In den letzten Jahren seines Lebens hat sich Dietrich Bonhoeffer – auch vor dem Hintergrund der politischen Herausforderungen im Nationalsozialismus und in Kriegszeiten – mit einem ethischen Konzept befasst, das um den Begriff der Verantwortung kreist. Günter Banzhaf stellt Bonhoeffers „Verantwortungsethik“ vor und entdeckt in ihr zahlreiche Ansätze, die in unserer Zeit mit ihren Problemen wie Klimawandel, Artensterben und Pandemien fruchtbar gemacht werden können.

 

Dietrich Bonhoeffers Nachdenken über Verantwortung ist faszinierend. Im Herbst 1940 hatte er sich dem konspirativen Widerstand gegen Hitler angeschlossen. Zeitgleich beginnt er die Arbeit an seiner Ethik, die immer wieder unterbrochen wird durch Auslandsreisen als V-Mann der Abwehr. 1943 wird er verhaftet. Seine Ethik blieb Fragment. Aber die Konturen einer neu entwickelten theologischen Ethik der Verantwortung gewinnen hier und vor allem im Rückblick Nach zehn Jahren und in den Briefen und Aufzeichnungen aus der Haft Gestalt.1 „Man kann Bonhoeffers Ethik als die erste theologische Verantwortungsethik bezeichnen.“2

Bonhoeffer gewinnt seine Einsichten nicht aus einer analysierenden Zuschauerposition, sondern im persönlichen und politischen Ringen um die richtigen Entscheidungen im Widerstand. Sein Nachdenken war auf das konkrete Handeln ausgerichtet. Es war ein „Denken im Dienste des Tuns“ und von der grundsätzlichen Bereitschaft getragen, Verantwortung zu übernehmen (8:433).3 Darin ist er ein Vorbild. Deshalb geht von seinem Denken und Engagement auch eine motivierende Energie aus. Das ist es vor allem, was wir heute angesichts weltweiter bedrohlicher Entwicklungen brauchen.

 

Nach zehn Jahren“ – ein Schlüsseltext

„Nach zehn Jahren. Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943“. Bonhoeffer hatte diesen Text für sich und seine Mitstreiter im Widerstand zu Weihnachten 1942 geschrieben und Hans von Dohnanyi, Hans Oster und Eberhard Bethge überreicht. In der Einleitung dazu schreibt Bonhoeffer, dass er Rechenschaft geben will über gemeinsam gemachte Erfahrungen und welche Einsichten sie dabei „auf dem Gebiet des Menschlichen“ gewonnen haben (8:19). Der Nationalsozialismus hatte die Welt mit Krieg überzogen. Auf den Schlachtfeldern und in den Konzentrationslagern mussten Millionen Menschen ihr Leben lassen. Dem wollten sie durch ein Attentat auf Hitler ein Ende setzen. Sie waren bereit, in dieser Situation Verantwortung zu übernehmen.

Dieser Text ist deshalb ein Schlüsseltext. Man kann ihn mit Wolfgang Huber als „Epilog“ zu seiner zeitgleich entstandenen Ethik lesen4, oder wie Eberhard Bethge als „Prolog“ zu den Gefängnisbriefen in Widerstand und Ergebung. Bonhoeffers Reflexionen kreisen um die Frage, was Menschen dazu bringt und motiviert, Verantwortung zu übernehmen, und warum viele Menschen dazu nicht fähig oder bereit waren. Es gelingt ihm, in einer elementaren Sprache und auf mitreißende Art zu formulieren, was Verantwortung ausmacht.5 Beim Lesen spürt man: Was Bonhoeffer beobachtet, analysiert und reflektiert, ist heute so aktuell wie damals, auch wenn die zeitgeschichtlichen Umstände völlig andere sind.

An der Wende zum Jahr 1943 hatte Bonhoeffer das Gefühl, „vor einer großen geschichtlichen Wende“ zu stehen, in der „etwas wirklich Neues im Entstehen war, das in den Alternativen der Gegenwart nicht aufging“ (8:20). Ist das nicht auch ein Gefühl, das heute viele Menschen haben? Dass es so nicht weitergehen kann, aber auch noch nicht klar ist, wie das Neue aussehen könnte?6

 

Denken und handeln im Blick auf die kommende Generation …“

Das wird für Bonhoeffer zur Leitlinie einer Ethik der Verantwortung. „Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation weiterleben soll. Nur aus dieser geschichtlich verantwortlichen Frage können fruchtbare … Lösungen entstehen.“ Für Bonhoeffer bedeutet dies, an die „Arbeit für eine bessere Zukunft“ zu gehen, um diese zu kämpfen, sie „niemals dem Gegner“ zu lassen“ (8:25,36).

Bonhoeffer hatte schon im Blick, was heute als wichtiger Aspekt für das Verständnis von Verantwortung gesehen wird: Verantwortung ist nicht nur vom handelnden Subjekt aus zu denken, sondern vor allem auch systemisch von den gestellten Aufgaben her. „Es geht um die Zeiten und Räume, die konkrete Fragen an uns richten, uns Aufgaben stellen und Verantwortung auferlegen“ (6:88). Von daher hat Verantwortung viel mit Kreativität und Gestalten-Wollen zu tun. Und das erfordert nicht nur moralische, sondern auch außermoralische Fähigkeiten wie kognitive, kommunikative oder kooperative Kompetenzen, um Dinge hinzubekommen. Verantwortliches Handeln braucht deshalb für Bonhoeffer auch „Klugheit“ (6:67-68; 8:29-30), „Phantasie“ und „Sensitivität“ (8:33).7

Und noch etwas braucht es: „Optimismus“ als „eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren“, „als Willen zur Zukunft“. In ihm zeigt sich „die Gesundheit des Lebens“. Er macht Menschen bereit und fähig, „Verantwortung für das Weiterleben, für den neuen Aufbau, für die kommenden Geschlechter“ zu übernehmen. „Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht“ (8:36).

Dies hat für Bonhoeffer etwas mit der „Treue zur Erde“ zu tun, die ihm immer ein Anliegen war. Er wehrt sich gegen alle Formen der Weltflucht und des Rückzugs in die Innerlichkeit. „Bleibt der Erde treu“, ruft er in einer Predigt am 19. Juni 1932 aus. Weil wir als Christen „trachten nach dem, was droben ist“, werden wir „nur umso hartnäckiger und zielbewusster protestieren auf dieser Erde.“ Unser Glaube ist „kein Opium“, „das uns zufrieden sein lässt in einer ungerechten Welt“ (11:444-446). In einem Brief aus dem Gefängnis an seine Braut Maria von Wedemeyer klingt dies auch wieder an: „Unsere Ehe soll ja ein Ja zu Gottes Erde werden, sie soll uns den Mut, auf der Erde etwas zu schaffen und zu wirken, stärken“.8

 

Zivilcourage zeigen

In schwierigen Situationen ist Mut gefragt. Dies reflektiert Bonhoeffer psychologisch und soziologisch. Wir Deutschen haben „die Kraft des Gehorsams“ gelernt und uns in den „Dienst am Ganzen“ gestellt. Dass diese Bereitschaft durch den Führer und die Ideologie des Nationalsozialismus so „missbraucht“ werden konnte, war nicht vorstellbar. Nun erst fangen die Deutschen an „zu entdecken, was freie Verantwortung heißt“. Nämlich angesichts bedrohlicher Entwicklungen „Civilcourage“ zu zeigen und bereit sein, Verantwortung zu übernehmen – auch gegen den jeweiligen Mainstream in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft (8:23-24).

Bonhoeffer entdeckt zunehmend die Bedeutung der Freiheit als Voraussetzung für verantwortliches Handeln. Ihm stand hier lange der Begriff des Gehorsams im Weg, besonders gut zu verfolgen im Kapitel „Freiheit“ in seiner Ethik. „Der Spielraum der Freiheit muss dem Feld des Gehorsams förmlich abgerungen werden.“9 Freiheit und Verantwortung gewinnen für Bonhoeffer ihre Ausrichtung dann in der „Bindung an Gott und den Nächsten“. Menschen mit Zivilcourage handeln aus einer inneren Freiheit heraus. Sie übernehmen Verantwortung, wo andere ihrer Verantwortung nicht nachkommen, ihre Macht missbrauchen oder Menschen ihre Rechte nicht mehr selber wahrnehmen können. Das war Bonhoeffers Anliegen, wenn er davon sprach, ggf. „dem Rad in die Speichen zu fallen“ oder an das Bibelwort erinnerte „Tu deinen Mund auf für die Stummen“.

 

Was am Handeln hindert

Menschen werden wohl nur durch Erfahrung klug. „So erklärt sich … die erstaunliche Unfähigkeit der meisten Menschen zu präventivem Handeln jeder Art – man glaubt eben selbst immer noch, um die Gefahr herumzukommen, bis es schließlich zu spät ist …“ (8:33). Verhalten sich viele heute nicht auch so? Der Klimawandel scheint in weiter Ferne. Die kurzfristigen Vorteile überwiegen gegenüber den vielleicht langfristigen Nachteilen. Erst wenn Menschen „von etwas berührt werden“, wenn sie „ein Anliegen haben, das ihnen sehr wichtig ist … sind sie bereit, ihre Lebensweise, ihren Lebensstil zu ändern“, sagt der Hirnforscher Gerald Hüther.10

Es geht uns doch gut, oder? Wir erleben einen nie dagewesenen Fortschritt und Wohlstand. Die Kehrseite, dass er häufig auf Kosten von Menschen in anderen Teilen der Welt und der Natur geht, wird leicht übersehen.11 Das Böse, sagt Bonhoeffer, „kann in der Gestalt des Lichts, der Wohltat“ erscheinen. Das ist seine „große Maskerade“ (8:20). Und das Fatale: Der Erfolg scheint dem Recht zu geben, sodass „die Mehrzahl der Vergötzung des Erfolges (verfällt)“ und „blind für Recht und Unrecht …“ wird (6:76).

Gesellschaftliche Entwicklungen können für Bonhoeffer so übermächtig werden, dass Menschen durch Einflüsse und Einflüsterungen von außen „dumm gemacht werden bzw. sie sich dumm machen lassen.“ Sie verfallen „mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen“. Ihre „innere Selbständigkeit“ wird ihnen „geraubt“, sie werden zu „willenslosen Instrumenten“. „Die Macht der einen braucht die Dummheit der andern.“ Bonhoeffers nüchterne, aber hilfreiche Einsicht: Mit Argumenten ist dieser Art von Dummheit nicht beizukommen. Denn sie ist keine Frage des Intellekts, sie ist eine Deformation von Menschen. Sie kann nur durch eine „innere Befreiung“ überwunden werden kann, der meistens eine äußere vorausgehen muss (8:27-28).

An „mächtig gewordenen Schlagworten“ ist auch heute kein Mangel. Wachstumseuphorie oder Marktgläubigkeit werden von vielen Seiten lanciert. Slogans wie „Sei dein eigenes Projekt“ verführen Menschen dazu, sich subtilen Formen von Leistungs- und Optimierungszwang zu unterwerfen.12 Mit populistischen Thesen und Verschwörungstheorien werden Ängste geschürt.

 

Mitgefühl als motivierende Kraft

Die moderne Hirnforschung hat anhand von Bildgebungsverfahren zeigen können, dass unser Handeln wesentlich durch unsere Gefühle beeinflusst und gesteuert wird. „Verstand und Vernunft brauchen Gefühle zu ihrer Durchsetzung.“13 Deshalb ist es wichtig, Menschen auf der Ebene der Gefühle anzusprechen, und sie nicht nur mit Argumenten überzeugen zu wollen. Auch für Bonhoeffer wird die Vernunft meist „überschätzt“. Denn es sind oft „Mächte“ am Werk, die „die Welt bestimmen, gegen die die Vernunft nichts ausrichtet“. „Enttäuscht über die Unvernünftigkeit der Welt“ treten die Vernünftigen „resigniert“ zur Seite oder verfallen haltlos dem Stärkeren“ (8:21,433-434).14

Für Bonhoeffer kommt es deshalb entscheidend darauf an, ob Menschen „zum Mitleiden“ fähig sind. Dazu braucht es eine „Weite des Herzens“. Auch wenn wir „das Leiden anderer Menschen nur in ganz begrenztem Maße wirklich mitleiden“ können, so können Christinnen und Christen sich von der „Liebe Christi zu allen Leidenden“ und seiner „Weite des Herzens“ inspirieren und stärken lassen (8:34). Mitmenschlichkeit findet für die Bibel in Mitgefühl und Barmherzigkeit ihren stärksten Ausdruck.

Mitgefühl entsteht, wenn wir uns in die Situation armer und leidender Menschen hineinversetzen, wozu die Goldene Regel anleitet. Für den bürgerlichen Bonhoeffer blieb der „Blick von unten“ ein „Erlebnis von unvergleichlichem Wert, dass wir die großen Ereignisse der Weltgeschichte einmal von unten, aus der Perspektive der Ausgeschalteten, Beargwöhnten, Schlechtbehandelten, Machtlosen, Unterdrückten und Verhöhnten, kurz der Leidenden sehen gelernt haben … dass (dadurch) unser Blick für Größe, Menschlichkeit, Recht und Barmherzigkeit klarer, freier, unbestechlicher ­geworden ist …“ (8:38).15

 

Verantwortung ganzheitlich verstehen

Ein Grundgedanke Bonhoeffers ist: „Wo immer … Mensch und Mensch einander begegnen, dort entsteht echte Verantwortlichkeit …“ Verantwortung ist „die ganze, der Wirklichkeit angemessene Antwort auf den Anspruch Gottes und des Nächsten“ (6:280,287). Verantwortung hat einen dialogischen Charakter. Sie ist in den vielfältigen Bezügen unseres Lebens verortet. Die Nähe zu Martin Buber und der dialogischen Philosophie ist hier unverkennbar.

Beeindruckend ist, wie Bonhoeffer in seiner Ethik in wenigen Sätzen wesentliche Merkmale einer Ethik der Verantwortung skizziert. Er schreibt: Es „muss in der gegebenen Situation beobachtet, abgewogen, gewertet, entschieden werden, alles in der Begrenzung menschlicher Erkenntnis überhaupt. Es muss der Blick in die nächste Zukunft gewagt, es müssen die Folgen des Handelns ernstlich bedacht werden, ebenso wie eine Prüfung der eigenen Motive, des eigenen Herzens versucht werden muss … Es muss auch dabei die Frage nach dem Möglichen gestellt, es kann nicht immer sofort der letzte Schritt getan werden“ (6:267).

Eine gegebene Situation von verschiedenen Seiten beleuchten, Vor- und Nachteile möglicher Entscheidungen gegeneinander abwägen, anhand von ethischen Kriterien Handlungsoptionen bewerten, die Folgen bedenken, die eigenen Motive selbstkritisch prüfen und dann nüchtern ins Auge fassen, was jetzt möglich und machbar ist. Eine Ethik der Verantwortung verfolgt einen solchen ganzheitlichen Ansatz.

Im Kern geht es um ein Antworten auf Herausforderungen, die sich in einer konkreten Situation stellen. Dazu muss man die Situation genau ins Auge fassen. Das hat Bonhoeffer immer betont. So sehr er eine abstrakte Prinzipienethik kritisiert hat, so war er doch kein Vertreter einer reinen Situationsethik. Auch für ihn war klar, dass es Kriterien braucht, an denen sich das Handeln orientieren kann und soll. Und das war für ihn vor allem das Gebot der „Gottes- und Nächstenliebe, wie es im Dekalog, in der Bergpredigt und in der apostolischen Paränese ausgelegt ist“ (6:282).

Während Max Weber die Bergpredigt in die Ecke einer reinen Gesinnungsethik stellt, sieht Bonhoeffer sie später zurecht als Ausdruck einer Verantwortungsethik.16 Sie führt zu einem anderen Verständnis von Politik: „Die Macht tritt in den Dienst der Verantwortung …“ Sie löst sich von der Fixierung auf „Selbstbehauptung“ und lässt sich, realistisch und nicht blauäugig, in Dienst nehmen für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung. Deshalb ist es für Bonhoeffer keine „Utopie, mit der Bergpredigt geschichtlich-politisch handeln zu wollen“ (6:238-244).

Das „Ziel des politischen Handelns“ ist für Bonhoeffer nicht Machterhalt, sondern „die Herstellung des Rechts“ (8:30). Heute würden wir sagen, es geht um die Durchsetzung der Menschenrechte. 17 Hier müssen oft erst zivilgesellschaftliche Gruppen den nötigen politischen Druck erzeugen, um zum Beispiel ein verbindliches Lieferkettengesetz auf den Weg zu bringen, das Unternehmen zur Einhaltung von Menschenrechten und Umweltschutz in ihren Lieferketten verpflichtet.

Verantwortungsethik wird häufig so verstanden, dass wir (nur) für die Folgen unseres Handelns verantwortlich seien. Unsere Verantwortung beginnt aber schon viel früher, nämlich bei unseren Einstellungen, Haltungen und Überzeugungen. Denn sie entscheiden oft unbemerkt und vorab, ob wir uns überhaupt angesprochen und uns für jemand oder etwas verantwortlich fühlen oder nicht.

Deshalb ist die selbstkritische Prüfung der eigenen Motive eine elementare Voraussetzung, um reflektiert und nicht nur reflexhaft zu handeln. Auch hier gibt es für Bonhoeffer „Maßstäbe zur Selbstprüfung“. Ich kann mich zum Beispiel fragen, ob ich „besserwisserisch, fanatisch“ mich willkürlich einmische, oder ob ich „ängstlich, unsicher“ meiner Verantwortung und dem „Ruf Christi“ ausweiche (6:295).

Wo immer wir in unübersichtlichen Situationen Verantwortung übernehmen, können wir irren, auf die falsche Karte setzen, Fehler machen, auch schuldig werden. Davor sind wir nicht gefeit. Nicht selten sind wir in Entscheidungssituationen, wo es kein „absolut Gutes“ gibt, sondern wo es nur darum geht, „ein relativ Besseres dem relativ Schlechteren vorzuziehen“ (6:260). Und immer wieder sind wir, ohne es zu wollen, in schuldhafte Zusammenhänge verstrickt. Eine theologische Ethik der Verantwortung kann hier hilfreich den Umgang mit Schuld und die Möglichkeit der Vergebung ansprechen. Gerade im Vertrauen auf „Gottes Gnade und Gunst“ war Bonhoeffer fähig, schwierige Entscheidungen zu treffen.18

 

Grenzen unserer Verantwortung

Entscheidungen können aber zu schwer und die Probleme der Welt zu groß werden. Darunter leiden besonders engagierte und sensible Menschen. Wie soll man sich auch dagegen wehren, wenn täglich Nachrichten und Bilder von Kriegen und Katastrophen, von Not und Elend der Welt in Wohnzimmer oder auf Smartphones flattern?

In seiner Ethik reflektiert Bonhoeffer dieses Problem. Wir können uns nicht „für alles in der Welt verantwortlich fühlen“ und uns „aufreiben“ in „ohnmächtigem Eifer gegen alles Unrecht, alles Elend, das es in der Welt gibt …“ Aber andererseits können wir auch nicht einfach die „Welt ihrem Lauf überlassen“. Denn: „Der Nächste kann gerade im Fernsten und der Fernste im Nächsten sein.“ Das Liebesgebot ist nicht „räumlich“ oder „familiär“ zu beschränken (6:289,296). Wo sind dann die Grenzen unserer Verantwortung?

Bonhoeffer sucht nach einem menschlichen Maß von Verantwortung. Für jeden Menschen gibt es eine individuelle Grenze „seiner Tragkraft“. „Es gibt Verantwortungen, die ich nicht zu tragen vermag, ohne daran zu zerbrechen …“ (6:282). Ich darf die „Einheit mit mir selbst“ schützen. Auch die andern haben eine Verantwortung. Mit ihnen kann ich Verantwortung teilen und ggf. gemeinsam wahrnehmen. Das sich klarzumachen entlastet. Und es gibt eine gnädige Grenze der Verantwortung, die in Gott liegt, dem ich mich und die Welt anvertrauen darf. „Verantwortliches Handeln gewinnt seine Einheit und seine Gewissheit aus dieser seiner Begrenztheit durch Gott und den Nächsten.“ So kann es „von einer letzten Freude und Zuversicht getragen sein“ (6:269).

 

Die spirituelle Dimension von Verantwortung

Beten, Tun des Gerechten und Warten auf Gottes Zeit sind die drei wesentlichen Dimensionen von Bonhoeffers Spiritualität. Gebet und Meditation sind für ihn zentrale Quellen der Kraft. „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen“, schreibt er 1944 in einem Taufbrief an das Kind, das seinen Namen trägt. Er ist davon überzeugt, dass es auch in Zukunft „Menschen geben (wird), die beten und das Gerechte tun und auf Gottes Zeit warten“ (8:436). Bonhoeffer will beides verbinden, das Beten und das „Arbeiten für eine bessere Welt“ – und das im Horizont des Wartens „auf Gottes Zeit“. Dieses Warten ermöglicht einen anderen Blick auf die Welt als „Vorletztes“. Es sieht „die Welt als von Gott geliebte, gerichtete, versöhnte“ und handelt dementsprechend in ihr (6:266).

Es war die „Begegnung mit der Bergpredigt“, die Bonhoeffer verändert hat. Sie war für ihn ein tiefgreifendes „religiöses Erlebnis“.19 Sie wurde zur neuen Richtschnur für sein Glauben, Denken und Handeln. In einem Brief an seinen Bruder schreibt er am 14.1.1935: „Ich glaube zu wissen, dass ich erst innerlich klar und aufrichtig sein würde, wenn ich mit der Bergpredigt wirklich anfinge, Ernst zu machen … Es gibt doch nun einmal Dinge, für die es sich lohnt, kompromisslos einzutreten. Und mir scheint, der Friede und die soziale Gerechtigkeit, oder eigentlich Christus, sei so etwas“ (13:272). Davon zeugt auch der erst vor kurzem wieder entdeckte Brief an Mahatma Gandhi, in dem Bonhoeffer 1934 schreibt: „Die westliche Christenheit muss aus der Bergpredigt neu geboren werden.“20

Schon in seiner Nachfolge (4:301), aber vor allem in den Jahren im Gefängnis ging es Bonhoeffer um die Frage, wie der Mensch ein Mensch wird. Im „Dasein-für-andere“ findet er zu seinem eigentlichen Menschsein. Bonhoeffer sieht darin eine Erfahrung von Transzendenz, die nicht auf ein Jenseits gerichtet ist, sondern sich mitten in der ganzen „Diesseitigkeit des Lebens“ ereignet. Der „jeweils gegebene erreichbare Nächste ist das Transzendente“.

Jesus als „der Mensch für andere“ ist das inspirierende Vorbild an Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit. Wie dies Christinnen und Christen anderen Menschen vermitteln können, darüber denkt Bonhoeffer nach. „Was mich unablässig bewegt, ist die Frage, was das Christentum oder auch wer Christus heute für uns eigentlich ist.“ Oder: „Was glauben wir wirklich? d.h. so, dass wir mit unserem Leben daran hängen?“ (8:402,542,558-559).21

Verantwortliches Handeln ist auf nüchterne und rationale Analysen angewiesen. Es braucht aber auch spirituelle Ressourcen, die zum Handeln motivieren und einen langen Atem verleihen. Es „wird nicht möglich sein, sich für große Dinge zu engagieren … ohne eine ‚Mystik‘, die uns beseelt, … die das persönliche und gemeinschaftliche Handeln anspornen, motivieren, ermutigen und ihm Sinn verleihen.“22 Durch spirituelle Erfahrungen können Menschen von sich absehen, über sich hinausgehen und sich einem größeren Ganzen verbunden fühlen, sei es Gott, die Natur, eine letzte Wirklichkeit oder seien es Bonhoeffers „gute Mächte“.23

 

Zuletzt kommt es doch auf den Menschen an“

Im Gefängnis beschäftigt Bonhoeffer immer mehr die historisch-kulturelle Entwicklung der letzten Jahrhunderte, die für ihn auf das „Mündigwerden des Menschen“ hinauslief. Diese Entwicklung ist anzuerkennen, sie wirft aber auch Fragen auf. In einem Brief vom 8. Juni 1944 an Eberhard Bethge und im „Entwurf einer Arbeit“ schreibt er dazu stichwortartig seine Gedanken wie ein Vermächtnis auf. Der Prozess des Mündigwerdens hat nicht nur eine „religionslose Zeit“ heraufgeführt, sondern auch eine eminente Bedrohung. Mündig sein heißt dann auch, sich der damit verbundenen Verantwortung zu stellen.

Der Mensch hat die Gesetze und Gesetzmäßigkeiten entdeckt, nach denen die Welt funktioniert. Er nahm sein Leben immer mehr selbst in die Hand, brauchte Gott als „Arbeitshypothese“ immer weniger. Durch „technische Organisation“ wollte er „unabhängig von der Natur“ werden. Nun entsteht aber gerade durch diese „wieder eine neue Bedrohung des Lebens“. „Mit allem ist der Mensch fertig geworden, nur nicht mit sich selbst. Gegen alles kann er sich versichern, nur nicht gegen den Menschen. Zuletzt kommt es doch auf den Menschen an“ (8:557,476-477).

Die Bedrohungen für den Menschen und alles Leben haben inzwischen ein Ausmaß erreicht, das für Bonhoeffer noch unvorstellbar war. „Die Verheißung der modernen Technik“, so Hans Jonas, ist „in Drohung umgeschlagen“. Der Mensch bedroht sich selbst und gefährdet seine Lebensgrundlagen. Er ist nicht nur mit sich nicht fertig geworden, sondern, wie sich heute zeigt, auch nicht mit der Natur. Auch „Fehlentwicklungen und Misserfolge“ vermochten die Welt an dieser Entwicklung „nicht irre zu machen …“, schreibt Bonhoeffer, auch „ein Ereignis wie dieser Krieg“ nicht (8:477). Auch Ereignisse wie Klimawandel, Artensterben oder Pandemien nicht?

Ich meine, Bonhoeffer beschäftigte die Frage, welches Selbstverständnis den Menschen in diese „Bedrohung des Lebens“ durch die „technische Organisation“ geführt hat, was ihn daraus wieder herausführen und welchen Beitrag die Kirche dazu leisten könnte. Dies bedeutete für ihn, in die „geistige Auseinandersetzung“ um die Frage nach dem Menschsein des Menschen und seiner Verantwortung in dieser Welt zu gehen.24

Heute geht es dabei um die Einsicht, dass wir Menschen Lebewesen im Netzwerk des Lebens sind und eine Verantwortung haben, es für kommende Generationen zu erhalten. Im handgeschriebenen Nachlass von Immanuel Kant findet sich dazu ein erhellender Eintrag: „Wenn es irgendeine Wissenschaft gibt, deren der Mensch bedarf, so ist es die, so ihn lehret, die Stelle geziemend zu erfüllen, welche ihm in der Schöpfung angewiesen ist, und aus der er lernen kann, was man sein muss, um ein Mensch zu sein.“25

Das „lehrt“ uns heute die Ökologie. Vielleicht geht es aber noch mehr um eine spirituelle Erfahrung von Verbundenheit mit allen Mitgeschöpfen und einer „Ehrfurcht vor dem Leben“.26 Sie könnte nachhaltig dazu motivieren, in „Treue zur Erde“ unsere „Mitverantwortung für den Gang der Geschichte“ wahrzunehmen (8:25). Vielleicht können uns Werte wie „Maß“ oder „Genügsamkeit“ (8:560) den Weg zu einem „Guten Leben für alle“ weisen.

 

Anmerkungen

1 Bis dahin orientierte sich Bonhoeffers Glauben und Denken an den ethisch-existentiellen Kategorien von Nachfolge und Gehorsam. In seiner Ethik lässt sich das spannungsreiche Ringen um eine Neuorientierung gut nachvollziehen. Vgl.: Banzhaf, Günter. 2002. Philosophie der Verantwortung. Entwürfe, Entwicklungen, Perspektiven, Heidelberg: Universitätsverlag C. Winter, 98-115.

2 Huber, Wolfgang. 2019. Dietrich Bonhoeffer. Auf dem Weg zur Freiheit. Ein Portrait, München: Verlag C.H.Beck, 216. Huber beschreibt die Entwicklung von Bonhoeffers theologischem Denken auf dem Hintergrund seiner Lebensgeschichte und der zeitgeschichtlichen Ereignisse.

3 Bonhoeffer, Dietrich. 1986-1999. Werke, hrsg. von Eberhard Bethge et. al., München: Chr. Kaiser Verlag. Quellenangaben in Klammern zitieren im Folgenden Bandnummer und Seitenzahl dieser Werk-Ausgabe.

4 Huber, 231.

5 Ich halte dies für einen geeigneteren Zugang, um die Aktualität von Bonhoeffers Verantwortungsethik aufzuzeigen als beim Kapitel „Die Struktur des verantwortlichen Lebens“ in seiner Ethik einzusetzen. Auf diese Weise kann auch eine andere Systematisierung seiner Verantwortungsethik gewonnen werden.

6 Schneidewind, Uwe. 2018. Die Große Transformation. Eine Einführung in die Kunst des gesellschaftlichen Wandels, Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag. Bei der anstehenden „Großen Transformation“ hin zu einer nachhaltigen Entwicklung geht es um eine „epochale Wende“, um nichts weniger als eine „kulturelle Revolution“.

7 Verantwortung rückt in der 2. Hälfte des 20. Jh. in den Rang einer ethischen Schlüsselkategorie auf. Das Verständnis von Verantwortung wird dabei weiter differenziert und vertieft. Vgl. Banzhaf, Günter. 2017. „Der Begriff der Verantwortung in der Gegenwart: 20.-21. Jahrhundert“, in: Handbuch Verantwortung, hrsg. von Ludger Heidbrink et. al., Wiesbaden: Springer Fachmedien, 149-167. Auch aus dieser Perspektive werfe ich einen Blick auf Bonhoeffers Verantwortungsethik.

8 Bonhoeffer, Dietrich/Wedemeyer von, Maria. 1992. Brautbriefe Zelle 92. 1943-1945, hrsg. von Ruth-Alice von Bismarck und Ulrich Kabitz, München: Verlag C.H.Beck, 38. In einem Brief an Theodor Litt vom 22.1.1939 nennt Bonhoeffer den für ihn entscheidenden Grund: Weil Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist, deshalb liegen uns Mensch und Welt am Herzen, deshalb sind von da an „Gottesliebe und Bruderliebe unlöslich miteinander vereinigt“ (15:113).

9 Huber, 222.

10 Hüther, Gerald. 2018. Wissen verändert die Menschen nicht, in: Leben im Anthropozän. Christliche Perspektiven für eine Kultur der Nachhaltigkeit, München: oekom Verlag, 113-122.

11 Zu den Kehrseiten des Kapitalismus und möglichen Alternativen vgl. Kessler, Wolfgang. 2019. Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern. Eine Streitschrift, Oberursel: Publik-Forum Verlagsgesellschaft.

12 Vgl. Han, Byung-Chul. 2016. Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken, Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag, 9-18: „Der Neoliberalismus ist ein sehr effizientes, ja intelligentes System, die Freiheit selbst auszubeuten.“ Wer hier scheitert, „macht sich selbst dafür verantwortlich und schämt sich …“

13 Roth, Gerhard. 2003. Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Handeln steuert, Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag, 527.

14 Jürgen Habermas hat auf diesem Hintergrund von den „motivationalen Schwächen der Vernunftmoral“ gesprochen und auf die Kraft religiöser Bilder hingewiesen.

15 Für den Dalai Lama ist Mitgefühl das „Herz der Religionen“.

16 In einem Brief vom 8.7.1944 schreibt Bonhoeffer: „Dass eine gute ‚Gesinnung‘ an die Stelle des ganzen Guten treten könne, ist völlig unbiblisch“ (8:511). Auch die Bergpredigt kann nicht als Gesinnungsethik verstanden werden.

17 Huber, 225-229.

18 Für Bonhoeffer war dies die zutiefst widersprüchliche Situation, „um des Nächsten willen“ bereit sein zu töten, um dem millionenfachen Töten auf Schlachtfeldern und in Konzentrationslagern ein Ende zu machen (6: 280,298-299). Bei seinen Ausführungen über Stellvertretung und Schuldübernahme ist allerdings eine Idealisierung und Überhöhung nicht zu übersehen.

19 Huber, 113.

20 Abgedruckt in Zeitzeichen 4/2020, 14, in der Übersetzung von Wolfgang Huber. Vgl. dazu auch dessen einleitenden Beitrag dazu.

21 Vogel, Bernd. 2020. „Alle Angst vor der Zukunft überwunden …“ Mit Dietrich Bonhoeffer im Gespräch, Stuttgart: W. Kohlhammer, 100-115.

22 Papst Franziskus. 2015. Laudato sí. Über die Sorge für das gemeinsame Haus, Stuttgart: Verlag Katholisches Bibelwerk, Nr. 216.

23 Das Gedicht „Von guten Mächten …“ eröffnet durch seinen Plural einen Raum, in dem sich sehr unterschiedliche Menschen mit ihren je eignen Erfahrungen wiederfinden können. Deshalb ist es so beliebt. Vgl. dazu Henkys, Jürgen. 2005. Geheimnis der Freiheit. Die Gedichte Dietrich Bonhoeffers aus der Haft. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 264-265.

24 In neuerer Zeit sind etwa der „Konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ in der 1980er und 1990er Jahren oder die zur Klimakonferenz in Paris veröffentlichte Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus Beispiele, wie Kirche sich profiliert in den öffentlichen Diskurs eingebracht hat.

25 Kant, Immanuel. 1942. Kant’s gesammelte Schriften, hrsg. von der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Berlin, Bd. XX., 3. Abt., Handschriftlicher Nachlass VII, 45.

26 Hüther, 119-122.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Dr. phil. Günter Banzhaf, Jahrgang 1950, Studium der Evang. Theologie und Philosophie in Tübingen, Wien und Princeton/NJ, 2002 Promotion an der Philosophischen Fakultät Tübingen mit einer Dissertation über philosophische und theologische Konzepte von Verantwortung im 20. Jh., Pfarrer der Evang. Landeskirche in Württemberg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2021

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