Das Handeln Gottes in der Erfahrung des Glaubens“ – unter diesem Titel wird im Frühjahr 2021 im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen ein Buch erscheinen, das ein dem Thema gewidmetes Votum des Theologischen Ausschusses der Union Evangelischer Kirchen in der EKD (UEK) enthält. Der einführende Vortrag fand viel Resonanz und wurde immer wieder nachgefragt. Deshalb wird er im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Vandenhoeck & Ruprecht dokumentiert.*

 

Wie erfährt der Glaube das Handeln Gottes? Mit dieser Frage hat sich der Theol. Ausschuss der UEK in den vergangenen Jahren intensiv beschäftigt. Das Ergebnis legen wir nun auf der letzten Tagung der Dritten Vollkonferenz vor.

Die Frage nach dem Handeln Gottes hat für den Glauben allergrößtes Gewicht, sie berührt gleichsam seine Schlagader. Denn kann man einen Gott, der nicht handelt, ernstnehmen? Kann man ihn anrufen, zu ihm beten? Kann man sich ihm anvertrauen, darauf hoffen, dass er auf unsere Gebete eingeht? Und um die Alternative anzudeuten: Was wäre von einem Gott zu halten, zu dessen höchster Vollkommenheit es gehört, selbstversunken ausschließlich um sich selbst zu kreisen oder irgendwo ein weltentzogenes Dasein am menschlichen Ideenhimmel zu fristen?

 

Gott handelt zum Heil des Menschen

Mit großer Entschiedenheit werben die Texte der Bibel für die Gewissheit, dass Gott ein handelnder Gott ist. Gott handelt, indem er erwählt, Barmherzigkeit übt, Vergebung schenkt und neue Anfänge ermöglicht. Das heißt: Er handelt zum Heil des Menschen. Der Wirkungsradius des göttlichen Handelns ist freilich so weit gespannt, dass alle Welt und alle Menschen von ihm profitieren. Sein Handeln – soweit es sich im Glauben erschließt – beginnt mit dem ersten Tag der Schöpfung. Fürsorgend und erhaltend, aber bisweilen auch irritierend und verstörend, begleitet es die kreatürlichen und geschichtlichen Prozesse, um sich mit dem Anbruch des Reiches Gottes zu vollenden.

So lassen sich mehrere, untrennbar zusammengehörende Dimensionen des Handelns Gottes ausmachen: das Handeln als Schöpfer, das Handeln als Versöhner und das Handeln als Erlöser von Welt und Mensch. Das Bekenntnis zum dreieinigen Gott, wie es im Votum entfaltet wird, ist eine grundlegende Hilfe für das Verstehen des Handelns Gottes. Gott der Vater ist der Ursprung aller Schöpfungsprozesse. Gott der Sohn ist der Ursprung aller Versöhnungsgeschichten, wobei Gottes Handeln im Wirken Jesu Christi in besonderer Weise anschaulich wird. Und Gott der Heilige Geist ist der Ursprung aller Gottesgegenwart im menschlichen Leben. In der Kraft des Heiligen Geistes erfahren die Glaubenden, dass sie mit Jesus Christus verbunden sind, Vergebung erfahren und hoffen und lieben können.

 

Was ist eigentlich „Handeln“?

Aber was ist eigentlich Handeln? Schon im Blick auf das menschliche Handeln ist diese Frage nicht leicht zu beantworten. Ist jedes Wirken ein Handeln? Ist jedes Verhalten ein Handeln? Was unterscheidet das Verhalten vom Handeln? Und lässt sich unter Umständen auch das Nicht-Handeln als Handeln auffassen? Was schon im Blick auf das menschliche Handeln nur scheinbar leicht zu beantworten ist, wird im Blick auf Gottes Handeln zu einer hochkomplexen Herausforderung für das Nachdenken.

Die biblischen Texte gehen hier erstaunlich behutsam und differenziert vor. Die Vorstellungen vom menschlichen Handeln werden nicht unreflektiert auf Gottes Handeln übertragen. Darin besteht eine wichtige Erkenntnis der biblischen Partien unseres Votums. So kennt die Bibel auch keinen allgemeinen Begriff für das Handeln Gottes. In der atl. Überlieferung wird von Gottes Handeln in seinen konkreten Taten erzählt. Auch wenn die Texte dies anthropomorph, d.h. vermenschlichend tun, bedeutet dies nicht, dass die Erzähler „naive“ Vorstellungen von Gott und seinem Handeln gehabt hätten. In der Kombination von Begriffen und Metaphern entstehen Brechungen, die die jeweiligen Konkretionen von Aussagen und Bildern wieder verschwimmen lassen und so bewusst auf die Grenzen menschlicher Rede von Gottes Handeln verweisen.

Ein Beispiel bietet etwa Ps. 102,20f, wonach Gott „vom Himmel auf die Erde sieht, dass er das Seufzen der Gefangenen höre“. So entsteht eine Art „Unschärfebereich“, der letztlich das göttliche Handeln als Geheimnis markiert. Gottes Handeln ist nicht unmittelbar zugänglich. Es muss durch Geschichten und die deutenden Worte der Propheten erschlossen werden.

Das NT denkt auf dieser Linie weiter. Hier sind es Jesus von Nazareth und dann auch die Apostel, hinter deren Worten und Taten das Handeln Gottes aufleuchtet. Es ist keine Frage, dass Gott handelt. Aber wie er handelt, bleibt immer wieder sein Geheimnis. Das kann man sich gut an der Auferstehung Jesu verdeutlichen. Sie gilt dem NT als das entscheidende Handeln Gottes. Ausdrücklich wird gesagt: „Jesus ist (von Gott) auferweckt worden“ (Mk. 16,6). Oder: „Gott hat ihn auferweckt von den Toten“ (Röm. 10,9 u.ö.). Und doch wird dieses Auferweckungshandeln Gottes als solches im NT niemals „beschrieben“ oder „erzählt“, als wäre es ein womöglich von neutralen Zeugen beobachtbares Ereignis. Zugleich wird den Glaubenden die Einsicht erschlossen, dass Gott auch dort handelt, wo es nach menschlichen Maßstäben als unmöglich erscheint.

 

Die Erkenntnis des Handelns Gottes setzt Glauben voraus

Vom Handeln Gottes kann demnach nicht so geredet werden, als handele es sich dabei um ein für jedermann sichtbares Eingreifen Gottes in den Zusammenhang von Natur und Geschichte. Die Erkenntnis seines Handelns setzt Glauben voraus. Das ist eine Grundregel. Ein Beispiel, das jeder kennt, ist das Dankgebet. Im Dankgebet kommen die unterschiedlichsten Erfahrungen in den Blick, die als Spuren des Handelns Gottes gedeutet und benannt werden. Das ist durchaus ein Wagnis. Aber mit diesem Wagnis wird die Vorstellung vom Handeln Gottes aus ihrer dogmatischen Verschalung herausgelöst und an unser alltägliches Leben zurückgebunden. Das Votum sagt dazu: „Solche indirekte Rede ist die eigentliche Rede vom Handeln Gottes. Als Rede von eigenen Widerfahrnissen und Erfahrungen ist sie Rede vom Handeln Gottes auf dem Umweg seiner Wirkungen“.

Wenn nun im Votum gesagt wird, dass die Rede vom Handeln Gottes eine Metapher sei, soll der Wirklichkeitsgehalt dieser Rede bekräftigt und gerade nicht auf das Feld des Uneigentlichen verschoben werden. Die entsprechende Passage sollte man sehr genau lesen, zumal sie von grundlegender Bedeutung für das Verständnis religiöser Sprache, ja der Sprache überhaupt ist. Sprache vollzieht sich „in, mit und unter“ Metaphern – erst so wird sie überhaupt eigentlich. Metaphern sind kreativ-schöpferische Sprachfiguren, die neue Aspekte der Wirklichkeit erschließen und uns etwas zu sehen geben, was wir ohne sie nicht erkennen würden.

Die Metapher vom Handeln Gottes erweitert unsere Aussagemöglichkeiten im Blick auf das Verhältnis zwischen unserer Welt und der Wirklichkeit Gottes. Sie spricht der Wirklichkeit der Welt etwas zu, was in ihr selbst und aus ihr selbst heraus gerade nicht aufweisbar ist. Wir alle wissen um die Zerreißproben, in die unser Glaube angesichts der erlebten und erlittenen Krisen und Katastrophen der Menschheitsgeschichte immer wieder gerät. Sie müssen nicht durch trotzig-waghalsige Sinndeutungen oder gar durch die Verabschiedung Gottes aufgefangen werden. Die Metapher vom Handeln Gottes eröffnet hier neue Möglichkeiten. Sie entlastet uns von der verzweifelten Suche nach Antworten (die in Wirklichkeit keine sind) „und versetzt gerade so in die Freiheit der Kinder Gottes, getrost zu erwarten, was kommen mag“.

 

Zumutungen des Glaubens

Als wir die Arbeit an diesem Votum abschlossen, befanden wir ins mitten in der ersten Phase der Corona-Pandemie. Manche Andeutungen im Text lassen das erkennen. Sollten wir den Text um einige Passagen zur Anfechtung des Glaubens durch diese Krise erweitern? Kann nicht das ganze Votum auch als Handreichung für den Umgang mit der Corona-Krise gelesen?

Wir haben uns dazu entschieden, das Votum nicht zu verändern. Die Corona-Krise ist nicht die erste Zumutung für die Rede vom Handeln Gottes und sie wird auch nicht die letzte Zumutung dieser Art bleiben. Wir haben gefragt: Müsste Gott, dessen Liebe und Allmacht geglaubt werden, nicht dafür sorgen, „dass die Menschheit von Hungersnöten, Epidemien, Kriegen und Katastrophen verschont bleibt“? Im Abschnitt über das Gebet werden Klage und Bitte um Bewahrung angesprochen. Und schließlich kommen die vielfältigen bitteren Erfahrungen von Not, Leid und Unglück zur Sprache, die die Rede vom Handeln Gottes mit erheblichen Zweifeln belasten.

Bei der Last dieser Zweifel soll der Glaube freilich nicht stehenbleiben. Die erste weiterführende Einsicht wird darin bestehen, dass Gott sich in seinem Handeln durch eine Pandemie nicht begrenzen lässt. Es gab im Frühjahr 2020 die Kontroverse, ob zwischen der Corona-Pandemie und dem Gericht Gottes ein Zusammenhang bestehe. Ist diese Krise ein Gericht Gottes oder ist sie es nicht? Die einen bejahten, die anderen verneinten diese Frage, wobei in unserer Kirche die Verneiner die große Mehrheit bildeten. Aber woher wussten die einen so genau, was sie behaupteten, und die anderen so genau, was sie verneinten? Man müsste ein Prophet sein, um bei der Antwort auf diese Frage in der einen oder anderen Richtung das Richtige zu treffen.

 

Allmacht und Allwirksamkeit – ein feiner Unterschied

Hier würde es weiterhelfen, wenn man sich klarmacht, dass zwischen der Allmacht Gottes und der Vorstellung von einer alles und jedes unmittelbar bewirkenden Allwirksamkeit erhebliche Unterschiede bestehen. Allmacht und Allwirksamkeit dürfen auf keinen Fall gleichgesetzt werden. Im Blick auf das göttliche Ausruhen am siebten Schöpfungstag und auf die Passivität des leidenden Christus gesteht das Votum Gott die Möglichkeit zu, sich in seinem Handeln zurückzunehmen. Der allmächtige Gott hat ein Recht auf Passivität. Er darf nicht auf das moderne „Aktivitätsparadigma“ festgelegt werden, demzufolge nur als wirklich gilt, was wirksam ist und Wirkung entfaltet. Der Respekt vor dem Recht Gottes auf Passivität lindert zwar unsere Anfechtung nicht. Aber er bewahrt uns vor dem Missverständnis, diese Pandemie sei ein der Wirklichkeit Gottes entzogenes Aktionsfeld – die Evolutionsstufe eines Virus, die mit Gott nicht das Geringste zu tun haben kann.

Gerade in einer solchen Pandemie soll und will Gott ja angerufen werden – in der Klage über Leid und Tod und in der Bitte um Verschonung und Bewahrung. Das ist hier die zweite weiterführende Einsicht. Wir sollen und können uns Gott mit der inständigen Bitte nähern, er möge Medizin, Politik und Gesellschaft den Kampf mit dem Virus aussichtsreich bestehen lassen, er möge den Menschen Wege zu einer Normalisierung des Alltags schenken und allen die Kraft zum Ertragen und Aushalten. Um all das können wir gar nicht genug beten.

Wir wenden uns zu einem Gott, „der Lasten auf uns legt, doch uns mit unsern Lasten trägt“, wie es in klassischer Zuspitzung im gesungenen Ps. 68 heißt (EG 281,3 zu Ps. 80,20). Wir beten zu einem Gott, der vom Propheten Jeremia mit den Worten zitiert wird: „Sie werden weinend kommen, aber ich will sie trösten und leiten“ (Jer. 31,9). Das ist der Monatsspruch für diesen von einem Lockdown dominierten November. Möge die Kraft seiner Zusage von vielen Menschen erfahren werden!

 

Anmerkung

* Das Votum wurde auf der 7. Tagung der Dritten Vollkonferenz der UEK (digital) am 9. November 2020 vom Vorsitzenden des Theol. Ausschusses der UEK Prof. Dr. Michael Beintker vorgestellt und mit großer Zustimmung beschlossen. Zitate im Text sind dem Votum entnommen.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Beintker, Jahrgang 1947, Promotion (1972) und Habilitation (1984) in Halle/Saale, 1992-2015 Professor für Syst. Theologie und Direktor des Seminars für Reformierte Theologie an der Universität Münster, Vorsitz im Theol. Ausschuss der Union Evangelischer ­Kirchen (UEK).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2021

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