Die Kirche hat einen universalen Verkündigungsauftrag, auf der anderen Seite wird sie in unserer Gesellschaft immer mehr als ein politischer Player mit linksliberalem Profil wahrgenommen. Durch ihre Positionierung sind ihrer Verkündigung Grenzen gesetzt. Wie ist dieses Dilemma zu lösen? Simon Bellmann plädiert in seinen Thesen für eine anstößige Kirche, die sich aus ihrer „Komfortzone“ traut.

 

Die Kirche hat den Auftrag zur universalen Verkündigung des Evangeliums. Er ist biblisch fundiert: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur!“ (Mk. 16,15, vgl. Mt. 28,19; Apg. 1,8 u.ö.). Die Grundordnung der EKD formuliert diesen Auftrag so: „Die Evangelische Kirche in Deutschland und die Gliedkirchen wissen, dass die Kirche Christi das Evangelium an die ganze Welt zu bezeugen hat.“1 Dem universalen, alle Grenzen überwindenden Heilsversprechen Jesu Christi gemäß, bemüht sich die Kirche nach Kräften, dass auch ihre Verkündigung an keiner politischen oder gesellschaftlichen Grenze haltmacht, sondern diese überschreitet. So hält etwa die Kirchenordnung der EKHN mit Blick auf die Kirchengemeinden fest: „Alle Kirchengemeinden sind zur Bezeugung des Evangeliums in allen Bereichen der Gesellschaft und zur Entwicklung dazu geeigneter Formen aufgerufen.“2

Im Folgenden werde ich die These vertreten, dass die evangelische Kirche – gemeint ist hier vereinfachend die EKD samt ihrer Gliedkirchen, repräsentiert insbesondere durch ihre Amtsträger*innen – ihrem universalen Auftrag unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht gerecht werden kann: Die Verkündigung des Evangeliums an „alle“ wird durch eine partikular ausgerichtete, oft sogar ausschließende Kommunikation verhindert. Dies lässt sich insbesondere dort zeigen, wo die Kirche als politisch wirksame Kraft auftritt und wahrgenommen wird. Als Folgerung aus dieser Analyse plädiere ich für eine biblisch-theologisch fundierte Ausweitung des Kommunikationsraums.

 

1. Kirche als politischer Player

Die Kirche tritt, so ist zunächst festzuhalten, im öffentlichen Diskurs unter anderem als politischer „Player“ in Erscheinung. Dafür gibt es gute Gründe: Das Evangelium drängt uns dazu, es nicht nur in der Kanzelpredigt, im seelsorglichen Zuspruch oder im diakonischen Handeln zu bezeugen, sondern auch im öffentlichen und durchaus auch politischen Wirken. Die Kirche nimmt dabei in Gestalt ihrer öffentlich wirkenden Vertreter*innen bzw. ihrer Publikationen auch konkrete politische Positionen ein und grenzt sich von anderen ab: Eine strikte Trennung zwischen einem „vorpolitischen“, zivilgesellschaftlichen Raum des öffentlichen Diskurses und dem Raum der (partei-)politischen Positionierungen und Entscheidungen existiert so nicht (s.u.).3 Die Kirche wird in zunehmendem Maße wahrgenommen als Organisation, die politische Anliegen vertritt, politisch argumentiert, lobbyiert und sich gegen politische Gegner wendet.

 

2. Verortung im linksliberalen Spektrum

Die Positionen der evangelischen Kirche lassen sich in vielen Politikbereichen im linksliberalen Spektrum verorten. Dies lässt sich anhand der Denkschriften der EKD seit den 1990er Jahren nachweisen,4 zeigt sich bisweilen auch an Kristallisationspunkten wie der Unterstützung eines Mittelmeer-Rettungsschiffs und wird dadurch verstärkt, dass Themen, die zur Zeit häufig diskutiert werden, dies nahelegen (Klima, Migration, Kapitalismus, Demokratie etc.). Dementsprechend werden kirchliche Positionierungen entweder begrüßt oder kritisiert, auf beiden Seiten jedoch hat das Bild von Kirche als politisch agierender Organisation stark an Bedeutung gewonnen.5

 

3. Diverse Einflussfaktoren

Zu dieser Entwicklung haben verschiedene Einflussfaktoren beigetragen:

Gesellschaftliche Nachfrage

Die Kirche wird als gesellschaftlich-politische Kraft in Anspruch genommen.6 Prominente Vertreter*innen werden von Medien zu politisch-gesellschaftlichen Themen befragt. Sie werden inner- wie außerkirchlich an ihren politischen Positionen und Aktivitäten gemessen: Dies belegen u.a. die zwei ganz unterschiedlichen Beispiele des EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm sowie des ehemaligen sächsischen Landesbischofs Carsten Rentzing. Die Nachfrage nach Kirche als gesellschaftlich orientierender und aktiver Kraft trägt dazu bei, dass die Sozialethik theologisch in den Vordergrund tritt.

Medialisierung und Personalisierung

Sichtbarkeit in den Massenmedien bedeutet, sich auf bedeutsame gesellschaftliche Diskurse einzulassen und dazu beizutragen. Dies sind aber in der Regel politische Diskurse – es sind nicht etwa religiöse Fragen im engeren Sinne, da diese keine gesamtgesellschaftliche Bedeutung mehr haben. Massenmedien – und das gilt auch für Social Media – tendieren allerdings dazu, den Diskurs auf einzelne prominente Persönlichkeiten zuzuschneiden. Diese fungieren als „Gesicht“ der von ihnen vertretenen Organisation oder Gruppierung. Dies verstärkt die Tendenz, dass die Kirche einschließlich ihrer Positionierungen als weniger vielfältig wahrgenommen und innerkirchliche Pluralität „verdeckt“ wird: Die Haltung zur Kirche entscheidet sich oftmals an der Haltung zu wenigen bekannten Persönlichkeiten und deren öffentlich geäußerten Meinungen. Im Zweifel wirkt dies eher polarisierend als öffnend und vermittelnd.

Entkirchlichung

Der Kontakt zur Kirche in religiös-praktischen Zusammenhängen wird in weiten Teilen der Gesellschaft immer schwächer – das bedeutet auch: der Kontakt mit ihrer Verkündigung. Weniger Kirchenmitglieder, weniger Gottesdienstbesuchende, weniger Kasualbegehrende, weniger Pfarrpersonen pro Einwohner, seltenere Bekanntschaft mit einer Pfarrperson etc. Dies führt dazu, dass das Gewicht des politisch-öffentlichen Auftretens der Kirche in ihrer Gesamtaußenwirkung gegenüber dem Element des im engeren Sinne Religiösen immer mehr zunimmt und mittlerweile in gesamtgesellschaftlicher Perspektive überwiegt.

Milieuverengung

Kirchliche Amtsträger*innen haben zumeist einen ähnlichen Bildungshintergrund, teilen vielfach politische Einstellungen und Ideale. Sie gehören in der Regel der von Andreas Reckwitz so benannten „Neuen Mittelklasse“ an oder suchen Anschluss an diese eher junge, kosmopolitisch orientierte Diskurselite.

Der Siegeszug der Öffentlichen Theologie

Nicht nur im theologisch-wissenschaftlichen Diskurs, sondern auch in der kirchlichen Praxis hat die Öffent­liche Theologie enorm an Bedeutung gewonnen. Die ­Kirche wird damit als öffentlich-politisch wirksame Organi­sation sichtbarer und bedeutsamer.

Politisierung und Polarisierung

Die aufgeführten Effekte werden dadurch verstärkt, dass sich in Teilen der Gesellschaft eine Re-Politisierung beobachten lässt (gerade in jüngeren Generationen, denen noch bis vor wenigen Jahren „Politikmüdigkeit“ vorgeworfen wurde). Zu konstatieren ist zudem eine verstärkte Polarisierung, die sich auch in neuen politischen Identitäten widerspiegelt, illustriert durch die Aufsplitterung der Parteienlandschaft. Politisierung und Polarisierung tragen dazu bei, dass auch die Kirche stärker unter Druck gerät, sich in politische Diskurse einzubringen und dort klar Position zu beziehen, sich damit aber auch ebenso klar abzugrenzen.

 

Zwischen universalem Verkündigungsanspruch und politischer Positionierung – Thesen zur Überwindung eines Dilemmas

1. Es gibt gute Gründe dafür, dass sich die Kirche diesen Entwicklungen nicht verschließt, sondern sie als Gestaltungsaufgabe begreift, d.h. eine politische Positionierung und Wirksamkeit nicht ablehnt, sondern diskutiert und in den öffentlichen Raum einbringt. Es lässt sich dies gar als unverzichtbarer Teil der kirchlichen Verkündigung begreifen. Aus Schuld und Verstrickung haben wir überdies gelernt, dass Kirche nicht politisch neutral sein kann.

2. Ein Problem besteht m.E. allerdings darin, dass damit unter den gegenwärtigen Bedingungen ein Widerspruch zum Auftrag der universalen Verkündigung entsteht bzw. verstärkt wird. Daran ändert sich auch nichts Grundlegendes, wenn man statt von „Verkündigung“ von „Bezeugung“ spricht. Der Widerspruch entsteht dort, wo der Raum, in dem Kirche mit möglichst vielen Menschen kommunizieren kann, durch politische Grenzziehungen – ohne diese wäre das Politische nicht politisch – so weit verengt wird, dass eine gelingende Kommunikation des Evangeliums erschwert wird oder kaum mehr möglich ist. Anders gesagt: Wer die Kirche nur mehr als „links-grün versiffte“ politische Organisation wahrnimmt – so eine im nationalkonservativen und (neu-)rechten Spektrum gängige Charakterisierung –, die in ständigem öffentlichem Widerstreit mit der eigenen Position steht, wird sich ihrer Verkündigung verschließen.

3. Unabhängig davon, ob stets alle Menschen erreicht werden können (was nicht möglich ist) oder interessiert sind (was sie nicht sind), wäre es geboten, dass die Kirche Kommunikationsräume eröffnet, in denen sie das Evangelium grundsätzlich allen Menschen zusagen kann, d.h. Menschen jeden Alters, jeder politischen Orientierung, jeder Lebenssituation, jedes sozialen Status etc. Ich behaupte: In dieser Position ist die evangelische Kirche derzeit nicht, da sie nicht nur in der Praxis, sondern bereits prinzipiell nur mit einem bestimmten Teilbereich der Gesellschaft kommunizieren kann oder will.

4. Die Situation hat eine gewisse Tragik: Die Kirche tut, was sie aus guten theologischen Gründen für geboten hält. Sie tut damit auch das, was gesellschaftlich von ihr erwartet wird – in einer Gesellschaft, die von den Kirchen immer weniger erwartet und sie teils sogar für verzichtbar hält. Die Kirche geht davon aus, darin das Evangelium authentisch zu bezeugen, natürlich auch gegen alle (politischen) Widerstände. Sie verstärkt jedoch selbst den Trend zur Partikularisierung ihrer Botschaft, wenn sie vorwiegend als Expertin für Fragen der sozialethischen Orientierung erscheint und damit gesellschaftlich faktisch die Funktion einer NGO, eines Sozial- bzw. Interessenverbandes oder ggf. gar einer Partei erfüllt. Es geht hier, wohlgemerkt, nicht darum, ob die Kirche dies beabsichtigt oder ob eine solche Zuschreibung sachlich gerechtfertigt ist, sondern lediglich darum, dass sie von (weiten) Teilen der Gesellschaft so wahrgenommen werden kann. Diese Rolle widerspricht allerdings dem Anspruch, die Kirche sei die transzendenzorientierte Institution des Glaubens, eine intermediäre Institution, in der Menschen über jede politische Gegnerschaft und Grenze hinweg zusammenfinden und sich gemeinsam auf Christus hin ausrichten.

5. Dass Kirche bei bestimmten gesellschaftlichen Gruppen mit ihrer Verkündigung wenig Gehör findet, ist nicht neu. Nach 1968 waren es (in der BRD) die jungen, politisch engagierten Linken, heute eher (oder vielmehr zusätzlich) Konservative und Neurechte jeden Alters (außer- und innerhalb der Kirche). Wie lässt sich damit umgehen?

6. Manche fordern weniger Eindeutigkeiten in politisch-moralischen Urteilen,7 andere wünschen sich ein Zurückfahren der politischen Rede der Kirche.8 Dem schließe ich mich nicht an. Notwendig ist aber nach den oben skizzierten Überlegungen eine Ausweitung des Kommunikationsraums – des Raums, in dem Kommunikation des Evangeliums stattfinden kann. Das bedeutet: Erschließung neuer Kommunikationsorte sowie Erschließung der theologischen Dimension an vorhandenen Kommunikationsorten. Anders gesagt: ein Verlassen der „Komfortzone“. Mild polemisch ausgedrückt lässt sich wohl sagen: Die politische, mit dem Verweis auf das Nächstenliebegebot garnierte Rede in „Tagesschau“-Interviews oder auf Kirchentagssymposien ist deutlich die Komfortzone kirchlicher Vertreter*innen.9 Doch nur, wenn wir unsere Komfortzone verlassen, besteht die Chance auf eine Ausweitung des Kommunikations- und damit des Verkündigungsraums. Zwei biblische Beispiele mögen dies erhellen: Amos und Paulus.

7. Amos geht hin zu den „fetten Kühen auf dem Berge Samarias“ (Am. 4,1) und predigt ihnen das Gericht Gottes. Entscheidend ist: Er geht hin, wo die „fetten Kühe“ bereits sind. Er geht an ihren Ort und verlässt dafür seine Komfortzone. Leichter wäre es für ihn, in seinem Umfeld zu bleiben und über die fetten Kühe „da drüben“ zu predigen. Doch er verlässt seinen Diskurszirkel und verkündigt die schroffe Wahrheit ganz direkt denen, die sie sonst kaum hören würden und die auch jetzt die Ohren verschließen wollen, den ruhestörenden Propheten vor ihrer Haustür jedoch nicht zum Schweigen bringen können.

8. Könnte dies ein Impuls sein für eine milieuverengte Kirche, der es leichter fällt, in eigenen Diskurszirkeln zu verbleiben und dort über „die anderen“ zu predigen? Die spürt, dass in den Bänken inzwischen kaum mehr viele AfD-Wähler*innen sitzen, während von der Kanzel aber gleichwohl Warnungen vor der Wahl dieser Partei gepredigt werden? Die so gut wie keine kommunikative Kontaktfläche mit solcherlei neurechten Kreisen hat? Die dort auch nicht hingeht (zumindest wäre es mir entgangen) und das Gericht (gern auch das Heil) predigt, sondern sich darauf beschränkt, politisch Position gegen solche Gruppen zu beziehen? Die weder in deren weit verzweigten Online-Communities präsent ist noch auf andere Art und Weise mit ihnen kommuniziert?

9. Es sei daran erinnert, dass Amos den Menschen seiner „Zielgruppe“ predigt, weil sie zum Volk Gottes gehören. Gott selbst hat ihm dies aufgetragen. Für die Kirche gilt: Alle sollen nach dem Auftrag Christi zum Volk Gottes werden, daher ist eine Verkündigung gefordert, die sich zumindest darum bemüht, diesem universalen Auftrag nachzukommen, soweit es eben praktisch möglich ist. Dieser Auftrag lässt sich auch so formulieren: „Geht auch da hin, wo die anderen sind, die Fremden, die Unangenehmen!“

10. Paulus wiederum predigt auf dem Areopag „das Evangelium von Jesus und von der Auferstehung“ (Apg. 17,18) und erklärt, „was ihr unwissend verehrt“ (Apg. 17,23). Zuvor spricht er zunächst auf dem Markt und in der Synagoge „vor denen, die sich einfanden“ (Apg. 17,17), geht dann aber mit seiner Botschaft auf den Areopag. Das ist sicher nicht seine „Komfortzone“. Er setzt sich dem Spott aus, als er von der Auferstehung der Toten spricht (Apg. 17,32). Paulus ist zwar ein gebildeter Mann, aber in den Philosophenzirkeln, die hier ihre Debatten führen, ist er mit seiner Lehre ein krasser, seltsamer Außenseiter. Paulus geht dahin, wo man über ihn spottet. Und er verkündigt genau jene Botschaften, die ihm Spott einbringen.

11. Könnte dies ein Impuls sein für eine Kirche, deren Vertreter*innen gern in die Talkshows und Zeitungsredaktionen gehen, in die sie eingeladen werden, um dort eine Botschaft zu senden, die erwartbar, vorabgesprochen und nachgefragt ist? An eine Gruppe, die sie eigentlich schon kennt und von der wohlwollende Rückmeldungen zu erwarten sind? Wie wäre es, wenn wir dort das predigen würden, was uns sogar bei diesem wohlmeinenden Publikum bisweilen Spott einbringen müsste? Wie wäre es, wenn wir sodann auch dorthin gingen, wo wir ohnehin Spott erwarten können? Wenn wir etwa auch auf dem „Christen in der AfD“-Abend zur Rettung des christlich-jüdischen Abendlandes darüber predigen würden, „was ihr unwissend verehrt (und verteidigt)“?

12. Sind solcherlei Gedankenspiele in der Praxis zum Scheitern verurteilt? Ich bin nicht sicher. Amos und Paulus jedenfalls sind nicht gescheitert, sondern haben schlicht ihren (bisweilen unangenehmen) Auftrag erfüllt. Auch der Auftrag der Kirche lässt sich erfüllen. Sie muss und darf dazu nicht politisch schweigsam werden, denn die politische Rede ist Teil ihrer Verkündigung. Sie sollte sich aber auch nicht auf den verengten Kommunikationsraum zurückziehen, der durch ihre politische Rede ausgeformt wird. Die Kirche sollte auch in jenen Diskurszirkeln predigen, in denen sie weder „zu Hause“ noch willkommen ist: „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht“ (Röm. 1,16). Der Skandal des Kreuzes (1. Kor. 1,23) kann sich darin zeigen, dass wir in einer Weise verkündigen, die von vielen als skandalös beurteilt wird, mit der wir aber schlicht den Auftrag Christi erfüllen: Eine Lautsprecher-Predigt vor der Neonazi-Versammlung oder ein theologischer Beitrag in der Facebook-Gruppe des Alice-Weidel-Fanclubs erschließen neue, bislang unentdeckte Räume für die Kommunikation des Evangeliums. Eine nicht nur politische, sondern auch ausdrücklich theologische Beurteilung der Krise im Mittelmeer bei „Maybrit Illner“ erschließt die Dimension des Evangeliums in diesem wohl bekannten Kommunikationsraum: Wie steht es denn, so könnten wir mit Paulus fragen, nicht nur um unsere viel beschworene Nächstenliebe und deren politische Folgen, sondern etwa um die Auferstehung Aylan Kurdis und der vielen anderen Mittelmeertoten? Nehmen wir doch solch eine theologische und homiletische Herausforderung frohen Mutes an.

13. Diese – sicherlich noch zu wenig durchdachten – Ideen sind vom universalen Verkündigungsauftrag her gedacht. Wirkung und etwaiger „Erfolg“ einer solchen Kommunikation des Evangeliums hingegen stehen außerhalb unserer Verfügungsgewalt und können getrost Gott überlassen werden.

 

Anmerkungen

1 Grundordnung der EKD, Art. 16, Abs. 1.

2 Kirchenordnung der EKHN, Art. 10, Abs. 3.

3 Die gegenteilige Ansicht ist m.E. realitätsfern (s. auch die nächste These). Sie wird u.a. von Heinrich Bedford-Strohm vertreten: „Parteipolitik – das war schon immer klar – darf ohnehin keine Rolle spielen“. Interview bei „Christ & Welt“, publiziert 31.07.2020 bei „ZEIT“-Online, abgerufen über zeit.de/2020/32/ekd-zukunftspapier-reformvorschlaege-sparmassnahmen-politische-einmischung/komplettansicht.

4 Vgl. Daniel Thieme und Antonius Liedhegener: „Linksaußen“, politische Mitte oder doch ganz anders? Die Positionierung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im parteipolitischen Spektrum der postsäkularen Gesellschaft, in: Politische Vierteljahresschrift 56/2 (2015), 240-277.

5 Vgl. Roger Mielke: Das Pathos des Politischen. Wandlungsdynamiken der Demokratie im Blick evangelischer Ethik, in: Zeitschrift für Evangelische Ethik 63 (2019), 266-279, 277-278: „Was von den Kirchen selbst etwa in der Bewertung von Asyl und Zuwanderung als menschenrechtlich basierte und im Herzen des Evangeliums verankerte ‚Advocacy‘ für besonders schutzbedürftige Menschen gemeint ist, wird in der Wahrnehmung der veränderten politischen Öffentlichkeit als Parteilichkeit im Sinne der politics empfunden – und je nach Präferenz des Urteilenden begrüßt oder verworfen.“

6 Vgl. beispielhaft etwa die Aussagen des Politikwissenschaftlers Wolfgang Schroeder, der die Kirchen als „Institutionen der Wertesicherung“ sieht, „als Anwalt von Werten und einem geglückten Zusammenleben“. Daher müssten sie „rote Linien ziehen“. Interview im „Deutschlandfunk“ vom 15.06.2020, abgerufen über deutschlandfunk.de/umgang-mit-rechten-stroemungen-die-kirchen-muessen-rote.886.de.html?dram:article_id=478653.

7 Vgl. die Aussagen von Ulrich Körtner nach einem Bericht der Agentur epd, abgerufen über evangelisch.de/inhalte/146160/27-09-2017/theologe-kirchen-haben-moeglicherweise-afd-wahlerfolg-beguenstigt.

8 Vgl. Udo Schnelle: Die Kirche verleugnet ihre Grundlagen, Leserbrief in: FAZ 10.07.2020, abge­rufen über faz.net/aktuell/politik/briefe-an-die-herausgeber/briefe-an-die-herausgeber-vom-10-juli-2020-16853874.html.

9 Insofern kann es kaum verwundern, dass Heinrich Bedford-Strohm betont, auf die Rettungsschiff-Initiative hin habe er mehr positive Rückmeldungen erhalten als jemals zuvor.

 

Über die Autorin / den Autor:

WM Dr. Simon Bellmann, Jahrgang 1984, nach dem Theologiestudium Diplom (2013) und Promotion (2019) in Halle/Saale, 2020 Zweites Theologisches Examen der EKHN, derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur für Bibelwissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Monografie: "Politische Theologie im frühen Juden­tum: Eine Analyse der fünf Versionen des Esther­buches" (Berlin 2020).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2021

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