Verschwörungserzählungen sind nichts Neues. Im Grunde stellen sie eine Variante des Gerüchtes dar. Doch sie erfreuen sich im digitalen Zeitalter neuer Beliebtheit, und sie sind gegenwärtig – das macht sie so gefährlich – offenbar schwerer aus den Angeln zu heben und ihrer Unwahrheit zu überführen als in früheren Zeiten. Warum dies so ist, versucht Peter Haigis etwas aufzuhellen.

 

1  Das Spiel mit der Wirklichkeit

Verschwörungserzählungen sind wahrscheinlich so alt wie die Kommunikation von Wissen selbst. Gegenwärtig erfreuen sie sich einer neuen Beliebtheit, was auch mit den im digitalen Zeitalter erweiterten Möglichkeiten ihrer Konstruktion und Verbreitung zusammenhängen mag. Und ohne Zweifel entfalten sie völlig neue, bislang ungekannte Gefährdungspotentiale für unser gesellschaftliches und politisches Miteinander. Dennoch gehören sie zum festen Überlieferungsbestand der Wissenskultur – zumindest im abendländisch-europäischen Kontext ist das so. Denn sie beziehen ihre Wirkungskraft aus einem spezifischen Verständnis von Wirklichkeit und Wahrheit und dem Zugang hierzu. Sie spielen mit diesem Verhältnis und parodieren es gewissermaßen, ohne diese Parodie transparent zu machen. Sie konstruieren einen Pseudo-Wissensbestand aus „alternativen Fakten“, im Klartext eine „Lüge“, indem sie Methoden des Wissenserwerbs kopieren. In umgekehrter Weise gegenüber der herkömmlichen Organisation von Wissen wird nicht ein Wissensbestand über die Anwendung kontrollierter Methodik aufgebaut, sondern es wird zunächst das zu Wissende konstruiert und im Nachhinein durch herkömmliche Methoden, die sich in diesem Fall freilich einer nachprüfbaren Kontrolle entziehen, als erworbenes Wissen getarnt.

Dass diese Form der „Wissenserzeugung“ und „-vermittlung“ alt ist, zeigt schon ein Blick in die Antike: So kann der von Platon vor allem in seinem Dialog „Kritias“ wiedergegebene Atlantis-Mythos als Form eines „parodierten Wissensbestandes“ angesehen werden. Wie weit dies von den Rezipienten des platonischen Dialogs tatsächlich durchschaut wurde, darüber gehen die Meinungen der Interpreten auseinander. In jedem Fall wird man festhalten können, dass die Form nicht-fiktionalen Wissens als eine Spielart der fiktionalen Literatur angesehen werden kann, die so lange unproblematisch ist, wie die Erzählgemeinschaft das Spiel mit der Wirklichkeit durchschaut.

Ein jüngeres Beispiel pseudowissenschaftlicher Literatur stellen die „Forschungen“ Erich von Dänikens dar, der versuchte, zahlreiche früh- und vorgeschichtliche Funde aus unterschiedlichsten Kulturen weltweit unter Annahme eines Besuchs von Außerirdischen auf der Erde zu interpretieren. Von Däniken betrieb seine publizistischen Bemühungen freilich mit vollem Ernst.

Nicht mit wissenschaftlichen, sondern mit journalistischen Mitteln spielend inszenierten Orson Welles und Howard Koch ein Radio-Hörspiel, das am 30. Oktober 1938 in den USA ausgestrahlt wurde: „Der Krieg der Welten“ – eine Adaption des 40 Jahre zuvor erschienenen Science-fiction-Romans „The War of Worlds“ von H.G. Wells.1 In dieser Liveübertragung arrangierten die Autoren die fiktive Reportage einer Landung außerirdischer Raumschiffe in den USA, was die Zuhörer an den Empfangsgeräten in helle Panik versetzte, weil sie zwischen Spiel und Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden vermochten.

Ein weiteres Beispiel für derartige künstlerische Parodien ist Woody Allens Film „Zelig“ (USA 1983), eine dokumentarisch aufgemachte Filmbiografie, in der sich Woody Allen auf verblüffende Weise der neuen technologischen Möglichkeiten bediente, um filmische Originaldokumente zu bearbeiten und zu „fälschen“.

Eine perfekte Abrechnung mit Verschwörungserzählungen in der europäischen Kulturgeschichte stellt Umberto Ecos 1988 erschienener Roman „Das Foucaultsche Pendel“ dar, in dem drei Freunde eine Verschwörungserzählung in die Welt setzen, deren Folgen sich, dem Goetheschen „Zauberlehrling“ gleich, immer mehr gegen sie selbst wenden.

Verschwörungserzählungen mögen eine Vielzahl von Ursachen haben. Auch die aktuell zu erlebende Konjunktur von Verschwörungserzählungen mag aus ganz unterschiedlichen Richtungen befeuert werden: Da mag der durch den 11. September 2001 angeknackste Mythos amerikanischer Unverletzbarkeit eine Rolle spielen oder der Umgang populistischer Politiker mit dem Thema Wahrheit (Stichwort „alternative Faken“). Eine allgemeine Politikverdrossenheit fördert die Attraktivität von Verschwörungserzählungen, wenn das Misstrauen in politische Konzepte und ihre Akteure steigt. Ebenso tragen die Unübersichtlichkeit in pluralistischen Demokratien zur Attraktivität von Verschwörungserzählungen bei oder der – bislang beispiellose – individuelle Zugriff auf Informationsquellen und nicht zuletzt die zu Hermetik und Esoterik tendierenden Ideologien weltanschaulich geschlossener Gruppen oder Sekten.

Im Folgenden vertrete ich keinen Alleinerklärungsanspruch, möchte aber Licht auf einen m.E. bislang unterschätzten Aspekt in der Debatte werfen, indem ich die These vertrete, dass die Attraktivität von Verschwörungserzählungen2 wesentlich dadurch unterstützt wird, etwas „wirklich Neues“ sagen und verbreiten zu können. Sie berührt damit letztlich ein typisches Problem der gesellschaftlichen Organisation von Wissen in einer digitalisierten Kultur. Denn wer kann sich schon mit Wissenswertem, aber noch nicht allgemein Gewusstem hervorheben, wenn prinzipiell alles Wissbare zu jeder Zeit von jedem gewusst werden kann, weil die Zugangsbedingungen so niederschwellig sind, bzw. wenn alles Wissbare zu jeder Zeit von jedem verbreitet werden kann, weil die Verteilungsbedingungen so einfach sind. Man will sich hervortun und mit der Neugier der Mitmenschen spielen, wie das schon bei den Athenern der Fall war, die Paulus auf dem Areopag getroffen hat (vgl. Apg. 17,21). In Zeiten der vollständigen Demokratisierung der Wissenskultur wird man eben auch so zum „Experten“, dass man über „Geheimwissen“ verfügt, und sei es eben selbstgestrickt. Das mag kurios sein, harmlos ist es nicht.

 

2  Wissen und Wissenserwerb in der „frühmedialen“ Epoche

In den nachfolgenden Abschnitten skizziere ich zunächst eine kurze Genese der Kultur des Wissens, um vor deren Folie den Zustand gegenwärtiger Organisation von Wissen zu beschreiben. Daran anschließend stelle ich einige Schlussfolgerungen zur Attraktivität und Gefahr gegenwärtiger Verschwörungserzählungen an.

Beim Abriss einer kurzen Genese der Kultur des Wissens orientiere ich mich an einer sehr groben dreistufen Typologie dreier unterschiedlicher „Epochen“. Typologien haben den Sinn, geistesgeschichtliches Material nach einigen wenigen Gesichtspunkten zu gruppieren, um auf diese Weise Aspekte der Differenzierung stärker hervortreten zu lassen, die sodann wiederum für die Sachargumentation entfaltet werden können.3 Sie mögen, ähnlich wie Karikaturen, Überzeichnungen sein, jedoch werden auf diese Weise Unterschiede plastisch, die auch die Beurteilung gegenwärtiger Verhältnisse erhellen können. Ein exakter historischer Erkenntnisanspruch wird damit nicht erhoben.

Als „frühmediale“ Epoche bezeichne ich die Zeit, in der die Medien des Wissens und der Wissensverbreitung an manuelle Vollzugsformen (z.B. Handschriften und frühe aufwändige Kompaktdrucktechniken), an die lokale Sammlung von Wissensbeständen (z.B. Bibliotheken) und an geringe Möglichkeiten des Austauschs gebunden waren (z.B. wegen wenig ausgebauter Mobilitätsnetze).

In dieser Zeit war Wissen bzw. Bildungsgut ein Wert, an dem nur wenige in der Gesellschaft teilhaben konnten. Dennoch bestand neben den auf diese Weise institutionalisierten Wissenskonvoluten ein breites Erfahrungs- und Alltagswissen, das anwendungsspezifisch von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Wissenserwerb konnte generiert werden durch Beobachtung und Experiment – das galt für die Hauswirtschaft oder die landwirtschaftliche Produktion in gleicher Weise wie für die systematische Auswertung und Ausbeutung natürlicher Erscheinungsformen oder Ressourcen. Während die Weitergabe von Wissen für breite Schichten an die mündliche Tradition gebunden blieb, ermöglichten die oben genannten institutionellen Formen des Wissenserwerbs, der Wissenssicherung und der Wissensverbreitung eine elitäre, schriftlich gebundene Wissenskultur in Kunst und Wissenschaft für ­einige, vergleichsweise wenige Experten.

 

3  Wissen und Wissenserwerb in der Post-Gutenberg-Ära

Einen markanten Einschnitt in der Geschichte des Wissenserwerbs, der Wissenssicherung und der Wissensverbreitung stellt die mediale Revolution dar, die sich mit dem Namen Gutenberg verbindet: die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Sie steht hier, gewissermaßen stellvertretend, für mehrere die Wissenskultur nachhaltig verändernde Innovationen, die um die Wende des 15. zum 16. Jh. den Auftakt einer neuen Epoche darstellten, die wir vereinfacht einmal als „Post-Gutenberg-Ära“ bezeichnen.

In dieser Phase bleiben das herkömmlich generierte und tradierte Erfahrungs- und Alltagswissen erhalten; dafür gibt es, nicht zuletzt, eine stabile sozio-ökonomische Basis in der Breite der Gesellschaft (z.B. Haus- und Landwirtschaft, Handwerk). Hinzu kommen nun aber schnellere und vielfältigere Verbreitungsmöglichkeiten dokumentierten Wissens in Gestalt von Büchern und Schriften in multipler Auflage. Voraussetzung hierfür wiederum ist eine breitere Bildungsmöglichkeit der nachwachsenden Generation, die mit der Einführung des allgemeinen Schulwesens erfüllt wird.

Mit dem Aufkommen des frühen Bürgertums und seiner gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Gestaltungsziele entsteht zugleich eine Bildungsschicht, die auf einen eigenen Wissenskanon setzt bzw. den tradierten und bislang an Klerus und Adel und ihre Institutionen gebundenen Wissenskanon eigenständig erweitert. Damit geht einher, dass Expertenwissen, das bislang nur elitär erworben und verwaltet werden konnte, in die Breite der Gesellschaft hinein wirksam werden kann.

Enzyklopädien und sog. Konversationslexika als allgemeine Wissenskataloge und der aufkommende Journalismus tragen ein Übriges zu dieser Entwicklung bei. Das auf solche Weise neu organisierte und verbreitete Expertenwissen drängt mit der Zeit den selbsttätigen Wissenserwerb durch Alltagsbeobachtung und mündliche Tradition zurück. Die nachwachsende Generation wird bis ins beginnende 20. Jh. hinein mehr und mehr, quer durch die Schichten hindurch, zum entscheidenden Bildungsträger einer auf Fortschritt hin orientierten Wissenskultur. In diesem Zusammenhang entfalten sich auch herkömmliche Bildungseinrichtungen weiter zu einer wahren Spielwiese für Kinder- und Jugend­pädagogik.

 

4  Wissen und Wissenserwerb im digitalen Zeitalter

Immer wieder hat man einen geschichtlichen Vergleich bemüht zwischen der medialen Revolution in der Folge der Erfindung Gutenbergs und der aktuellen medialen Revolution, ausgelöst durch die technischen Möglichkeiten digitaler Speicherung und Verbreitung von Information. Die Nahsicht auf die Verhältnisse im 20. Jh. zeigt uns natürlich, wie differenziert der jüngste mediale Entwicklungsschub wahrgenommen werden muss, wenn man ihn eingebettet in die neuen Technologien der Telefonkommunikation oder der Verbreitung von Information mittels Radio und Fernsehen sieht. Von der manuellen und der elektrischen Schreibmaschine über die Bildschirmpräsentationsmöglichkeiten sowie elektronische Rechenleistung und Datenverarbeitung bis hin zur Telekommunikationsvernetzung via Kabel oder Satellit gehen diverse Innovationen in die Computer- und Handy-Technologie ein, die sich diesbezüglich – zumindest für die Nutzer*innen – als vorläufige Summe dieses Prozesses darstellt. Dennoch – oder vielleicht genau deswegen – wird man die Gewichtigkeit der sog. digitalen Revolution entwicklungsgeschichtlich nicht hoch ­genug einschätzen können.4

Mit diesen Innovationen ging nun aber auch ein Entwicklungsschub einher, der die Wissenskultur entscheidend und nachdrücklich verändert hat. In der digital-medialen Zeit ist die Bedeutung eines Erfahrungs- und Alltagswissens, das individuell gewonnen und auf traditionellen Wegen verbreitet wird, minimiert. Demgegenüber haben sich der Wissenserwerb, die Wissenssicherung und die Wissensverbreitung von sog. Expertenwissen gegenüber der „Post-Gutenberg-Ära“ nochmals erweitert. Wir können geradezu von einer „Demokratisierung“ des Wissens sprechen. Noch nie waren die Zugangsmöglichkeiten zu Wissensbeständen für selbständige und selbsttätige Individuen so niederschwellig wie heute. Noch nie waren Wissensbestände so schnell und in einer solchen Breite anzueignen, wie dies durch die Möglichkeiten digitaler Kommunikationskultur möglich wurde.

Freilich, die Breite der Vermittlungs- und Aneignungsweisen hat auch ihre Kehrseite: Wir sehen uns im WorldWideWeb mit einer zunehmenden Unübersichtlichkeit der Angebotswege und Darbietungsformen von Wissensinhalten konfrontiert, die ihrerseits durch undurchschaubare Algorithmen strukturiert und erschlossen werden. Die vermittelnde Person eines vertrauenswürdigen Agenten, sei es im wissenschaftlichen, sei es im journalistischen Bereich, verschwindet hinter dem Design einer Benutzeroberfläche, bzw. macht sie den Geschäftsinteressen von Datenkonzernen Platz. Althergebrachte Kommunikationsplattformen, die in ihrer Zusammensetzung nicht willkürlich manipulierbar sind (z.B. Schulklassen, akademische Seminare, öffentliche Debattierclubs), werden zunehmend durch virtuelle Echo-Kammern ersetzt, in denen bevorzugt das von den Bildschirmwänden zurückhallt, was von den individuellen Nutzer*innen „geliked“ wird.

Die ins Uferlose ausgewachsenen, niederschwellig verfügbaren Wissensbestände werden heutzutage nicht mehr intellektuell angeeignet, was dem klassischen Bildungsideal entspricht; vielmehr werden sie durch umfassende Wissenszugangsstrategien ersetzt (ich muss nichts mehr individuell „wissenstechnisch speichern“, wenn ich weiß, wie ich es im Fall eines notwendigen Zugriffs aufsuchen kann). Das ist eine neue Lernmethode, die zwar hilft, die Komplexität des Wissbaren nutzbringend zu reduzieren, die sich aber nur dann bewährt, wenn die Quellen und Wege des Wissenserwerbs vertrauenswürdig und gegen Missbrauch gesichert sind.

Vor diesem Hintergrund lässt sich die Attraktivität von Verschwörungserzählungen als Reaktion auf eine Wissenskultur diagnostizieren, zu deren Merkmalen die universale Verfügbarkeit ebenso gehört wie eine allgemeine Verunsicherung, ausgelöst dadurch, dass die Angebote überkomplex und die Anbieter undurchschaubar geworden sind.

 

5  Die Attraktivität von Verschwörungserzählungen

Wie gesagt: Verschwörungserzählungen haben verschiedentliche Wurzeln, und ihre Attraktivität beziehen sie wohl auch aus unterschiedlichen Aspekten. Der Punkt, den ich hier stark machen möchte, besteht jedoch im Aufmerksamkeitswert, den Verschwörungserzählungen im öffentlichen Leben erhalten. Schon ihr krudes Design macht sie anziehend – jedenfalls in einer Medienwelt, die auf Events, Hypes und Attraktionen setzt.5 Insofern erweisen sich jedenfalls diejenigen Medien, die selbst nicht auf kritischem Journalismus basieren, als geeignete Multiplikatoren für Verschwörungserzählungen, ohne es unbedingt zu wollen.

Unabhängig davon verfügen die Urheber von Verschwörungserzählungen und die Akteure ihrer Verbreitung natürlich selbst über ausreichende Kanäle, um ihre Geschichten unters Volk zu bringen. Die technischen Bedingungen stehen dafür mehr als genug bereit wie eben dargelegt. Die Multimedialität des Internet und der sog. Social Media, die es jedem am heimischen PC oder Smartphone erlaubt, Text-, Ton- und Bilddateien in beliebiger Zahl und Qualität zu generieren und zu verbreiten, erhöht die Frequenz und Reichweite von Datenübertragungen, aber eben auch die Manipulierbarkeit von Datenmaterial bis hin zu „Deep Fakes“.6

Bei Verschwörungserzählungen stehen interne Kriterien zur Beurteilung dessen, was da geboten wird, in der Regel nicht bereit. Zu diesen zählt der Verweis auf einen soliden Gesamtzusammenhang von Wissensbeständen bzw. die abwägende Auseinandersetzung mit alternativen Deutungs- und Interpretationsansätzen. Stattdessen stellen deren Inhalte in sich geschlossene Erklärungsmodelle dar, die gegen kritische Rückfragen systematisch immunisiert werden. Wer sich also nicht um externe Kriterien bemüht, sprich: den Inhalt von Verschwörungserzählungen selbst an Gegendarstellungen, anderen Wirklichkeitserschließungen oder Erklärungsmodellen misst, bewegt sich in einem geschlossenen Zirkel mit konzentrischer Wirkung. D.h. die Möglichkeiten, die Eigendynamik von Verschwörungserzählungen zu unterbrechen bzw. aus ihrem Erklärungsdiktat auszubrechen, nimmt immer mehr ab. Man verstrickt sich regelrecht in ihnen. Das ist den Erfahrungen in Sekten vergleichbar: die Dynamik von Verschwörungserzählungen saugt ihre Rezipienten in sich auf und bringt sie in einem Deutungskollektiv zum Verschwinden.

Bisweilen überrascht die Tatsache, dass Verschwörungserzählungen nicht auf kleine Nischen- und Sondermilieus beschränkt bleiben, sondern eine enorme Öffentlichkeitswirkung entfalten. Meine These ist, dass es in einer wie oben beschriebenen Wissenskultur neue Profilierungsmöglichkeiten abseits des herkömmlichen Expertentums gibt, mit denen man auf sich aufmerksam machen und sich in die Rolle des Welterklärers manövrieren kann. Es stehen alle Mittel bereit, die notwendig sind, um Pseudowissen zu generieren und als glaubwürdige Deutungskonzepte zu „verpacken“. Einerseits führt der umfangreiche und komplexe Wissensbestand, der Einzelnen permanent zur Verfügung steht, auf der Rezipientenseite zu intellektuellen Erschöpfungssyndromen und verleitet zum Griff nach ebenso simplen wie umfassenden Erklärungsmodellen. Die Bedingungen sind einfach zu komplex und der Prozess kritischer Aneignung ist anstrengend. Andererseits besteht eine niederschwellige Möglichkeit, durch abwegige Deutungskonstrukte aufzufallen und sich ins Gespräch zu bringen. In gewissem Sinne ist es sogar „schick“, über Erklärungsmodelle zu verfügen, die andere überraschen, verunsichern oder schlicht überwältigen.

 

6  Ein kurzes Fazit: Zwischen Kunst und Demagogie

Was geschieht in dem so beschriebenen Zusammenhang mit der uns Menschen angeborenen Neugier und dem Reiz, der im Neuigkeitswert von Wissbarem liegt? Die Antwort ist einfach: es sucht sich Fluchten. Neugier ist psychologisch gesehen ein entscheidender Faktor beim Erwerb von Wissen wie auch bei der Produktion von Pseudowissen in Gestalt etwa von Verschwörungserzählungen sowie bei ihrer Rezeption. In einer Wissensgesellschaft, in der Wissensbestände und Wissensverbreitung in einem nie gekannten Umfang, in einer völlig neuen Niederschwelligkeit und in umfassender Reichweite zur Verfügung stehen, sticht derjenige aus den Erklärungsdiskursen heraus und erringt sich Deutungshoheit, der über ein „Sonderwissen“ verfügt. Das machte auch in früheren Zeiten das Expertentum aus. Im Unterschied zu früheren Zeiten bedarf es aber heutzutage nicht mehr einer profunden Expertise, um sich als Experte zu gerieren. Expertentum wird im digitalen Zeitalter synthetisch erzeugt und über kommunikative Einbahnstraßen wie private Youtube-Kanäle oder Echo-Kammern verbreitet. Wer sich hier elegant aufzustellen versteht, gewinnt an Attraktivität, weil er in seinen Erklärungskonstrukten mit Neuigkeitswerten aufwarten kann. Nicht das Wahre ist interessant, sondern das Neue, das „Unerhörte“.

In wissenschaftlich basierten und in journalistisch vermittelten Diskursen mag eine derart überschießende Phantasie ein Problem darstellen. Im künstlerischen Kontext kann es durchaus originell und spannend sein – wie die eingangs angeführten Beispiele aus Literatur und Film zeigen. Wer damit kreativ umgehen kann, als Autor wie als Rezipient, dem bleiben die Möglichkeiten künstlerischer Tätigkeit und Phantasie, um Originalität zu produzieren bzw. das Spiel mit der Wirklichkeit kritisch aufzunehmen und die Auseinandersetzung damit zu suchen. Und dieses Spielen ist ja notwendig, um nicht der normativen Kraft des Faktischen zu verfallen und um utopische Lebensdynamiken zu erschließen. Freilich bleibt es als Spiel gekennzeichnet und darf nicht mit der Wirklichkeit, auf deren Überwindung es zielt, verwechselt werden. Wer dieses Spiel jedoch nicht durchschaut bzw. nicht durchschauen will, weil eine kritische Urteilsbildung zu anstrengend ist, dem „droht“ die Verschwörungsfalle.

Die Gefahr, die dabei droht, liegt auf der Hand: Durch die konsequente Verwischung der Nahtstellen der Konstruktion von Wirklichkeit mit dem Referenzobjekt dieser Konstruktionen7 bis hin zur Selbsttäuschung entsteht ein Lügengespinst, das Wahrheitsdiskurse systematisch unterläuft. Im besten Fall sind ihre Opfer Irrläufer, im schlimmsten Fall sind sie Demagogen.

 

Anmerkungen

1 In diesem Zusammenhang sind übrigens Orson Welles’ Überlegungen zum Umgang mit Fiktion und Wahrheit im Kontext des künstlerischen wie filmischen Metiers interessant, wie er sie in seinem Spätwerk „F for Fake“ (dt.: „F wie Fälschung“) (Frankreich/Deutschland/Iran 1973) spielerisch dargelegt hat.

2 Ich spreche in diesem Artikel konsequent von Verschwörungserzählungen, da sich die hier behandelte Typik von Pseudowissen in der Regel narrativer Einkleidungen bedient, was ein interessantes Phänomen darstellt und den gesamten Komplex in seiner erklärt populären, nicht-etablierten Sprachform zu erkennen gibt. Der Religionswissenschaftler und Antisemitismusbeauftragte der baden-württembergischen Landesregierung Michael Blume lehnt es ab, von Verschwörungstheorien zu sprechen, um auf diese Weise den wissenschaftlich etablierten Begriff der Theorie von Beschädigungen freizuhalten. Stattdessen bevorzugt er die Rede vom „Verschwörungsmythos“. Allerdings könnte sein eigenes Argument auch auf den Begriff des Mythos angewandt werden, der nicht einer völlig entwertenden Banalisierung preisgegeben werden sollte, indem Pseudowissen, „alternative Fakten“ und Lügengespinste zu Mythen stilisiert und damit gewissermaßen „religionswissenschaftlich geadelt“ werden.

3 Treffend auf den Punkt gebracht hat das John Clayton in seiner Einführung zu Paul Tillichs religionsphilosophischen Schriften: Demnach sind Typologien „idealisierte und stilisierte Darstellungen systematischer Alternativen. Der Wert solche Typologien liegt in ihrer Fähigkeit, komplexes Material in ganz bestimmter Weise erscheinen zu lassen, indem bestimmte, für gegenwärtige Diskussionen relevante Merkmale stark hervorgehoben werden, um die gegenwärtige Auseinandersetzung auf neue Wege zu lenken. Wenn sie nicht überbewertet werden, können solche Typologien heuristisch verwendet zu nützlichen Arbeitsmitteln werden.“ (Paul Tillich, Religionsphilosophische Schriften (hrsg. von John Clayton), Darmstadt 1987)

4 Die enorme Weiterentwicklung virtueller Welten durch Animationstechnik trägt ein Übriges zu dieser Entwicklung bei. Sie stellen, etwa in der Architektur und Städteplanung, in der Medizin, aber auch in der künstlerischen Produktion wie für die Spieleindustrie fantastische Möglichkeiten zur Vefügung.

5 Deutlich wurde das am QAnon-Kult: Wenn man sich damit näher beschäftigt, überkommt einen zunächst das Gefühl, es mit einem vom Plot her zwar abstrusen, aber gut gemachten Polit-Fiction-Thriller zu tun zu haben. Was auf diese Weise interessant bis amüsant wirkt, entfaltet sich als Horrorszenario erst in dem Moment, wo die Menschen sichtbar werden, die dieser Ideologie folgen und für sie eintreten.

6 „Deep Fakes“ meint Medieninhalte in der Regel visueller Machart, die vollkommen realistisch und täuschend echt wirken, jedoch rein digital und künstlich erzeugt wurden.

7 Das ist noch kein Argument gegen konstrukti­vistische Theorien, denn jede ernst zu nehmende konstruktivistische Theorie muss – quasi metatheoretisch – die Bedingungen ihrer Konstruktion mit­reflektieren und diskursiv transparent machen.

 

Über die Autorin / den Autor:

PD Pfarrer Dr. Peter Haigis, Jahrgang 1958, Studium der Evang. Theologie, Philosophie, Neuen Deutschen Literatur und Medienwissenschaften in Berlin, Marburg und Tübingen, Pfarrer der Württ. Landeskirche, Theol. Referent am Kloster Wülfinghausen/Springe, seit 2007 Schriftleiter des "Deutschen Pfarrerblatts".

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2021

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