Warum nehmen die Teilnahme am Gottesdienst und die Vertrautheit mit biblischen Geschichten in der Mehrzahl der landeskirchlichen Gemeinden seit langem ab? Warum kehren jährlich Hunderttausende den Großkirchen in Deutschland den Rücken? Warum breitet sich der religiöse Analphabetismus in den protestantisch geprägten Gesellschaften des Westens immer weiter aus? Wegen der Missbrauchsfälle in der röm.-kath. Kirche? Ja. Wegen der Kirchensteuer? Ja. Wegen des Überdrusses an Großinstitutionen, unter dem auch Gewerkschaften und Parteien leiden? Ja. Aber der wichtigste Grund ist für Ernst Vielhaber ein anderer: Menschen fangen mit den überlieferten Formeln des Glaubens nicht mehr viel an, weil die traditionellen Glaubensbekenntnisse und die Bibelauslegung gefesselt sind an ein veraltetes Welt- und Geschichtsbild.

 

Ein allmächtiger Gott im Himmel, der einen Sohn hat, geboren von der Jungfrau Maria, auferstanden, aufgefahren in den Himmel, der wiederkommen wird und den Glaubenden ein ewiges Leben schenkt – diese fast 2000 Jahre alten Formulierungen im Glaubensbekenntnis sind für aufgeklärte, kritische Menschen im Europa des 21. Jh. fremd und unverständlich geworden. Auch sehr viele der heutigen Pastorinnen und Pastoren nehmen diese Sätze nicht wörtlich, sondern als Bildworte, als Symbole. Werden sie gebeten, ihre eigene Überzeugung zum Ausdruck zu bringen, greifen sie zu ganz anderen Formulierungen.

 

Unverständliche Glaubenstraditionen

Für die biblischen Autoren war es einfach selbstverständlich, dass die Erde eine flache Scheibe ist, dass tief unter ihr die Schatten der Toten dahindämmern und dass oberhalb der Erdscheibe und über der Himmelskuppel Geister, Engel und Gott selbst ihren Platz haben. Für sie war es selbstverständlich, dass die Zeitepoche, in der sie lebten, bald zu Ende gehen und dass nach dem Zusammenbruch der gegenwärtigen Welt etwas ganz Neues beginnen werde. Dieses im damaligen Judentum gängige Welt- und Geschichtsbild teilte auch Jesus. Er hat es aber nie besonders hervorgehoben.

Das neuzeitliche Bild vom Universum fußt nicht mehr nur auf den Vorstellungen eines Archimedes, Euklid oder Ptolemäus, sondern vor allem auf der modernen Astronomie. Kapitäne heutiger Schiffe navigieren nicht mit den Orientierungsmitteln antiker Seefahrer, sondern mit den aktuellsten Seekarten, heute mehr und mehr in digitaler Version und GPS-gestützt. Warum sollten Christen sich dann ausgerechnet bei der Kursbestimmung für ihr persönliches Leben und für die Entwicklung der Gesellschaft nach den Vorstellungen richten, die man zur Zeit Jesu vom Aufbau und der künftigen Entwicklung des Universums hatte?

Für die biblischen Autoren hatte Gott seinen Platz oberhalb des sichtbaren Himmels. Dorthin musste nach ihrer Vorstellung also auch der Auferstandene aufsteigen, um den ihm gebührenden Platz zur Rechten Gottes einzunehmen. Und von dort wurde Jesu machtvolle Rückkehr erwartet, die zur umfassenden Bekehrung oder endgültigen Verdammung aller Nichtchristen führen sollte. Einen solchen himmlischen Ort braucht der Gottesglaube nicht, wenn er sich löst von dem im Grunde immer noch menschenähnlichen Bild, das die frühen Christen sich von Gott machten – im Widerspruch zu dem schon seit Urzeiten beschworenen Gebot „Du sollst dir (von Gott) kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen“. Versteht man Gott als den, „worauf du dein Herz hängest und verlässest“ (Martin Luther, Gr. Katechismus, zum 1. Gebot), dann ist es unnötig, sein tremendum und fascinosum, seine Unantastbarkeit und Überlegenheit durch einen Thron im Himmel zu veranschaulichen oder durch strahlende Helligkeit, wie wir sie von der Sonne kennen. Es genügt, wenn wir beherzigen: er geht uns unbedingt an, er nimmt uns in Anspruch, und wir können und sollen uns ihm völlig anvertrauen.

 

Falsche Jenseitsorientierung

So wie das Weltbild war auch das Geschichtsbild vor 2000 Jahren ein anderes als heute. Zum jüdisch-christlichen Geschichtsbild gehörte die Erwartung, dass die gegenwärtige Welt nach einer gewissen, eventuell sehr kurzen Zeit untergehen werde. Gott werde dann eine paradiesische neue Welt erschaffen, in der die Frommen eine ewige Seligkeit erleben. Von allen Qualen und Lasten des gegenwärtigen Lebens (Tod, Kampf ums Dasein, Naturkatastrophen und Missernten) sollten sie dort verschont bleiben, alle Sehnsüchte und Wünsche nach einem erfüllten, gelingenden Leben in Frieden sollten dort erfüllt sein. Die Erwartung einer solchen künftigen Heilszeit hat – das zeigen Kirchen- und Kunstgeschichte – dazu geführt, dass die Glaubenden sich zu intensiv und ausdauernd mit dem beschäftigten, was sie nach dem Tode erhofften, und zu wenig auf das achteten, was Gott für das gegenwärtige Leben an Gutem tut und verheißt.

Der Gott, von dem Jesus sprach, ist ein „Gott der Lebenden“ (Mk. 12,27). In den Begegnungen mit Jesus haben Menschen Erfahrungen gemacht, die sie zutiefst ermutigten und trösteten: Er wandte sich ihnen zu, ließ sie gelten, erkannte sie an, nahm sie in Schutz. Und solche Heilserfahrungen blieben nicht auf persönliche Begegnungen mit ihm beschränkt. Sie wiederholen sich bis heute überall da, wo wir mit Menschen zu tun haben, die nach den Geboten handeln, wie Jesus sie in der Bergpredigt ausgelegt hat, mit Menschen, die sich versöhnen, statt zu zürnen, die ihrem Ehepartner treu sind und sich an die Wahrheit halten, die ihre Feinde lieben und auf Vergeltung verzichten (Mt. 5,38-47), die andere nicht verurteilen (Mt. 7,1ff), die barmherzig handeln (Lk. 10,25ff). Da, wo diese Gebote erfüllt werden, erleben es Hilfsbedürftige bis heute, dass ihnen gegeben wird, wenn sie bitten, dass ihnen aufgetan wird, wenn sie anklopfen (Mt. 7,7); sie erleben es durch Menschen, die geben und öffnen.

 

Das Heil vollzieht sich in der Gegenwart

Damit das gegenwärtige Wirken Gottes wieder deutlicher wahrgenommen werden und damit es die Gesellschaft durchgreifender verändern kann, sollte das Heil, auf das Christen hoffen, nicht in erster Linie als ewiges Leben bezeichnet werden. Ewig, Ewigkeit – diese Wörter benennen ja landläufig nicht das immer schon von Gott uns zugedachte erfüllte Leben, sondern vor allem ein jenseitiges, erst nach dem Tode beginnendes Leben, das deshalb vielfach als Illusion abgetan oder verhöhnt wird. Das Heil vollzieht sich aber, wenn auch stets punktuell oder fragmentarisch, bereits mitten in der Gegen­wart.

Darum sollte sich die Sprache des Glaubens nicht nur, wie oben beschrieben, von den räumlichen Vorstellungen des antiken Weltbildes lösen. Sie sollte sich auch lösen von den zeitlichen Elementen des jüdisch-frühchristlichen Geschichtsbildes. Die Vorstellung einer künftigen Heilszeit lässt sich verstehen als eine Projektionsfläche, auf die Vollkommenheitshoffnungen projiziert wurden, deren Realisierung auf der vorhandenen Erde undenkbar erschien. Die zeitliche Dimension lässt sich durch eine qualitative ersetzen.

Die Wahrheit der christlichen Hoffnung tritt klarer hervor, wenn man in Sätzen, die (auch) Wesentliches über das gegenwärtige Leben der Christen sagen, das Adjektiv „ewig“ durch andere Wörter ersetzt. Man kann vom echten, wahren, sinnvollen Leben sprechen, von einem Leben, das zählt, das sich lohnt. Wie viel nicht gelebtes Leben gibt es! „Dass er starb, ist noch kein Beweis dafür, dass er gelebt hat“, schrieb StanisÅ‚aw Jerzy Lec in seinen „Unfrisierten Gedanken“ (München 81965, 37). Mancher kennt nur seine Arbeit. Ist das ein Leben? In einem formalen Sinne des Wortes „Leben“ muss man sagen: ja. Irgendwie „lebt“ der emsige Mensch. Aber in einem anderen Sinne gilt: das ist doch kein Leben! Der Stumpfsinn täglicher Arbeitsqual und täglicher Hetze ist ein Stück Tod. Wer sein Leben verfehlt, nimmt den Tod vorweg.

Der Epheserbrief spricht davon, dass Gott Menschen, die vorher der Sünde verfallen waren, schon jetzt lebendig gemacht hat (Eph. 2,4-7). Nach Joh. ist Jesus zu den Menschen „gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen“ (10,10). Glaubende führen – so sagt es der johanneische Christus – ein solches Leben, dessen Geltung der Tod nicht auslöscht, bereits jetzt: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen“ (Joh. 5,24; vgl. 6,47; 11,25; 1. Joh. 3,14). Glaubende sind hindurchgedrungen zu einer tiefen Gottverbundenheit, in der sie alles, was sie haben und genießen, als Gabe Gottes erkennen, dankbar annehmen und ihrem Nächsten daran Anteil geben.

 

Entschlüsselung biblischer Texte

Wird der christliche Glaube von den Fesseln des antiken Welt- und Geschichtsbildes befreit, so hat das Auswirkungen auf die Gottesdienste und die Verkündigung. Einige Kerntexte der Bibel können nicht mehr einfach vorgelesen, sondern müssen entschlüsselt werden. Am 1. Sonntag nach Epiphanias z.B. muss erläutert werden, dass zwar die Taufe Jesu durch Johannes ein historisches Faktum ist, dass aber die Begleitumstände, die Mt. 3,14-17 geschildert werden, keine Tatsachen im heutigen Sinne sind, sondern Sprachbilder und Symbole, mit denen erst die nachösterliche Gemeinde ihre Überzeugung zum Ausdruck brachte, Gott habe Jesus zu seinem Bevollmächtigten eingesetzt, und bereits Johannes der Täufer habe diesen Rang Jesu begriffen und anerkannt.

Zu Ostern feiern wir nicht, dass Jesus sein Grab körperlich verlassen und noch Wochen nach seiner Hinrichtung real mit den Jüngern gesprochen und gegessen habe. Wir feiern, dass der Glaube der Jünger, der durch die Hinrichtung ihres Meisters ins Wanken geraten war, wieder lebendig wurde. Wir feiern, dass die Liebe Gottes lebt, die Jesus bezeugt hat. Sein Verhalten, seine Zuwendung zu den Armen, den Leidenden, den Geringen ist nicht ausgelöscht, sondern wirkt weiter.

Wer solche Klarstellungen scheut und statt dessen die Auferstehungsgeschichten der Evangelien als Stützen einer fundamentalistischen Behauptungstheologie missbraucht („Er ist wahrhaftig auferstanden!“), der leistet dem Vorurteil Vorschub, die Bibel sei ein Märchenbuch und vernünftige, kritisch denkende Leute könnten keine Christen sein. Wenn sie „das alles glauben müssen“, wenn sie das Apostolikum in jedem Sonntagsgottesdienst mitsprechen sollen, dann könnten sie diesen Glauben und diese Kirche nicht mehr als ihre Sache ansehen.

 

Erneuerung gottesdienstlicher Verkündigung

Warum wird der Gemeinde nicht wenigstens ein- oder zweimal im Monat eins der zahllosen neueren Bekenntnisse (z.B. http://www.der-schwache-glaube.de/2015/08/24/glaubensbekenntnisse-wilhelm-willms-dorothee-solle-jorg-zink-und-andere-muss-noch-erganzt-werden-christoph-fleischer-werl-2010/ oder: https://www.helmut-theodor-rohner.eu/glaubens.html) zum Mitsprechen angeboten? Ich fürchte: aus Bequemlichkeit, aus Fahrlässigkeit – nicht aus Prinzip.

Damit die Kirche die Herzen und Köpfe auch kritischer Menschen wieder erreicht und für den Glauben gewinnt, braucht sie eine Erneuerung in ihrem Innersten: in der Verkündigung. Sie muss den Menschen innerhalb des heutigen Weltbildes verständlich machen, was die Botschaft Jesu für ihr tägliches Leben bedeutet.

Natürlich gehört dazu, dass wir die Sprachen Jesu und der biblischen Autoren in die Sprache unserer Hörer übersetzen. Aber Übersetzen ist nicht genug. Wir müssen nicht nur Wörter, sondern auch Vorstellungen aktualisieren, sie ersetzen durch entsprechende Vorstellungen unserer Zeit.1 Wenn wir allsonntäglich im Credo unseren Glauben mit Worten und Vorstellungen formulieren, die über 1600 Jahre alt sind, machen wir modernen Menschen den Zugang unnötig schwer. Statt Freude und Neugier lösen wir damit Irritation und Abwehr aus, die wir nicht als Unglauben diffamieren dürfen. Die alten Formulierungen sind „Fremdwörter“, die sorgfältig in heutige Vorstellungen übertragen werden sollten. Wir dürfen, ja wir müssen die Kirche aus der babylonischen Gefangenschaft des antiken Weltbildes befreien. Wir müssen die alte Melodie auf modernen Instrumenten spielen. Wir müssen das Gottvertrauen, von dem Jesus sich tragen ließ, in unser eigenes Leben, in unsere Rationalität, in das Weltbild der aufgeklärten Neuzeit herüberholen. Wir brauchen neue Koordinaten des Glaubens. Wir brauchen sie für die Predigt und für den kirchlichen Unterricht. Und wir brauchen sie für das gottesdienstliche Bekenntnis, das nicht mehr nur mit den Formulierungen der ersten fünf Jahrhunderte ausgesprochen werden kann, in denen der Glaube der Kirche noch in den Kinderschuhen steckte.

 

Wenn der Glaube erwachsen wird …

Dabei behalten die biblischen Autoren immer einen Vorrang vor den heutigen Lesern und Auslegern. Alle genaueren Informationen über Jesus und seine Botschaft verdanken sie den Autoren. Insofern begegnen sie einander nicht auf Augenhöhe. Immer schaut der Leser oder Ausleger auf zum Autor. Er ist nicht gleichrangig. Aber er ist Partner. Er unterwirft sich nicht. Er ist erwachsen, er ist mündig. In seiner Mündigkeit vollzieht er einen weiteren nötigen Schritt im Prozess der Aufklärung. Er prüft, sichtet, überträgt, er macht sein aktuelles Weltbild und Geschichtsverständnis geltend.

Ausgelöst wird der Glaube meist im Kindesalter und durch den erlebten Glauben anderer. Aber wenn der Glaube erwachsen wird, muss er auch kritischen Nachfragen standhalten, und zu ihnen gehört die Frage nach der geschichtlichen Wahrheit. Auf faith fiction ist genau so wenig Verlass wie auf science fiction, auf fake oldies genau so wenig wie auf fake news. Wer sich oder anderen Rechenschaft darüber geben will, wer Jesus wirklich war und was er wollte, kann nicht voraussetzen, dass die Bibel ein heiliges Buch sei, das irrtumsfrei und unverfälscht und leicht verständlich Auskunft über Jesus gibt. Er muss sich vielmehr der Mittel bedienen, die Geschichtswissenschaft und Hermeneutik ganz allgemein für den Umgang mit Dokumenten zur Verfügung stellen, seien sie religiöser, poetischer, wissenschaftlicher, juristischer, politischer oder irgendwelcher anderer Art. Er hat mit erwachsenen, kritischen Zeitgenossen zu tun, und sie nimmt er nicht ernst, wenn er zu ihnen wie zu Kindern redet. Er muss den Glauben an Jesus für heutige Leserinnen und Hörer in heutigen Vorstellungen formulieren.

Diese Aktualisierung des Bekenntnisses ist eine umfassende und schwierige Aufgabe. Dafür müsste der „Diskussionsstillstand in der Kirche“ überwunden werden, den Markus Beile mit Recht beim Namen genannt und beklagt hat (DPfBl 1/2018, 40). Und dafür müssten Christen über alle Konfessionsgrenzen hinweg zusammenarbeiten und sich auf gemeinsame Grundsätze der Schriftauslegung verständigen. Am Ende eines langen konziliaren Prozesses könnte und sollte ein neues Credo stehen, das in einer wachsenden Zahl von Gemeinden Anerkennung findet und regelmäßig verwendet wird.

Ernst Vielhaber

 

Anmerkung

1 Vorschläge dafür habe ich vorgelegt in: Ernst Vielhaber, Alten Wein in neue Schläuche! – Biblische Sprachbilder für heute gedeutet, Gütersloh 2010.

 

Über die Autorin / den Autor:

Superintendent i.R. Dr. Ernst Vielhaber, Jahrgang 1934, nach Studium und Promotion zum Dr. theol. von 1963-1970 in der Militärseelsorge tätig, danach Pfarrer in einer Neubaugemeinde in Hannover, 1979-1998 Superintendent des Kirchenkreises Hittfeld bei Hamburg, 15 Jahre lang Mitglied der Landessynode der Evang.-luth. Kirche Hannovers.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2021

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.