Am dritten Tage auferstanden von den Toten“ – so heißt es im Apostolischen Glaubensbekenntnis. Die Auferstehung Jesu Christi ist zentraler Bestandteil des christlichen Glaubens. Darüber kann es eigentlich keinen ernsthaften Streit geben. Man kann zwar die Auferstehung Christi bestreiten, aber man kann wohl kaum die Auferstehung Christi bestreiten und gleichzeitig an Christus glauben. Was aber meint die so einfach klingende Aussage, Christus sei von den Toten auferstanden, genau? Ein systematisch-theologisch orientierter Deutungsversuch von Peter Haigis.

 

Der auferstandene Christus

In dem für den christlichen Glauben so elementaren Glaubensbekenntnis „Ich glaube … an Jesus Christus … am dritten Tage auferstanden von Toten“ müssen zwei Aspekte auf ihre Bedeutung hin befragt werden: die Worte „Christus“ und „auferstanden“. Was bedeutet es zu sagen, dass Christus von den Toten auferstanden ist? Könnte man genauso gut auch sagen: „Jesus ist von den Toten auferstanden“?

„Christus“ ist das griechische Wort für das hebräische „Messias“, der „Gesalbte“. Es ist – neben anderen Bezeichnungen (z.B. „Sohn Gottes“ oder „Retter“) – einer der Hoheitstitel, mit denen die Bedeutung Jesu von Nazareth für den christlichen Glauben ausgedrückt wird. Nach jüdischer Auffassung ist der Messias ein endzeitlicher Friedenskönig, der das geknechtete Bundesvolk Gottes befreit und die wahre Herrschaft der Gerechtigkeit Gottes aufrichtet. Die frühen Christen, die der jüdischen Glaubenstradition entstammten, haben die auf den Messias gerichteten Verheißungen aus den Schriften der hebräischen Bibel in Jesus von Nazareth als erfüllt angesehen und auf ihn bezogen. Damit konnte Jesus der „Christus“ genannt werden – ein Glaubensbekenntnis, das immer wieder in Zweifel gezogen wurde und bis auf den heutigen Tag umstritten ist. So lehnen gläubige Juden das auf Jesus bezogene Christusbekenntnis ab, da für sie einige Erwartungen, die an den Messias geknüpft sind, mit Jesus unerfüllt blieben: Mit dem Auftreten Jesu wurde kein göttliches Friedensreich sichtbar begründet. Stattdessen hat Jesus gelitten wie ein Märtyrer und ist am Ende einen schmachvollen Tod gestorben – alles Dinge, von denen die „alten Schriften“ im Blick auf den Messias nicht sprechen.

Inmitten einer derartigen Konfliktstellung war es für die frühen Christen notwendig, auf die Auferstehung verweisen zu können. Sie hat Jesus als Christus sozusagen beglaubigt. Zwar kannte man zur Zeit Jesu die Vorstellung von einer Auferstehung der Toten am Ende aller Zeiten, etwa als Auferweckung zum jüngsten Gericht (Dan. 12,2) oder als Auferstehung der Märtyrer zu einem neuen, unbeschädigten Leben (besonders eindrucksvoll in 2. Makk. 7), doch vom Tod und einer Auferstehung des Messias wusste man nichts. Nicht ohne Grund bezeichnet Paulus den „gekreuzigten Christus“ als „Ärgernis“, wörtlich als „Skandal“ (1. Kor. 1,23).

Der Streit um den Messias bleibt damit eine offene Glaubensfrage. Allenfalls so viel kann man sicher sagen: Mit Jesu Tod und der Verkündigung seiner Auferstehung ist für Christusgläubige das Heilshandeln Gottes gegenüber den Menschen in eine qualitativ neue Phase getreten.

 

Der auferstandene Jesus von Nazareth

Für unsere Ausgangsfrage bedeutet das: Genau genommen muss man sagen, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Der Satz „Christus ist von den Toten auferstanden“ stellt demgegenüber eine abgekürzte Redeweise dar, die so viel meint wie: „Jesus ist von den Toten auferstanden und damit von Gott als Christus erwiesen worden“. Ganz entsprechend legten die frühen Christen in ihrer Verkündigung großen Wert darauf, dass es eben jener Jesus von Nazareth, der Gekreuzigte, und niemand anderes ist, der nun als Auferstandener erfahren, geglaubt und gepredigt wird.

Anders gesagt: Die Logik der Aussagen „Jesus ist der Christus“ und „Jesus ist von den Toten auferstanden“ ist identisch. Beide Male wird eine einer historischen Realität zugehörige Figur mit einem theologischen Prädikat versehen.

Dies macht aber die zweite Frage, was denn nun „auferstanden“ oder „Auferstehung“ genau meint, nur noch dringlicher. Schließlich war Jesus von Nazareth ein Mensch aus Fleisch und Blut. Was soll seine Auferstehung also bedeuten?

 

Die Rede von der Auferstehung im Horizont des AT

Beginnen wir mit dem zeitgeschichtlichen Kontext der ersten Christen. Für sie stellt das AT den entscheidenden Bezugsrahmen dar (einschließlich der angrenzenden Literatur jüdischer Frömmigkeit). Ebenso unstrittig dürfte es sein, dass wir es beim Vorstellungskomplex der Auferstehung mit einem eschatologischen Konzept zu tun haben, also einem Konzept, das im weitesten Sinne die Schnittstelle von Leben und Tod bearbeitet.

Das AT hat über weite Strecken keine bzw. nur negativ bestimmte „Jenseitsvorstellungen“ ausgebildet.1 In vielen Texten dominiert die Lebens- und Diesseitszugewandtheit des Gottesglaubens. Leben wird als Gabe des Schöpfers verstanden und angenommen, der Tod dagegen als eine Form von Beziehungslosigkeit zu Gott (und der Welt) verstanden. Die Welt der Toten im altisraelitischen Denken ist die „She’ol“, ein Schattenreich, in dem die Toten mehr ohnmächtig verblassen als weiterexistieren. Sie bleiben dort zwar in ihrer Identität erhalten, gehen aber ihrer sozialen Stellung verlustig und stehen ohne Unterschied nebeneinander. Eine Form von Gemeinschaft wird nicht gesehen, weder im Blick aufeinander noch im Blick auf Gott. Die „She’ol“ ist ein Ort ohne Wiederkehr, am positivsten vielleicht noch ein endgültiger Rast- und Ruheplatz.

Abgesehen von diesen spärlichen Bildern lehnt das AT jede genauere Angabe ab. Über ein „Jenseits“ wird nicht weiter spekuliert. Ebenfalls abgelehnt wird die Vorstellung, es könne eine irgendwie geartete Beziehung der Toten zu den Lebenden und der Lebenden zu den Toten geben. Ein Totenkult wird nicht praktiziert. Die Geschichte der „Hexe von Endor“ (1. Sam. 28) ist die einzige, in der magische Praktiken im Blick auf eine Totenbeschwörung erwähnt werden (freilich ohne dies zu billigen!).

Andererseits wird der Tod im AT schon früh in seiner lebensverneinenden und lebensvernichtenden Kraft wahrgenommen. Deshalb drängt sich auch für das atl. Denken mehr und mehr die Frage auf, ob die Macht des Leben schaffenden Gottes wirklich am Tod ihre Grenze haben kann. Vor allem in der Exilszeit Israels tauchen immer häufiger Bilder auf, die Gott in einer Schöpfermacht bekennen, die nicht nur aus dem Nichts heraus Leben schafft, sondern auch Totes ins Leben zu rufen vermag (so bereits in Hos. 6,2, dann aber vor allem Ez. 37,1-6; Jes. 26,19; 53,10 – hierbei handelt es sich freilich um Sinnbilder, in deren Fokus die Wiederbelebung steht und die auf – meist nationale – Restitution zielen).

Die am Ausgang der Entstehungsgeschichte der atl. Schriften aufkommende und insbesondere in der apokryphen Literatur dokumentierte Apokalyptik (vgl. Dan. 12,1-2) entwickelt sodann dezidierte Jenseitsvorstellungen. Auch sie beziehen sich meist auf nationale Erneuerungsperspektiven und sind deshalb als Bilder innerweltlicher und kollektiv verstandener Restitutionsprozesse zu interpretieren oder auf eine sühnende Vergeltung für Märtyrer hin zu deuten. Am deutlichsten ausgesprochen wird dies sehr spät im apokryphen 2. Makk. (Kap. 7).

Aus dem Totenreich, der „She’ol“, als bloßer Aufenthaltsstätte der Toten wird nun die Doppelheit von einem himmlisch-paradiesischen und einem höllisch-gottfernen Ort als Ziel der gerechten und ungerechten Menschen im Jenseits. Der Gedanke der Totenauferstehung zum Gericht am jüngsten Tag kommt auf.

Dieser Befund macht insgesamt die fast asketische Behutsamkeit und bloße Andeutung einer Hoffnung über den Tod hinaus deutlich. Andererseits zeigen die zuletzt gemachten Bemerkungen, dass die Perspektive einer „postmortalen“ Existenz nicht allgemein an die Brutalität des natürlichen Todes als Lebensende, sondern speziell an die Ungerechtigkeit eines gegen alle Gottesgemäßheit im Lebenswandel gerichteten Gewalttodes gebunden wird. Von daher wächst der Erwartung „postmortaler“ Existenz im jüdischen Denken diejenige Komponente zu, die auch in vielen anderen Religionssystemen damit verbunden ist: die Lösung des Problems irdischer Unrechtsverhältnisse, die durch den Tod nivelliert werden, sowie die Lösung eines dadurch sekundär hervorgerufenen „Theodizee-Problems“.

 

Die Rede von der Auferstehung im Horizont des NT

Spätestens jetzt zeichnet sich ab, dass die Worte „Leben“ und „Tod“ in biblischen (und apokryphen) Texten mehr bedeuten als nur physische Phänomene – eine theologisch nicht zu unterschätzende Einsicht, die gleich noch näher thematisiert werden muss. Zunächst jedoch ein Blick ins NT.

Die für die apokalyptische Literatur typische Spaltung von Diesseits und Jenseits hält sich im NT nicht durch. Es gibt zwar eine Reihe von apokalyptisch motivierten Stellen in Jesuszitaten der Evangelien.2 Dennoch ist erkennbar, dass Jesus weder an einer Explikation der Jenseitsvorstellungen des traditionellen apokalyptischen Denkens noch an ihrer dezidierten Einbindung in seine theologischen Grundüberzeugungen interessiert war, sondern stärker vom Selbstverständnis der vorexilischen Propheten und von seiner Reich-Gottes-Verkündigung im Sinne einer anbrechenden und Leben positiv gestaltenden Wirksamkeit der Liebe Gottes geprägt war.

Dies deckt sich mit der erwähnten Lebenszugewandheit atl. Denkens, geht aber insofern über diese hinaus, als nicht nur die physische Seite des Lebens, sondern vielmehr eine qualitative Lebensführung in den Blick genommen wird und damit auch hier der Doppelsinn der Worte „Leben“ und „Tod“ beachtet werden muss.

Die Vorstellung von einem bevorstehenden Weltgericht ist im NT dagegen breit bezeugt und durchzieht alle ntl. Schriften. An etlichen Stellen verbindet sich die Vorstellung von der Auferstehung der Toten mit derjenigen des Gerichts wie eine funktionale Voraussetzung des einen für das andere. Im 1. Thess., der von der Naherwartung der Wiederkunft Christi und stark apokalyptisch geprägt ist, bildet die Auferstehung der Toten die Voraussetzung zur Entrückung der Lebenden am Tag des künftigen Heils (Kap. 4); ganz entsprechend in 1. Kor. 15, wo sich Paulus mit der Leugnung der Auferstehung auseinandersetzt. Dabei wird zunächst sachlogisch die Auferstehung Christi aus der allgemeinen Totenauferstehung abgeleitet (V. 13.16), sodann die Wirksamkeit zukünftiger allgemeiner Totenauferstehung aus der präsentischen Wirklichkeit der Auferstehung Christi entwickelt (V. 20ff). Im Anschluss daran (V. 35ff) erläutert Paulus den Vollzug der Auferstehungsrealität am Bild des Weizenkorns sowie an den Gegensatzpaaren „verweslich – unverweslich“, „unehrenhaft – herrlich“, „schwach – kräftig“, „natürlicher (ψυχικον) – geistlicher (πνευματικον) Leib“. Dass dabei kein Gegensatz zwischen Leib und Geist (man könnte auch sagen: kein Dualismus), sondern ein Gegensatz zwischen dem natürlichen Leib und dem geistlichen Leib bzw. auch zwischen Fleisch und Geist entwickelt wird, scheint mir für unsere Thematik sehr wichtig zu sein.3

 

Der Doppelsinn biblischer Rede von „Leben“ und „Tod“

Der erwähnte Doppelsinn von „Leben“ und „Tod“ ist auch in der Theologie des Paulus und dann – besonders ausgeprägt – im joh. Schrifttum enthalten. Paulus versteht den Tod als der „Sünde Sold“ und denkt dabei offenbar ans natürliche Sterben (vgl. Röm. 6,16.23, in Verbindung mit Röm. 5,12ff). Doch „(w)er aus dem Vergänglichen das Leben schöpft, muß mit dem Vergehen des Vergänglichen selbst vergehen“ (Bultmann4) (vgl. Gal. 6,8). Deshalb ist der Tod das Telos fleischlichen Lebens und mithin schon gegenwärtig im falschen Leben. Die Befreiung von Sünde und Tod geschieht durch den Glauben an Christus.

„Leben“ im paulinischen Sinne ist keine naturhafte Kraft, sondern Gnadengabe Gottes. Paulus gebraucht hier auch Formulierungen wie die „Herrlichkeit Gottes“ oder das „Sein in Christo“ als Umschreibungen. Unter den irdisch gegebenen Bedingungen ist dieses Leben noch nicht präsent, jedenfalls nicht im Sinne einer umfassend offenbaren Herrlichkeit. Dennoch bleibt Paulus nicht bei einem jüdisch-eschatologischen Jetzt-Dann-Schema stehen. Vielmehr hat die Wirklichkeit dieses Lebens durch die Auferstehung Jesu Christi schon begonnen.

Bei Joh. bringt sich diese Doppelsinnigkeit in der – auf semantischer Oberfläche betrachtet – paradox anmutenden Formulierung 11,25 zum Ausdruck (eine Stelle, die für unsere Überlegungen von großer Bedeutung ist, weil sie nicht nur das leibhaftige, natürliche Sterben mit dem Auferstehen und dem (ewigen) Leben, sondern auch das natürliche Leben mit dem ewigen Tod verschränkt). Dass das Jesus-Wort im Kontext des Wiederbelebungswunders eines Leichnams wiedergegeben wird und damit von der grundlegenden Differenz zwischen Auferstehung bzw. Auferweckung einerseits und Wiederbelebung andererseits abzulenken scheint, muss kein Problem darstellen, wenn man den Zeichen-Charakter der joh. Wundererzählungen berücksichtigt: Die Tat Jesu ist hier nicht einem prophetischen Heilungswunder zu vergleichen (wie etwa bei Elia), sondern das unvergleichliche Zeichen der Vollmacht Christi, göttliche Heilswirklichkeit zu setzen und ins ewige Leben zu führen.

„Leben“ im biblischen Sinne ist also eine Form von Lebensqualität – nämlich diejenige Lebensweise, die sich von Gott getragen und aus seiner Gnade beschenkt, aber auch von seinem orientierenden Willen geleitet weiß. Diese Lebensqualität wird im NT auch als „ewiges Leben“ bezeichnet. Demgegenüber ist mit „Tod“ nicht nur die physisch-psychische Grenze menschlichen Lebens gemeint, sondern auch eine Macht, die das „Leben“ in seinem geistlichen Sinne begrenzt oder behindert oder unerfüllt sein lässt. Eberhard Jüngel unterscheidet dementsprechend den „natürlichen Tod“ und den „Fluchtod“.5 Nur letzterer kann aufgehoben werden in dem Sinne, dass das biologische Ende menschlichen Lebens nicht zugleich die Nichtung der Existenz und ihrer sinnhaften Begründung bedeutet, sondern dass ein sinn-volles Sterben möglich wird.

In diesem übertragenen Bedeutungsgehalt ist der „Tod“ der „Feind des Menschen“. Wenn wir um die Doppeldeutigkeit der Begriffe „Leben“ und „Tod“ wissen, so können wir die ganze Bandbreite existentieller Lebensbedrohung wie existentieller Lebensverwirklichung in diesem geistlichen Sinne in den Blick nehmen: „leben“ kann dann auch ein Mensch, der dem Tod geweiht und ans Sterbebett gefesselt ist, und „tot“ sein kann dann auch ein Mensch, der zwar kerngesund und vermögend ist, jedoch sein Leben als sinnlos und leer ansieht. Der geistliche „Tod“ droht dort, wo Menschen z.B. nur noch für ihr materielles Dasein leben, wo sie ihr Leben verspielt haben, wo sie schuldig geworden sind etc. (vgl. Luk. 15,24).

 

Die neutestamentlichen Zeugnisse der Auferstehung Jesu

Die Vorstellung einer „Auferstehung Jesu“ macht in diesem Zusammenhang Sinn, wenn wir sie nicht als Wiederbelebung des Leichnams eines Verstorbenen sehen (wie eben Lazarus in Joh. 11)6. Die Evangelien bezeugen uns demgegenüber klar, dass Jesu Erscheinen als Auferstandener nicht mit einer Rückkehr ins vormals gelebte Leben gleichzusetzen ist: Da gibt es Jüngerinnen und Jünger, die ihn sehen, aber nicht erkennen (Joh. 20,15; Lk. 24,16); anderen kommt die Begegnung vor wie die Erscheinung eines Geistes, nachdem Jesus unter ihnen auftauchte wie aus dem Nichts (Lk. 24,36f); wieder andere erkennen ihn sehend oder durch Berührung (Joh. 20,25.27).

Man kann versuchen, diese Erzählungen psychologisch als Wunschvorstellungen zu erklären, doch das zielt am entscheidenden Gehalt der Auferstehungsbotschaft vorbei. Es erübrigen sich auch alle Einwände, die Auferstehungserzählungen in den Evangelien seien widersprüchlich. Sie widersprechen sich nicht, sondern sie entsprechen den subjektiven Erkenntnisvoraussetzungen der jeweiligen Personen, von denen die Rede ist. Alles, was wir aus den Ostererzählungen der Evangelien schließen können, ist dies, dass Gott den verstörten und zweifelnden Jüngern die Auferstehung Jesu auf diejenige Art gewiss machte, die sie benötigten, um gewiss zu werden. Sie sollten erkennen und wissen: Der, mit dem wir drei Jahre umhergezogen sind, der auf so eindrucksvolle Weise Gottes Liebe verkündigte und sie zeichenhaft Wirklichkeit werden ließ, ist in Kreuz und Tod nicht einfach erledigt. Gott stellt sich zu ihm. Jüngel verwendet hierfür den Ausdruck: Gott „identifiziert“ sich mit dem toten Jesus von Nazareth.7

Damit sind zwei weitere Aspekte dessen, was „Auferstehung“ bedeutet, erkennbar: Erstens – Jesus ist nicht aus eigener Kraft auferstanden, sondern Gott hat ihn lebendig gemacht und damit als „seinen Christus“ bestätigt. Das älteste Zeugnis von der Auferstehung Jesu, das wir im NT kennen, ist eine Überlieferung, die Paulus selbst so empfangen hat und die er in einem seiner Briefe zitiert (1. Kor. 15,3-5). Darin ist wörtlich von „Auferweckung“ die Rede.

Angesichts der im Begriff der Auferweckung ausgedrückten Passivität ist dieser Terminus die theologisch angemessenere Metapher.8 Er überlässt die Aktivität des zu neuem Leben oder besser zu neuem Sein erweckenden Subjekts Gott selbst und nimmt die Handlungsmächtigkeit des „Auferstehenden“ in die des „Auferweckten“ zurück. Das Sinnbild „Auferweckung“ macht stärker als die Rede von der „Auferstehung“ deutlich, dass es allein Gott ist, der hier etwas bewirken kann. Er ist derjenige, der handelt und der, indem er Jesus „auferweckt“, ihn als Christus beglaubigt. Dem Bekenntnis, dass Jesus „Gottes Sohn“ ist, geht das Zeugnis, dass Jesus durch Gott von den Toten auferweckt und damit als Christus bestätigt wurde, voraus.9

Zweitens – „Auferstehung“ oder „Auferweckung“ ist ein sinnbildlicher Ausdruck für etwas, das selbst nicht beschreibbar ist und sich unseren detaillierten Rekonstruktionsversuchen entzieht. Nirgendwo im NT wird der Vorgang der Auferweckung Jesu beschrieben – ganz anders als, wenn auch sehr behutsam, bei den Auferweckungsgeschichten, die im Sinne der Wiederbelebung Toter zu verstehen sind, wie sie sich in den Evangelien finden (Mk. 5,41f; Lk. 7,14f; Joh. 11,41-44), und damit einen Grenzfall von Heilungswundern darstellen. Erst in späteren, „apokryphen“ Evangelien, die nicht in den Kanon des NT aufgenommen wurden, wird der Vorgang der Auferweckung selbst beschrieben (so etwa im „Petrusevangelium“).

Das heißt aber: Wir haben keine Möglichkeit, die Auferweckung als historisches Ereignis dingfest zu machen, weil wir gar nicht wissen, welcher historische Vorgang damit eigentlich genau bezeichnet sein soll. In diese Schwierigkeit gerät auch Wolfhart Pannenberg, wenn er die Auffassung vertritt, die Auferstehung Jesu selbst sei ein historisches Ereignis10. Historisch eindeutige Vorstellungsgehalte sind für uns nur der Tod Jesu, das leere Grab und die Ostererfahrungen der Jünger. Nur im Blick auf sie kann man – mit welchen historischen Verifikationsmethoden auch immer – zu einer Entscheidung gelangen, sie im Sinne eines historischen Ereignisses für wahr oder für falsch zu halten.

Für uns greifbar ist sozusagen nur der historische Rand der Auferweckung Jesu. Es bleibt ein göttliches Geheimnis, auf welche Weise, Gott den ersten Christen, nämlich den Jüngerinnen und Jüngern Jesu, mit voller Gewissheit deutlich machte, dass Jesu Leben, Leiden und Tod kein Irrtum und keine Niederlage waren, sondern die volle und vollmächtige Offenbarung des Wesens Gottes. Das zeigt, dass wir es bei der Frage, was von der Glaubensaussage, Jesus sei von den Toten auferstanden, genau zu halten ist, im Kern mit einem Phänomen göttlicher Offenbarungserfahrung zu tun haben, m.a.W. die Frage nach der Möglichkeit und Wirklichkeit religiöser Erkenntnis berührt wird.

 

War das Grab Jesu leer? – Ein Exkurs

In diesem Zusammenhang muss ein Blick auf die Überlieferung vom „leeren Grab Jesu“ geworfen werden. Der Zusammenhang der Überlieferung bei Mt. zeigt, dass das leere Grab allein keinen stichhaltigen „Beweis“ und auch kein überzeugendes Argument für das Zeugnis von der Auferweckung Jesu darstellen konnte. Das Verschwinden des Leichnams Jesu konnte auch anders gedeutet und sogar auf natürliche Weise „erklärt“ werden (Mt. 27,64). Selbst die Frauen als erste Osterzeugen wurden nicht durch ein leeres Grab, sondern durch die Botschaft eines Unbekannten am Grab (Mk. 16,5ff) und vollends durch die Begegnungen mit dem Auferstandenen selbst von der Macht Gottes überzeugt, die menschliche Todes- und Verdammungsurteile ins Unrecht setzt und die Wahrheit göttlicher Selbstoffenbarung wirkt, wo und wann es ihm gefällt.

Davon abgesehen stellt die Rede vom „leeren Grab“ eine problematische, weil unsachgemäße Verkürzung der ntl. Überlieferung dar. Korrekterweise müsste man eher von einer Überlieferung der „Unauffindbarkeit des Leichnams Jesu“ sprechen.11 Wenn wir in die spätere ntl. bzw. frühchristliche Tradition blicken, so dürfte klar sein, dass die Vorstellung von der Auferstehung Christi auch mit der wundersamen Verwandlung seiner natürlich-körperlichen Existenz verbunden wurde (so in der Paulus in den Mund gelegten Predigt in Apg. 13,34-37). Im Kontext eines Weltbilds, in dem die mirakulöse Durchbrechung und Aufhebung natürlicher Zusammenhänge problemlos vorstellbar war, stellte die Annahme der Verweslichkeit Jesu, der doch längst als Christus erwiesen war, offenbar etwas Anstößiges dar. Das setzt voraus, dass Jesus als irdische Gestalt insgesamt bereits in einer supranaturalen Weise gedacht wird – entgegen der Vorstellung der vollen Anteilnahme Jesu Christi am menschlich-irdischen Schicksal, das den Tod und die irdische Vergänglichkeit umgreift, und entgegen dem paulinischen Realismus in 1. Kor. 15, der diese Spannung zwischen Verweslichkeit und Unverweslichkeit eschatologisch thematisiert.

Überlieferungsgeschichtlich älter als die mythologisch aufgeladene Vorstellung vom leeren Grab (wie sie sich u.a. bei Joh. ausgestalten) sind die synoptischen Erzählungen von der Unauffindbarkeit des Leichnams Jesu. Auch diese sind, für sich genommen, irritierend, weil sie keinen „Beweis“ für das Auferstehungsereignis erbringen, im Gegenteil (vgl. Mt. 27,64). Sie ermöglichen jedoch noch einen anderen Deutungsspielraum: Mit der Unauffindbarkeit Jesu im Grab wird deutlich, dass sich die Offenbarungsdynamik, die mit dem Auferstandenen anhebt, nicht am Ort der Toten, sondern am Ort des Lebens entfaltet (vgl. Lk. 24,5). In diesem Sinne sind auch die betonten Ortswechsel (vgl. Mk. 16,7; Mt. 28,10; 26,32) zu verstehen. Der heilsame Blick richtet sich gerade nicht auf das Grab Jesu (nicht einmal auf ein leeres!), sondern ins Leben.

 

Die „Auferstehung Jesu“ als Gewissheit stiftende Erfahrung

Die Vorstellung der „Auferstehung von den Toten“ bezeichnet im AT wie im NT die Macht Gottes, verlorene Lebensqualität wiederherzustellen und dem Menschen zuzueignen. Im AT kann dies so weit gehen, dass sogar die „Auferstehung einer zerschlagenen und vernichteten Volksgemeinschaft“ aus Gottes Händen empfangen wird. Die Auferweckungsgeschichten Jesu im NT sind Glaubenszeugnisse und spiegeln den Lebenssinn, den diejenigen gefunden haben, deren Begegnung mit dem Auferstandenen jeweils erzählt wird. Dabei sind die Auferweckungserzählungen, die Geschichten von Erhöhung und Himmelfahrt, ja wahrscheinlich auch die von der Verklärung Jesu, nur unterschiedliche Erzählgestalten ein und desselben Aussagegehalts. Doch welchen Aussagegehalts?

Rudolf Bultmanns viel zitierte Aussage, Jesus sei ins „Kerygma“, d.h. in die Botschaft von Ostern, hinein auferstanden, weist offenbarungstheologisch in die richtige Richtung: Jesu lebendige und einzigartige Gottesbeziehung erweist sich dort als wahr, wo er – Jesus – als der Christus verkündigt wird. Bultmanns Aussage muss allerdings vor einem entscheidenden Missverständnis bewahrt werden: Es ist nicht die Sache von Menschen, Jesus Christus vollmächtig zu verkündigen, sondern die Sache des Heiligen Geistes. Daher gewährleistet nicht menschliche Verkündigung die Lebendigkeit Jesu Christi, sondern umgekehrt: seine Auferweckung zum Leben durch Gott macht die menschliche Verkündigung, dass Jesus der Christus ist, zu einem lebendigen, d.h. Herzen und Sinne bewegenden Ereignis.

Das Zeugnis von der Auferstehung Jesu ist zugleich das Zeugnis von der souveränen Selbstkundgabe Gottes. Für die ersten Christen ist dieses Zeugnis mit einer Gewissheit einhergegangen, die so neu wie unumstößlich war. Als Augen- und Ohrenzeugen Jesu konnten sie in der erneuten Begegnung mit ihm der unbeschränkten und unbegrenzbaren Liebe und Gegenwart Gottes im Angesicht des Todes gewiss werden. Uns heute würden Erscheinungen Jesu, wie sie in den Evangelien erzählt werden, nichts nützen. Niemand von uns hat Jesus je von Angesicht gesehen. Unsere Bilder von ihm sind selbst gemachte Illustrationen und Projektionen. Daher könnten wir ein derartiges Erlebnis nicht von einem Trugbild unterscheiden.

Von der zweiten Generation der Christen an geht Gott deshalb einen anderen Weg der Offenbarung – es ist das gepredigte und weitererzählte Zeugnis von Jesus von Nazareth, der trotz Leiden und Tod nicht ein gescheiterter Mensch, sondern gerade in allen Tiefschlägen und Niederungen des Lebens Gottes Offenbarung ist und bleibt. Wer dieses Zeugnis hört und von ihm berührt ist, der wird angerührt von der Gewissheit stiftenden Kraft des Heiligen Geistes und tritt auf diese Weise ein in die Wirklichkeit des auferstandenen Jesus Christus.

Auf diese Weise kann menschlichem Leben, das immer im Horizont des Todes verbleibt, ein Sinnhorizont eröffnet werden, der das endliche, das fragwürdige, das fragmentarische Leben, das wir leben, mit der unendlichen Fülle göttlichen Lebens verbindet. Innerhalb des menschlichen Lebenskreises gibt es – profan betrachtet – nur zwei unumstößliche Gewissheiten: die Vorfindlichkeit meiner Existenz (durch meine Geburt) und die Unausweichlichkeit meiner irdischen Auflösung im Tod. Mit der Auferstehungswirklichkeit, von der das NT Zeugnis gibt, tritt dieser Lebenskreis in ein erweitertes Koordinatensystem ein, erweitert um eine neue Dimension: Menschliches Leben ist nie nur an die basalen Prozesse von Materie, Energie und Information gebunden, sondern eingebettet in die Beziehung Gottes zum Menschen. Diese hat aber seit Christus eine neue, zumindest neuartig erschlossene und zur Gewissheit gebrachte Qualität: Menschen, die an Christus glauben, nehmen an seiner Entsetzung der Macht des Todes teil und sterben nicht in ein Nichts hinein, sondern in Gottes Ewigkeit und Allgegenwart.12

 

Anmerkungen

1 Vgl. zum Folgenden auch Franz Zeilinger, Der biblische Auferstehungsglaube. Religionsgeschichtliche Entstehung – heilsgeschichtliche Entfaltung, Stuttgart 2008.

2 Man wird diese nicht pauschal als Gemeindetheologie klassifizieren können: Die aus der jüdischen Apokalyptiktradition stammenden Stellen dürften historisch mit der Person Jesu sogar leichter zu verbinden sein als mit dem Denken hellenisierter Gemeinden in der Diaspora!

3 Leiblichkeit ist hier nicht als Körperlichkeit, sondern als umfassender Begriff für menschliches Leben in seiner individuellen Konkretheit zu verstehen, einschließlich aller zu ihm gehörenden Geschichtlichkeit und Beziehungen, d.h. modern ausgedrückt ein „biografisches“ Konzept. „Leiblichkeit“ meint demzufolge eine Art „biografische Identität“ eines individuell gelebten Lebens, wobei mit dem Wechsel vom „fleischlichen“ zum „geistlichen“ Leib angedeutet ist, dass die jeweilige Identität nicht mehr in irdischen und durch sich selbst vermittelten Bezügen, sondern durch Gott, nämlich durch seinen Geist, verbürgt ist.

4 Rudolf Bultmann, Theologie des Neuen Testaments, Tübingen 91984, 247.

5 Eberhard Jüngel, Tod, Stuttgart 1971, 113 bzw. 117.

6 Eine Sonderstellung nimmt Mt. 27,52f ein, der an dieser Stelle – schon im Rahmen der erzählten Zeit – als Einschub aus einer apokalyptisch interpretierten Zukunft heraus zu werten ist.

7 Jüngel, Tod, 137.

8 Der ntl. Befund ist insgesamt uneindeutig: die Termini „erwecken“ (was sich deutlich öfter findet) bzw. „auferstehen“ werden sachlogisch nicht differenziert verwendet, vielmehr sind beide Begriffe austauschbar und werden sowohl christologisch im Blick auf Jesus als auch im Blick auf die allgemeine eschatologische Erwartung, daneben aber auch in einem nichttheologischen Sinn verwendet. Auch eine Zuordnung nach den Kriterien „(Eigen-)Aktivität“ resp. „Passivität“ (bei göttlicher Aktivität) lässt sich nicht konsequent vornehmen.

9 Die Rede von der „Auferstehung“ macht daher eigentlich nur in einer streng christologischen Bedeutung Sinn, insofern in Jesus als dem Christus zugleich Gott handelt und der Auferstandene sich kraft seiner Auferstehung als Gott erweist. Aus inkarnationstheologischer Perspektive kann also von „Auferstehung“ gesprochen werden, während aus identifikationsheologischer Perspektive die Rede von der „Auferweckung“ Jesu und seiner hierdurch gewirkten Beglaubigung durch Gott vorzuziehen ist.

10 Vgl. Wolfhart Pannenberg, Grundzüge der Christologie, Gütersloh 61982, 85ff.

11 Vgl. die Entwicklung innerhalb der synopt. Tradition bis hin zu Joh.

12 Auf diesem Argumentationszusammenhang baut auch auf Ingolf U. Dalferth, Volles Grab, leerer Glaube?, in: ZThK 95/1998, 379-409.

 

Über die Autorin / den Autor:

PD Pfarrer Dr. Peter Haigis, Jahrgang 1958, Studium der Evang. Theologie, Philosophie, Neuen Deutschen Literatur und Medienwissenschaften in Berlin, Marburg und Tübingen, Pfarrer der Württ. Landeskirche, Theol. Referent am Kloster Wülfinghausen/Springe, seit 2007 Schriftleiter des "Deutschen Pfarrerblatts".

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2021

1 Kommentar zu diesem Artikel
22.03.2021 Ein Kommentar von Knobloch Der Herr ist auferstanden- er ist wahrhaftig auferstanden
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