Der aus Deutschland stammende, in den USA lehrende Philosoph Vittorio Hösle hat 2019 einen Kommentar zum Zeitgeschehen vorgelegt, sein Buch „Globale Fliehkräfte“. Darin zeigt er, wie unsere Zeit nach einem „glücklichen Vierteljahrhundert“ zwischen 1990 und 2015, in einem beängstigenden Tempo abgestürzt ist. Über die antiliberale Umkehr Ungarns und Polens und das Brexit-Referendum und die Wahl Trumps steigt Hösle tief in die Ursachenanalyse ein. Er nennt den Ansehensverlust intellektueller Eliten bei einer enttäuschten Mehrheit eine „Sehnsucht nach simplen Antworten“ und beschreibt die Selbstzersetzung der EU und der USA. Das geht – so Ulrich Schneider-Wedding – auch Theologinnen und Theologen an.

 

Ein kritisches Plädoyer für Hösles Zeitanalyse

In sein Buch Globale Fliehkräfte1 sorgt sich Vittorio Hösle, ein herausragender Denker unserer Zeit, darum, dass Bildung, Argumentation, Differenzierung nichts mehr gelten, sondern durch die Medienpräsenz des leicht Verdaulichen, durch Pauschal- und Vorurteile, Angstschüren und Polarisieren oder, wie bei Trump, durch eine mit Dummheit gepaarte Frechheit und Selbstverliebtheit ausmanövriert werden.

Das Kapitel über die „Zersetzung politischer Rationalität“ (96ff) schildert, wie der skeptizistisch-postmoderne Mainstream der Intellektuellen mitverantwortlich ist für die Demontage des westlich-liberalen Konsenses; genau hier sind auch wir Theolog(inn)en gefragt. Wie aktuell das ist, zeigt(e) sich nach dem Erscheinen des Buches in der „Corona-Krise“ bzw. an „Verschwörungstheorien“ und am leichtsinnigen Herunterspielen des Problems (Trump, Bolsonaro).

Unterbelichtet bleibt die Frage, ob die Mehrheit einen Grund hat, der intellektuellen Elite zu misstrauen, und zwar grundsätzlicher als nur die bekannte Aversion des average man gegen Hillary Clinton, ob das Gefühl „wir werden veräppelt“ vielleicht stimmt, weil die Elite die 25 „guten Jahre“ nicht für grundlegende Reformen genutzt hat2.

 

Geschichtsbild: Pfeil und Kreis

In den geistigen Grundlagen bin ich dort ganz bei Hösle, wo er der „Postmoderne“ und anderen Relativismen einen gut begründeten Idealismus/Platonismus/Hegelianismus und die Annahme einer allmählichen Entwicklung (Evolution) zum Höheren und Besseren entgegensetzt.

Die andere Komponente seines Denkgerüsts bereitet mir allerdings Bauchschmerzen. Schon der Titel geschichtsphilosophische Kartierung lässt Oswald Spenglers Ideen erahnen: Aufstieg, Blüte, Verblühen und Niedergang von Völkern und Kulturen. Die vor 100 Jahren damit ausgelöste Panik förderte auch den Nationalsozialismus, der das Bedrohte zu bewahren vorgab – aber den „Untergang des Abendlands“ beinahe verwirklicht hätte.

Hösle ist weise genug, Spenglers irrationale Behauptungen und Vergleiche zu streichen und das heil-lose zyklische Schema dem idealistischen Fortschritts-Pfeil unterzuordnen. Das einzig Relevante, das noch bleibt, ist das Wahrnehmen einer „steten Wiederkehr“ in der Geschichte. Falls man auch diese noch rational begründen könnte, wäre Spengler gänzlich überflüssig.

 

Wirtschaftswissenschaftliche Erklärung für (Spenglers) Zyklen

Die Wiederholungen werden m.E. besser erklärt durch die Theorie der Konjunkturzyklen3 nach Nikolai Kondratieff4. Demnach verlief die Wirtschaftsgeschichte seit Beginn der Industrialisierung in fünf großen Aufschwüngen, denen jeweils Abschwünge folgten:

1. Dampfmaschine und maschinisierte Fertigung ab dem späten 18. Jh.,
2. Stahlverarbeitung und Eisenbahn ab ca. 1840,
3. Elektrotechnik und Chemie ab dem späten 19. Jh.,
4. Autoindustrie ab Mitte des 20. Jh.,
5. Computer und Telekommunikation seit dem späten 20. Jh.

Jede Basisinnovation zog eine kaum zu überblickende Wertschöpfungskette nach sich. Jene Zyklen betragen ca. 50 Jahre: anfangs exponentielle Boom-Kurven, später Sättigung und negative Rückkoppelung, gegen die sich aber oft eine Interessenlobby zu wehren versucht, um mehr vom Gleichen5 gegen alle Reformbestrebungen aufrechtzuerhalten6 und damit trotz zunehmender Konflikte den nächsten Boom hinauszuzögern. Kondratieff weist dabei gesamtgesellschaftlichen Trends eine entscheidende Rolle bei der Bewältigung solcher Hürden zu und folgt dem von Max Weber nachgewiesen kulturellen Einfluss auf die Wirtschaft (und Wirtschafts­politik).

Was „Langwelle“ genannt wird, ist aus dem Blickwinkel eines Historikers ein kurzer Zeitraum. Die 50jährigen „K-Wellen“ könnten überlagert sein von weitaus längeren, epochalen Wellen. Das thematisieren die heutigen Kondratieff-Jünger zwar nicht, eine solche Erweiterung ihrer Theorie zu „Mega-Wellen“ ergibt sich aber aus den von ihnen aufgezeigten Prinzipien: erst Boom, dann Feedback. Ein Rechnen mit sehr großen Epochenumbrüchen ist das, was bei Spengler wie Hösle fehlt und deren Darstellungen linear und undynamisch macht.

 

Blick auf vorindustrielle Zeit und Reformation

Kondratieffs Theorie umfasst nur die letzten 250 Jahre. Doch wenn man sie nach rückwärts erweitert denkt, erahnt man Stagnationen und Durchbrüche auch in vorindustriellen Zeiten. Auch damals war das Sich-Festkrallen an überholten Weichenstellungen blockierend und erzeugte Armut, während manch kluger Fürst, manch mutiges Kloster durch die richtige Reform einen „Boom“ auslöste, der dann auch anderswo Dominosteinchen ins Kippen brachte. Auch in den Jahrhunderten vor der Industrialisierung öffneten kulturelle Errungenschaften Wege zu Effizienz und Wohlstand – oder warfen Fehlentscheidungen ganze Regionen zurück7.

Ein Beispiel für den Zusammenhang von geistigem und wirtschaftlichem Aufbruch ist die Reformation: Luther wurde 1517 zum Volkshelden, weil seine Entdeckung („Rechtfertigung“) die Leute ermutigte, sich den Ablasskauf zu sparen. Kirche und Klöster, einst Wirtschaftsmotor, waren allmählich dysfunktional geworden; der Ablasshandel war ein Trick, jenes System weiterzufinanzieren. Insgesamt ließ die Reformation sowohl in den freien Städten als auch in den Flächenstaaten potentere wirtschaftliche Infrastrukturen sowie eine wirksamere Bildungs- und Sozialpolitik entstehen als die kirchliche. Trends, die schon vor 1517 „am Start“ waren, wurden nun richtig freigesetzt8. Als erster Bestsellerautor der Welt brachte Luther zudem ein ganzes neues Gewerbe in Schwung: Druckereien und Verlage.

Luther war dieser Aufbruch bewusst, er sah ihn als Teil einer Epochenwende, wenngleich ihm als bravem Priester von der dritten Epoche des Schemas Urstand – Sündenfall – Erlösung9 nur das Endzeitbewusstsein erlaubt war. Vor die Erlösung hatte die Westkirche – anders als die Orthodoxie10 – den Weltuntergang geschaltet. Dennoch benützte Luther ein Begriffspaar, das faktisch auf die ketzerische Erwartung einer Besserung noch in dieser Welt („Chiliasmus“) hinwies: „Gesetz und Evangelium“. Daran hielt er auch nach seiner Abkehr vom Politischen (Februar 152011) fest. Das, woran man nach Luther den Theologen erkennt, die Fähigkeit, „Gesetz und Evangelium“ zu unterscheiden, verweist auf Paulus, der auf dieses Begriffspaar seine Epochenlehre gründet, wonach das Gesetz nur „dazwischen hereingekommen“ (Röm. 5,20) sei.

 

Kondratieffs aktuelle Bedeutung – und notwendige Modifikation

Welche Basisinnovationen könnten heute einen „sechsten Kondratieff“ auslösen? – Kondratieffs Nachfolger fordern ökologische Weichenstellungen, die den Ressourcenverbrauch minimieren und stattdessen ein „Wachstum“ des Kreativen, des Informations- und Organisationsgrades fördern. Dann, so ihre Prognose, boomen eine weiterentwickelte Informationstechnik, Umwelt- und Biotechnologie, Gesundheitswesen und Spiritualität12. Besonders in den Bereichen IT und Bio-Tech ist zu unterscheiden zwischen den herkömmlichen Rahmenbedingungen (Knechtung der Digitalisierung unter die Automatisierung und der Bio-Technik unter die Turbo-Landwirtschaft) und der Zukunftsentwicklung unter geänderten Voraussetzungen, d.h. zwischen der Bindung an energie- und materialaufwändiges Wachstum („Hardware“, Kapitalstock) und der Befreiung zu reinem Informationswachstum bzw. der Entfaltung menschlicher Fähigkeiten („Software“, Kreativität).

Das ist der eigentliche, revolutionäre Punkt!13 Denn bisher waren Wachstum und Wohlstandsentwicklung immer an die zwei grundverschiedenen Faktoren Energie/Material und Information geknüpft. Kapitalstock-Wachstum fordert von den Menschen einen weitaus höheren Verzicht als Kreativität, führt immer wieder an Grenzen und in Engpasskonflikte und zerstört die Natur. Es war in der Vergangenheit unumgänglich; doch wenn die Konjunkturforschung meint, heute sei der Punkt erreicht, da sich die Menschheit ein für alle Mal von diesem Zwang verabschieden kann, ja muss, dann spricht sie ein großes Wort gelassen aus. Denn dann wird der „sechste Kondratieff“ nicht nur eine der „üblichen“ 50-Jahres-Wellen, sondern der Umbruch zu einer neuen Epoche sein.

Um die Kondratieff-Theorie entsprechend zu modifizieren, sehen wir auf den Anfang der „dazwischen hereingekommenen“, jetzt zuende gehenden Mega-Welle „Wachstumszwang“ zurück. Die Information können wir der biblischen, scheinbar mythischen Überlieferung entnehmen.

 

Mega-Wellen seit der Steinzeit

Mythisch ist an der Erzählung14 von Adam und Eva nur, dass sie drei weit auseinanderliegende historische Ereignisse der Biographie eines einzigen Menschenpaares zuschreibt: die Entstehung des Menschen vor Hunderttausenden von Jahren (für uns kein Thema), die Entstehung der Zivilisation vor 10.000 bis 12.000 Jahren im „Mesolithikum“ und der Absturz in Krisen und Dauerkonflikte im 4. Jahrtausend v. Chr. Wenn man zwischen dem Anfang, dem „Paradies“ („Urstand“), und seinem tragischen Ende im „Sündenfall“ mehrere Jahrtausende annimmt, dann wird das Erzählte15 zur lebendigen Illustration dessen, was der Spaten der Archäologen an abstrakten Funden zutage gefördert hat. Nach dem heutigen frühgeschichtlichen Konsens entstand die Zivilisation in Form von festen Siedlungen und Landwirtschaft um 10.000 v. Chr. in Obermesopotamien, wo die Bibel „Eden“ ansiedelt16. Die mündliche Überlieferung hat also sogar den Anfang der Jungsteinzeit aufbewahrt.

Für uns wichtiger ist jedoch deren Ende: Erst im 4. Jahrtausend v. Chr. tauchen auf einmal Festungsbauten und gegen Menschen gerichtete Waffen auf. Die ersten sechs Jahrtausende, in denen sich Ackerbau und Viehzucht, Haus- und Städtebau, Keramik- und Textilhandwerk verbreiteten, waren dagegen konfliktarm. Der „Urstand“ war also weit mehr als nur eine Episode im Leben Adams und Evas.

Woran ging diese Epoche zugrunde? – An ihrem eigenen Erfolg! Aufgrund des Wohlstands vermehrten sich die Menschen so stark, dass nach einer langen friedlichen Entwicklung schließlich der „Fruchtbare Halbmond“ übervölkert war. Hinzu kam der natürliche Klimawandel: Seit dem Tiefpunkt der letzten Eiszeit um 15.000 v. Chr. erwärmt sich die Erde langsam, aber stetig17. Obermesopotamien, wo im Mesolithikum gemäßigte Klimaverhältnisse herrschten, sodass siedelnde Menschen zunächst sogar ohne Ackerbau genug zu essen fanden, ist heute eine Halbwüste.

 

Naturgegebener Wachstumszwang und Kasernierung der Menschheit

Konflikte um Wasser und fruchtbares Land zwangen die Menschen einerseits zur Unterordnung der Schwächeren unter die Stärkeren, d.h. zur Stabilisierung waren „Patriarchat“ und eine „hierarchische“ – staatliche – Ordnung notwendig. Andererseits waren nur mit erhöhten Anstrengungen neue Lebensgrundlagen zu erschließen oder zu schaffen. Nur durch harte Arbeit oder Versklavung, durch freiwilligen oder erzwungenen Verzicht der großen Mehrheit war z.B. der Bau von Dämmen und Kanälen zur Bewässerung möglich. Solche Infrastrukturen samt die sie erzwingenden „Großreiche“ entstehen ab 3000 v. Chr. Gegenüber den lockeren Jahrtausenden des Matriarchats war das ein Wertewandel hin zum „Gesetz“.

„Urgeschichte“ (Gen. 1-11) und „Vätergeschichten“ (Gen. 12ff) des AT spiegeln die Umbrüche wider: Wer vertreibt Adam und Eva? – „Cherubim mit blitzendem Schwert“ (Gen. 3,24), später als Engel gedeutet, doch der Blick ins arabische Lexikon (nach Philologenmeinung nahezu die „ursemitische“ Sprache) verrät: Die Wurzel krb heißt „unterdrücken“. Unterdrücker mit Metallwaffen waren dem steinaxtschwingenden Adam überlegen. Die Übervölkerung („Vermehrung der Menschen“, Gen. 6,1) wird ebenso erwähnt wie die Klimaerwärmung, die aus der einst fruchtbaren Gegend um das Tote Meer Wüste machte (Gen. 13,10; 14,3).

Verknappung der Lebensgrundlagen und Zunahme von Konflikten führten dazu, dass streng hierarchische und auf Kampf ausgerichtete Gesellschaftsordnungen das Überleben einer Gruppe oder eines Volkes besser sicherten als die „lockeren“ Verhältnisse der früheren Zeit, die in der Bibel immer wieder als Ursache für Gottes Strafe gedeutet werden. So z.B. die Homosexualität Sodoms und Gomorrhas (Gen. 13,13; 19,4-11), die Schamlosigkeit (Gen. 2,25) und das partnerschaftliche Verhältnis des spätneolithischen, matriarchalen Paares Adam und Eva („Weil du gehorcht hast der Stimme deines Weibes …“, Gen. 3,17).

Als Antwort vonseiten der Kultur bilden sich Strategien zur Überwindung der Krisen heraus: Adam, der Rabbinern, Kirchenvätern und Muslimen als Prophet gilt, zieht die einzig richtige Konsequenz aus der Vertreibung: Er erschließt mit harter Arbeit („Mühsal“ „im Schweiße des Angesichts“) neue Lebensgrundlagen auf schlechterem Boden („Dornen und Disteln“, Gen. 3,17-19). Er formuliert das Gesetz, das mehrere Jahrtausende Vorrang haben wird.

Von den orientalischen Großreichen über die Pionierleistungen mittelalterlicher Klöster bis zum „Wachstums-“ bzw. „Investitionszwang“ unserer Tage, zieht sich ein und dasselbe „Gesetz“: Heute verzichten, um neue Lebensgrundlagen für morgen zu schaffen. Die Industrialisierung der letzten 250 Jahre war nur der Gipfel dieser Entwicklung.

 

Blockade der Epochenwende – durch den Tarif-Betrug

Grundsätzlich neu ist gegenwärtig, dass die ursprünglich, seit dem 4. Jahrtausend ange­strebten Ziele erreicht sind. Nachdem die Industriestaaten längst alles haben, müssten sich die Engpässe und Konflikte, von denen das menschliche Zusammenleben seit fünf bis sechs Jahrtausenden geprägt ist, eigentlich wieder auflösen. Von der Gesamttendenz her trifft das zu: Der Wohlstand in den Industrieländern führt zum entspannten Zusammenleben in Gleichberechtigung und Demokratie. Rigorose Hierarchien und unbarmherzige Ausgrenzung scheinen genauso von gestern zu sein wie sexuelle Einschränkungen. Der „Wertewandel“ markiert eine Sättigung, eine Rückkoppelung nach Jahrtausenden des „Ethos“ (Max Weber) namens „Verzicht-für-Wachstum“. Es ist ein „Vor-Schein“ (Ernst Bloch) des „Evangeliums“. Die Umkehrung des Wertewandels zum Gesetz im 4. Jahrtausend.

Umso mehr muss es verwundern, dass es heute in den reichen Industriestaaten immer noch enormen Wachstumsbedarf gibt. Er konzentriert sich freilich auf Automatisierung und Digitalisierung. Doch die Triebfeder für den Wettbewerb um die Automatisierung ist heute durch keinerlei „natürlichen“ Wachstumsbedarf mehr zu erklären. Er findet nur noch statt, weil er die einzig mögliche Antwort der Unternehmen auf die Tarifpolitik ist: Arbeitskräfte sind das Teuerste; also muss mit weniger Arbeitskräften die gleiche Menge produziert werden oder mit gleichbleibender Mitarbeiterzahl mehr.

Weil die Arbeitskosten steigen, tarifpolitisch in Beton gegossen, muss die Produktivität mindestens so schnell gesteigert werden wie bei der Konkurrenz. Die Gewerkschaften verlangen eine Beteiligung am „steigenden Produktivvermögen der Wirtschaft“. Doch dass diese durch Tariflohn erfolgt, treibt jenen Kreislauf nur neu an. Jede Tarifrunde erhöht ja wiederum Arbeitskosten und Automatisierungsdruck. Die Kapitalisierung des einzelnen Arbeitsplatzes nimmt zu, d.h. immer mehr an Leistung wird durch Maschinen (Kapital) erbracht und durch Energieverbrauch. Der Anteil der menschlichen Arbeit an der Wertschöpfung wird dagegen immer geringer; trotzdem muss dieser schrumpfende Faktor das gesamte Einkommen der Menschen einschließlich soziale Sicherungssysteme stemmen. Über die steigenden Kapitalkostenanteile in den Lebenshaltungskosten, v.a. in den Mieten, wird den „kleinen Leuten“ die Tarifsteigerung hinten wieder aus der Tasche gezogen. Freilich nicht wie früher für einen notwendigen Aufbau, nein, nur der selbstgemachte Automatisierungszwang erzeugt noch Kapitalnachfrage.

Hier haben wir den Punkt, an dem unsere intellektuelle Elite gründlich versagt hat! Sie ist dem Tarif-Theater auf den Leim gegangen. Oder ihr war – postmodern – alles „gleich gültig“. Sie hat jedenfalls dem broad man, der sich durch „die Mächtigen“ irgendwie betrogen fühlt, nicht zu formulieren geholfen, worin genau die Veräppelung besteht; sie hat ihn mit seiner ohnmächtigen Wut alleine gelassen. Deshalb folgt er jetzt Demagogen, Angstmachern und Ewiggestrigen, ob sie nun Trump, Farage oder Höcke heißen.

 

Ökologisch-soziale Marktwirtschaft statt (Kapitalstock-) Wachstumszwang!

Die von den Kirchen18 geforderte „ökologisch-soziale Marktwirtschaft“ wäre die Alternative. Volkswirtschaftlich ist sie als „Umfinanzierung der Arbeitskosten durch Ökosteuern“ definiert. Präziser müsste man eine Besteuerung von Kapital und Energie, also der beiden Faktoren fordern, die mit der Arbeit konkurrieren. Neben den bereits vorhandenen Ökosteuern bräuchte es eine „Maschinensteuer“ bzw. die Besteuerung des in einem Unternehmen eingesetzten Betriebsvermögens19. Sie wäre das Instrument, um die primäre Quelle aller Kapitaleinkünfte klar definiert und gerecht zu erfassen, was Diskussionen über andere vermögensbezogene Steuern überflüssig machen würde. Neben der bereits seit 1999/2000 in Deutschland installierten Miniatur-Ausgabe einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft, die durch Ökosteuern einen Teil der Sozialabgaben senkt (indirekte Form des Einkommens), wäre ein Weg zu suchen, das durch Kapital- und Ökosteuern Eingenommene den Menschen direkt zukommen zu lassen. Das in letzter Zeit diskutierte „bedingungslose Grundeinkommen“ wäre hierfür ein Instrument. Es müsste – wie die Öko- und Kapitalsteuern – nur klein anfangen, um die Wirtschaft nicht zu überfordern, und steigerbar sein, um mittels einer öffentlichen Diskussion einen selbstgesteuerten „ökologischen Umbau“ zu ermöglichen. Dieser wäre zugleich eine neue Form der Familienpolitik, Ausbildungsförderung, Unterstützung innovativer Selbständiger, aber auch Hilfe bei Arbeitslosigkeit, Berufsunfähigkeit, Rentenlücke usw.

Der Wettbewerb würde dann nicht mehr um Einsparung von Arbeitsplätzen, sondern um Einsparung von Ausrüstung und Ressourcenverbrauch geführt werden; die technische Entwicklung würde ebenfalls in diese Richtung statt zur Automatisierung vorangetrieben. Umweltfreundliche Techniken würden sich endlich „lohnen“.

Demgegenüber ist die heutige Tarifpolitik eine Entwertung früherer Investitionen: Wie ein Erdbeben oder Bombenteppich macht sie allein in Deutschland Anlagen im Wert von schätzungsweise mehreren 100 Milliarden Euro jährlich unrentabel. Statt von „Milliarden-“ oder „Billionen-“Investitionen für eine „klimagerechte“ Wirtschaft zu schwadronieren, sollte einfach nur vom bisherigen Tarif- und Zerstörungsritual abgelassen werden, das wie ein Magnet das Kapital in den längst industrialisierten Regionen festklammert. Dann wird der ökologische Umbau ein Spaziergang sein und endlich der Aufbau der „Einen Welt“ durch die freigesetzten Ressourcen „von alleine“ stattfinden. Geschieht das jetzt, sparen wir uns auch die Corona-Depression.

 

Vor uns: die gute neue Zeit

Noch befinden wir uns im „K’5“, und zwar an dessen Ende. Mit den Verlusten am „Neuen Markt“ 2001 hatte „unser“ Kondratieff seinen Höhepunkt überschritten. Jeder Abschwung zeitigt politische Krisen, Zusammenbrüche und (Bürger-)Kriegsgefahr. Obwohl Hösles Warnungen vor dem Verlust von Demokratie und Liberalismus bitter ernst zu nehmen sind, muss man darin keinen „Untergang des Abendlandes“ sehen; wir wissen ja: nach jeder Baisse kommt ein neuer Boom.

Der künftige „K’6“-Aufschwung wird sich nicht auf die Industriestaaten beschränken, sondern Kapital und Ressourcen freisetzen, um den bisherigen Armutsregionen dieser Erde endlich den Aufbau menschenwürdiger Lebensbedingungen zu ermöglichen. Viele liebgewonnene Mitarbeiter, die einst als „Flüchtlinge“ zu uns kamen, werden uns schnöde verlassen, weil ihre Heimatländer „Gründerjahre“ erleben werden. AfD, Pegida und „Reichsbürger“-Netzwerke werden angesichts massenhafter Flüchtlingsrückkehr in sich zusammenfallen.

In unseren westlichen Gesellschaften zeigt sich jetzt schon weit mehr als nur Rechtsruck und Spaltung. Mit Hölderlin: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Das Brexit-Votum provozierte eine neue Liebe zu Europa und die Pulse-of-Europe-Bewegung. Die Faktenleugnung Trumps wurde durch Extinction Rebels und Fridays for Future beantwortet – sodass auch die US-Presse, anders als zuvor, fast täglich über Klimawandel und Umweltzerstörung berichtet. Was derlei Selbstheilungskräfte dämpft, sind nicht Erdogan und Orban, sondern die „guten“ Demokratie- und Europa-affinen Politiker*innen mit ihrer Ignoranz. Sollten sie die Signale zum Paradigmenwechsel immer noch nicht realisieren, sei es ihnen gegönnt, mit dem alten System unterzugehen. „Es wackelt alles“20, und „wir“ müssten nur auf den tipping point drücken.

 

Anmerkungen

1 Globale Fliehkräfte. Eine geschichtsphilosophische Kartierung der Gegenwart. Mit einem Geleitwort von Horst Köhler (Verlag Karl Alber, Freiburg/München, 224 S., 25,– €). Hösle selbst nennt das Buch übrigens mehrfach „Essay“.

2 Auch der ehemalige BVG-Vorsitzende Voßkuhle gab bei einem Interview (Die ZEIT vom 14. Mai 2020, 6f) die Schuld am erstarkenden Populismus dem Versagen der „liberalen Eliten“, die sich nicht um die Alltagssorgen normaler Menschen gekümmert hätten.

3 Die langen Wellen der Konjunktur, Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 56, 1926, 573-609. Stalin ließ Kondratieff 1930 nach Sibirien deportieren und 1938 hinrichten. Neu ins Gespräch brachten diese Theorie: Leo A. Nefiodow: Der sechste Kondratieff. Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information, Sankt Augustin 1996, und Erik Händeler: Die Geschichte der Zukunft. Sozialverhalten heute und der Wohlstand von morgen in Kondratieffs Globalsicht, Moers 2003.

4 Erst durch eine späte Wiederentdeckung wurde die immense Bedeutung Kondratieffs erkannt: Joseph A. Schumpeter: Konjunkturzyklen, Göttingen 1961. Andrew Tylecote: The Long Wave in the World Economy, London/New York 1992, denen Nefiodow, Händeler und andere folgen.

5 Zu verweisen ist hier auf die Grenznutzentheorie Hermann Heinrich von Gossens (1810-1858). Wie Kondratieff wurde dessen 1854 erschienenes Werk Die Entwicklung der Gesetze des menschlichen Verkehrs und der daraus fließenden Regeln für menschliches Handeln erst durch eine Wiederentdeckung bekannt.

6 So hing etwa am Ende der 4. Kondratieff-Welle („K’4“) die Produktivitätssteigerung am Effizienzmangel in der Informationsverarbeitung fest; hinzu kam 1972 mit der Studie des Club of Rome das Bewusstsein der „Grenzen des Wachstums“, 1973 durch die Ölkrise bestätigt. Erst die Basisinnovation Computer eröffnete vollkommen neue Wachstumsmöglichkeiten, und schließlich verhalf die Aufhebung des Post-Monopols der Telekommunikationsbranche zum Durchbruch.

7 Ob sich auch vor dem 18. Jh. jene Regelmäßigkeit von 50-Jahres-Wellen zeigt, müsste eine genaue Verzahnung von Sozial- und Politikgeschichte freilich noch erweisen.

8 Ein Beispiel, wie die ursprünglich von Benediktinern erfundene Nutzung der Wasserkraft von einer Reichsstadt bzw. zahllosen freien vorindustriellen Unternehmen genutzt wurde, ist bis heute in der Innenstadt Augsburgs mit ihren vielen Kanälen sichtbar.

9 Säkularisiert: (vorbildliche) „Antike – Mittelalter – Neuzeit“, welche eine Re-Naissance der Antike darstellt. Gemäß dem hier Dargelegten ist dem grundsätzlich Recht zu geben – so man nur die Datierung korrigiert: Der „Sündenfall“ fand lange vor der klassischen Antike statt. Das „mittlere“ Zeitalter würde dann im Grunde immer noch anhalten und wäre erst künftig mit einer ökolo­gisch-sozialen Wende gänzlich beendet.

10 Der Theorie nach verwirft auch die Ostkirche den Chiliasmus, faktisch aber kommt sie ihm nahe durch ihren Glauben an eine allmähliche – evolutionäre – „Vergöttlichung“ (Platon Theait. 176 AB) der Welt, eine „Wieder-in-den-Anfang-Bringung“ (anakephalaiosis) und Wiederherstellung (apokatastasis) der gesamten Schöpfung als einen auch nach Jesus fortlaufenden Heilsprozess (Ökonomie).

11 Vgl. Ulrich Schneider-Wedding, Fälscher der Heiligen Schrift, DPBl 2019/10.

12 Die beiden genannten Bücher von Nefiodoff und Händeler (1996 bzw. 2003; vgl. o. Anm. 3) wurden durch die jetzt schon stattfindende Entwicklung bestätigt, indem etwa Sport, ReHa, Vorsorge, Wellness und Freizeitangebote immer mehr zusammenwachsen und indem genau in diesem Zusammenhang „Meditation“ oder die auf Zen-Buddhismus beruhende Methode MBSR (mindfulness-based stress reduction) ein immer selbstverständlicherer Bestandteil jener neuen „Gesundheitsindustrie“ geworden ist. „Adidas“ hat sich jenes Konjunktur- und Umbruchs-Wissen zueigen gemacht, wenn es mit dem Slogan creativity is the answer wirbt.

13 Dies wird selbst von Nefiodow, der den prinzipiellen Unterschied zwischen Mengen-/Energie- und Informationswachstum noch mehr als Händeler betont, m.E. nicht konsequent genug zugespitzt.

14 Griech. mythos bedeutet ja eigentlich nur „Erzählung“. Zugleich ist mit „mythisch“ eine frühere Denkform bzw. Kulturstufe gemeint, die am Ende des Neolithikums allmählich durch den „Logos“ bzw. rationales und abstraktes Denken überwunden wurde.

15 Nach gängiger Auffassung wurden die ersten größeren schriftlichen Quellen im AT um 1000 v. Chr. verfasst – nach der „klassischen“ Quellentheorie (Wellhausen usw.) sind das der „König-David-Bericht“ sowie der „Jahwist“, eine der drei fortlaufenden Quellen in den Mosebüchern. Letzterer griff dabei auf mündliche Überlieferungen zurück, deren Erinnerung bis ins Neolithikum zurückreicht, ja, wie die richtige Lokalisierung des Paradieses am Oberlauf von Euphrat und Tigris zeigt, sogar bis ins Meso­lithikum.

16 Seit kurzem, seit den Ausgrabungen des Frühgeschichts-Archäologen Klaus Schmidt am Göbekli Tepe und dessen Buch Sie bauten die ersten Tempel. Das rätselhafte Heiligtum der Steinzeitjäger. Die archäologische Entdeckung am Göbekli Tepe, München (Beck) 2006 ist dieser Konsens präzise geworden. Er beinhaltet auch die Einsicht, dass das Bierbrauen und -trinken in berauschenden Festen der eigentliche Anlass war, einen Tempel zu bauen, der zugleich eine Brauerei war, sesshaft zu werden, Getreide zu ernten, später auch anzubauen – und mithilfe der Bierhefe auch das Brotbacken zu erlernen. Vgl. Gschlößl, Roland: Feste der frühen Bauern: 160 ­Liter Bier und tönerne Trinkbecher, Bayerische ­Archäologie 2020 (Heft 2), 18-24.

17 Dieser natürliche Wandel, auf den sich manche „Klimawandel-Leugner“ berufen, hat nichts mit der durch menschliches Zutun x-fach beschleunigten Erderwärmung unserer Tage zu tun.

18 Im 1997 schlagzeilenträchtigen „gemeinsamen Sozialwort“ bzw. in der „Sozialinitiative“ von 2014. Fundorte: http://www.ekd.de/EKD-Texte/sozialwort/sozialinhalt.html; https://www.ekd.de/pm29_2014_oekumenische_sozialinitiative.htm.

19 Möglichst progressiv gestaffelt bzw. erst ab einer bestimmten Größe beginnend, um kleine Betriebe zu bevorzugen und die Kontrolle zu vereinfachen.

20 Ernst Troeltsch, der theologische Schüler Max Webers, 1896 auf einem christlichen Kongress.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. theol. Ulrich Schneider-Wedding, Studium der Evang. und Kath. Theologie in Erlangen, Zürich und Regensburg, Assistent in Kirchengeschichte in Erlangen, Promotion, Mitarbeit beim Regionalbischof Regensburg; Veröffentlichungen: Theologie als christliche Philosophie (über Clemens von Alexandrien), Berlin 1999 (AKG 73); Ökologisch-soziale Marktwirtschaft. So hebeln wir den Wachstumszwang aus, Marburg 2019.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2021

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