Seit März letzten Jahres müssen wir pandemiebedingt auf viele kirchliche Aktivitäten verzichten. Das macht unzufrieden, und die Ungeduld unter den Verantwortlichen wächst. Man möchte endlich wieder durchstarten, die Angebote und Aktivitäten der Vor-Corona-Zeiten wieder hochfahren und manches Format, das in den letzten Monaten neu entwickelt wurde, oben drauf packen. Zudem ist die Versuchung groß, sich noch mehr anzustrengen, um verlorenen Boden wieder gutzumachen. Spätestens dann wird sich die Frage nach dem Verhältnis von Tun und Lassen, von Prioritäten und Posterioritäten neu – und unter den Bedingungen knapper werdender Ressourcen verschärft – stellen. Georg Ottmar widmet sich vor diesem Hintergrund zwei Fragen: Warum fällt uns das Lassen so schwer? Und: Nach welchen Kriterien können wir entscheiden, was wir tun und was wir lassen?*

 

Das Tun liegt uns näher als das Lassen

Warum fällt uns das Lassen so schwer? Eine erste Antwort: Das Lassen fällt uns schwer, weil uns das Tun näher liegt als das Lassen. Ein Schlüsselbegriff der Resilienzforschung kann das deutlich machen: die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, also die Erfahrung, das eigene Schicksal durch eigenes Tun maßgeblich gestalten zu können. Unser Selbstbewusstsein speist sich also ganz wesentlich aus dem, was wir tun. Wo wir etwas gestalten und zum Erfolg bringen können.

Wenn wir jedoch überlegen, was wir lassen sollen, müssen wir uns eingestehen: Dies oder jenes hatte keine – oder zumindest keine spürbare Wirkung. Etwas Bleibenlassen, aufgeben, weglassen wird deshalb zunächst einmal nicht als etwas Befreiendes erlebt, sondern als Verlust. Und auf Verlust reagieren wir durch Rückzug, Trauer, vielleicht auch Selbstmitleid – oder durch vermehrte Anstrengung, mit dem wir den erfahrenen Verlust versuchen wettzumachen. Rückzug oder Aktionismus. Manchmal auch: Rückzug und Aktionismus.

Auch in unserer Kirche ist das spürbar. Vieles, was lange selbstverständlich war, wird weniger: weniger Gemeindeglieder, weniger Pfarrerinnen und Pfarrer, weniger Ehrenamtliche, weniger Kirchgänger, weniger Rückhalt in der Gesellschaft. Und jetzt auch noch weniger Kontakt und Gemeinschaft durch Corona. Ein Aufbäumen zunächst: keine Präsenz-Gottesdienste? Das geht auch digital. Keine Begegnungen mehr möglich? Wir nutzen andere Kontaktmöglichkeiten: Briefe, Telefonate, Predigten an der Wäscheleine, Jungschar aus der Tüte usw. Tolle Ideen, tolle Aktionen!

Aber mittlerweile macht sich Erschöpfung breit, eine Erschöpfung, die wir schon aus der Vor-Corona-Zeit kennen und die sich aus dem diffusen Gefühl speist, dass das, was wir tun, nie genug ist. Innere und äußere Antreiber sitzen uns im Nacken: Es gibt so viel zu tun! Hier ein Milieu, das wir noch nicht erreichen. Dort eine Zielgruppe, die wir aus dem Blick verloren haben. Und immer wieder der leidige Vergleich mit anderen Gemeinden oder Pfarrpersonen.

Und hat nicht alles, wofür wir uns unter normaleren Umständen einsetzen, seine Berechtigung? Ob Krabbelgruppe oder Seniorenkreis, ob „Grüner Gockel“ oder das Ziffernblatt der Kirchturmuhr – immer gibt es jemanden, dem gerade dies oder jenes besonders am Herzen liegt.

 

Kirche existiert nicht losgelöst von den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen

Warum fällt uns das Lassen so schwer? Eine zweite Antwort: weil Kirche nicht losgelöst von den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen existiert. Das hat seit Beginn des 20. Jh. zu einer enormen Ausweitung und Ausdifferenzierung kirchlicher Arbeit geführt. Als durchgängiges Muster zeigt sich dabei, dass gesellschaftliche Veränderungen jeweils als „Krise“ wahrgenommen wurden – und jede „Krise“ mit einem Reformprogramm bewältigt werden sollte.1

Für unseren Zusammenhang bedeutsam ist zunächst die sog. Gemeindebewegung zu Beginn des 20. Jh. Die wahrgenommene Krise: Industrialisierung, Urbanisierung, Massenelend. Die Kirche verliert die Arbeiterschaft! Dem begegnet die Gemeindebewegung mit der Ausbildung überschaubarer, vereinsähnlicher Strukturen. Die Kirchengemeinde, die bis Ende des 19. Jh. mit der bürgerlichen Gemeinde weitgehend deckungsgleich ist, bekommt damit erstmals eine eigenständige Rolle: Sie soll ein „Hort der Liebe“2 sein. Möglichst viele Menschen sollen am kirchlichen Leben beteiligt werden, um ihnen moralischen Halt, diakonische Unterstützung und eine christliche Sozialisation zu vermitteln. Dafür braucht es ein differenziertes Angebot für Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer und alte Menschen. Und es braucht analog zum Vereinsheim das Gemeindehaus.

Nun entsteht, was wir heute „Kerngemeinde“ nennen: eine größere oder kleinere Gruppe von ehrenamtlich tätigen Gemeindegliedern, die sich in besonderer Weise für das Leben in der Gemeinde, v.a. für die Gruppen und Kreise verantwortlich wissen. Auch der Pfarrberuf ändert sich grundlegend: zu den bisherigen Aufgaben von Predigt, Seelsorge und Unterricht treten soziale und v.a. organisatorische Aufgaben. Und der „Erfolg“ im Pfarrdienst misst sich nicht mehr nur an der Zahl der Kirchgänger, sondern auch am vollen Gemeindehaus, am lebendigen Gemeindeleben.

Der Impuls der Gemeindebewegung kommt mit Beginn des Ersten Weltkriegs zum Erliegen. Die Erfahrungen während des „Dritten Reichs“ zeigen jedoch, wie wichtig dieser Impuls war: Nicht die Kirchenleitungen, sondern die Gemeinden der Bekennenden Kirche haben sich der menschenverachtenden Ideologie der Nationalsozialisten widersetzt. Diese Erfahrungen haben dazu beigetragen, dass der Reformansatz der Gemeindebewegung in den 1950er Jahren wieder aufgegriffen wurde. Steigende Kirchensteuereinnahmen ermöglichten ein enormes Aufbauprogramm. Leitbild blieb die selbständige Kirchengemeinde, die alles bieten sollte und deshalb auch alles haben musste: eine Kirche, eine Pfarrstelle, ein Pfarrhaus, ein Gemeindehaus, eine Gemeindeschwester und einen Kindergarten. Das Resultat nenne ich spöttisch die „Vollsortimenter-Gemeinde“: Alles im Angebot. Alles verfügbar. Jederzeit. Dieses Leitbild ist noch immer wirksam. „Ich will jeden Tag Kirche“, hat ein Kirchengemeinderat vor nicht allzu langer Zeit gefordert, „365 Tage im Jahr.“

 

Ein neues Krisenbewusstsein

Parallel zum Ausbau der Gemeindestrukturen entwickelt sich in den 1950er Jahren ein neues Krisenbewusstsein. Die Gesellschaft differenziert sich aus, und die Kirche ist in vielen Lebensbereichen nicht präsent. Die Antwort der sog. Kirchenreform der 1960er und 70er Jahre ist die Ausdifferenzierung der kirchlichen Arbeit durch übergemeindlicher Dienste. Sie sollen die Kluft zwischen Kirche und Gesellschaft schließen. Nun werden Kreisbildungswerke, Diakonische Beratungsstellen, Ökumenische Arbeitskreise und vieles mehr gegründet – Kirche als Organisation. Dazu politische Aktionsgruppen, die sich stark machen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – Kirche als Bewegung. Und schließlich: die Öffentliche Theologie, die der Zivilgesellschaft mit Denkschriften und Verlautbarungen aller Art ins Gewissen redet – Kirche als gesellschaftlich relevante Institution. Und alle diese Arbeitsfelder wollen und sollen über die Kirchenbezirke als einer frühen Form der regio-lokalen Zusammenarbeit mit den örtlichen Kirchengemeinden verbunden sein.

Eine vierte Sozialform von Kirche hat sich dann um die Jahrtausendwende herausgebildet: Kirche als Netzwerk. Auslöser: die steigende Zahl der Kirchenaustritte, die zunehmende Säkularisierung der Gesellschaft und, damit verbunden, eine weitere Ausdifferenzierung, man könnte auch sagen Zersplitterung der Lebensentwürfe. Fresh-X und andere Reformbewegungen bilden lokale Netzwerke inmitten verschiedener Lebenswelten, in Hochhaussiedlungen, Einkaufszentren oder leerstehenden Fabrikhallen, und versuchen dort, Gemeinde zu bauen. Die örtlichen Kirchengemeinden erleben diese neuen Formen von Kirche weitgehend als Konkurrenz: „Die ziehen unsre besten Leute ab!“ Auch deshalb: noch mehr Aktivitäten vor Ort, Jugendkirchen, Lobpreisgottesdienste etc. p.p.

Was für eine Ausweitung und Ausdifferenzierung der kirchlichen Arbeit! Kein Wunder, dass uns das Lassen so schwer fällt – nicht nur in den Kirchengemeinden, sondern auf allen Ebenen der Kirche. Eine kaum mehr zu steuernde Komplexität.

 

Von der Sammlung zur Sendung

Zu dieser Entwicklung hat auch die Theologie beigetragen. Sie hat die kirchlichen Reformbewegungen teils gefördert, teils auch kritisch unter die Lupe genommen. Dabei lässt sich eine deutliche Veränderung im Kirchenverständnis beobachten: weg vom bisherigen Konzept der Sammlung der Gemeinde, hin zur Sendung der Christinnen und Christen in die Welt. Also: Verantwortung der Kirche nicht mehr nur für das Glaubensleben ihrer Gemeindeglieder, sondern zunehmend und immer ausschließlicher für „die Welt“, für Gerechtigkeit und Frieden weltweit.3

Erinnert sei zunächst an Christoph Blumhardt den Jüngeren. Sein Slogan: „Dem Reich Gottes eine Heimstatt geben.“ Also Schluss mit dem kirchlichen Heilsegoismus! Stattdessen kraftvolles Wirken in dieser Welt, um das Reich Gottes ein gutes Stück weit realisieren zu können.

Einen anderen Akzent setzt Karl Barth. Für ihn ist Gottes Geschichte eine Gegengeschichte zu den unheilvollen Kräften, die den Ersten und Zweiten Weltkrieg heraufbeschworen haben, gegen Nationalismus und Totalitarismus, gegen Unterdrückung und Gewalt. Das hat die Kirche zu verkünden. Ihr Amt ist das prophetische Wächteramt, und deshalb hat sie auch die Aufgabe, sich mahnend einzumischen.

Dietrich Bonhoeffer geht dann einen entscheidenden Schritt weiter. Er sagt: die Verkündigung des Evangeliums hat durch das Versagen der Kirche keine Kraft mehr. Deshalb besteht die Aufgabe der Christinnen und Christsein nur noch „im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.“ Für die Kirche heißt das: „Kirche ist nur Kirche, wenn sie Kirche für andere ist.“

Die politischen Umbrüche der 1960er Jahre bringen dann zwei weitere Themen auf die Tagesordnung. Da ist zum einen das Elend der Menschen in der damals sog. Dritten Welt – und zum anderen die Aufarbeitung des Holocaust. Also die Frage: Wo war Gott in Auschwitz? Die Antwort der „Theologie nach Auschwitz“: Gott war dort, wo Menschen unsagbar gelitten haben. Aber er war dort nicht als der allmächtige, sondern als der ohnmächtige Gott. Die einzige Macht, die ihm bleibt, ist die Macht der solidarisch mitleidenden Liebe. Gott wird also ganz im Diesseits verortet. Er ist dort präsent, wo wir Menschen in der Kraft, die von Jesus ausgeht und in der Bewegung des Geistes, der Raum in uns nimmt, tätig werden. Auf uns kommt es also an. Wir sind verantwortlich. Kirche für andere in ihrer radikalsten Form: Kirche in grenzenloser, weltweiter Verantwortung.

Diese radikale Idee vom Christsein hat eine ganze Generation von Christinnen und Christen beflügelt, passend zum Fortschrittsoptimismus der 1968er-Jahre, passend zum Glauben an die grenzenlose technische und soziale und politische Machbarkeit.

Aber mittlerweile ist der Optimismus dieser Jahre verflogen. Die Welt hat sich nicht zum Besseren gewendet, aller Anstrengungen zum Trotz. Was in der Kirche übrigbleibt, sind inhaltlicher, organisatorischer und moralischer Dauerstress, klägliche Hoffnungsreste und geistliche Erschöpfung.

 

Was sollen wir tun – und was können wir lassen?

In dieser Situation braucht es eine neue Vergewisserung über den Auftrag der Kirche, insbesondere über das Verhältnis von Sammlung und Sendung. Und diese Vergewisserung setzt dort an, wo wir nach dem Grund und Wesen der Kirche fragen.

Als Ausgangspunkt bietet sich dabei die reformatorische Unterscheidung von sichtbarer und verborgener Kirche an.4 Zunächst die sichtbare Kirche: Kirche in ihren unterschiedlichen Sozialformen, als Hybrid aus Institution, Organisation, Bewegung und Netzwerk.5 Hier handeln Menschen im Vertrauen auf Gott und in der Bitte um den Heiligen Geist. Hier feiern wir Gottesdienste, begleiten Menschen in erfreulichen und in schwierigen Situationen, hier handeln wir diakonisch und missionarisch und engagieren uns in der Bildungsarbeit. Dabei organisiert sich die sichtbare Kirche als Rechtsgemeinschaft, zuständig für den Ausgleich der verschiedenen Interessen und die Verteilung der gemeinsamen Ressourcen.

Wenn von der verborgenen Kirche die Rede ist, liegt der Fokus hingegen auf dem Handeln Gottes. Es ist ein Handeln uns zugut. Wir finden zum Glauben – besser gesagt: der Glaube findet uns, indem wir das Evangelium von der Geschichte Gottes mit dieser Welt hören und entdecken, dass wir an Gottes Treue zu dieser Welt teilhaben. In Jesus Christus erfahren wir, dass Gott uns sein Vertrauen und seine Liebe schenkt. In der Taufe antworten wir darauf, persönlich oder stellvertretend, mit „Ja und Amen“. So werden wir zu Gottes Verbündeten und zu Zeugen seiner Geschichte. Und das bestärkt uns in der Hoffnung, dass Gottes Reich im Werden ist, Gottes Neue Schöpfung, Gottes Neue Zeit.

Die verborgene Kirche wird also (nicht nur, aber sehr gezielt) dort wahrnehmbar, wo die drei zentralen Geistesgaben Glaube, Hoffnung und Liebe am Werk sind, wo wir zum Glauben kommen und uns einander in der Hoffnung auf Gottes Reich stärken und uns darin unterstützen, unseren Glauben im Alltag der Welt zu leben.

 

Kirche als Erzähl- und Gebetsgemeinschaft

So lebt die sichtbare Kirche zwischen den beiden Polen von Sammlung und Sendung. Deshalb bemühen wir uns, gute und verlässliche Strukturen bereitzustellen, damit Gottes Wort hörbar und erlebbar wird. Und wir tun gut daran, offen zu bleiben für Neues, Ungewohntes, Interessantes. So tragen wir das Unsere dazu bei, dass Kirche und Gemeinde zu einem weiten Raum werden kann, in dem Christinnen und Christen zusammenkommen – und zu einem weit geöffneten Fenster, das den Blick freigibt auf Gottes Reich.

Unter dem Vorzeichen der Sammlung ist sie eine Erzähl- und Gebetsgemeinschaft. Hier erzählen wir die Geschichte Gottes mit der Welt und wir erzählen vom Reich Gottes als dem Ziel dieser Geschichte. Hier feiern wir Gottes Gegenwart. Hier bringen wir unsere Zuversicht und unsere Verzweiflung zur Sprache. Hier sind wir mit Gott im Gespräch, klagen ihm die Not und das Elend der unerlösten Welt und bringen zugleich unsere Hoffnung auf Verwandlung und Verbesserung dieser Welt zum Ausdruck. Hier lassen wir uns in die Nachfolge Jesu rufen; hier erfahren wir Ermutigung zur tätigen Liebe.

Die Sammlung der christlichen Gemeinde ist also kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für ihre Sendung in die Welt. Und diese Sendung findet ihren Ausdruck in der tätigen Liebe. Die Liebe ist es, die uns über die Grenzen der sichtbaren Kirche hinausführt. Dorthin, wo Gott uns haben will als seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der von ihm geliebten und zugleich gefährdeten, noch unerlösten Welt.

 

Wer B sagt, muss auch A sagen

Was bedeuten diese Überlegungen für unser Tun und Lassen als Kirche? Meine These: wenn wir einen Weg finden wollen zwischen Betriebsamkeit und Resignation, zwischen Aktionismus und Erschöpfung, dann sollten wir mehr Augenmerk auf die Sammlung der christlichen Gemeinde legen: Kirche als Erzähl- und Gebetsgemeinschaft, in der wir uns gegenseitig darin stärken, unseren Glauben und unsere Hoffnung im Alltag zu leben.

Ich weiß, das hört sich ziemlich „retro“ an. Schmoren im eigenen Saft, innerkirchliche Selbstbespiegelung usw. Deshalb ist mir wichtig, nochmals den Zusammenhang von Sammlung und Sendung zu betonen. Sendung in die Welt, ja! Mitverantwortung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, ja! Aber wer B sagt, muss auch A sagen: die Sammlung derer, die mit Ernst Christen sein wollen, ist die Voraussetzung für ihre Sendung. Deshalb sollten wir zunächst unsere Mitglieder darin unterstützen, dass sie ihren Glauben im Alltag leben. Dass sie sich trauen, ihrem Glauben Ausdruck zu verleihen, dass sie „sprachfähig werden im Glauben“.

Wo lernen wir das? Wenig überraschend: am ehesten im Verbund der Familien. Im Gespräch zwischen den Generationen. In der Corona-Zeit haben das manche wiederentdeckt; sie haben die kirchlichen Feste im Familienkreis mit kleinen Ritualen gefeiert und wurden dabei von der Gemeinde unterstützt. Das weiterzuverfolgen könnte spannend sein. Die kleinen Formen und Riten unserer Frömmigkeit wiederentdecken und pflegen. Ich bin zuversichtlich, dass dabei viel Neues entstehen kann, wenn Eltern ihren Kindern nicht nur die Geheimnisse der Mülltrennung beibringen, sondern auch über Glaubensfragen mit ihnen sprechen und dabei staunend entdecken, dass ihre Kinder kluge Theologinnen und Theologen sind.

Sprachfähig werden im Glauben, das kann sich auch ereignen, wenn Gemeindeglieder andere Gemeindeglieder und Gäste zum Essen und Trinken einladen, zu Tischgesprächen über Gott und die Welt. Eigentlich wissen wir das ja seit Jesus: Die Basis-Gestalt der Kirche ist nicht die Kirchengemeinde, sondern die Tischgemeinschaft. Aber bloß keine Leistungsschau, weder kulinarisch noch religiös. Den großen Aufwand lassen. Nur tun, was Freude macht. Und so zur Sammlung der Gemeinde beitragen.

 

Lassen lernen

Und was ist mit unseren Gottesdiensten? Da sollten wir konstruktiv damit umgehen, dass unsere öffentlichen Gottesdienste nur ein kleiner Teil des gottesdienstlichen Lebens in der Gemeinde sind. Wir werden den klassischen Sonntagmorgen-Predigtgottesdienst weiterhin sorgfältig gestalten. Aber wir werden ihn nicht mehr flächendeckend anbieten. Stattdessen werden wir uns in unseren Nachbarschaften darüber verständigen, wer wann wo mit wem zu welchem Thema und in welcher Gestalt öffentliche Gottesdienste anbietet. Dass wir dabei unsere Kirchgängerinnen und Kirchgängerinnen mit einbeziehen, sollte eine Selbstverständlichkeit sein.

Die gewonnenen Freiräume werden wir nutzen, um unser Augenmerk auf die weniger öffentlichen, aber nicht weniger wichtigen Formen gelebter Spiritualität richten: Andachten in Senioren- und Pflegeheimen, Schulgottesdienste, Taizé-Gebete, geistliche Impulse bei der Probe im Posaunen- oder Kirchenchor etc. p.p. Das müssen nicht alles wir Pfarrerinnen und Pfarrer machen, nein! Aber wir würden, wenn wir mehr Freiräume hätten, gerne unsere theologische Kompetenz einbringen und unsere Gemeindeglieder dabei begleiten, dass sie ihrem Glauben Ausdruck verleihen im gemeinsamen Tun.

Apropos Freiräume: zur Sammlung der Kirche gehört auch, dass die Gemeinden ihren Pfarrerinnen und Pfarrern Freiräume zugestehen für eine intensive und seelsorgerlich verantwortete Kasualarbeit. Religiöse Kommunikation ist in der Postmoderne nur im Dialog möglich, und das ist gut so. Deshalb sind Kasualgespräche nicht nur ein Beitrag zur Mitgliederbindung, sondern ein weiterer Baustein, damit Gemeindeglieder sprachfähig werden im Glauben, getrost in der Hoffnung und unerschrocken in der Liebe.

Für die Verantwortlichen in der Gemeindeleitung bedeutet dies: Lassen lernen. Die Kontrolle aus der Hand geben. Sich nicht für alles verantwortlich fühlen. Sondern für den guten Rahmen sorgen, finanziell, personell, baulich. „Lassen lernen“ bedeutet für die Gemeindeleitung auch: Experimente zu-lassen. Vielleicht das eine oder andere Projekt anregen und anschubfinanzieren – und darauf vertrauen, dass der Heilige Geist mit dabei ist, wo Menschen glauben, hoffen, lieben.

 

Kirche und ihre Sendung in die Welt

Sammlung und Sendung der Kirche müssen also keine Gegensätze sein. Sie sind vielmehr zwei Seiten derselben Medaille. Deshalb zum Schluss noch ein paar Gedanken, wie wir als Kirche unserer Sendung in die Welt gerecht werden können:

Hierzu gehört zunächst die sichtbare Präsenz von Kirche und Gemeinde im öffentlichen Raum. Dabei spielen unsere Kirchengebäude eine wichtige Rolle. Sie haben eine enorme Bedeutung für die Wahrnehmung von Kirche und christlichem Glauben. Und sie bieten einen Raum, der zur Begegnung mit Gott einlädt. Es gibt viele gute Erfahrungen, wie wir unsere Kirchenräume „bespielen“ können. Kirchenmusik ist dabei eine wichtige Gestaltungsmöglichkeit.

Wo das nicht möglich ist, genügt es, die Kirche tagsüber zu öffnen. Leise Musik lädt zur Stille ein, eine Gebetswand steht bereit, der Raum und das Licht sprechen ihre eigene Sprache. Das ist schon viel. Mehr muss nicht sein.

Öffentlichkeitsarbeit – hier gilt: Weniger ist mehr. Ständige Berichte in der Presse erzeugen ein Grundrauschen, das irgendwann nicht mehr beachtet wird. Also lieber: Eine Aktion. Eine Kampagne. Eines, das aufmerken lässt.

Öffentlich wahrnehmbar ist auch die kirchliche Bildungsarbeit. In den Schulen, im kirchlichen Unterricht, in den Bildungswerken und darüber hinaus. Mitwirkung an der Sendung in die Welt, die zugleich der Sammlung der Christengemeinde dient.

Mit der öffentlichen Wahrnehmung eng verbunden: Mitwirkung im Gemeinwesen. Sie geschieht z.B. mit unseren KiTas. Sie sind wichtige Kontaktflächen in die Zivilgesellschaft. Und dann gibt es immer wieder Projekte, bei denen wir als Kirche gefragt sind. Manchmal müssen wir vorneweg gehen. Aber wir sollten als Kirche nicht alles an uns ziehen. Oft genügt es, Räume zur Verfügung zu stellen, Ehrenamtliche zu werben, Gelder bereitzustellen. Auch hier: exemplarisch arbeiten. Ein Projekt ist oft mehr als genug.

Zur Sendung der Kirche gehört schließlich, was nicht im Licht der Öffentlichkeit geschieht: Hilfe in der Not, Ermutigung und Trost spürbar werden lassen – gerade dann, wenn die Nachtseiten des Lebens leidvoll erfahren werden. Also: Lebensbegleitung durch Seelsorge. Und eine Diakonie, die sich der Zuwendung zum Nächsten verschreibt und zugleich die Dimension der Hoffnung wachhält.

Wie viel davon trauen wir unseren Gemeindegliedern zu? Es sind mehr in diesen Bereichen tätig, als wir denken. Pflegende Angehörige. Ehrenamtliche in der Krankenhausseelsorge oder im Hospizdienst. Berufstätige in sozialen, diakonischen Einrichtungen.

Es gibt noch viele andere Bereiche, in denen Christenmenschen Verantwortung übernehmen und so ihren Teil zur Sendung der Kirche beitragen. Nicht zu vergessen: die Gemeindeglieder, die sich für andere erkennbar in der Kirche engagieren, als Kirchgängerinnen und Kirchgänger, im Kindergottesdienst, in den Besuchsdiensten, in Gruppen und Kreisen und Chören, in den Gremien und Bezirken. Für Menschen, die nicht zum Kern der Gemeinde gehören, sind sie diejenigen, mit denen sie am ehesten über Glaubens- und Lebensfragen ins Gespräch kommen. Was für ein Schatz! Es lohnt sich, ihn zu pflegen und darauf zu vertrauen, dass sich Kirche und Gemeinde auch jenseits dessen ereignet, was wir tun und planen und organisieren.

 

„… und auf Gottes Zeit warten“

Sammlung und Sendung im Abwägen von Tun und Lassen. Und in der Ausrichtung an Glaube, Hoffnung und Liebe als den Kräften, die Gott seiner Kirche schenkt.

In seinem Brief zur Taufe von Dietrich Wilhelm Rüdiger Bethge schreibt Dietrich Bonhoeffer im Mai 1944 den viel zitierten Satz: „Unser Christsein wird heute in zweierlei bestehen, im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.“ Bis heute spielt dieser Slogan eine zentrale Rolle: Kirche als starker diakonischer Akteur im Sozialstaat und Kirche als moralische Instanz der Gesellschaft.

Aber Bonhoeffer belässt es nicht bei dieser Formulierung, sondern beendet seine Überlegungen zur Zukunft der Kirche mit den Worten: „Es wird Menschen geben, die beten und das Gerechte tun und auf Gottes Zeit warten.“6 Wenn es auch heute Menschen gibt, die alles drei beherzigen, die Welt ins Gebet nehmen, das Gerechte tun und auf Gottes Zeit warten, dann kann die Kirche auch in den Umbrüchen der nächsten Jahre getrost ihrer Zukunft entgegengehen.

 

Anmerkungen

* Überarbeitete Fassung eines Vortrags beim Teamtag des landeskirchlichen Projekts SPI (Struktur-Pfarrdienst-Immobilien) in Württ., am 01.12.2020; abgeschlossen am 13.03.2021.

1 Zum Folgenden ausführlich: Eberhard Hauschildt/Uta Pohl-Patalong: Kirche, 2. Aufl. Gütersloh 2018, 94ff.

2 Emil Sulze, Die evangelische Gemeinde (2. Aufl. Leipzig 1912), zitiert nach Uta Pohl-Patalong, Die Zukunft der städtischen Gemeinde. Perspektiven für die Kirche. Vortrag im Rahmen der Tagung „Zwischen Babylon und Jerusalem. Die Kirche als Faktor der Stadtentwicklung“; 11.9.2015 in Hamburg; Fundort: www. theol.uni-kiel.de>patalong>dateien-vortraege, abgerufen am 14.01.2021.

3 Ich stütze mich in der Darstellung u.a. auf die Vorträge von Prof. Günter Thomas (Bochum) bei der Theologischen Konsultation des Verständigungsprozesses „Kirche, Gemeinde und Pfarrdienst neu denken“ am 5./6.02.2020 in Bad Boll und verweise auf die daraus entstandene Publikation: Günter Thomas, Im Weltabenteuer Gottes leben. Impulse zur Verantwortung für die Kirche. Leipzig 2020.

4 Vgl. hierzu Steffen Schramm/Lothar Hoffmann, Gemeinde geht weiter. Theorie- und Praxisimpulse für kirchliche Leitungskräfte, Stuttgart 2017, 17-23.

5 In Aufnahme und Erweiterung des Hybrid-Modells von Eberhard Hauschildt, vgl. ders., Hybrid evangelische Großkirche vor einem Schub an Organisationswerdung. Anmerkungen zum Impulspapier „Kirche der Freiheit“ des Rates der EKD und zur Zukunft der evangelischen Kirche zwischen Kongregationalisierung, Filialisierung und Regionalisierung, in: PTh 96 (2007), 56-66; Eberhard Hauschildt/Uta Pohl-Patalong, Kirche. 2. Aufl. Gütersloh 2018, 138-219.

6 Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW 8, Sonderausgabe Gütersloh 2015, 436.

 

Über die Autorin / den Autor:

Kirchenrat Georg Ottmar, Theol. Referent in der Kirchenleitung der Evang. Landeskirche in Württemberg, dort zuständig u.a. für den Verständigungsprozess "Kirche, Gemeinde und Pfarrdienst neu denken" (www.kirche-neu-denken.de) und Förderung und Qualitätssicherung im ­Dekaneamt.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2021

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