In den zurückliegenden Jahren beherrschten Debatten die Feuilletons, ob man heute noch problemlos die Matthäus- oder Johannespassion Johann Sebastian Bachs aufführen könne oder kommentierte bzw. „gereinigte“ Versionen benötige, um dem latenten Antijudaismus zu entkommen. Ekkehard Fugmann berichtet von einem Aufführungsprojekt in der Inszenierung des jüdischen Regisseurs David Mouchtar-Samorai im Lutherjahr.

 

Vorbemerkungen

Die Passion Jesu ist eine Geschichte von innerem und äußerem Ringen, von Scheitern und Gewalt, von Missverstehen, Verwirrung, von tiefster Verlassenheit, Enttäuschung, Todesangst und Trauer. Die Matthäuspassion in der Musik von Johann Sebastian Bach bildet dieses Geschehen ab. Sie ist in eine uns berührenden Trauer gestimmt, gleich am Anfang und durchgängig bis zu Ende: Am Anfang, „Kommt, Ihr Töchter, helft uns klagen …“. Am Ende, „Wir setzen uns mit Tränen nieder …“.

In den uns überlieferten Passionsgeschichten ist die Saat eines christlichen, populären Antijudaismus gelegt. Das generelle Versagen unserer Kirchen als öffentlicher Anwalt und Schutzschirm für bedrohte, jüdische Mitmenschen, abgesehen von denkwürdigen Ausnahmen, gipfelte im Schweigen angesichts des Holocaust und bleibt uns, den nachfolgenden Generationen, als unauslöschlich beschämende, schmerzliche Erinnerung. Und als Angebot für kritische Selbstreflektion und Bereitschaft für mögliche Versöhnung. Hier ist so viel Trauer.

Infolge dieses Kontextes war es ein sinnvolles Vorhaben, dieses Kapitel unserer deutsch-jüdische Geschichte mit der Matthäuspassion zu verbinden, und dies im historisch belasteten Nürnberg. Dem Staatstheater Nürnberg ist es zu verdanken, dass es das Konzept dieses Vorhabens im Rahmen der I.O.N. im Mai und Juli 2017 in der Lorenzkirchen Nürnberg dem jüdischen Regisseur David Mouchtar-Samorai übergab und zur Aufführung brachte. Sie wurde von szenisch begleitenden Darstellungen der Sänger und Laiendarsteller, unter denen ich beteiligt war, zur Aufführung gebracht.

Was stellt uns ein jüdischer Theatermann, mit der Leidensgeschichte seines Volkes beladen, nun mit dieser Leidensgeschichte Jesu in der Kirche auf die Bühne? Und wie verbindet sich dies mit der von Trauer getragenen Musik Bachs. Das war für mich die spannende Frage.

Die Produktion kann in diesem Rahmen nur in einer stark fokussierten Auswahl dargestellt und gewürdigt werden. Ich habe mich für die folgenden Aspekte entschieden:

¬ Die Passion Jesu ist durchsetzt von Szenen realer, roher Gewalt.

¬ Traditionelle Bezüge zu einem kirchlichen Antijudaismus sind erkennbar in der Gegenüberstellung der Figuren Petrus und Judas.

¬ Wir sehen inmitten dieser Welt Jesus, den Juden, der eine Kippa trägt. Ecce homo!

Meine Erinnerungsarbeit folgt dem Verlauf der Matthäuspassion, wobei ich die genannten Aspekte schwerpunktmäßig mitaufzeige.

 

Jesus ist Jude

Jesus tritt auf und setzt sogleich seine Kippa auf. Damit ist klar, welcher Bezug hier gesetzt ist, wenn es deutsche Kommunen gibt, in denen jüdische Männer ihre Kippa in der Tasche lassen.

Die Gewalt beginnt mit der Gewalt gegen eine Frau: „da trat zu ihm ein Weib, die hatte ein Glas mit köstlichem Wasser, und goss es auf sein Haupt … Da das seine Jünger sahen wurden sie unwillig“. Diese Szene zeigt die Feinseligkeit einer Männer-Frauengruppe gegen die berührte und berührende Frau. Die Gruppe stößt sie zu Boden und steht drohend über ihr, bis Jesus interveniert und ihr hilft, wieder aufzustehen und ihre Tat würdigt.

Judas, als Jude erkennbar in zeitgenössischer Kleidung, wird bei seinem ersten Auftritt von der Jüngerschar umgehend niedergeschlagen. Es fließt Blut. „Du lieber Heiland du, wenn dein Jünger töricht streiten.“ Jesus tritt dazwischen, verbindet ihm die Wunde am Kopf, nennt ihn „mein Freund“.

Im Garten Gethsemane, Jesus betet innig („dass dieser Kelch von mir gehe ...“). Wie ein Knall platzen die Jünger ins Gebet Jesu hinein, eine betrunkene Rowdy-Bande, flacken sich johlend zu Boden und schlafen. Wollt ihr nun schlafen und ruhen, siehe die Stunde ist hie …“

Judas kommt laut rennend durch die Kirche her, geht langsam auf Jesus zu: „Gegrüßet seist du, Rabbi.“ „Mein Freund, warum bist du kommen?“ Jesus ist es, der ihn als Freund begrüßt und küsst. Sie schauen einander schweigend an. Jesus schickt ihn mit einer Handbewegung zurück, seine „Aufgabe“ zu erfüllen. Die Schergen, als Soldaten gekleidet, mit Pistolen bewaffnet, kommen mit lauten Schritten durch die Kirche herbeigeeilt und nehmen Jesus fest: „sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden? Eröffne den feurigen Abgrund, o Hölle, zertrümmre, verderbe, verschlinge, zerschelle mit plötzlicher Wut …“ Die Jünger stürmen aus dem Hinterhalt herbei, überfallen die Soldaten, entwaffnen sie und ringen sie zu Boden. Jesus als Friedenstifter, diese Rolle behält er durchgehend, tritt dazwischen, gibt ihnen ihre Waffen zurück. Er fügt sich in das Unvermeidliche. „Es muss also gehen …“

Vor den Prozess Jesu vor den Hohepriestern ist die Abraham-Isaak-Opferung als Regie-Einschub gestellt. Ein Knabe wird vom Vater vom Schoß seiner Mutter gezerrt. Er legt ihn auf den Opferaltar, zieht das Messer, hält inne, bricht in sich zusammen, hebt das Kind herunter und schickt es zurück zur Mutter. Der Vater bringt es nicht übers Herz, seinen Sohn zu opfern. Der Opfertod wird durch des Vaters Liebe überwunden.

 

Petrus contra Judas

Petrus verleugnet sich als Jesu Jünger: „Ich kenne den Menschen nicht ...“. Er wird von seinen Beschuldigern körperlich angegriffen, „… und alsbald krähete der Hahn … und ging hinaus und weinete bitterlich.“

Es folgt eine Versöhnungsszene (Arie „Erbarme dich …). Petrus ist am See (Video auf Stoffbahnen über der Bühne), wirft sein Fischernetz aus. Jesus geht auf ihn zu, hilft ihm zu sich übers Wasser, nimmt ihn in die Arme.

Unmittelbar darauf begegnen sich die beiden, der „Verleugner“ und der „Verräter“, kommen sofort in ein Handgemenge. Petrus ringt Judas nieder, schlägt ihn zu Boden. Der Geschlagene taumelt hoch und schreit einen Monolog in die Kirche: „Gebt mir meinen Jesus wieder …“ Er sieht sich als Schachfigur in einem größeren Drama.

 

Das Futter des Antisemitismus

In den Gerichtszenen werden die Schriftgelehrten als Karikatur der Juden dargestellt, der Hohepriester als Intrigant, Aufwiegler, Feigling, von Geldgier besessen. Die Regie-Absicht war, dass in diesen Karikaturen die weitverbreiteten, historisch tiefsitzenden Vorurteile über Juden erkennbar werden, populär verbreitetes Futter des Antisemitismus.

So sind die Juden!“
(irgendwer hatte irgendwas geklaut)
schleuderte der nachplappernde Junge
dem Juden ins Gesicht.

In dessen geballten Augen
(sein Gürtel ein Strick)
loderte nun das Inferno,
dem er erst entronnen war.

Das Kind erschrak und wich
(an der Seite des älteren Bruders)
von ihm, den er
als Freund angesehen hatte.

 

Kardinäle in samtroten Roben

In der Gerichtszene vor Pilatus wird die Regie noch deutlicher: Die Hohepriester sind als „Kardinäle“ eingekleidet, sie klagen Jesus an und agitieren: „Lasst ihn kreuzigen …!“ Pilatus wäscht seine Hände schließlich in Unschuld.

Sein Blut komme über unsere Kinder“, schreien sie in ihren samtroten Roben. Sie sind es, die den Selbstfluch ausstoßen, ein Satz, tief in christlicher Tradition angelegt, der den kirchlichen Antisemitismus genährt hat und stellenweise noch in Brauch ist. Bach dagegen: „Aus Liebe will mein Heiland sterben.

Schon kommt eine kleine verängstigte Schar von (zeitgenössisch gekleideten) Juden mit Koffern, Jesus unter ihnen, auf dem Weg zum Abtransport, eingeschüchtert von wütend schimpfenden Kardinälen, während auf den Stoffbahnen über der Bühne Videoclips von vorüberfahrenden Zugwaggons den Bezug zu unserer Zeitgeschichte unmissverständlich herstellen.

(Rezitativ) … „Erbarm es Gott! … Ihr Henker haltet ein!
Erweichet euch der Seelen Schmerz, /Der Anblick solchen Jammers nicht?“

 

Das Handwerk der Exekution

Noch eilen die schwarzen Züge vorüber, da beginnen schon die Vorbereitungen für Jesu Kreuzigung. Jesus wird mit lautem Geschrei durch die Kirche zu seiner „Krönung“ geführt. „O Haupt voll Blut und Wunden, /voll Schmerz und voller Hohn.“ Rohe Gewalt steht vor einem eingeübten Exekutionshandwerk. Während das Kreuz aufgerichtet wird, leuchtet in der Kirche das Kruzifix hoch oben weiß auf. Jesus (Jochen Kupfer) und der Evangelist (Martin Platz) sitzen gemeinsam auf den Stufen zur Bühne und begleiten das Geschehen mit ihren Gesangspartien.

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Dem Tod Jesu folgt eine innig bewegte Trauerszene der Menge, die von Judas, wie ein Störenfried, als Zeitgenosse erkennbar, unterbrochen wird, „Ich bin wieder hier …“. Trauer dreht sich um zu erneut feindseliger Ablehnung. Die „Silberlinge“ wirft ihm einer vor die Füße und von allen verachtet geht er mit seinen Koffern durch die Kirche hindurch in die Nacht.

Wir setzen uns mit Tränen nieder …“ Die Trauer ist begleitet von einem Bild befreiter Hoffnung: Der Knabe (aus der Opferungsszene) kommt durch einen Fels-(Grab-)Spalt. „Am Abend da es kühle war …“ Es betritt kindlich staunend, spielend die für ihn neue Welt, spielt mit einem Küken in seinen Händen. Er hält es vorsichtig behütend, wirft es dann zum Fliegen hoch. „Am Abend kam die Taube wieder, und trug ein Ölblatt in dem Munde.“

Der Knabe kehrt schließlich zurück zur Mutter auf den Schoß (erinnert an Michelangelos Pieta nach der Kreuzabnahme Jesu), wovon er in der Opferszene entrissen war. „Ruhe sanfte, sanfte ruh …“ 

 

Gedanken zur Erinnerungsarbeit

Erinnerung kann Arbeit bedeuten, unter Umständen mit Widerständen verbunden, ein mühsamer Kraftakt gegen das Vergessen. Vergessen, wissen wir, ist mental bedingt, aber auch seelisch bedeutsam. Vergessen hat eine eigene ambivalente Mächtigkeit. Es besitzt eine schützende, beruhigende Wirkung, indem es die Möglichkeit gibt, uns dem Alltag wieder zuzuwenden. Trauernde oder Traumatisierte können nicht unentwegt erinnern. Andererseits kann Vergessen eine Erinnerung zudecken, die Aufforderungscharakter zur Veränderung anbietet. In der Aufarbeitung unserer Nazi-Geschichte gibt es für diese Ambivalenz des Vergessens viele Beispiele.

Kritisch wird das Vergessen, wenn die beunruhigenden Symptome wiederauftauchen, z.B. wenn jüdische Menschen in Deutschland sich nicht mehr sicher fühlen. Das ist sehr beunruhigend, in unserem Land allemal. Ich sehe dabei die Kirche, also uns selbst gefordert. Es ist ja auch schon viel Erinnerungsarbeit und Trauerarbeit geschehen. Und doch bekommen wir von unseren jüdischen Geschwistern immer wieder zu hören: Vergesst das Erinnern nicht! In diesem Zusammenhang verstehe ich auch die Regiearbeit des jüdischen Mitbürgers, David Mouchtar-Samourai, in der Inszenierung der Matthäuspassion vor vier Jahren. Ich erinnere hier an jene Erinnerungsarbeit.

Eine Schlüsselszene für mich in dieser Produktion: Judas taucht am Ende wieder auf, kommt durch den Kirchenmittelgang gelaufen, stört die vorherrschende Trauerharmonie: „Ich bin wieder hier!“, erfährt Ablehnung, erneute Verwundung aus Feindschaft und geht durch die Kirche wieder hinaus in die Nacht.

Wir setzen uns mit Tränen nieder“. Solange Wunden anerkannt werden, Tränen fließen können, führen sie zur Quelle neuen oder veränderten Lebens, nahe bei dem Gekreuzigten.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Ekkehard Fugmann, Jahrgang 1939, Pastoralpsychologe, DGfP Supervisor, zunächst Gemeindepfarrer, dann als Dozent an einem Pastorenseminar in Papua-Neuguinea, später als Klinikseelsorger in Nürnberg, seit 2004 im Ruhestand.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2021

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