Am Vorabend des Schweizer Corona-Lockdowns im vergangenen März wurde in St. Gallen ein Großprojekt aus der Taufe gehoben: die „St. Galler Corona-Bibel“. Der Initiator, Uwe Habenicht, teilt die Idee und dahinter stehende Überlegungen mit. Sie führen zu einer theologischen Landkarte, um spirituelle Angebote für unsere Zeit zu machen, die auch wahrgenommen werden.

 

Wir schreiben die Bibel neu“

Die Zeit drängte. Der Lockdown lag bereits in der Luft, und ich überlegte an meinem Schreibtisch, welche Möglichkeiten es gibt, Menschen in den kommenden Wochen trotz Ausgangssperre und Versammlungsverbot die Möglichkeit zu geben, sich in eine große Gemeinschaft eingebunden zu fühlen. Dann kam mir die Idee: Wir schreiben die Bibel neu. Mit der Hand. Jeder ein Kapitel.

Zwei Stunden vor dem Lockdown in der Schweiz am 16. März, saß ich dann mit drei Kolleginnen und Kollegen der katholischen Cityseelsorge zusammen, um die Eckpfeiler der St. Galler Corona-Bibel zu besprechen. Wie gelingt es uns, 1189 Personen zu finden, die jeweils ein Kapitel der Bibel mit der Hand abschreiben und, wenn gewünscht, auch kommentieren und illustrieren und an das Team schicken? Mit dem Leiter der Stiftsbibliothek war bereits besprochen, dass er diese neugeschriebene Bibel in den Bestand der weltberühmten St. Galler Stiftsbibliothek als einzigartiges Zeitzeugnis aufnehmen würde. Das war eigentlich schon alles.

Nach einer Stunde waren die wichtigsten Aufgaben verteilt: Matthias würde die Pressearbeit übernehmen, Roman die Gestaltung der Website, Ann Kathrin fertigt die ersten Musterseiten an und ich drehe einen kurzen Trailer, der die Idee vorstellt, und kümmere mich um einen Teil der Doodles, über die man ein Kapitel für sich auswählt.

Beim anschließenden Besuch bei der Buchbinderin erfahre ich noch alles über die notwendigen Abstände und Ränder, damit beim Binden nichts verloren geht. Als Papier schlagen wir das weiße Kopierpapier, das die meisten ohnehin daheim haben, vor. Das war’s. Mehr brauchte es nicht. Um 18 Uhr an diesem 16. März schlossen für mehrere Wochen die Läden und Kirchentüren, das soziale Leben kam zum Erliegen, die Grenzen waren bereits geschlossen.

 

Theologische Entdeckungen fallen seltener vom Himmel als erhofft

So in etwa habe ich vom Entstehen der St. Galler Corona-Bibel für etliche Radio- und Zeitungsinterviews in die Mikros, Bildschirme und Telefonhörer erzählt. Blickt man auf die äußeren Umstände, ist an dieser Version auch nichts auszusetzen, denn die Geschichte dieser handgeschriebenen Bibel des 21. Jh. lässt sich durchaus so erzählen.

Allerdings, und darum soll es im Folgenden gehen, birgt diese Version die Gefahr, das Wesentliche zu verdecken. Nichts gegen Geistesblitze, geniale Einfälle, die Küsse der Musen und das plötzliche Einfahren des Heiligen Geistes. Doch vor all diesen angeblichen Blitzmomenten liegt langes und intensives Nachdenken. Theologische Entdeckungen fallen sehr viel seltener vom Himmel als erhofft. So hat nicht nur die Lutherforschung zeigen können, wie lange der sog. reformatorische Durchbruch in Luther gegärt hat und gereift ist. M.a.W.: Wenn wir unseren Zeitgenossinnen und Zeitgenossen etwas Tragfähiges und Nährendes anbieten möchten, dann braucht es dazu vorheriger theologischer Arbeit, die Orientierung und Überblick bietet. Für den Bereich der Spiritualität, also der gelebten Religion, geht es nicht ohne den scharfen Blick auf die Abgründe und Risse der Gegenwart. Denn Spiritualität nach meinem Verständnis bezieht sich entweder auf das Leiden in und an der Gegenwart oder sie ist keine Spiritualität im Vollsinn.

 

Wie und nach welchen Mechanismen „funktioniert“ unser Glaube?

Unter theologischer Arbeit im Blick auf Spiritualität verstehe ich die Wahrnehmung der Gegenwart und das Finden fundamentaler Strukturen der Religion. Wie und nach welchen Mechanismen „funktioniert“ unser Glaube? Was ist wirklich notwendig und was verstellt den Blick auf die tragenden Fundamente? Anhand dieser Fragen habe ich meine Landkarte der Spiritualität entworfen, die ich „Freestyle Religion“ nenne. Das vom italienischen Künstler Michelangelo Pistoletto entworfene Symbol eines erweiterten Unendlichkeitszeichen diente mir dabei als Modell.

Um ein weiteres Feld wird das bekannte Unendlichkeitszeichen ergänzt, so dass drei miteinander verbundene Bereiche entstehen, die die drei Bereiche des Religiösen umschließen: Das Mystisch-Kontemplative steht für die individuell-religiösen Erfahrungen, die jede und jeder in der stillen Kammer bei verschlossener Tür macht: Meditation und Bibelstudium, Gebet und Gebärde. Auf der gegenüberliegenden Seite liegt das Feld des weltzugewandten Handels, das öffentlich und politisch Welt mitgestaltet, die Hungrigen speist, für Klima und gerechtes Wirtschaften eintritt, Material formt und Erfahrungen der Selbstwirksamkeit ermöglicht. Das öffentliche Eintreten für Verantwortung Mensch, Tier und Klima gegenüber und das Einfordern gesellschaftlicher und globaler Gerechtigkeit lässt sich nicht vom christlichen Glauben trennen, ohne ihn seiner Alltagsrelevanz zu berauben. Das mittlere Feld, das das „Liturgisch-Kultische“ umfasst, also das gemeinschaftliche Feiern, speist sich wesentlich aus den beiden umliegenden Feldern. Wenn im Feiern des Gottesdienstes das engagierte Eintreten für etwas und für andere nicht spürbar ist, läuft der Gottesdienst leer.

Dass viele Menschen trotz aller Bemühungen unseren Gottesdiensten fern bleiben hat eben damit zu tun: Viele kommen nicht, weil sie spüren, dass man nur gregorianisch singen darf (der Satz Bonhoeffers klingt hier nach), wenn man auch im Alltag wenigstens ein Stück dessen lebt, was im Gottesdienst zwischen die betenden Hände eingeschlossen wurde. Die anderen bleiben inzwischen dem Gottesdienst fern, weil sie im Singen und Beten ihrer Gemeinde keinen Herzschlag für die Wunden der Gegenwart spüren und das Predigen, Singen und Beten als weltabgewandt erleben. Da helfen auch alle gottesdienstlichen Kompetenzzentren nichts. Das gemeinsame Feiern speist sich aus der mitgebrachten Spiritualität der einzelnen und diesem spürbaren Herzschlag für die Welt.

 

Schreiben als therapeutisches Heilmittel gegen die Verzweiflung

Diese dreiteilige spirituelle Grundstruktur, die die menschlichen Grundbeziehungen widerspiegelt, war es, die mir geholfen hat, für die Zeit des Lockdowns die Initiative der St. Galler Corona-Bibel vorzuschlagen. Denn mir war bewusst, dass es für die Zeit der Isolation wichtig sein würde, das Individuelle des Mystisch-Meditativen mit der Perspektive des Gemeinschaftlichen und des Gestaltens zu verbinden. Die persönliche Spiritualität konnte sich durch das Abschreiben am biblischen Text reiben und abarbeiten. Eine Künstlerin, die die Gestaltung des Deckblattes für ein Prophetenbuch übernommen hatte, schrieb mir, dass sie mit dem Gottesbild dieses Propheten ganz und gar nicht übereinstimme und deshalb von der übernommenen Aufgabe wieder zurücktrete. Ich bat sie, eben dieses Ringen und diese Auseinandersetzung zum Thema ihres künstlerischen Entwurfs zu machen. Wenig später schickte sie mir ihr Deckblatt, dem die Tiefe der Auseinandersetzung anzusehen war.

Das Mystisch-Kontemplative braucht ein Gegenüber, an dem es wachsen, ringen und sich reiben kann. Alles andere wäre bloßes Selbstgespräch. Die St. Galler Corona-Bibel bot den Menschen die Gelegenheit zu solch elementarer Auseinandersetzung; viele Kommentare und Illustrationen spiegeln dies wider. Wer durch die 3811 Seiten mit ihren so unglaublich verschiedenen Handschriften blättert, dem erschließt sich bereits ein Teil davon. Die Kommentare und Illustrationen vertiefen diese Eindrücke dann noch. Erstaunliche Bezüge zwischen Vergangenheit und Gegenwart ergeben sich, wenn etwa zur Paradiesgeschichte oben eine Schlange gezeichnet wurde und sich unten eine Darstellung des Coronavirus findet.

Schreiben war immer schon ein therapeutisches Heilmittel gegen die Verzweiflung. Das Abschreiben eines biblischen Kapitels befreit uns vom Druck der Gegenwart, verbindet uns mit anderen, die zu früheren Zeiten wie wir gehofft haben und verzweifelt waren und all dies in ihr Ringen mit Gott und vor Gott gebracht haben. Ein weiteres wichtiges Element zeigt das Schreiben, wenn es sichtbarer Teil einer Gemeinschaft wird. Wer mitgeschrieben hat, wusste, dass viele andere das Gleiche tun. Die Originalausgabe der St. Galler Corona-Bibel fügt in 7 Bänden das Handschriftenmeer zusammen. Wenn wir im Frühjahr 2021 die Übergabe an die Stiftsbibliothek mit allen Beteiligten feiern werden, dann wird diese Gemeinschaft nochmals sichtbar und spürbar. Aus unzähligen e-Mails und Gesprächen ist mir bewusst geworden, wie wichtig dieses Erleben von Gemeinschaft sein wird. Die bisher nur imaginierte Gemeinschaft wird nun tatsächlich und real. In der Zeit des Lockdowns waren vielen von ihren Alltagsroutinen abgeschnitten. Das Schreiben, Kommentieren und Gestalten war deshalb eine wichtige Erfahrung der Selbstwirksamkeit. In dieser Zeit konnten wir vieles nicht mehr und doch gab es die Möglichkeit, sich gestaltend zu dieser Situation zu verhalten.

 

Klarer Blick für tragfähige Spiritualität

Innerhalb von rund 10 Wochen lagen uns alle 1189 Kapitel handschriftlich vor. Unsere Einladung, an einer geistlichen Übung allein und doch in Gemeinschaft teilzunehmen, war gelungen.

Wenn wir Menschen als kirchlich Verantwortliche spirituell begleiten wollen, dann braucht es einen klaren Blick für das, was tragfähige Spiritualität ausmacht. Bei jedem Angebot sollten wir wissen, in welchem der drei Felder wir uns bewegen. Uns sollte bewusst sein, was genau wir stärken und anregen möchten, welche Bereiche miteinander verbunden werden sollen. „Freestyle Religion“ steht dabei für ein Modell der Spiritualität, das den Einzelnen bewusst große Spielräume der Gestaltung lässt und nicht-doktrinär auftritt. Als Kirchen können wir Menschen bei ihrer spirituellen Suche nur begleiten, wir können ihnen nicht sagen, welche Formen und welche „moves“ sie brauchen. Wir können ihnen aber einen Rahmen anbieten, der bestimmte Erfahrungen ermöglicht und zuspielt.

In diesem Sinne „funktioniert“ Spiritualität im 21. Jh.: minimalistisch sich auf das Grundlegende konzentrierend, nicht-doktrinär und mit viel Raum für Individualität, die sich in ein Ganzes fügen kann.

 

Uwe Habenicht

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Uwe Habenicht, Pfarrdienst in Deutschland und Italien, seit 2017 Pfarrer in St. Gallen mit Schwerpunkt Jugendarbeit; Veröffentlichungen: Leben mit leichtem Gepäck. Eine minimalistische Spiritualität, Echter Verlag, 2. Aufl. 2020; Freestyle Religion. Eigensinnig, kooperativ und weltzugewandt - eine Spiritualität für das 21. Jahrhundert, Echter Verlag, 2021.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2021

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