Eine Arbeitshilfe der Evang. Landeskirche Hannover macht sensibel dafür, dass mit dem Alten Testament bzw. der Hebräischen Bibel christliche und jüdische Gläubige aus einer gemeinsamen Quelle leben. Was das für Auslegung und Predigt bedeutet, zeigt Daniela Koeppler in zehn Thesen.*

 

Die Schriften der Hebräischen Bibel bzw. des Alten Testaments verbinden Juden und Christen. Alttestamentliche Texte auszulegen und zu predigen, bedeutet deshalb, dies in Weggemeinschaft mit dem Judentum und seiner Gegenwart zu tun. Christinnen und Christen sind beim Predigen vor Herausforderungen gestellt, weil sie ihren Text mit einer anderen Glaubensgemeinschaft teilen. Dies erfordert Respekt und den Blick auf die Gesamtheit von AT und NT. Es gehört auch dazu, auf jüdische Auslegung in Vergangenheit und Gegenwart zu hören – und von ihr zu lernen.

 

Predigen aus dem Alten Testament/der Hebräischen Bibel könnte bedeuten …

1den Wert der ganzen Bibel und die Verbindung der Schriften untereinander zu betonen.

Für den Juden Jesus, die jüdischen Verfasser der ntl. Schriften und für die frühchristlichen Gemeinden bestand ihre Heilige Schrift aus den Texten des Gottesvolkes Israel. Diese bildeten „den Raum, in dem sie lebten, glaubten und wirkten“ (Klaus Wengst). Was Christen und Christinnen heute das „Alte“ oder auch „Erste“ Testament nennen, war für Paulus und die Autoren der Evangelien sowie für weite Teile der Alten Kirche einfach die „Schrift“, also die Heilige Schrift des Volkes Israel. Bereits das erste Buch im NT, das Matthäusevangelium und darin der „Stammbaum“ Jesu im 1. Kapitel zeigen, wie sehr Jesus in die Geschichte Israels und in seine Familiengeschichten eingebunden ist.

2zu zeigen, dass die Schriften des Ersten Testaments auch ohne das Zweite Testament als Offenbarung des göttlichen Wortes von eigener Würde und wertvoll sind.

„Altes Testament“ hat leicht den Beiklang von „überholt“ und „abgelegt“. „Alt“ kann vielmehr auch „altehrwürdig“, „bewährt“ oder „kostbar“ bedeuten (vgl. auch Lk. 5,39). Alternativ kann auch die Bezeichnung „Erstes Testament“ verwendet werden. Sie begegnet schon im Hebräerbrief (vgl. Hebr. 8,7.13; 9,1.18.) Sie stellt heraus, dass der erste Teil das grundlegende Fundament des zweiten Teils der christlichen Bibel ist.

3die ursprünglichen Absichten der biblischen Autoren zu berücksichtigen und zu erinnern, dass die Schriften der Hebräischen Bibel für Jüdinnen und Juden auch heute von großer Bedeutung sind.

Die einzelnen Schriften des AT sind jüdisch, weil sie von jüdischen Autoren verfasst wurden, weil Israel ihr erster Adressat ist und weil sie im Judentum als Tanach oder Hebräische Bibel lebendig fortbestehen (Tanach bzw. Tenach ist ein Kurzwort für: Tora, „Weisung“, Neviim, „Propheten“ und Ketuvim, „Schriften“, die drei Teile der Hebräischen Bibel). Die Bibel ist ein jüdisches Buch, das „gar nicht gelesen, verstanden und erklärt werden kann, wenn wir uns nicht auf die Sprache, das Denken, die Geschichte der Juden in gänzlicher Offenheit einlassen wollen …“ (Karl Barth).

4Respekt gegenüber den Schriften des AT zu vermitteln und zu vermeiden, sie als bloße Hinführung zum NT oder bloß als dessen Hintergrund herabzustufen.

Die negative Einstellung zum AT als „Judenbuch“ ist leider so wenig überholt wie christliche Judenfeindschaft. Das NT entstand allerdings im Licht der Überlieferungen Israels. Deswegen kann und muss man sie auch beim Auslegen und Predigen über ntl. Texte „zum Leuchten“ bringen.

5die bleibende Gültigkeit des Bundes Gottes mit dem jüdischen Volk und dessen Treue Gott gegenüber – trotz seiner Leiden durch die Jahrhunderte – zu betonen.

Der Gott Israels hat mit seinem ersterwählten Volk Israel einen bleibenden Bund geschlossen. Dieser hat durch die Offenbarung Gottes in und durch Jesus Christus mit Aufnahme der Menschen aus den Völkern eine Erneuerung erfahren. Beide Bünde stehen eigenständig und gleichberechtigt nebeneinander.

6zu vermitteln, dass parallel zur Entstehung des Christentums mit dem rabbinischen Judentum eine religiöse Tradition eingesetzt hat, die sich bis heute weiterentwickelt.

Die rabbinische Tradition sagt, die Tora habe „siebzig Gesichter“. Sie hat unendlich viele Möglichkeiten, ihre Adressaten anzublicken. Es ist nicht so, dass die Schriften des Ersten Testaments direkt auf Jesus hinlaufen und „eigentlich“ von Jesus erzählen. Die parallel zum frühen Christentum entstehende rabbinische Tradition zeigt, dass es mehr als nur eine Verstehensweise der Bibel gibt. Sie steckt voller Widersprüche und Spannungen und antwortet auf Fragen vielfältig.

7 rabbinische, mittelalterliche und moderne jüdische Quellen wahrzunehmen und die Bedeutung jüdischer Tradition (schriftliche und mündliche Tora) für die Gegenwart wertzuschätzen.

Das Kennenlernen jüdischer Schriftauslegung ist sinnvoll, weil es „ur-jüdische Dimensionen“ erschließt, die auch für Christinnen und Christen bedeutsam sind. Zudem sensibilisiert es für fatale Klischees vom Judentum und bewahrt davor, diese weiter zu tradieren. Es wäre ein großer Fortschritt, wenn für die christliche Predigtvorbereitung auch auf jüdische Schriftauslegungen zurückgegriffen würde.

8eine antithetische Gegenüberstellung von Kirche und Israel zu vermeiden, wie z.B. Israel versus Kirche als „neues“ Israel; „Verheißung“ im „Alten“ Testament versus „Erfüllung“ im „Neuen“ Testament oder „Gesetz“ versus „Evangelium“; atl. „Rachegott“ versus „Gott der Liebe“ im „Neuen“ Testament etc.

Oft wird z.B. das Zitat „Auge für Auge, Zahn für Zahn“ (Ex. 21, 23-25 u.ö.) in militärischen Konflikten im Gegensatz zur ntl. Feindesliebe als negatives Beispiel für eine vermeintlich „atl.“ Rachementalität bemüht. Jedoch zielt das aus der atl. Schriftstelle abgeleitete rabbinische Rechtsverständnis nicht auf Rache, sondern auf gerechte Wiedergutmachung bzw. Schadenersatz.

9die großen Ähnlichkeiten zwischen pharisäischem und jesuanischem Denken hervorzuheben und zu lehren, dass Christen und Juden gemeinsam Verwalter und Zeugen einer auf den biblischen Geboten basierenden Ethik sind.

In einer christlich-jüdischen Weggemeinschaft sollten „Altes“ und „Neues“ Testament, „Gesetz“ und „Evangelium“ nicht mehr gegeneinander ausgespielt werden, weil sowohl die Kirche wie das Volk Israel im Leben mit ihren Schriften den Glauben an den einen Gott bezeugen und auf das Kommen der Erlösung hoffen.

10die eschatologische Hoffnung auf die noch ausstehende Erfüllung der biblischen Verheißungen zu beleben. Noch wartet die Kirche – gemeinsam mit dem Gottesvolk Israel – auf die Wiederkunft bzw. Ankunft des Erlösers und auf die Befreiung der Schöpfung.

Angesichts der Weltwirklichkeit lässt sich kaum behaupten, dass bereits alle messianischen Verheißungen wie z.B. Frieden und Gerechtigkeit auf Erden erfüllt seien. Auch deshalb wäre es sinnvoll, eine einseitige heilsgeschichtliche Linearisierung von Verheißung und Erfüllung in Christus zu relativieren. So könnte alternativ formuliert werden, dass manche Verheißung in Christus zwar noch nicht erfüllt, aber bekräftigt oder „bestätigt“ worden ist. So schreibt auch Paulus z.B. in Röm. 15,8: „Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Beschneidung geworden, um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind.“

 

Anmerkung

* Erstveröffentlicht in der Zeitschrift „Bibel heute“ 1/2021 des Kath. Bibelwerks e.V. zum Thema „Das Alte Testament lieben“.

 

Daniela Koeppler


 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrerin Dr. Daniela Koeppler, promovierte Theologin und Judaistin, evangelische Pfarrerin in Osnabrück-Sutthausen, bis 2020 Referentin für Kirche und Judentum im Haus kirchlicher Dienste in Hannover, Autorin zweier Arbeitshilfen (2018 und 2019), die dazu beitragen, die christliche Verbundenheit mit jüdischer Tradition im Gottesdienst bewusst werden zu lassen. Die Arbeitshilfe "Mit Israel preisen wir - Gottesdienst feiern im Klangraum des Alten Testamentes" macht einen Gang durch die christliche Liturgie und zeigt deren jüdische Bezüge auf. In der zweiten Arbeitshilfe geht es um das Predigen über Texte der Hebräischen Bibel mit Impulsen aus jüdischer Tradition; beide Arbeitshilfen gibt es zum Bestellen unter: www.kirchliche-dienste.de/arbeitsfelder/judentum/startseite, oder zum Herunterladen: www.material-e.de/media/pdf/fb/fa/d3/Neu_Arbeitshilfe_Hebraeische-Bibel-predigen_2te-Auflage_RZ.pdf; www.material-e.de/media/pdf/f1/1c/99/Mit-Israel-preisen-wir_Internet_RZ.pdf. Wer die Lebendigkeit des AT/der ­Hebräischen Bibel im Gespräch mit Jüdinnen und ­Juden erfahren möchte, dem bietet dazu die inter­nationale jüdisch-christliche Bibelwoche im Haus Ohrbeck bei Osnabrück jährlich gute Gelegenheit: www.haus-ohrbeck.de/haus-ohrbeck/bibelforum/juedisch-christliche-bibelwoche.html.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2021

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