketts und den schlechten Zeiten, in denen es schwierig war, sich zu ernähren. Die bisherige Lektüre dieser Verse – dass die Apostel keine Zeit fanden, um ihre wohl verdiente Mahlzeit einzunehmen – erscheint in der Hermeneutik des Hungers als unpolitische Trivialisierung, die den Kontext wie den genauen Wortlaut außer Acht lässt.

 

Hermeneutik des Hungers

Die Hermeneutik des Hungers konstatiert nicht nur, dass die Menschen hungerten, sondern stellt den Text in einen Kontext, so dass sich plötzlich Vieles verändert. Diese Überlegungen fließen nun in meine Übersetzung der fünf Verse ein:

30 Und die Gesandten gingen gemeinsam zu Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und was sie gelehrt hatten. 31 Und er sprach zu ihnen: ‚Los, geht heimlich an einen verlassenen Ort und verschafft euch etwas Ruhe. Denn viele sind unterwegs, sie kommen und gehen, zudem sind die Zeiten nicht gut, um sich zu ernähren.‘ 32 Und sie fuhren mit einem Boot weg in eine unzivilisierte Gegend, ganz heimlich. 33 Und die Vielen sahen sie gehen und erkannten sie und eilten zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen zu ihnen. 34 Und als er (Jesus) ausstieg, sah er die große Menge; und Erbarmen über sie breitete sich aus, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten hatten. (Mk. 6,30-34 – LSR)

Die Szene von Mk. 6,30-34 transformiert sich vor unseren Augen. Den Hunger wahrnehmen, hilft, die Menschen als Menschen zu sehen und lässt ihre Not körperlich spürbar werden. Diejenigen, die hin- und hereilen (Mk. 6,31), sind nicht Statisten im Text, die wir von vornherein als unwichtig übersehen können. Die Menschen in ihrer Unruhe und Verzweiflung stehen im Brennpunkt. Es geht um sie. Sie hungern, sie leiden an den Repressionen des Königshauses, doch sie strömen zusammen und solidarisieren sich. Sie geben nicht klein bei. Sie sind auf den Beinen, sie versuchen das scheinbar Unmögliche.

Das Erbarmen, das sich beim Anblick dieser Menschen ausbreitet, manifestiert sich im Folgenden. Jesus beginnt zu lehren, wie man Hunger und Unrecht trotzt (Mk. 6,34-35). Natürlich tut er dies mit der Tora in der Hand, er kann von der Parteinahme Gottes für die Hungernden erzählen von Abraham und Sara an, über die Hungrigen in der Wüste Sinai und den Propheten, die die ungerechte Herrschaft von Königen anprangern, weil sie zu Gewalt und Krieg führen wird.

Auch hier erscheint es trivial, von einer übermäßig langen Predigt Jesu zu phantasieren. Den Ausdruck „als viele Stunden vergangen waren“ (V. 35) müssen wir nicht auf Jesu Lehre beziehen, vielmehr auf die Verzweiflung der Hungrigen. Sie will nicht aufhören, sie lässt sich nicht beruhigen, immer mehr Leute strömen zusammen und es wird höchste Zeit, dass etwas geschieht. Und dann geschieht ja auch etwas, das Wunder, dass 5000 Hungrige satt wurden.

Es geht darum, die Menschen in den Blick zu bekommen, die immer wieder genannten „Vielen“, die unzähligen unruhigen, verstörten Menschen, die Jesus mit Schafen vergleicht, die ohne Hirte herumirren. Hier müssen wir nachfragen, was mit diesen Menschen los war. Warum irren sie kopflos herum und manövrieren sich in gefährliche Situationen, riskieren ihren Hals und wenden sich oftmals gegeneinander, in der Annahme, dass der Nachbar mehr erhalten hat, als ihm zusteht?

Hierher passen sozialgeschichtliche Informationen über die Armut im Römischen Reich, die nicht nur „Randgruppen“ betraf, sondern weiteste Teile der Bevölkerung im Griff hatte. Der Osten des Römischen Reiches galt als unruhig und schwer zu befrieden. Palästina im 1. Jh. war von Aufständen und Regierungskrisen geschüttelt, was zum offenen Krieg gegen Rom und zur verheerenden Niederlage der Aufständischen führte.

Die Evangelien erzählen von diesen „schlechten Zeiten“ und setzen dagegen Visionen, wie die Armen sich zu solidarisieren beginnen, wie sie sich Mut machen und aufstehen können, so dass sie einander aufrichten und die Zukunft nicht verloren geben.

 

Anmerkungen

1 SNF Forschungsprojekt zu: Tischgemeinschaften. Orte religiöser Praxis und Identität im Judentum zur Zeit des zweiten Tempels und im frühen Christentum, 2008-2012.

2 Steven J. Friesen, Ungerechtigkeit oder Gottes Wille: Deutungen der Armut in frühchristlichen Texten. In: Richard A. Horsley (Hg.), Die ersten Christen. Sozialgeschichte des Christentums, Bd. 1, Gütersloh 2007, 271-292.

3 Johannes Chrysostomos in seinem Matthäuskommentar Mt. 61,3. Zit. in Stegemann, Stegemann 1997, 90.

4 http://www.neue-erde.org/klimabericht_Hungerkatastrophe.html.

5 Siehe: Luzia Sutter Rehmann, Wut im Bauch. Hunger im Neuen Testament. Gütersloh 2014.

6 Herta Müller, Atemschaukel. Roman. München 2009.

7 Peter Garnsey, Famine and Food Supply in the Graeco-Roman World. Responses to Risk and Crisis. Cambridge 1999, 18.

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Luzia Sutter Rehmann, Jahrgang 1960, Studium der Theologie in Basel, 1994 Promotion an der Universität Kassel, Titular­professorin an der Theol. Fakultät der Universität Basel; Studien zur Feministischen Theologie und zur Apokalyptik.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2021

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