Entgegen den herkömmlichen Säkularisierungsthesen wird jüngst ein Wiedererstarken der Religion beobachtet. Aber ist es wirklich Religion, was sich da zeigt? Vielfach ist diese Rückkehr mit fundamentalistischen Grundzügen verbunden. Michael Roth und Stephan Weyer-Menkhoff vertreten demgegenüber die These, dass Fundamentalismus geradezu das Gegenteil von echter Religion ist.*

 

1. Rückkehr der Religion?

Noch vor wenigen Jahren haben Säkularisierungsthesen allgemein Eindruck gemacht, die behaupten, dass die Religion insgesamt in der säkularen Welt keinen Ort mehr haben wird, sie vielmehr dazu bestimmt ist, allmählich zu verschwinden1. Nun hat sich die Großwetterlange geändert. Gegenwärtig wird darauf hingewiesen, dass das Wiedererstarken der Religion in der modernen Kultur deutlich zeige2, dass die Religion hier ihren berechtigten Ort habe3. „Rückkehr der Religion“ – lautet das vielbemühte Schlagwort. Der in Harvard lehrende Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington formuliert in seinem weltbekannten Buch „Kampf der Kulturen“: „In der modernen Welt ist Religion eine zentrale, vielleicht sogar die zentrale Kraft, die Menschen motiviert und mobilisiert“4.

Nun kann man auch skeptisch hinsichtlich dieser Feier der Renaissance der Religion sein, zumindest scheint Vorsicht geboten: In welcher Form kehrt Religion zurück? Ist das, was da zurückkehrt, wirklich Religion? Vor allem aber: Ist das, was da zurückkehrt, wirklich zu begrüßen? In diesem Zusammenhang taucht auch das Problem mit der fundamentalistischen Entartung von Religion auf.

Dem Phänomen „Fundamentalismus“ ist gerade in den letzten beiden Jahrzehnten erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt worden. Besonderer Beliebtheit erfreut sich, den Fundamentalismus als Gegenbewegung zur Moderne zu verstehen5. In der Theologie hat dieses Erklärungsmuster breiten Anklang gefunden6.

Uns geht es im Folgenden nicht darum, dies zu bestreiten. Uns geht es vielmehr um eine spezifisch theologische Fragestellung: Worin unterscheiden sich Religion und Fundamentalismus? Unsere Grundthese ist nämlich, dass der Fundamentalismus keine Spielart der Religion ist, sondern deren Gegenteil und Aufhebung. Gerade in dieser Gegensätzlichkeit erlaubt der Blick auf den Fundamentalismus noch einmal genauer zu verstehen, um was es sich bei der Religion handelt: nicht um eine Deutungsmacht über die Wirklichkeit, sondern um eine Befähigung, in der konkreten Lebenswelt existieren zu können.

 

2. Thesen

(1) Religion als „Lebensvollzug“

Religion ist ein bestimmter „Lebensvollzug“, eine bestimmte Art und Weise zu leben. Religion ist daher nicht ein bestimmtes Für-wahr-Halten von Aussagen über die Welt, sondern eine bestimmte Wahrnehmung der Welt. Dem religiösen Menschen zeigt sich Welt in einer bestimmten Art und Weise. Wahrgenommen wird die Lebenswelt, die nie allgemein, sondern stets situiert ist.

(2) Religion ist sprachlich grundiert

Religion ist nicht das stumme Gefühl, sondern sie ist unaufhebbar sprachlich grundiert: Religion kommt von Sprache her zu Sprache hin, von einer anredenden, gehörten zu einer wieder-holenden, antwortenden Sprache. Die sprechende Sprache ist das Medium von Religion, nicht die informierende Sprache. Offenbarung ist religiös nicht wahre Information, sondern Wahrnehmung. Einen religiösen Lebensvollzug gibt es daher nicht anders als in sprechender Sprache. In Artikulationen bestimmter Texte, Riten, Bekenntnisse, religiöser „stories“, Traditionen und Gebete wird religiöser Lebensvollzug ein- und ausgeübt.

Von dieser Praxis der Artikulation her wird man sagen können, dass Religionen sich nicht (oder zumindest nicht in erster Linie) Erfahrungen verdanken (etwa den Erfahrungen mit dem Transzendenten), sondern Erfahrungen produzieren. Religiöse Erfahrungen haben keinen spezifischen Gegenstand, sondern es sind Erfahrungen von Alltäglichem in einem (bestimmten) religiösen Horizont. Diese religiöse Wahrnehmung verdankt sich nicht einer bestimmten Technik, sondern dem religiösen Lebensvollzug, lebensweltliche Erlebnisse und Situationen mit Artikulationen religiöser Texte zu verbinden. Die Religion gleicht daher einer Kultur, sie ist ein gemeinschaftliches Phänomen, das die Subjektivität der Einzelnen viel eher prägt, als dass sie als eine Manifestation dieser jeweiligen Subjektivität verstanden werden könnte.

(3) Religion und „Heilige Texte“

Die Gemeinschaftlichkeit der Religion ergibt sich insofern, als der religiöse Lebensvollzug nicht allgemein und damit frei, sondern auf eine eigens gegebene Weise bestimmt wird. Für die christliche Religion ist dies die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments. Christliche Religion wird als Lebensvollzug durch die Heilige Schrift bestimmt. Solche Bestimmung durch die Heilige Schrift geschieht aber wiederum nicht allgemeiner oder prinzipieller Weise.

Als Heilige Schrift ist die Bibel weder ein Kompendium christlicher Lehre noch eine Sammlung frühchristlicher Literatur. Sie ist weder Einheit einer Offenbarung noch die klassische Menge von Glaubenszeugnissen. Als Heilige Schrift im Singular fungiert die Bibel vielmehr als artikulative Praxis, indem sie mit einem beliebigen ihrer Texte einen Horizont freisetzt, der sonst in der Situation nicht erschiene. Weil es die Heilige Schrift ist, ist es der Horizont Gottes, den sie mit ihren Texten in der Artikulation freisetzt. Es ist also stets ein einzelner Text, kein Einheits- oder Kerntext, der diesen Horizont eröffnet. Dem jeweiligen Text entsprechend, öffnet sich der Horizont darum verschieden; aber in der Gemeinsamkeit des eröffneten Horizontes erweist sich die Zusammengehörigkeit der Texte als Heilige Schrift im Singular. Die Heiligkeit der Schrift zeigt sich in der Fähigkeit der Texte, den Horizont Gottes aufzuschlagen. Die Heiligkeit der Schrift zeigt sich nicht jenseits, sondern nur in ihrem Gebrauch.

(4) Horizont und Perspektive

Als Horizont ist Gott nicht definierbar, ist nicht Teil der Perspektive, sondern deren Grenze. Der Horizont bildet das Gegenüber der Perspektive. Der Horizont ist der Perspektive stets zugewandt und erzeugt darum in seiner unendlichen Ferne die dichteste Nähe. Der Horizont lässt die Dimension der Tiefe entstehen. In der religiös wahrgenommenen Situation kommt die Ferne Gottes unabweisbar in die dichteste Nähe, so dass die Elemente der Perspektive geradezu durchsichtig werden. Sie halten der Tiefe nicht stand. Die vom Horizont gehaltene und umgebene Perspektive durchschaut (per-spicere) die Situation. Religiös ist von Gott folglich nicht anders als situativ die Rede, wobei er zugleich nie Element der Situation wird.

(5) Radikale Ortsbezogenheit

Der Horizont öffnet sich wiederum nicht allgemein oder universal, sondern ist immer Horizont einer bestimmten Perspektive. Damit eignet Religion eine radikale Örtlichkeit zu. Stets hat die Perspektive einen Ursprung, einen Augenpunkt. Als Augenpunkt erfordert die Perspektive einen Wahrnehmenden, der eben diese und nicht eine andere Perspektive einnimmt. Der in dieser Perspektive Wahrnehmende ist nicht überall, sondern ist an einem Ort, an seinem Ort. Der Ort kann wechseln, die Ortsgebundenheit der Wahrnehmung bleibt jedoch. Die Wahrnehmung kann ihren eigenen Ort, die sie begründende Perspektive nicht mehr wahrnehmen, obwohl dieser Ort konkret und mit der wahrgenommenen Situation gegeben ist.

Die Perspektive wird nicht zum Element ihrer selbst. Bei unserem Erkennen, Wahrnehmen und Urteilen haben wir die jeweilige Situation vor Augen, nicht aber unsere Perspektive, die zwar unser Wahrnehmen, Denken und Urteilen bestimmt, die aber nicht selbst zum Element der Perspektive wird. Wir haben die Perspektive, die uns alles sichtbar vor Augen gibt, nicht selbst vor Augen, sondern eher im Rücken. Die Perspektive, die alles sichtbar macht, bleibt selbst unsichtbar.

Wir schließen nicht aus unserer Perspektive, wie wir die Dinge sehen oder sehen müssten, sondern unsere jeweilige Perspektive lässt uns die Dinge so und so sehen. Unsere Welt-Anschauung ist daher selber kein Grund, sondern etwas gleichsam Untergründiges, das Gründe allererst zu Gründen werden lässt, ihnen also den Charakter des Grundseins verleiht, selber aber ohne Grund, also abgründig bleibt. Wir begründen unser Sehen, Denken und Handeln nicht mit der Religion, sondern Religion lässt uns Dinge so und nicht anders sehen. Im religiösen Lebensvollzug muss daher die eigene Religiosität, Spiritualität oder Gläubigkeit gar nicht thematisch werden.

(6) Fundamentalismus

Anders als Religion lässt sich Fundamentalismus nicht als eine Form der Wahrnehmung der Welt verstehen, sondern als ein Für-wahr-Halten von Aussagen über die Welt. Der religiösen Wahrnehmung der Welt stehen daher im Fundamentalismus nicht wahrnehmbare, aber für wahr gehaltene Aussagen gegenüber. Diesen wahren Aussagen verpflichtet sich der Fundamentalist; von ­ihnen aus deduziert er, wie Welt zu verstehen ist.

(7) Fundamentalistischer Umgang mit Texten

Der Fundamentalist geht von Texten aus, die er als Grund setzt. Von diesem Fundament aus deduziert er wahre Aussagen. Die Texte geben ihm Grund für wahre Sätze, bestimmen aber nicht die Perspektive seiner Wahrnehmung. Er geht mit den Texten nicht praktisch um, sondern theoretisch. Insofern hat er keine Textpraxis. Er lässt seine Wahrnehmung und Lebenswelt nicht durch die Texte formen und in Frage stellen, sondern er besetzt und besitzt daher die Texte als sicheres Fundament für Ableitungen von Sätzen über die Welt.

(8) Fundamentalismus und Heilige Texte

Für den Fundamentalisten bilden die Heiligen Schriften keinen Horizont, der eine Welt eröffnet, die mit Heiligen Schriften erkundet werden können, sondern sind ein Fundament vor aller Wahrnehmung von Welt, das dafür wahre Aussagen über die Welt sichert. Als sicherndes Fundament müssen die Heiligen Schriften für den Fundamentalisten fest und unverbrüchlich sein. Sie dürfen keine Risse haben, keine Spannungen aufweisen. Es geht also dem Fundamentalisten nicht darum, in der durch die Heiligen Schriften eingeräumten Welt als deren Wahrheit zu leben, als vielmehr darum, die Wahrheit der Heiligen Schriften emphatisch zu behaupten. Aus der in Wahrnehmung gelebten Wahrheit der Religion wird eine behauptete Wahrheit im Fundamentalismus, die in ihrer Einzigkeit alles andere ausschließt.

(9) Fundamentalistisches Gottesverständnis

Gott wird im Fundamentalismus zu einem Garanten des Fundamentes, von dem her lauter wahre Aussagen über die Welt abgeleitet werden können. Gott wird im Fundamentalismus zum unbewegten Grund des Bewegten und Begründeten und ist nicht länger wie in der Religion der Horizont des Wahrgenommenen. Der Fundamentalist stellt den Grundsatz „Es gibt Gott“ dem modernen Satz „Es gibt Gott nicht“ (etsi deus non daretur) entgegen. Als Grundsatz ist Gott im Fundamentalismus definiert und verliert das Undefinierbare des Horizonts.

Damit verliert auch der Glaube seine unthematische Perspektivität auf den Horizont und muss als eigene, definierte Größe, als Überzeugung oder Gottvertrauen, thematisiert werden. Gott und Glaube werden zu den Fundamenten für den Aufbau wahrer Aussagen. Das Gesetz konsequenten Aufbaus und strikter Ableitung lässt konsequent keinen Raum für das Evangelium von dem im Horizont Gottes frei geschenkten Lebensraum. Der Verlust stellt sich nicht zufällig ein, sondern erfüllt die auf Sicherung fixierte Abicht.

(10) Fundamentalismus und Wahrheit

Der Fundamentalist kommt zu ortlosen wahren Aussagen. Die Wahrnehmung des Hier und Jetzt wird aufgelöst – es kommt entweder zur Erhebung bloßer historischer Fakten oder zu einem zeitlosen System wahrer Aussagen. Der Fundamentalist macht die Religion zum Grund seines Urteilens und Ableitens, wie – dem für wahr gehaltenen Verständnis der Wirklichkeit im Ganzen angemessen – Einzelsachverhalte der Wirklichkeit zwingend ausgesagt werden müssen. Dabei blendet er seine eigene Perspektivität aus und behauptet seine Perspektive als feststehenden Grund. Dabei muss er seine Perspektive nicht nur als einzig wahre gegen die der anderen durchsetzen, sondern muss diese einzig wahre Perspektive auch gegen seine eigenen anderen Perspektiven festhalten. Wird aber die Perspektive auf solche Weise stillgestellt, so ist auch die eigene Wahrnehmung depotenziert zu bloßem, täuschendem und unwahrem Schein. Die Perspektivität lebendiger Wahrnehmung und die Wahrheit allgemeiner und feststehender Sätze werden im Fundamentalismus vertauscht. Der Gewinn ist die Entlastung von Unsicherheit und Aufmerksamkeit, von Vielfältigkeit und Lebendigkeit.

 

3. Theologische Kritik

Fundamentalismus ist wie Religion ein bestimmter „Zugriff“ auf die Welt, aber von ganz verschiedener Art. Daher ist Fundamentalismus nicht bzw. nicht in erster Linie als Radikalisierung oder als Extrem von Religion zu verstehen, sondern als das strikte Gegenteil von Religion: er ist keine gelebte Wahrheit, sondern eine behauptete Wahrheit.

Um von einer konkreten Religion auszugehen: In der christlichen Religion ist nach lutherischem Verständnis der Glaube das Vertrauen auf die in, mit und unter den Dingen des Daseins gegebene Zusage des Lebens „Nimm hin und iss, für Dich gegeben“. Glaube ist Wahrnehmung der von Gott gewährten Gegenwart. Wenn ein Glaubender bekennt, die Welt als Schöpfung Gottes zu glauben, bedeutet dies nicht, dass er irgendwelche Sätze über die Welt für wahr hält, sondern dass er auf die Welt als ihm zugesagtem Lebensraum vertraut und die Gegenwart als für ihn gegeben wahrnimmt. Die Welt wird wahrgenommen als von Gott in persönlicher Zusage gegeben und daher als der mir von Gott eröffnete Möglichkeitsraums des Lebens und Handelns.

Der solche Zusage glaubende Mensch weiß sich in und mit diesem Vertrauen nicht über die Ambivalenzen des Lebens erhoben. Menschliches Leben ist durch Spannungen und Brüche gekennzeichnet, in denen sich durchaus nicht alles umstandslos reimen lässt. Der Glaube ist keine Befähigung, Spannungen, Brüche und Widriges in ein stimmiges System der Wirklichkeit zu integrieren; zu einer Systembildung, die alles in einer letzten Einheit zu einem Ausgleich bringt, eignet er sich vielmehr denkbar schlecht. Er ist aber auch nicht einfach stumm, sondern er initiiert spannungsreiche und durchaus nicht in eine Einheit zu bringende Wahrnehmungsbewegungen. Diese versuchen, angesichts von Erfahrungen, die jener Zusage gegebenen Lebens widersprechen, die Situation mit ihren Erfahrungen, in denen durchaus nicht alles erschlossen, sondern viel eher verschlossen ist, auf eben diese göttliche Zusage zu durchschauen (per-spicere). Dazu wird im dunklen Horizont der abgründigen Situation mit der Figur Christi ein weiterer Horizont eröffnet.

Kein „höheres Wissen“

Diese Wahrnehmungsbewegungen überspielen weder den Kontext, von dem aus sie unternommen werden, noch das konkrete Problem und die konkrete Fragestellung, durch die sie motiviert werden, und drängen nicht auf ein in sich stimmiges System. Wer daher nach einem „höheren Wissen“ um die Gesetzmäßigkeiten der Welt und nach einem in sich stimmigen System von Gott, der Welt und dem Mensch sucht, von dem aus er sein Leben verstehen, durchschauen und dieser Einsicht in seinen Ort in der Welt entsprechend leben kann, wird von dem christlichen Glauben enttäuscht werden müssen. Der Glaube vermag nämlich ein solches „höheres Wissen“ nicht zu geben und beurteilt daher das Bedürfnis, Deutungshoheit über die Wirklichkeit zu erlangen, kritisch.

So gibt es in der lutherischen Tradition nicht nur Topoi wie die Schöpfungslehre oder die Versöhnungslehre, sondern auch solche, die traktieren, wie im Blick auf die einander widerstrebenden Erfahrungen überhaupt eine verantwortliche Rede gewagt werden kann. Die Fundamentalunterscheidung von Gesetz und Evangelium bringt ebenso wie die Unterscheidung von dem offenbaren und dem verborgenen Gott gerade die Grenze des Erkennens und die Grenze jeden Hanges zur Systembildung zum Ausdruck. Diese Grundunterscheidungen leiten nicht dazu an, wie am jeweiligen Praxisort des Glaubens ein System zu erstellen ist, in dem sich alles umstandslos reimt; sie sind keine Gebrauchsanweisung dafür, die Spannungen und Irreduzibilitäten der Lebenserfahrung in eine höhere Einheit aufzuheben, sondern leiten an, wie angesichts bleibender Spannungen von der Zusage Gottes und ihrer Lebensmacht zu reden ist. Mit Liturgie, Bibel, Glaubensbekenntnis und Gebet sind Orte gegeben, in denen die Zusage immer wieder als Horizont aufgespannt wird. Und dieser Horizont ermöglicht ein Leben, das darauf verzichten kann, über alles, Gott, Welt und Mensch, qua Deutung Macht zu gewinnen.

Vertrauen oder Unterwerfung

Der grundlegende Unterschied zwischen Religion und Fundamentalismus besteht im Glaubensverständnis: aus dem Vertrauen auf die in, mit und unter den Dingen des Daseins gegebene Zusage des Lebens wird eine gehorsame Unterwerfung unter Satzwahrheiten, von denen man sich Sicherheit und Halt verspricht. Nicht selten kommt es dabei dazu, sich auf irgendwelche als für wahr gehaltene Fundamente zu berufen, von denen man hofft, dass sie Festigkeit und Stabilität verleihen. Damit aber stellen sich die bekannten und für jedermann wahrnehmbaren fundamentalistische Tendenzen ein: ängstliches Festhalten und Abgrenzung, statt Vertrauen und Neugier auf andere und anderes.

Die lebendige Wahrnehmung wird im Fundamentalismus durch eine Deduktion von einem für wahr gehaltenen Fundament ersetzt, das die ersehnte Sicherheit und Macht verspricht. Hier liegt auch der Grund dafür, warum der Fundamentalist so starr und unlebendig wirkt: Der Fundamentalist nimmt eine Satzwahrheit als Perspektive und muss sich darum gegen sein eigenes differenziertes Sehen sperren. Er ist gezwungen, sein tatsächliches Sehen zu Gunsten eines starren Bildes, das sich aus der Satzwahrheit ergibt, stillzustellen, dem Bild gemäß zu korrigieren oder als Täuschung auszugrenzen. Die gesuchte Übersicht zwingt zum Übersehen des Sehens. So wird die lebendige Wahrnehmung systematisch unterdrückt und hintergangen. Die Eindeutigkeit wird durch Unterdrückung der eigenen lebendigen Wahrnehmung, die immer auch ambivalent und uneindeutig ist, erkauft. Hier liegt der Kern der Gewalt fundamentalistischen Denkens: Gewalt gegen andere, die der Gewalt gegen sich selbst folgt. Mit der Stillstellung der Wahrnehmung wird die Situation insgesamt starr und in ihrer Starrheit unlebbar.

Und damit wird im Fundamentalismus der lebendige Gott zu einem toten Objekt. Der Fundamentalist büßt durch die durch das Bild ruhiggestellte Wahrnehmung die durch den Horizont gegebene Präsenz Gottes bei den Dingen und in der Erfahrung der Lebenswelt ein. Damit ist klar, dass Fundamentalismus nicht eine radikalisierte und verschärfte Variante von Religion ist. Vielmehr stellt der Fundamentalismus eine verschärfte Variante irreligiöser Weltanschauung dar, bei der Gott prinzipiell nicht als Horizont fungiert und nur als Element der Erfahrungswelt in Betracht kommen kann, als Seiendes unter Seiendem. Damit aber ist der Fundamentalismus, gleich welcher Spielart, ein durch und durch säkulares Phänomen.

Fundamentalismus ist Schatten gott-loser Weltanschauung, nicht Schatten von Religion. Religion ist als gelebte, deshalb auch ambivalente, dunkle und sich wandelnde Wahrheit das Gegenteil von behaupteter, eindeutiger, allgemeiner und unwandelbarer Wahrheit. ­Religion beansprucht nicht, die Wahrheit von Gott, Welt und Mensch durch Offenbarung zu wissen, sondern mit der zugesagten Gabe am Ort und in der Gegenwart Wahrheit zu leben: „Nimm hin und iss, für Dich gegeben“.

 

Anmerkungen

* Thesen anlässlich eines gemeinsamen Seminars im Wintersemester 2019/2020 an der Johannes-Gutenberg Universität Mainz.

1 So etwa Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft, Frankfurt/M. 1995, 118f.

2 So diagnostiziert beispielsweise der an der Technischen Universität Berlin lehrende Soziologie Hubert Knoblauch: „Weltweit nimmt die Bedeutung der Religion zu und zwar nicht nur in den (von uns gesehen) Rändern des Globus. Eine der entwickeltsten Gesellschaften der Welt, die vereinigten Staaten von Amerika, ist zugleich eine der religiösesten. In einer Reihe hauptsächlich südamerikanischer Gesellschaften spielt die […] Religion eine tragende Rolle als Modernisiererin“ (ders., H. Knoblauch, Qualitative Religionsforschung. Religionsethnographie in der eigenen Gesellschaft, München/Wien/Zürich 2003, 8f).

3 Dieses Wiedererstarken der Religion findet spätestens seit der globalen Rückkehr der Religionen auf die politische Agenda auch ein breites öffentliches Interesse (vgl. K. Gabriel/ H.-R. Reuter, Einleitung, in: dies., (Hg.), Religion und Gesellschaft, München/Wien/Zürich 2004, 11-49). Ähnlich auch F.W. Graf, Die Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur, München 2007, 9: „Spätestens seit dem 11. September ist die bleibende Macht des Religiösen unübersehbar deutlich geworden“.

4 S.P. Huntington, Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München/Wien 1996, 93.

5 Vgl. etwa Thomas Meyer, Fundamentalismus. Aufstand gegen die Moderne, Reinbek bei Hamburg 1999; Martin E. Marty/R. Scott Appleby, Herausforderung Fundamentalismus. Radikale Christen, Moslems und Juden im Kampf gegen die Moderne, Frankfurt/M. 1996.

6 Vgl. bspw. Hans-Günter Heimbrock, Wahrheit – Lebensform – Subjekt. Praktisch-theologische Anmerkungen zu christlichen Fundamentalismen, in: Religiöser Fundamentalismus. Analyse und Kritiken (hrsg. v. Stefan Alkier, Hermann Deuser, Gesche Linde), Tübingen 2005.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Michael Roth, Studium der Theologie in Tübingen und Bonn, 1997 Promotion, 2001 Habilitation, 2006 Ernennung zum apl. Professor für Syst. Theologie an der Universität Bonn, seit 2014 Prof. für Syst. Theologie an der Universität Mainz; Schwerpunkte: Fundamentaltheologie, Grundfragen der Ethik, Kulturhermeneutik.

Prof. em. Dr. Stephan Weyer-Menkhoff, Jahrgang 1953, ­Studium der Evang. Theologie in Göttingen, 1978-1980 Vikariat in der Evang.-luth. Landeskirche Hannovers, nach Tätigkeit im Schul- und Pfarrdienst Promotion (1987) und Habilitation (1997), von 1997 an Professor für Prakt. Theologie in Mainz; Schwerpunkte: Gestaltpädagogik, Ästhetik, Kunst und Kirchenbau.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2021

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