VII. Partiell mächtig

In seiner Predigt sagte Johannes: Es kommt nach mir ­einer, der mächtiger ist als ich, dem ich nicht würdig bin, mich bückend den Riemen an seinen Sandalen zu lösen. (Mk. 1,7)

Jetzt gibt Markus doch noch etwas vom Wortlaut der Predigt des Täufers wieder. Was er sagt, weist von ihm selber weg und auf Jesus hin. Doch es sagt indirekt auch etwas über ihn aus. Ich mache das an dem Wort „mächtiger“ fest. Es ist ein Komparativ und die Vergleichsgröße ist Johannes selbst. Der, der nach ihm komme, sei mächtiger als er. Das ist dem Sohn Gottes gegenüber eigentlich eine triviale Feststellung. Natürlich weiß ich, dass man sie im Sinne eines „Vorläufer-Vollender-Modells“ interpretieren kann oder als vorausgesehenes Kräftemessen mit dem Satan. Aber ich finde einen anderen Gedanken interessanter: Wenn Jesus mächtiger ist als Johannes, dann ist Johannes wohl auch mächtig. Nicht allmächtig, denn sonst wäre Jesus ja nicht mächtiger; aber wohl auch nicht ohnmächtig, denn dann wäre das „mächtiger“ nicht sehr beeindruckend. Ruth Cohn würde wohl sagen: Johannes ist – wie überhaupt alle Menschen – nicht allmächtig und nicht ohnmächtig, sondern partiell mächtig.

Ruth Cohn war eine wichtige Vertreterin der humanistischen Psychologie und entwickelte mit der „Themenzentrierten Interaktion“ (kurz: TZI) ein besonderes Gruppenarbeitskonzept. Es ging ihr dabei nicht um therapeutische Hilfe zur Selbstverwirklichung, sondern um die Befreiung des Menschen zum politischen Handeln. Aufgrund ihrer Erfahrungen als Jüdin in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus, konzipierte Ruth Cohn die TZI nicht als reine Methodenlehre, sondern als Wertesystem mit Axiomen, Postulaten und Hilfsregeln. Sie zielen darauf ab, dass jeder Mensch zunächst die Verantwortung für sich selber übernimmt, dann aber auch – soweit das durch sein eigenes Handeln möglich ist – für die Gruppe, Gemeinschaft oder Gesellschaft, in der er lebt, lernt oder arbeitet. Dadurch hat jeder Mensch eine partielle Macht, die er mit dem Ziel der Humanität einsetzen kann und soll.

Wenn Johannes predigt, dass nach ihm einer kommt, der mächtiger ist als er, dann konstatiert er damit nicht nur seine eigene „partielle“ Macht, sondern verweist zugleich auf die weitaus größere Macht Gottes, die in Jesus erschienen ist. Sie ist Paulus zufolge in den Schwachen mächtig (vgl. 2. Kor. 12,9) und zeigt diesen, dass sie nicht ohnmächtig, sondern partiell mächtig sind.

Dafür, dass diese partielle Macht für Ruth Cohn immer auch auf politisches Handeln abzielt, kann man übrigens Johannes den Täufer als Beispiel anführen. Er mied die Auseinandersetzung mit Herodes Antipas nicht, in der es nur vordergründig um Ehemoral ging, in Wirklichkeit aber um knallharte Machtpolitik (vgl. Mk. 6,17f).

Sascha Flüchter

 

(Fortsetzung folgt)


 

Über die Autorin / den Autor:

Kirchenrat Dr. Sascha Flüchter (Evang. Kirche im Rheinland) hat den Anfang des ältesten Evangeliums einer differenzierten Betrachtung unterzogen und präsentiert seine Überlegungen zu den ersten acht Versen des Markusevangeliums in ­einer kleinen Serie von acht Essays.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2021

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