Zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl am 9. Mai 2021 erscheint eine 20-Euro-Sammlermünze aus Sterlingsilber. Erstaunlich ist, was das Finanzministerium im Profilbild eines pummeligen Mädchens in geblümtem Kleid mit Rüschenkragen und herabhängenden Haarsträhnen – eher Greta Thunberg als Sophie Scholl – erblickt: „Die Bildseite zeigt ein Porträt von Sophie Scholl, das ihre besondere Persönlichkeit sichtbar macht. Die junge Frau signalisiert schon durch ihre äußere Erscheinung geistige Unabhängigkeit, Klarheit und Weisheit und die Kraft, zu ihren humanitären Prinzipien auch in höchster Lebensgefahr zu stehen. Die künstlerische Darstellung macht zudem ihre Sensibilität sichtbar und ermöglicht es dem Betrachter, Empathie für ihre Person und für ihr Handeln zu entwickeln.“ Nur, wer bereits von der Außergewöhnlichkeit der Porträtierten überzeugt ist, kann das im Werk des Künstlers Olaf Stoy erkennen, meint Robert Zoske. Dabei entspricht die charakterliche Beschreibung durchaus dem in der Öffentlichkeit verbreiteten Bild Sophie Scholls. Doch wie wurde aus der Schülerin, Kindergärtnerin, Studentin, Gottsucherin und Freiheitskämpferin eine Ikone, ein Heiligen- und Kultbild?

 

Kampf um Deutungshoheit

Am 4. Mai 1946 veröffentlichte die Schriftstellerin Ricarda Huch in der „Hessischen Zeitung“ einen Aufruf. Unter dem Titel „Für die Märtyrer der Freiheit“ bat sie, ihr Briefe und Erinnerungen an den Widerstand im Dritten Reich zur Verfügung zu stellen, denn sie wolle ein „Gedenkbuch“ zu Ehren dieser „Heldenmütigen“ verfassen. Bereits im August antwortete Inge Scholl, die Älteste der Schollkinder, überschwänglich der Dichterin. Sie kündigte einen Beitrag über ihre Geschwister an und äußerte die Hoffnung, Huchs Werk werde „ein starkes Gegengewicht bedeuten gegenüber all dem Unrat, der schon über die Lieben publiziert wurde“, und gegen den sie sich „unaufhörlich wehren mußte und weiterhin wehren werde“.

Inge Scholl hatte schon früh den Kampf um die Deutungshoheit der „Weißen Rose“ – gegen den Kehricht der Fehlinterpretationen, wie sie meinte, – aufgenommen. Sie war zeitlebens fest davon überzeugt, alleine zu wissen, wie die Dinge „wirklich“ waren und dass ausschließlich ihre familiäre Interpretation der beteiligten Personen und ihrer Taten richtig sei.

Im März 1947 sandte Scholl die sorgfältig ausgearbeiteten „Biographischen Notizen“ an Huch. Es ist die erste ausführliche Zusammenfassung und Interpretation des Lebens von Hans und Sophie aus der Sicht der Schwester. Sie will darlegen, wie es zum Widerstand 1942/43 kam. Dabei muss man sich klarmachen, dass sie damit auch der schmerzhaften Frage nachging, warum sie von ihren Geschwistern nicht in den Widerstand mit einbezogen wurde, sogar gänzlich ahnungslos war. „Ganz besonders“ wichtig sei ihr die „Aufrichtigkeit und Sachlichkeit der Schilderungen.“ Sie habe sich sehr davor gehütet, ihre Geschwister zu „verherrlichen“, sondern so geschildert, „wie sie wirklich waren.“ Die neunundvierzig Seiten sind ein hoch emotionaler, psychologischer Erklärungsversuch, eine Rückprojektion und Selbstkonstruktion, eine ahistorische Überhöhung. Die „Notizen“ waren der Vorläufer zu ihrem fünf Jahre ­später publizierten Buch „Die Weiße Rose“.

 

Innerfamiliäre Überzeichnungen

Inge Scholl verbreitete Sophies Ruf, bereits als Kind etwas Besonderes gewesen zu sein: Sie habe „eine feine Eigenwilligkeit, [...] gepaart mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl“ gehabt. Beides „beherrschte“ ganz still ihr Wesen, „als lebten sie wie ein kleiner Kern in ihr, der wächst und von innen her prägt“. Inge erläutert, Sophie habe „stets etwas ausgesprochen Eigenes und Ursprüngliches“ ausgezeichnet: „Ganz voll und tief war Sophie Kind, wie sie später Mensch war. Und dieses Kindsein währte sehr lange, es fiel nie ganz von ihr ab, sondern wuchs hinein in den Kern ihrer grossen, seltenen Reife. Diese Reife, die ungewöhnlich war, stand in gar keinem Widerspruch zu ihrer wundersamen, unnennbaren Kindlichkeit, war vielmehr zu einer untrennbaren Einheit damit verbunden und gab Sophie einen eigenartigen Charme.“

Nicht nur die Kindheit Sophies wird von Inge Scholl überzeichnet, auch die Zeit als Jugendliche und junge Erwachsene. Sozialismus stand nicht nur im Namen der NSDAP, er war Programm und sollte in der Volksgemeinschaft verwirklicht werden. Sophie versuchte, das in ihrer Gruppe des Bundes Deutscher Mädel (BDM) zu realisieren, unter anderem, in dem der mitgebrachte Proviant zufällig verteilt wurde. Das sei kein Kommunismus gewesen, so Inge Scholl: „Ein ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit war sowohl Hans als auch Sophie zutiefst eigen. […] Trotzdem war bei ihm keine Neigung zum Kommunismus zu erkennen – in keinem von uns –, wir scheuten die Ismen wie gebrannte Kinder das Feuer und waren von dem Willen erfüllt, die Dinge direkt aus der Quelle zu geniessen, ohne Flaschenverpackung und künstliche Ismen-Kohlensäure.“ Scholl marginalisiert damit die Hitlerjugendjahre ihrer Schwester unzutreffend als „kurze Episode“. In Wirklichkeit war Sophie sieben Jahre lang – auch in leitender Position – aktives Mitglied der Naziorganisation.

 

Ein Hort europäischer Kultur

Für Inge Scholl war alles eine Vorbereitung auf die heroischen Widerstandswochen 1942/43: „All dies Suchen im Geistigen, dieser Gang durch den Garten der Kultur, ist wie ein allmähliches Vorbereiten – so erscheint es mir heute mit dem Blick des Abstandes – auf eine Entwicklung, die mit dem Beginn des Krieges sich anbahnte. Mir ist, als sei der Kriegsbeginn wie ein grosser Einschnitt, der unser Leben in diesseits und jenseits von 1939 trennt.“

Die Schwester hat den Eindruck, als sammle sich die Welt und Weisheit der europäischen Kultur in Hans und Sophie, werde durch sie wieder geboren und erstrahle in neuem Glanz: „In zahllosen Gesprächen haben wir uns gemeinsam in diese Welt des Geistigen hineinbegleitet und das war das Beglückende, dass wir in diesen letzten Dingen so eins waren. Es erfüllte die letzte und verborgendste Faser unseres Daseins. […] Es ist ergreifend zu bedenken, dass es die letzten vier Jahre von Hans und Sophie waren, in denen dies geschah. Wie ein voller, überfliessender Becher drängte sich das Geistige an ihre Lippen. Es war, als drängte sich das ganze Abendland in sie ein, um in ihrem strahlenden Tod mitzuerstrahlen und aufs Neue in zarter, neuer Weise leben­dig zu werden.“

Auf den letzte Seiten ihrer „Biographischen Notizen“ stilisiert sich Inge Scholl zur Widerständlerin. Sie reiht sich ein in den Kampf ihrer Geschwister, spricht von „uns“ und „wir“ und erweckt den Anschein, von Anfang an dabei gewesen zu sein: „Das [Verbrecherische] steigerte sich und trieb uns schließlich in einen bewussten passiven Widerstand hinein. […] Las man es uns nicht vom Gesicht, von den Augen ab, dass wir anders waren, dass wir ihre Todfeinde sein mussten, weil uns unser ganzes Wesen dazu trieb, unsere ganze Einsicht und alles, was uns teuer und wert war? Weil uns unser Gewissen nicht ein, auch nicht ein kleines Zugeständnis erlaubte?“

 

Ikonografische Verklärung

In Inge Scholls Augen bleibt Sophie Scholl bis zum letzten Tag im Gefängnis Hans’ „reife und doch so kindliche“ Schwester, die sich „in diesen Tagen voller Innigkeit“ an ihn „schmiegt“, sie, „die man einmal in zärtlichem Scherz eine kleine Frauenrechtlerin genannt hatte“, habe „als Mädchen nicht anders und nicht besser behandelt werden wolle[n] als ihr Bruder, da sie ja auch dasselbe getan habe.“

Inge vollendet die ikonografische Lebenstafel ihrer Schwester: Im Gericht sei sie unerschrocken aufgetreten und habe den Nazirichtern ihre Verachtung ins Gesicht geschleudert. In den letzten Stunden habe sie „immerzu“ strahlend gelächelt, „als schaue sie in die Sonne“. Sie sei „aufrecht zum Schafott“ gegangen, „ohne mit der Wimper zu zucken und noch einen Gruß an den unmittelbar folgenden Bruder auf den Lippen“. Und sie sagt, wie das Bild zu verstehen ist: Diese „fast selig zu nennende Heiterkeit im Angesicht des Todes“ bedeute „in keiner Weise, dass sie etwa das Leben missachtet hätten. Im Gegenteil, sie liebten es und nahmen es hin mit derselben Inbrunst, mit der sie sich im Tode verschenkten. Aber sie sahen seinen letzten Sinn in einer Seligkeit, die jenseits aller Zerstörung ist und der sie entgegengingen im Glauben an Christus den Sohn Gottes, in dem sie die Liebe selbst sahen.“ Woher Inge Scholl das alles wusste, bleibt ungeklärt, denn sie war nicht im Widerstand, Gericht und Gefängnis.

Die Geschichte der „Weißen Rose“, nicht nur Sophie Scholls, wurde von traumatisierten Familienangehörigen erzählt und gedeutet. Eltern und Geschwister, Frauen und Kinder, Freundinnen und Freunde blieben konsterniert und ratlos zurück, niemand war in den Widerstand eingeweiht. Inge Scholl versuchte, diese psychische Erschütterung zu lindern, indem sie sich am zweiten Todestag ihrer Geschwister 1945 erneut taufen ließ – diesmal römisch-katholisch und sie stellte ihr Leben in den Dienst der Erzählung von Hans und Sophie. Sie erhob ihre Stimme – was sie während der NS-Zeit nicht gemacht hatte – gegen die Mehrheitsmeinung der Mitläufer und Täter. In diesem Kampf bestimmte sie, welches historische Material veröffentlicht wurde und was unter Verschluss blieb. Bis heute unterliegen einige Materialien aus dem Nachlass Inge Aicher-Scholl im Institut für Zeitgeschichte München einer familiären Zugangskontrolle.

 

Mythenbildungen diesseits und jenseits der Mauer

Trotz Scholls unermüdlichem Einsatz galt noch in den 1960er Jahren die „Weiße Rose“ als naive Idealistengruppe. Es überwog die Ansicht, dass sie eines mit Sicherheit nicht waren: Vorbilder.

In Ostdeutschland verlief die Anerkennung wesentlich schneller als im Westen, sie war aber mit einer Mythenbildung eigener Art verbunden: Dort konzentrierte man sich nicht nur auf die jüngere Schwester, sondern erkor Hans und Sophie gemeinsam zu antifaschistischen Sozialisten. Bereits am 23. September 1949, noch vor Gründung der Deutschen Demokratischen Republik, erhielt im sächsischen Freiberg auf Beschluss der Stadtverordnetenversammlung die 1515 gegründete humanistische Lateinschule den Namen „Geschwister-Scholl-Gymnasium“. Die Deutsche Post der DDR veröffentlichte 1961 die erste Briefmarke zu ihren Ehren. Die 25 (+10)-Pfennigmarke zeigt vor blauem Hintergrund Zeichnungen der scheu nach unten blickenden, kindlichen Sophie neben einem entschieden aufwärts schauenden, angejahrten Hans. Sie scheint dreizehn, er vierzig Jahre alt zu sein.

Die westdeutsche Bundespost veröffentlichte 1964 zum 20. Jahrestag des Attentats gegen Hitler einen Briefmarkenblock mit acht Widerstandskämpfern. Vor graublauem Hintergrund versammelte man dunkle Zeichnungen von drei Militärs (Beck, Moltke, Stauffenberg), zwei Kirchenvertretern (Bonhoeffer, Delp) und zwei Politikern (Goerdeler, Leuschner). Da das alles Männer waren, sollte auch eine Frau geehrt werden. Man wählte aber keine der Hingerichteten des Attentats wie Ehrengard Frank-Schultz, Elisabeth Charlotte Gloeden oder Elisabeth Kuznitzky, sondern Sophie Scholl, die ein Jahr und fünf Monate vor dem 20. Juli 1944 ermordet wurde. Als Vorlage für ihr realistisches Porträt wurde ein Passfoto von 1942 genommen.

1991 brachte die Bundespost in der Reihe „Frauen der deutschen Geschichte“ eine 150 Pfennig teure Marke mit einem Einzelporträt Sophie Scholls heraus. Die Blaustiftzeichnung auf hellem Untergrund orientierte sich wieder an dem Porträtfoto von 1942, nahm aber markante Eingriffe vor: Die jünger gezeichneten Gesichtszüge sind deutlich akzentuiert, der schmalere Mund ist fest geschlossen, die Augen funkeln und der Kopf ist selbstbewusst leicht angehoben. Auf der Fotovorlage wirkt Sophie eher depressiv, auf der Marke offensiv. Wer diese Porträtzeichnung sah, sollte in ihr sofort die Widerständlerin erkennen. Sieht es auf der DDR-Marke von 1964 so aus, als spiele Sophie noch mit Puppen, hat sie in der BRD-Version von 1991 bereits entschlossen die Tat vor Augen – oder hinter sich.

Drei Spielfilme haben das Bild der Widerstandsgruppe in der breiten Öffentlichkeit Deutschlands, und darüber hinaus, enorm beeinflusst: „Die weiße Rose“ von Michael Verhoeven (1982), „Fünf letzte Tage“ von Percy Adlon (1982) und „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ von Marc Rothemund (2005). Alle rücken Sophie Scholl in den Mittelpunkt. Sie erscheint als die zentrale, tragische Figur der Münchner Revolte. Dieses unzutreffende Bild ist so dominant, dass 2019 Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Gedenktag des 20. Juli 1944 an das „Schicksal der Gruppe um Sophie Scholl“ erinnerte.

 

Inkarnation des Widerstands?

Die Vorreiterrolle, die erste Scholl-Schule auf ihrem Territorium zu haben, war dem Osten nicht zu nehmen, aber in der Quantität übertraf der Westen sie bei weitem: Hunderte von Institutionen – von der Kindertagesstätte, Schulen, einem EU-Parlamentsgebäude in Brüssel, bis zur Seniorenparkanlage – schmücken sich inflationär und unverbindlich mit ihrem Namen.

Die Ikonisierung Sophie Scholls ist auch in der bildnerischen Erinnerungskultur präsent: Seit 2003 wird in der Gedenkstätte bedeutender Deutscher, der Walhalla bei Regensburg, aus dem Münchner Kreis allein Sophie Scholl mit einer prominent platzierten, glatt polierten Marmorbüste geehrt. Wolfgang Eckert formte sie banal-statisch als erwachsene Frau mit halblanger Haarpracht. Hier war wieder die Abbildung von 1942 Vorlage. Auf einer Tafel am Sockel steht: „Im Gedenken an alle, die gegen Unrecht, Gewalt und Terror des ‚Dritten Reiches‘ mutig Widerstand leisteten.“ Sophie Scholl wird so zur Inkarnation des Widerstands, zum nationalen Mythos – künstlerisch fragwürdig und historisch falsch, denn diese verklärende Bewunderung widerspricht klar den geschichtlichen Tatsachen: die treibende Kraft, der kreative Kopf des Münchner Widerstands, war eindeutig Hans Scholl. Seit 2005 ist zudem – neben einer abstrakten Gruppe –, ausschließlich Sophie mit einer personalisierten Bronzebüste im Lichthof der Münchner Universität, durch den die Flugblätter flatterten, präsent. Das ausdrucksstarke Werk Nicolai Tregors orientiert sich an den Aufnahmen der Jugendlichen mit Kurzhaarschnitt – dynamisch, verletzlich, androgyn.

 

Historische Korrekturen

Im Verlangen nach Anekdoten wurden im Laufe der Jahre Legenden um Sophie gerankt. Die dauerhaftesten sind: Sophie habe sich für ihre jüdische Klassenkameradin Luise Nathan vehement eingesetzt. Sie sei als einziges Mädchen ihres Jahrgangs in BDM-Uniform konfirmiert und im Herbst 1937 von der Gestapo verhaftet worden. Als Pazifistin habe sie sich schon früh gegen den Nationalsozialismus gewandt, sei Verfasserin der Flugblätter und die zentrale Gestalt der „Weißen Rose“.

Keine dieser erzählerischen Ausschmückungen ist haltbar: Luise Nathans Tochter berichtet, ihre Mutter habe stets bestritten, näheren Kontakt zur nazibegeisterten Sophie gehabt zu haben. Ihre Freundin und Mitkonfirmandin Susanne Hirzel betont, viele hätten im Konfirmationsgottesdienst die BDM-Uniform getragen, zudem war ihr Konfirmator einige Zeit HJ-Pfarrer. Sophies Schwester Elisabeth versichert, lediglich die Geschwister Werner und Inge seien abtransportiert worden, so sagt es auch Sophie in den Gestapo-Protokollen. Die Mitglieder der „Weißen Rose“ waren keine Pazifisten. Sophie forderte, die Franzosen sollten Paris bis zum letzten Schuss verteidigen, da es um die Ehre gehe; sie begrüßte die Gewalt der SS in Amsterdam, weil dadurch die Fronten geklärt würden, und sie selbst wäre bereit gewesen, Hitler zu erschießen. Sie stimmte mit Hans Scholl und Alexander Schmorell überein, die in den Flugblättern formulierten, die braune Horde Hitlers müsse angegriffen und ausgerottet werden. Im Dezember 1942 schrieb Hans, man müsse gegen die ausgebrochenen „wilden Tiere“ zur Waffe greifen, und bei den nächtlichen Graffitiaktionen hatte er eine Armeepistole dabei. Sophie war viele Jahre ein begeistertes, fanatisches Hitlermädchen. Klassenkameradinnen beschrieben die 16-Jährige als gefürchtete „150-prozentige Anhängerin des Nazi-Regimes“. Sie blieb freiwillig über das achtzehnte Lebensjahr hinaus Mitglied im BDM, besuchte weiterhin regelmäßig Heimabende und ermunterte noch 1941, ein Jahr nach ihrem Abitur, eine Freundin, es ihr gleichzutun. Von den ersten vier Flugblättern erfuhr Sophie erst im Nachhinein. 65 Prozent der ins­gesamt sechs Flugschriften sind von Hans Scholl, die übrigen Teile verfassten Alexander Schmorell und Kurt Huber.

 

Kritik und Entmythisierung

Die Legendengirlanden um Sophie sind Ausdruck des Wunsches, ihr Ausnahmehandeln noch zu steigern – als ob nicht das, was die junge Frau zuletzt tat, genügte. Der Mythos verschleiert die Wirklichkeit, durch die Entfernung von der Realität wird die Person zur entrückten Heiligen. Bei der Überbewertung Sophie Scholls für den Widerstand war sicher auch das Bedürfnis eines Geschlechterproporzes wichtig.

Es gab durchaus Kritik an diesem öffentlichen Erinnerungskult. 1968 veröffentlichte Christian Petry die erste wissenschaftliche Monografie zur „Weißen Rose“. Seine auf den damals bekannten Fakten beruhende, historisierende Untersuchung wurde vehement bekämpft. Man fürchtete eine Enteignung der privaten Geschichte durch „unfähige Historiker“ und fühlte sich aufgrund der Blutsbande moralisch im Recht, das Erbe der „Weißen Rose“ allein sachgemäß zu wahren. Doch zum ersten Mal schien es, als könnte die Familie das Monopol der Interpretation verlieren.

Als Sönke Zankel die Methode und Ergebnisse von Petry aufgriff und 2006 sowie 2008 die Ergebnisse ­seiner umfangreichen Dissertation vorlegte – zum „[Hans]Scholl-Schmorell-Kreis“, wie er korrekt formulierte –, waren die Reaktionen ganz überwiegend negativ: „absurd“, „abenteuerlich“, „bizarr“ hieß es, man glaubte, es werde ein „Kreuzzug“ gegen die Widerstandsgruppe geführt. Kaum ein Rezensent war bereit, Zankels radikaler Entmythisierung der Gruppe zu folgen. Das hat sich geändert – auch aufgrund der exzellenten Biografie von Barbara Beuys über Sophie. Sie wäre ohne den Nachlass Inge Scholls (verh. Aicher-Scholl) im Institut für Zeitgeschichte, aber auch ohne die Forschungsergebnisse Zankels nicht möglich gewesen.

 

Trennung zwischen Fakt und Fiktion

Diese Arbeiten machen deutlich, dass nach einer historisch-kritischen Analyse, nach einer Trennung zwischen Fakt und Fiktion, Sophie Scholl erst als selbstbewusste Frau ein glaubwürdiges Vorbild ist. Allerdings beherrscht immer noch Inge Scholls simplifizierendes, inzwischen millionenfach aufgelegtes, märchenhaftes Andachtstraktat „Die Weiße Rose“ das Bild von Sophie Scholl und mit ihr der anderen Freiheitskämpfer. Sie erscheint darin als schmiegsame, säkulare Konsensheilige, mit der sich jeder schmücken kann: eine selbstbewusste, emanzipierte, junge Frau, an der nichts Unvorteilhaftes, Anstößiges, Widersprüchliches war – immer sympathisch, brillant und edel. Die Anekdoten um Sophie suggerieren, ganz nahe bei ihr zu sein. Dabei werden Zitate angeführt, die – wie bei Luthers „Apfelbäumchen“ – nicht nachweisbar, oder höchst zweifelhaft sind.

Die Fotos der androgyn-burschikosen Maid mit dem kessen asymetrischen Kurzhaarschnitt verstärken das Bild einer jugendlichen Opposition. Die graue 80-Cent-Briefmarke der Deutschen Post von 2021 übernimmt das Profilfoto von 1938, das auch der Silbermünze zugrunde liegt. Dazu ist in Kleinstschrift ein Zitat von Sophies Zellenkameradin Else Gebel gesetzt. Nach ihr soll die Mitgefangene am 22. Februar 1943 gesagt haben: „So ein herrlicher sonniger Tag, und ich muss gehen. […] Was liegt an meinem Tod, wenn durch unser Handeln tausende von Menschen aufgerüttelt und geweckt werden.“ Bezeichnenderweise ist auf dem Wertzeichen das brutal-aussichtslose „muss“ durch das gefälligere „soll“ ersetzt. Und den abgebildeten provozierenden „Bubikopf“ trug Sophie schon Jahre vor dem Widerstand nicht mehr. Aber in ihrer strahlend-fröhlichen Jugendlichkeit ist sie viel einfacher zu verehren. Doch wer die Widerstandsfrau sehen will, muss die Aufnahmen aus den Jahren 1942/43 betrachten: da ist sie rundlicher, trägt ihr Haar streng gescheitelt, fast schulterlang, blickt ernst und wirkt dunkel-bedrückt – ihre Leichtigkeit und Unbekümmertheit ist dahin, aber ihre Nachdenklichkeit und Entschlossenheit sind gewachsen.

 

Schwankend zwischen Lust und Traurigkeit“

Ihre Tagebucheintragungen und Briefe zeigen Sophie Scholl nicht als Fiktion, sondern als verletzbaren und verletzenden Menschen: mit- und zartfühlend, spirituell, um Glauben und Liebe ringend, unsicher, zweifelnd, aber auch willkürlich, unausstehlich, gehemmt, eine, die zwischen hoher Begeisterung und schwermütiger Todessehnsucht taumelte, „schwankend zwischen Lust und Traurigkeit“, wie sie notierte.

Eines ihrer Tagebuchhefte begann sie mit einem Gedicht Matthias Claudius’ voller überschäumender Lebenslust: „Heute will ich fröhlich, fröhlich sein, / keine Weis und keine Sitte hören; / will mich wälzen, und für Freude schrein, / und der König soll mir das nicht wehren.“ Auf die letzte Seite desselben Diariums notierte sie ein Jesuswort über Lebenstraurigkeit und Lebensmut, das die entgegengesetzte Grenze ihrer Emotionsskala markierte: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Joh. 16,33“.

Sophie Scholl ist aufgrund ihrer letzten Taten, nicht ihres kurzen Lebens, eine außergewöhnliche, bewundernswerte Frau. Hoch zu achten ist, dass sie nach langen Jahren des Irrwegs 1942 fragt, ob sie bisher geträumt hat und erkennt: „Manchmal vielleicht. Aber ich glaube, ich bin aufgewacht.“ Sie konnte umkehren, ihren Sinn ändern, eine Denkwende vollziehen – Fähigkeiten, die heute weltweit dringend gebraucht werden. Dies und ihr tatkräftiger Einsatz im widerständigen Freiheitskampf machen sie zu Recht zu einer Ikone, einem Vor- und Leitbild für Glaubensmut, Mitmenschlichkeit und Zivilcourage. Aber sie war mehr als das.

Was bleibt? Es bleibt die Gewissheit: keine Politik, Ideologie oder gesellschaftliche Norm ist alternativlos. Es bleibt die Ermutigung: Glaube gibt Kraft zu Individualität, Widerstand und Freiheitskampf und es bleibt die Zuversicht: jede und jeder kann ihrem und seinem Gewissen, kann Gott mehr gehorchen als den Menschen.


 

Über die Autorin / den Autor:

Pastor Dr. phil. Robert M. Zoske, Jahrgang 1952, ist evangelischer Theologe und Historiker der Widerstandsgruppe "Weiße Rose", bis 2017 arbeitete er als Pastor der Evang.-Luth. Kirche in Norddeutschland, 2014 Promotion über Hans Scholl, 2018 Publikation der Biografie Flamme sein! Hans Scholl und die Weiße Rose (C.H.Beck, München), 2020 ? Sophie Scholl: Es reut mich nichts. Porträt einer Widerständigen (Propyläen, Berlin); Zitate und Bezüge des Artikels sind dort nachgewiesen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2021

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