Am 8. April feiert Jürgen Moltmann seinen 95. Geburtstag. Reiner Strunk, selbst ein „Schüler“ Moltmanns, würdigt den Jubilar und lässt einige persönliche Erinnerungen einfließen.

 

Zum ersten Mal bin ich Jürgen Moltmann vor 60 Jahren in Wuppertal begegnet, auf dem „Heiligen Berg“, wo Johanneum und Kirchliche Hochschule benachbart lagen. Aus dem Geist der Bekennenden Kirche erwachsen, die gegenüber den staatlichen Fakultäten der NS-Zeit eine kirchlich verantwortete Theologenausbildung vorsah, war es an Kirchlichen Hochschulen zu einem Convivium aus Lehrenden und Lernenden gekommen und zu einer erfahrbaren Verbindung von Wissenschaft und praktischem Leben. Man teilte miteinander Kolleg und Seminar wie die täglichen Mahlzeiten im Speisesaal und spielte Fußball gegeneinander, wobei – anders, als Moltmann in seinen Memoiren bemerkt – die Mannschaft des Lehrkörpers deutlich das Nachsehen hatte. Die Besetzung der Lehrstühle war Anfang der 1960er Jahre exzellent: neben Moltmann vertrat Wolfhart Pannenberg die Systematik. Georg Eichholz las Neues Testament, sofern er nicht gerade künstlerisch irgendwo fotografierte, und Rudolf Bohren weckte im Fach Praktische Theologie die feineren Sinne für Poesie und Literatur.

Als Studienanfänger, der in erster Linie Griechisch zu büffeln hatte, nahm ich gewiss nur Prisen der angebotenen Kostbarkeiten wahr, erlebte aber eine deutliche Befreiung von schulischen Lehr- und Lernmethoden, die ich seufzend hinter mich gebracht hatte. Jetzt dämmerten ganz neue Horizonte herauf, zu denen vor allem Moltmanns Ansätze zur Hoffnungstheologie einluden, und man hörte und las markante Sätze von ihm, wie: „Der Glaube löst nicht die Fragen der Vernunft, sondern stellt der Vernunft Fragen“; wobei ich mir, mit jungstudentischem Vorwitz, am Rand notierte: „und wer löst die?“

 

Der Menschheit die Frage nach Gott offen halten

Die Richtung, in der Moltmanns Antwort zu erwarten war, wurde jedoch schon angezeigt: „Die Menschheit aber bekommt einen Traum oder eine Verheißung von Gott, und die Juden und Christen, die Gott aus der Geschichte beweisen (!) und auf Grund von Geschichte auf Gott hoffen, halten der Menschheit die Frage nach Gott offen.“ Hier fügten sich bereits wichtige Momente des Moltmann’schen Theologisierens zusammen: das Leitmotiv „hoffen“, der „Traum“, der auf die Bewegung des Utopischen verweist, sowie die „Verheißung“, die den atl. Zug ins Offene, Zukünftige hervorbringt. Die 1964 erschienene „Theologie der Hoffnung“ wäre beinahe unter dem Titel „Theologie der Verheißung“ herausgekommen, was der Sache nach zutreffend, der Werbewirkung aber gewiss nicht zuträglich gewesen wäre.

Von Wuppertal wechselte ich 1962 nach Heidelberg und lernte bei Gerhard von Rad im Alten Testament, was Moltmann als biblische Fundierung auf den systematischen Begriff zu bringen versuchte: die Gotteserfahrungen des Bundes, die Botschaft der Propheten, den inneren Zusammenhang von Exodus und Reich. Ich erinnere mich gern an den theologischen Ästheten von Rad, der während des Kollegs – wie leicht befangen – auf einmal an seinem Krawattenknoten herumnesteln und dann eine Bemerkung loslassen konnte wie: „Ach, ich fühle mich in der systematischen Umarmung durch Pannenberg und Moltmann doch nicht so recht wohl.“

Zurück ins Rheinland und nun nach Bonn führte mich der Weg als rheinischer Kandidat, der in Düsseldorf sein Examen zu absolvieren hatte. Bonn aber bedeutete: Wiederbegegnung mit Moltmann. Der stand nun ganz im Scheinwerferlicht der theologisch Interessierten, die „Theologie der Hoffnung“ war Pflichtlektüre und Bestseller zugleich, und als ignorant oder snobistisch galt, wer nicht zusammen mit allen anderen Moltmanns Hörsaal füllte. Dabei waren Walter Kreck als bekennender Gralshüter der Barth’schen Theologie, und Gerhard Gloege, von Jena nach Bonn übergesiedelt, als menschlich gewinnender und enzyklopädisch gebildeter Grandseigneur des Luthertums durchaus achtbare Partner im systematisch-theologischen Wettbewerb. Doch sie erschienen vorwiegend als Sachwalter des Hergebrachten.

 

Eine Grundstimmung von Aufbruch

Moltmann dagegen lockte zu neuen Ufern. Es gab bei ihm eine Grundstimmung von Aufbruch, einen geistigen Elan, der sich aus den Räumen des Gegebenen in noch unvermessene, aber ungemein attraktive Räume des Möglichen fortbewegen wollte, einen Hoffnungsimpuls eben, den er kräftig beförderte, der aber auch, einstweilen verborgen und doch drängend, in der Luft lag. Insofern hat Moltmann da theologisch etwas aufgenommen und meisterhaft transformiert, was im Spannungsfeld der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der 1960er Jahre allgemein in Bewegung kam und Konjunktur gewinnen sollte. Neben und zusammen mit seiner theologischen Kompetenz bewies er durchgängig diese ausgezeichnete Witterung für gesellschaftliche Trends, die für seine Arbeit auch späterhin wegweisend wurde. Die Zeichen der Zeit las er mit untrüglicher Brille und achtete immer auf die Strömungen der Winde und der Gewässer. Das hat ihn zum Dialogpartner in christlich-marxistischen Gesprächsrunden werden lassen, hat ihn maßgeblich zu einer neuen „Politischen Theologie“, sogar zu einer „Theologie der Revolution“ geführt, genauso zur „Befreiungstheologie“ nach lateinamerikanischem wie nach asiatischem Muster, zur „Ökologischen Theologie“ und, im Einklang mit seiner Frau Elisabeth Moltmann-Wendel, zu den Fragen und Intentionen einer „Feministischen Theologie“.

Dies alles mag nach Opportunismus klingen, wenn’s einer böswillig meint, war aber genau andersherum Zeugnis einer stets kritischen Zeitgenossenschaft. Im akademischen Elfenbeinturm, der spätestens 1968 zur Metapher für weltferne Geistesverbohrtheit wurde, hat er sich nie aufgehalten und sich ebenfalls nicht abgeschottet in wetterfesten, bloß in sich zirkulierenden Selbstreferenzen der Theologie. Stattdessen zog es ihn unentwegt an die Grenzen und über diese hinaus, mit seinem besonderen Talent, sich auszusetzen und der Theologie zuzumuten, dass sie sich auf den akuten Konfliktfeldern der Gegenwart und im Wahrnehmen von Leid, Hunger und Ungerechtigkeit an allen Ecken und Enden der Welt zu artikulieren und zu bewähren habe. Was in der Theologie nicht praktisch zu helfen vermag, wo Not am Mann ist, hat für die Welt und die Menschen nichts Wesentliches beizutragen: dies war und blieb eine Grundüberzeugung, nach welcher er angetreten ist. Das Reich Gottes meint kein utopisches Traumland am Ende der Tage, sondern ein Realsymbol für die geschichtsbewegenden und lebensverändernden Energien des Gottesgeistes; der will Menschen ergreifen, und sie sollen sich von ihm ergreifen lassen. Denn die Zukunft hat schon begonnen.

 

Die Zukunft hat schon begonnen

Was uns junge Theologen damals in Bonn begeisterte, war ein Generaleindruck, den Moltmann zu vermitteln wusste: wir schienen nicht berufen zu künftigen Agenten einer Religionsbehörde, sondern zu Agenten des kommenden Christus. Nicht für die Verwaltung eines landeskirchlichen Pfarramts sollten wir ausgebildet werden, sondern zur heilsamen Infizierung von Kirche und Welt mit dem Bazillus der Hoffnung. Wir wurden gebraucht und führten Brauchbares mit uns. Und auf unseren Gesichtern spiegelte sich bereits die Morgenröte des Neuen. Das war erhebend, aber auch nicht ohne verführerischen Beigeschmack. Denn auf die meisten von uns wartete nach der Studienzeit eine Gemeindepraxis, die sich angesichts ihrer realen Aufgaben und Erwartungen nicht leicht mit Moltmanns Hoffnungsperspektiven vermitteln ließ.

Doch auch dies gehörte zu seinen Stärken: er blendete in eschatologischem Überschwang keineswegs aus, was Lebensbedingungen und Gestaltungsfragen der Kirche anging, sondern betrieb Kirchenkritik immer mit der Aussicht auf eine notwendige Kirchenreform. Übrigens von Anfang an in ökumenischen Dimensionen. Dies, zusammen mit seinen gesellschaftskritischen Orientierungen, hat ihn im Lauf der Jahre zum Gewährsmann für die Relevanz christlicher Theologie in allen Weltgegenden werden lassen, und außerhalb der Bundesrepublik wurde er damit mehr geschätzt als innerhalb ihrer Grenzen. Der Prophet gilt nicht unbedingt viel im eigenen Vaterlande.

 

Markante Lebenswende

Später erst ist mir bewusst geworden, wie stark Moltmanns theologische Energie aus Quellen seiner persönlichen Erfahrung gespeist wurde. Darauf hat er verschiedentlich selbst hingewiesen. Sein Weg zur Theologie war die Folge einer markanten Lebenswende, die man früher als „Bekehrungserlebnis“ eingeschätzt hätte. Der junge Soldat, kaum erwachsen und erbarmungslos in die Endphase des verbrecherischen Hitler-Krieges geworfen, erlebte im englischen Gefangenenlager durch die Begegnung mit Christen aus anderen Nationen den entscheidenden Impuls für ganz neue Orientierungen. Der verkündigte Christus wurde fürs erste kein Thema einer komplizierten Dogmatik, sondern zur erlebten und Hoffnung weckenden Gottesgegenwart in lebensfeindlichen Umständen. Es sind für meine Wahrnehmung in der Hauptsache drei Konsequenzen, die sich für Moltmann aus dieser persönlichen, alle inneren und äußeren Verhältnisse heilsam verändernden Christusbegegnung ergeben haben.

Da ist zuerst seine unbedingte Konzentration aufs Christologische, gerade so, als habe er in immer neuen Anläufen die Eingangsfrage des Heidelberger Katechismus meditiert: „Was ist dein einiger Trost im Leben und im Sterben? – Dass ich mit Leib und Seele, beides, im Leben und im Sterben, meines getreuen Heilandes Jesu Christi eigen bin.“

Da ist zweitens sein ökumenischer Horizont, der zwar in der reformierten Tradition seinen Grund fand, sich aber weit über konfessionelle Bindungen und nationale Grenzen hinaus entwickelte. Dieser Horizont ist ihm durch persönliche Kontakte und christlich-internationale Konferenzen aus der Gefangenschaft geradezu lebenspendend aufgegangen und hat ihn ein Leben lang bestimmt.

Und da ist drittens die Fundierung seiner gesamten theologischen Arbeit in den Räumen einer menschlichen und irdischen Erfahrung. Theologie weckt nach seinem Verständnis die Aufmerksamkeit für alles, was um Gottes willen so nicht sein soll, und schärft Vernunft und Sinne für Gottes Möglichkeiten in der Gegenwart seiner Liebe und im Herankommen seines Reichs. Insofern stellt sie, auch dort, wo sie spekulative Züge anzunehmen scheint, keine theoretische, sondern eine eminent praktische Wissenschaft dar. Im Grunde unternimmt sie nichts anderes, als die Sorge Gottes um das beschädigte Leben in seiner Schöpfung ernst zu nehmen und den Spuren zu folgen, die Gott in der Geschichte gelegt hat, um seine Geschöpfe samt ihrem Wohnraum auf dieser Erde zu bewahren. Diesem Ansatz entspricht, dass die späten Publikationen des Systematikers sich in erster Linie seelsorgerlich auf Elementarfragen des Lebens, etwa auf „das Sterben und Erwachen einer lebendigen Seele“ konzentrieren.

 

Keine theologische Schule, aber ein Heer von Schülern

In Bonn fiel mir die Ehre zu, eine seiner „studentischen Hilfskräfte“ zu werden. Was ich in diesem Stand zu besorgen hatte, weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich, dass ich im Rahmen seiner Vorlesung und in durchaus ehrgeiziger Kommentierung seiner Ausführungen eine kleine Expertise über einen Gegenstand paulinischer Theologie verfasste und ihm überreichte, um nachher stolz registrieren zu dürfen, dass er sie unverändert und mit Namensnennung seiner Hilfskraft im Kolleg zum Besten gab. Das war bezeichnend. Während andere Professoren (auch solche später in Tübingen) dazu neigten, zumindest auf ihrem Fachgebiet wie Ikonen der Unantastbarkeit respektiert zu werden, legte Moltmann nie einen distanzierenden Habitus des Professoralen an den Tag, der einem Studenten den „unendlichen qualitativen Unterschied“ zwischen Lehrer und Schüler schmerzlich bewusst machen sollte. Moltmann wollte das nicht und brauchte es nicht, und auf eine lange, weitere Sicht hin war das wohl auch ein Grund dafür, dass er nie eine theologische „Schule“ begründet, aber ein Heer von Schülern um sich geschart und viele von ihnen als Freunde gewonnen und auf Dauer behalten hat.

Es ist insofern auch überhaupt kein Zufall, dass das Motiv des Freundes und der Freundschaft an zahlreichen Stellen seines Gesamtwerks bedacht wird. Sowohl bei der Erörterung von Fragen menschlicher Kommunikation und Interaktion als auch bei Überlegungen zur Christologie gewinnt die Kategorie des „Freundes“ eine Schlüsselrolle, die Folgen zeitigt bis in die Kreuzestheologie ­hinein.

 

Gärende Unruhe in den 1960er Jahren

Als Moltmann den Ruf nach Tübingen erhielt, bin ich mit ihm gegangen, genauer: ihm voraus, inzwischen aufgestiegen zum „wissenschaftlichen Assistenten“. Die zweite Hälfte der 1960er Jahre versetzte die Universitäten bekanntlich in eine gärende Unruhe, weil von Studenten ein Aufbruch aus alten Gewohnheiten und Normen geprobt wurde, der fällig war und trotzdem von den meisten nicht vorhergesehen wurde. Wir Assistenten, biographisch und mental näher bei den Studierenden als bei den Dozenten, gerieten bald zwischen alle Stühle. Professoren bewegten sich mit Vorsicht und nicht selten am Rande der Fassungslosigkeit. Der Theologe des Aufbruchs und der Hoffnung war nun auf besondere Weise gefragt und zog sich weder zurück noch applaudierte er unbesehen den utopischen Träumen und den sozialistischen Forderungen der studentischen Aktivisten. Er war bereit zu diskutieren, wo Diskussionen angesagt waren, und verfolgte konsequent sein Programm, wenn die Mehrheit der Zuhörer sich dafür ausgesprochen hatte. Das kam mir damals ausgesprochen souverän vor.

Was mich selbst betrifft, so hatte ich alles in allem leichtes Spiel. Ich war ein Assistent, der – in auffallendem Unter­schied zu Kollegen – nicht sonderlich viel zu assistieren hatte. Moltmann ließ mich gewähren. Ließ mich Proseminare mit komplexen Themen wie „Dialektische Theologie“ oder „Gottesbeweise“ veranstalten und vertraute darauf, dass mir dies bei abenteuerlichen Teilnehmerzahlen von weit über hundert Studierenden auch gelingen würde. Ebenso packte er mir für die Dissertation ein Problembündel auf, mit dem eine ganze theologische Forschergruppe gut bedient gewesen wäre, und ich sah meine erste Aufgabe darin, den Umfang des Ganzen derart zurechtzustutzen, dass es für eine Bearbeitung einigermaßen überschaubar wurde. Als guter Doktorvater zeigte er sich natürlich generell ansprechbar, aber wenn ich mich diesbezüglich an ihn wandte, versicherte er mich seines ungeteilten Vertrauens: „Ach wo, das ­machen Sie schon!“

 

Die Nähe Ernst Blochs

Tübingen, das bedeutete nicht zuletzt: die Nähe Ernst Blochs. Auf den Philosophen der Hoffnung war Moltmann bereits in seiner Wuppertaler Zeit aufmerksam geworden, um nicht zu sagen: von seinem Geist und seinem Werk buchstäblich elektrisiert. Die Debatte darüber, wieviel Bloch’sche Hoffnungsphilosophie eigentlich in Moltmanns Hoffnungstheologie stecke, riss nicht ab und kam trotzdem über das Ergebnis „Anregungen: ja, Abhängigkeiten: nein“ nicht hinaus. Jetzt waren beide zu Nachbarn geworden, und Bloch erlebte im Kontext der Studentenrevolte noch einmal einen gewaltigen Prestigegewinn. Sein Gespräch mit Rudi Dutschke machte ihn quasi zum Heiligen der Bewegung. So etwas wurde Moltmann nicht und er hatte auch gar keine Ambitionen in dieser Richtung. Aber er blieb Ernst Bloch kollegial und freundschaftlich verbunden.

Als die Idee aufkam, aus Blochs Gesamtwerk die religionsphilosophischen Partien herauszufiltern und als Siebenstern-Taschenbuch zu edieren, wurde Moltmann mit diesem Projekt betraut. Und Moltmann betraute seinen Assistenten damit. Was mir fürs erste eine ziemlich umfangreiche Sendung des Suhrkamp-Verlags mit Blochs sämtlichen Schriften ins Haus brachte und nachher, viel eindrucksvoller für mich, eine Reihe persönlicher Audienzen in Blochs Privatwohnung bescherte. Er arbeitete damals an seinem Projekt „Atheismus im Christentum“. Den Kernsatz „Nur ein Atheist kann ein guter Christ sein“, den er Moltmann genüsslich vorgehalten hatte, ließ dieser nicht unbeantwortet und parierte mit der Umkehrung „Nur ein Christ kann ein guter Atheist sein“. Bloch akzeptierte und ließ beide Sentenzen auf den Umschlag des Buches drucken.

 

Ausgeprägter Sinn für die Schönheiten des Lebens

Zu Moltmanns charakteristischen Eigenschaften gehörte, dass er einen ausgeprägten Sinn für die Schönheiten des Lebens und für Anlässe zum Feiern besaß. Askese war entschieden gegen seine Natur, und die Verbissenheit des Gelehrten, der nichts kennt außer seinem Schreibtisch und seinen Büchern, lag ihm vollkommen fern. Reisen wurde zu einer seiner Leidenschaften, und dies möglichst weit und in exotische Gefilde. Der Echterdinger Flughafen war sein geliebtes und häufig angesteuertes Ziel bei Tübinger Fluchten, und in späteren Jahren erklärte er gern, seine Reiselust legitimierend, dass ihm in großen Höhen erfreulicherweise das Asthma abhanden komme.

Es gibt eine kleine Arbeit von ihm, die mir fast die liebste überhaupt ist: „Die ersten Freigelassenen der Schöpfung“. Die Titelformulierung ist Herder entlehnt, das Ganze knapp achtzig Seiten stark, als Kaiser Traktat im Jahr 1971 erschienen. Der Untertitel lautet: „Versuche über die Freude an der Freiheit und das Wohlgefallen am Spiel.“ Ja, auch das ist Jürgen Moltmann, und zwar ziemlich vital und zentral. Die Hoffnung entzieht der Gegenwart keineswegs mögliche Erfahrungen von Glück, sondern eröffnet sie eher. Das Fest darf beginnen, weil Ostern die Mitte des christlichen Glaubens und die Ouvertüre zum kommenden Reich Gottes darstellt. Rückschauend muss man solche Töne übers Glück und Fest der Befreiten Gottes auch im atmosphärischen Umfeld damaliger Tübinger Theologie wahrnehmen, wo ein Ernst Käsemann nicht müde wurde, den „Gehorsam“ als Inbegriff christlicher Existenz einzuschärfen.

Gefeiert wurde selbstverständlich bei Moltmanns Jubiläen, zu seinem Abschied aus der Fakultät in Tübingen zum Beispiel, zu seinem 90. Geburtstag in Bremen, und zum 95. Geburtstag soll’s nun in Bad Boll sein. Vielleicht gelingt es, bei diesem besonderen Fest für den besonderen Hochbetagten ein wenig vom Geist aus Hölderlins „Friedensfeier“ einzuholen, in der es – beziehungsreich zu Moltmanns Lebensthema – heißt: „Hoffnung röthet die Wangen.“

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Dr. Reiner Strunk, Jahrgang 1941, Assistent für Syst. Theologie bei Jürgen Moltmann in Bonn und Tübingen, 1970 Promotion, 1977-1986 Studienleiter am Württ. Pfarrseminar, 1997-2003 Leiter der Fortbildungsstätte Denkendorf.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2021

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