Wir befinden uns noch mitten in einer durch Covid-19 ausgelösten Krise. Deren Auswirkungen auf Gesellschaft und Kirche sind bisher kaum absehbar. Im Frühjahr 2020 waren viele überzeugt davon, bald wieder zur Normalität zurückkehren zu können. Diese Hoffnung ist – trotz der Fortschritte beim Impfen – der Ernüchterung gewichen: Noch auf längere Zeit werden wir wohl auf unsicherem Boden unterwegs sein. Was könnte helfen, eigene und fremde Reaktionsweisen einzuordnen und Wegstrecken zu bewältigen, wenn die gewohnten Strukturen nicht mehr tragen? Welche kollegialen Formate könnten nützlich sein, um gemeinsam die Herausforderung anzugehen? Ein Impuls von Susanne Joos.*

 

1  Die Krise geht einher mit Verlust

Wir haben ein Stück Kontrolle verloren. Normalerweise weiß ich ungefähr, was auf mich zu kommt und wie ich das angehen kann. Ich besitze Handwerkszeug und Erfahrung für die anstehenden Aufgaben, bin in der Lage, Prozesse zu steuern. Daraus erwächst ein Gefühl von Selbstwirksamkeit und Sicherheit. In vielen Bereichen des Alltags mag das noch immer so sein. In anderen ist diese Sicherheit – zumindest für einige Zeit – verloren gegangen.

Wir verlieren Vertrautes, Selbstverständliches. Vorübergehend? Für wie lange? Vielleicht geht gerade das verloren, was uns – neben anderem – zu unserem Beruf motiviert hat: der unmittelbare Kontakt mit Menschen. Dichte Begegnungen. Exkursionen mit Konfirmand*innen. Flüstern an Krankenbetten. Einander berühren. Singen ohne Stoff vor dem Mund. Feste. Gottesdienste, die Kraft entwickeln dadurch, dass viele Leute an einem Ort zusammenkommen.

Wir verlieren Möglichkeiten der Resonanz. Resonanz ist wesentlich ein Körpergeschehen. Der Körper nimmt wahr, was vom Gegenüber ausgeht. Der Körper antwortet auch da, wo es uns nicht bewusst ist. Resonanz zu geben und zu empfangen ist eine elementare Weise in der Welt zu sein. Wir sind darauf angewiesen. Resonanz verändert sich mit körperlichem Abstand.

Nichts kann den Abend mit der Freundin in der Kneipe ersetzen. Nichts das Konfliktgespräch mit der Erzieherin oder dem Hausmeister, während man einander offen ins Gesicht schauen kann. Nichts die volle Kirche an Weihnachten oder bei der Konfirmation. Es geht anders, aber mit Verlust. „Ich bereite mich sorgfältig vor“, berichtet eine Kollegin, „ich halte Predigten, teile meine Gedanken, – aber ich spüre kaum, was ankommt.“

Der Kontakt verändert sich, wenn wir vermehrt über Videokonferenzen kommunizieren. Wir staunen, was alles möglich ist und verblüffend gut funktioniert. Man spart Zeit und kann sich trotz großer Entfernungen erleben. Das ist bequem. Wir erleben aber auch – manchmal mehr, manchmal weniger – wie kraftraubend solche „Körperlosigkeit“ ist. Wesentliche Dimensionen fehlen. Das Ausbalancieren von Distanz und Nähe, ein wenig zurückrutschen, aufstehen, aus dem Fenster schauen – all das ist kaum beiläufig möglich. Wir sind reduziert auf unsere Gesichter, auf den frontalen Blick. Geräusche meiner Umgebung, Gerüche, das Klima meines Raums, die Anwesenheit anderer muss ich ausblenden, denn mein Gegenüber teilt sie nicht. Das kostet Kraft.

Dafür kommt einem die digitale Stimme der anderen überaus nah. Manche Kontakte gehen dennoch verloren, besonders zu Kindern und Jugendlichen. Vertraute und bewährte Formate funktionieren nicht mehr. Veranstaltungen, die mit Begeisterung und Energie vorbereitet wurden, können gar nicht stattfinden oder sind auf unbestimmte Zeit verschoben. Ständig ändern sich die Bestimmungen. Viel Aufwand bleibt vergeblich.

Krise geht einher mit Verlust. Wer Verluste verkraften muss, der trauert. Nun sind wir ja Profis fürs Trauern. Wir kennen die unterschiedlichen Ausdrucksformen der Trauer: Nichtwahrhabenwollen („So schlimm wird es mit Corona schon nicht werden“). Verleugnen („Alles Lüge“). Verhandeln („Wir sind jetzt ein paar Monate ganz brav, dann wird es schon rasch vorübergehen“). Wut und Zorn. Suche nach Schuldigen. Schmerz, Leere, Niedergeschlagenheit. Starke Gefühle, die sich unterschiedlich äußern: beim einen eher polternd, bei der anderen durch Rückzug. Nach und nach dann das Annehmen der neuen Situation. Mit dem Verlust leben und neue Perspektiven entwickeln.

Vielleicht unterschätzen wir manchmal, wieviel Kraft das kostet. Gestatten wir uns hin und wieder, solche Gefühle bewusst wahrzunehmen? Ihnen Ausdruck zu verleihen? Denn Ausdruck verleihen ist etwas anderes ist, als sie auszuagieren! Manche Spannung unter Kolleg*­innen mag dem geschuldet sein, dass sich die Trauer über das, was wir verloren haben, verschieden ausdrückt. Wie kann es gelingen, im respektvollen Austausch zu bleiben, weniger zu bewerten, die unterschiedlichen Reaktionen als Ausdruck der gemeinsamen Krise zu verstehen? Welche kollegialen Formate könnten dabei helfen?

 

2  Die Krise geht einher mit Erleichterung

Einigen geht es in der Pandemie besser. Weil vieles nicht stattfinden kann, entstehen Freiräume. Druck nimmt ab. Weniger Sport, weniger Kultur, weniger soziale Verpflichtungen. Nicht nur die Frau mit dem Waschzwang, die sich freut, dass alle jetzt dauernd Hände waschen, nicht nur der Einzelgänger, der erleichtert ist, dass er ohne schlechtes Gewissen öfter zuhause bleiben kann – auch manche, die immer auf der Überholspur waren, erzählen von der Befreiung, die entsteht, wenn vieles nicht mehr geht: „Wenn es um mich herum langsamer zugeht, dann darf ich es mir auch selber erlauben, langsamer zu sein.“

Die erzwungenen Einschränkungen bringen aber auch zum Vorschein, was schon lange nicht mehr so richtig gut lief. Was mehr oder weniger so vor sich hingedümpelt ist. Oder was wir vielleicht schon lange gerne loswerden möchten und wozu jetzt Gelegenheit wäre damit abzuschließen: Alte Gewohnheiten. Gremien, die ihre beste Zeit hinter sich haben. Gruppen, für die niemand mehr so recht brennt. Veranstaltungen, die man halt immer schon so durchgeführt hat.

Erlauben wir uns und anderen, uns einzugestehen, was wir gerne nicht nur vorübergehend, sondern auf Dauer beenden möchten? Oder hält uns die Angst zurück, es könnte zu wenig übrigbleiben? Haben wir den Mut, Abschiede zu vollziehen? Leise, weil vielleicht gar keiner merkt, dass etwas fehlt? Oder explizit, mit einem schönen Ritual? Gemeinsam die Geschichte würdigen, feiern und fröhlich begraben? Trauer und Erleichterung zu­lassen?

Vielleicht stellen wir aber auch fest, dass Aktivitäten, die uns selbst lieb und teuer waren, für andere gar nicht so wichtig zu sein scheinen. Dass jetzt gar keiner nachfragt. Das geht nicht nur den Hauptamtlichen so, sondern auch manchen Ehrenamtlichen, die mit Herzblut bei einer Sache waren – und jetzt scheint ihr Angebot von niemandem vermisst zu werden.

Erlauben wir uns, genau hinzuschauen, zu prüfen? Auszuhalten, dass manches wegfallen wird und das Gemeindehaus in Zukunft vielleicht weniger frequentiert sein wird? Sind wir bereit, ein entstehendes Vakuum bewusst auszuhalten? So dass Freiraum entstehen kann, wahrzunehmen, was wirklich nottut? Wofür wir frei sein möchten? Wie sprechen wir mit Ehrenamtlichen darüber? Und vor allem: Unterstützen wir uns dabei gegenseitig kollegial? Oder behält die Konkurrenz die Oberhand: Bei wem läuft am meisten?

 

3  Die Krise geht einher mit neuen Entdeckungen und Entwicklungen

Neue Formen der Kommunikation werden entdeckt. Enorme Kreativität wird freigesetzt. Neue Verkündigungsformate. Wäscheleinen vor der Kirche mit Impulsen zum Mitnehmen. Seelsorgespaziergänge. Andachten auf Whatsapp.

Viele freuen sich, dass ihre Medienkompetenz endlich abgerufen wird, entdecken außerhalb der Kerngemeinde überraschende Anknüpfungspunkte und Begegnungsmöglichkeiten. Gab es zu Beginn vielleicht auch manchen Aktionismus, so wird inzwischen doch vieles mehr und mehr reflektiert: „Ein pilgernder Exodus der Kirche in neue unbehauste Formen“.1

Manche neue Entwicklung in den Gemeinden ist erst zart wahrnehmbar. Vieles ist in Bewegung, dynamisch, mit offenem Ende. Wie begleiten wir diese Veränderungen? Wie halten wir die Dinge in Bewegung, vor Ort, im Distrikt, im größeren Umkreis? Wie hüten wir zarte Impulse, verwerfen, was sich als Strohfeuer erwiesen hat, geben dem Neuen Form? Wie können wir uns dabei unterstützen?

 

4  Die Krise geht einher mit Unsicherheit und Ambivalenz

Wenn sich ein vertrauter Zustand auflöst, folgt eine Zeit der Unsicherheit und Ambivalenz, mit großen und kleinen Ausschlägen nach oben oder nach unten. Ein Teil möchte zurück, ein anderer nach vorne. Bis sich eines Tages ein neues Gleichgewicht einstellt.

Kollegin A reagiert mit Tot-Stellen, Untertauchen und Abwarten. Kollege B träumt von Flucht, am besten ein paar Jahre eher in den Ruhestand. Kollegin C geht auf Angriff, hat tausend Ideen, wächst über sich hinaus. Eine möchte gelassen so weiter machen wie bisher. Ein anderer geht bewusst in die Stille, um dem nachzuspüren, was jetzt dran ist. Viele fühlen sich angespannt und unter Druck, jetzt das Richtige zu tun.

Vielleicht erleben wir solches Hin-und-Hergerissen-Sein auch in uns selbst: an einem Tag mutlos und resigniert, am anderen Tag kreativ und voller Energie, die auch mal ins Kraut schießt.

Der unterschiedliche Umgang mit der Unsicherheit kann zum Auseinanderdriften führen. Unter Kolleginnen und Kollegen, aber auch unter Ehrenamtlichen und Gemeindegliedern. In existentiellen Situationen ist weniger innerer Spielraum da als sonst, einander in der Verschiedenheit auszuhalten und zu würdigen. Dies bedarf der bewussten Wahrnehmung.

Wie kann es gelingen, die verschiedenen Reaktionsweisen als Ressourcen zu betrachten? Können wir vermitteln, dass darin jeweils verschiedene Perspektiven zum Ausdruck kommen, die alle eine Berechtigung haben? All das braucht Zeit, Bereitschaft, Geduld und Frustrationstoleranz. Manche Teams brechen auseinander, andere erleben ein beglückendes Zusammenwachsen.

 

5  Krisenzeit ist Leitungszeit

In einer Krise ist beides notwendig: abzuwarten und dabei wach und aufmerksam wahrzunehmen, was geschieht. Aber auch: Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, die wiederum Auswirkungen haben auf den Fortgang der Dinge. In Krisenzeiten braucht es deshalb Menschen, die Verantwortung übernehmen und sagen, wie man jetzt vorgeht, was notwendig ist und was man lassen kann. Das gibt Sicherheit und Orientierung. Es ermöglicht Vergleichbarkeit. Es nimmt Stress vom Einzelnen.

In Krisenzeiten erleben wir aber auch, dass herumgepöbelt und Stimmung gemacht wird gegen diejenigen, deren Aufgabe es ist, sich angreifbar zu machen, weil sie Entscheidungen treffen müssen. Politiker*innen, aber auch manche Pfarrer*innen oder Kirchenleitungen bekommen dies zu spüren.

Leitung heißt eben auch: zu entscheiden, was nicht zu entscheiden ist. Wenn die Sache klar ist, wenn die Tatsachen eine klare Sprache sprechen, dann braucht es keine Leitung.2 In komplexen Situationen jedoch kann man immer auch anders entscheiden. Man kann selbst im Nachhinein nicht sagen – sofern eine Sache gut ausgeht –, woran es lag, dass sie gut ausging. Es kann an vielem liegen, auch an Faktoren, die wir gar nicht kennen. Nur wenn es schlecht ausgeht, dann kann man sagen: Diese Entscheidung hat jedenfalls nicht zum gewünschten Ergebnis geführt.

Leitungsentscheidungen sind deshalb immer angreifbar. Wer leitet, braucht Mut, ein Risiko einzugehen, die Fähigkeit, Kritik auszuhalten und die nötige Einsamkeit auf sich zu nehmen. Dafür ist Leitung da.

Wie unterstützen wir uns dabei kollegial? Wie kommt hier Theologie zum Tragen, neben dem Recht? Gelingt es uns, Leitungsentscheidungen kritisch und solidarisch zu begleiten? Solche, die wir selber verantworten, und solche, die wir erleiden oder begrüßen?

Kollegial in Verbindung bleiben, sich vergewissern was trägt – das setzt Energie frei. Gerade in diesen Zeiten!

 

Anmerkungen

* Der hier publizierte Impuls wurde in verschiedenen Kursen des Pastoralkollegs der Württ. Landeskirche in Bad Urach vorgetragen und diskutiert. Weil sich die Situation unter der Pandemie weiter verändert, ist auch der Text weiter im Fluss.

1 Daniel Hörsch, in: https://www.mi-di.de/materialien/digitale-verkuendigungsformate-waehrend-der-corona-krise [16.02.2021].

2 Vgl. Ruth Seliger, Das Dschungelbuch der Führung, Heidelberg 52014, 34f.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrerin Susanne Joos, seit 2012 als Pastoralpsychologische Referentin am Pastoralkolleg und mit der Hälfte ihres Dienstauftrags Seelsorgerin an Seelsorgenden.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2021

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