Gibt es eine theologische Deutung der Pandemie? Die Aufklärung mit ihrer Erledigung der Metaphysik und ihrem wissenschaftlichen Zugriff auf den Bereich der Natur, macht das Reden von einem Handeln Gottes in Natur und Geschichte schwer. Doch der Bedarf nach Antworten, die tiefer reichen als ethische Appelle, hat nicht nachgelassen. Horst Gorski analysiert das Problem und weist eine mögliche Perspektive auf.*

 

1. Worüber sprechen wir? – Ein Versuch zur Fragestellung

Der Bischof der Evang. Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, Christian Stäblein, hat in einem Interview vor Weihnachten gesagt: „Den Sinn der Pandemie gibt es nicht.“1 Insofern könnte die Fragestellung nach theologischen Deutungen der Pandemie bereits als beantwortet gelten. Doch so einfach möchte ich mich nicht davonstehlen. Wie lässt sich die Situation, in der wir uns seit knapp einem Jahr befinden, theologisch deuten? Und wenn es nicht den einen Sinn gibt: Welche Rede ist angemessen? Welche Rolle spielt die Kirche – und spielt Religion – in Zeiten einer Pandemie?

Zu den äußerlich sichtbaren Auffälligkeiten gehört, dass es eine ungeheuer zahlreiche Produktion von Beiträgen gab. Auch leitende Geistliche äußerten sich in Predigten, Pastoralbriefen, Interviews und Zeitungsartikeln. Scheinbar quer dazu machte ein von Hartmut Löwe, dem ehemaligen Vizepräsident im Kirchenamt der EKD sowie späteren Bevollmächtigter des Rates der EKD bei der Bundesregierung und Militärbischof, in der FAZ in die Welt gesetztes Wort vom „Schweigen der Bischöfe“ die Runde2. Warum ist all die theologische Rede, sind all die Deutungsversuche offenbar medial so wenig durchgedrungen? Lag es gerade an der Fülle, die letztlich nur ein „Rauschen“ verursacht hat, aus dem keine deutlichen Worte mehr zu vernehmen waren? Lag es an den Inhalten? Lag es an der Sprache? Lag es an der veränderten Rolle der Kirche in der Gesellschaft?3

Mir scheint es so, als ob sich hinter der hektischen Suche nach theologischen Deutungen unausgesprochen die Hoffnung verbarg, es möchte eine Offenbarung in der Pandemie gegeben sein, die nur für die Kirche erkennbar wäre. Dann könnte die Kirche sich als allein zuständig für die Deutung behaupten und hätte endlich wieder eine unersetzbare Rolle in der Gesellschaft.

Bischof Stäbleins Äußerung vor Weihnachten könnte man als eine Art Schlusspunkt dieser Suche bzw. als Ende dieser Hoffnung betrachten: Wenn es den Sinn der Pandemie nicht gibt, dann ist die weitere Suche nach einer Offenbarung in ihr zwecklos. Diesem Gedanken möchte ich jedoch einen funktionalen Zugang zur Thematik entgegensetzen. Niklas Luhmann hat in seiner Systemtheorie die Funktion der Religion so beschrieben: Die Funktion der Religion sei es, Kontingenzerfahrungen zu thematisieren und in Sinn zu überführen. Dann aber geht es nicht darum, einen irgendwie gegebenen oder offenbarten Sinn zu entdecken, sondern funktional darum, die mit der Pandemie gegebene Kontingenzerfahrung zu thematisieren und in Sinn zu überführen – also eine Gestaltungsaufgabe.

 

2. Die Bruchstelle der Deutungen

Meine hier vertretene These ist, dass sich die zahlreichen Beiträge auf eine theologische Bruchstelle beziehen lassen. Sie ist historisch markiert durch die Wende der Theologie in der Aufklärung. Dafür werden in der Forschung unterschiedliche Begrifflichkeiten verwendet. Ernst Troeltsch hat die Begrifflichkeit von Alt- und Neuprotestantismus geprägt. Es geht im Kern um die mit der Aufklärung eingetretene Wende in der Theologie, sich von supranaturalistischen Vorstellungen eines direkten Eingreifens Gottes in das kontingente Weltgeschehen und damit auch von der Annahme einer Offenbarung Gottes in der Geschichte zu verabschieden. An die Stelle des als Offenbarung gedeuteten Handelns ­Gottes in der Geschichte trat das Handeln des Menschen in seiner Verantwortung vor Gott. Mit dieser theologischen Wende zur Moderne gingen Fragen einher, die keine eindeutigen oder abschließenden Antworten kennen: Welche Relevanz haben das Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi für die Deutung des Lebens, wenn Gottes Handeln sich nicht in der Geschichte offenbart? Wie reden wir vom „deus absconditus“? Welche Rolle spielt das Handeln des Menschen? Wie verhalten sich Christologie und Ethik zueinander?

Entlang dieser Linie lassen sich die verschiedenen Beiträge und auch die schnell einsetzenden Polemiken aufreihen. Etwa wenn Löwe zwei Münchner Theologieprofessoren „kulturprotestantische Belanglosigkeiten“ nachsagt – bezogen auf einen Artikel von Reiner Anselm und Christian Albrecht, auf den ich später zurückkomme, und wenn Heinrich Bedford-Strohm wiederum Löwes Rede vom „Zorn Gottes“ und von einer „Heimsuchung“ zurückweist4.

Ist aber das die Alternative: Entweder unangemessen vom Zorn Gottes zu reden oder in Belanglosigkeiten zu verfallen? Lässt sich nach der neuprotestantischen Wende der Theologie noch das Handeln Gottes in Jesus Christus als relevant für diese Welt verkündigen?5 Oder mit der Luhmannschen Diktion: Lässt sich in der modernen Gesellschaft mit der Rede vom Heilshandeln Gottes Kontingenzerfahrung thematisieren und in Sinn überführen?

 

3. Exemplarisches zum Umgang mit der theologischen Bruchstelle

Exemplarisch wähle ich zwei Beiträge aus, die in ihrem Ringen mit der theologischen Bruchstelle der Moderne nahe beieinander liegen und keineswegs dazu taugen, sie gegeneinander auszuspielen. Das ist hier auch nicht beabsichtigt. Vielmehr soll der Umgang mit der Bruchstelle sachlich und nüchtern betrachtet werden.

3.1 Günter Thomas: Gegen eine „Verohnmächtigung“ Gottes und „Schöpfungskitsch“

Günter Thomas, der Bochumer Systematiker, hat schnell und ausführlich reagiert: Am 13. März war der Lockdown verhängt worden, bereits am 18. März veröffentlichte er eine zehnseitige Abhandlung unter dem Titel „Gott ist zielstrebig. Theologie im Schatten der Corona-Krise“ über einen Mailverteiler. Diese Abhandlung erschien später erweitert und umgeschrieben in mehreren Teilen auf „zeitzeichen.net“6.

Thomas geht alle klassischen Topoi der Dogmatik durch: Schöpfung, Gotteslehre, Anthropologie, Sünde, Christologie usw. Obgleich zu diesem Zeitpunkt noch kaum theologische Beiträge erschienen waren, wendet er sich bereits polemisch gegen eine „Verohnmächtigung Gottes“ in der Weise, dass Gott keine anderen Hände habe als unsere. Dies sei der trostloseste aller Gedanken. Er begegnet dem mit einer Kritik üblicher Rede über eine „gute Schöpfung“, die es zu bewahren gelte. Solchen „Schöpfungskitsch“ nähmen die Menschen der Kirche zu Recht nicht mehr ab. Die Schöpfung sei weder einfach gut noch schlecht, sie enthalte Gaben und zugleich gebe es in ihr Brutalität und gegenseitiges Fressen. Ohne den Begriff zu gebrauchen, spricht Thomas vom „deus revelatus“ und „deus absconditus“ in der Schöpfung. Auf die Pandemie bezogen: Es gehe darum, zugleich gegen die zerstörerischen Kräfte der Schöpfung zu arbeiten und die Hoffnung auf eine neue Welt zu verkündigen, in der „die Nächte der Krankheit nicht mehr sein werden“.

Günter Thomas fragt auch nach der Rolle der Kirche in der Gesellschaft, aus der heraus sie ihre Botschaft verkündet. Er rät ihr, bei aller Kooperation mit anderen gesellschaftlichen Kräften (bei der Arbeit gegen die zerstörerischen Kräfte der Pandemie) Distanz zu wahren, um auch die Botschaft von der Hoffnung auf eine neue Welt verkündigen zu können. In der damaligen Situation, dass weltweit (auch in der EU) Länder ihre Grenzen gegeneinander schlossen, gehöre zur Aufgabe der Kirche, die Solidargemeinschaft zu stärken, und zwar auch weltweit mit ihrer ökumenischen Vernetzung. Die Ethik sei der „Lackmustest“ auf die Theologie.

Günter Thomas unterzieht sich der anspruchsvollen Aufgabe, vom Handeln Gottes unter den Voraussetzungen der Moderne zu sprechen. Mir scheint, dass auch er zuletzt eine gewisse Ratlosigkeit nicht loswird. Die beiden Teile: Arbeit gegen die zerstörerischen Kräfte der Schöpfung und Verkündigung der Hoffnung auf eine neue Welt – bleiben letztlich nur lose verbunden. Es ist richtig, beides zu sagen. Aber die Verkündigung der Hoffnung auf eine neue Welt bleibt bei ihm blass neben den Konkretionen des Handelns.

3.2 Reiner Anselm und Christian Albrecht: Selbstvertrauen, Selbstbeschränkung, Selbstkritik

Reiner Anselm und Christian Albrecht haben am 16. April in „Christ & Welt“7 gefragt, wie aus den Grundartikeln des christlichen Glaubensbekenntnisses Trost und gesellschaftliche Orientierung gewonnen werden können. Sie formulieren: Aus dem Glauben an Gott den Schöpfer folge das Selbstvertrauen, die Krise könne von Menschen gestaltet und bewältigt werden. Aus dem Glauben an Jesus Christus den Erlöser folge die Möglichkeit von Gemeinschaft im Sinne von Selbstbeschränkung in der Krise. Aus dem Glauben an den Geist als Versöhner folge die Fähigkeit zur Selbstkritik menschlichen Handelns. „Es ist dieser Dreiklang aus Selbstvertrauen, Selbstbeschränkung und Selbstkritik, mit dem die Theologie in den gegenwärtigen und anstehenden öffentlichen Debatten die christliche Perspektive auf die Krise zu Gehör zu bringen hat.“ „Natürlich geht der Glaube, wie sich gerade in der Krise zeigt, nicht in der Ethik auf. Doch ein Glaube, der in der Welt keine Orientierung gibt, kann auch keinen Trost spenden, der über unsere Welt hinausgeht. Darum waren die zynischen Varianten einer Theologie der Krise, die die Pandemie als Treibstoff für ihre Weltflucht benutzen, noch nie so unbrauchbar und überflüssig wie heute.“

Wen genau Anselm und Albrecht bei ihrer Polemik im Blick haben, bleibt offen. Vom theologischen Ansatz her blickt dieser Beitrag genau von der anderen Seite auf die Aufgabe als Günter Thomas. Während dieser die Verohnmächtigung Gottes argwöhnt, wenn zu sehr auf Weltverantwortung gesetzt wird, argwöhnen Anselm und Albrecht Weltflucht, wenn allein vom Handeln Gottes geredet wird. Insofern können diese beiden Beiträge als paradigmatisch für die beiden unterschiedlichen Umgangsweisen mit der Bruchstelle der Deutungen angesehen werden. Dabei versuchen sie beide, nicht auf jeweils einer Seite vom Pferd zu fallen, sondern die beiden Seiten der Bruchstelle gedanklich zusammenzuhalten. Dass Anselm und Albrecht sich trotzdem die Ohrfeige Löwes eingehandelt haben, sie böten nur „kulturprotestantische Belanglosigkeiten“ ist also höchst ungerecht. Doch auch bei ihrem Beitrag bleibt die Frage, ob die Verbindung von Weltverantwortung und Handeln Gottes wirklich sachlich verankert oder nur verbal behauptet wird.

 

4. Rede und Rolle der Kirche am Beispiel der Diskussion um Präsenzgottesdienste zu Weihnachten

Die Rede der Kirche und das Selbstverständnis von ihrer Rolle stehen in Verbindung. Was sie sagt und wie sie gehört wird, steht nicht im luftleeren Raum, sondern in ihrem konkreten gesellschaftlichen Umfeld. Die Berührung mit diesem Umfeld bekam besondere Relevanz, als vor Weihnachten von medizinischer und politischer Seite die Absage der Präsenzgottesdienste gefordert wurde.

Bischof Stäblein überlegte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: Der Schutz des Nächsten könnte für die Absage von Gottesdiensten sprechen. Für die Durchführung von Präsenzgottesdiensten dagegen spreche: „Wir müssen doch gerade jetzt auch mit öffentlichem Gebet für die Menschen und für die Gesellschaft da sein.“8

Der Ratsvorsitzende und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm äußerte in einem Interview in ARD-extra am 23. Dezember: Den Trost der Weihnachtsbotschaft könne die Kirche auf vielfältige Weise öffentlich weitergeben, auch in den vielen digitalen Formaten und in den Fernsehgottesdiensten. Aber es gebe Menschen, die „alleine leben und mit den digitalen Medien nicht so zurechtkommen …“ – für sie müsse die Kirche auch Präsenzgottesdienste anbieten.9

Das Argument, Einsame und Bedürftige bräuchten Präsenzgottesdienste, hörte man von verschiedenen Seiten. Es gab sogar Stimmen, die ausdrücklich forderten, dann sollten aber bitte alle anderen vernünftigerweise zu Hause bleiben und die Kirchen den Einsamen und Bedürftigen überlassen.

Sowohl Politiker, Mediziner, aber im Einzelfall sogar Kirchenvertreter bezeichneten die Regelungen für die Kirchen als „Privilegien“, auf die sie freiwillig verzichten sollten. Eine Kirchengemeinde begründete die Absage aller Gottesdienste u.a. mit der Solidarität gegenüber den Kulturschaffenden, die ja solche Privilegien auch nicht hätten.

Verunsicherte Kirche

Dieser kleine Überblick zeigt, wie verunsichert die Kirche in ihrem Rollenselbstverständnis offenbar ist. Ist sie noch Institution mit einem öffentlichen Auftrag, den sie unter den ihr vom Staat gesetzten Regeln auch in schwierigen Zeiten zu erfüllen hat? Oder ist sie doch schon eher Organisation, die ihren Auftrag im Zweifel nur noch moralisch-menschlich begründen kann? Und welche Rolle spielen Ritual und Verkündigung in den das Stadtbild prägenden Kirchengebäuden? Zweifellos befinden sich auch Fernsehgottesdienste und Gottesdienste im Internet im „öffentlichen Raum“. Wie steht es aber um die Ebenen der Verkündigung, die mit Raum, Klang und Präsenzeindrücken zu tun haben, die nicht alle obsolet werden, weil es digitale Angebote gibt? Vermutlich müssen die Instrumente, mit denen wir Raumeindrücke und digitales Erleben deuten, nachgeschärft werden. Unter anderem wird genauer zwischen theologischen und rezeptionsästhetischen Aspekten zu unterscheiden sein.

Stellvertretendes Handeln?

In der Mischung aus präsentischen und digitalen Gottesdiensten, die es schließlich gab, drückte sich ritualtheoretisch ein stellvertretendes Geschehen aus. Es muss nicht in jeder Kirche ein Präsenzgottesdienst gefeiert werden. Wenn aber wenigstens einige Gottesdienste in Präsenz gefeiert werden, bleibt ritualtheoretisch eine öffentliche Funktion der Kirche in der Gesellschaft gewahrt, die rein digital nicht zu erfüllen ist. Das mag zunächst fremd klingen, weil ritualtheoretische Annahmen etwas Archaisches mit sich führen. So wie der Priester in archaischen Kulten durch den Vollzug eines Rituals dafür sorgte, dass der Gesellschaft der Himmel nicht auf den Kopf fiel. So archaisch sind stellvertretende Vollzüge aber gar nicht, wenn man z.B. sieht, wie sehr in den neuen Bundesländern sich Menschen finanziell oder als Handwerker oder einfach ehrenamtlich für die Renovierung einer Dorfkirche einsetzen, in die sie anschließend aber keineswegs zum Gottesdienst kommen. Dennoch ist es ihnen wichtig, dass „ihre“ Kirche da ist und dass Gottesdienst gefeiert wird. Auf dieser Ebene sehe ich auch das Erschrecken über den vollständigen Ausfall von Präsenzgottesdiensten zu Ostern. Wenigstens stellvertretend braucht es den öffentlichen, und das heißt: präsentischen Vollzug des Rituals in den sichtbaren Kirchengebäuden.10

Vermutlich hat auch das oben angesprochene Missverhältnis zwischen einer Fülle öffentlicher Äußerungen kirchlicher Vertreter und geringer öffentlicher Wahrnehmung etwas mit Rollenzuschreibungen zu tun. Eine Kirche, der nur noch eine schwache öffentliche Rolle in der Gesellschaft zuerkannt wird, wird in einer Krise auch weniger gefragt und nur schlecht gehört. Außerdem habe ich die Vermutung: Die Erkennbarkeit kirchlicher Rede hängt für die kirchenfernere Öffentlichkeit z.T. immer noch an vormodernen Sprachfiguren wie dem „Zorn Gottes“ oder der „Heimsuchung“. Wenn Kirche so spricht, ist sie erkennbar. Gleichzeitig würde man sich wohl wundern, wenn ein (evangelischer) Bischof tatsächlich so spräche. Spricht er aber im neuprotestantischen Duktus, erkennt man es nicht als kirchlich – eine Krux. Jedenfalls in der medialen Öffentlichkeit. Die Nachdenklichkeit neuprotestantischer Theologie taugt eher für die Kanzel vor Ort – und dort wird sie zumeist auch verstanden.

 

5. Kontrolle als Metathema unserer Zeit: Wie wird es die Predigt des Evangeliums verändern?

Die Kontrolle über die Neuinfektionen zu behalten – das war am zurückliegenden Weihnachten der Maßstab bei der Durchführung aller Präsenzgottesdienste. Der Schutz vor Infektionen wurde als Gebot der Nächstenliebe zum Maßstab evangeliumsgemäßen Handelns. Das war richtig so. Mich beschäftigt allerdings die Frage, was das langfristig für unser Verständnis des Evangeliums bedeutet.

Landläufig nimmt man ja an, der Kern des Evangeliums bliebe über die Jahrhunderte gleich und nur die Ränder oder Konkretionen änderten sich. Doch bei genauerer Betrachtung gibt es so etwas wie eine „koevolutionäre“ Entwicklung des Evangeliums mit gesellschaftlichen und technischen Veränderungen. Lange hat man das Evangelium mit Gehorsam und Ordnung verbunden. Ein evangeliumsgemäßes Leben zu führen, hieß, der Kirche gehorsam zu sein und sich in die Ständeordnung der Gesellschaft widerspruchslos einzuordnen. Dann kamen Freiheitsideen in die Welt. Luther war einer der ersten, der von der „Freiheit eines Christenmenschen“ sprach. Der Buchdruck führte dazu, dass theologische Literatur von vielen gelesen und diskutiert werden konnte. Die persönliche Gestaltung der Frömmigkeit trat nach vorne. Schließlich, ich verkürze sehr, verband sich das Evangelium in der Nachkriegszeit mit dem gesellschaftlichen Grundkonsens zu Demokratie, Freiheit, Toleranz und offener Gesellschaft.

Jedes Verständnis des Evangeliums ist zeitgebunden. Die Geschichte geht weiter und wird auch über unsere Zeit und ihre Einsichten hinweggehen. Es gibt sogar schon Zeichen einer Veränderung, in der wir uns bereits befinden. Die Klimakrise, die Flucht- und Migrationsbewegungen, der global aufgestellte Terrorismus wie die internationalen Finanzmärkte haben – so unterschiedlich sie sind – eines gemeinsam: Sie werfen Fragen nach Kontrolle auf und wecken Ängste vor Kontrollverlust. Die Digitalisierung kann dazu als die technische Kunst gesehen werden, die diese Entwicklungen in ihrer ­Globalität und Geschwindigkeit erst ermöglicht.

Wenn das Thema „Kontrollverlust bzw. Wiedergewinnung von Kontrolle“ uns als Metathema für einige Jahrzehnte erhalten bleibt: Wie wird sich koevolutionär unser Verständnis des Evangeliums verändern? Werden wir nicht mehr von der „Freiheit eines Christenmenschen“ sprechen, sondern von seinem Auftrag zur Kontrolle bei der Steuerung der Leben gefährdenden Vorgänge? Hat sich unsere Botschaft im Jahre 1 des Zeitalters der Pandemien nicht schon in diese Richtung verändert? Ist dies vielleicht der Sinn der Kontingenzerfahrung in der Pandemie: Das Evangelium neu zu verstehen als Evangelium der Kontrolle über das Leben gefährdende Vorgänge? Was aber bedeutet es auf Zukunft, wenn sich das Evangelium in dieser Weise neu ausrichtet?

 

6. Die Freiheit des Christenmenschen als „kognitive und emotionale Distanz“

Zuletzt ein Impuls für die Relevanz des christlichen Glaubens in dieser Zeit. Dabei gehe ich davon aus, dass das Zeitalter der Pandemien nicht möglich wäre ohne die globale Mobilität, ohne globales wirtschaftliches Handeln, ohne die umweltschädigenden Vorgänge, die den Lebensraum der Wildtiere verkleinern und sie dem Lebensraum des Menschen immer näher rücken; und schließlich auch nicht ohne die digitalen Medien, die Informationen genauso wie Desinformationen, Diskurse und Diskurse über Diskurse in Echtzeit, also „instantan“, wie man sagt, in unser Leben bringen. Wir wachen auf mit den Infektionszahlen des Tages und gehen ins Bett mit der x-ten Kommentierung eines Kommentars. Bekanntlich eröffnet die digitalisierte Welt ungeahnte Freiheitsräume. Freiheit in der digitalisierten Welt entscheidet sich nicht an der Option Zwang oder nicht Zwang, sondern an den kognitiven und emotionalen Möglichkeiten, auf Distanz zu gehen und der durch die digitale Kommunikation behaupteten Realität Alternativen entgegenzusetzen. Dies heißt gerade nicht – wie jemand meinen könnte –, sich seine eigene Realität als Corona-Leugner oder Verschwörungstheoretiker zu basteln. Im Gegenteil: Die fehlende Freiheit, auf kognitive und emotionale Distanz zu der durch die digitale Kommunikation gesetzten Realität zu gehen, führt gerade zu solch vermeintlichen Befreiungsschlägen aus einer Realität, der man sich ausgeliefert fühlt. Auch dies hat mit dem Thema Kontrolle/Kontrollverlust zu tun. Umgekehrt: Wer aus dem Glauben die Stärke – heute sagt man Resilienz – besitzt, nicht den ganzen Tag angstvoll auf das Smartphone zu gucken und auf die nächste beängstigende Meldung zu warten, gerade der bzw. diejenige kann aus der gewonnen kognitiven und emotionalen Distanz die Freiheit gewinnen, sich mit der Realität auseinanderzusetzen und angemessen zu handeln.

Mit dieser Freiheit zur kognitiven und emotionalen Distanz sind die Eingangsfragen nicht schon beantwortet, auch die Bruchstelle der Deutungen der Krise ist damit nicht aufgefangen. Aber immerhin könnte ein Standpunkt des Glaubens gewonnen sein, der in die Lage versetzt, auf Gottes Handeln auch im Dunkel der Zeit zu vertrauen und die eigene Verantwortung aus diesem Vertrauen in die Hand zu nehmen.

 

Anmerkungen

* Vortrag vor dem Pfarrkonvent Berlin Tempelhof-Schöneberg am 6. Januar 2021 (digital).

1 „Den Sinn der Pandemie gibt es nicht“ (berliner-zeitung.de) (abgerufen am 16.01.21).

2 Warum schweigen die evangelischen Bischöfe zu Corona? (faz.net) (abgerufen am 16.01.21).

3 Eine Analyse der Rede und des Handelns der evangelischen Kirche in den ersten Monaten der Pandemie hat Johannes Wischmeyer vorgenommen: Die evangelische Kirche in der Corona-Krise. Reaktionen, Trends, Herausforderungen, DPfBl 9/2020.

4 In einem Interview mit „zeitzeichen“, das am 23.07.20 geführt wurde: „Alles ist auf dem Prüfstand“ | zeitzeichen.net (abgerufen am 16.01.21).

5 Dieser Frage widmet sich sehr eingehend Tobias Kaspari: Verborgene Gegenwart. Versuch über „Gottes Heimsuchung“ im Horizont der Pandemie, DPfBl 7/2020.

6 Gott ist zielstrebig (I-V) | zeitzeichen.net (abgerufen am 16.01.21).

7 Kirchengemeinden: Warum sind die Kirchen in der wohl schwersten Krise seit 1945 so wortkarg? | ZEIT ONLINE (abgerufen am 16.01.21).

8 Bischof Stäblein zur Corona-Pandemie – „Jeder Mensch, der stirbt, wird von uns vermisst“ (deutschlandfunk.de) (abgerufen am 16.01.21).

9 https://www.ardmediathek.de/daserste/video/ard-extra/ard-extra-die-corona-lage-mit-gebaerdensprache/das-erste/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLTYwZTllMzUzLWJjODEtNDE0Zi1hYWFlLTNlM2RkNTgyYWUwNC9nZWJhZXJkZW5zcHJhY2hl/ (abgerufen am 16.01.21).

10 Diese Aussage – die ich an verschiedenen Stellen gemacht habe – ist kritisiert worden. Beruht sie zu sehr auf der Gewohnheit präsentischer Erfahrungen, die unberechtigterweise normativ gesetzt werden? Andererseits: Die Kirchengebäude stehen sichtbar im Raum. Wenn in ihnen keine öffentliche Verkündigung geschieht, ist das für die Wahrnehmung nicht einfach zu ignorieren.

 

Über die Autorin / den Autor:

Vizepräsident Dr. Horst Gorski, 15 Jahre lang Pfarrer in Hamburg, 1999 Propst zunächst im ­Kirchenkreis Altona und von 2009 an für den ­fusionierten Kirchenkreis Hamburg-West/Süd­holstein, seit 2015 Vizepräsident im Kirchenamt der EKD und Leiter des Amtsbereichs der VELKD; jüngste Publikation: Beieinander bleiben. Tagebuchnotizen in Viruszeiten (Evang. Verlagsanstalt Leipzig 2021).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2021

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