I. Eingang in die selbst gewählte Unnötigkeit

Der Lockdown an sich ist nicht das Problem. Das Problem ist der Lockdown des Evangeliums durch die Evangelischen. Das freiwillige Niederlegen der Arbeit bei vollem Gehaltsausgleich innerhalb der evangelischen Kirchen durch die Presbyterien und Kirchenvorstände unter häufiger Anleitung der Geistlichen erweist sich hinsichtlich der Folgen als ein dramatisches Problem.

War das im ersten Lockdown (März bis Mai 2020) noch staatsverordnet, ist es in der zweiten Lockdownphase seit Mitte Dezember 2020 nun selbstgemacht. In der überwiegenden Anzahl von Kirchengemeinden wurden teils in Absprache mit den Regionalkirchen wie Kirchenkreisen und Dekanaten ganze Landstriche der Gottesdienste beraubt.

Die Begründungen dafür waren und sind geradezu evangelisch unglaublich. Aber wir sind ja seit der schleichenden Übernahme des Evangelischen durch die kirchliche Reformbürokratie auch erheblichen theologischen Eruptionen unterworfen. Nicht mehr das Evangelium und damit Christus stehen im Vordergrund, sondern vielmehr ein seltsamer Selbstbegründungsduktus. Dieser klingt zwar nicht mehr kulturprotestantisch (also kaiserzeitlich deutsch-nationalistisch), dafür aber gerechtigkeitsprotestantisch. Gerechtigkeit wird an protestantischen Idyllisierungen abgearbeitet; wie an idyllisierten Begriffen wie: Schöpfung (Welche eigentlich? Vor oder nach der Sintflut, bei der Gott seine Schöpfung vernichtet, oder die Schöpfung der neuen Kreatur in Christus?); nachhaltige Ökologie; Menschen-, Gender-, Trans-, Sexualgerechtigkeit; gerechte Sprache; oder auch immer neu aufkommende, aufgeladene sowie inhaltlich wabernde Phantasien von Gerechtigkeit.

All diesem Gerechtigkeitsprotestantismus wohnt eine unsäglich moraline Besserwisserei zugrunde, die wenig mit Diskurs, Offenheit, Klarheit oder Meinungsbildung, sondern vielmehr mit der im Englischen schon bekannten Cancel-Culture zu tun hat. Dort werden nicht nur historische Begriffe „geixt“ (ausgelöscht oder zur Auslöschung freigegeben), sondern Menschen, die nicht nach dem diffusen Gerechtigkeitsprotestantismus genehm sind, gleich mit entsorgt. Dieser Gerechtigkeitsprotestantismus erinnert stark an die Protagonistin Mae ­Holland des dystopischen Romans The Circle von Dave Eggers aus dem Jahr 2013, die sich (mit den anderen zusammen) letztlich in ihrer selbstillusorischen Gesellschaftsfiktion ein götzenhaftes Idyll erschafft, indem sie eine neue (digitale) Heimat für alle mittels gerechter Heilserfüllung durch Transparenz propagiert. Emma Watson spielt die Rolle brillant.

Somit wird auch Empörung einer derart protestantisch konnotierten Gerechtigkeitsgruppe zum neuen Bashing gegen Menschen und Mehrheitsdenken. Unterwerfung ist – wie auch im „Circle“ – in dieser Kultur Bekenntnisgrundlage. Mit Unterwerfungsanforderungen unter diesen Gerechtigkeitsprotestantismus okkupieren die protestantischen Gerechtigkeitsfanatiker das allerheiligste Evangelische, nämlich das Evangelium selbst. Wabernde Meinungen, Kerngruppentrends wird durch Wenige zu einer götzenhaften Gigantomanie verholfen, um Verstand, Kritikfähigkeit und Revisionsfähigkeit – wie schon in „1984“ oder „The Circle“ – letztlich zu Feindbildern zu degradieren.

 

II. Theologie ohne Evangelium, aber mit Gerechtigkeitsprotestantismus

Verfolgt man die Begründungen und Ausführungen zum Evangeliums-Lockdown und damit dem Weg in die selbst gewählte Unnötigkeit oder der „Unnot des Evangeliums“ in dieser neuen protestantischen Kirchengesellschaft, fallen gerade die schizophrenen Muster auf: „Aus Solidarität mit dem Einzelhandel finden keine Gottesdienste statt.“ (ab Dezember 2020) Neuerdings (ab März 2021) ergänzend: „Um die Ernsthaftigkeit des staatlichen Handelns gegen die Pandemie zu unterstützen, finden – weiterhin – keine Gottesdienste statt.“

Waren schon in der Asylboot-Theologie, was ja nicht unbedingt einer US-amerikanischen Kanonenboot-Doktrin unähnlich scheint, wesentliche Zwangsbestimmungen protestantischer Gerechtigkeitsidyllisierung enthalten, wird mit der Selbstabschaffung der Evangeliumsverkündigung eine neue Theologiehürde überwunden: die Abschaffung des Evangeliums als Wesensbestandteil der Verkündigung.

War Dahms Funktionalisierungslösung von Kirche und Pfarrberuf seit den 1970er Jahren noch (eigentlich) zwingend in seiner Wertevermittlung und Lebensbegleitung an die Heilsbotschaft Christi gebunden (zumindest bei ihm), wurde beginnend mit einer gerechtigkeitsprotestantischen „Kirche der Freiheit“ und spätestens seit der Doktrin „Kirche (selbst – also die Organisation) ist Zukunft“ quasi der neue 10-Jahresplan des neuen Protestantismus ausgerufen.

In Abkehr von der kaiserzeitlichen, kulturprotestantischen Variante, die immer eine starke religiös-traditionale sowie nationale Bindung aufwies, wird mit der neuen protestantischen – in der heutigen Gesellschaft in Deutschland komplett unbekannten und unwichtigen – Theologie einer Gerechtigkeitsverwirklichung neues Terrain betreten. Christus als (persönliche) Heilsfigur in Kreuz und Auferstehung muss „verunnötigt“ werden. Vielmehr wird der ethisierte Jesus in seiner spezifischen Idyllisierung als protestantische Gerechtigkeitsikone aufgebaut. Die protestantischen Hausaltäre sind nun mehr mit grünen Bäumen, CO2-Warnungen, Biokerzen und ökologischem Fußabdruck statt Kruzifix ausgestattet.

Verdächtig ist die neue Theologie-Sprache, deren Heilsbotschaft in eine Eil-Botschaft umgewendet wird, was noch alles zur sofortigen Rettung der Schöpfung (Gottes?? Wohl kaum, sondern der eigenen idyllisierten Vorstellung), der Klimawandlungen, Menschenwürde im Mittelmeer oder auch der Sprach-, Gender-, Sexual- oder Referenzrahmengerechtigkeit unbedingt erforderlich ist. Dass diese Probleme und deren Gestaltungsanforderungen vorhanden und anzugehen sind, wird niemand, der noch alle Synapsen beisammen hat, bestreiten. Ob aber dafür die „Unnot“ des Evangeliums, also das Unnötigsein der Evangeliumsbotschaft, wirklich ausgerufen werden muss, darf doch stark bezweifelt werden. Dass dem Autor nun die Ausgrenzung aus dem Heil der Gerechtig­keits­protestant­*innen droht, mag dieser problem­los im Bewusstsein des Heils Christi verschmerzen.

Bedauerlich und inakzeptabel ist, dass für den neuen Gerechtigkeitsprotestantismus die Heilsökonomie Gottes im Bund (Noah, Sinai) und im Evangelium (Jesus Christus) geopfert wird. Diese neue Theologie verhält sich wie Mutanten: aggressiver in der Sprache, ansteckender in protestantischen Idyll-Gruppen und gefährlicher durch Exklusionstendenzen.

Die Infizierung der Kirchen und Theologie scheint weit fortgeschritten, wenn es nur 15 Jahre seit 2006 („Kirche der Freiheit“) bedurfte, um diesen Gerechtigkeitsprotestantismus mittels Reformbürokratie und das faktische, finanzielle Ausbluten der (Kern- und Orts-)Gemeinden durch teils schlicht lächerlich angewandte betriebswirtschaftliche Methoden (wie Doppik1 oder Rücklagenbildung) zur vollflächigen Ausbreitung zu bringen. Gepaart mit einem hierarchischen Top-Down-Verständnis der teils chaotisch agierenden Kirchenverwaltungen oder Konsistorien, die normale, alltägliche Komplexität singularisieren (also gleichschaltend vereinheitlichen oder ausgrenzend auflösen) wollen, sind somit heute Gemeindearbeit, der Pfarrberuf, die Kirchenorganisation und die Theologie gleichermaßen infiziert.

 

III. Kirche ohne Evangelium

Die Unnot des Evangeliums macht die evangelische Kirche unnötig. Aus diesem Dilemma heraus wäre – hier muss man den Reformbürokraten strategisch leider zustimmen – die Bildung einer (einzigen) bewusst protestantischen (statt evangelischen) Kirche sinnlogisch, wie die EKD dies ja faktisch durch Selbstbeschluss präjudiziert hat. In der Folge sollten auch alle Landeskirchen als evangelische aufgelöst werden und protestantische Bistümer etabliert werden, um dem Gerechtigkeitsprotestantismus eine neue Schlagkraft zu geben.

Gottesdienst ist ja durch die Unnot des Evangeliums lokal unnötig geworden; einerseits durch den sang- und klanglosen Rückzug einer Vielzahl von Pfarrpersonen aus diesem ehemals vehement verteidigten Wichtigkeitsbereich. Die (restliche und schon vor Corona marginale) Anzahl der Gemeindeglieder, die Präsenzgottesdienste besuchten, sind durch die Erfahrungen seit Corona darin bestärkt, dass „eigentlich“ sonntags nichts fehlt, weil man ja problemlos auf digitale und mediale Angebote zurückgreifen kann. Gottesdienst als Präsenz kann auf wenig gerechtigkeitswirksame Ereignisse reduziert werden, um dem neuen Tenor Eventcharakter zu verleihen. Taufen, Hochzeiten und Konfirmationen sollten Mitte und anlassbezogene Lokalleistungen sein, die seitens eines hochgradig auszudünnenden Pfarrbestandes per Umstrukturierung problemlos und vor ­allem kostengerecht erfüllt werden können.

 

IV. Zukunft zwischen Bekenntnis und Häresie

Egal wie man es wendet, evangelische Kirche ist bedeutungslos. Weder im Evangelium ist Kirche als Heilsanstalt nötig, noch kann Kirche Gerechtigkeit (schon gar nicht die Gottes) bieten. Ob die Splittung der Glaubensrichtungen in Evangelium einerseits und Gerechtigkeitsprotestantismus andererseits aufzuhalten sein wird, bleibt fraglich. Zu weit sind die Spaltungen sicht-, fühl- oder hörbar. Dass die Organisation selbst die notwendigen Trennungsschritte nicht vollzieht, ist möglicherweise allein der pekuniären Situation geschuldet. Kirchensteuern, die eher neutralisierend eingezogen werden, ermöglichen einer verschwindend geringen Anzahl von Haupt-, Neben und Ehrenamtlichen ein üppiges Existieren; je nach Bekenntnisrichtung.

Dass die Christusgläubigkeit für Pfarrpersonen unerheblich im Blick auf die Wirksamkeit von Sakramenten ist (Synode von Arles 314), hatte ich ja im Zusammenhang mit dem Segensroboter schon ausgeführt.2 Was bleibt, ist der schale Geschmack der Gerechtigkeit, weil ja – eigentlich – ohne Christus alles nichts ist und eben das menschliche Nichts nicht alles wird – evangelisch gesehen.

 

Anmerkungen

1 Vgl. Christoph Bergner, Das Desaster oder: „Wir sind auf gutem Weg“, DPfBl 2/2021, 87ff.

2 Dieter Becker, Segensroboter – rite et recte; DPfBl 1/2018, 41f.

 

Dieter Becker


 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2021

1 Kommentar zu diesem Artikel
18.05.2021 Ein Kommentar von Wilfried Marnach Interessante Betrachtungen über das Evangelium, dessen Unnot, die Selbstabschaffung der ev. Kirche und die selbstgefälligen Gerechtigkeitsprotestanten. Man muss dabei bloß aufpassen, dass man nicht vor lauter Wut zum Selbstgerechtigkeitsprotestanten wird. Gruß von Don Wilfredo ins orthodoxe Hinterland
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