Ökonomische und ökologische Krisenzeiten, multipolare Spannungen und Demokratieverdrossenheit, wie aktuell das gewaltsame Eindringen in den Deutschen Bundestag (18.11.2020) und der Sturm auf das Kapitol in Washington D.C. (6.1.2021) zeigten, fordern Kritik: Kritik an realen Diskrepanzen von Freiheit und Gerechtigkeit, Kritik an utopischen Ideen von Freiheit und Gerechtigkeit. Diesen politischen Realismus vertieft Reinhold Niebuhrs „christlicher Realismus“ zur Begründung und Verantwortung freiheitlicher Demokratie. Michael Plathow erinnert an den am 1. Juni 1971 gestorbenen wirkmächtigen Theologen.

 

Erinnern an Reinhold Niebuhr

Reinhold Niebuhr ist bekannt durch sein Gebet in Heath, Mass., 1934: „God, give us grace to accept with serenity the things that cannot be changed, courage to change the things that should be changed and the wisdom to distinguish the one from the other“. Als öffentlicher Theologe war er Berater amerikanischer Politiker in Krisenzeiten vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach dem nationalen Schock des „9/11“ beriefen sich Politiker der demokratischen Partei – aber nicht nur – wie Jimmy Carter, Madeleine Albright, Hillary Clinton u.a. auf ihn. Auch W. Brandts Rede zum „Reinhold Niebuhr Award“ (26.9.1972) sei genannt. Vor allem Barack Obamas Nobelpreis-Rede (10.12.2009) und sein Interview in „The New York Times“ vom 26.4.2007 fanden breite Aufmerksamkeit. Obama charakterisierte Niebuhr als „one of my favorite philosophers“, denn „I take away the compelling idea that there’s serious evil in the world, and hardship and pain. And we should be humble and modest in our belief we can eliminate these things. But we shouldn’t use that as an excuse for cynism and inaction. I take away … the sense we have to make these efforts knowing they are hard, and not swinging from naive idealism to bitter realism“. In Obamas Büchern, etwa in „Ein verheißenes Land“ (2020), findet sich diese Sicht wieder.

Von Niebuhr als einem Theologen internationaler Politik spricht auch seine Tochter Elisabeth Sifton, gestorben am 13.12.2019. Sie und ihr Ehemann, der Historiker Fritz Stern, veröffentlichten 2013 das Buch „Keine gewöhnlichen Männer. Dietrich Bonhoeffer und Hans von Donanyi im Widerstand gegen Hitler“.

 

Ein wirkmächtiger Theologe

Niebuhr übte als junger Pastor in Detroit scharfe Kritik an der sozialen Situation der Fließbandarbeiter bei Henry Ford. Religiöser Sozialist und Pazifist war er damals. Das änderte sich nach dem Kollaps der Wirtschaftskrise von 1929 und der folgenden Depression mit dem wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung durch R.N. Roosevelts „New Deal“-Reformen. Niebuhr, ab 1928 Professor am Union Theological Seminary und an der Columbia University in New York, wurde kämpferischer Vordenker des politischen und „christlichen Realismus“.

In der kompromislosen Ablehnung nationalsozialistischer Diktatur einerseits und kommunistischer Tyrannei andererseits muss sich die demokratische Staatsform, die die Freiheit des anderen als Grenze eigener Freiheit anerkennt, bewähren. Gegen politische Neutralität und kirchlichen Pazifismus stritt Niebuhr für die militärische Intervention der USA gegen Nazi-Deutschland. Zugleich lehnte er den Einsatz der Atombombe auf Japan – auch nach Pearl Harbour – strikt ab. Emigranten vor dem Nazi-Regime (u.a. Paul Tillich, Dietrich Bonhoeffer) half er bei der Integration.

Nach der Befreiung Deutschlands unterstützte er die transatlantischen Hilfsmaßnahmen für die leidende Bevölkerung. Zugleich arbeitete er für eine freiheitlich-demokratische Neuordnung vor allem im Schul- und Bildungswesen. Dazu bereiste er im Zusammenhang des „Allied Religious Affairs Committee“ vom 25.8. bis 15.9.1946 verschiedene Universitätsstädte und traf Kirchenvertreter des „Stuttgarter Schuldbekenntnisses“ (19.10.1945). In Berlin besuchte er am 27.8.1946 die Eltern seines Schülers und Kollegen Bonhoeffer. Niebuhr war der erste, der Bonhoeffer als Märtyrer würdigte. Mit ihm hatte er sich ausgetauscht über die politische Situation in Nazi-Deutschland und die Ökumenische Bewegung.

Bei der II. Weltkonferenz für „Kirche und Gesellschaft“ in Oxford 1937 wirkte Niebuhr mit. Bei der I. Weltkirchenkonferenz 1948 in Amsterdam, „Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsordnung“, hielt Karl Barth den Hauptvortrag zu „Gottes Heilsordnung und die Unordnung der Welt“. Niebuhr sprach zu „Das christliche Zeugnis für die Ordnung der Gesellschaft und des nationalen Lebens“. Die anschließende Diskussion zeigte – bei wechselseitigem Respekt – den Unterschied zwischen Barths Offenbarungstheologie und Niebuhrs pragmatisch ausgerichteter Sozialethik. Niebuhr geht es um handlungsorientierte Verantwortung; so sein Widerspruch gegen Rassentrennung in den USA, so seine Unterstützung von Martin Luther Kings Protestmarsch in Selma Montgomery 1965 und dessen Kritik am Vietnamkrieg.

 

Politischer und „christlicher Realismus“

Die Zuordnung von politischem Realismus und „christlichem Realismus“ expliziert Niebuhr u.a. in seinen Hauptschriften „Moral Man an Immoral Society“ (1931), in den Gifford Lectures von 1939 in Edinburgh „The Nature and Destiny of Man“ (1941/43), in den anthropologischen Voraussetzungen für die „Begründung der Demokratie und Kritik an ihrer traditionellen Verteidigung“ in „The Children of Light and the Children of Dark­ness“ (1944) und in seiner Gesellschaftskritik „The Irony of American History“ (1952).

Der politische Realismus (H. Morgenthau, J.C. Bennet, H. Kissinger u.a.) grenzt sich ab gegen optimistischen Liberalismus einerseits und ideologischen Totalitarismus andererseits, gegen kapitalistische Konsum- und Fortschrittsidee einerseits und marxistische Gesellschaftsutopie andererseits. Der politische Realismus konstatiert mit dem menschlichen Egoismus den Willen zur Macht, der sich in den Willen zur Gewalt korrumpiert in persönlichen, gesellschaftlichen und internationalen Beziehungen. Dieser Hybris müssen Grenzen gesetzt werden durch legalisierte, mit Durchsetzungskraft ausgestattete Institutionen, die Interessenausgleich und Kräftegleichgewicht (balance of power) schaffen für mehr Frieden und Gerechtigkeit.

„Kohärent“ und „inkohärent“, wie Niebuhr sagt, sind der politische und „christliche Realismus“ aufeinander bezogen. Mit der „Theologie der Krise“ bezeugt er in reformatorischer Tradition und in der Nachfolge Kierkegaards die Wirklichkeit Gottes und die Realität der Sünde. Der Mensch ist auf Transzendenz ausgerichtet. „Gottes bedürfen ist des Menschen Vollkommenheit“, wie Kierkegaard in den „Geistlichen Reden“ (1844) sagt. Zugleich aber zeigen sich mit der Gabe der Freiheit – beim Versuch, Selbst sein zu wollen oder nicht Selbst sein zu wollen – die Ambivalenz von Wollen und Vollbringen (Röm. 7,18f), der Egoismus und die Hybris (Gen. 3,5; 8,21) als unvermeidliche Sünde. Schuldigwerden als Ungerechtigkeit und Unfrieden sind die Folge. Die Rechtfertigung durch Gottes hingebende Liebe im „Drama des Kreuzes“ schenkt Vergebung und ruft – entsprechend reformierter Tradition auch widerständisch – die Glaubenden in die Verantwortung für mehr Gerechtigkeit nach dem Gebot uneigennütziger Liebe. Gesellschaftliche Gerechtigkeit realisiert sich nur in Widerspruch und Annäherung an das Liebesgebot. So die christliche Perspektive im Blick auf Gottes Vollendung durch Gericht und Gnade.

 

Christlicher Realismus“ und Demokratie

In die „kohärente“ und „inkohärente“ Beziehung von politischem und „christlichem Realismus“ implantiert Niebuhr seine Begründung einer kraftvollen Demokratie. Nicht im guten Willen rationaler Vernunft (J. Locke, J.J. Rousseau), sondern im augustinisch-reformatorischen Menschenverständnis erfährt demokratisches Zusammenleben die Voraussetzung: der Mensch, mit Freiheit begabt, verstrickt in Sünde mit der Ambivalenz menschlichen Entscheidens und Machens, durch Gottes Gnade gerechtfertigt und verantwortlich für bessere Gerechtigkeit. „Des Menschen Anlage zur Gerechtigkeit macht Demokratie möglich, aber des Menschen Neigung zur Ungerechtigkeit macht Demokratie notwendig“, wie Niebuhr das Buch „Kinder des Lichts und ­Kinder der Finsternis“ (Lk. 16,8) beginnt.

Kritisch und kämpferisch wendet sich plurale Demokratie gegen kritikfreie Uniformierung und rechtsfreie Monopolisierung, eben gegen Unfreiheit und Machtmissbrauch. Gewaltenteilung, Minderheitenschutz, Mediatisierung, Konsens- und Kompromissbildung schaffen im demokratischen Prozess von Freiheit und Ordnung als Interessen- und Machtausgleich relative Gerechtigkeit. Demokratische Entscheidungen sind fragmentarisch und komparativisch. Demokratie erweist sich als realistische Methode, um Lösungen zu finden für komplexe, ja, unlösbare Probleme, so in Anlehnung an den W. Churchill zugeschriebenen Satz: „Democracy is the worst form of government except of all those that have been tried from time to time“. Zugleich, wie Niebuhr betont, gibt demokratisches Leben Anteil und nimmt hinein in engagierte Verantwortung für die freiheitliche Demokratie.

 

Christentum und Demokratie

Als „kohärent“ und „inkohärent“ erweist sich das Verhältnis von Christentum und Demokratie, christlichem Glauben und Verantwortung in und für demokratische Prozesse. Kritisch und konstruktiv gestaltet sich die Haltung, die Einstellung des Christentums zur Demokratie nach Niebuhrs „christlichem Realismus“ mit auf politische Verantwortung zielender prophetischer Kraft. Demokratie ist „Angebot und Aufgabe“, wie dann die EKD-Denkschrift „Evangelische Kirche und freiheitliche Demokratie“ (1985) mit der EKD-Schrift „Konsens und Konflikt“ (2017) erklärt. Zur Kritik herausgefordert durch die Gleichgültigkeit und Selbstgenügsamkeit vieler Bürger einerseits, widerständisch gegen populistische Hetze und nationale Hybris, gegen direktes oder indirektes Zerstören der Rechtsordnung, auch gegen entgrenzten Fortschritts- und Machbarkeitswahn engagieren Christen sich für bessere Gerechtigkeit in einer freiheitlichen zugleich wehrhaften Demokratie. Es geht letztlich um die „Würde des Menschen“ des auf den Grund- und Menschenrechten (GG 1-20) gründenden Staates „in Verantwortung vor Gott“. Aktuell ruft der EKD-Text „Demokratie, Bildung und Religion. Gesellschaftliche Veränderungen in Freiheit mitgestalten“ (2020) in der 2. Schlussthese auf: „Setz Dich ein für unsere Demokratie, konkret, klug, praktisch, im Vertrauen darauf, dass der Rest Gottes Sache ist“.

Christ- und Kirche-Sein weiß im Privaten und Politischen – so Niebuhr im Blick auf Gottes alles vollendendes Gericht – um Versöhnung und Vergebung, um ­Demut und Gelassenheit, „serenity“.

 

Michael Plathow

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Michael Plathow, Jahrgang 1943, Studium in Theologie und Jura, 1973 Promotion über Karl Barth, 1974 Ordination, 1979 Habilitation, 1986 apl. Prof., bis 2007 Direktor des Konfessionskundlichen Instituts in Bensheim; Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Dogmatik, ­Ökumene, Martin Luther, Kirchenrecht.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2021

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