Das Märchen „Schneewittchen“ hatte in der Seelsorge Barbara Wilhelmis einen festen Platz. Ihr Beitrag hebt die Bedeutung des Märchens für Frauen hervor und behandelt die Gefahr einer Kindheit, die vom Schönheitsdiktat bestimmt wird, sowie Probleme von Frauen mit der Identifikation als Mutter und die Schwierigkeit des Älterwerdens.

 

Ein Märchen für ein Frauenleben

Das Märchen „Schneewittchen“ ist in besonderer Weise ein „Frauenmärchen“, das die Gefahren einer Kindheit unter dem Schönheitsdiktat bis zu den Problemen der Frauen nach der Menopause thematisiert. Das hat auch Bedeutung für die Arbeit mit diesem Märchen, z.B. in Gruppengesprächen einer onkologischen Reha-Klinik mit Brustkrebspatientinnen.

Ein Hauptmotiv ist der Blick in den Spiegel, der einerseits ein alltäglicher Blick ist, aber im Älterwerden und besonders nach einer Chemotherapie plötzlich negative Gefühle und Emotionen wecken kann und zu einem besonderen Anblick wird. Oft wird dieses Märchenmotiv zu sehr mit der „bösen Stiefmutter“ verbunden und die eigene Erfahrung beim Blick in den Spiegel als verboten abgespalten; ein Blick, der die Betrachterin entsetzen lässt, niedergeschlagen oder wütend machen kann. In der Märchenarbeit mit Erwachsenen ist aber die scharfe Abgrenzung zu den im Märchen als „böse“ gekennzeichneten Figuren nicht angezeigt – im Gegensatz zur Märchenerzählung für Kinder. So birgt gerade die Auseinandersetzung mit der sog. Stiefmutter im Märchen „Schneewittchen“ Möglichkeiten für die eigene Bezugnahme und für das gemeinsame Gespräch über das Älterwerden als Frau.

Mittlerweile wird dieses Thema in größerem Maß diskutiert als früher, als es meist nur um medizinische Ratschläge über den Hormoneinsatz in der Menopause ging und um den Hinweis auf die Möglichkeiten des Wachsens der spirituellen Kräfte zur „weisen Alten“. Die französische Schriftstellerin Simone de Beauvoir gehörte zu den wenigen, die das Abhandenkommen des „Wahrgenommenwerdens“ der Frau in der Öffentlichkeit schon vor Jahrzehnten beschrieben haben.1 Zurzeit mehren sich die Publikationen über die Erfahrungen der alten Frau, die sich nicht davor scheuen, das Übersehenwerden im Straßenbild und die daraus resultierenden existentiellen Probleme zu verbalisieren. So schreibt beispielsweise Bascha Mika in ihrem Buch Mutprobe darüber, wie Frauen in Konkurrenz gesetzt werden und „sich fremde Zuschreibungen zu eigen machen“.2 Das Motiv der „Konkurrenz“ ist im Märchen „Schneewittchen“ ein zentraler Inhalt und es ist durchaus angezeigt, in der Seelsorge Frauen Gelegenheit zu geben, eigene Erfahrungen zu diesem Thema auszusprechen.

Für die Patientinnen ergibt sich noch zusätzlich, dass oft eine harte Krankheit den Körper gezeichnet und sich vielleicht ein Haarverlust in oder nach einer Chemotherapie eingestellt hat, was die Auseinandersetzung mit dem Spiegelbild erschwert. Viele Betroffene erzählen, dass Bekannte und Freunde sie nicht mehr erkannt hätten, und so spricht der Spiegel, von dem im Märchen gesagt wird, er sage immer die Wahrheit, schmerzlich in die eigene Erfahrung hinein.

 

Der Blick durch den Rahmen

Mit dem scheinbar friedlichen Bild einer Frau am Fenster beginnt das Märchen. Es ist „mitten im Winter und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab, da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte“. Der Schnee bedeckt das Land weich und zart in Flocken – und es ist spürbar, dass damit eine harte Wirklichkeit zugedeckt und die dunkle Erde nur weiß gefärbt wird. Man mag sich fragen, ob es tatsächlich ein friedlicher Wintertag oder nicht doch die stillstehende Winterdepression ist, was auch im Blick durch den schwarzen Rahmen nach draußen angedeutet wird. Die Frau am Fenster, eine Königin, näht – wie Maria am Vorhang des Tempels oder wie es die adligen Frauen über Jahrhunderte in kalten Schlössern getan haben sollen.

Das stille, private Nähen war eine Beschäftigung für Frauen. Diese Beschaulichkeit ist jäh zu Ende, als sich die Frau sticht. Es ist der Kairos, der Augenblick, der alles ändert. Das plötzliche Blut auf dem weißen Schnee wird zum Zeichen. In der Deutung kann es zum Blutfleck nach dem ersten Mal werden, der rot auf weiß früher hochgehalten und andernorts wohl noch immer vorgezeigt wird. Durch diesen Stich wird ein Kinderwunsch bei der Frau geweckt. Es wird auch der Grund genannt, der zum Kinderwunsch der Königin führt: „Weil das Rote auf dem Weißen so schön aussah“, sehnt sich die Königin ein Kind herbei, das „so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen“ ist.

Schönheit als Lebenssinn

Die Mutter wünscht sich kein Kind, bei dem es egal ist, wie es aussieht, nein, diese Königin wünscht sich ein schönes Kind. Und das wird seinen Weg bestimmen bis zum Schluss. Dann allerdings wird Schneewittchen ein neues Leben mit anderen Werten finden, aber bis dahin ist es ein langer und gefahrvoller Weg.

Die Bestimmung des Mädchens zum Schönsein bietet viele aktuelle Anknüpfungspunkte in der Auslegung. Folgt man diesem Gedankengang und wird die Schwarzweißzeichnung der beiden Frauenfiguren, weggenommen, kann im Gespräch zu beiden ein Bezug hergestellt werden – zu Schneewittchen und zur Königin, was durch die Abspaltung der „bösen“ Königin nicht möglich wäre. In der ersten Fassung der Märchen gibt es ohnehin nur diese eine Königin; erst später fügen die Grimms eine „böse“ Stiefmutter hinzu als neue Königin, die sich der König „über ein Jahr“ als Gemahlin genommen habe. Übrigens kommt dieser im weiteren Verlauf der Geschichte weder als Ehemann dieser Königin, noch als Vater von Schneewittchen, nicht einmal mehr als ­König vor.

Mit der Erwähnung des Todes der ersten Königin bei der Geburt des Kindes wird eine zusätzliche Lebensschwierigkeit Schneewittchens initiiert, die jedoch nicht grundsätzlich eine Veränderung in der Interpretation herbeiführt. Bei genauem Hinsehen ist es eher so, dass die erste Königin gleich der zweiten, der sog. Stiefmutter, die Schönheit als Lebensthema hat und an dieser Stelle keine Entscheidung erforderlich ist. Im Folgenden wird die Bezeichnung die zweite Königin oder Königin gewählt an Stelle von Stiefmutter.

 

Mutteridentität

Die verbindende Interpretation der zweiten Königin als veränderter Teil der ersten ermöglicht auch den Hinweis auf eine Schwierigkeit für Frauen, nach einer Geburt, plötzlich ihre Identität als Frau mit dem Muttersein vereinbaren zu müssen. In dieser neuen Lebenssituation können Ängste auftauchen, nun nicht mehr als Frau wahrgenommen zu werden, sondern nur noch Mutter des Kindes zu sein und damit das Frausein zu verlieren. Manche tauschen es gleich ganz aus und sind ab der Geburt ihres Kindes eben nur noch Mutter oder andere nur Frau, das Eine oder das Andere. In unserem Märchen wird in der Königin eine Frau gezeigt, der die Mutteridentität nicht gelingt.

Als Schneewittchen sieben Jahre alt wird, kommt es zu einer Wende: Die Königin befragt ihren Spiegel, der nun das junge Mädchen für schöner erklärt als sie selbst. Das Märchen, das mit einem Blick aus dem Rahmen eines schwarzen Fensters begann, erzählt nun wieder von einem Blick. Die Königin sieht in den Rahmen eines Spiegels – in ihr Spiegelbild. Vielleicht war schon der erste Blick aus dem Fensterrahmen eine Sehnsucht nach dem eigenen Bild voller Schönheit, die die Königin in das erwünschte Kind hineinlegte. Ab dem siebten Lebensjahr Schneewittchens wird die Königin, die anscheinend vorher selbstsicher mit ihrem Spiegelbild kommunizierte, in Schrecken versetzt, denn der Spiegel, der vorher auf die Frage „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ immer geantwortet hatte: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land“, entgegnet nun plötzlich: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr“. Von da an tritt die Königin zu Schneewittchen in Konkurrenz.

Die Zahl 7 könnte, auf der geschichtlichen Ebene betrachtet, in eine Zeit weisen, in der Menschen ab dem 7. Lebensjahr als Erwachsene galten wie etwa im Mittelalter. Andererseits ist die Sieben eine der wichtigen Zahlen in der christlich-jüdischen Zahlensymbolik, ähnlich der Zwölf. Sie kommt im Märchen auch an anderer Stelle vor. Es sind sieben Zwerge und die Königin macht sich über sieben Berge zu ihnen auf.

 

Der Blick in den Spiegel

Verlassen wir an dieser Stelle kurz die Königin und betrachten unsere eigenen Erfahrungen mit dem Spiegelblick, der sehr unterschiedlich sein kann, je nach Lebensphase und Situation. Der Spiegel als Gegenüber hat im Älterwerden seine besondere Bedeutung. Viele Frauen verschweigen ab einem bestimmten Alter ihr Geburtsjahr – oder aber sie sagen es ständig ganz bewusst, wobei die Problematik damit nicht gelöst wird. Das Alter ist für Frauen ein Thema in einer Welt, in der es besonders auf Jugend und Schönheit ankommt, besonders in einer Zeit, die sehr von Bewertungen und Kommentaren geprägt wird.

In der Klinik für Brustkrebspatientinnen hat dieses Märchenmotiv noch eine tiefere Bedeutung und ist eng verwoben mit den akuten Lebenserfahrungen: Der Blick in den Spiegel ist für einen von Krankheit gezeichneten Menschen sehr schwer. Es geht dabei nicht nur um einen erstmaligen Anblick nach dem Verlust der Haare – nein, es ist ein langer Prozess in der Auseinandersetzung mit dem Ich, mit der Krankheit, bestenfalls mit dem Selbst und dem Inneren hinter allem sichtbaren anderen. Vielleicht ist es für Männer einfacher, der Mode folgend, sich die Haare bewusst vorher abzurasieren, um diese Auseinandersetzung jedenfalls zu Beginn zu steuern. Aber um die Beschäftigung mit dem Spiegelbild kommen auch sie nicht umhin. Dennoch ist „Frauen und Haare“ ein eigenes Thema, das gerade an dieser Stelle des Märchens einen wichtigen Platz einnimmt: nämlich auszusprechen, was besser nicht länger alleine und still in sich behalten werden sollte, sondern was für die Patientinnen heilsamer wäre, wenn sie es aussprechen, und vor allem, wenn sie es mit anderen teilen könnten. Es kann sich so günstigenfalls ein souveräner Umgang mit dem Spiegelbild einstellen.

 

Leiden und Vorteile des Schönsein-Müssens

Die Schönheit als einziger Lebensinhalt bestimmt nicht nur die Königin. Auch das Leben von Schneewittchen ist davon geprägt und das macht sich im Verlauf des Märchens an vielen Stellen bemerkbar. Es wird zum Leiden am Schönsein-Müssen durch die Lebensbedrohung und die eigene Unfähigkeit des jungen Mädchens, sich zu schützen vor den verlockenden, aber giftigen, Angeboten der Königin, denen es nicht zu widerstehen vermag. Wer nur im Wettbewerb lebt, will gegen den anderen gewinnen, und hier wird die schlimmste Version gezeigt, die im Hass und im Vernichtungswillen endet. Die Königin beschließt, Schneewittchen auszumerzen. Jedoch hat der Jäger, den sie damit beauftragt, es zu töten, Mitleid, „weil es so schön ist“. Wieder geht es um das Schönsein, aber zumindest hat hier der Blick auf das schöne Kind eine gute Wirkung. Der Jäger lässt Schneewittchen leben.

Das Märchen von Schneewittchen fängt mit dem Stillstand an: der Blick durch das schwarz umrandete Fenster. Durch den Stich in den Finger entsteht Neues, aber jetzt kommt Bewegung in die Geschichte, denn das Mädchen beginnt zu laufen. Es rennt weg vom Jäger, von der Mutter, von der tödlichen Bedrohung durch die Königin. Es ist im Wald „mutterselig-allein“ und es läuft „über spitze Steine und durch die Dornen“. Es ist ein blindes Laufen aus Angst – immer weiter in den Wald hinein, gewissermaßen paradox im Nicht-Wissen-wie-­weiter.

 

Im Schutz der Zwerge

Die Erfahrung, dass nach dem eigenen Leben getrachtet wird, ist für Krebspatientinnen eine Wirklichkeit, die sich über Monate oder Jahre erstrecken kann. Die Dynamik des Märchens, die in dem Vernichtungswunsch der Königin seinen Ausgang hat und hier in der Angst vor den wilden Tieren und vor dem dunklen Wald weitergeht, bestimmt die Handlung und wird auf der Gefühlsebene auch ähnlich von den Patientinnen empfunden. Die lebensbedrohliche Stimmung des Märchens kommt gerade hier in seiner Unbestimmtheit den persönlichen Krankheitserfahrungen nahe, was später bei den rabiaten Tötungsversuchen der Königin gegenüber Schneewittchens nicht mehr gelingt und dort auch nicht angezeigt ist, weil die Problematik des jungen Mädchens aus anderem Grund im Vordergrund stehen wird.

Schneewittchen geschieht im Wald nichts, selbst die wilden Tiere tun ihr nichts an. Mit der Ankunft im Haus der sieben Zwerge bekommt das Märchen zunächst eine humorvolle Seite. Geschildert werden recht merkwürdige Gestalten, die auf der einen Seite fast kleinlich und zwanghaft erscheinen, aber im Ganzen doch gutmütig sind. Sie sind klein und sie werden sogar einmal Zwerglein genannt. Alles in ihrem Haus ist ebenfalls klein, von den Tellerlein, über die Messerlein bis zu den Becherlein. Für Schneewittchen wird dieses, von „Kleinheit“ geprägte Haus, zum Schutzraum in der Zeit der Bedrohung durch den gewissen „Größenwahn“ der Königin.

Auch die Zwerge stellen fest: „Ei du mein Gott! Ei, du mein Gott! … was ist das Kind so schön!“, aber sie haben „Freude“ an ihrer Schönheit und wollen Schneewittchen gar nicht aufwecken. Erst am anderen Morgen gewähren sie ihr eine Bleibe, „bei der es ihr an nichts fehlen solle“, wenn sie den Haushalt versieht, was bedeutet zu „kochen, betten, waschen, nähen und stricken und … alles ordentlich und reinlich zu halten“, kurz, die Zwerge wollen eine tadellose Hausfrau einstellen.

In der Auslegung des Märchens für Frauen, ist dieses „Hausfrauenmodell“ eine Besprechung wert. Es erscheint fast, als entwerfen die Zwerge die Rolle der bürgerlichen Hausfrau, die es vor dem 19. Jh. so noch nicht gegeben hat. Der „Haushalt“ war vorher eine Zusammenarbeit vieler Generationen in einer Familie, dazu kamen gegebenenfalls die Knechte und Mägde. Die Zwerge sind von Beruf Bergleute, „die in den Bergen nach Erz hackten und gruben“. Sie werden hier zwar nicht im Aussehen beschrieben, aber wir stellen sie uns aus Abbildungen mit Zipfelmützen vor. Aus dem Gold- und Erzabbau in den Alpen ist bekannt, dass mit Stroh ausgestopfte spitze Mützen als Schutzhelme vor wenigen Jahrhunderten noch benutzt wurden, um in die niedrigen Stollen der Berge hineinkriechen zu können. Es wurden dazu mehrheitlich kleingewachsene junge Männer, vor allem auch Kinder eingestellt. Das Aussehen der Zwerge scheint dieser vergangenen Arbeitswelt entnommen zu sein. Gleichwohl hat die Figur des Zwergs natürlich auch eine mythische Bedeutung und ist den nordeuropäischen Trollen ähnlich. In den Märchen der Brüder Grimm kommen unterschiedliche Modelle vor. Die Zwerge können gut oder böse sein, mit mystischen Verwandlungskünsten begabt oder, wie hier, hauptsächlich gutmütige, fürsorgliche Arbeiter.

 

Das traumatisierte Kind

In der Zeit, die Schneewittchen bei den sieben Zwergen verbringt, fällt auf, dass es die Gefahr, die von der Königin ausgeht, nicht erkennt. Die Königin hatte wieder ihren Spiegel befragt und dieser hatte ihr die Existenz des Mädchens verraten: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen bei den sieben Zwergen über den Bergen ist tausendmal schöner als Ihr“. Sie braucht drei Versuche, um die Rivalin zu vernichten, bis der Spiegel schließlich wunschgemäß antwortet: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land“.

Das junge Mädchen realisiert die Bedrohung auch beim zweiten und dritten Anschlag nicht, trotz der Warnung der Zwerge. Es erscheint uns damit als sehr naiv, weil sie sich immer aufs Neue auf die vermeintliche Händlerin und Bäuerin einlässt, die ihr schmückende Ware verkaufen möchte. Zum einen ist es verständlich, dass das „Schönsein-Wollen“ als einziger Lebensinhalt einen großen Platz in Schneewittchens Leben hat und der Schnürriemen und der Kamm attraktiv für das Mädchen erscheinen, so dass sie trotz aller Warnungen zugreift.

Aber mehr noch als das, könnte uns in der Figur des Schneewittchens ein traumatisiertes Kind begegnen, das die Realität verleugnet – verleugnen muss. Es tut so, als gäbe es tatsächliche Bedrohung nicht, ähnlich dem Spiel eines kleinen Kindes, das sich die eigenen Augen zuhält, um sich so zu verstecken. Damit lässt es sich und das Außen verschwinden.

In psychologischen Untersuchungen wurde das Verhalten von Kindern bei frühem Elternverlust untersucht.3 Nicht ungewöhnlich ist es, dass sie beim Erhalt fataler Nachrichten scheinbar unberührt weiterspielen und so tun, als wäre nichts geschehen. Diese Verleugnung – eher eine magische Beschwörung – ist ein kindlicher Versuch, etwas ungeschehen zu machen. In dieser Situation ist für dieses Mädchen anscheinend ein sich real schützendes Verhalten unmöglich, denn die „heile“ Welt wird „gespielt“, als ob nichts passiert wäre.

Immerhin reagiert Schneewittchen beim dritten Mal anders als die Königin wieder über die sieben Berge zu dem Haus der sieben Zwerge kommt, nun in Gestalt einer Bäuerin mit „gefärbtem“ Gesicht. Schneewittchen ist vorsichtiger, allerdings nur auf Geheiß der Zwerge, im Gehorsam. Sie will die Tür nicht öffnen, weil „die Zwerge es verboten haben“. Es spürt selbst immer noch nichts von der Bedrohung und lässt sich im Blick- und Sprechkontakt wieder auf die Königin ein.

 

Zwischen Medea und Aphrodite

Alle drei Waren der Königin, die sie Schneewittchen präsentiert, haben etwas mit dem Schönsein zu tun: der Schnürriemen, der Kamm und auch der Apfel – ihn kennen wir aus der griechischen Mythologie: Aphrodite bekommt als Schönste den Apfel überreicht. Aber der Apfel kann auch die Lust am Genuss vermitteln, immerhin „lusterte“ Schneewittchen danach und er könnte auch der Vorbote der baldigen Liebe sein, mit dieser Werthaltung wird ja die Wende zum Leben geschehen. Die Nähe zum „Apfel“ der Eva, wie die „Frucht“ aus Gen. in der Überlieferung schließlich bestimmt wurde, und damit zum Thema „Verführung“, stellt sich nur bedingt ein. Die Raffinesse der Königin steht über der Naivität des Schneewittchens, die von der Königin ausgenutzt wird und sie verführt ja auch das Kind dazu, vom „roten“ Teil des Apfels zu essen.

In diesem Teil können wir in der Königin auch eine Figur aus der antiken Literatur entdecken: Medea, mit Hexenkünsten begabt, geht mit einem stark wirkenden Gift gegen eine Jüngere vor. Sie schickt zur Hochzeit ein schmückendes Kleid, das durch das Anziehen tödlich wirkt, also auch in der Berührung – wie bei Schneewittchens Kamm. Es handelt sich um ein Gift, das bereits durch Kontakt wirkt. Nach dem dritten Besuch der Königin sinkt Schneewittchen scheinbar tot nieder. Die Zwerge suchen nach ihrer Rückkehr aus den Bergen nach der tödlichen Einwirkung, aber sie können nichts entdecken und beginnen zu trauern.

Im Märchen treten bei der Totenwache für Schneewittchen Tiere auf, die es ebenfalls beweinen. Nacheinander werden genannt: Eule, Rabe und Taube. Die Eule, ist nicht nur der Vogel Athens, bzw. der griechischen Göttin Athene, sondern auch bei uns bekannt als Weisheitsvogel und steht möglicherweise in Verbindung zum Tod, obwohl das in größerem Maße für das Käuzchen gilt. Der Rabe galt bei den Germanen und Kelten als wichtiger Vogel – in der Zweiheit begleiten die Raben Wotan. Der Rabe ist auch ein Weisheitsvogel, der in die Zukunft weisen kann. Die Taube kennen wir als Liebes- und Friedensvogel. Die Taube soll nach dem biblischen Text bei der Taufe Jesu anwesend gewesen sein und ist Symbol für den göttlichen Geist. Aber auch sie weist auf Zukunft und Rettung, wie bei Noah. Die Taube trägt zunächst den Zweig im Schnabel als Zeichen des beginnenden Wachstums nach dem Abfließen des Wassers. Schließlich bleibt sie ganz weg und lässt so den Schluss zu, dass nun das Land trocken sei und die Lebewesen gerettet die Arche verlassen können.

 

Der gläserne Sarg

Zu einer Art Arche kommt es auch bei Schneewittchen. Nachdem die Zwerge Schneewittchen nicht wiederbeleben können, halten sie zunächst in der Trauer inne und beschließen dann, Schneewittchen nicht wie üblich in der dunklen Erde zu begraben, „weil es so schön ist“. Wieder wird als Grund ihre Schönheit angeben und wieder erweist sich, wie schon beim Jäger, die Schönheit als lebensrettend. Die Zwerge fertigen einen durchsichtigen, gläsernen Sarg an und stellen ihn auf den Berg. Mit großer Schrift schreiben sie darauf, wer darin liegt und wer Schneewittchen ist, eine Königstochter.

Bei dem Sarg auf dem Berg fällt die Nähe zur „Stadt auf dem Berge“ auf, die nicht verborgen sein kann, und es klingt das Licht an, das an gleicher Stelle in der Bergpredigt nicht unter den Scheffel gestellt werden sollte, damit es leuchten kann (Mt. 5,14-16). Das Öffentlich-Machen (die Durchsichtigkeit) steht hier im Gegensatz zum Verborgenen in der dunklen Erde, und so verwest Schneewittchen nicht, sondern bleibt „noch so weiß als Schnee, so rot als Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz“. Ein Königssohn „geriet in den Wald“ und, nachdem er im Zwergenhaus übernachtet hatte, sieht er den gläsernen Sarg mit Schneewittchen und liest die goldene Schrift.

 

Die Gabe – das Geschenk

Wieder gibt es einen Blick, nun auf das schöne Schneewittchen durch den Königssohn, der die Zwerge bittet, ihm den Sarg zu überlassen. An dieser Stelle geschieht ein überraschender Wertewandel: Schneewittchen ist nicht kaufbar, nicht für Geld und alles Gold der Welt geben die Zwerge den Sarg her. Die Zwerge, die in anderen Märchen durchaus auf Gold und Edelsteine bezogen dargestellt werden, z.B. im Märchen „Schneeweißchen und Rosenrot“ in besonders negativer Weise, wollen nun gerade keinen Handel eingehen und an Schneewittchen verdienen. Der Königssohn verspricht: „ich will es ehren und hochachten wie mein Liebstes“. Da empfingen die Zwerge Mitleid mit dem Bittenden und schenkten den Sarg mit Schneewittchen dem Liebenden. Damit nehmen sie das Wesen der Gabe ernst.

Dennoch bedarf es noch eines weiteren Zufalls, bis das Märchen ein gutes Ende nehmen kann. Es ist wieder ein plötzlicher Moment – wie am Anfang beim Stich der Königin: hier stolpern die Sargträger über einen Strauch oder über eine Wurzel und das giftige Apfelstück fährt aus dem Hals. Schneewittchen erwacht im gläsernen Sarg. Zum Leben kommt das Mädchen aber erst, nachdem es selbst den Sargdeckel von innen öffnet und sich aufrichtet.

 

Die Öffnung

Dieser Teil des Märchens erinnert an Menschen in Depressionen oder in vom Tod bestimmten Lebenslagen, die letztendlich selbst aufmachen müssen, um wieder am Leben teilzunehmen. Die Hilfe von außen kann Voraussetzungen schaffen – auch mit Hilfe des Zufalls –, sie hat aber ihre Grenzen. Zwar kann sie für lange Zeit Schutz in den schwersten Zeiten leisten – und jemanden in einen sichtbaren Schutzraum legen, wie in einen gläsernen Sarg, aber die eigentliche Wende im Zustand muss von innen kommen.

Mit diesem Bild des gläsernen Sargs nähert sich das Märchen der literarischen Metapher, die in der deutschen Übersetzung aus dem englischen „The Bell Jar“ von der amerikanischen Schriftstellerin Sylvia Plath bekannt ist. In ihrem einzigen Roman „Die Glasglocke“ schrieb sie von ihrem eigenen nicht lebbaren Frauenleben in den 1950er Jahren.4 Einige Jahre später nahm sich Sylvia Plath das Leben. In Anlehnung an dieses Märchen steht Sylvia Plath für eine Person, die anscheinend keine Möglichkeit sah, selbst die Glasglocke zu öffnen. Anders Schneewittchen, die von innen den Sarg aufmacht und wieder am Leben teilnimmt.

Es stellt sich die Frage, wie es möglich sein kann, nach diesen Angriffen und Bedrohungen, nach Lebensumständen, die Menschen (wie) tot sein lassen, Kraft aufzubringen, von innen den Sarg zu öffnen. Es ist eine zentrale Frage an Schneewittchen, diese Leistung zu vollbringen, die gerade das Gegenteil dessen ist, was sich Menschen nach jenen Erfahrungen zutrauen. Aber es geht nicht anders. Das Märchen zeigt, dass es genau darum geht: selbst aufzumachen – von innen nach außen, den Deckel zu heben und selbst leben zu wollen.

In der Auslegung kann der todesähnliche Zustand des Mädchens sehr weit gefasst werden. Damit können Menschen gemeint sein, die sich selbst und andere nicht mehr spüren, oder auch diejenigen, die in ihrem Leben nur noch das bedrohlich Tödliche als einzige Wirklichkeit erkennen können. Dieser Zustand kann durch körperliche und seelische Krankheiten eintreten und durch äußere Umstände verstärkt werden.

 

Das Ende als Anfang

Schneewittchens erste Frage, nachdem es sich aus dem Sarg aufgerichtet hat, ist: Wo bin ich? Es ist die Frage nach dem Ort und nach dem Raum, in dem sie sich spüren kann. Der Königssohn antwortet voller Freude: Du bist bei mir. Damit kommt die neue liebende Beziehung ins Spiel. Der Königssohn erzählt, „was sich zugetragen hatte“, er spricht mit Schneewittchen und lässt es nachvollziehen, was war. Er bestätigt: „Ich habe dich lieber als alles auf der Welt“ und er bittet sie, mitzukommen und seine Gemahlin zu werden. Er bestimmt nicht über sie, sondern Schneewittchen entscheidet sich selbst und willigt ein: „Da war ihm Schneewittchen gut“.

Zur Hochzeit, mit großer Pracht angeordnet, wird auch die „alte Königin“ geladen, die mit schönen Kleidern angetan ihrem Spiegel die immer gleiche Frage stellt, aber nun eine neue Antwort erhält: „Frau Königin, ihr seid die Schönste hier, aber die junge Königin ist tausendmal schöner als ihr.“ Schneewittchen wird nun „die junge Königin“ genannt. Ihr ist es gelungen, das alte Lebenskonzept zu verändern, während „die alte Königin“ in ­ihrem Muster verbleibt.

In gewissem Sinn könnte man davon sprechen, dass sich auch etwas in dem alten Modell „Königin“ verändert hat. Im Märchen wird das nur versteckt angedeutet in der Beschreibung der Gefühle. Im Vordergrund steht das schreckliche Ende der (alten) Königin, der feurige Schuhe angezogen werden, in denen sie tanzen muss bis sie tot niedersinkt. Die drei Farben vom Anfang: weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebemholz, die diese „Schönheitsgeschichte“ kennzeichnen, werden verbrannt und weiß wie Asche, rot wie glühendes Feuer und schwarz wie verbranntes Holz.

Allerdings wird die alte Königin vorher noch sehr menschlich in ihren Gefühlen beschrieben: „Es ward ihr so angst, dass sie sich nicht zu lassen wusste. Sie wollte zuerst gar nicht auf die Hochzeit kommen; doch ließ es ihr keine Ruhe, sie musste fort und die junge Königin sehen.“ Ihre Zauberkünste enden hier anscheinend, und sie ist ganz den menschlichen Zwängen und Gefühlen unterworfen. Sie hatte nicht die Einladung zur Hochzeit ihrer vermeintlichen Rivalin ablehnen können, sondern „musste“ sie annehmen und hinsehen. Wie mit unsichtbaren Fäden angebunden kann sie sich nicht vom Anblick Schneewittchens lösen „vor Angst und Schrecken stand sie da“.

Dieses Hinsehen hebt gewissermaßen die vielen Blicke in den Spiegel auf, das Betrachten und das Kreisen um sich selbst, bis hin zum Sehen durch einen schwarzen Rahmen. Jetzt schaut die (alte) Königin auf andere Personen. Sie sieht nicht mehr länger in ihren Spiegel – in ihr eigenes Spiegelbild, sondern sie sieht eine junge ­Königin, die es anders macht und sie ablöst. Ihr eigenes Hamsterrad dreht sich nicht mehr weiter um das ­Gleiche – es ist zu Ende.

 

Literatur

Alle Märchenzitate aus: „Sneewittchen“ (im Text genannt „Schneewittchen“), in: Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm (1990, 18. Aufl.) Berlin-Weimar: Aufbau-Verlag, 230-239.

 

Anmerkung

1 Simone de Beauvoir (2000), Das Alter, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt TB Verlag.

2 Bascha Mika (2015), Mutprobe. Frauen und das höllische Spiel mit dem Älterwerden, München: btb Taschenbuch, 23.

3 John Bowlby (2006), Verlust, Trauer und Depression, München/Basel: E. Reinhardt.

4 Sylvia Plath (1990), Die Glasglocke, Frankfurt: Suhrkamp.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrerin i.R. Barbara Wilhelmi, bis Ende 2019 Pfarrerin in der ­Klinikseelsorge für Rehabilitationskliniken in Bad Nauheim, seit 2020 im ­Ruhestand.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2021

1 Kommentar zu diesem Artikel
29.03.2021 Ein Kommentar von Heinz Frankenberger Ein spannender Artikel. Danke. Was mir zu kurz kommt: Schönheit ist doch nicht nur ein narzisstisches Problem. Schönheit kann man ja auch als Bild für Reinheit und Vollkommenheit lesen, zumindest, was Schneewittchen betrifft. Bei der Königin wäre Schönheit dass auch Ausdruck der Sehnsucht nach dieser Reinheit und Vollkommenheit.
Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.