Unsere Sprache (re-)präsentiert Wirklichkeit, aber sie erzeugt auch neue Wirklichkeiten. Das macht sie anfällig für die Konstruktion von Verschwörungserzählungen und ihre Rezeipienten macht es anfällig dafür, den Produzenten und Erzählern auf den Leim zu gehen. Ein Essay von Bernd Giehl.

 

Vor einiger Zeit war ich im Kindertheater. Das Stück wurde in einem Rüsselsheimer Gemeindezentrum aufgeführt. Es ging um „ZAWUK“, eine riesige Maschine, die alle Wörter der Welt erzeugt, und entsprechend groß und furchterregend sah sie aus. Nicht so glatt und ungreifbar wie ein MacBook, bei dem man nach der Neuanschaffung erst einmal schauen muss, wie man es öffnet, sondern mit Rädern und Knöpfen und blinkenden Lichtern, die den Fortschritt des Produktionsprozesses anzeigten. Als der Vorhang sich öffnete und ZAWUK zu arbeiten begann, wurden mit großem Getöse einzelne Wörter produziert, die eine Mitarbeiterin im weißen Wissenschaftlerkittel aus einem Schacht herauszog und der Chefin brachte, die sie dann triumphierend verkündigte. Jedes Mal handelte es sich um Substantive. Hin und wieder gab es auch „Wortalarm“, d.h. eine Sirene tutete, oben auf der Maschine drehte sich ein rotes Licht, dann wurde das Wort mit ähnlicher Vorsicht wie bei einer Bombe aus dem Schacht gezogen, und die Chefin fasste es mit spitzen Fingern und angeekelter Miene an. Es war jedes Mal ein Verb, das die Auszubildende in einen dafür bereitstehenden Abfallbehälter aus Metall werfen musste. So blieben die Welt übersichtlich und die Befehle zackig. Da aber auch ein Theaterstück für Kinder vom Konflikt lebt, genau wie ein Roman oder eine Erzählung, trat nach kurzer Zeit ein „Widersacher“ auf, gekleidet wie ein Clown der – gemeinsam mit der Auszubildenden – die weggeworfenen Verben aus dem Abfallbehälter klaubte und der großen Maschine samt ihrem uniformen Personal seinen kleinen Widerstand entgegensetzte.

 

Zentrum aller Wörter und Kommunikation“

Ein rührendes Bild. Vielleicht werde ich bei Gelegenheit die Erfinder von ZAWUK fragen, wie weit sie in das Geheimnis der Maschine eingedrungen sind. Und vor allem: Wie viel sie davon preisgeben. Wie gesagt: Sie haben sie ZAWUK genannt und mir auf insistierende Nachfrage die Übersetzung genannt: „Zentrum aller Wörter und Kommunikation“. Dafür musste ich ihnen zweimal meinen gefälschten Presseausweis zeigen, der mich als Mitarbeiter der „ZEIT“ ausgab.

Kinder und wohl auch Erwachsene lachen über diesen Unsinn. Als kämen alle Wörter aus einer Maschine; und dann ist die auch noch so langsam, dass man ihr nicht nur zuschauen, sondern zwischendurch noch Facebook-Nachrichten auf dem Smartphone lesen kann. Produziert vielleicht 100 Wörter in einer Acht-Stunden-Schicht. Allein die ersten beiden Abschnitte dieses Essays bestehen schon aus 321 Wörtern. Also der Produktion von – rechnen wir großzügig – drei Tagen. Halt, da fällt mir ein, wenn ich auf ZAWUK gehört hätte, würde ich diesen Artikel ja gar nicht schreiben. Weil es darin ja mehr Verben als Substantive gibt.

Wenn man als Erwachsener ein wenig länger über das Stück nachdenkt und sich dabei nicht vom Klamauk in die Irre führen lässt, merkt man, dass der „Nonsens“ durchaus eine ernste Seite hat. Worte sind der Ursprung des Begreifens. Sie ermöglichen nicht nur, die Welt um uns herum zu verstehen, sondern uns auch mit anderen über sie zu verständigen: „Dies ist ein Artikel. Den hat kein Computer generiert. Der ist von einem Menschen verfasst worden. Dieser Mensch will anderen etwas mitteilen. Dabei setzt er voraus, dass es andere Menschen gibt, die lesen können. Wäre diese Annahme falsch, hätte er sich die Mühe umsonst gemacht.“

 

Spracherneuerung

Viel zu kompliziert. Viel zu viele Verben, Pronomina, Substantive, Artikel, Adverbien usw. Günter Eich konnte das besser:

Inventur

Dies ist meine Mütze,
dies ist mein Mantel,
hier mein Rasierzeug
im Beutel aus Leinen.

Konservenbüchse:
Mein Teller, mein Becher,
ich hab in das Weißblech
den Namen geritzt.

Geritzt hier mit diesem
kostbaren Nagel,
den vor begehrlichen
Augen ich berge.

Im Brotbeutel sind
ein Paar wollene Socken
und einiges, was ich
niemand verrate,

so dient es als Kissen
nachts meinem Kopf.
Die Pappe hier liegt
zwischen mir und der Erde.

Die Bleistiftmine
lieb ich am meisten:
Tags schreibt sie mir Verse,
die nachts ich erdacht.

Dies ist mein Notizbuch,
dies meine Zeltbahn,
dies ist mein Handtuch,
dies ist mein Zwirn.

(Günter Eich „Inventur“ (1945), erschienen in „Abgelegene Gehöfte“ Frankfurt/M. 1948)

 

Knappe Sätze. Wenig Variationen der Grammatik. Aber bewusst eingesetzt. Hier ist ein Sprachzertrümmerer am Werk. Einer, der das bis dahin übliche Pathos von Gedichten wegwirft und nur noch das Skelett übriglässt. Der könnte gut bei ZAWUK arbeiten. Aber auch ein Spracherneuerer. Einer, der die Sprache reinigt. Die Jahreszahl hinter dem Gedicht verrät uns die Absicht. Das Gedicht ist nach der großen Kapitulation geschrieben. Eich würde wohl eher „Befreiung“ sagen. Es geht ihm um die Erneuerung der deutschen Sprache. Als Soldat im Zweiten Weltkrieg hatte der Verfasser des Gedichts den ganzen Schrecken des Kriegs und der Nazis am eigenen Leib erlebt. Dabei hatte er begriffen, dass der Terror, den sie ausgeübt hatten, mit der Eroberung der Sprache begonnen hatte. Es ging ihm um Befreiung von dem, was die Nazis in den Köpfen der Menschen hinterlassen hatten. Um die Bildung einer neuen Sprache, eines neuen Denkens und – am Ende – einer neuen Wirklichkeit. Unsere Sprache bestimmt nun einmal mit über die Wirklichkeit. Insofern wäre Eich der ideale Chef von ZAWUK gewesen. Nur wäre er es vermutlich nicht lange geblieben. Dafür war er zu unangepasst.

 

Generation Bataclan“

Und wenn es diese Maschine nun wirklich gäbe? Gewiss nicht so schwerfällig und antiquiert. Auch nicht so zentral aufgestellt. Dafür mit Leuten besetzt, die intelligenter sind als die Mitarbeiter von ZAWUK, die morgens im Gänsemarsch in den Maschinenraum einziehen und abends sich wieder genauso von ihrer Maschine verabschieden. Aber dennoch mit Leuten, die Worte in die Welt setzen und damit Wirklichkeit beeinflussen. Doch gibt es die denn tatsächlich: diese Maschine zur Produktion von Wirklichkeit?

Kommt darauf an, wie wörtlich man das Thema auffasst. Ein Beispiel aus der neueren Zeit gefällig? Aber bitte! Fangen wir doch mal bei dem Unterschied zwischen Flugzeugen und „Bobos“ an. Gerade donnert so ein mächtiges Teil übers Haus. Ich weiß nur ungefähr, warum es oben bleibt und nicht wie ein Stein in die Tiefe sackt. Meist ist aber nicht die Frage interessant, warum es oben bleibt, sondern warum es abgestürzt ist. Technisches Versagen? Pilotenfehler? Terroristen? Alles möglich. Dann klingen sie alle wieder tiefbetroffen, und Politiker, Nachrichtensprecher und Luftfahrtexperten erzeugen ihr berühmtes weißes Rauschen der „tiefen Betroffenheit“ und der Beileidsbekundungen an die Leidtragenden, in dem nach Ursachen gesucht wird. Wie konnte Flug XY plötzlich vom Radar verschwinden? Wer muss dafür seinen Hut nehmen? Gibt es deswegen womöglich Krieg? „Ich weiß es nicht. Fragen Sie nicht mich. Fragen Sie die Bundesregierung, die EU oder die NATO.“

Flugzeuge, ja klar, die kennen wir. Über die schimpfen wir. Die benutzen wir und haben hinterher ein schlechtes Gewissen, weil sie so viel CO2 ausstoßen, das den Klimawandel erzeugt. („Flugscham“ heißt das neueste Wort aus der Produktion von ZAWUK.)

Aber was um alles in der Welt sind „Bobos“? Nie gehört? Ich jedenfalls nicht. Bis Dezember 2015, als die neue Ausgabe der „ZEIT“ (10. Dezember 2015, Nr. 50) erschien und es offenbar machte. Im Feuilleton schrieb Marie Schmidt einen Artikel über das Leben nach dem „Bataclan“1, und Moritz von Uslar publizierte einen weiteren Artikel über Kamel Mennour2, einen Mann aus Montreuil, ein erstes Exemplar eines „Bobo“.3 Wenn man Schmidt und von Uslar glauben darf, wurden einige Exemplare dieser Gattung in Paris gesichtet (und auch gleich wieder begraben), wo sie die Viertel um das „Bataclan“ bewohnen. Es sind Menschen um die Dreißig, die in Paris wohnen, und dort als Kellner, Kreative und Journalisten ihr Leben in winzigen Appartements fristen, für die sie die Miete kaum aufbringen können.4 Aber woanders zu leben, kann sich die „Generation Bobo“ (alternativ: „Generation Bataclan“) kaum vorstellen, weil sie die Möglichkeiten, die es in Paris gibt, woanders kaum findet. Allenfalls noch in New York. Aber da ist das Leben noch gefährdeter. Marie Schmidt, (geboren 1983 in München) identifiziert sich in ihrem Artikel so sehr mit den jungen Parisern, dass sie sich selbst eine „Bobo“ nennt, also eine Angehörige der „Generation Bataclan“, die man bis dato unter dem Namen „Generation Y“ kannte. Andere „Tags“5 wären „Digital Natives“, also Menschen, die mit dem Internet groß wurden. Auch „technikaffin“, „MacBook“ und „Hochschulabschluss“ gehören hierher.

 

ZAWUK arbeitet für alle

Entschuldigung! Da war ich gerade nicht mehr auf dem neuesten Stand. „Bobos“ gibt es mittlerweile nicht mehr und die „Generation Y“ sucht immer noch nach ihrem vorläufig endgültigen Namen. Während ich an diesem Essay feile, der sich so schwer auf den Punkt bringen lässt, ist die Wirklichkeit oder die Sprachproduktion längst weiter. „Aktivisten“ haben sich ihrer bemächtigt. Auch das so ein neues Wort, das man bis vor zehn Jahren noch nicht kannte. „Aktivisten“ gab es vorher nur im „Dritten Reich“ und in der DDR. „Aktivist der sozialistischen Arbeit“ – man kann sich vorstellen, was damit gemeint ist. Heute haben Aktivisten eine andere Aufgabe. Sie versuchen, bestimmte politische Ziele durchzusetzen, ohne dabei den mühsamen Weg über die Parlamente zu gehen. Dazu bedienen sie sich vor allen des Internets, wo man schnell mal Leute für Demonstrationen oder Aktionen mobilisieren kann. „#Metoo“ ist dafür ein gutes Beispiel mit ihrem Begriff der „toxischen Männlichkeit“, aber auch die Umweltbewegung, an ihrer Spitze eine 16jährige Schülerin aus Schweden, die vor ein, zwei Jahren noch niemand kannte. Eine solche Bewegung wäre nie so erfolgreich, wenn sie nicht ständig neue Worte kreieren, sie bei „Twitter“ unter die Leute bringen und – vielleicht gerade deshalb – von Journalisten so beachtet würde. „Flugscham“ ist ein solcher Begriff, mit dem sich heftige Emotionen verbinden. Auch „Fleisch essen“ hat mittlerweile seinen Hashtag, und damit seine Unschuld verloren, und „Klimakatastrophe“ ist der Begriff, der alles überwölbt. Dabei muss man nicht der Meinung sein, die Katastrophe sei schon eingetreten. Man könnte auch von „Klimawandel“ sprechen, aber „Klimakatastrophe“ klingt drängender. Damit kann man mehr Leute aufrütteln, sie zu Demonstrationen bringen und Druck aufbauen. „Lügenpresse“ und „Meinungsfreiheit“ sind die Stichworte der anderen Seite. ZAWUK arbeitet eben für alle.

 

Die journalistische Erzeugung von Wirklichkeit

Und jetzt muss ich notgedrungen um Geduld bitten. Das alles ist immer noch nicht die ganze Wahrheit. Linguisten wissen, dass Sprache nicht nur aus einzelnen Wörtern, sondern aus ganzen Sätzen bestehen. Und deshalb gibt sich ZAWUK nicht allein mit der Neuproduktion von Wörtern zufrieden, sondern manchmal erfindet sie auch die Wirklichkeit neu. Oder gestaltet sie in ihrem Sinne um.

Erinnern Sie sich noch an die „GroKo?“ Pardon, ich meine natürlich die „Große Koalition“ aus CDU und SPD, die von 2005-2009 und dann seit 2013 bis heute regiert. Für Journalisten muss das eine halbe Ewigkeit sein. Jedenfalls lassen sie seit 2017, seitdem die SPD nur widerwillig in die Regierung mit der CDU eingetreten ist, kein gutes Haar an ihr. „Zu langsam, zu schlecht, zu wenig“ heißt das ziemlich einhellige Urteil der Medien. Lange Zeit konnte es ihnen nicht schnell genug gehen mit ihrem Scheitern. „Mittelmäßig“ war das vernichtende Urteil. Wenn doch nur endlich das Neue käme. Das Andere. Das Unerwartete.

Und dann kündigte es sich plötzlich an: Im Herbst des Jahres 2019 wählte die SPD ihre neue Parteispitze und Ende November wurde das Ergebnis verkündet. Gewählt wurde nicht das „Weiter so“ in Form des Finanzministers Olaf Scholz und seiner Mitbewerberin Clara Geywitz, sondern das GroKo-kritische Duo Saskia Esken/Norbert Walter-Borjans. Und plötzlich bebte die Republik. Was, wenn die SPD ihren Traum wahrmachen und tatsächlich aus der Regierung ausscheiden sollte? Das konnte doch nicht wahr sein. In unzähligen Talkshows wurde darüber diskutiert, Zeitungen befürchteten das Schlimmste, das Fernsehen gab Ratschläge, wie die Katastrophe doch noch abgewendet werden konnte.

War was? Man hatte das Ergebnis selbst herbeigeredet, aber plötzlich wollte es niemand gewesen sein. War natürlich alles nicht so gemeint. Als unbeteiligter Beobachter kann man da nur sagen: Das kommt davon, wenn den Journalisten ihre Aufgabe, zu beobachten und zu erklären, nicht mehr genügt, sondern wenn sie auch noch die Wirklichkeit aktiv mitgestalten wollen.

 

Fehlende Trennung von Tatsachen und Meinung

Ein paar Worte noch zum Journalismus. Es gab einmal eine Zeit, da war Abstand das Gebot der Stunde. Wer auf sich hielt, durfte nicht gemeinsame Sache mit seinem Gegenstand machen. Also nicht für ihn werben, auch wenn er oder sie von seinem Thema überzeugt war. Es galt die klare Trennung von Tatsachen und Meinung.

Heute scheint das alles nicht mehr zu gelten. Im Gegenteil: Nach dem Motto „Viel Feind, viel Ehr“ schreibt jeder Journalist und jede Journalistin über das Thema, das ihm oder ihr besonders am Herzen liegt. Und alle haben sie ein klares Feindbild, gegen das sie zu Felde ziehen. Sei es das Auto, das Essen von Fleisch (#Tiere essen), der Feminismus oder – wie schon erwähnt die „GroKo“.

Natürlich sind auch Journalisten Getriebene. Ihre größte Angst scheint zu sein, dass sie nicht rechtzeitig auf einen Zug aufspringen, der von „Twitter“ oder „Facebook“ aufs Gleis gesetzt wurde. Also greifen sie die Themen auf, die dort verhandelt werden, und geben ihnen womöglich eine Bedeutung, die sie ohne ihre Beachtung nie bekommen hätten. Da singt ein Kinderchor im WDR ein Lied, in dem die Oma im Hühnerstall Motorrad fährt und am Schluss keine „patente Frau“ ist, sondern eine „Umweltsau“, worauhin sich auf Twitter eine erregte Debatte entzündet, und am Ende bleibt dem Intendanten des WDR nichts anderes übrig, als sich öffentlich zu entschuldigen. Ein Sturm im Wasserglas. Man kann nur hoffen, dass aus dem übernächsten Eintrag bei Twitter kein wirklicher Orkan wird.

 

Einige offene Fragen

Bleiben noch einige Fragen: Wer hat ZAWUK eigentlich erfunden? Wer hat die Maschine gebaut? In wessen Auftrag? Wer profitiert davon? Und zu welchem Konzern gehört sie? Fangen wir mit der zweiten Frage an: Wer hat ZAWUK gebaut?

Stefan W. aus Rüsselsheim hat die Maschine gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Theatergruppe der Bonhoeffergemeinde Rüsselsheim konstruiert.

Wer hat ZAWUK erfunden?

Erste Antwort (oberflächlich): Ebenfalls Stefan W. aus R. Einwand: Er hatte ein Modell. Das Modell stammt ebenfalls aus Rüsselsheim. Vor einigen Jahren leugnete der Vorstandsvorsitzende von Opel jede Verantwortung des Vorstands seiner Firma für die Manipulation der Abgaswerte seines Modells „Zafira“. Später taten die Vorstandschefs des Daimler- und des BMW-Konzerns es ihm nach. Auch sie können sich ja auf ein Vorbild berufen. Ihre Manipulationen sind erst bekannt geworden, nachdem der erste „Sündenfall“6 aus Wolfsburg ans Licht gekommen war. Auch dort leugnen die Konzernlenker bis zum heutigen Tag, etwas von der Existenz der „Schadsoftware“7 in ihren Autos gewusst zu haben, die den Skandal erst ins Rollen gebracht hat. Die Antwort, Stefan R. habe die Maschine ZAWUK erfunden, ist also nicht richtig. Es muss jemand anderer die Maschine erfunden haben. Wer, das wird später noch zu klären sein.

In wessen Auftrag wurde ZAWUK gebaut?

Erste Antwort: Sie wurde von den PR-Agenturen in Auftrag gegeben. Laut Wikipedia gab es zwar Vorläufer, aber PR-Agenturen im eigentlichen Sinn entstanden Mitte des 19. Jh. in Amerika und Deutschland zur Durchsetzung staatlicher und oder wirtschaftlicher Interessen.8 Gegenrede: Auch Martin Luther bediente sich schon der PR, indem er seine 95 Thesen und seine Bücher als Flugschriften in Deutschland vertreiben ließ. Dabei spielte Johannes Gutenberg eine wichtige Rolle. Doch auch er war nicht der erste, der die Rolle der PR erkannte. Das taten schon die Pharaonen mit ihren mächtigen Pyramiden und die Assyrer und Babylonier mit ihren Tempeln und Statuen. All diese in Stein gehauenen Denkmäler kündeten von der Macht der Obersten, die sich manchmal auch – siehe Ägypten – als Götter oder Gottessöhne verehren ließen. So gesehen war auch Mose ein PR-Agent seines unsichtbaren Gottes. Selbst wenn er, wie behauptet, die ersten fünf Bücher der Bibel nicht selbst geschrieben hat.

Wer profitiert von ZAWUK?

Antwort: Alle die ein Interesse verfolgen und die Macht haben, dieses Interesse auch durchzusetzen. Also die Supermächte, die Staaten, reiche Privatleute, Herrscher der Geschichte, Donald Trump, Konzerne, Staatenlenker, Rechtsanwälte, PR-Agenten, Banker, Uhrmacher aus dem Erzgebirge und der Schweiz, Publizisten und Verleger.

Und wer kommt dabei unter die Räder?

Alle mit wenig Geld und Einfluss. TTIP-Gegner, Flughafengegner, Gegner des syrischen Präsidenten, Flüchtlinge, Menschen aus den ärmeren Teilen der Erde.

Zu welchem Konzern gehört ZAWUK?

Keine Angaben.

 

Nachschrift

Letzteres war immer noch nicht richtig. An ZAWUK halten wir alle Anteile. Jedenfalls alle, die lesen und schreiben können und sich bemerkbar machen. Sei es über Facebook, über Kampagnen im Internet, Demonstrationen oder über Artikel im „New Yorker“, der „FAZ“ oder der „ZEIT“. ZAWUK steckt nämlich selbst voller Widersprüche. Die Maschine formt nicht nur eine Doktrin, sondern viele, die sich gegenseitig auszustechen versuchen. ZAWUK gehört Donald Trump und Greenpeace, der AFD, Pegida und den Linken, die ihre selbstgedrehten Videos bei Facebook oder Twitter ins Netz stellen. Auch ich selbst, der Autor dieses Essays, habe mir im Lauf des Lebens ein paar Anteile gesichert.

Wenn Sie also das nächste Mal über ZAWUK lästern, schauen Sie sich lieber zuerst Ihren letzten Post bei Facebook an.

 

Anmerkungen

1 Diskothek in Paris, wo am 13. November 2015 Mitglieder des IS 180 Menschen töteten.

2 Mehr oder weniger berühmter Pariser Galerist mit arabischen Wurzeln.

3 Immerhin haben die beiden Journalisten das Wort (ein „Neologismus und Oxymoron“, schreibt Wikipedia) nicht erfunden, wie ich anfangs glaubte. Es wurde am Anfang des neuen Jahrtausends von einem Amerikaner erschaffen, der damit „Bourgeois“ und „Bohemien“ in eins setzte – deshalb „Bobo“.

4 Originalton Marie Schmidt, a.a.O.

5 Stichworte, die Verbindungen schaffen und Assoziationen hervorrufen. Auch eine Neuschöpfung der letzten Jahre, die vor allem in Internetforen zu finden ist.

6 Zur Definition, siehe Bibel.

7 Möglicherweise auch ein Wort aus der neueren Produktion von ­ZAWUK.

8 Z.B. Krupp, Zirkus Barnum …

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Bernd Giehl, Jahrgang 1953, Studium in Marburg, 1981 Ordination, Pfarrer in Liederbach, Wiesbaden, Nauheim und Trebur, seit 2018 im Ruhestand, Mitarbeit an "Gottesdienstpraxis", "Werkstatt für Liturgie und Predigt", "Göttinger Predigten im Internet" und "Evangelisch predigen".

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2021

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