Öffentliche Religion, öffentliche Theologie, öffentliche Kirche“ bestimmen derzeit das Credo der EKD. Darüber gerät für Christian Möller jedoch ein wesentlicher Aspekt der reformatorischen Ekklesiologie in den Hintergrund: die verborgene oder „erglaubte“ Kirche.

 

Die öffentliche Kirche

Die „öffentliche Kirche“ wird seit einiger Zeit vom Ratsvorsitzenden der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, in den Mittelpunkt seiner Überlegungen zur „öffentlichen Religion“ und zur „öffentlichen Theologie“ gerückt. In einem Artikel der ZEIT, der die Überschrift trägt „Was darf Religion?“1 grenzt Bedford-Strohm den Ansatz einer „Öffentlichen Religion“ sowohl vom amerikanischen Modell einer Zivilreligion ab, bei der Religion nur als Kitt der Gesellschaft missbraucht wird; wie auch von der Berufung auf das „christliche Abendland“, die nicht dem heutigen Pluralismus gerecht werden könne. Auch das Modewort „multikulturelle Gesellschaft“ unterschätze die Konflikte des Zusammenlebens; auch der laizistische Grundansatz, der Religion zur Privatsache mache, fördere nicht Toleranz und Offenheit einer Gesellschaft, sondern hemme oder verhindere sie sogar.

„Öffentliche Religion“ jedoch, die sich auf „die Idee vom übergreifenden Konsens“ (John Rawls) beruft, treffe sich in geteilten Grundüberzeugungen mit anderen philosophischen oder psychologischen Traditionen und befördere dadurch öffentliche Präsenz. So werde etwa ein Satz wie „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ durch die religiöse Rede von der Gottebenbildlichkeit des Menschen untermauert, wie auch die Rechtfertigungslehre in Parallele zur Menschenwürde verstanden werden könne. Die biblische Option für die Armen verbünde sich mit den Opfern von Machtmissbrauch und Ausgrenzung. So bringe eine öffentliche Kirche ihre Überzeugungen in die Gesellschaft und ihren „übergreifenden Konsens“ ein.

Die Freundlichkeit, mit der der Ratsvorsitzende der EKD seine Position vertritt, ist beeindruckend. Mit seiner Betonung einer „öffentlichen Theologie“, einer „öffentlichen Religion“ und einer „öffentlichen Kirche“ verschafft er einem Wort Jesu aus der Bergpredigt neuen Glanz: „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und ­euren Vater im Himmel preisen“ (Mt. 5,14-16).

Dass freilich der neue Glanz dieser Verheißung oft nur blass bleibt und die Beteiligung einer öffentlichen Kirche am „übergreifenden Konsens“ alles ein wenig fad macht, muss wohl damit zusammenhängen, dass die andere Seite des Wortes von Jesu Doppelverheißung aus der Bergpredigt in einer öffentlichen Theologie ausgeblendet bleibt: „Ihr seid das Salz der Erde“ (Mt. 5,13). Hier geht es um die verborgene Kirche. Wenn sie fehlt oder unterbelichtet ist, bleibt eine öffentliche Kirche so fad und so geschmacklos wie eine Suppe ohne Salz: Sie „ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten“ (Mt. 5,13).

Also müssen wir uns, gerade um des Geschmacks an der „öffentlichen Kirche“ willen, auf die verborgene Kirche konzentrieren, damit die Kirche der Gesellschaft nicht harmlose Belanglosigkeiten verkündet, welche die Gesellschaft sich besser auch selbst sagen kann oder schon längst gesagt hat.

 

Die verborgene Kirche

Unsere Konzentration auf die verborgene Kirche wird geleitet von einigen Sätzen Martin Luthers zum Verständnis und zum Umgang mit der Kirche: „Es ist dies Stück ‚Ich glaube eine heilige christliche Kirche‘ eben so wohl ein Artikel des Glaubens als die andern. Darum kann sie keine Vernunft, wenn sie gleich alle Brillen aufsetzt, erkennen. Der Teufel kann sie wohl zudecken mit Ärgernissen und Rotten, daß du dich müssest dran ärgern. So kann sie Gott auch mit Gebrechen und allerlei Mangel verbergen, daß du mußt darüber zum Narren werden und ein falsch Urteil über sie fassen.

Kirche will nicht ersehen, sondern erglaubt sein. Glaube aber ist von dem, das man nicht siehet (Hebräer 11). Und sie singet mit ihrem Herrn auch das Lied: ‚Selig ist, der sich nicht ärgert an mir‘.

Es ist ein Christ auch wohl ihm selbst verborgen, daß er seine Heiligkeit und Tugend nicht siehet, sondern eitel Untugend und Unheiligkeit siehet er an sich. Und du grober Klügling wolltest die Christenheit mit deiner blinden Vernunft und unsaubern Augen sehen? Summa: unsere Heiligkeit ist im Himmel, da Christus ist, und nicht in der Welt vor den Augen, wie ein Kram auf dem Markt.“2

Mit diesen Sätzen führt Luther 1530 in das biblische Verständnis der Johannesoffenbarung ein. Was heißt das: „Kirche will nicht ersehen, sondern erglaubt sein“? Das zeigt sich anschaulich an Texten des letzten Buches der Bibel, von denen ich fünf exemplarisch auswähle und aktualisiere.

 

Der Engel der Gemeinde

Die Sendschreiben (Offb. 2 und 3) richten sich an sieben Gemeinden Kleinasiens: Ephesus, Smyrna, Pergamon, Laodicea, Sardes, Philadelphia, Thyatira. Bei genauerem Hinsehen wird freilich deutlich, dass keine der sieben Gemeinden direkt angeschrieben wird. Es heißt vielmehr bei jedem Sendschreiben: „Dem Engel der Gemeinde schreibe“. So wird jede Gemeinde verborgen und gleichsam in die Schwebe gebracht, indem sie nicht direkt, sondern im Licht ihres Engels angesprochen wird. Wer aber ist das – der „Engel der Gemeinde“? Ist es ein anderer Name für den Bischof der Gemeinde? Ich glaube es nicht. Geht es nur um eine rhetorische Figur? Das reicht mir als Antwort auch nicht aus.

Eine Antwort fand ich für mich, als ich vor einiger Zeit den Pfarrer einer Gemeinde traf, in der meine alte Deutschlehrerin gewohnt hat. Als ich ihn fragte, ob er sie gekannt habe, antwortete er spontan: „Das war der Engel der Gemeinde!“ Nun wurde ich hellhörig und fragte weiter, wie er das meine. Zunächst wehrte er ab: „Ach, die wirklichen Engel sind viel schwieriger und unbequemer, als die berühmten Engel in den Krippenspielen mit den Nachthemden!“ Und dann holte er im Blick auf meine alte Deutschlehrerin weiter aus: „Wenn sie eine Idee für den Aufbau der Gemeinde hatte, ließ sie nicht locker, bis wir ihr folgten. Und in der Regel hatte sie recht, auch wenn wir es lange Zeit nicht wahrhaben wollten.“

Ob er mir das an einem Beispiel verdeutlichen könne? Einen Moment lang überlegte er und begann dann zu erzählen, wie sie wegen ihres Brustkrebses vorzeitig pensioniert wurde und mit ihren guten Hebräischkenntnissen auf jüdische Friedhöfe ringsum zog und dort die Grabsteine entzifferte und dokumentierte. Dann reiste sie nach Amsterdam und erwarb dort javanische Schattenspielfiguren, mit denen sie und ein kleiner Freundeskreis von abends um 22 Uhr bis morgens um 4 Uhr javanische Schattenspiele durchführte. „Lange verstanden wir nicht, was das nun wieder solle, bis wir es endlich begriffen hatten: Sie übte sich auf den jüdischen Friedhöfen und mit den javanischen Schattenspielen in das Hinübergehen von diesem Leben in jenes, aus der Dunkelheit ins Licht. Und als sie es eingeübt hatte, besuchte sie dann Leute in der Gemeinde, die sie auf dem Sterbelager fand, ohne dass sie sterben konnten. Sie fasste die Sterbenden an der Hand und lud sie ein, jetzt ihren Engel ins Auge zu fassen, der sie hinüber geleitet von diesem Leben in jenes. Und siehe, sie konnten alsbald ruhig einschlafen und sterben.“

Natürlich wollte ich von dem Pfarrer nun auch wissen, wie sie denn selber gestorben sei. „Ach, das war ganz schlimm: Wir fanden sie an einem Morgen vor dem Fernseher, den Kopf nach hinten gesenkt, tot! Und als wir sie obduzieren ließen in der Meinung, dass ihr Brustkrebs ins Endstadium gekommen sei, wurde festgestellt, dass sie sich an einem Stück Apfel verschluckt habe und erstickt sei. Der Brustkrebs aber war nicht weiter gewachsen.“

„Schade“, meinte ich zu ihm, „jetzt haben sie keinen Engel mehr in der Gemeinde!“ Er aber wehrte ab: „Doch, doch, da sind zwei oder drei Engel schon wieder in der Gemeinde unterwegs. Wer das jedoch ist, das geht einem immer erst hinterher auf.“ Und dann fügte er noch den Satz hinzu, den ich nie mehr vergessen habe: „Ich könnte meine Arbeit in der Gemeinde gar nicht tun, wenn ich nicht wüsste, dass die Engel dabei sind.“ So „erglaubte“ er seine Gemeinde und wurde darüber in seiner Arbeit wohl etwas gelassener.

Dabei zeigt es sich in den Sendschreiben der Johannesoffenbarung, dass der Glaube an den Engel der Gemeinde nicht zu Verklärungen oder gar Vergoldungen führt, sondern auch zu der Möglichkeit, ihr das Gericht ins Gesicht zu sagen, wie z.B. der Gemeinde in Sardes: „Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot. Werde wach und stärke das andre, das sterben will, denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden vor meinem Gott. So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und tu Buße.“ (Offb. 3,1-3)

 

Die himmlische Liturgie

„Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Gestalten und um die Ältesten her und ihre Zahl war vieltausendmal tausend; die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.“ (Offb. 5,11-12)

Wir sind mit dieser Vision samt Audition mitten im himmlischen Gottesdienst der vieltausendmal tausend Engel um den Thron Gottes. So wird der irdische Gottesdienst der verfolgten Christen in seiner ganzen Erbärmlichkeit vor den Augen der Verfolger verborgen und für die auf Erden Feiernden zum Himmel hoch „erglaubt“. Vielleicht sind es tatsächlich nur zwei oder drei, die irgendwo in einem Erdloch ihren Gott anbeten und das geschlachtete Lamm als würdig ausrufen. Doch was macht das schon, wenn es auf Erden so zugeht. Der Himmel feiert ja ihren jämmerlichen Gottesdienst zu „vieltausendmal tausend“ mit und lässt die Irdischen den himmlischen Jubel vernehmen.

So war es ja auch in den Verfolgungszeiten der Orthodoxen Kirche Russlands, als manchmal nur der Priester allein vor und hinter der Ikonostase die göttliche Liturgie feierte. Er wusste sich dennoch umfangen von den Cherubim und Seraphim im Himmel. Das gab dieser Kirche den langen Atem, dass sie ihre Liturgie von Ewigkeit zu Ewigkeit feierte und den Atheismus nur als eine vorübergehende Zeiterscheinung ansah. „Russland ist getauft, dahinter geht Gott nicht zurück“, dieser Satz fiel 1988 zum 1000jährigen Taufgedenken. Was ging für eine missionarische Kraft von diesem Satz nach der Wende aus, als zu den drei oder vier Babuschkas der Verfolgungszeit die Massen wieder in die Kirchen und Klöster drängten! Sie ergriffen ihre Taufe im Glauben und stimmten in den Jubel der himmlischen Liturgie auf Erden wieder ein. Viel kommt jetzt in den Putin-Zeiten darauf an, dass die Orthodoxe Kirche über der von nationalistischen Stimmen durchsetzten öffentlichen Kirche den Zugang zur verborgenen Kirche nicht verliert. Dostojewskis berühmter Satz aus den „Brüdern Karamasow“ wird nun prophetischer denn je: „Die Rettung Russlands kommt aus den Klöstern!“ Dort nämlich weiß man am ehesten: „Kirche will nicht ersehen, sondern erglaubt werden.“

 

Die heilige christliche Kirche

„Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen. Und sie war schwanger und schrie in Kindsnöten und hatte große Qual bei der Geburt.“ So beginnt in Offb. 12 die berühmte Vision von der Frau und dem Drachen, der das neugeborene Kind zu fressen droht, dann aber von Michael und seinen Engeln besiegt wird.

Martin Luther hat diese Vision in eine Ballade mit drei Strophen gebracht und eine nicht leicht zu singende Melodie dazu komponiert:

Sie ist mir lieb, die werte Magd,
und kann ihr nicht vergessen.
Lob, Ehr und Zucht man von ihr sagt,
sie hat mein Herz besessen.
Ich bin ihr hold,
und wenn ich sollt
groß Unglück han,
da liegt nichts an,
sie will mich des ergetzen
mit ihrer Lieb und Treu an mir,
die sie zu mir will setzen
und tun all mein Begier.

Sie trägt von Gold so rein ein Kron,
da leuchten inn 12 Sterne,
ihr Kleid ist wie die Sonne schön,

das glänzet hell und ferne,
und auf dem Mon’
ihr Füße stohn,
sie ist die Braut,
dem Herrn vertraut,
ihr ist weh und muß gebären

ein schönes Kind den edlen Sohn
und aller Welt ein Herren,
dem ist sie unterton.

Das tut dem alten Drachen Zorn
und will das Kind verschlingen.
Sein Toben ist doch ganz verlorn,
es kann ihm nicht gelingen.

Das Kind ist doch
gen Himmel hoch
genommen hin
und lässet ihn
auf Erden fast sehr wüten.
Die Mutter muß gar sein allein,
doch will sie Gott behüten
und der recht Vater sein.

Die überraschende Überschrift, die Luther seinem Lied gab, lautet: „Ein Lied von der heiligen christlichen Kirche“. Und das, obwohl in seiner Ballade nicht ein einziges Mal das Wort „Kirche“ vorkommt. Doch eben so „erglaubt“ Luther die Kirche: Er entdeckt sie in der Vision von der Frau, auf deren Haupt eine Krone von zwölf Sternen zu sehen ist, und die unter Schmerzen ein Kind gebiert, das in größter Not bewahrt wird von Michael und seinen Engeln. Luther bleibt in seiner Dichtung bei der marianischen Auslegung von Offb. 12 in der Tradition des Mittelalters und spitzt diese alte Tradition auf die Kirche zu, weil sie ja in Maria symbolisiert wird: Wie Maria Gott zur Welt brachte, bringt die Kirche immer weiter Gott zur Welt, und das oft unter größten Schmerzen und Verfolgungen. Singend nehmen wir unseren Mund oft viel zu voll und singen, was das Herz oder gar der Verstand noch lange nicht fassen kann, was dann aber singend in uns immer tiefer eindringt. Das ist auch der Grund, weshalb Luther „ein Lied von der heiligen christlichen Kirche“ anstimmt, weil er so zum „Erglauben“ der Kirche mit Maria einlädt.

 

Selig die Toten

„Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, spricht der Geist, sie sollen ruhen von ihrer Mühsal; denn ihre Werke folgen ihnen nach.“ Mit diesen Worten aus Offb. 14 sind wir ganz buchstäblich in einer Krypta angekommen. Sie ist ja der Ort, wo die Toten von ihrer Mühsal ruhen, weil sie hier im Raum der Verborgenheit in Gott geborgen werden. Der Dom ist ein Haus sowohl für Lebende wie für Tote, die in Krypta und Gottesdienstraum unterschieden, aber nicht getrennt werden. Gehen die Toten den Lebenden verloren, sind die Lebenden um eine Ewigkeit gebracht, die sie zur Seligkeit ihres Lebens und ihres Sterbens brauchen. Irgendwo las ich den Spruch: „Früher wurden die Menschen 40 oder 50 plus Ewigkeit; heute werden sie nur noch 80 oder 90.“

Die Kirche ist ein Raum für Lebende wie für Tote. Dieser Zusammenhang war unseren Vorfahren so wichtig, dass sie in der Zeit des gotischen Kirchenbaus die Toten und die Lebenden nicht mehr in zwei verschiedenen Räumen (Kirche und Krypta), sondern sogar in ein- und demselben Raum versammelten: Im Ostraum der Kirche lagen die Toten, weil sie dort dem von Osten her wiederkommenden Erlöser näher liegen als die Lebenden, die im Westteil der Kirche ihren Gottesdienst feiern, und das mit Blick auf die Gräber der Toten, mit denen sie den Gottesdienst gemeinsam feiern. Alle Lebenden hatten also vor Augen, was sie im Credo bekannten: die Auferstehung des Herrn, der „wiederkommen wird zu richten die Lebenden und die Toten“. Die Krypta unter der Kirche, die in romanischer Zeit entstand, verschwand nun im gotischen Kirchenbau, weil die Gemeinschaft der Heiligen, die sich in Tote und Lebende unterschied, noch enger geworden war.

Heute sehen wir noch, sogar in evangelischen Kirchen wie etwa in der Stiftskirche in Tübingen, solche Ostchöre mit den Gräbern der Heiligen, die von ihrer Mühsal ruhen und die Seligkeit ihres „Sterbens im HERRN“ mit den Lebenden teilen. So werden die Toten für die Lebenden zum Anlass und zum Ansporn, die Kirche als „Gemeinschaft der Heiligen“ zu „erglauben“. Die Kirche wird zur verborgenen Kirche, indem sie die Toten in Gott birgt und die Lebenden an die gottesdienstliche Feier der Auferstehung Jesu weist.

Wenn dieser Zusammenhang aufgekündigt oder einfach nur vergessen wird, kann es so gehen wie in einer Kirchengemeinde, die in ihrem Kern noch dörflich strukturiert war, ein Dorfkern, der sich stets zur Kirche hielt und als kirchentreu galt. Doch etwa zwischen 1970-75 verschwanden die Leute dieses Dorfkernes aus der Kirche, und es blieben weithin nur noch die neu Zugezogenen. Die Pfarrer merkten diesen Schwund zunächst gar nicht, so langsam und leise ging der Auszug des Dorfkerns aus der Kirche vor sich. Dann aber, als fast keiner mehr aus dem Dorfkern, sondern nur von den neu Zugezogenen kam, fragten sich Pfarrer und Kirchenvorstand, wie das denn gekommen sei. Ihnen fiel auf, dass dieses Verschwinden der Alteinwohner mit dem Verschwinden des Gefallenendenkmals aus der Kirche fast zeitgleich zusammenfiel. Als das Gedenken an ihre Toten aus der Kirche in einen Vorraum der Kirche geschafft wurde, verschwanden auch die Lebenden langsam und leise. Dann war es zu spät, und es hält bis heute an, weil der Geist der 1968er Jahre auch in diese Kirche eingedrungen war, der alles Heldengedenken aus der Kirche verbannen wollte und darüber das Kind mit dem Bade ausschüttete.

In Entsprechung dazu erlag die protestantische Kirche auch einem schrecklichen Missverständnis, als dürfe es kein Gebet für Tote in der Kirche mehr geben, weil uns die Toten entzogen seien und wir in gar keiner Weise, auch durch das Gebet nicht mehr, auf sie einwirken dürften. Martin Luther meinte es anders: Er wandte sich gegen jedes verdienstliche Beten für die Toten, gestand aber zugleich zu: „Einmal oder zweimal magst Du für den Verstorbenen Gott noch bitten, indem Du ihm Deine Verstorbenen anbefiehlst. Aber dann ist genug. Denn er hat dein Gebet gehört und bedarf es nicht, dass Du ihm mit der Bitte für den Verstorbenen ständig weiter in den Ohren liegst, als habe er nicht gehört.“ Das Gebet für die Toten aber, wenn es nicht mit verdienstlicher Absicht geschieht, bejahte Luther leidenschaftlich. Es sollte auch wieder zum regelmäßigen Teil des Allgemeinen Kirchengebetes im Gottesdienst der evangelischen Kirche werden.

 

Siehe, ich mache alles neu“

„Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offb. 21,2-4)

Auf diese Vision des neuen Jerusalem mitsamt der dazugehörigen Audition läuft alles in der Johannesoffenbarung hinaus: „Siehe, ich mache alles neu!“ Für das „Erglauben“ der Kirche heißt das: Kirche ist der Ort, wo ich einen Vorgeschmack des Himmels gewinne und mich deshalb weder mit dem Leid noch dem Geschrei, noch dem Schmerz, noch den Tränen oder dem Tod in dieser Welt abfinde. Das kann noch nicht alles sein. Für diesen Verdacht verbürgt sich die Kirche, weil sie im Erglauben eine neue Welt und einen neuen Himmel visionär erschließt und diesen Himmel sogar hörbar macht in ihrer Liturgie.

Diese Vision ist dem Seher so gewiss, dass er sie in Christus von Alpha bis Omega aufschreiben kann: „Ich bin das A und das O.“ Einer von den sieben Engeln führt den Seher auf einen großen und hohen Berg, um ihm die heilige Stadt Jerusalem in ihrem Aufbau genauer zu zeigen, wie sie mit ihren Toren und Mauern und Edelsteinen die Herrlichkeit Gottes widerspiegelt. Natürlich sind das alles Fingerzeige in das Verborgene der Kirche, das doch so sehr visionär aus dem Himmel auf die Erde gestrahlt hat, dass die Grundrisse für den Bau unzählig vieler Kirchen dadurch entstanden sind, getreu den Konturen, die der Seher im Himmel geschaut hat.

Meint es nicht Martin Luther in seiner Vorrede genau so, wenn er die Summa der verborgenen Kirche so zusammenfasst: „Unsere Heiligkeit ist im Himmel, da Christus ist, und nicht in der Welt vor den Augen, wie ein Kram auf dem Markt.“ Bei Christus im Himmel unsere Heiligkeit wie die Heiligkeit der Kirche festzumachen, ist ja gerade nicht Weltflucht, sondern die Sichtbarkeit dieser Welt heilsam zu entlasten und ihr nicht aufzubürden, was sie zu leisten nicht vermag. Darauf kommt es im „Erglauben“ der Kirche an, die Augen visionär für ihre Verborgenheit zu öffnen und so einen größeren Blick für das Geheimnis der Kirche zu bekommen.

 

Der Glaube macht Erfahrungen, aber die Erfahrungen machen noch nicht den Glauben

Zum Schluss will ich darauf aufmerksam machen, dass der Glaube wohl Erfahrungen macht, aber die Erfahrungen nicht den Glauben. So macht auch das „Erglauben“ von Kirche Erfahrungen mit der „öffentlichen Kirche“, z.B. die Erfahrung, dass es der öffentlichen Kirche in Deutschland finanziell so gut geht wie selten zuvor, dass sie aber dennoch oder vielleicht gerade deshalb in einer spirituellen Krise steckt, aus der sie nur schwer herausfindet. Diese Erfahrung macht aber noch nicht den Glauben oder das „Erglauben“ der verborgenen Kirche aus, das vielleicht einen Weg aus der spirituellen Krise bahnen könnte, weil andere größere Horizonte in den Blick kommen als nur das politische Tagesgeschäft oder der „übergreifende Konsens“ einer Gesellschaft.

In diesem Sinne beobachtete Wolfgang Schäuble3, ehemals Bundesfinanzminister und engagierter evangelischer Christ, am Zustand des Protestantismus in Deutschland, dass über dem politischen Engagement der „spirituelle Kern“ abhandengekommen sei, ohne den „die bestgemeinte politische Programmatik schal und ihr selbstgestecktes Ziel … unerreicht“ bleibe. ­Natürlich müsse Religion politisch sein, doch um politisch zu sein, müsse sie erst einmal Religion sein oder werden.

Könnte es sein, dass die „öffentliche Kirche“ in der EKD deshalb so fad wirkt, weil sie die Beziehung zu der verborgenen Kirche als ihrer Würze verloren hat, seit sie sich nur noch dem „übergreifenden Konsens“ der Gesellschaft ausliefert? Dann wäre es an der Zeit, von Martin Luther wieder das „Erglauben der Kirche“ zu erlernen, um nicht ein „grober Klügling“ zu werden, der die Christenheit mit seiner „blinden Vernunft“ und seinen „unsaubern Augen“ sehen will und darüber zum Narren wird, weil er „ein falsch Urteil“ über sie fasst.

 

Anmerkungen

1 Die ZEIT 33, 4.8.2016, 48.

2 WA Bibel VII 404.

3 W. Schäuble, Das Reformationsjubiläum 2017 und die Politik in Deutschland und Europa, PTh 105/2016, 46.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Christian Möller, Jahrgang 1940, Prof. für Prakt. Theologie an der Universität Heidelberg, seit 2005 emeritiert; Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Gemeindeaufbau, seelsorgerlich predigen, Hymnologie, reformatorische Spiritualität.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2021

1 Kommentar zu diesem Artikel
20.04.2021 Ein Kommentar von Reinhard Baden So lange es noch bekennende Christen von der Qualität bzw. "Schlage" C. Möllers, dem der akadem. Titel Professor, entsprechend seines Wortsinnes, auch in geistlicher Hinsicht zuerkannt werden darf , so lange zweifle ich zwar immer noch an der Kirche, aber ich verzweifle nicht. Insofern schützte und C. Möller vor dem zersetzenden Gift Kierkegaards. Danke!
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