Wie funktionieren die Systeme von Wirtschaft und Gesellschaft? Wodurch sind sie in der gegenwärtigen Herausforderung durch die Corona-Pandemie bedroht? Und welche Rolle kann und soll die Kirche in dieser Situation spielen? Ulrich Hornfeck nimmt eine Diagnose aus unternehmerischer Sicht vor.

 

I  Wirtschaft und Gesellschaft

Wir leben in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, die geprägt ist von Grundrechten wie Menschenrechten, Gleichheit, Freiheit. Die soziale Marktwirtschaft und ein starker, unabhängiger Rechtsstaat stellen die Stabilisation dieser Rechte dar. Wir haben nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Die Pflicht, Steuern zu zahlen, uns an unsere Verfassung und den Rechtstaat zu halten, einen Beitrag zum Allgemeinwohl zu leisten. Vielleicht auch öfter die Frage zu stellen, was ich für den Rechtsstaat tun kann als der Rechtstaat für mich.

Unternehmerische und individuelle Verantwortung

Die arbeitsteilige Gesellschaft ist global geworden und wächst. Das Wachstum ist heute in fernöstlichen und südlichen Regionen unseres Globus, weniger in Europa oder Nordamerika angekommen. Mehr Menschen als jemals zuvor können sich mittlerweile auch einen bescheidenen Wohlstand leisten und natürlich auch wieder konsumieren, was dann Wachstum bedeutet. Wachstum bedeutet aber auch Ressourcenverwendung und damit über längere Sicht Knappheit derselben. Treiber des Wachstums ist neben dem aufblühenden Wohlstand und dem damit einhergehenden Konsum nicht, wie gerne angenommen, Profitmaximierung, sondern in erster Linie für Unternehmen der Kostendruck, um am Markt bestehen zu bleiben, oder sogar um ihre Position zu behaupten und zu verbessern. Dazu sind Eigeninitiative und unternehmerisches Interesse eine Grundvoraussetzung und schaffen Innovationen und damit Mehrwert. Meistens sicherlich auch mehr Verbrauch an Ressourcen.

Diese Eigeninitiative von vielen Menschen findet am besten in der privaten Marktwirtschaft ihr systemisches Abbild. In dieser Verpflichtung zahlen Unternehmen (vom Konzern, dem Mittelstand über Handwerksbetriebe bis zum Soloselbstständigen) und Angestellte in unserem Land Steuern – durchaus, in einem globalen Querschnitt betrachtet, sogar recht viel davon. Diese Steuern machen es möglich, den Sozialstaat, das Bildungssystem, den Rechtsstaat, die demokratischen Institutionen, aber auch Kirchen, Ämter und natürlich auch Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, das Gesundheitssystem und vieles mehr zu finanzieren.

Systemrelevanz und Wertschöpfung

Leider gilt sicherlich nicht die Gleichung uneingeschränkt: viel Abgaben, wie in Deutschland = besonders gutes Gesundheits- oder Bildungssystem. Ich unterstelle vielen Menschen und Unternehmen, dass sie gerne Steuern zahlen, um in einem Land wie dem unseren zu leben und arbeiten zu dürfen. Dieses System erschafft uns den Wohlstand, in dem wir leben. Unser System ist relevant. Dafür bin ich Gott von Herzen dankbar. Nicht der einzelne, nicht die Tat des einzelnen ist das Bemerkenswerte. Mit Freude können wir feststellen, dass es in den vergangenen zwölf Monaten (wie vorher übrigens auch) so viele Menschen gab, die mit unterschiedlichen Aufgaben, einen Beitrag geleistet haben, dass unser Gemeinwohl funktioniert und nicht kollabiert. Ein besonderer Dank gilt sicherlich denen, die unter schwierigen Bedingungen, unter Einsatz ihrer Gesundheit sich für andere einsetzen. Einen Rückschluss allein auf deren Bezahlung zu geben, ist in meinen Augen nicht richtig. In diese Forderung werden dann viele einstimmen, die sich nicht gerecht behandelt fühlen, ungleich der wirklichen Leistung und Bezahlung – sie gipfelt letztlich in der Frage, wer ist denn nicht systemrelevant?

Der Staat schafft Rahmenbedingungen, damit oben Genanntes ablaufen kann und rechtlich sauber läuft. Der Staat schafft idealerweise Chancengleichheit, Wettbewerbsfreiheit und ein sicheres Kapital-, Rechts- wie auch Sozialsystem. Damit steht aber auch jeder Staat im Wettbewerb zu anderen Staaten und derer Wirtschaftsleistung. Freilich, das bekommen die meisten Menschen gar nicht mit, Unternehmen aber schon – über die Höhe der Steuern und Abgaben, der Kosten für Ausbildung von Mitarbeitern, die Infrastruktur und die Bürokratie. Es gibt also aus Sicht der wertschaffenden Unternehmen keine Reihenfolge ihrer Güte, sondern nur der Knappheit ihrer Ressourcen. Die Autoindustrie beispielsweise ist nicht mehr wert als andere Gewerke in unserem Land – sie wird nur besonders wahrgenommen, weil sie ein Bedürfnis bedient, und das Auto ein Statussymbol ist. Menschen sind bereit, für einen Wagen viel Geld auszugeben. Die Befriedigung der Bedürfnisse durch Produkte und Dienstleistungen sehen wir auch beim Heizungsinstallateur, der in seiner Arbeit gut qualifiziertes Personal braucht, das zunehmend knapp wird. Auch ist für ihn die Beschaffung von Ersatzteilen zum Teil schon ein Problem geworden, weil die Wertschöpfungskette in der Industrie nicht genug liefern kann.

Eine global arbeitsteilige Wirtschaft

Adam Smith proklamierte die arbeitsteilige Gesellschaft und den oben beschriebenen Wirtschaftskreislauf und war der Meinung, dass dies einen Wohlstand für viele schafft. Wie ich meine, ist dieses Experiment – trotz vieler Schattenseiten, global betrachtet – gelungen. Diese global arbeitsteilige Wirtschaft ist mittlerweile extrem spezialisiert und vernetzt. So braucht es zur Herstellung eines deutschen Hemdes über 140 (!) Gewerke – meist rund um unseren Globus – von der Herstellung des Garns, der Knöpfe, Fäden, Krägen, Stoffe, bis zum Färben und Nähen. Eine Arbeitsteilung dieser Extremform der Spezialisierung hätte Adam Smith nicht zu denken gewagt!

Die Schattenseite dieses Systems ist, dass es schwierig zu kontrollieren ist und alles voneinander abhängt. Fallen ein bis zwei Glieder für längere Zeit (das sind meist Tage oder Wochen) aus, dann bleibt die Produktion an einer Stelle stehen. Im März vergangenen Jahres stand unser Wirtschaftssystem kurz vor dem Kollaps, als die Grenzen zu unseren Nachbarn coronabedingt für wenige Tage geschlossen waren und China keine Güter liefern konnte. Die leeren Regale in unseren Supermärkten waren dafür kurzzeitig ein sichtbares Zeichen. Die Sicherheitslager waren komplett geleert. Auch wenn dies viele Unternehmen noch nicht wahrhaben wollen, aber die Preise der Güter steigen, weil auch die globalen Kosten steigen.

Nun kann man sagen, dass es ungesund ist, globale, asiatische Lieferketten zu haben, weil die Transporte dem Klima schaden und in fernen Ländern Ausbeutung droht. Der ganze Teil der bedenkenswerten Wahrheit ist aber, dass diese Produktionsschritte niemals zurückgeholt werden können, da uns heute für diese Tätigkeiten die Arbeitskräfte fehlen und wir manche Industrien gar nicht mehr in unserem dicht besiedelten Land haben wollen (beispielsweise Chemie) und konsequenterweise die Produkte deutlich teurer würden und wir dann notwendigerweise von unserem Wohlstand zurückmüssten. Wer wird so ehrlich sein, dieses Umdenken zu fordern? Es wird m.E. kaum durchsetzbar sein.

 

II  Die Wirtschaft in und nach der Corona-Krise

Der Mangel an Schutzausrüstung zu Beginn der Pandemie ist ein typisches Ergebnis von Arbeitsteilung, Globalisierung, Kostendruck und Missmanagement. Es gab zu Beginn der Pandemie in Europa gerade mal fünf Firmen, die überhaupt noch Schutzmasken herstellen konnten. In pandemischen Planspielen war der Politik bekannt, dass mangelnde Schutzausrüstung zum Hauptproblem in einer Krise werden kann. Es gab keine ausreichenden Bestände, die Ware wurde fast ausschließlich günstig in China eingekauft. Nachdem Schutzausrüstung knapp war, begannen unzählig viele mittelständische Unternehmen und Privatpersonen, Masken zu nähen und zu verkaufen. Ein Musterbeispiel, was Wirtschaften ausmacht: Agilität, Teamgeist und Eigeninitiative! Für einige unter denen ist ein neues Geschäftsmodell entstanden. Corona als Innovationstreiber.

Kostendruck und staatliche Subventionen

Viele andere Betriebe werden aber dem jetzt einsetzenden Kostendruck nicht standhalten können. Durch staatliche Subventionen entstand schnell eine Marktüberhitzung, Verträge wurden geschlossen und zum Teil nicht eingehalten. Die Politik hatte die Dynamik des globalen Marktes völlig unterschätzt. Der Hype für Schutzausrüstung wird nach der Krise wie eine Seifenblase wieder zusammenbrechen. Der Maskenpreis der OP-Maske ist wieder auf dem Vor-Krisenniveau, bei 3 cts/Stck – und wird überwiegend aus China geliefert. Es sei denn, dem Einkäufer des Gesundheitssystems oder der Pflegeeinrichtungen ist es etwas wert, für den Schutz der Kranken und Pfleger*innen mehr Geld für in Deutschland zertifizierte und produzierte Masken auszugeben. Wir werden sehen. Das Experiment läuft.

Impfstoffe sind nicht knapp. Sie wurden in Rekordzeit entwickelt, produziert und verkauft. Hinter jedem Impfstoff hängen viele Produktionsschritte und beteiligte Unternehmen, bis dieser zur Auslieferung kommt (s.o.). Grundchemikalien werden in Deutschland schon lange nicht mehr produziert – zu hoch der Kostendruck, die Auflagen, die Bodenknappheit, die Nicht-Akzeptanz in der Bevölkerung. So kann es schon mal passieren, dass auch Arzneimittel bei uns knapp werden.

Eine Knappheit des einen Produktes kann in der Wertschöpfungskette viel später zu Problemen führen. Dafür aber sind m.E. die Hersteller von Impfstoffen, alle extrem schnell. Dass der Stoff für uns knapp ist, hängt an der Beschaffung, dem Einkauf und der Verteilung desselben. In einem Unternehmen weiß jeder Geschäftsführer, dass im Einkauf dass Geld verdient wird – dort entscheidet sich der Erfolg oder Misserfolg des Unternehmens. Gute Beschaffung sichert die Versorgung und gibt Luft für die Zukunft. Dass die Herstellung eines solchen Stoffes am Anfang knapp sein würde, war jedem Menschen in der Wirtschaft klar – unseren Einkäufern in der Politik aber scheinbar nicht. Dies ist dann eine Frage des Preises und der Logistik, auch der Nutzung der vorhandenen Infrastruktur – auch wenn es um Gesundheit geht. Keiner der Hersteller hat m.E. im Vergleich zu den durch die Bekämpfung der Pandemie aufgewendeten Schulden am Staatshaushalt einen unverschämten Preis für eine Impfdosis verlangt.

Wachsender Druck

Unsere Wirtschaft ist nicht zusammengebrochen – das wird sie sicherlich nach der Krise auch nicht tun. Das staatliche Instrument des Kurzarbeitergeldes hat sehr stark geholfen, für die einzelnen Unternehmen und Arbeitnehmer den Tätigkeitsausfall abzufedern. Auch konnten von den Staatshilfen einige Unternehmen über Wasser gehalten werden. Aber, wie so oft: das System ist nicht immer gerecht und über- oder untervorteilt einzelne. Wir kennen nun alle die besonders betroffenen Branchen, wie Gastronomie, Einzelhandel, Kultur, die quasi stillstehen und das Gesundheitssystem, das quasi zusammenbricht. Aber auch für viele produzierende Unternehmen ist die Krise extrem herausfordernd. Um die Produktion am Laufen zu halten, werden Teams neu gebildet, müssen immer noch Menschen Überstunden leisten, sich neue Tätigkeiten anlernen und Quarantänezeiten überbrücken. Um weiterhin die Wertschöpfungskette und damit die Sicherheit der Versorgung der Menschen in diesem Land aufrechtzuerhalten.

Es geht hier nicht im ersten Blick darum, maximalen Gewinn zu erwirtschaften, sondern überhaupt zu wirtschaften. Die Verwerfungen, die entstehen, bedeuten für viele Menschen extreme Belastungen. Viele Firmen sind hochverschuldet und haben ihr Eigenkapital aufgezehrt. Wir werden in den kommenden Monaten Firmenpleiten, Insolvenzen, Zusammenschlüsse und Verkäufe erleben. Beschleunigt wird dies in den kommenden Monaten durch einen, in China beginnenden, Preisdruck, der für unsere Firmen hohe Preissteigerungen bedeutet. Damit werden schwache Firmen große Probleme bekommen. Es werden sich manche Wirtschaftszweige nicht mehr erholen.

Dies wird dann geschehen, wenn die Zeit der staatlichen Stützungsmaßnahmen vorbei sein wird, wenn Medien nicht mehr auf die Krise und deren Auswirkungen achten. Dann werden die Pleiten kommen. Das Geld, das Unternehmen ihren Mitarbeitern zahlen, muss im Vorfeld verdient werden. Unangepasste Lohnforderungen werden, falls kein ausreichendes und innovatives Geschäftsmodell existiert, zu Stellenkürzungen in den Unternehmen aus oben genannten Gründen führen. Die Bekämpfung der Krise und die finanzielle Unterstützung von Unternehmen können bei einigen Firmen mit unzureichendem Geschäftsmodell im Nachhinein in die Insolvenz führen.

Ungerecht ist es in jedem Fall, weil gar nicht alle Bedürftigen vom Staat gleichermaßen berücksichtigt werden können. So ist es vielen Menschen unverständlich (übrigens auch mir), warum Konzerne gerettet werden, die Pleite vieler Einzelhändler und freischaffender Künstler und Selbstständiger achselzuckend zur Kenntnis genommen wird.

Belastungen des Gesundheitssystems

Unser deutsches Gesundheitssystem ist nicht zusammengebrochen und erweist sich wegen des großartigen Einsatzes vieler Arbeitskräfte als, im Vergleich zu manchen anderen Staaten, beneidenswert stabil. Einige Intensivstationen arbeiten unter Volllast, auch weil Corona-Patienten teils sehr lange und von vielen Pfle­ger*­innen behandelt werden müssen. Andere Abteilungen in Krankenhäusern haben Kurzarbeit. Bezeichnend ist für mich immer noch, dass in Erwartung der zweiten Welle über 4.000 Intensivbetten abgebaut worden sind (Schwerpunkt August/September 2020). Vorbereitung auf die Krise sieht anders aus. Dass in der Pandemie eine zweistellige Anzahl an Kliniken in Deutschland geschlossen wurde, verwundert.

Leider werden die Krise und deren Management (hoffentlich unbeabsichtigt) dafür sorgen, dass viele kleinere Kliniken dem Druck von Kosten und nicht vorhandener Bettenbelegung nicht mehr Stand halten und vermutlich schließen werden. Auch der Gesundheitsmarkt ist ein Markt. Leider ein relativ intransparenter, bei dem sich Leistung und Bezahlung nicht immer erschließen und der von Staat und den Krankenkassen reguliert wird.

 

III  Neue Produktionsfaktoren

Kapital scheint derzeit beliebig vermehrbar. Es existiert mehr Geld als jemals zuvor. Immer mehr Geld wird in die, von der Realwirtschaft abgekoppelten Finanzkreisläufe hineingepumpt. Jede Aufnahme von Schulden durch Staaten befeuert diesen abgekoppelten Kreislauf. Aus diesen Kreisläufen hat sich der Staat bedient. Er verkauft Schulden (beleiht quasi unsere Kinder) und bekommt dafür am Finanzmarkt Geld, viel Geld. Die Gläubiger, meist große Investmentfonds oder Banken verdienen mit diesen Schulden wiederum mehr Geld, ohne dass auch nur ein wertschöpfendes Produkt oder eine Dienstleistung entstanden wäre. Deshalb gibt es keine Inflation, wie von vielen erwartet. Das Geld ist aus dem wertgebundenen System verschwunden. Es hat keinen Gegenwert.

Die Gewinne der Freizeitindustrie

Die Wirtschaft wird nicht nur durch Geld getrieben. Die Wirtschaft wird immer begrenzt vom Konsum, von Angebot und Nachfrage. Dass die Natur 2020 zumindest ein bisschen Luft holen durfte, lag vor allem daran, dass die Menschen nicht konsumieren durften. Die Wirtschaft wird immer nur die Interessen ihrer Kunden bedienen. Aber Vorsicht: Früher wurden Güter zum Kauf angeboten, die man unbedingt haben wollte, dann suchten sich die Güter die Käufer (Marketing), heute beschneiden sich Menschen freiwillig und ohne jedes Zutun von außen, ihre eigenen Freiheiten, um „connected“ zu sein. Die wirklich sehr erfolgreiche Wirtschaft, ist nicht mehr die der beiden alten Modelle, sondern die der neuen, meist digitalen Angebote. (Interessanterweise fordern wir Datenschutz gerade bei einer digitalen Anwendung wie der Corona-App für alle Nutzer, die aber der Gesellschaft viel Leid hätte ersparen können, wenn die Daten offengelegt worden wären, wie das Beispiel Korea in Sachen Krisenbekämpfung eindrucksvoll belegt).

Diese modernen Angebote zielen auf Selbstdarstellung, Sehnsucht, Verlangen, Voyeurismus, Erleben und Freizeitgestaltung. Hier wird wirklich Geld verdient, nicht in der Landwirtschaft, nicht im produzierenden Gewerbe oder in der Dienstleistung. Wenn wir gesellschaftliche Auswirkungen der Krise betrachten, müssen wir das Konsumverhalten der Gesellschaft und der Finanzwelt vor Augen haben. Eine Pauschalisierung auf die Gleichung Wirtschaft = Geld und Kapital ist genauso falsch wie obige Gleichung für das Gesundheitssystem.

Boden, Kapital und Arbeit – das sind die klassischen Produktionsfaktoren. Boden ist limitiert, ein schützenswertes Gut, ebenso wie Arbeit, die durch die Arbeitskräfte und deren Bildung limitiert ist. Wenn wir die heutige Wirtschaft beobachten, werden wir merken, dass neben Kapital, Arbeitskraft und Boden noch eine weitere unteilbare Komponente hinzugekommen ist, die Marx nicht betrachtet hat: die Freizeit der Menschen. Um die buhlt eine unheimlich große, erfolgreiche Industrie, die übrigens, in diesem Licht betrachtet, einer der ganz großen CO2-Emittenten ist: Reisen und Elektronik.

Digitalisierung

Damit sind wir bei einer weiteren Komponente, die die Theorie der Arbeitswelt erschüttert und mit all ihren Konsequenzen in vollem Gange ist: das Datenmanagement. Die Digitalisierung ist menschengemacht, sie erhebt (sammelt) in riesigem Umfang Daten, transformiert diese in Algorithmen zu Informationen und wertet aus. Diese neue, immer mehr einflussnehmende Kraft hält uns alle in Atem, da uns die Maschine ihren Weg aufzwingt und wir ihn bereitwillig übernehmen, da wir glauben, dies diene uns zum Vorteil. Beispiele hierfür sind Suchmaschinen, Einkaufsportale, soziale ­Medien.

Die Digitalisierung wird in vordenkenden Unternehmen als Chance begriffen. Viele Firmen arbeiten daran, Daten, Prozesse, Menschen miteinander in Einklang zu bringen. Es entstehen neue Kommunikationsformen und Kanäle, an denen man sich zumindest als Organisation, als Unternehmen beteiligen muss, um verstanden, ja überhaupt wahrgenommen zu werden. Dies bedeutet eine Disruption, eine starke Veränderung gewohnter Arbeits­abläufe, mit der wir alle umgehen müssen. Für viele Menschen bedeutet dies aber auch Unsicherheit, Unüberschaubarkeit, Kontrollverlust. Und gleichzeitig nützen sie selbst diese „Dienste“ bereitwillig und füttern sie mit ihren persönlichen Daten.

Staat, Kirche und Gesellschaft, sind in diesem neuen Feld der Digitalisierung kaum vertreten und erkennen die Chancen und Gefahren dieser neuen Welt nicht. Um an Menschen zu kommen, muss ein Unternehmen, vermutlich aber auch die Kirche, die beiden neuen Produktionsfaktoren verstehen und bedienen: die Freizeit der Menschen und der Umgang mit Daten.

 

IV  Wie geht die Kirche mit dieser neuen Situation um?

„Die Kirche ist kein Unternehmen“ – das ist richtig und falsch zugleicht. Ob die Kirche es will, oder nicht, sie ist Arbeitgeber und hat ein Ziel, einen Zweck. Die Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi und die Verwaltung der Gemeinden. Und damit erwirtschaftet sie ein Gut, eine Dienstleistung für die Menschen. Die Kirche muss also zumindest die drei Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Boden bewirtschaften. Gerne darf sie das anders und nachhaltiger als andere Unternehmen tun. Wenn sie aber in Zukunft erfolgreich bestehen will, muss sich die Kirche stärker mit den beiden neuen Produktions­faktoren Freizeit und Datenmanagement ­beschäftigen.

Kirche muss verbinden, nicht trennen!

Das Ehrenamt nimmt in der Tat eine herausragende Stellung in unserer Gesellschaft ein. Dass dies heute zeitlich möglich ist, wird unter anderem durch mehr Freizeit des einzelnen Arbeitnehmers möglich. In der Corona-Zeit musste viel Freizeit mit den beruflichen Tätigkeiten, mit Haushalt, mit Kinderversorgung und Homeschooling unter einen Hut gebracht werden. Eine echte Herausforderung, an der viele Menschen und ­Familien zerbrochen sind.

Wir dürfen als Kirche alle Berufsgruppen wertschätzen, da sie alle Teile unseres guten rechtsstaatlichen Systems sind. Es ist an uns, in unseren Gemeinden Menschen zu ermuntern und zu motivieren, nicht selektiv die eine Berufsgruppe besser darzustellen als die andere. Die Gesellschaft hat verstanden, dass wir Pfleger*innen, Kassierer*innen, Erzieher*nnen, Lehrer*innen dringend brauchen – aber sie sind nur ein Teil des gesamtgesellschaftlichen Systems. Wir leiden alle in unseren Gemeinden, in denen alle Berufsgruppen vertreten sind, in unterschiedlicher Weise an Corona und an den politischen Maßnahmen zur Krisenbekämpfung. Wir müssen als Kirche verbinden, nicht trennen!

Digitalisierung als Chance

Wie stellt sich die Kirche diesen Herausforderungen? Als großer Arbeitgeber wird sie die Ängste der eigenen Arbeitnehmer ebenso ernstnehmen wie auch ihre Verantwortung, selbst der Digitalisierung nicht den Rücken zuzuwenden, sondern ihren eigenen Weg zu gehen. Wir stehen vor einer wichtigen Entscheidungen: Wollen wir die Digitalisierung als Chance begreifen? Wollen wir unsere Daten, die unserer Mitglieder und Angestellten in Sicherheit selbst bestimmen und verwalten und selbst eine Plattform des Austausches schaffen – oder wollen wir, wie viele andere auch, die vorhandenen Datenkraken wie Facebook, Instagram „nur“ nutzen, um auf uns aufmerksam zu machen und unsere Daten den Konzernen bereitwillig anvertrauen?

Sollten wir uns für ersteres entscheiden, ist es notwendig, eine eigene Infrastruktur zu schaffen, die es uns ermöglicht, flächendeckend ein kirchen-einheitliches System zu nutzen, welches uns zumindest die Sicherheit, die Kontrollierbarkeit und die Überschaubarkeit ermöglicht. Meiner Ansicht nach ein wichtiger Schritt für eine so große, vielfältige Organisation. Diese Vielfallt ist nur mit einer eigenen Infrastruktur gut zu bündeln. Noch! Bevor jede Gemeinde oder jede Einrichtung versucht, ein eigenes kleines Digitalisierungsreich einzurichten und die heutigen Insellösungen zu verfestigen.

Verantwortung für den Nächsten

Für uns als Kirche bedeutet die Krise vor allem aber auch mehr Verantwortung in der Fürsorge um den Nächsten. Unsere Gesellschaft wird sich stärker polarisieren. Finanziell, aber auch im Umgang mit Freizeit, der Digitalisierung und der Nutzung derselben. Es ist ganz wichtig für unsere Kirche, sich angesichts einer beschleunigten Veränderung unserer Welt durch die Digitalisierung eine ethische Position aufzubauen. Aus meiner Sicht die Chance für unsere Kirchen. Viele Innovationen kommen durch gutes Marketing als Tools daher, die mehr Spaß machen und uns das Leben erleichtern. Aber leider nur scheinbar. De facto führt vieles eher zu einer Verdichtung der Arbeit und dadurch zur Verarmung der Menschen, weil soziale Kontakte und notwendige Pausen auf der Strecke bleiben. Parallel dazu verschiebt sich die Bedürfnispyramide zu einer veritablen Selbstoptimierung des Menschen: Die Pausen müssen mit Trendsportarten gefüllt werden, die (auch durch digitale Tools) „getrackt“ und nach abgeschlossener Aktivität unverzüglich in den „Social Media“ gepostet werden müssen – man muss zeigen, „in“ und „fit“ zu sein. Der Zeitsoziologe Hartmut Rosa aus Jena spricht von slippery slopes (rutschenden Abhängen): Der moderne Mensch darf sich keine Untätigkeit leisten, sonst rutscht er ab.

Firmen sind hier den Einrichtungen um Jahrzehnte voraus. Ein Gespräch auf Augenhöhe wird künftig kaum mehr möglich sein, mit Ansichten aus dem vergangenen Jahrhundert, wie ich sie gelegentlich in unserer Kirche erlebe. Wir sollten weniger die Schuldfrage stellen, sondern die Frage, wie wir mit neuen Situationen umgehen. Natürlich ist Geld nicht alles – der Ruf nach Verzicht und Umdenken allein bringt weder die Kirche noch die von der Krise stark betroffenen Menschen weiter. Mit dem Finger auf eine Gruppe zu zeigen oder vorschnell einen Gegner wie das Kapital auszumachen, wird die Spaltung der Gesellschaft nur noch erhöhen.

Kirche als Akteur der Hoffnung

Man hört immer öfter, die Corona-Krise wirkt wie ein Brennglas: Es verstärken sich bereits vorhandene Probleme und Meinungen. Menschen benötigen Sicherheit, Kontrolle, Überschaubarkeit, Hoffnung. All dies bietet die derzeitige Situation nicht. Durch die Schwächung und Umstrukturierung unserer Wirtschaft, aber auch der politischen Gesamtwetterlage werden diese wichtigen Bedürfnisse gestört – die Verunsicherung und die Angst wächst. In neuesten Erhebungen, in denen die Auswirkungen der Corona-Krise auf Unternehmen beschrieben werden, geben mehr als 75% der Unternehmen eine große, bis sehr große Auswirkung an. Es wird sich also viel ändern.

Unser Glaube an Jesus Christus bietet ein sicheres Fundament. Wir dürfen als Christen wissen, dass alles, aber wirklich alles in Gottes Hand liegt und ohne seine Hand nichts geschieht – das schafft Sicherheit. Wir dürfen wissen, dass wir ihn anrufen dürfen – das schafft Kontrollierbarkeit. Wir dürfen wissen, dass wir eine begründete Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod haben. Diese Hoffnung dürfen wir heute schon in unserem Alltag erleben, davon dürfen wir erzählen. Das wollen wir predigen und miteinander in Gemeinschaft singen und beten! Das bedeutet Klarheit und Freude. Nicht nur im Präsenzgottesdienst, sondern jetzt auch digital, vernetzt. Wir dürfen eine lebendige, fröhliche Kirche aller Glaubenden sein und dieses Licht in die Welt dank Gottes Hilfe strahlen! Wir dürfen uns Gedanken machen, wie wir diese Botschaft in die Welt bringen – digital und in lebendiger, fürsorgender Gemeinschaft! Das ist unsere Aufgabe, darum sollten wir uns Gedanken machen, wie wir das mit Gottes Hilfe gestalten.


 

Über die Autorin / den Autor:

Dr. Ulrich Hornfeck, Vorstand der Sandler AG, Mitglied der Landessynode der Evang.-Luth. ­Kirche in Bayern, Sprecher des Arbeitskreises evangelischer Unternehmer Franken Oberpfalz.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2021

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.