Die Erfahrungen mit der Corona-Pandemie haben in der Kirche einen regelrechten digitalen Aktionismus ausgelöst. Das muss kein Fehler sein. Vielmehr zeigt sich rückblickend, dass die evangelische Kirche das Digitalisierungsthema vor Corona noch nicht richtig perspektiviert hat. An dieser Stelle kann nun nachgebessert werden. Gerald Kretzschmar benennt die Desiderata.*

 

1. Ein Blick auf die Baustelle

Vor Corona war alles anders

Kurz nach dem Jahr 2010 begann ein vergleichsweise intensiver kirchlicher Diskurs über die Frage nach dem Verhältnis von Kirche und Digitalisierung. Einige Landeskirchen traten mit Grundsatztexten und ambitionierten Initiativen zu diesem Thema an die Öffentlichkeit. Im Jahr 2014 war das Verhältnis von Kirche und Digitalisierung sogar Schwerpunktthema der EKD-Synode. Flankierend zu diesen kirchlichen Aktivitäten wurden Prozesse wissenschaftlicher Reflexion des Themas in Gang gesetzt. In diesem Zusammenhang ist exemplarisch die Arbeit der praktisch-theologischen Projektgruppe der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie „Religion und Religiosität im Kontext medialer Transformationsprozesse der Gegenwart“ zu nennen.1 Ein erster Schritt, die Ebenen der kirchlich-institutionellen Praxisinitiativen und der eingehenden wissenschaftlichen Reflexion des Themas Kirche und Digitalisierung in einen Austausch miteinander zu bringen, war das von der EKD veranstaltete Netzwerktreffen „Digitalisierung, Theologie und Ethik“ Ende Februar 2020 in Kassel.

Digitaler Aktionismus

Und dann kam Corona. Vorbei war die Zeit kirchlicher Grundsatzpapiere und ambitionierter Initiativen. Vorbei war auch die Zeit einer in Ruhe und solide durchgeführten wissenschaftlichen Reflexion. Und vorbei war auch die Zeit, in der sich kirchliche Praktikerinnen und Praktiker unterschiedlicher Ebenen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf einer Tagung wie der in Kassel hätten im Präsenzmodus treffen können, um sich gemeinsam mit der Frage der Digitalisierung im kirchlichen Kontext zu befassen.

Stattdessen passierte etwas anderes: Bedingt durch die Epidemie entfaltete sich in der Kirche ein digitaler Aktionismus bis dahin ungekannten Ausmaßes. Pfarrerinnen und Pfarrer, haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende und viele andere Personengruppen, die im kirchlichen Bereich aktiv sind, suchten gleichsam von heute auf morgen nach Wegen, wie Gemeinden und andere kirchliche Organisationen mit Hilfe digitaler Möglichkeiten mit den Menschen in Kontakt bleiben konnten.

Dieser digitale Aktionismus, besonders im gottesdienstlichen Bereich, ist für sich genommen übrigens rundweg positiv zu sehen. Schließlich stellte er während aller bisherigen Phasen eines strengen Lockdowns mehr oder minder die einzige Möglichkeit dar, das kirchliche Leben an wichtigen Punkten aufrecht zu erhalten. Positiv ist der coronabedingte digitale Aktionismus aber auch deswegen, weil hier zu sehen war und nach wie vor zu sehen ist, wie viele Menschen in einer solch schwierigen gesamtgesellschaftlichen Lage bereit sind, Stunde um Stunde Zeit und Know-How in die Kirche einzubringen.

Was in der aktuellen Situation allerdings gar nicht mehr recht zu greifen zu sein scheint, ist die Frage, wie sich maßgebliche kirchliche Organisationen wie die Landeskirchen und die EKD zurzeit ganz grundsätzlich zu dem Thema Kirche und Digitalisierung verhalten. Wie steht es aktuell um die Zugänge, die einige Landeskirchen und die EKD in der Zeit vor der Corona-Pandemie zum Digitalisierungsthema gewählt haben? Sind die Kirchenbilder, mit denen sich kirchliche Organisationen vor der Pandemie im Zusammenhang mit dem Digitalisierungsthema inszeniert haben, angesichts des aktuellen Stands der Digitalisierung in der Kirche immer noch leitend? Könnte man an diesen Kirchenbildern anknüpfen – jetzt schon, noch während der Corona-Zeit, oder danach? Sind sie überhaupt tragfähig?

 

2. Die Digitalisierungsbaustelle im kirchenleitenden Diskurs vor der Corona-Pandemie2

Missionsstrategische Zielsetzung

Der Text „Das Netz sinnvoll nutzen“ der Bayerischen Landeskirche aus dem Jahr 2012 ist wohl der erste prominente Text zum Thema Kirche und Digitalisierung.3 In dem Papier ist der kirchliche Blick auf die Welt des Internets gleichermaßen von abschreckender Verunsicherung und von Faszination geprägt. Klar ist: Die Kirche muss sich der Digitalisierung stellen. Aus missionsstrategischer Perspektive rechnet man in der Welt des Internets vor allem mit kirchendistanzierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Diese möchte man im Sinne der kirchlichen Organisation aktivieren. Das Internet und dessen Nutzerinnen und Nutzer werden als Missionsfeld betrachtet, das es im Sinne der Organisation zu beeinflussen gilt.

Auch die EKD-Synode 2014 verfolgt eine missionarische Zielsetzung.4 Auf einem vermeintlichen Markt religiöser Angebote möchte man das Evangelium zu Gehör bringen und hofft auf die Entstehung neuer Gemeinden im Internet.

Drei Jahre später, so in dem Bericht des Rates der EKD an die Synode5, der über die Weiterentwicklung des Themas Kirche und Digitalisierung seit 2014 informiert, scheint das Internet im Begriff, in der Kirche anzukommen. Der aktionistisch-missionarische Reflex scheint verschwunden. Stattdessen wird die Notwendigkeit der ethischen Reflexion des digitalen Wandels in Kirche und Gesellschaft betont. Neu im kirchlichen Digitalisierungsdiskurs ist das Interesse zu erfahren, wie die Menschen die digitalen Möglichkeiten, auch in kirchlichen Zusammenhängen, faktisch nutzen. Die Nutzer- und Mitgliederperspektive kommt ins Spiel.

Phänomene der Ungleichzeitigkeit

Zu der hier gezeichneten Verlaufskurve gehören auch Phänomene der Ungleichzeitigkeit. Die württembergische Landeskirche beispielsweise inszeniert ihre Digitalisierungsinitiative auf dem „Forum Digitalisierung“ am 19. Januar 2018 in Stuttgart regelrecht euphorisch, indem sie die missionarischen Chancen der Digitalisierung betont.6 Eine Gegenüberstruktur von Kirche und Digitalisierung, betriebswirtschaftlichen und missionsstrategischen Logiken sowie die Ausblendung der ­Nutzer- und Mitgliederperspektive sind noch einmal prägend.

Ganz anders dagegen der jüngste hier betrachtete Text, nämlich der Synodenbericht des EKD-Medienbeauftragten und hessen-nassauischen Kirchenpräsidenten Volker Jung, ebenfalls aus dem Jahr 2018.7 Für Jung ist die Digitalisierung weitreichend im Leben der Menschen angekommen, auch in kirchlichen Zusammenhängen. Ein bewusst gestalteter Umgang mit der Digitalisierung wird unterstrichen. Und ganz neu im kirchlichen Digitalisierungsdiskurs: Als handlungsorientierendes Kriterium werden nicht die Interessen kirchlicher Organisationen im engeren Sinne in den Mittelpunkt gestellt, sondern schlicht die Frage, was den Menschen guttut und dem Leben dient. Ebenfalls neu ist die Einsicht, dass es die eine Digitalisierungsstrategie nicht geben kann. Zahlreiche kritische Rückfragen, die sich auf Grund bisher gesammelter Erfahrungen mit internet­basierter Kommunikation und Digitalisierung stellen, ­prägen den Charakter des Textes.

Kirchenbilder

Welche Kirchenbilder lassen die Digitalisierungsinitiativen der vergangenen Jahre erkennen? Rein quantitativ gesehen dominiert das Bild von Kirche als Gegenwelt zur Gesellschaft. Die Digitalisierung erscheint dabei als eine Art Scheidelinie, bei der diesseits die Kirche als analoger Raum und jenseits die Gesellschaft als Raum der Digitalisierung stehen. Motiviert durch die Erkenntnis, sich zu dem gesellschaftlichen Digitalisierungsprozess verhalten zu müssen, inszeniert sich die Kirche als starke Organisation, die mit einer Art Richtlinienkompetenz in Bezug auf ethische Bewertungen sowie die Steuerung und inhaltliche Profilierung religiöser Kommunikation ausgestattet ist.

Mit dieser Selbstverortung am oberen Ende eines hierarchischen Gefälles geht eine starke Inszenierung von Kirche als missionarischer Organisation einher. Phänomene des Digitalen sind aus dieser Perspektive Objekte, die den Vorstellungen der starken Organisation Kirche entsprechend missionarisch zu bearbeiten sind.

Zu dieser Haltung passt ein weiteres Kirchenbild, das in den Texten anzutreffen ist, nämlich das einer Kirche als Konkurrentin auf dem Markt religiöser Angebote. Das Aktionsfeld, auf dem die Kirche missionarisch tätig ist, gleicht einem Markt, auf dem mehrere Anbieter um die Gunst der Kunden und damit um Marktanteile konkurrieren.

Jenseits dieses kirchentheoretischen Stranges ruft der kirchliche Digitalisierungsdiskurs auch andere Kirchenbilder auf, die allerdings von deutlich geringerem Gewicht sind als die bereits genannten. Das gilt zum Beispiel für das Bild von Kirche als konziliarer Diskursgemeinschaft. Das Bild wird explizit in dem Papier der bayerischen Landeskirche aufgegriffen. Dort allerdings in einer dem Gesamtduktus des Papiers folgenden Weise, die durch klare normative Vorstellungen über den konziliaren Diskurs geprägt ist. Implizit wird das Bild von Kirche als konziliarer Diskursgemeinschaft in den Papieren überall dort aufgegriffen, wo auf den Sachverhalt hingewiesen wird, dass die Digitalisierung aus allen, die digital kommunizieren, gleichzeitig sowohl Sender als auch Empfänger macht. Allerdings wird die Bedeutung dieser Tatsache für die kirchliche Kommunikation an keiner Stelle näher erläutert.

Ferner begegnet das Bild einer öffentlichen Kirche. Allerdings werden die Möglichkeiten der Digitalisierung hier lediglich unter dem Gesichtspunkt ihrer Nutzung für die kirchliche Öffentlichkeitsarbeit betrachtet. Was öffentliche Kirche über kirchliche Öffentlichkeitsarbeit hinaus bedeutet und vor allem, welche Konsequenzen die Digitalisierung für das Verständnis von Öffentlichkeit (und Öffentlichkeiten) hat, auf die hin jedes kirchliche Handeln orientiert ist, wird nicht reflektiert.

Nicht überraschend für kirchliche Papiere zur Digitalisierung ist es, dass das Bild einer digitalen Kirche gezeichnet wird. Aber auch dies erfolgt in sehr knapper Weise. Visionär, vor allem aber höchst unspezifisch ist mitunter von einer Internetgemeinde und Kirchenmitgliedern die Rede, deren Mitgliedschaftsstatus allein dadurch begründet wird, dass sie auf dem Wege internetbasierter Medien mit der Kirche kommunizieren.

Schließlich ist noch das Bild einer menschennahen Kirche zu nennen. Hier steht ein Verständnis von Kirche im Mittelpunkt, das sich an dem orientiert, was Menschen gut tut und dem Leben dient. Die Berücksichtigung der Bedürfnisse der Menschen, oder im kirchlichen Jargon die Mitgliederorientierung, sind integraler Bestandteil dieses Kirchenbildes.

 

3. Wie kann es mit der Digitalisierungsbaustelle in der Kirche weitergehen – Kirchentheoretische Impulse

Soweit der Stand des kirchlichen Selbstverständnisses, wie es maßgebliche kirchliche Organisationen vor der Corona-Pandemie im Zusammenhang mit dem Thema Digitalisierung zu erkennen gegeben haben. Es dürfte auf der Hand liegen, dass die Verhältnisbestimmungen von Kirche und Digitalisierung, wie sie dem kirchlichen Digitalisierungsdiskurs aus der Zeit vor der Corona-Pandemie zu entnehmen sind, damals schon nicht tragfähig waren und es nach dem coronabedingten Digitalisierungsschub in der Kirche heute noch viel weniger sind. In drei abschließenden Impulsen spitze ich jeweils eine maßgebliche Problemlage zu und nenne eine Perspek­tive, die der Lösung des genannten Problems dienen kann.

Arbeit am Kirchenbild

Die vorherrschende kirchentheoretische Basis kirchlicher Digitalisierungsinitiativen ist problematisch und für die Gestaltung des kirchlichen Lebens nicht ertragreich. Zum einen werden die Möglichkeiten der Digitalisierung auf Möglichkeiten missionarischen Handelns oder der Öffentlichkeitsarbeit enggeführt. Schon vor der Corona-Pandemie bot die Digitalisierung bei weitem umfassendere Optionen – z.B. im Verwaltungsbereich, im diakonischen Kontext und im Bildungsbereich. Die Pandemiesituation hat dann klar und deutlich vor Augen geführt, dass digitale Möglichkeiten für weit mehr zu gebrauchen sind als für missionarische Zwecke oder für die kirchliche Öffentlichkeitsarbeit. Neben den bereits genannten Praxisfeldern konnte auf breiter Basis erlebt werden, wie wichtig digitale Möglichkeiten nicht zuletzt im liturgischen Bereich wurden. Man denke nur an die Fülle digitaler Gottesdienst- und Andachtsformate, die im vergangenen Jahr das gottesdienstliche und wohl auch das seelsorgerliche Leben der Kirche prägten.

Zum anderen gerät das in den Digitalisierungsinitiativen dominierende Bild einer Kirche als starker Organisation leicht in Konflikt mit ekklesiologischen Grundsätzen reformatorischer Theologie. Kirche umfasst in dieser Perspektive bei weitem mehr als den Bereich kirchenleitender Organisationen. Nicht nur ihnen kommt ein Akteursstatus oder eine theologische Deutungskompetenz zu. Reformatorische Kerngedanken wie etwa das „Priestertum aller Glaubenden“ oder der „Gottesdienst im Alltag“ kommen an dieser Stelle zum Tragen. Kirche im reformatorischen Sinne ist weit mehr, als das, was kirchliche Organisationen regeln sollen und können.

Auch dieser Sachverhalt trat durch die Pandemiesituation des vergangenen Jahres wie unter einem Brennglas zutage. So ergriffen Haupt- und Ehrenamtliche sowie viele andere engagierte Personen völlig eigenverantwortlich, an den jeweiligen örtlichen Situationen orientiert, die Initiative, um das kirchliche Leben im Kontext ihres Verantwortungs- und Gestaltungsraums am Leben zu erhalten. Dabei spielten digitale Möglichkeiten eine herausragende Rolle. Es wurde deutlich, dass das wirklich starke Potential zur Aufrechterhaltung des kirchlichen Lebens bei den Menschen vor Ort liegt. Sich als vermeintlich starke Organisationen verstehende Kirchenleitungen konnten in der Pandemiesituation zur Aufrechterhaltung des kirchlichen Lebens in der Fläche zunächst einmal nichts beitragen. Sie hätten in der Pandemiesituation ganz sicher die Erfahrung machen müssen, mit übermäßiger Autorität vermittelte Vorgaben in Gemeinden und anderen kirchlichen Organisationen vor Ort nicht umsetzen zu können und das Engagement der Menschen eher zu bremsen als zu fördern.

Kurz: Das im kirchlichen Digitalisierungsdiskurs vorherrschende Kirchenbild war und ist weder digitalisierungs- noch im Sinne reformatorischer Theologie kirchentauglich. Für das weitere Nachdenken über Digitalisierung in der Kirche ist die Weiterarbeit am Kirchenbild wichtig und aussichtsreich. Gerade die Pandemiesituation führt klar vor Augen, dass die im kirchlichen Digitalisierungsdiskurs bisher vernachlässigten Kirchenbilder echte Potentiale in sich tragen. Eine als konziliare Diskursgemeinschaft verstandene Kirche, eine menschennahe Kirche, eine öffentliche Kirche und eine wirklich ernstgemeinte digitale Kirche nehmen alle Menschen, die in kirchliche Kommunikationsvollzüge involviert sind, in ihrer je eigenen ekklesiologischen Dignität wahr und ernst. Wenn kirchliche und wissenschaftliche Institutionen nach der Corona-Pandemie wieder einmal Zeit und Kapazitäten haben, sollten sie die kirchentheoretische Reflexion des Digitalisierungsthemas in diese Richtung fortsetzen.

Die Vielgestaltigkeit des kirchlichen Lebens zum Ausgangspunkt machen

Hinsichtlich konzeptioneller Überlegungen, wie digitale Möglichkeiten in der Kirche genutzt werden können, ist es wichtig, sich die gegebenen Strukturen des kirchlichen Lebens genau anzuschauen. Hier sieht man eine in vielerlei Hinsicht plural verfasste und ausdifferenzierte gesellschaftliche Großorganisation mit einer Vielzahl von Teilorganisationen in unterschiedlichen Handlungsfeldern mit ganz verschiedenen Verortungen in der Gesellschaft. Diese Organisationen – von der Parochialgemeinde über diakonische Einrichtungen bis hin zu kirchlichen Bildungseinrichtungen – halten ihrerseits ganz unterschiedliche Angebote und Veranstaltungen vor, die von Kirchenmitgliedern, aber auch von vielen anderen zur Kenntnis genommen und genutzt werden. Aus Mitglieder- und Nutzersicht korrespondieren diesen vielfältigen Organisationen, Angeboten und Veranstaltungen ganz unterschiedliche Formen der Kirchenbindung, je nach Prägung, Lebenssituation und individuellen Bedürfnissen. Hier kommt vieles zum Stehen: Die Pflege intensiver regelmäßiger Gemeinschaft, ideelle Formen der Verbundenheit, sporadische Kontakte oder Kontakte in Gelegenheitsstrukturen, in Netzwerken verortete Bindungen und vieles mehr.

Diese Struktur des kirchlichen Lebens führt vor Augen, dass von Kirchenleitungen vorgegebene Digitalisierungsstrategien der Komplexität des kirchlichen Lebens kaum Rechnung tragen können. Auch hier ist es wieder die Pandemiesituation, die anschaulich zeigt, in welch hohem Maß digitale Möglichkeiten situations- und kontextbezogen und auch eher spontan genutzt werden müssen, um den Menschen zu nützen. Es waren und sind die vielfältigen spontanen, situations- und kontextbezogenen Anwendungsformen digitaler Möglichkeiten, die den tatsächlichen Nutzen der Digitalisierung in der Kirche unter den Pandemiebedingungen vor Augen führen. Statt der Logik von Digitalisierungsstrategien zu folgen, ist beim Thema Kirche und Digitalisierung ein kleinteiligeres, kontext- und anwendungsbezogenes Vorgehen deutlich zielführender. Auch in diesem Zusammenhang zeigt sich, wie notwendig es ist, dass sich kirchenleitende Organisationen eher als „schwache“ Organisationen begreifen, die helfend, beratend und moderierend – schlicht serviceorientiert – in konkreten Einzelfällen und abgegrenzten Situationen agieren.8

Mitglieder- und Nutzerorientierung

Erst die jüngste kirchliche Äußerung zur Digitalisierung vor dem Ausbruch der Pandemie, nämlich die von Volker Jung, hat klar und deutlich den Blick auf die eigentlichen Akteure der Digitalisierung gerichtet, nämlich auf die Menschen, die digitale Möglichkeiten nutzen bzw. nutzen sollen. Das bisherige fast vollständige Ausblenden der Mitglieder- und Nutzerperspektive überrascht. Schließlich entscheidet diese Perspektive maßgeblich darüber, ob bestimmte Digitalisierungsprojekte mit positiven Resonanzen auf der Nutzerseite rechnen können oder nicht.

Wäre die Kenntnis der Mitglieder- und Nutzerperspektive schon vor Corona unerlässlich gewesen, ist das unter den gegebenen Umständen, in denen digitale Arbeits- und Kommunikationsformen in der Kirche einen äußerst hohen Stellenwert einnehmen und von ihrem sachgemäßen Gebrauch sehr viel für den weiteren Weg der Kirche abhängt, umso dringlicher. Für das weitere Nachdenken über die Digitalisierung sind empirische Kenntnisse über die faktische Nutzung digitaler Medien innerhalb der Kirche genauso notwendig wie Kenntnisse über Wünsche und Bedürfnisse der Mitglieder und anderer potenzieller Nutzer.

Was nutzen die Menschen bereits? Was empfinden sie als hilfreich? Was gibt es noch nicht, würde ihnen aber helfen? Wie steht es um das Verhältnis von analogen und digitalen Kommunikationsformen und Medien in der Kirche? Was wünschen sich die Mitglieder und Nutzer in Bezug auf das Miteinander und Ineinander von Analogem und Digitalem in der Kirche? Antworten auf diese Fragen zu erhalten, ist jetzt schon, während der Pandemie, sehr wichtig. Aber auch für die Zeit danach wird es wichtig sein. Schließlich blickt die Kirche dann auf eine Zeit zurück, in der digitale Möglichkeiten in großem Umfang in der Kirche genutzt wurden. Die Frage, was von all dem sollte man unter „Normalbedingungen“ fortsetzen und was nicht, wird dann sicher intensiv diskutiert werden. Die Mitglieder- und Nutzerperspektive sollte in diesen Debatten sehr deutlich gehört werden.

 

Anmerkungen

* Überarbeitete Fassung eines Vortrags bei einer Online-Tagung der „Fuldaer Runde“ des Verbandes evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland am 15. Januar 2021.

1 Vgl. Ilona Nord/Kristin Merle (Hg.), Mediatisierung religiöser Kultur. Praktisch-theologische Standortbestimmungen im interdisziplinären Kontext (VWGTh 58), Leipzig 2021.

2 Eingehende Analysen der im Folgenden genannten Texte und Initiativen finden sich bei Gerald Kretzschmar, Digitale Kirche. Momentaufnahmen und Impulse, Leipzig 2019, 16-47.

3 Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (Hg.), Das Netz sinnvoll nutzen. Die Internetstrategie der ELKB, München 2012.

4 Vgl. Kirchenamt der EKD (Hg.), Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft. Lesebuch zur Tagung der EKD-Synode 2014 in Dresden, Frankfurt/M. 2015, 148-152.

5 Vgl. Rat der EKD, Bericht über den Prozess der „Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“ (hg. v. der EKD-Geschäftsstelle der Synode. Drucksache XII/1), Hannover 2017.

6 Zur Dokumentation der Veranstaltung vgl. https://www.elk-wue.de/leben/digitalisierungsprojekt/ (eingesehen am 31.7.2018).

7 Vgl. Volker Jung, Digitalisierung – Bericht von Kirchenpräsident Volker Jung zur Lage in Kirche und Gesellschaft für die 5. Tagung der Zwölften Kirchensynode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (hg. v. der Synode der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Drucksache Nr. 04-2/18), Frankfurt/M. 2018.

8 Zum ekklesiologischen Hintergrund von Kirche als „schwache“ Organisation vgl. Trutz Rendtorff, Theologische Probleme der Volkskirche, in: Wenzel Lohff/Lutz Mohaupt (Hg.), Volkskirche – Kirche der Zukunft?, Hamburg 1977, 104-131.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Gerald Kretzschmar, Jahrgang 1971, 1990-1996 ­Studium der Evang. Theologie, 1999 Promotion mit einer prakt.-theol. Studie über die empirisch-sozialwissenschaftliche und theologische Wahrnehmung distanzierter Kirchlichkeit, 1998-2001 Vikariat in Frankenthal/Pfalz, Pfarrer der Evang. Kirche in der Pfalz, PD für Prakt. Theologie an der Universität Bonn, seit 2015 Prof. für Prakt. Theologie mit den Schwerpunkten Homiletik, Liturgik und Kirchentheorie an der Universität Tübingen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2021

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