Was wie ein Witz klingt, hat tatsächlich stattgefunden: an einem Samstag in der Reutlinger Kneipe „Zentrale“, in einem kleinen Raum neben der Bar, während vorn ein Fußballspiel lief. Die Pfarrerin Cornelia Eberle sitzt neben dem Juden Alexander Lerner, zwischen ihnen ein halber Meter Höflichkeitsabstand, ihnen gegenüber der junge Imam Manzoor Ghuman. Die drei unterhalten sich über Religion und Humor – ein interreligiöses Gespräch, aufgezeichnet von Noemi Harnickell (NH).

 

Alexander Lerner: Nein! Es gibt in der Thora keine Witze. Darüber brauchen wir nicht zu reden.

Manzoor Ghuman: Die Frage, ob Religion eine Verbindung zum Humor hat, finde ich aber sehr wichtig.

Cornelia Eberle: Mir fällt dazu spontan die alte Tradition des Osterlachens ein: Da werden zu Ostern im Gottesdienst Witze erzählt. Die Gemeinde soll lachen, weil ­Jesus an Ostern auferstanden ist.

Cornelia Eberle ist evangelische Pfarrerin der City-Kirche in Reutlingen. Ihre grauen Haare fallen zerzaust auf ihre Schultern. Sie lacht mit ihrem ganzen Gesicht und spricht mit schwäbischem Akzent.

Lerner: Interessant. Können Witze tatsächlich sinnvoller Bestandteil einer Predigt sein?

Eberle: Natürlich. Es darf nicht erzwungen wirken, aber die Leute sollen die Kirche erlöst verlassen können.

Alexander Lerner ist IT-Techniker. Er sitzt mit ernstem Gesichtsausdruck neben Cornelia Eberle und rührt fast ruckartig in seinem Pfefferminztee. Er lebt seit 1992 in Deutschland, seine russische Herkunft hört man nur noch im Rollen seiner „R“. Er hat ein dickes Buch mit dem Titel „Der jüdische Witz“ mitgebracht, in dem er immer wieder blättert, ohne wirklich hineinzuschauen.

Manzoor Ghuman ist Imam der Reutlinger Ahmaddya-Gemeinde, einer islamischen Gemeinschaft aus Britisch-Indien. Seitenscheitel, sauber gestutzter Bart und randlose Brille. Er hat die Runde begrüßt mit einer leichten Verbeugung.

Begegnet sind sich die drei noch nie. Sie alle kamen der Einladung nach, über den Humor in ihren Religionen zu diskutieren. Zum Einstieg haben sie ihre Lieblingswitze mitgebracht.

Lerner: Ich bete nicht, aber Witze mache ich ununterbrochen. Das ist ein Teil meiner Identität – ich kann mir nicht vorstellen, dass es Situationen gibt, wo einem Juden kein Witz mehr einfällt. Ich erzähle Ihnen mal einen: Während einer Überflutung sitzt ein frommer Jude auf dem Dach seines Hauses und betet. Da fährt ein Boot vorbei und der Kapitän ruft: „He Mojsche, steig ein!“ Aber Mojsche antwortet: „Nein, ich bete. Gott wird mich retten.“ Etwas später, das Wasser steigt immer höher, fliegt ein Hubschrauber vorbei. Der Pilot ruft: „He Mojsche, steig ein!“ Aber Mojsche antwortet: „Nein, Gott wird mich retten.“ Nach einiger Zeit ertrinkt Mojsche und stirbt. Im Himmel fragt er Gott, warum der ihn nicht gerettet habe. Da sagt Gott: „Du Idiot! Ich habe dir ein Boot geschickt, ich habe dir einen Hubschrauber ­geschickt – was willst du noch von mir?“

Alexander Lerner lacht kaum, besonders dann nicht, wenn er einen Witz erzählt. Cornelia Eberle lacht dafür umso lauter; sie hat lange in Israel gelebt, die jüdische Humorkultur ist ihr vertraut.

Eberle: Dann bin jetzt wohl ich dran. Der Papst ist sehr krank und der Leibarzt rät ihm, in die Sauna zu gehen. Der Papst geht in die Sauna und kehrt ganz begeistert zurück mit dem festen Entschluss, am nächsten Tag gleich wieder hinzugehen. Aber der Arzt warnt ihn: „Heiliger Vater, das geht doch nicht. Morgen ist ­gemischte Sauna.“ Da antwortet der Papst: „Ach, die paar Evangelischen – die machen mir doch nichts!“

Ghuman: Der gefällt mir. Mein Witz ist nicht religiös, er geht so: Ein Mann findet einen Flaschengeist und hat einen Wunsch frei. Er sagt: „Ich wünsche mir eine Straße zum Mond.“ Da sagt der Flaschengeist: „Das ist viel zu kompliziert. Wünsch dir was anderes.“ „Gut“, sagt der Mann, „dann wünsche ich mir, dass meine Frau mir immer gehorcht.“ Da sagt der Flaschengeist: „Soll die Straße zum Mond ein- oder zweispurig sein?“

Eberle: Oha, da geht es schon richtig um Machtverhältnisse.

Ghuman: Nein, eben nicht. Der Witz beschreibt eine Art des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau, in dem es eine gesunde Form von Sticheleien gibt.

Eberle: Genau deswegen brauchen wir Witze: Man muss über das Surreale im Leben lachen können.

Lerner: Das stimmt. Damals in der Sowjetunion gab es so viele Probleme, über die man nicht nur nicht lachen, sondern über die man nicht mal sprechen durfte. Das war überhaupt nicht lustig. Aber heimlich erzählten wir uns dauernd Witze, das war eine Art geistiger Widerstand. Wenn man Angst hat und stattdessen lacht, dann bekommt man ein Stück Freiheit zurück.

NH: Da müssen bestimmt sehr derbe Witze darunter gewesen sein.

Lerner: Ich zeige Ihnen, was ich meine: Ein Jude sitzt weinend nach einem Pogrom vor seinem niedergebrannten Haus. Da kommt ein anderer Jude vorbei und sagt: „Was ist denn Mojsche?“ Mojsche antwortet: „Das Haus ist verbrannt, alle sind tot.“ – „Deine Frau?“ – „Tot.“ – „Deine Kinder?“ – „Auch tot.“ – „Ja, und wie geht’s sonst so?“

Cornelia Eberle sucht hilfesuchend nach Manzoor Ghumans Augenkontakt. Seine Mundwinkel zucken. Ist es erlaubt, über einen solchen Witz zu lachen?

NH: Uff. Den dürften wir anderen aber nicht erzählen.

Lerner: Warum? Sie sind doch keine Antisemiten.

NH: Die Frage ist grundsätzlich, was der Witz darf und wo er zu weit geht.

Eberle: Ein guter Witz ist von Wohlwollen getragen.

Ghuman: Das hat nichts mit Meinungsfreiheit zu tun, so wie das viele oft behaupten, sondern einfach mit Feingefühl. Ich fühle mich sehr verletzt, wenn sich Karika­turen über den Heiligen Propheten Mohammed lustig machen. Schließlich würden Sie auch nicht Ihre Familie beleidigen, oder?

Eberle: Ich wusste, dass der Islam im Blick auf die Unfehlbarkeit Mohammeds sehr streng ist. Deswegen habe ich mich vor diesem Gespräch auch gefragt, ob es in ­Ihrer Religion überhaupt Humor gibt, Herr Ghuman.

Ghuman: Das hat ja nichts mit Humor zu tun.

Eberle: Na ja, doch. Im Islam gibt es eine viel höhere Empfindlichkeit, wenn es um religiöse Symbole geht, als im Christentum.

Lerner: Humor muss aber nicht heißen, sich über den Propheten lustig zu machen.

NH: 2015 wurde nach der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen ein islamistischer Anschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo verübt. Herr Ghuman, wie haben Sie das wahrgenommen?

Ghuman: Sehen Sie, wenn so etwas passiert, ist das für uns Muslime doppelt schwer. Einerseits werden da Menschen umgebracht, und das macht uns traurig. Andererseits muss der Islam geradestehen für Dinge, die mit dem Inhalt der Religion gar nichts zu tun haben. Im Koran heißt es eindeutig: Wenn du einen Menschen tötest, ist das, als würdest du die ganze Menschheit töten.

NH: Erzählen Sie Witze?

Ghuman: Na klar, ich bin doch ein Mensch! Außerdem ist der Koran voll mit witzigen Geschichten. In einer meiner liebsten kommt ein Mann zum Heiligen Propheten Mohammed und sagt, er brauche ein Kamel. Darauf antwortet Mohammed: „Ein Kamel habe ich nicht, ich habe nur das Kind eines Kamels.“ – „Schade“, entgegnet der Mann, „ich brauche ein richtiges Kamel.“ Da sagt der Heilige Prophet: „Ein Kind von einem Kamel ist doch auch ein Kamel. Das Kind ist ein Kamel, seine Eltern sind Kamele …!“ Verstehen Sie, was ich meine? Der Heilige Prophet wollte den Mann nur in die Irre führen, dabei ist das Kind eines Kamels auch ein Kamel!

NH: Frau Eberle, Sie lächeln. Was ist die witzigste Geschichte in der Bibel?

Eberle: Kennen Sie die Geschichte von Zachäus? Da kommt also Jesus nach Jericho und Zachäus, ein geiziger, kleinwüchsiger Zollpächter, klettert auf einen Baum, um Jesus besser zu sehen. Jesus bemerkt ihn im Vorbeigehen und lädt sich und seine Jünger gleich beim geizigen Pächter ins Haus ein. Ich finde das sehr witzig.

Lerner: Hm. Deutungsfrage. Wir wissen nicht, was vor 2000 oder 3000 Jahren als witzig galt.

Während des Gesprächs haben sich Alexander Lerners Wangen gerötet, dass er einen Witz macht, erkennen die anderen nun daran, dass er etwas weniger streng schaut, ab und an ein trockenes Lachen von sich gibt.

NH: Sie schmunzeln nie, Herr Lerner, wenn Sie die Thora oder den Talmud lesen?

Lerner: Nein, nein, nein. Wirklich nicht. Wobei … es gibt die Geschichte mit dem Propheten Lot. Die ist durchaus witzig. Lot versuchte nämlich, mit Gott über das Schicksal der Stadt Sodom zu verhandeln. Dafür streitet er sich ewig lange mit ihm.

Eberle: Dieses Streiten mit Gott im Judentum fasziniert mich sehr. Humor hilft, den Glauben zu relativieren und manches, was in den Schriften steht, lockerer zu nehmen.

Lerner: Apropos Streiten, wissen Sie, was passiert, wenn zwei Juden auf einer einsamen Insel stranden? Nun, sie werden drei Synagogen bauen. Warum? Ein Jude geht in die erste Synagoge, der andere Jude geht in die zweite. Über die dritte schimpfen sie beide.

NH: Herr Lerner, Sie haben ein riesiges Repertoire an Witzen. Haben Sie ein humoristisches Vorbild?

Lerner: Komiker finde ich nicht lustig. Einen Witz nach dem anderen erzählen, das ist doch keine Kunst. Ich mag eher Literaten, zum Beispiel Mark Twain. Das ist kluger Humor.

Eberle: Ich mag Clowns. Das sind Anti-Helden. Sie stolpern und fallen hin, stehen aber vergnügt wieder auf.

Manzoor Ghuman steht auf, entschuldigt sich, er müsse aufbrechen. Er verneigt sich leicht zum Abschiedsgruß, hält jedoch abrupt inne und setzt sich wieder hin.

Ghuman: Da fällt mir noch was ein – kennen Sie eigentlich Chuck Norris?

Eberle: Nein, wer ist das?

Ghuman: Chuck Norris ist so hart, der braucht keinen Honig, der kaut Bienen. Oder: Chuck Norris ist so hart, der ist schon vor zehn Jahren gestorben, aber der Tod hat sich nicht getraut, es ihm zu sagen.

Cornelia Eberle schenkt dem Witz ein gutmütiges Schmunzeln. Sie trinkt den letzten Schluck ihres Früchtetees. Alexander Lerner neben ihr blickt mit steinernem Ausdruck auf die Uhr. Von der Bar ist das Klirren von Gläsern zu hören, Stimmen reden wirr durcheinander, das Fußballspiel ist vorbei.

NH: Sie erzählten Ihre Witze heute Nachmittag mit sehr ernstem Gesichtsausdruck, Herr Lerner. Worüber haben Sie zuletzt gelacht?

Lerner: Ihre Anfrage!

Eberle: Das muss sich auch erst einer vorstellen: Eine Christin, ein Jude und ein Muslim sitzen zusammen in einer Fußballkneipe und erzählen sich Witze!

Der Fotograf bittet die drei, sich an die Bar zu setzen. Manzoor Ghuman zögert. Er will nicht aussehen, als trinke er tatsächlich Alkohol. Alexander Lerner stellt ein Glas Wasser vor sich und packt noch einen Witz aus. Das Buch liegt zugeklappt in seiner Tasche. Eine letzte Pointe, dann rutschen die drei von ihren Barhockern, Erleichterung auf den Gesichtern. Wer hätte gedacht, dass Witze erzählen auch anstrengend sein kann?

 

Noemi Harnickell

 

Über die Autorin / den Autor:

Noemi Harnickell, Studium der Geschichte in Bern, Autorin für das Berner Theaterensemble ­Johannes, heute freie Journalistin.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2021

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